Dienstag, 29. September 2026

Gag-Rakete Kündigung

Donnerstag und Freitag habe ich meine Wunden geleckt, gestern war ich zum ersten Mal wieder "drin". Nach einer Stunde war klar: ich fange nicht an zu weinen, und zwar nicht dank bewundernswerter Selbstbeherrschung, sondern weil es nichts zu weinen gibt. Und es war auch klar: während einige meiner Kollegen und Kolleginnen, die ich sehr mag, zu mir kamen und mich umarmt haben, gab es auch viele, die mit meiner Anwesenheit extrem überfordert waren. Scheinbar hatte sich die Information verbreitet, ich und die anderen, die es mit mir erwischt hat, wären freigestellt. Das bin ich nicht. Freigestellt, für alle, denen dieser Ausdruck fremd ist, heißt: Du wirst gekündigt, und ab dem Zeitpunkt der Freistellung klappst du Deinen Rechner zu und gehst, bleibst dann eben zuhause und bekommst trotzdem dein Geld. Der Reiz einer Freistellung ist klar erkennbar, denke ich. Gleichzeitig weiß ich gar nicht, ob ich das so gerne hätte. Vielleicht würde ich einen Phantomjob entwickeln, und tatsächlich arbeite ich gerade auf einer Baustelle, die ich wirklich mag. Heute gehe ich wieder hin, mal sehen, was am Ende das Rennen macht: der Wert der Arbeit, die ich noch leisten kann, oder ein gemischtes Gefühl aus Fürsorge und Überforderung mir gegenüber. So oder so müsste ich noch mal mindestens drei, vier Tage damit zubringen, aus Tausenden von Präsentationen all die Arbeiten herauszusuchen, die ich im Laufe von acht Jahren ausgedacht habe und die ich vielleicht in meine Mappe tun möchte. Mit der ich dann loslaufe und mich bewerbe.

Während ich so dasaß und diese schräge Atmosphäre in mir aufsaugte, kamen mir einige Ideen. Mach was, einmal Werber, immer Werber! (Wobei, das wollen wir mal sehen...) Diese Atmosphäre ist ein Ball, den dir die Welt zuspielt, was machst du jetzt damit? Folgende Möglichkeiten sind mir eingefallen: Ich komme weiterhin jeden Tag und backe immer für alle. Berge von Kuchen und Keksen! Und zwar, "weil mir danach war".
Ich nehme mir einen sehr netten Kollegen zum Beispiel, der vor Jahren auf einer Agentur-Weihnachtsfeier das Pop-Up-Tattoo-Studio dazu nutzte, sich das Agenturlogo aufs Bein stechen zu lassen. Nur, dass ich mir ein Temptoo auf den Hals klebe.
Ich werde auf einmal sehr körpernah, wie es sonst gar nicht meine Art war: ich nehme die Hände von Kollegen in meine beiden Hände und sage einfach nur "Danke". Und dann nochmal "Danke". Ich fange Leute in Umarmungen ein, die nicht mehr aufhören.
Ich komme ab sofort in pinken Power Suits statt in Jeans, T-Shirts und Teddywesten, wie bisher. (Das würde erfordern, mir Power Suits zu kaufen, und ich wüsste noch nicht mal, wo ich dafür hin muss.)
Ich wandere den ganzen Tag auf und ab und telefoniere dabei laut auf Englisch oder Phantasie-Chinesisch.


Ein Teil von mir hat einen großen Spaß damit, sich diese unendlichen Möglichkeiten vorzustellen, ein anderer Teil wartet auf den Sack Zement, der mir mit Sicherheit früher oder später auf den Kopf fallen muss. Heute habe ich ein erstes Gespräch wegen eines nächsten Jobs, und es tut sich ein Konflikt auf: ich habe harte Angst, am Ende dieser herrlich langen sechs Monate Kündigungszeit ohne etwas Neues dazustehen und dann auch nichts zu finden. (Gestern habe ich von einer tollen Ex-Kollegin gehört, die auch nach anderthalb Jahren noch nichts Neues hat.) Ich will mich nicht unter Wert verkaufen, und ich will (darf) mich nicht verzocken, und ich will nicht die Chance verspielen, mit sechs freien Monaten und Abfindung etwas wirklich Neues und wirklich Erfüllendes zu schaffen, und ich weiß es doch auch nicht.

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