Mittwoch, 18. Juni 2014

Außerdem.

Als ich noch frisch und doof in Hamburg war, habe ich erstaunlich lange gebraucht, um den Gebrauch von "Außerdem" hier zu verstehen. Man steht im Laden, kauft irgendwas, und die Verkäuferin sagt "Außerdem." mit Punkt dahinter. Wochenlang dachte ich, die erzählt gerade ihrer Kollegin irgendwas, meine Bestellung hat sie dabei unterbrochen, und jetzt will sie noch etwas ergänzen. Erst nachdem mich viele Verkäuferinnen lange und eindringlich anstarrten, nachdem sie "Außerdem." gesagt hatten und nie eine Anstalten machte, nach dem "Außerdem." noch weiterzusprechen, dämmerte mir langsam, dass "Außerdem." in Hamburg heißt "Darf's sonst noch was sein?"

Heute fehlt mir wieder mal die Energie für einen Post, der sich entweder auf ein Thema konzentriert oder die Themen irgendwie sinnvoll verknüpft. Also wird es ein Außerdem-Post.

Außerdem. Mein Sohn bekommt tatsächlich Zähne. Das heißt, er bekommt sie nicht theoretisch und als Erklärung für nächtliches Gebrüll oder Verstimmung (wie seit Monaten, und dann passiert wieder doch nichts), sondern kleine, scharfe Kanten ragen aus seinem Zahnfleisch. Die unteren beiden Schneidezähne hat er jetzt seit bestimmt zwei Monaten, vielleicht sind es auch vier? Und dann kam einfach nichts mehr. Ich dachte schon, das bleibt so. Und das, wo er so scharf ist auf normales Menschenessen! Man kann in unserem Haus nichts mehr in den Mund stecken, ohne dass er aufgeregt fauchend angekrabbelt kommt und etwas abhaben will. Dabei geben wir uns große Mühe, ihn nicht durch unsere Vorurteile, was Babys mögen und was nicht, um die ganz großen Geschmackserlebnisse zu bringen. Er liebt z.B. alkoholfreies Bier, das während dieser Schwangerschaft bei uns in Strömen fließt. Er liebt außerdem Muscheln, Knoblauch, Chili, Schinken, stinkigen Käse und Kirschen. Vorgestern hat er hingerissen an einem Stück roher Zwiebel gelutscht. Da kommen die neuen Zähnchen gerade richtig. Ich gebe mir Mühe, ihn von Salz, Frittiertem und potentiell Salmonellenverseuchtem fernzuhalten, und Honig darf er auch nicht, aber ich lasse ihn ansonsten machen. Er macht das sehr gut, und im Zweifel ist die Menge ja immer nur winzig - sollte mir jetzt eine eifrige Blogdame erklären, dass Zwiebeln aber gar nicht gut für die Verdauung blablabla, dann kann sie sich das sparen, denn er nimmt davon ein vielleicht zwei Zentimeter langes Stückchen zu sich. Gäste müssen sich erst dran gewöhnen, dass sie auf dem Sofa sitzen und einen Teller auf dem Schoß haben und binnen Sekunden ein kleines rundes Gesicht mit großen blauen Augen über dem Tellerrand auftaucht und kurz danach eine dicke kleine Hand nach ihrem Essen greift.

Außerdem. Leider habe ich nur wenig Begabung für Naturwissenschaften, darum kann ich es nicht selbst machen. Aber kann bitte irgendwer eine Pille erfinden, die wie Sonnencreme wirkt? Ich meine nicht so etwas wie Beta-Carotin, sondern echten Sonnenschutz in LSF 20 bis 50. Jeden Morgen würde ich eine Kapsel schlucken und mir ansonsten keine Gedanken mehr machen. Natürlich wäre der Schutz wasserfest. Inzwischen sind die Sonnencremes zum Glück nicht mehr ganz so klebrig wie noch vor drei Jahren, aber trotzdem finde ich es im Sommer schrecklich, nach einer durchgeschwitzten Nacht endlich frisch geduscht zu sein und dann nach einer halben Minute Sauberkeit und Frische schon wieder diese Schlonze auf mich draufschmieren zu müssen. Ich wäre bereit, für so eine Pille fünf Euro pro Tagesdosis zu zahlen. Ach ja, und Schwangerschaftsverträglich sollte sie auch sein.

Außerdem. Diese Schwangerschaft ist gerade gruselig unspektakulär, alles ist wie unschwanger, nur mit Bauch. Ich habe im Moment weder Kreislauf-Haschmichs noch Launen oder extreme Müdigkeit (die über das hinausgeht, was man erwarten kann, wenn das Baby gerade Zähne kriegt und man sowieso eine Schlafstörung hat). Tritte oder dieses berühmte Flattern von Schmetterlingsflügeln sind auch noch nicht zu bemerken. Freitag ist endlich, endlich der nächste Arzttermin, und ich bin etwas bammelig. Was, wenn der ganze Spuk schon wieder vorbei ist? Zugenommen habe ich bisher knapp vier Kilo (auch wenn es im Spiegel nach wie vor aussieht wie acht), und nächste Woche beginnt der sechste Monat; das ist nicht die Welt, und glaubt mir, am Essen soll es nicht scheitern. Das einzige abgesehen vom Bauch, das mein Körper gerade anders macht als sonst, ist der Pony. Dieser Pony ist allerdings ein Knaller. Anfangs dachte ich, da wachsen Haare nach, die das Baby mir ausgerissen hat. Aber so viele Haare waren es nie, und das Ausreißen hat er längst wieder aufgegeben. Trotzdem sprießt mir am Haaransatz ein ungefähr einen Zentimeter breiter Streifen aus putzigen kleinen Löckchen. Meine Stirn ist jetzt halb so hoch wie vorher. Ich sehe aus wie ein Hobbit. Mit Haarklämmerchen wegstecken geht nicht, Stylingprodukte machen alles nur schlimmer. Das Schlimmste ist, dass man denken könnte, das wäre Absicht und ich würde versuchen, den Look dieser auf Porzellan gemalten Schäferinnen zu imitieren, aber leider erfolglos. Moderne Großstadtdame mit Job und Ideen geht anders.

Außerdem. Die Dame von Merck hat mir geschrieben, dass inzwischen mehrere Videos von unserem Chat-Abenteuer online sind, und mich gebeten, sie hier zu veröffentlichen. Das tue ich jetzt nicht so gerne, denn ich sehe mich selbst nur sehr ungern im Film. (Ich habe es schon als Kind kaum ertragen, meine Stimme auf Cassette zu hören. Also.) Wer es gerne sehen will, kann es googeln: Merck Serono Expertenchat Kinderwunsch, ich bin sicher, so kommt man mit zwei Klicks ans Ziel. Viel Spaß dabei!

Außerdem. Ich habe zwei neue Lieblingsprodukte. Der Eve Lom Reiniger bekommt eine 1. Natürlich ist es ein bisschen unfair, während einer Schwangerschaft ein neues Kosmetikprodukt zu adoptieren und dann darüber zu schreiben, denn am Ende ist die Wirkung der Hormone vermutlich viel schwerwiegender als die Wirkung irgendwelcher Cremes und Seifen, aber ich war lange nicht mehr so angetan von einer neuen Kosmetik. Jeden Abend streiche ich mir eine winzige Menge davon ins Gesicht, lasse heißes Wasser ins Waschbecken, mache das mitgelieferte Musselintuch nass und drücke es mir dreimal für ein paar Sekunden ins Gesicht, dann reibe ich das alles ab und lege das Tuch noch mal kalt auf die Haut. Anschließend Thermalspray und Creme, fertig. Morgens verwende ich gar kein Reinigungsprodukt mehr, sondern nur noch Wasser. Ich finde, meine Rötungen sind viel schwächer geworden, und meine Haut scheint auch sonst sehr einverstanden damit zu sein. Außerdem habe ich zum ersten Mal die Steamcream ausprobiert. Sie soll angeblich von einem Ableger von "Lush" produziert werden, auf die ich nicht besonders stehe, ich halte Kosmetikläden nicht aus, die so penetrant nach Kinderkaugummi riechen. Die Steamcream kommt in einer Dose aus Metall, die immer wieder anders bedruckt wird. Sie ist vegan (nicht, dass mir das jemals wichtig gewesen wäre...), kommt ohne Tierversuche aus (was mir allerdings schon wesentlich wichtiger ist), duftet nach Lavendel und ist irgendwie mit Hilfe von Dampf hergestellt, daher der Name, so dass sie ohne bestimmte Binde-Chemikalien auskommt, die scheinbar in anderen Cremes sind und ohne die alles noch viel toller ist. Wie auch immer. Darüberhinaus kostet sie (im Gegensatz zum Eve Lom Reiniger, der eine echte Investition ist) ungefähr die Hälfte meiner bisherigen Nachtcreme, die von Roche Posay war und damit auch schon kein Luxusprodukt. Man kann sie unter anderem bei amazon bestellen. Ich werde es auf jeden Fall wieder tun, ich mag den Geruch, und sie tut ihren Job wirklich sehr gut: ich hab das Gefühl, meine Haut kriegt alles, was sie braucht, speckt nicht, pickelt nicht und fühlt sich gut an. Nachdem die duften Schwangerschaftshaare aber weiter auf sich warten lassen, bin ich dankbar für jeden Tipp für eine wirklich gute Spülung für trockenes, lockiges Haar. Frizz-Ease, Pantene, Nivea und Balea habe ich durch, meine Haare auch.

Außerdem. L. startet ein neues Ernährungsexperiment, er hat sich ein Buch über vegane Ernährung gekauft, und ich versuche, nicht am Rad zu drehen. Die Anti-Kohlenhydrate-Zeit war eine harte Probe für mich, dass er kein Schweinefleisch mehr isst, habe ich inzwischen ziemlich gut in meine Kocherei eingebaut, und eigentlich lief es gerade gut zwischen L., meinem Herd und mir. Und jetzt das... ächz. Zum Glück habe ich von Anfang an klar gemacht, dass er selbst ran muss, wenn er vegan essen will. Das ist nicht meine Welt und wird es auch niemals sein. In meiner Welt ist Essen und Kochen eine niemals versiegende Quelle von Spaß, Vorfreude, Trost, Abenteuer und Entspannung, und ich werde den Teufel tun, mir irgend etwas davon selbst und ohne Not zu vermiesen. Ich werde berichten.

Außerdem. Freitag erfahre ich nicht nur, ob Würmchen II gesund ist, sondern hoffentlich auch endlich, ob es ein Junge oder Mädchen wird. Und diesmal ist die Ungeduld wirklich reine Neugier. Ich freue mich dämlich über zwei kleine Jungs mit ihren Jungsritualen und ihren Jungsbefindlichkeiten, aber genau so dämlich freue ich mich über einen Jungen und seine kleine Schwester. (Wenn es eins gibt, was ich fast noch niedlicher und rührender finde als kleine Jungs, dann sind es kleine Mädchen, die ein bisschen wie kleine Jungs sind. Die Sorte Mädchen mit Gummistiefeln, die gerne Frösche fangen und auf Bäume klettern.) Ich finde, langsam wird es Zeit, dass wir erfahren, was es wird. Mein Bauch kommt schon eine halbe Sekunde vor mir ins Zimmer, jetzt müsste man es doch langsam mal sehen?

Außerdem. Rund um den Expertenchat klang ein paar mal an, ich wäre ja jetzt ein gutes Beispiel dafür, dass es auch nach X Fehlversuchen noch klappen kann. "Dranbleiben lohnt sich, oder? Haha!" Ich weiß nicht. Manchmal lache ich dann mit und murmele irgend etwas Zustimmendes, aber eigentlich sehe ich das eher kritisch. Natürlich hat es bei uns geklappt, und zwar sogar mit Glück demnächst ein zweites Mal. Insofern: ja, für uns hat sich dranbleiben gelohnt. Daraus aber eine allgemeine Verhaltens-Supertipp-Regel zu machen - eher nicht. Es hätte auch nicht klappen können. Wir hatten Glück. Genau so gut hätten wir Pech haben können. Wir sind auch deshalb dran geblieben, weil für uns dranbleiben verhältnismäßig leicht war. Ich hatte immer wenig Nebenwirkungen, weniger jedenfalls als viele andere, und habe unter den Behandlungen auch deshalb weniger gelitten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die IVFs unsere Beziehung an ihre äußersten Grenzen führen. Und - ganz schnöde, aber darum nicht unwichtig - wir konnten es bezahlen, ohne uns komplett zu ruinieren.

Was mich zum letzten Außerdem für heute bringt: Außerdem. Beim Chat hatte ich zum ersten Mal ernsthaft Kontakt mit dem Themenfeld "finanzielle Unterstützung für IVF-Patienten, die über das hinausgeht, was die Krankenkassen zu bieten bereit sind." Auf das Thema war ich gespannt, ich dachte sogar schon - ist ja spannend und toll, am Ende werden Paare, die es sich wirklich nicht leisten können, staatlich so weit unterstützt, dass es dann eben doch geht? Denn es kann ja nicht sein, dass die Erfüllung des Kinderwunsches wirklich am Gehalt scheitert? Was ich erfahren habe, war dann relativ ernüchternd: so viel passiert da nicht. Einen kleinen Teil des Eigenanteils übernimmt der Staat unter Umständen, dann ist Schluss. Und ich frage mich: wieso gibt es dafür noch keine Stiftung? Eine Stiftung, die Geld sammelt, um wirklich armen, ungewollt kinderlosen Paaren unter die Arme zu greifen? Meinetwegen auch gebunden an eindeutige Diagnosen und individuelle Erfolgsprognosen und was weiß ich was, aber das wäre doch toll? Man könnte außerdem übrig gebliebene Medikamente sammeln und dort einsetzen, wo sie gebraucht werden, man könnte Ärzte einbinden, man könnte eine Menge tun gegen den Ruf von Reproduktionsmedizin, eine Krücke für alternde, reiche Karriereziegen zu sein, und man könnte vielleicht am Ende stolz darauf sein, jedes Jahr ein bisschen was dazu beigetragen zu haben, dass ein paar glückliche Eltern ihr Wunschkind in den Armen halten. Wenn das nichts ist? Oder gibt es das schon? Dann, wie einer meiner Chefs sagt, lege ich mich auch wieder hin.

Kommentare:

  1. Die Krankenkasse Knappschaft zahlt 100% bei künstlicher Befruchtung.

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  2. ...es sei denn, man ist auf Spendersamen angewiesen. Bei uns bezahlt die Krankenkasse keinen Cent. Wir sind nun bei fast 30.000€ in drei Jahren. Das ist kein Witz! Viele Grüße eveline

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  3. Lustig. Was ist das Problem mit der Ansage "Außerdem" beim Brötchenkauf?, dachte ich als alte Hamburgerin mir beim Lesen. War mir noch nie aufgefallen, dass das total seltsam ist. Dafür hatte ich massive Verständnisprobleme, als ich nach Köln zum studieren gezogen war. Der Typ, mit dem ich aus damals wie heute nicht nachvollziehbaren Gründen eine Affäre hatte, begann seine seltenen Telefonate immer mit "Wie isset?", was ich als "Was machen wir denn nun? Machst Du mit?" verstanden habe und für ihn sicherlich seltsame Antworten auf ein einfaches "Wie geht's?" gegeben habe. Kapiert habe ich das erst lange, nachdem wir aufgehört hatten, sporadische Telefonate zu führen.
    Fein, dass alles gut ist bei Dir. Alles Gute für die Feindiagnostik morgen. Ich weiß, ich weiß, zwei Jungs sind das Tollste der Welt, aber diesmal gibt's zwei kleine Schwestern für die großen Brüder. Eine für Dich und eine für mich.
    Die Tina (an 11+4 yippieh)

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  4. Liebe Flora,

    ja, wenn ich einmal irgendwie reich oder sowas wie "Königin von Deutschland" sein sollte - dann werde ich eine solche Stiftung gründen.

    Außerdem: Bis dahin ruinieren wir uns finanziell weiter (aber immerhin geht das bei uns, vielleicht können wir uns zwar kein Haus leisten aber wir können die Rechnngen bezahlen, andere können gar keine Versuche mehr machen) - die Wahrscheinlichkeit, dass wir zu den Paaren gehören, bei denen "dranbleiben" sich aber leider nicht rentiert ist nach 10 ICSIs leider schon hoch.

    Dir alles Gute für Freitag!!!
    V.

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  5. Puhh, bin in meinem ersten IVF-Zyklus und habe jetzt schon über 1500 € nur für die Medikamente ausgegeben... Ob die priv. KK meines Partners das wenigstens zum Teil übernimmt, ist noch fraglich!

    Wie sieht es eigentlich mal wieder mit einem Stammtisch aus? Da ich jetzt auch mittendrin bin in dem Abkürzungszirkus, habe ich soooo viele Fragen an die erfahrenen Abkürzugsdamen.

    LG Tina

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  6. Kann es nicht mal einen Stammtisch im Raum Aachen/Köln/Mönchengladbach geben?? das wäre schön...

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  7. Stammtisch in Bayern wär auch mal schön...
    LG Petra

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  8. Ich liebe Mädchen die auf Bäume klettern :)

    Das mit der Stiftung das gibt es wohl aber als ich damals dort angefragt habe war das alles ein bischen Schmu und ich finde nichtmal mehr die Homepage. Tja und wie schon jemand gesagt wenn der Mann "schuld" ist und trotz Tese und Monate langem hoch hack nur Spendersamen in Frage kommt zahlt keiner. Hätten wir Fanilie und Freunde nicht die immer wieder Geld zu steckten hätten wir die Kleine auch nicht und ich würde natürlich statt der 20.000€ was alles am Schluss gekostet hat auch 20.000000 hinlegen könnte ich es. Wie wünschen uns sehr ein Geschwisterchen aber dafür wird momentan das Geld nicht reichen :(

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  9. Die Haarsache ist höchstwahrscheinlich ein Mix aus den nachwachsenden Haaren, die Dir so ungefähr mit Ndogos 2. Monat ausgefallen sind, und "nicht ausfallenden Haaren" durch die Schwangerschaft. Also in 6 Monaten ist der Spuk erst mal vorbei, um dann in einem Jahr oder so wiederzukommen ;) Mein Tip bis dahin: Haarreifen. Sieht etwas weniger komisch aus als eine Haar-Korona, wenn man aus dem Wasser kommt und sich nicht gleich fönen kann.
    LG!

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