Mittwoch, 31. Dezember 2014

Posts statt Böller

Ich will jede Woche ein Kapitel von meinem Buch schaffen.

Ich will nicht die Nerven verlieren. Und wenn ich die Nerven verliere, dann will ich wenigstens nicht herumbrüllen, sondern innerlich bis zehn zählen. Sollte das nicht helfen, wäre ich auch bereit, innerlich bis dreitausendfünfundzwanzig zu zählen.

Ich will (sobald das neue iphone aktiviert ist) kontrolliert durch die App täglich zehntausend Schritte gehen.

Ich will hundert mal nach Rezept kochen. Es muss nicht immer ein neues Rezept sein, aber ein Rezept.

Ich will immer daran denken: seit der Geburt von Michel vergeht kein Tag, der uns nicht dem Zeitpunkt näher bringt, ab dem es leichter wird. Der Zeitpunkt, wenn ich mit beiden Kindern reden kann, wenn sie mich verstehen und ich sie.

Ich will für beide Kinder in jedem Lebensmonat einen Brief schreiben. Ob ich das online tue oder ganz allein für mich und sie, muss ich erst noch sehen.

Ich will einen Weg finden, mit dem ganzen aufgestauten Ärger der letzten Monate umzugehen, und nein, lächeln, Magenkrämpfe bekommen und weitermachen ist nicht der Weg, den ich meine.

Ich will herausfinden, was ich mit meiner freien Zeit wirklich anfangen will.

Ich will eine neue Bewerbung für die Drehbuchwerkstatt schreiben, für 2016/2017. Im Januar 2016 muss sie fertig sein. Bis August hätte ich gerne zwei wirklich, wirklich gute Ideen für Drehbücher. So gut, dass ich es kaum abwarten kann, bis ich mich an meinen Rechner setzen und daran weiter feilen kann.

Ich will im Laufe des nächsten Jahres so weit mit der Rückbildung sein, dass ich wieder laufen gehen kann. Und wenn ich ganz von vorne anfange: mit einer Viertelstunde im Park, von der ich insgesamt nur vier Minuten wirklich laufe. Vermutlich unter dankbaren Tränen.

Ich will mich vor dem Lippenstiftregal im Laden nachdrücklich daran erinnern, dass ich Lippenstifte in folgenden Farbtönen besitze: Koralle. Pink. Hellpink. Neonpink. Dunkelpink. Hellrosenholz. Knallrot. Knallrot-Matt. Kirschrot. Kirschrot-Matt. Hollywoodrot-Matt. 40er-Jahre-rot Matt. Rotweinrot. Die meisten davon werden irgendwann die Entrümpler aus meiner Wohnung tragen.

Ich will die Bücher lesen, die schon auf meinem Kindle sind, bevor ich neue kaufe.

Na gut. Einigen wir uns darauf, dass ich für jedes neu gekaufte Buch ein altes lese, ok?

Wo ich schon dabei bin: ich will keine Kochbücher für den Kindle mehr kaufen. Das macht keinen Spaß.

Ich will jeden Monat ein Date mit meinem Mann. Und ein Date mit mir ganz allein.

Ich will für heute den Rechner zuklappen und morgen weitermachen. (Meiner Erfahrung nach sprudeln die guten Vorsätze am Morgen des ersten Januar noch deutlich besser.)

Ich wünsche euch allen einen fabelhaften Silvesterabend nach eurer Façon! Meiner schließt dieses Jahr eine Flasche rosa Brause im Schlafanzug und mit Handtuch auf dem Kopf ein, die ich mir mit meinem Mann teile. Dazu ein paar Kerzen, hoffentlich schlafende Babys und null Böller. Nicht einmal ein Wunderkerzchen. Prost, liebe Damen! (Bevor eine mahnt und schimpft: nein, gestillt wird erst morgen wieder.)

Sonntag, 28. Dezember 2014

p.s.

Wir stellen uns vor, eine Frau hat zwei kleine Kinder, eins davon sogar noch klitzeklein. Jetzt geschieht das Wunder, dass das eine Kind durchfallfrei in der Kita ist, das andere schläft. Und zwar weiß sie es noch nicht, aber es wird zwei Stunden lang schlafen, ohne einen Piep. Was macht sie jetzt? Vielleicht sagt sie: Hurra, endlich rufe ich meine Freundin Irmi an, das will ich schon seit Wochen. Oder sie springt wie der Blitz in ihren Schlafanzug und schläft zwei Stunden, bitter nötig wäre es. Oder sie kocht sich ihr Lieblingsessen (in der Hoffnung, dass das Baby nicht in dem Moment losbrüllt, wenn es auf dem Teller liegt). Oder sie starrt ein riesiges Loch in die Luft. Was auch immer sie tut, sie hat natürlich zu wenig Zeit dafür, aber immerhin: die Zeit, die sie hatte, war ihre, und sie hat endlich etwas tun können, was sie schon lange wollte.

Mir passiert das manchmal, dass die Kinder mich kurz nicht brauchen, und ich habe dann oft keine Ahnung, was ich machen will. Ich fange also erst mal an, die Dinge zu machen, die ich machen muss. Wäsche waschen, Abwasch, die Treppe wischen, sowas. Und auf einmal ist das Baby wieder wach, und ich gucke auf die Uhr und denke: das waren jetzt zwei Stunden. Vielleicht komme ich auch mit der Pflicht ruckzuck durch und bin trotzdem überfordert von der Kür. Vielleicht mache ich erst mal panisch zehn Sachen gleichzeitig am Rechner, lese ein paar Blogs, keinen davon richtig, rase durch ein paar Nachrichtenseiten und Onlineshops, ohne irgend etwas von dem zu kapieren, was vor meinen Augen vorbeiscrollt, und dann ist die Zeit vorbei.

So geht es mir gerade mit vielen Dingen. Ich habe sogar das Gefühl, so geht es mir fast immer. Mein Leben hat mich in Geiselhaft genommen, ich entscheide hier gar nichts mehr. Das ist in Wahrheit bestimmt nicht so, fühlt sich aber so an. Und darum mein Wunsch nach Kontrollgewinn. Es geht nicht darum, dass meine T-Shirts auf Kante im Schrank liegen sollen oder im Gäste-WC wie im Hotel zusammengerollte Handtücher liegen. Es geht auch nicht darum, dass ich jeden Abend ein selbstgekochtes Essen für Mann und größeres Kind auf den Tisch bringe und dabei möglichst auch noch die Frisur sitzt, es sei denn, ich will genau das. Ich will nicht zwanghaft Doris Day sein. Es geht darum, dass ich wieder mehr am Ruder bin, und vor allem geht es darum, zu erkennen, was ich will, und es dann zu tun oder mich ihm wenigstens anzunähern. An einem der Weihnachtsabende sagte meine kluge kleine Schwester, sie hätte eigentlich nie Angst, etwas zu verpassen. Das hätte ich auch gerne, vor lauter Angst, an anderer Stelle zu kurz zu kommen, flutscht mir gerade alles durch die Finger. Im Moment weiß ich manchmal nicht: hab ich Hunger? Wenn ja, worauf? Will ich schlafen? Muss ich hier mal raus oder mich im Gegenteil mal zwei-drei Tage einigeln und keine SMS mehr beantworten? Will ich arbeiten oder auf dem Fußboden bei meinen Kindern leben? Therapeuten nennen das Achtsamkeit, und sie fehlt mir, und wenn ich sie Kontrollgewinn nenne, dann ist das vielleicht missverständlich, aber für mich trifft es das besser. Dann habe ich auch nicht mehr so sehr das Gefühl, mein Leben schwemmt mich mit wie ein Stück Treibholz oder eine ertrunkene Kuh. Im Moment überfordert mich die Bestellung einer Pizza vor lauter Sollte-ich-nicht-eher und Was-wenn-ich-es-mir-gleich-anders-überlege. Ich will wieder der Boss meiner eigenen Pizzabestellung sein. Versteht ihr das? Auch wenn ihr nicht solche Fusselhirne seid wie ich?

Schopenhauer hat gesagt, der Mensch kann wohl tun, was er will, aber nicht wollen, was er will. Ich mag Schopenhauer nicht besonders, und ich würde mir gerne im nächsten Jahr beweisen, dass er Unrecht hatte.

Vorsätze, Teil 1

Liebe Familie, falls einer von euch diesen Eintrag lesen sollte, dann möchte ich noch mal versichern: ich habe mich sehr, sehr, sehr auf euren Weihnachtsbesuch gefreut, war glücklich, dass ihr da wart, und das nicht nur, weil ihr so hervorragende Babysitter abgebt, und finde, ohne euch ist das ganz schön leer hier.

Dieser Hinweis war leider nötig, denn man hätte auf die Idee kommen können, es wäre anders. Am 22., 23. und 25. bin ich glaube ich vor elf ins Bett verschwunden, mitten im Satz. Am 24. hatte ich gewaltig einen im Tee (keine Angst, Babypolizei, gestillt wurde erst spät am nächsten Vormittag wieder) und bin ebenfalls vor allen anderen verschwunden, um Schlimmeres zu verhindern. Zwischendurch war immer gerade da etwas zu tun, wo gerade sonst niemand war - in der Küche, im Keller, in meinem Zimmer. In einem Haus mit zwei Babys ist ständig irgendwelcher Babykram zu tun, Wäsche anzuwerfen oder aus dem Trockner zu holen, Windeln zu wechseln, zu Stillen oder Fläschchen zu sterilisieren, hinsetzen und in Ruhe ein Pläuschchen halten ist also trotz Babysittern nicht leicht. Und wenn ich an die Pläuschchen denke, die ich gehalten habe - nee, nee, nee.

Die Wahrheit ist, ich verblöde. Wieder mal, wie damals nach Kalles Geburt. Vielleicht liegt es nur am Schlafentzug, vielleicht auch am Wegfall des Arbeitslebens (auch wenn ein Job in der Werbebranche zur Hirnveredelung kaum taugt). Vielleicht sind es die Hormone, vielleicht ist es der Stillnebel. Ich gebe wirklich kaum noch einen vernünftigen Satz von mir. Hat der Satz Subjekt, Prädikat und Objekt, kann ich mir schon auf die Schulter klopfen. Noch schlimmer wird es vermutlich, wenn ich abgestillt habe und abends wieder häufiger Wein trinke. Und das Schlimme ist, das ist nur eine Sache mehr, bei der mir die Kontrolle entgleitet. Ich wollte die Hütte hübsch dekorieren. Ich wollte jede Minute der Feiertage genießen. Ich wollte vor allem meinen Kindern zeigen, wie schön das ist, Weihnachten mit der Familie zu feiern. Ich wollte mich abends nett mit meinen Geschwistern und Eltern unterhalten. Ich wollte eine ganze Menge, und obwohl es schön war, habe ich nicht das Gefühl, dass ich besonders viel davon geschafft habe. Und auch das scheint einfach so passiert zu sein, ohne dass ich mit meinem bisschen Energie und meinem Müdigkeits-vernebelten Hirn besonders viel hätte gegensteuern können.

Mein einer, großer Vorsatz für nächstes Jahr ist also: Kontrollgewinn. Das klingt vielleicht nicht nach Spaß - kann trotzdem lustig werden. Ich möchte 2015 weniger von diesem "Oh Gott, schon wieder 22 Uhr und nichts von all dem geschafft, was ich heute gerne getan hätte"-Gefühl, dieser dumpfen Panik, im eigenen Leben mitzufahren wie in einer von besoffenen Schaustellern zusammengeschraubten Achterbahn. Ich will dann ins Bett gehen, wenn ich will, und nicht dann, wenn ich meine Augen nicht mehr aufhalten kann. Ich will nicht ab 9 Uhr morgens schon wieder darauf hinfiebern, wenn endlich 19 Uhr ist und Kalle ins Bett kommt, um ihm dann eine knappe Stunde später nachzufolgen. Ich will öfter mal zum Sport, ob mit oder ohne Kindern. Ich will mit Kalle zum Eltern-Kind-Turnen. Ich will vorbereitet sein auf Geburtstage und Feiertage. Ich will meine Kleider wenn nötig gebügelt tragen und mir morgens einen einigermaßen kontrollierten Lidstrich ziehen. Ich will regelmäßige Zeiten für mich haben, in denen ich schreiben kann, und damit meine ich nicht nur den Blog. Ich will endlich eine Online-Mappe, die man sich gerne anguckt und in der auch tatsächlich meine Arbeiten zu sehen sind. Ich will einmal im Jahr zum Zahnarzt und zum Hautarzt. Wenn ich mir überlege, mit den Kindern auf den Spielplatz zu gehen, dann will ich nicht als Erstes denken "Oje oje, der ganze Krempel, das schaffen wir nie", sondern einfach den ganzen Krempel zusammenpacken und losschieben. Ich will, dass der Hund mir gehorcht. Ich will nicht sieben Sorten Shampoo im Anbruch haben, sondern eine. Ich will nur noch Kleider, die ich gerne genug trage, um mir die Mühe zu machen, sie zu bügeln. Ihr findet, das hat mit Kontrolle nichts zu tun? Ich rede auch von Kaufimpulskontrolle: souverän in einen Laden gehen und ihn noch souveräner zehn Minuten später unerledigter Dinge wieder verlassen, wenn mich nichts darin wirklich überzeugt.

Liebe Abkürzungsdamen, dieser Post endet hier, weil mein einjähriger Sohn seit zehn Minuten versucht, an mir hochzuklettern, und ich ihn nicht unter Kontrolle bekomme. Aber zehn Minuten lang habe ich standgehalten! 2015 werden fünfzehn daraus, ganz bestimmt! Ich hab ein gutes Gefühl.

Freitag, 26. Dezember 2014

Happy End für einen Sessel

Heute vormittag so gegen elf saß ich im blauen Sessel, meinem neuen Lieblingsplatz: seitdem wir umgeräumt haben, steht der Sessel in einer Zimmerecke, flankiert von einer Kommode, auf der man 1a seinen Tee oder andere Getränke abstellen kann, und meinem neuen Bücherregal. Wenn ich darin sitze, dann sind auf Augenhöhe meine Lieblingskochbücher direkt neben mir. Wie alle altmodisch geschnittenen Ohrensessel ist er nicht nur perfekt zum Lesen und Tee trinken, sondern auch perfekt zum Stillen. Ab und zu, wenn draußen der Wind ums Haus heult und es richtig übel pladdert, denke ich daran, wie wir an den Sessel gekommen sind: L. hatte sich für ein paar Gelegenheiten bei einer Firma verdingt, die Wohnungen ausräumt, und der Sessel stammte aus der Wohnung eines Psychologen, der sich eigentlich als Schriftsteller sah und sich am Ende umgebracht hatte. Er hatte keine Erben, niemand wollte seinen Kram: Opernplatten, mehrere Stapel seiner schrecklichen, schwülstig-ferkeligen Bücher und diesen blauen Chesterfield-Sessel.
Und heute so um elf saß ich mit Michel in diesem Sessel, als er mich zum ersten Mal angelächelt hat. Viel festlicher kann man sich nicht fühlen.

Liebe Damen, ich weiß, Weihnachten ist eigentlich schon vorbei, nebenan läuft der Tatort (das Mittel der Wahl, wenn das Fernsehen uns langsam zurück in den Alltag holen will), und irgendwann in der nächsten Stunde puste ich die dritte fast runtergebrannte Adventskranzkerze aus; morgen früh kommt das vertrocknete Ding in den Holzkeller und wird bei nächster Gelegenheit verheizt. Viel Weihnachten ist also nicht mehr übrig, aber ich wünsche trotzdem euch allen - denen mit Kindern, denen ohne Kinder, denen mit demnächst Kindern und denen, die sich gerade entschlossen haben, es jetzt eben ohne Kinder auch schön zu finden, denen in einer Behandlung und denen, die sich dazu nicht durchringen können oder wollen, denen mit elektrischen und denen mit echten Kerzen - fasel fasel fasel, ALLEN jedenfalls, man könnte sagen, allen unabhängig von irgendwelchen gewünschten oder tatsächlichen Kindern, dass ihr schöne Weihnachten hattet und dass euer dickster Weihnachtswunsch in Erfüllung geht - wenn nicht dieses Jahr, dann nächstes, möglichst sogar, bevor der letzte Weihnachtskeks aufgegessen ist.

Vorsätze. Mir ist so nach Vorsätzen. Aber das mache ich glaube ich später.

Montag, 22. Dezember 2014

Zweimal liegen wir noch wach

Weihnachten ist dieses Jahr ein bisschen wie eine Geburt: prinzipiell sehr, sehr gerne, nur nicht gerade heute. In einer Woche, ok? In einer Woche bin ich bestimmt besser vorbereitet, habe zur Abwechslung ein bisschen geschlafen, weil bis dahin alle nächtlichen Babyprobleme sich in Luft aufgelöst haben; dann ist auch die Bude so weit, alle Vorbereitungen abgeschlossen, der Wickeltisch eingerichtet, die Müesliriegel für die Klinik aufgefüllt, die L. schon wieder aufgegessen hat, die Gästebetten bezogen, Lebkuchen und Lachs und genug Brot für sieben hungrige Erwachsene und drei Tage da. Bestimmt!

Mutti kommt nicht in Stimmung dieses Jahr. Und dabei sind die Bedingungen perfekt. Meine Familie kommt, alle wollen helfen und sagen mir ständig, ich sollte dies nicht machen und das nicht, wenn es mir zu viel wird. Ich bin viel weiter mit den Vorbereitungen als in den letzten Jahren, wieso sich das nicht so anfühlt, weiß ich auch nicht. Jeder kleinste Ärger, der sich am Horizont zeigt, wird von meinem Fusselhirn sofort zur Riesenweihnachtssupergaubedrohung aufgeplustert. L. hat ein Kratzen im Hals? DER DARF JETZT NICHT KRANK WERDEN ALLEINE SCHAFF ICH DAS NICHT! Ich finde die Kerzenständer nicht auf den ersten Blick? DIE SIND WEG OH GOTT WO SIND DIE WEHE L. HAT DIE WEGGEWORFEN! Es sind ein paar Kekse weniger in der Büchse, seit ich das letzte Mal nachgesehen habe? ICH BACK JETZT NICHT ZUM VIERTEN MAL ICH WERDE HIER NOCH ZUM HIRSCH! Und immer so weiter. Viel grinchiger kann man nicht werden als jemand, der Weihnachten eigentlich sehr mag. Gestern war ich schon so weit, dass ich laut Pläne geschmiedet habe für eine Weihnachtsflucht im nächsten Jahr: einmal im Leben, murmelte ich, will ich das auch. Weihnachten ohne Weihnachten. Irgendwo im Warmen, mit einem Getränk ohne Zimt und Rotwein in der Hand, die Zehen im Sand, kein Baum und kein Weihnachtslied und nichts weit und breit. Wieso habe ich jetzt plötzlich diesen Traum? Jetzt, wo ich zwei kleine Kinder habe, deren nächste 18 Weihnachtsfeste mein Job sein werden? Und zwar nicht mit Cocktails am Strand, sondern mit Zimt und Baum und Nervenzusammenbruch und allem?

Ich sollte zur Weihnachtszeit die Finger von Wohnblogs lassen, das ist vermutlich der Grund. Wenn ich sehe, was andere schon Mitte November in ihren kleinen Muckelbuden bewerkstelligen, so romantisch und unkitschig und skandinavisch angehaucht und vollkommen staubfrei, wird mir ganz elend. Die haben auch alle irgend etwas selbstgemachtes, das jetzt in niedlichen kleinen Schachteln oder selbstbedruckten Tüten an die Nachbarn verteilt wird. Ich habe noch nicht mal Karten verschickt bisher, Pixum kommt nicht rum mit meinen bestellten Babyfotokarten, heute muss ich noch zu Budni und dort welche ausdrucken, schnell schnell ein paar akzeptable Karten finden und die losschicken, sonst sitzt Oma Heiligabend ohne da. Ansonsten besteht dieses Jahr die Weihnachtsdeko bisher aus einem Adventskranz. Und dann noch einem inzwischen ziemlich gerupft aussehenden Kranz aus roten Beeren an der Haustür. Das. Wars. Mehr ist hier nicht. Keine beleuchteten Sterne im Fenster, keine Engelchen, kein Goldpapier, die Lichterkette habe ich auch noch nicht ums Balkongeländer gewickelt. Die Weihnachtspyramide, eins der drei Erbstücke von meiner Oma, hat der Hund aus dem Regal geworfen, und nachdem ich eine Weile vergeblich versucht habe, die 72 Bruchstücke wieder zusammenzukitten, habe ich es aufgegeben und sie weggeworfen. Die war echt! Aus dem Erzgebirge! Jetzt liegt sie irgendwo auf einer Müllhalde, zusammen mit Windeln, Bananenschalen und abgenagten Hühnerknochen. Ein deprimierendes Bild, das ich leider nicht aus dem Kopf kriege und das gerade jede Entstehung von Ferrero-Weihnachtsspot-Glanz verhindert. Alles, was ich habe, sind Plätzchen (nicht mehr besonders viele, ABER ICH BACKE HIER NICHT ZUM VIERTEN MAL pssst, schon gut, schon gut! Aaalter.), einen Rotweinkuchen backe ich heute oder morgen noch, und die Familie. Das muss als Deko reichen.

Wieso kann ich das nicht? Rechtzeitig anfangen und dann meinen Frieden haben? Wo sind die letzten Wochen geblieben?
Weihnachten 2014, bisher bin ich kein Fan von Dir. Und das ich daran vermutlich selbst Schuld bin, macht es auch nicht besser.

Donnerstag, 18. Dezember 2014

Sag Käse, bitte.

Ich heiße Flora, und ich bin harmoniesüchtig.
Gut, das ist jetzt nichts Neues, aber gerade stellt es mich vor ein neues Problem: mein Baby lächelt nicht. Das Harmonischste, was es mir bieten kann, ist brüllfreie Zeit. Nicht angebrüllt zu werden, reicht uns Harmoniesüchtigen aber meistens nicht, ich bin da keine Ausnahme. Gerade drehen sich die Rädchen also fast pausenlos: "Was hat er nur? Hat er was? Irgend etwas mache ich falsch, was mache ich falsch? Oje oje, das geht gerade sowas von schief hier! Entschuldigung, Entschuldigung, Entschuldigung für all das, was ich falsch mache! Kannst Du bitte jetzt nicht mehr böse sein? Wollen wir uns vertragen, ja? Bitte?" Natürlich weiß ich, dass das Blödsinn ist, mein Baby ist mir nicht böse, zum Lächeln ist er noch zu klein, alles wird gut usw., aber der Haken ist, es fühlt sich nicht so an. Nicht, wenn ich den ganzen Tag um einen kleinen griesgrämigen Kerl herumtüdele, der einfach weiter schmollt, ob er das jetzt so meint oder nicht.

Aber wofür hab ich den Blog? Zwar bin ich gerade so müde, dass ich mir genau gar nichts merken kann, aber der Blog erinnert sich für mich. Zum Beispiel daran, dass Kalle mit zwei Monaten gelächelt hat. Nicht ständig, aber wenigstens ab und zu. Ab und zu würde mir schon reichen! Noch zwei Wochen also, dann hat Mamas Seele Ruhe. Ich weiß noch, was für ein heißersehnter Meilenstein das bei Kalle war - für mich bahnbrechender als Kopf heben, drehen und robben.

Bis dahin habe ich mich daran erinnert, dass Hebammen ja ab und zu ganz vernünftige Dinge sagen. Und nach den letzten zerknatschten Tagen habe ich Michel heute Nacht eine Extraportion Hautkontakt spendiert: Ich dachte, wenn ich sowieso nicht schlafen kann, weil er knatscht, dann kann ich auch wach neben ihm liegen, wenn er nicht knatscht. Habe uns ausgepackt, ihn zu mir unter die Decke geholt und - tadaaa: ein selig schlummerndes Baby, wenn auch mit weiterhin grantigem Gesichtsausdruck. Vier Stunden haben wir heute Nacht so zugebracht. Zwischendurch bin ich mal kurz übergenickt, aber er lag weiter sicher bei mir im Arm. Jetzt schläft er immer noch, brüllen und knatschen kostet Kraft, und die letzten Tage waren ein Quengelmarathon.

Was gibt es sonst noch zu erzählen?
In meiner alten Agentur geht es rund. Was das für mich heißt - noch keine Ahnung, aber ich werde es in den nächsten Tagen und Wochen hoffentlich erfahren.
Kalle läuft jetzt nicht mehr mit ausgebreiteten Armen, sondern die Hände an der Hosennaht. Allerdings mit einem sehr niedlichen Augsburger-Puppenkisten-Gang, als wären unsichtbare Schnüre an seinen Knien befestigt. Manchmal schlendert er auch einfach so durchs Zimmer, ohne am anderen Ende irgend etwas zu wollen, einfach nur so, nur weil er's kann. Ich würde ihm zu gerne ein kleines Baguette dazu unter den Arm klemmen oder eine kleine zusammengefaltete Zeitung, dem Flaneur.
Angesichts von zwei Babys und einem Hund im Haushalt haben wir uns jetzt leichten Herzens für folgende Silvesterplanung entschieden: wir schleifen eine große Matratze ins Wohnzimmer vor die Glotze, bauen uns dort ein großes Familienbettenlager, bestellen uns ein schickes Essen beim nächsten Fischrestaurant und verbringen den Abend im Schlafanzug mit einem Feuerchen im Ofen. Klingt nicht schlecht, finde ich. (Vorausgesetzt, L. hat bis dahin nicht mehr diesen wirklich widerlichen Husten, der mich schreiend aus dem Zimmer treibt.)
Und L. wird sich leider durchsetzen: dieses Jahr gibt es bei uns keine echten Kerzen am Baum. Ich find's traurig. Ich finde außerdem, dass Kinder ohne Kerzen kaum lernen können, mit Kerzen umzugehen. Und dass dieses Jahr mit meiner kompletten Familie genug Erwachsene da sind, um die Kinder vom Baum fernzuhalten (vor allem beim Michel wird das wohl kein Problem sein). Ein Baum mit brennenden Kerzen wird bei uns sowieso keine Sekunde aus den Augen gelassen, freiwillig: ich könnte stundenlang hingerissen da hinstarren. (Das ist wirklich, wirklich ein Reizthema. Merkt man kaum, oder? Hier sitzt eine, der Weihnachten sehr, sehr wichtig ist. Und zwar Weihnachten genau so, wie ich mir das vorstelle.)

Samstag, 13. Dezember 2014

Wer hat sich das mit den zwei Armen eigentlich ausgedacht?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne ein Krake.

Heute zum Beispiel. Oder gestern. Vorgestern auch. Und morgen vermutlich. Eigentlich gerade jeden Tag.

Zwischen meinen Kindern gibt es gerade keine Schnittmenge. Die Dinge, die sie wollen und brauchen, schließen sich gegenseitig aus. Habe ich Michel auf dem Arm und stille ihn, taucht binnen Sekunden Kalle an der Sessellehne auf und will jetzt sofort eine Nane (sein Wort für Bananen, aber auch für jedes andere Obst, das ihm schmeckt). Habe ich es geschafft, mit Kind in Position aufzustehen, zum Obstteller zu gehen, eine Banane einhändig zu öffnen und ihm ein Stück davon in die Hand zu drücken, ist er trotzdem nach fünf Sekunden wieder da, die Banane an einem Stück im Mund: "Isch. Isch isch isch isch ischischischischisch." Isch ist ein Fläschchen, eins mit Traubensaftschorle. Das kriege ich mit einer Hand definitiv nicht hin. Und zwar hat Michel einen kräftigen Sog, aber loslassen kann ich ihn trotzdem nicht mit gutem Gewissen. Also sage ich "Nein." oder "Später." Oder "Gleich."
Eine halbe Minute später muss ich das Baby trotzdem in seine Wiege legen, denn jetzt ist Kalle über einen Stuhl auf den Esstisch gestiegen und nimmt sich den Adventskranz vor. Am Adventskranz befestigt sind vier dicke rote Kerzen, jede mit Hilfe eines großen Eisennagels, den ich heißgemacht und umgedreht in das Wachs eingeschmolzen habe. Aus dem Kerzenende gucken fünf Zentimeter Nagel. Damit soll Kalle lieber nicht spielen.
Das alles wäre halb so wild, ich kann Kalle schließlich auch mal für ein paar Minuten stillen in seinen komfortablen und sicheren Laufstall tun. Problem ist nur, dass Michel schwer erkältet ist und gerade so ziemlich den ganzen Tag lang trinken und im Arm gehalten werden will. Kaum berührt sein Köpfchen die Matratze des Stubenwagens, brüllt er die Hütte zusammen. So dass es jetzt eben leider so ist: mache ich Michel glücklich, mache ich Kalle unglücklich. Mache ich Kalle glücklich, mache ich Michel unglücklich. Und wir erinnern uns, wie harmoniesüchtig speziell diese Ex-Abkürzungsdame ist. Ich drehe am Rad. Wann macht endlich diese Kita wieder auf, so dass ich wenigstens den halben Tag lang voll auf die Bedürfnisse von Kind II eingehen kann, von meinen eigenen mal ganz zu schweigen? Wird Kalle sich daran erinnern, wenn er mal größer ist? Vergiften diese Tage gerade die Beziehung zwischen den Brüdern für immer? Wie viele Unterbrechungen verträgt ein Stilldurchgang, bis einem Baby Magengeschwüre wachsen? Werde ich mir jemals wieder die Nägel lackieren, mehr Gin Tonic trinken, als gut für mich ist, und am nächsten Morgen ausschlafen? Wieso treibt mich das alles so um, während L. weiter seelenruhig sein Leben lebt?
Der einzige Moment, in dem Frieden herrscht, ist im Moment der, wenn ich abends mit beiden Babys im Bett liege und beide gerade eingeschlafen sind. Nicht für lange, nie für lange, zwar schläft Kalle durch, aber Michel ist auch dank Erkältung in spätestens zwanzig Minuten wieder voll da, darum genieße ich diesen Moment im sanften Schummerlicht der Hasenlampe auf dem Nachttisch auch nach Kräften. Dieses Bild, zwei schlafende Babys, bei dieser warmen Beleuchtung wie aus Marzipan geformt, beide in meinem Arm, und Kalle lächelt sogar im Schlaf: das präge ich mir ganz tief ein und trage es den ganzen Tag im Kopf wie ein Schutzamulett. Und darum freue ich mich jetzt schon morgens um sieben auf den Moment, wenn wir wieder schlafen gehen. (Sich aufs Ins-Bett-gehen freuen: das ist übrigens ein ziemlich zuverlässiges Anzeichen einer Depression, sagt man.)

Ach was. Meine Belohnung kommt. Ganz bestimmt! Und zwar bald. Spätestens in einem Jahr, wenn die zwei zusammen spielen, Adventskränze zerpflücken, beide in ihren Hochstühlchen sitzen und das gleiche Abendessen wollen, dann, dann wird es bestimmt ganz entspannt und fröhlich und harmonisch und lustig.

Yay!

Oder?

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Auf bessere Zeiten.

Halleluja: Michel ist nach einem umtriebigen Vormittag gerade eingeschlafen, L. hat sich mit Lulu zum Spaziergang aufgemacht, und ich muss erst in einer Stunde los, um Kalle aus der Kita zu holen. Himmlische Ruhe, nur durchbrochen vom geschäftigen Klackern meiner Tastatur. Dazu ein Glas Rotwein! Nein, gestrichen, einen Tee. Dann eben Tee.

Gestern nachmittag um drei hatte ich ein Gespräch in der neuen Kita. Dieses Gespräch war nicht das erste: wir hatten schon einen sehr ausführlichen Termin, als wir damals mit Kalle noch im Bauch dort zu Besuch waren. Damals wurden uns die Räume und die Gruppen gezeigt, wir haben über Montessori gesprochen und über das, was wir uns von einer Kita erwarten. Dann hatte ich letzte Woche einen Termin bei der Leiterin der Kita, selbst Mutter von sechs Kindern, darunter keine Zwillinge oder Drillinge. (Was beeindruckend ist, aber mir im Moment die Haare zu Berge stehen lässt.) Und gestern hatte ich noch einen Termin, diesmal mit einer der Kindergärtnerinnen, die Kalles zukünftige Gruppe betreuen. Das Gespräch hat ungefähr eine Stunde gedauert. Es gab eine Menge Papier mit nach Hause, neben dem unterschriebenen Vertrag auch diverse Merkblätter, was die Kinder so brauchen und sollen und woran sonst noch zu denken ist, und einen Fragebogen für die Eingewöhnungszeit. Darin stehen solche Fragen wie z.B.: braucht unser Kind irgend ein Schnuffeltuch oder Stofftier, um zu schlafen? Nimmt es einen Schnuller? Hat es vor irgend etwas Angst? Hat es ein Lieblingswort? Was bedeutet das Lieblingswort? Wie nennt es Mama und Papa und andere wichtige Bezugspersonen? Was isst es gerne, was nicht? Usw. uwf.

In der jetzigen Kita rückte Kalles erster Tag näher und näher, und irgendwann fragten L. und ich uns: gibt es jetzt hier nicht noch mal ein Gespräch? Wann sollen wir denn wo sein? Ist jetzt alles unter Dach und Fach? Müssten wir nicht noch irgend etwas unterschreiben? Haben die überhaupt unsere Kontodaten? (Hatten sie, mussten sie aber dann noch zwei mal haben, und erst Anfang dieser Woche haben sie tatsächlich mal was abgebucht.) Wieso ist hier nicht mehr zu regeln? Irgendwann haben wir dann mal da angerufen, und die Verwirrung wurde nicht geringer, nach dem Motto "Was sind denn das für Fragen? Tja, was soll man dazu sagen? Hm, irgendwie bin ich da nicht zuständig, aber vielleicht ruft sie demnächst jemand zurück..." Letzten Endes haben wir am Freitag vor dem Kitastart erfahren, um wie viel Uhr wir Montags kommen sollen und wie es dann weiter geht. Letzte Woche habe ich aus einer SMS im Gruppenverteiler beiläufig erfahren, dass wir Eltern eigentlich Freitags immer den Beutel mit den Reservekleidern unserer Kinder aus der Garderobe mitnehmen sollen, weil übers Wochenende die Garderobe gründlich gereinigt wird. Auf ähnlichem Weg erfährt man überhaupt alles. Es gab einen Haufen Dinge, die uns die Kindergärtnerinnen irgendwann nach zwei Monaten mal gesagt haben, und das oft mit einem Gesichtsausdruck, dass ich dachte: Holla, da müssen wir ihnen ja echt schon eine Weile auf den Keks gegangen sein. Wir wussten es nur einfach nicht besser.

Spätestens seit gestern weiß ich, dass wir das Richtige tun. Ich hatte fast ein Tränchen im Auge, als sie erzählt hat, sie würden den Kindern nach dem Frühstück die Zähne putzen und sie würden lernen, den Tisch zu decken und abzuräumen. Drei Frauen betreuen zwölf Kinder, da geht so etwas wohl. Meinetwegen könnte Kalle morgen da anfangen. Leider wird es jetzt wohl doch erst Februar, früher kommen wir aus der jetzigen Kita nicht raus. Die übrigens ab morgen erst mal wegen Durchfall komplett geschlossen wird. Danach habe ich die Betreuerin gestern auch gefragt. "Nö", sagte sie. "Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren hier, es kam mal vor, dass mehrere Kinder gleichzeitig krank waren, aber das war dann nach zwei Wochen endgültig durch." Hier schlagen wir uns jetzt seit zwei Monaten mit diesem Mist herum, und alle meterlangen Diskussionen im SMS-Verteiler über Desinfektion ändern nichts daran, es hört einfach nicht auf. Unterdessen wird der Diskussionsstil im Verteiler giftiger und giftiger.

Februar! Ich freu mich auf Februar.

Dienstag, 9. Dezember 2014

War ja nur aus Marzipan.

Zwei Meter neben mir liegt Michel in seinem Stubenwagen und ratzt. Kein Wunder, nachdem ich neulich gelesen habe, Brüllen wäre für Babys so ziemlich das Anstrengendste auf der Welt und er den ganzen Vormittag zerbrüllt hat. Ausgerechnet heute war die Hölle los auf dem Klumpfuß-Flur, man kam kaum durch vor lauter ulkigen Füßen in Maxi-Cosis. Um neun waren wir da, vor zehn Minuten sind wir wieder nach Hause gekommen. Und jetzt trinke ich erst mal einen Tee und atme aus. Eigentlich war es keine große Sache, aber die Nacht war anstrengend. ("Stillen Sie?" fragte der Gipsmann. "Denn dann kriegt das Baby beim Stillen schon Ihre Unruhe mit, kein Wunder, wenn die Nacht nicht so schön war." Irgendwie häufen sich die schlechten Nachrichten über das Stillen gerade. Und wieso wundert mich nicht, dass sie das auch diesmal wieder erst tun, wenn ich mittendrin bin und der Ehrgeiz mich längst in seinen Krallen hat?) Und der Capuccino aus dem Krankenhausautomaten bringt es nicht. Und die Aussicht auf diese vier Wochen, die der Gips jetzt dranbleibt. Und warten war noch nie meine Stärke. Dabei ging es ganz fix und hoffentlich auch schmerzlos: nach schier endlosem Warten auf dem Flur, Gipsmann und Ärztin fegten ständig in größter Hektik vor uns hin und her, zur einen Tür rein, zur anderen wieder raus, wie in einer Volkstheater-Verwechslungs-Komödie, wurde Michel seinen alten Gips los und bekam ein Pflaster auf die Ferse. Das Pflaster enthält ein betäubendes Mittel, das eine halbe Stunde lang in die Haut einwirken konnte. Dann kam das Pflaster ab, die Ferse wurde gründlich desinfiziert, wir durften ihm noch ein Küsschen geben und wurden vor die Tür geschickt - während er erst noch eine lokale Betäubung bekam und dann der Schnitt gemacht wurde. Von drinnen blieb es verhältnismäßig ruhig, fast ruhiger als vorher auf dem Gang, wo Michel die Wände zum wackeln gebracht hatte. Und dann durften wir wieder rein, es wurde gegipst, und da sind wir wieder. Der Gipsmann versicherte uns, er macht das jetzt seit elf Jahren, und noch nie hat der Schnitt sich infiziert. Ich habe beschlossen, diesmal nicht zu erzählen, wie oft ich aus Ärztemund schon den Satz gehört habe "Na sowas, das war noch nie!", sondern mich damit zufrieden zu geben und feste darauf zu vertrauen, dass wir nicht die Ausnahme sein werden. Am sechsten Januar sind wir wieder da. Und dann liegen die Gipse in der Vergangenheit, bis er sich irgendwann vielleicht mal beim Fußball die Haxen bricht.

Oder beim Ballett. Oder beim Yoga oder beim Voguing, klar. Mit deinen Füßen kannst du irgendwann alles, wirklich alles machen, was du willst, kleiner Michel!



Montag, 8. Dezember 2014

1 Monat

Zwar ist Michel schon seit drei Tagen einen Monat alt, aber was soll ich sagen? Was soll ich sagen. Wir waren zu müde, das Wochenende war zu voll, ich war zu leer, und vor drei Tagen hatte ich auch die Idee mit den Zahlen noch nicht. Es ist eine sehr nahe liegende Idee, und ich habe ewig gebraucht, um drauf zu kommen, was illustriert, wie müde genau ich gerade meistens bin.

Ursprünglich wollte ich die Zahlenidee von Holly klauen, Autorin von "Nothing but bonfires". Sie hat in jeder Schwangerschaftswoche ein Foto gepostet, in dem sie Zahlen hält, die der Schwangerschaftswoche entsprechen. Ich fand die Idee sehr hübsch und die Fotos auch. Die Zahlen habe ich im Bastelladen in der Europapassage gekauft, ein passendes Farbspray dazu, zwei Tage später schien die Sonne, und ich habe im Garten die Zahlen angesprüht. Dann kam es zum ersten Foto, und daran ist es dann auch gescheitert: ich bin schon damit überfordert, mit dem Telefon ein Selfie zu machen, auf dem ich nicht wie ein Vollhonk aussehe oder wie jemand, der denkt, aus dem Telefon kommt gleich ein Vögelchen und klaut meine verwirrte Seele. Das gleiche jetzt nochmal mit zusätzlich ein bis zwei Zahlen in der Hand - das wird nichts. Und L. war weniger heiß darauf, Fotos von seiner schwangeren Frau zu machen, als man das nach der Lektüre von Schwangerschaftsratgebern so denken sollte. Also sind die Zahlen in eine Blechdose gewandert und darin geblieben, bis ich die Blechdose vor ein paar Tagen brauchte, um Kekse hinein zu tun. Die Zahlen waren im Weg. Aber wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Und dann - mit schildkrötenhafter Langsamkeit - hatte ich endlich die sich jedem anderen längst aufdrängende Idee, jeden Monat ein Foto von Michel zu machen. Dazu gibt es dann einen Geburtstagspost.
(Ein bisschen schade, dass ich das bei Kalle nicht gemacht habe. Aber Kalle hat dafür in der Schwangerschaft viel mehr Posts bekommen. Und wir können ja mit ihm auch jetzt noch einsteigen, besser als nix.)

Also, tadaaaa, tatatatatatatatataaaaaa: erster Geburtstagspost für Michel.



Und seit einigen Tagen gibt es wirklich etwas zu schreiben. Denn es tut sich etwas. Vor einer Woche war er noch eher ein Würmchen. Ein sich krümmendes, hilfloses, verlorenes, gespenstisch nach gar nichts greifendes und ins Leere guckendes Würmchen. Er war noch nicht richtig da: auch weil er so dünn und lang war, schien es manchmal, als wäre seine Haut ein bisschen zu groß für ihn. Als wäre der Rest von ihm noch nicht angekommen. Jetzt wache ich auf, und neben mir liegt kein Würmchen, sondern ein Baby, das mich anguckt. Bewege ich mich, guckt er mir hinterher. Nehme ich ihn auf den Arm, dann kuschelt er sich so tief wie möglich in die Kuhle zwischen Hals und Schulter und macht es sich gemütlich. Ich bilde mir sogar ein, er kann schon seinen Kopf alleine halten, jedenfalls guckt er sich munter im Zimmer um, wenn er auf dem Arm ist. Halte ich ihm die Hände hin, dann hält er sich fest, und zwar nicht nur reflexartig - nein, er greift nach mir, und es scheint, als wollte er mich daran hindern, wieder wegzugehen. (Armes Kerlchen, Du hast eine Mutter abbekommen, die es leider in sich hat, ständig irgendwo hinzugehen. Sie kommt zwar immer wieder, aber zum stillsitzen habe ich zu viele Hummeln im Hintern...) Er trinkt kräftig und wiegt schon 4.750 Gramm. Ohne Fläschchen geht es immer noch nicht, vor allem nachts, aber im Moment spielen die Fläschchen eher die Rolle eines Nachtischs, den er zwar eigentlich nicht mag, der aber zu einer kompletten Mahlzeit einfach dazu gehört. Er trinkt also bei mir, bis er fast satt ist, dann knöttert er und knöttert und knöttert, bis ich ihm ein Fläschchen mache, von dem er dann vier Schlucke trinkt und sich dann beruhigt schlafen legt. Also machen wir das jetzt so und sind damit zufrieden. Er bekommt Zehennägel, die schon den halben Weg bis zur Zehenspitze geschafft haben. Ich verbringe jeden Tag mindestens eine Viertelstunde damit, fasziniert seine Hände anzusehen: so lange Finger habe ich noch nie bei einem Baby gesehen, das hat er nicht von mir. Auch die Fingernägel sind perfekt, und die Länge reguliert sich bisher (außer an den Dracula-Daumen, vor denen ich mich ein bisschen grusele) von selbst, was zu lang ist, hängt schnell als feiner weißer Fussel herunter und kann einfach abgepflückt werden. Wimpern wachsen ihm! Noch sind sie ganz fein, fast durchsichtig, aber man kann sie schon fühlen, wenn man ihm übers Gesicht streicht.
Gestern habe ich mir noch mal die Fotos von seinem Füßchen angesehen und war ehrlich platt, wie schnell das jetzt ging. Nach der Geburt zeigte es im rechten Winkel nach innen, die Außenkante zeigte nach unten - nicht gut. Jetzt ist es schon so weit, dass es nach außen zeigt - eine Überkorrektur nennt man das, genau so soll es sein, denn der Fuß wird sich auch wieder ein kleines Stück zurückbiegen, und das gleichen wir im Voraus schon aus. Morgen kommt der letzte Korrekturgips ab, und was dann folgt, wird vermutlich für L. und mich deutlich härter als für Michel: sie schmieren eine betäubende Salbe auf seine Ferse, und dann wird die Achillessehne durchtrennt. Sobald das aufhört zu bluten, kommt ein neuer Gips um das Bein, und der bleibt vier Wochen dran. Wird er abgenommen, dann ist die Sehne unter dem Gips wieder zusammen gewachsen, aber ein Stückchen länger - genau das fehlende Stückchen, damit er den Fuß ordentlich aufstellen und abrollen kann. Es klingt wie eine Schnapsidee, aber diese Schnapsidee funktioniert, wie uns versichert wurde. Der Gips macht mir Kummer: auch die Wochengipse sahen nach ein paar Tagen immer schon grauenvoll aus, bei Babys geht nun mal ab und zu was neben die Windel, Mutti ist ein Trampel, hygienisch geht anders. Und was, wenn sich unter dem Gips eine fiese Infektion entwickelt? Die Ärztin sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, und wenn wir uns doch zu viele Sorgen machen, dann sollen wir ihn ins Auto packen und nach Altona kommen. Michel ficht das alles übrigens überhaupt nicht an: obwohl wir gewarnt worden waren, er könnte mit dem frischen Gips immer einen Tag lang knatschig sein, trägt er es wie ein Mann. Mein Junge!

Mein Junge.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Ich kann mein Glück kaum fassen, Baby 1 ist in der Kita, Baby 2 schläft seit einer Stunde.

Darum gleich noch ein Post, hier hat sich einiges angestaut.

Eigentlich kann ich gut mit Kalles Kita-Damen. (Der Kita-Leiter ist eine andere Geschichte.) Die machen das toll: liebevoll, umsichtig, fröhlich, freundlich und mit viel Einsatz. Aber heute morgen waren sie etwas frostig. Und ehrlich gesagt kann ich sie verstehen.

Gestern hat L. beim Abholen unseren Kita-Platz gekündigt. Denn ab Januar oder Februar, je nachdem, wie schnell uns die Kita aus dem Vertrag lässt, kommt Kalle nun doch in die Montessori-Kita. Letzte Woche kam der Anruf, dass jetzt ein Platz für ihn frei wäre. Ich hatte eine schlaflose Nacht (nicht, dass dazu mit der Stillerei noch ein zusätzlicher Anlass nötig wäre...) - egal, ich hatte eine wohlmöglich noch schlaflosere Nacht als sonst, in der ich darüber nachgegrübelt habe, was wir jetzt tun.

Einerseits ist Kalle jetzt in seiner Kita eingewöhnt, er fühlt sich da wohl, er kennt die Kinder und die Erzieherinnen, die machen das gut, und es gibt wenig zu meckern. Mir mit meiner Harmoniesucht ist sowas außerdem immer unangenehm: zu jemandem, den ich eigentlich mag, hinzugehen und zu sagen, jetzt ist Schluss. Es wäre auf jeden Fall leichter gewesen, ihn einfach da zu lassen, wo er ist.

Andererseits glaube ich an das Montessori-Konzept. Kalle hat seinen eigenen Kopf (genau wie vermutlich jedes andere Kind, nur ein bisschen mehr als manche), er macht gerne sein eigenes Ding - das kann er dort noch besser. Sie gucken sich jedes Kind für sich an und unterstützen es dabei, seine ganz eigenen Vorlieben und Talente besser zu entwickeln. Sie denken sich bei so ziemlich allem etwas, was sie tun uns lassen - das finde ich toll, das wird auch für jede Menge Reibungsfläche mit uns und vor allem mir sorgen, aber trotzdem: an sich bin ich sehr dafür. Die alte Kita bespielt und bespaßt die Kinder, die neue gibt dem Tag und dem Jahr Struktur, Feste und Rituale werden dort viel mehr zelebriert - es ist eine kirchliche Kita, es wird dort richtig Ostern, Weihnachten und St. Martin gefeiert. In der alten Kita singen sie zusammen "In der Weihnachtsbäckerei" und haben einen großen, goldenen Plastikweihnachtsmann vor der Tür, in der neuen malen sie Bilder von Engeln und singen "Tochter Zion", und das wird vielleicht manche wundern, aber ich bin mehr für Tochter Zion, Es ist ein Ros entsprungen und Kommet ihr Hirten. Und endgültig zur neuen Kita schlägt der Zeiger aus, wenn ich mal ein Jahr in die Zukunft denke: als Geschwisterkind kann Michel selbstverständlich dort anfangen, und sie sind darauf eingestellt, dass manche Kinder mehr und andere Förderung und Hilfe brauchen. "Natürlich kann er bei uns Physiotherapie bekommen", sagte die Kindergartenchefin. "Das ist doch klar. Das bekommen bei uns viele Kinder." So viel hätte ich nie erwartet, ich wäre schon glücklich gewesen, wenn sie bereit wären, ihm eines Tages mal zum Mittagsschlaf seine Schiene anzuziehen. Montessori-Kindern wird immer viel zugetraut - ich traue jetzt Kalle einfach mal zu, dass er auch in der neuen Kita Freunde findet und auch die neuen Kita-Frauen gern haben wird. Bestimmt wird es noch eine Weile Tränchen geben, wenn wir morgens mit der Karre an der alten Kita vorbei schieben und die paar Meter weiter in die neue müssen. Mir wird es ja auch leid tun. Mir tut es jetzt schon leid. Aber ich glaube trotzdem, wir machen das Richtige.

Wie sieht es aus, Mütter da draußen? Hat euer Kind mal die Kita gewechselt? Und wie lief das?

Neues von der Stillfront.

Mein Verhältnis zur angeblich simpelsten Form der menschlichen Ernährung ist kompliziert. Ich würde das gerne können. Ich bemühe mich auch redlich. Aber ich schaffe es einfach auch diesmal nicht, mein Traumland zu erreichen: das Land, in dem ich Michel so zwischen acht und zwölf mal täglich (und nächtlich) anlege, er auf jeder Seite zwischen zehn und fünfzehn Minuten trinkt und danach satt und zufrieden ist.

Es kommt schon vor, dass er trinkt und dabei einschläft. Dass ich ihn dann in seinen Stubenwagen lege, hübsch warm einpacke und er eine Weile schläft. Es kommt nur leider so selten vor, dass es wie ein Hohn ist: als würde ich das Traumland auf der anderen Straßenseite sehen, zum Greifen nahe, aber die Wachleute lassen mich einfach nicht rein, und es gibt einen unsichtbaren Elektrozaun, die Sorte, die Hunde vom Verlassen des Grundstücks abhalten soll. Meistens läuft es im Moment eher so: ich lege ihn an, er saugt und nuckelt fieberhaft drauflos, nach ungefähr drei Minuten ist er eingeschlafen, und sobald ich ihn abstöpsele, brüllt er los. Lasse ich ihn aber, wo er ist, dann sitze ich da drei Stunden. Das geht nicht, ich habe noch ein anderes Kind. Die Hebamme hatte dazu gesagt, ich sollte ihn pro Seite nicht länger als zehn Minuten trinken lassen und zwischen den Trinksitzungen immer mindestens anderthalb Stunden Zeit verstreichen lassen, diese Zeit dann später auf eher drei Stunden steigern. Stillen nach Bedarf wäre Quatsch. Jetzt ist die Hebamme weg, ich habe immer noch Stillprobleme, und natürlich googele ich, ich bin auch nur ein Mensch. Meine Probleme mit den Stillproblemen und ihrer Lösung erinnern mich inzwischen an meinen auch nicht sehr glorreichen Umgang mit Diäten: irgendwann hatte ich in so viele Diäten mal halbherzig reingeschnuppert, dass ich für alles, was ich gerade essen wollte, die passende Diät finde. Ein Snickers abends um acht - na klar, mit Weight Watchers kann ich das wieder ausgleichen. Ein Teller Pasta zu Mittag - verträgt sich locker mit der Abends-keine-Kohlenhydrate-Regel. Ein riesiges Steak um kurz vor Mitternacht - Atkins! Yay! Usw. Die Lösung damals war einfach: entweder Schluss mit den Diäten, oder eine raussuchen, dabei bleiben und die anderen vergessen. Die Lösung diesmal ist es leider nicht. Ich habe schon bestimmt achtmal seit Michels Geburt mit aller Entschlusskraft, die ich trotz Müdigkeitsnebel aufbringen konnte, entschieden, dass ich es so mache, wie die Hebamme gesagt hat. Immerhin halte ich ja große Stücke auf sie und ihr Pragma. Wir waren uns doch einig! Aber dann kommt Michel, und was soll ich sagen - ich schaffe es einfach nicht. Ich kann nicht mein Kind nach zwanzig Minuten trinken von der Milchbar nehmen und ihn mit Schunkeln und Gut zureden für die nächsten anderthalb Stunden bei Laune halten. Es klappt nämlich nicht. Das hier ist keine Diät, bei einer Diät bin ich die einzige Unbekannte in der Gleichung, ich muss nur durchhalten, dann ist alles gut. Hier ist noch jemand anderes im Spiel, jemand, dem man leider nicht den Sinn der Übung mit ein paar klaren Worten erklären kann, jemand, der nicht geschunkelt werden will und nicht beruhigt, sondern der jetzt verdammt noch mal trinken will. Wenigstens für zwei Minuten, dann will er schlafen, und zwar da, wo er gerade ist.

Und Fläschchen sind eine Lösung. Zwar macht mir die innere Stillpolizei ein schlechtes Gewissen, aber ich kämpfe dagegen an. Noch stille ich ihn mehrmals am Tag und in der Nacht. Aber ein paar Mal verschaffe ich mir die Freiheit, mal kurz zu schlafen oder mich um Kalle zu kümmern, indem ich in die Küche gehe, ein sauberes, dampfsterilisiertes Fläschchen nehme, mit abgekochtem Wasser und Premilchpulver fülle und ihm das gebe. Davon trinkt er dann meistens nur einen Bruchteil und schläft ein. Von Saugverwirrung habe ich noch nicht viel bemerkt. Ich pumpe auch mal ab und gebe ihm das, damit die Fläschchen nicht den Milchnachschub sabotieren. Aber langsam sickert auch in mein widerspenstiges und stures Hirn ein, dass das Stillen und ich vielleicht einfach kein Traumpaar sind. Dass das nicht heißen muss, dass Stillen an sich ein großer doofer Mythos ist, sondern dass es sein kann, dass andere das 1a hinkriegen. Ich aber eben nicht. Das deprimiert mich ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Ich habe nachgelesen, mit Kalle lief es damals genau so. Ich hatte kurze optimistische Phasen, nach zwei-drei Tagen war das wieder verflogen, dann habe ich nach einer Lösung gesucht, es damit versucht und dachte kurz, jetzt klappt es - bis ich einsehen musste, dass auch damit das Stilltraumland noch nicht erreicht ist.

Aber ich frage mich schon, wieso? Bin ich zu ungeduldig? Sind andere Frauen damit zufrieden, wenn man ihnen sagt, jetzt warte doch noch mal vier bis acht Wochen ab, dann läuft das schon? Was machen die sonst noch anders? Wollen die das vielleicht noch mehr? Kommt mir mein Fusselhirn in die Quere, das zu jeder Idee immer gleich die Gegenidee liefert und überzeugend vertritt? Bin ich zu sehr an Premilch gewöhnt? Würde es helfen, den ganzen Kram von Fläschchen über Sterilisator bis hin zu Milchpulver gar nicht erst im Haus zu haben? (Oh Gott. Oh Gott.)

Tja. Jetzt ist es eben wohl so. Ich stille, wann ich kann und wann ich will (und wann er will, meistens jedenfalls), und wenn ich das Gefühl habe, jetzt geht auf diesem Weg nichts mehr, dann mache ich ihm ein Fläschchen. Genau wie schon bei Kalle, mit dem ich dieses System auch bis in den vierten Monat durchgezogen habe, der später so gut wie alles gegessen hat und zumindest bisher keinen erkennbaren Schaden davongetragen hat. Ich muss jetzt einfach meinen Frieden damit machen und meine innere DDR-Turntrainerin, die grundsätzlich verlangt, dass ich alles hinkriege, zum Schweigen bringen. Das hier kriege ich eben nicht hin, jedenfalls nicht mit Bestnoten.

Vielleicht ist das auch der größte Mythos rund ums Stillen: dass es so etwas überhaupt gibt wie das Traumland. Dass es ein Stillparadies gibt, ein Reich der entspannten und glücksseligen Babies und Mütter, und wer einmal drin ist, der darf bleiben und es sich gemütlich machen. Vielleicht ist es ja immer so, dass man für ein paar Stunden denkt, jetzt wäre man endlich da, und dann geht der Stress wieder los. Vielleicht sollte ich einfach mal aufhören, drüber nachzudenken, mir eine Tasse Tee kochen, und wo ich schon dabei bin, gleich noch ein bisschen mehr Wasser abkochen für's nächste Fläschchen.

Harrrrrrrrgh.

Montag, 1. Dezember 2014

Schlute Zeiten, Gechte Zeiten. Erster Teil.

Kurz nachrechnen und voller Stolz feststellen, dass ich jetzt seit vier Tagen keine Premilch zugefüttert habe. Alles selbstgekocht! Und das Baby lebt! Und wächst! Und nimmt zu! Und macht sich in die Hose! Man kann es riechen.

Eine Stunde später entnervt eine Flasche Premilch anrühren, weil er trinkt und trinkt und trotzdem mit meinen Bordmitteln nicht glücklich zu machen ist.

Stillen mit dem strahlenden Kalle daneben, der erst dem Kleinen über den Kopf streichelt und dann immer noch strahlend dazu übergeht, ihn kräftig in den Kopf zu kneifen, an seinen Haaren zu ziehen und sich mit vollem Gewicht an seinen Kragen zu hängen. Was mache ich dann? Ich sage nein. Ich sage nein und setze den mütterlichen Donnerblick auf, der laut dem französische-Nervensägen-Buch so wirksam sein soll. Ich sage, wenn du es jetzt nicht lässt, kommst du in den Stall (dabei kurz bedenkend, dass der Laufstall ja eigentlich nicht zur Strafkolonie werden soll), er zwickt weiter, und ich lege Michel kurz ab und trage Kalle ohne weitere Diskussion in den Stall, wo er brüllt. Und brüllt. Und brüllt.

Innerhalb von drei Wochen die Virenstämme Noro, Rota und Entero hier durchzuwinken und fünf Minuten nach der Abreise von Entero die ersten zarten Krümel an Kalles Wimpern zu entdecken, ein zuverlässiges Zeichen, dass er sich jetzt gerade meine Bindehautentzündung fängt und nächste Woche wohl wieder zuhause sein wird. Vermutlich durchgängig.

Kalles leuchtende Augen, wenn ich die erste Kerze am Adventskranz entzünde, und ihn hingerissen an einem Stück Berliner Brot nagen zu sehen - die stahlharten Kekse, die schon meine Oma gebacken hat, und die hoffentlich auch in hundert Jahren noch in dieser Familie untrennbar zu Weihnachten gehören. (Wer hätte gedacht, dass man sich mit einem so harten Keks so vollschmieren kann?)

Mich trotz Doppel-IVF-Erfolg immer noch bis zur Weißglut über die Firma Ferrero und ihre gedankenlose bis hinterfotzige "Was wäre Weihnachten ohne Kinder?"-Kampagne aufzuregen.

Die heißersehnte erste Tasse Tee des Tages nach einer völlig zerbrüllten Nacht jetzt zum achten Mal in die Mikrowelle zu stellen, vielleicht klappt es ja diesmal, sie wenigstens lauwarm zu trinken?

Mit L. die Sorte Streit zu führen, bei dem man sonst immer dachte, wenn ein Paar sich im Großraumabteil oder am Nachbartisch SO streitet, "Ach bitte, tut doch der Welt und vor allem euch den Gefallen und trennt euch, ist sicher besser so". Und zwar vor den Ohren der Kinder.

L. dabei zu sehen, wie er Flugzeug mit Kalle spielt oder Fußball guckt mit dem schlafenden Michel auf dem Bauch.

Einen offiziell aussehenden Brief zu öffnen und verblüfft festzustellen, dass Michel jetzt immerhin schon eine Steuernummer hat. Gut zu wissen, oder?

Siebzehn noch in Zellophan verpackte DVDs, die ich noch vor Kurzem unbedingt haben musste und jetzt vermutlich erst dann angucken kann, wenn man DVD-Player nur noch auf ebay bekommt unter Stichworten wie "Vintage! BOHO! Kate Moss!"

Jedes Mal, wenn Pläne für irgend etwas Spannendes oder Lustiges in der Zukunft gemacht werden, als erstes zu denken "Das schaff ich nicht. Das schaff ich nie. Wie soll das gehen? Das geht nicht. Nicht mit zwei Babies."

Die drei Meter lange Textstrecke im Kita-Verteiler zu folgendem Thema: die Kita kriegt den Durchfall nicht in den Griff. Jetzt soll im Foyer in anderthalb Metern Höhe ein Pumpspender stehen, mit dem sich bitte alle Eltern beim Kommen und Gehen die Hände desinfizieren. Aber was, wenn das Desinfektionsmittel in die Augen der Kinder spritzt? Ist es nicht schädlich, wenn man mit chemisch desinfizierten Händen kurze Zeit später sein Baby berührt? Ruiniert das Sagrotan unser Immunsystem? Sind die von der Kita verwendeten Reinigungsmittel nun zu scharf oder zu schwach? Gibt es da nichts Homöopathisches?

Und dabei zu denken, wir können uns hier alle einen Wolf desinfizieren und SMSen, so lange unter all diesen Kita-Eltern nur ein Paar ist, das es einfach nicht raffen kann oder nicht raffen will und weiterhin dem Kleinen noch fünf Minuten vor Aufbruch die durchgesuppte und zum Himmel stinkende Windel wechselt, ein wenig Raumspray versprüht, ihn trotzdem in die Kita bringt und sich schnellstmöglich mit abgeschaltetem Handy entfernt.

Die knallroten Blutergüsse in Michels Augen, die noch von der Geburt stammten und die seit ein paar Tagen verschwunden sind. So dass er jetzt einen ganz klaren, wachen Blick hat. Und Wimpern wachsen ihm jetzt auch.

Das Kunststück zu schaffen, mit zwei Kindern im Arm abends im Bett zu liegen, alle drei satt, gewaschen und in sauberen Pyjamas, und dann zu hören, dass beide friedlich und ruhig atmen und schlafen. Endlich.

Mich dann nach einer Weile wieder nach unten zu schleichen und noch schnell das Legotrümmerfeld vom Tag zu beseitigen. Die dreckigen Lätzchen in die Wäsche zu tun, die Fläschchen zu spülen und in das Dampfdings zu stellen, den Spinat vom Tisch zu wischen und das Hochstühlchen gleich mit zu kärchern, die Bauklötze in den Bauklotzsack zu tun, die Plüschtiere in die Plüschtierschublade, und dann sieht es hier fast aus wie bei normalen Menschen.

Mit dem riesigen Geschwisterwagen durch einen Supermarkt zu schieben und von einer fremden alten Dame mit Grabesmiene angesprochen zu werden: "Na, das ist ja eine Doppelbelastung. Sie Arme, Arme, Arme. Herrje."

Zu sehen, wie Kalle zehn Minuten lang hingerissen mit einem bunten Herbstblatt spielt.

Diesen Dienstag schon den vierten Gips an Michels Bein zu bekommen und zu sehen, wie gerade sein Füßchen jetzt schon aussieht. Wenn wir nicht die Erinnerungsfotos hätten, würden wir es in ein paar Wochen selbst nicht mehr glauben, wie krumm das alles mal war.

Kalles erste Schritte. Neben der blauen Truhe ist er aufgestanden und bis zu L. auf dem Sofa gelaufen. Zwei Meter fünfzig! Einfach so, nachdem wir es seit Monaten mit allen Tricks vergeblich versuchen. Und ich habe es noch nicht mal gesehen, weil ich nebenan gesessen und Michel gestillt habe.

Mittwoch, 19. November 2014

Michel, sein Bruder und die Viren.

So ungefähr vorletzte Woche habe ich die unverzeihliche Dummheit begangen, zu Kalles Kindergartentante zu sagen: "Das ist ja wirklich toll, noch vor ein paar Monaten kamen auf einen Tag Kita zwei Tage krank, und jetzt geht Kalle schon seit bestimmt sechs Wochen jeden Tag und ist kerngesund! Ich glaube, wir sind virenmäßig übern Berg."

Mütter kleiner Kinder werden sich an den Kopf fassen. Ich tue es ja auch. Why oh why? Letzte Woche Montag und Dienstag war Kalle wieder in der Kita, fröhlich ging er hin, fröhlich kam er zurück, und wenn das Telefon während des Vormittags klingelte, dann hatte uns der Anrufer immer nur Dinge ohne jeden Dünnschissbezug zu sagen. Wir hatten schon das Zusammenzucken verlernt, das andere Kitaeltern mit jedem Telefonklingeln verbinden. Ha!

In der Nacht zum Mittwoch hat Kalle sich so gegen zwei Uhr im großen Strahl ins elterliche Bett übergeben und brach in Tränen aus. Seitdem ist unser Leben irgendwie so ganz anders, als man sich das Idyll mit zwei kleinen Kindern in der tiefsten Kinderwunschzeit vorgestellt hat. Erst hat Kalle zwei Tage lang gekotzt. Dann kam der Dünnschiss dazu. Alle 60 Minuten war ein komplett neues Outfit fällig, samt neuem Wickelkommodenbezug und am besten noch neuem Nervenkostüm für uns. Dann fing L. an, über Kopf- und Gliederschmerzen und Magenkrämpfe zu klagen, und zog sich ins Bett zurück. Zum Glück war meine Mutter noch da, die seit der Geburt unser rettender Engel war. Dann wachte ich morgens auf mit Durchfall und Erbrechen. Dann hat es auch meine Mutter erwischt, am unverdientesten von uns allen. Es war nicht schön. Es war so unschön, dass ich noch nicht mal drüber schreiben wollte, denn das hätte es irgendwie noch schlimmer gemacht. Meine Mutter schlug sich weiter tapfer durch und sagte, sie würde noch so lange bleiben, bis Kalle wieder in die Kita könnte. Heute morgen war es so weit, gestern Nachmittag ist sie begleitet von unseren Segenswünschen abgefahren. Um viertel nach acht hat L. mit dem seit Samstag Durchfallfreien Kalle im Kinderwagen das Haus in Richtung Kita verlassen. Um viertel nach neun klingelte das Telefon: Kalle hat Durchfall und muss abgeholt werden. Und laut Kitaregeln darf er damit den Rest der Woche auch nicht hin. Wir gehen am Stock. Michel ist zwar als einziger gesund geblieben, aber im Stillen ist jetzt der Wurm. Obwohl es ganz gut lief, hat mein Magen-Darm-Virus eine kleine Krise verursacht, denn wo oben nichts reinkommt, kann vorne auch nichts rauskommen, und wir mussten zufüttern. Jetzt saugt er nicht mehr richtig und ist auch mit den Hütchen nicht so richtig glücklich. Ich weiß schon, was ich zu tun hätte, aber ich bin zu müde. Ich träume von einer Nacht, einer einzigen Nacht, in der ich acht Stunden schlafen kann, ungestört, in einem sauberen, großen, bis auf mich leeren Bett, frisch bezogen, mit einer Flasche Mineralwasser auf dem Nachttisch und meinem Kindle in Griffweite, das Fenster auf Kipp und die Decke bis an die Nasenspitze. Dieser Traum wird sich so schnell nicht erfüllen. Nicht, so lange hier täglich zwei Maschinen randvoll mit vollgeschissener Kinderwäsche laufen. Nicht, so lange wir Kalle alle Nahrungsmittel abschlagen müssen, die er gerne mag. Nicht, so lange er deshalb die Nächte durchjault, weil er nicht versteht, dass seine gewohnte nächtliche Premilch gerade nicht geht. Nicht, wenn wir uns selbst vermutlich gerade die zweite Runde Virenspaß einfangen. Nicht, so lange L. eigentlich mit Hochdruck auf eine anstehende Prüfung lernen müsste. Nicht, so lange die beiden Knirpse nicht gelernt haben, sich nachts selbst ein Brot zu schmieren, wenn sie Hunger haben, oder eben einfach noch ein paar Seiten Harry Potter zu lesen, wenn sie nicht schlafen können. Dann vielleicht. Dann irgendwann.

Dienstag, 18. November 2014

Michel und sein Bruder.

Vor dreizehn Tagen ist Kalles Mutter mitten in der Nacht aus dem Bett gestiegen und hat angefangen, in regelmäßigen Abständen zu stöhnen und herumzubrüllen. Dann musste Kalle auch aus dem warmen Bett, sich anziehen, mit seinen Eltern ins Auto steigen und in ein riesiges Gebäude fahren, in dem sie durch endlos lange Gänge gelaufen sind. Immer noch mit der brüllenden und fauchenden Mama. Dann ist Mama in ein Zimmer verschwunden, und Kalle durfte nicht mit. Und als er eine Weile später doch rein durfte, war Mama (die in letzter Zeit ganz schön zugelegt hatte, wenn wir mal ehrlich sind) plötzlich weniger dick, dafür ziemlich kaputt, und auf ihrem Bauch lag ein schrumpeliges kleines Wesen, das aus vollem Hals brüllte. Das Schrumpelwesen ist seitdem nicht wieder weggegangen, und Mama hat jetzt viel weniger Zeit. Ist sie mal im gleichen Zimmer, hat sie meistens Schrumpi auf dem Arm und lächelt ihn sonnig an. Schrumpi benutzt aber nicht nur die gleiche Mama wie Kalle, sondern auch die gleiche Wickelkommode, das gleiche Bett, den gleichen Papa, die gleiche Oma und manchmal das gleiche Fläschchen (auch, wenn das jetzt angeblich aufhören soll).

Da kann man schon mal etwas schmallippig werden, finde ich.

Zum Glück sieht Kalle das wohl anders. Kommt Michel in Sicht, dann robbt er strahlend auf ihn zu, streicht ihm zart über den Kopf und sagt "Ei". Grinse ich ihn daraufhin wohlwollend an, macht er das noch ein paar mal, und erst nach einer halben Minute (oder so) zieht er ihn mal vorsichtig am Ohr oder am Strampler. Das darf er nicht, ich sage "Nein", und dann lässt er es. Davon abgesehen scheint er bemerkenswert wenig Fusselhirn geerbt zu haben. Er kriegt jetzt einen kleinen Bruder, das ist doch toll! Jemanden zum gernhaben, der später mal mit ihm spielen kann! Das scheint ihm wirklich ziemlich klar zu sein. Doll. Und ich dachte... aber was ich denke und was passiert, sind ja schon seit langem zwei Paar nicht kompatible Schuhe.

Bleibt das jetzt so? Vermutlich nicht. Aber so lange es so bleibt, genießen wir es wie einen unverhofften gleichzeitigen Mittagsschlaf oder zwei Stunden ungestörte Nachtruhe.

Donnerstag, 13. November 2014

Michel und das Stillen.

Gerade komme ich aus dem Schlafzimmer. Zum vierten Mal heute habe ich Michel gestillt, er hat gut getrunken, zehn Minuten links, sechs Minuten rechts, jetzt schläft er zufrieden, uns geht's gut.

Der Unterschied zwischen Stillkrampf und Stillglück wiegt in meinem Fall ungefähr 5 Gramm und kostet keine neun Euro: Stillhütchen.

Wir erinnern uns: mit Kalle, der Muttermilch und mir war es nicht immer leicht. Und es wurde auch nicht leichter durch das Eingreifen meiner Hebamme. Ich wollte stillen, auch wenn sie mir das immer wieder mal unter- mal ziemlich oberschwellig abgesprochen hat. Nach ihrer Auffassung können 99% aller Frauen problemlos stillen, alles andere sind vorgeschobene Probleme, die nur verschleiern sollen, dass man es im Grunde nicht ernst meint.

Meine neue Hebamme ist da so ganz, ganz anders. So anders, dass ich sie küssen könnte, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich das auch noch tue, wenn mich demnächst mal meine Gefühle übermannen, was ja bei uns jungen Müttern angeblich schnell passiert. Kann ich dann auch nichts zu.
Seit dem fünften Tag habe ich ordentlich Milch, der Kleine hat auch Hunger, wenn er nicht gerade schläft (was er fast den ganzen Tag lang tut), bisher ist nichts entzündet oder gestaut oder sonstwie blöd - nur Andocken klappte auch diesmal wieder gar nicht. Zehn Minuten soll ich pro Seite höchstens stillen. Um auf diese zehn Minuten zu kommen, musste ich bis vorgestern nur leider zum Teil 45 Minuten lang andocken. Ich habe alles beherzigt, was mir gesagt wurde. Ich habe es mit dem Kind in der Armbeuge versucht und mit dem Kind im gegenüberliegenden Arm (worunter sich jetzt kein Mensch was vorstellen kann, aber sei's drum). Ich habe es im Liegen versucht. Ich habe gestopft und angelockt. Ich habe gezwirbelt und nicht gezwirbelt. Ich habe seinen Kopf in den Nacken gedrückt und ihn suchen lassen. Ich habe... ach was, ist ja auch egal, ich saß jedenfalls Tag und Nacht mehrere Stunden schwitzend und zusehends verzweifelt da und habe vergeblich versucht, unser beider Not zu lindern, indem er endlich, endlich richtig saugt - seinen Hunger und meinen wachsenden Überdruck. Hat es dann geklappt, hat er oft genug vor lauter Verblüffung zwei Schlucke getrunken, wieder losgelassen, und alles ging von vorne los. Zwar waren die Momente, wenn es dann wirklich klappte, wie mit einem Heiligenschein umkränzt - aber sie waren so scheußlich schwer zu erreichen. Wer behauptet, ich hätte einfach nicht gewollt, hätte mich mal sehen sollen. Nichts wäre einfacher gewesen, als ihn nachts um drei kurz beiseite zu legen, in die Küche zu gehen, ein sauberes Fläschchen Premilch fertig zu machen und uns beiden ein bisschen Ruhe zu verschaffen. Und fast nichts wäre einfacher gewesen, als abzupumpen und ihm das dann per Fläschchen zu geben. Oder per Spritze. Oder wie auch immer. Aber ich dachte immer, andere können das doch auch! Zerfix! 99% sogar! Ausnahmsweise könnte ich doch mal zu den 99% gehören und nicht zu dem 1%!

Ich habe meiner Hebamme gestern davon erzählt. "Das gucken wir uns jetzt mal an", sagte sie. Ich versuchte, ihn anzulegen, sie guckte. Dann sagte sie die erlösenden Worte: "Das ist alles ziemlich flach bei Dir, und dann die viele Milch, da kommt er nicht richtig ran, Jungs tun sich da sowieso schwerer als Mädchen. Das machen wir euch beiden jetzt ein bisschen leichter, du kaufst Dir Stillhütchen in Größe M von Medela, dann klappt das."

Eine Minute nach ihrem Abmarsch war ich auf dem Weg in die Apotheke, eine Viertelstunde danach zurück, und nach ihrer Anweisung läuft es jetzt folgendermaßen. Ich lege ihn an. Saugt er, ist alles gut. Saugt er nicht, dann fackele ich nicht lange, sondern lege das Hütchen auf. Die Hütchen sind zwei kleine Sombreros aus dünnem Silikon, wie Kontaktlinsen für Stielaugen ungefähr, hergestellt in der Schweiz und ausgeliefert in einem kleinen, gelben Plastikschatüllchen. Täglich streichele ich mehrfach liebevoll über diese Schatulle, in der sich meine neuen Lieblingsgegenstände in diesem Haushalt befinden. Zurück zum Thema: Mit dem Hütchen klappt das Saugen, und zwar sofort. Wirklich sofort. Hütchen drauf, zwei Sekunden später trinkt Michel in großen durstigen Schlucken. Das lasse ich dann so zwei Minuten laufen, dann ziehe ich ihm das Hütchen unter der Schnute weg, ungefähr so, wie ein Zauberkünstler ein Tischtuch unter dem Sonntagskaffeeservice wegziehen würde. Im besten Fall saugt er ohne Hütchen weiter. Links läuft das fast immer so. Rechts ist es noch etwas schwieriger, da muss das Hütchen oft noch mal ran, aber dann, zwei Minuten später, klappt es. Den Rest der zehn Minuten trinkt er dann ohne Hütchen. Ich kraule seine Hand, damit er nicht einschläft, und gucke entspannt nach draußen in die herbstlichen Bäume. Nach zwanzig Minuten sind wir mit beiden Seiten durch.

Aber... aber...

Hier wären einige Einwände von meiner alten Hebamme denkbar (und nicht nur denkbar, damals hatte ich das mit den Hütchen auch mehrfach vorgeschlagen, aber sie hat es immer mit einer Batterie von Argumenten streng verboten):

"Aber durch das Hütchen verliert das Kind doch den Kontakt zu deiner Haut und wird dir fremder!"
Nö, ehrlich gesagt, nö. Der Sombrero hat eine breite Aussparung in der Krempe, die soll dahin, wo Michels Nase ist. Mit der ist er also direkt auf meiner Haut. Und den Löwenanteil der Stillzeit hat er ja direkten Komplett-Hautkontakt.

"Er verlernt so doch mit Sicherheit das Saugen!"
Auch nicht. Ich finde sogar, in der Saugezeit ohne Hütchen saugt er jetzt besser als jemals vorher. Wir sind beide weniger auf 180 und weniger frustriert, daran könnte es auch liegen.

"Aber wenn das Stillen so Zack-Zack geht, verliert ihr wertvolle Kuschelzeit!"
Im Gegenteil. Wir sparen jetzt die Zeit, die ich vorher mit entnervtem Rumstoppeln und Gewürge bis zum Andocken verbracht habe. Die Zeit können wir schön hinten an die Stillzeit dranhängen und kuscheln, bis wir blau sind, wenn wir das wollen - ganz entspannt und satt und zufrieden.

"Stillen ist doch die natürlichste Sache der Welt, ich verstehe nicht, wieso dazu ein Stück Plastik nötig sein soll. Er kann das ohne, du auch, du musst nur wollen!"
Gewollt habe ich das jetzt lange genug, hat aber trotzdem nicht funktioniert. Und ganz ehrlich, alte Hebamme: unter deiner Regie hatte ich am Ende zum Stillen eine Batterie aus Milchpumpe, Milchpumpen-Ersatzfläschchen, Spritzen, Medela-Fläschchen mit Vakuum-Saugern und fast auch noch ein Brusternährungsset angehäuft, die alle viel Platz weggenommen haben, viel Geld gekostet haben, mit viel Aufwand gespült und dampfsterilisiert werden mussten und heute noch eine ganze Kiste im Kinderzimmerregal füllen, auch wenn ich inzwischen nicht mehr weiß, wozu. Da sind zwei so kleine Hütchen in ihrer gelben Schatulle, die ich laut neuer Hebamme auch mal einfach nur mit heißem Wasser abspülen darf, ja wohl ein Scherz.

Und in zwei-drei Wochen spätestens, wenn Michel und ich noch ein bisschen fitter sind mit dieser supernatürlichen Ernährungsform, dann können wir die Hütchen vermutlich auch ganz weglassen.

Dreimal Hurra für die neue Hebamme!

Wir spielen "Ich packe meinen Koffer" mit Schlafentzug.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, und ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, und jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen, und einmal Stillen beinhaltet folgende Programmpunkte: Baby ausziehen, wickeln. Mich obenrum freimachen. Mit bis auf die Windel nacktem Baby zurück ins Bett, anlegen auf möglichst beiden Seiten, jeweils zehn Minuten saugen lassen (Andockzeit nicht mitgerechnet), dann Baby auf den nackten Bauch legen und kuscheln. Baby wieder anziehen, dabei falls nötig nochmal wickeln. Baby schlafen legen. Hups, zwei Stunden sind um, wieder von vorne.

Ich habe gerade im Krankenhaus ein Kind bekommen, mitten in der Nacht, nach drei Stunden Schlaf, bis ich im Bett war und schlafen durfte, war es sieben, ab halb acht ging der Betrieb hier wieder los, jetzt kommt alle 30 Minuten jemand rein, bisher waren heute da: zwei Ärzte, der Chefarzt, die Oberärztin, bei der ich mich angemeldet habe, eine Baby-Fotografin, eine Putzfrau, zwei Damen, die mir etwas zu Essen gebracht haben, zwei Damen, die das Geschirr abgeräumt haben, eine Hebamme, zwei Schwestern zum Blutabnehmen und Fiebermessen und Bauch abtasten, zweimal Besuch für mich, die Stillberaterin, eine Kinderärztin, die das Baby kurz mitnehmen wollte, und ein Arzt, der sich in der Tür geirrt hatte. Inzwischen bin ich zu zweit im Zimmer, und meine Zimmernachbarin hat den gleichen Auflauf noch mal. Jetzt kommt das Stillen dazu. Nach den Krankenhausregeln soll ich alle zwei Stunden stillen, und einmal Stillen beinhaltet folgende Programmpunkte: Baby ausziehen, wickeln. Mich obenrum freimachen. Mit bis auf die Windel nacktem Baby zurück ins Bett, anlegen auf möglichst beiden Seiten, jeweils zehn Minuten saugen lassen (Andockzeit nicht mitgerechnet), dann Baby auf den nackten Bauch legen und kuscheln. Baby wieder anziehen, dabei falls nötig nochmal wickeln. Baby schlafen legen. Hups, zwei Stunden sind um, wieder von vorne. Und das Tag und Nacht.

Ich finde, man kann erst abschätzen, was für große Stücke ich auf das UKE halte, wenn ich jetzt schreibe, dass ich mich da trotzdem unfassbar gut aufgehoben gefühlt habe. Und dass es mir auch diesmal wieder ein bisschen schwer gefallen ist, meinen Klinikkoffer wieder einzupacken, mein Baby in den Kindersitz zu packen und nach Hause zu fahren. Es war das erste Nest für uns, ein zwar nicht sehr ruhiges, aber dafür sicheres und geborgenes Nest, und das haben wir jetzt verlassen. Ein wirklich, wirklich toller Laden zum Kinderkriegen.

Montag, 10. November 2014

Und zwar kam das so.

Kennt ihr das, wenn man nachts aufwacht, irgend etwas stimmt nicht, und man ist so im Tran und möchte so unbedingt weiter schlafen, dass man ca. zwei Stunden braucht, bis man versteht, dass man aufs Klo muss?
So ungefähr war das am Dienstag. Wie jeden Abend seit zwei Wochen war ich mit dem Stoßgebet schlafen gegangen, bitte auch diese Nacht wieder nicht ins Krankenhaus fahren zu müssen, sondern in Ruhe schlafen zu dürfen, denn ich. bin. so. müde. So schrecklich müde, schon seit so vielen Wochen.
Irgendwann nachts, es muss so um eins gewesen sein, bin ich wach geworden. Irgendwas war komisch. Ein Ziehen im Bauch. Erst mal war ich auf Toilette, direkt danach musste ich mich an der Badezimmerwand festhalten, so zwiebelte das. Trotzdem fühlte es sich anders an als die Wehen letztes Mal, in unserer Familie kommt kein Kind zum Termin, schon gar nicht davor, DAS konnte es also nicht sein, und ich wollte den Traum vom Ausschlafen noch nicht so einfach aufgeben. Also habe ich als Vollnerd erst mal eine Wehen-App runtergeladen. (Haut ihr euch schon vor die Köpfe? Es kommt noch besser.) Jedes Mal, wenn es los ging oder aufhörte, musste ich auf eine Taste drücken. Die App sagte, die Wehen kämen alle acht Minuten. Ich dachte "WENN es Wehen wären, dann kämen sie alle acht Minuten, sind ja aber keine. Können ja keine sein." Die Minuten vergingen, ich fauchte und krümmte mich ein bisschen, Kalle schlief inzwischen nebenan bei Papa. Dann dachte ich, nun kann ich ja auch, wo ich schon mal wach bin, vielleicht noch ein paar Sachen zusammen packen. Für demnächst in zwei Wochen, wenn es los geht. Ist gerade so schön ruhig hier. Also packte ich ein bisschen und bediente weiter die App und kniete zwischendurch im Vierfüßlerstand und atmete expressiv, aber die Hirnregion, die sonst dafür zuständig ist, mich zwei Stunden mit voller Blase im Bett zu halten, war schwer aktiv. Die App sagte, die Wehen kommen alle vier Minuten. Also googelte ich vorsichtshalber mal, ab welchen Abständen man beim zweiten Kind ins Krankenhaus soll. Google sagte, bei fünfzehn Minuten. Die App piepte dazwischen, wir wären jetzt bei drei Minuten. Und da habe ich es dann eingesehen, L. geweckt, das Kind angezogen und einen Müllsack gesucht, auf den ich mich für die Fahrt setzen kann.

Die Fahrt ins UKE dauerte achtzehn Minuten, in dieser Zeit hatte ich fünf Wehen, bei jeder fing Kalle an zu brüllen. L. wollte wissen, wo man hier vorfahren kann, wenn die Frau ein Kind kriegt, und ich hatte es immer noch nicht kapiert. "Ach was", sagte ich. "Fahr in die Tiefgarage." Und so sind wir dann durchs ganze große UKE gelaufen: L. mit Kalle in der Karre, ich, mein Koffer und meine Tasche. Alle paar Schritte habe ich die Wand umarmt. "Geht ohne mich weiter, dann könnt ihr es schaffen" ist der Satz, der einem dazu in den Sinn kommt, aber leider gerade hier so gar nicht passt. Irgendwann waren wir dann oben im fünften Stock vor dem Kreißsaal. Eine Hebamme nahm mich mit nach nebenan und guckte sich den Muttermund an. Bis zu diesem Zeitpunkt war meine größte Sorge immer noch, die könnten mich wieder nach Hause schicken. Hätte ich mir keine Gedanken machen müssen: der Muttermund war bei locker acht Zentimetern. "Wie toll, dann gehen wir direkt in den Kreißsaal!" sagte die Hebamme. "Und dann hätte ich gerne noch eine PDA" sagte ich. Die Hebamme sah mich mit diesem "Ach, Schätzelein"-Blick an, den nur Frauen in Medizinberufen richtig gut hinkriegen, nahm mich bei der Hand und ging schon mal los. "Weißt du was? Die schenken wir uns einfach" sagte sie in diesem Ton, bei dem ich sofort dachte, genau, ist sicher besser so. Wir haben den Kreißsaal um Viertel vor drei betreten. Ich habe noch schnell meinen Koffer aufgemacht und meinen Jogginganzug gegen ein heiß waschbares Nachthemd ausgetauscht, dann ging es richtig los. L. rief inzwischen meine Freundin und Geburtshelferin B. an, die sich im Affenzahn fertig machte und ins Taxi warf. Und inzwischen bekam ich ein bisschen Paracetamol und presste schon mal vor. L. und Kalle warteten auf dem Gang, ich war mit Hebamme und einem Arzt gut betreut und sowieso diesmal nicht so zum Plauschen aufgelegt. Vier mal war der Kopf schon halb draußen, vier mal flutschte er einfach wieder zurück, als die Wehe vorbei war. Und ich hatte das spukige Gefühl, unbedingt weg zu wollen aus diesem schmerzenden und gekrümmten Körper in diesem neonbeleuchteten Raum nachts um drei und nicht zu können. Was sollte das überhaupt alles, ich war doch noch gar nicht dran? Und eigentlich wollte ich doch schlafen? Um 3:56 betrat B. den Kreißsaal. Und um 3:58 war Michel da. Kind einer Mutter, die scheinbar gar nichts mitkriegt.

Und ja, das fühlte sich alles genau so hopplahopp und überrumpelig an, wie es jetzt da steht. Ich könnte es auch alles noch wilder beschreiben. Dass ich gerissen bin, und nicht zu knapp z.B. oder dass es sich ohne PDA genau so angefühlt hat wie letztes Mal mit zwei PDAs. Aber das alles ist sowieso ein einziger Nebel. Von dem Moment an um kurz nach eins, als ich zuhause aufgewacht bin, bis zu dem Moment, wo ich den Kleinen zum ersten Mal auf dem Bauch liegen hatte, ist alles verschwommen und seltsam und irgendwie anders als abgesprochen und erwartet. Vor allem aber ist es diesmal fast egal. Damit will ich nicht sagen, dass ich jetzt auch finde, Mütter würden die Schmerzen und die Angst einfach vergessen, wenn es vorbei wäre - bestimmt nicht, ich erinnere mich ganz gut. Es war nur, als würde die Zeit anders laufen. Oder als hätte ich das geträumt. Oder als wäre es jemand anderem passiert. Oder als hätte ich unter dem Einfluss einer exotischen und nicht besonders empfehlenswerten Droge gestanden. Bis Michel dann da war. Und da war alles gut. Denn natürlich hatte die Hebamme Unrecht und es geht ihm bis auf die krummen Füßchen so gut, wie es ihm nur gehen kann. Er ist ein federleichter, rosiger kleiner Junge mit langen Armen, einer Stupsnase, erstaunlich viel Frisur (mehr als Kalle heute hat) und blauen Augen, die ziemlich ernst gucken. Und jetzt muss ich auch schon wieder Schluss machen mit Posten, denn der federleichte haarige Junge hat Hunger. Aber dazu (zum Thema Stillen) hoffentlich sehr demnächst mehr. Dann auch mit Foto. Liebe Abkürzungsdamen, vielen, vielen Dank für die Glückwünsche! Genau so einen wünsche ich euch auch, und zwar allen.

Freitag, 7. November 2014

Michel ist da!

Geboren am 5.11.2014 um 3:58. Es geht uns gut, wir sind völlig kaputt und sehr, sehr glücklich. Mehr von Zuhause aus!

Dienstag, 4. November 2014

Nei-en, verdammt noch mal.

Ich hatte schon immer ein Problem damit, Leuten etwas abzuschlagen. "Leute" können dabei selbst Personen sein, die mir eigentlich wurscht sind: Kollegen, Kunden, Taxifahrer, Passanten, was weiß ich. Egal, wie unbequem und blöd es gerade für mich ist oder wie sehr es meinen eigenen Interessen zuwieder läuft, wer irgend etwas von mir will, muss in den meisten Fällen eigentlich nur fragen. Ich bin Wachs in den Händen von fast jedem, der mich um irgend etwas bittet. Darauf bin ich nicht stolz, im Gegenteil, oft fühle ich mich dabei ziemlich wurstig.

Und jetzt das: mein Sohn, mein zauberhaftes Baby, will den ganzen Tag lang irgend etwas, und ich muss Nein sagen. Nein ist gerade mein meistgebrauchtes Wort. Mein Sohn möchte z.B. noch mehr Käse auf seine Nudeln, am liebsten die ganze Tüte! Nein. Er will nicht mit seinem Lego spielen, sondern mit meinem iphone. Nein. Er will die Fernbedienung, während ich gerade versuche, für L. sein Bundesligaspiel aufzunehmen. Nein. Er will in den Hundefutternapf greifen und sich ein Frolic angeln. Nein. Er will die Schere, er will meine Schilddrüsentabletten, er will L.s Weinglas, er will die hauchdünne geerbte Porzellantasse, er will das Küchenmesser, er will die Spülmaschinentabs. Nein, nein, nein, nein. Sage ich nein, fängt er an zu brüllen. Nicht lange, aber auch 20 Sekunden reichen schon, um mir durch und durch zu gehen. Es ist nicht nur, dass es mir sowieso so gegen die weiche Natur geht. Oder dass keine Mutter aufblüht, wenn ihr kleines Kind weint. Oder dass das Geräusch schon physisch so zermürbend ist. Oder dass ich gerade sowieso schon meine ganze klägliche Energie brauche, um irgendwie den Tag mit Baby und zum Platzen dickem Neunmonatsbauch zu überstehen und mein Nervenkostüm in Fetzen hängt. Es ist auch, dass ich mich manchmal frage, ob das wirklich alles so richtig ist - es geht ja nicht immer nur um seine Sicherheit, sondern oft auch darum, dass ich etwas einfach nicht will. Ich habe mein Baby schrecklich lieb, ich sehe es lieber glücklich strahlen als dicke Tränchen über sein Gesicht kullern. Ich bin mir sowieso so gut wie nie zu 100% sicher, und durchdringendes Babygebrüll hat eine Art, meine sowieso schon nicht auf Granit gebaute Entschlusskraft auszuhölen wie einen Schweizer Käse.

So, Mutti, und jetzt reiß Dich mal zusammen. Du bist hier der Boss. Sag Dir das immer wieder, wenn es sein muss, achtzig mal am Tag. Du tust der kleinen Wurst keinen Gefallen, wenn Du ihn damit durchkommen lässt. Er ist nicht nur besser dran ohne Küchenmesser und Schilddrüsentabletten, er ist auch besser dran, wenn er jetzt lernt, dass er nicht alles haben kann, was er will. Und glaub mir: nicht nur für Dich ist das hier gerade eine Kraftprobe, auch für ihn. Er sucht sich nicht umsonst gerade jeden Tag hundert Kriegsschauplätze, auf denen er seine Mäusekräfte gegen Dich erproben will. Das klingt vielleicht nicht nach weichgezeichneter Duzi-Duzi-Babywelt, aber so ist es. Du brichst ihm auch nicht das Herz, wenn Du gerade von der weichen, immer lieben Wunscherfüllungsmaschine zur eisernen Lady wirst - nach einer halben Minute sind die Tränen versiegt, und er strahlt schon wieder und findet etwas anderes, was ihn glücklich macht. Und um sein Glück geht es hier: in dieser Welt hat niemand eine Chance auf Glück, der nicht akzeptiert, dass andere auch einen Willen haben, dass dieser Wille dem eigenen manchmal entgegen läuft, und dass es manchmal ein bisschen dauert, bis wir bekommen, was wir wollen. Dass wir es manchmal auch gar nicht bekommen. Und dass nicht der Recht bekommen muss, der am lautesten brüllt.

Uff. Damit zurück in den Kampf.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Ob in Altona oder nicht, sagt euch gleich das Licht

Nu ist Schluss. Ob das Kind abgesehen von den Füßen ganz gesund ist oder nicht, ob es mit dem Kopf oder dem Po oder seinen exzentrischen Füßen nach unten liegt, ob es kommt, während L. am anderen Ende des Landes irgendein Quatschturnier spielt oder nicht, ob wir mit zwei Babies fertig werden oder nicht, das weiß ich alles noch nicht und werde es erst in ein paar Wochen wissen. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich es doch im UKE bekomme, egal ob quer oder längs. Heute habe ich mehrere Stunden in der Anmeldung zugebracht, unter Anteilnahme von fünf zwölfjährigen Medizinstudenten wurde noch ein Ultraschall gemacht, wieder bei der gleichen reizenden Oberärztin wie letztes Mal - "Wir kennen uns doch! Von Ihnen erzähle ich ganz oft, das ist die, bei der die Plazenta so doof lag und die einfach den Kaiserschnitttermin hat sausen lassen und die Knie so lange zusammen gelassen hat, bis die Plazenta richtig lag, und dann ging es los. Und dann war der Muttermund 400 Minuten lang ganz offen, bis das Kind kam!" - und jetzt, endlich, nach so vielen Wochen, habe ich das Gefühl, alles wird gut. Jetzt kann es kommen, egal ob mit dem Po oder dem Kopf voran. Wobei im Moment der Kopf unten liegt, aber das ändert sich nach wie vor zum Teil mehrmals täglich. Heute während des Ultraschalls z.B.: Start - Kind liegt mit Kopf rechts unten, also von vorne betrachtet auf acht Uhr. Zehn Minuten später - Kind liegt auf sechs Uhr, schön tief im Becken. Noch mal zehn Minuten später - fünf Uhr, ein gutes Stück weiter oben. Dann konnte man noch sehen, dass es durch Mund und Nase fleißig Atemübungen macht, was, wie mir versichert wurde, ein gutes Zeichen ist.

Ich kann mir nicht helfen, ich mag dieses Krankenhaus. Tut mir leid, liebe Kommentatorin von neulich, Altona muss nun jemand anderes austesten, ich bin mir übrigens sicher, die hätten das auch ganz toll gemacht, vielleicht hätte ich danach nie wieder einen Fuß ins UKE gesetzt - es war wohl so ein irrationales Mädchending. Inzwischen haben mir so viele Leute, die es wissen müssen, gesagt, dass ich mein Kind kriegen kann, wo ich will und dass wir die Behandlung unabhängig davon in Altona machen können wie nix - es braucht immer etwas länger, bis ich solche Dinge wirklich glaube, aber inzwischen ist die Botschaft angekommen. Und jetzt sehe ich natürlich Vorteile, wohin ich schaue. Dass wir nachts 15 Minuten dorthin brauchen und tagsüber höchstens 25. Dass meine Geburtshelferfreundin B. vom letzten Mal sich da schon auskennt und nur vor ihrer Tür in den Bus steigen muss, um hinzukommen. Dass auch ein Krankenwagenpersonal, mit dem ich vielleicht zu tun kriegen würde, kein Problem damit hätte, mich dorthin zu fahren statt ins wirklich allernächst gelegene Krankenhaus, in das ich ums Verrecken nicht will. Dass ich dort jetzt schon mehrere Ärztinnen und Hebammen kenne und mag. Dass ich den Weg dorthin ja nicht nur einmal machen muss, sondern, wenn Würmchen wie erwartet (und wie alle Würmchen seit Menschengedenken in dieser Familie) wieder zu spät kommt, alle zwei Tage. Dass sie dort perfekt vorbereitet sind auf jedes, wirklich jedes Problem, das unter der Geburt auftauchen könnte, und dass die Antwort auf all diese Probleme nicht unbedingt Kaiserschnitt und damit Endometriosesupergau heißt.

Liebe Abkürzungsdamen, das ist natürlich jetzt nicht sehr abwechslungsreich, manche wird ein Gähnen kaum unterdrücken können, wenn auch die zweite Geburt im UKE ist, aber - tut mir leid - Spannung steht auf meiner Geburtsprioritätenliste ziemlich weit unten. Nu isses eben so.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Mach aus.

Fast drei Monate ist Momo jetzt tot. Sie liegt bei der Tochter ihres alten Frauchens im Garten, die hat ihr bestimmt ein schönes Grab gemacht - wer weiß, vielleicht sogar mit einem kleinen Stein oder einer Hundefigur? Genau weiß ich es nicht, denn ich war noch nicht da. Als wir uns zuletzt gesehen haben, damals in der Klinik, hat sie noch zu mir gesagt, ich sollte doch mal vorbeikommen. Aber ich habe auch gesagt, ich würde meine Fotoarchive noch mal durchwühlen nach allem, was ich von ihr finden kann, und ihr die Fotos schicken, und auch das habe ich noch nicht gemacht. Ich hoffe, ich komme bis Weihnachten dazu, das auch tatsächlich zu tun und vielleicht sogar ein kleines Album zu machen - genau wie alle vorangegangenen Fotokollektionen in doppelter Ausführung, einmal für die Mutter, einmal für die Tochter. Andererseits, da war doch was... mal sehen.

Inzwischen ist das Leben ohne die alte Fluse ziemlich eingespielt. Direkt nach ihrem Tod kam z.B. Würmchen in die Kita, und für die Kita müssen wir ihm morgens ein Frühstück fertig machen - ein Brot und Obst. Während ich ihn anziehe, wartet dieses Frühstück in eine Brotdose verpackt im Korb seines Kinderwagens auf den Abmarsch. Würde Momo noch leben, wäre das nicht möglich. Sie würde sich im Zweifel durch eine Brotdose einfach durchfressen. Oder sie würde die Dose samt Inhalt verschlucken. Oder sie würde sie aus der Karre holen, in irgend einen Winkel schleifen und dort alles ausprobieren, was ihr einfällt (das wäre vermutlich eine Menge), um an den Inhalt ranzukommen. Es wäre jedenfalls nicht möglich, die Dose in die Karre zu tun und zehn Minuten später mit Kind und Dose und Frühstück das Haus zu verlassen. Ich bin froh, mir den Dosenstress morgens zu ersparen, aber es packt mich doch auch eine leise Wehmut, wenn ich sehe, wie lammfromm unser (auch verfressener, keine Frage) Hund Lili neben der Kinderkarre sitzt und im Zweifel die Dose eher noch bewacht als ausräumt.
Butter, Käse, überhaupt so ziemlich jedes Lebensmittel darf jetzt wieder in Randnähe auf Tischen und Küchenflächen liegen. Niemand holt ein halbrohes Steak aus der glühendheißen Pfanne. Backe ich einen Kuchen und renne kurz in den Keller, um die Backform zu holen, dann komme ich wieder, und niemand hängt mit der Nase in der Rührschüssel der Küchenmaschine und leckt sie aus, während der Quirl sich noch aufgeregt dreht. Niemand beißt mir die Handgelenke grün und blau, weil er gestreichelt werden möchte. Niemand haucht mich mit diesem Todesatem an, der nur entsteht, wenn ein Hund im Hochsommer durch Gebüsche streift und jede Spur Bierschiss frisst, die er finden kann. Niemand springt mir mit messerscharfen Nightmare-on-Elm-Street-Krallen in den Rücken oder in den Bauch und zerschlitzt dabei Seidenhemden, Strickjacken und nicht zuletzt meine schwangerschaftsbedingt sowieso schon strapazierte Haut.

Als ich frisch schwanger war, haben sowohl mein Vater als auch ein Freund von uns (der eine großer Hundeliebhaber, der andere nicht) zu uns gesagt: jetzt, wo noch ein Baby käme, würden wir ja wohl selbstverständlich unseren Pflegehund wieder abgeben? Das ginge doch nicht, mit zwei Hunden und zwei Babies? Das könnte kein Mensch erwarten? Wir waren perplex. Momo jetzt wieder abzugeben, kam uns ähnlich undenkbar vor, wie das erste Kind abzugeben, um mehr Zeit für das zweite zu haben. Naja, nicht ganz, aber es stand außerhalb jeder Diskussion. Natürlich würde das rummelig werden. Natürlich würden wir alle ordentlich zu tun haben. Natürlich würde es hier und da klemmen. (Das Auto z.B. - ein Auto, in dem zwei Kindersitze, ein Doppelkinderwagen, zwei Erwachsene, zwei Babies und zwei Hunde plus ihr ganzer Krempel für ein verlängertes Wochenende, ganz zu schweigen von einem Urlaub Platz haben, muss man erst mal finden. Und bezahlen. Und finden.) Aber das würden wir ja wohl hinkriegen?
Dann kamen dieser Kacktag im Juli, die dusseligen Putzleute und der silberne, viel zu schnelle Van, und jetzt ist es eben doch so: zwei Kinder, nur noch ein Hund. Unser Auto werden wir erst mal behalten, wir überlegen, einen dieser Dachsärge zu besorgen, in den dann die Karre und einiges Gepäck passt. Außerdem habe ich mir überlegt, dass für den Preis eines echten Vans - den wir ja nur bräuchten, bis die Kinder nicht mehr in der Karre sitzen - eine Menge Bahntickets und Taxifahrten drin sind, wenn wir also wirklich mal z.B. übers Wochenende in die Heide wollen mit der ganzen Bande, dann laden wir eben das Auto voll bis unters Dach, und Mutti fährt mit Würmchen I feudal im Taxi hinterher. Oder im Auto meiner Schwiegermutter. Oder wie auch immer. Ich schmiere morgens das Kitabrot und verschwende keinen zweiten Gedanken daran, wo ich es am sichersten aufbewahren kann. Und wenn alle Stricke reißen, dann werde ich auch jetzt im neunten Monat noch mal für eine kurze Strecke mit Kinderkarre und einem Hund an der Leine fertig.

Selten hat mich etwas, was so praktisch war, so rundum deprimiert.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Im Bett mit den Cazalets

Bei Manufactum gab es doch immer dieses von Trappisten gebraute Bier - Mönche, die ein Schweigegelübde abgelegt haben. Dieses Bier war abgesehen davon nicht besonders bemerkenswert. Und welchen Unterschied soll es machen, ob man beim Brauen ein Schwätzchen hält oder nicht? In den letzten zehn Tagen hättet ihr bei mir Trappistennudelauflauf, Trappistenschinkenbrot, Trappistenhühnchen und Trappistenkartoffeln mit Trappistenquark bekommen können, und das hat alles genau so geschmeckt wie immer. Einen Unterschied gab es aber schon: wenn ich nicht so viel zu erzählen habe, komme ich mehr zum Denken, und ich habe mir gedacht, während mein Sohn Hühnchen und Gurkensalat gegessen hat, dass ich gerne eine Idee nachmachen würde: die Idee von "Dinner - a love story"-Autorin Jenny Rosenstrach, ein Fresstagebuch zu führen. Also habe ich mir bei amazon ein hübsch in braunes Leder gebundenes Blanko-Buch bestellt, in das ich jeden Tag eintragen werde, was es zum Abendessen gab. Erstens, weil ich genau wie sie finde, diese eine echte Familienmahlzeit ist wichtig. Zweitens, weil es mich motivieren soll, wieder etwas abenteuerlustiger in der Küche zu werden. Drittens als schöne Erinnerung. Viertens, um den Überblick zu behalten, was wie ankam - die Desaster und die Volltreffer. Fünftens, weil das eine Sorte Tagebuch wird, die ich nicht eines Tages schamrot im Öfchen verbrenne. Sechstens, weil ich diesen ziemlich pompösen Hang zu Familientraditionen habe, und das könnte doch eine werden.

Siebtens, weil es mich davon ablenkt, dass mich diesmal die Aussicht auf die Geburt ziemlich nervös macht. Letztes Mal war ich doch so ruhig! Aber da wusste ich auch noch nicht, was auf mich zukommt. Diesmal weiß ich es nicht nur, ich habe auch (Dank der Klinik-Hebamme, an dieser Stelle noch mal ein herzlicher Gruß) deutlich mehr Schiss, dass etwas mit meinem Kind nicht in Ordnung sein könnte - abgesehen von den Füßchen. Und es dreht sich immer noch wie ein Brummkreisel. Mal liegt es quer, mal längs - so weit ich das beurteilen kann. Welche Rolle das spielen soll? Naja - ich würde wegen meiner Endometriose auch diesmal sehr gerne um einen Kaiserschnitt und die darauf folgenden neuen Verwachsungen drumherumkommen (die nicht passieren müssen, aber sehr gut passieren können, und ich habe keine Lust darauf, dass dieser Mist mir demnächst außer den Eileitern und Eierstöcken auch noch den Darm, die Blase und was noch alles abschnürt). Laut meiner Gynäkologin ist aber das UKE dann für mich die bessere Adresse, sollte das Baby immer noch quer liegen, wenn es so weit ist. Denn erstens machen sie in Altona bei Querlage wohl grundsätzlich einen Kaiserschnitt, und zweitens versuchen sie bei an der Bauchwand liegender Plazenta in diesem Fall auch keine äußere Wendung. Im UKE schon, und dort gibt es drei Oberärztinnen, die alle viel Erfahrung darin haben, querliegende Kinder vaginal zu entbinden, und von denen hat immer eine Dienst. Habe ich gesagt, ich weiß, was auf mich zukommt? Stimmt eigentlich nicht, ich habe nicht die geringste Ahnung, so lange dieses Baby nicht endlich mal eine Entscheidung trifft.
Jetzt habe ich also eine Überweisung für's UKE in der Tasche, aber keine Ahnung, was ich damit machen soll, denn das Kind ändert fast im Tagesrhythmus seine Meinung und seine Lage. Liegt es längs, ist Altona die erste Wahl. Liegt es quer, UKE. Eigentlich sollte das doch jetzt mal durch sein? Das Zappeln und Drehen (und das in die Blase treten)? Würde ich auf jede Drehung reagieren, dann hätte ich die letzten zehn Tage ausschließlich im Wartebereich dieser zwei fabelhaften Krankenhäuser verbracht, statt mich hier wie angeordnet auszukurieren. Was meine Stimme betrifft, hat der Arzt zu Inhalieren und Geduld geraten, und obwohl Geduld nicht meine starke Seite ist, wird es langsam. In den letzten 24 Stunden habe ich mich weg vom Hobbytrappisten hin in Richtung Dusty Springfield entwickelt. Inzwischen habe ich eine Theorie: ich bin in dem Moment wieder gesund, wenn ich mit der Cazalet-Saga durch bin. Fünf Bände gibt es, ich bin jetzt mit Band vier halb durch. Davon hatte ich schon erzählt, oder? Diese Bücher sind meine Lieblingsbuchentdeckung seit Game of Thrones, was jetzt einen völlig falschen Eindruck erweckt, denn sie sind auf vollkommen andere Art großartig. Erzählt wird die Geschichte einer großen Familie, der Cazalets. Band 1 beginnt zwei Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, inzwischen ist der Krieg vorbei, die meisten der Kinder sind erwachsen, und obwohl es bestimmt zwölf Hauptfiguren und zwanzig Nebenfiguren gibt, habe ich inzwischen fast alle davon richtig gern. Wenn das so weiter geht, werde ich eines Tages sogar noch mein Herz für Raymond, Nora oder Neville entdecken. Ab und zu muss ich an Downton Abbey denken, obwohl die Cazalets nicht annähernd so reich sind wie die Crawleys - die aber fast den gleichen Effekt hatten: irgendwann mochte ich sogar O'Brien, Edith sowieso, und wenn der spröde Dorfdoktor und Cousin Isobel nicht irgendwann heiraten, werde ich das sehr, sehr persönlich nehmen. Und jetzt muss die Blogtante die Plapperbude schließen und weiterlesen, ich will schließlich irgendwann wieder gesund sein.

Samstag, 18. Oktober 2014

Schöner Mist.

Vor zehn Minuten ist das Kind eingeschlafen, gerade habe ich ihn in sein Bettchen umgebettet (was er sich heute nach einem langen, tobigen Tag ohne Mittagsschlaf gefallen lässt wie ein Gemüse), und jetzt liege ich hier und kann mich ein bisschen in meinem Viren-Elend suhlen. Ach ach ach. Ach ach ach ach ach. Als ich Montag Morgen aufgewacht bin und immer noch keine Stimme hatte, dachte ich noch "Jetzt lege ich mich mal fein ins Bett, nutze aus, dass ich heute so gut wie gar nicht nach dem Kleinen gucken muss, päppele mich mit allem, was die Schwangerschafts-Apotheke hergibt, trinke literweise die scheußlichsten Tees und glotze Videos, und dann wird das schon wieder. Mittwoch zum Mädchenabend bin ich fit, spätestens Samstag aber, wenn die Berliner Damen zu Besuch kommen, auf jeden Fall." Das gleiche dachte ich Dienstag auch. Mittwoch wieder, wenn auch schon mit Fragezeichen dazwischen. Heute ist Samstag. Seit gestern habe ich nicht nur keine Stimme und einen Husten, der sich in jedem Kriegsfilm-Lazarett gut machen würde, sondern auch noch Halsweh. Die Berliner Damen sind da, sie sitzen jetzt in diesem Moment alle in einer muckeligen Küche in Eimsbüttel, nur zwanzig Minuten Autofahrt entfernt. Sogar einen Parkplatz würde ich kriegen, da kriege ich immer einen Parkplatz! Schön, über den freut sich nun jemand anderes, denn mit mir ist heute nicht zu rechnen. Morgen auch nicht. Im Moment denke ich noch: nächste Woche aber sicher! Aber wer weiß das schon?
Also gut. Denken wir an das Positive. Seit Sonntag ist Huckleberry dem täglich ausgesetzt und hat sich bisher nicht angesteckt. Im Gegenteil, er war selten so munter, aufgekratzt und gesprächig wie jetzt. "Brararararara. Lalalalarararara. Rololololororororo. Diss." So geht das den ganzen Tag. Dazwischen klettert er Bücherregale und Treppen hoch und runter, startet alle Elektrogeräte, die er erreichen kann, spielt mit dem Hund und verteilt seine Duplosteine in alle Winkel. Beim Einkaufen flirtet er jede ältere Dame in Grund und Boden, ich muss aufpassen, dass ihm nicht jede Einzelne davon einen Keks oder ein Würstchen in die Hand drückt, sonst endet es übel mit ihm.

Aber ein bisschen traurig bin ich auch. Nein, im Blog wollen wir ja ehrlich sein, sehr traurig an der Grenze zur 24-Stunden-Depression. Denn trotz all dieser Mutterfreuden halten die Bedürfnisse von vor dem Würmchenwunder nicht automatisch die Klappe. Ich finde, einmal pro Woche müsste es möglich sein, meine Freundinnen zu sehen, wenigstens die kleine Runde. Und wenn nicht, dann doch alle zwei Wochen. Und alle zwei oder drei Monate auch die große Runde. Ich freu mich auf diesen Abend (und auf das Frühstück morgen, das ich auch ausfallen lassen muss) schon seit Wochen. L. ist schon extrem genervt, denn in diesen Wochen habe ich keinen Tag verstreichen lassen, ohne ihn daran zu erinnern, damit er es auch bestimmt nicht vergisst: gell, am 18. geht Mutti aus. Den ganzen Abend. Sie wird vermutlich das Haus verlassen, bevor der Kleine schläft, das musst Du dann also machen. Und es kommt noch wilder: am nächsten Morgen gleich wieder! Dann verschwindet sie für bestimmt drei Stunden, um wie andere Leute auch mal ohne Kind in einem Café zu sitzen und Rühreier zu essen, die niemand vorher in seinen kleinen starken Fäusten zerquetscht hat. Und L. war einverstanden, L. hatte sich hundertprozentig auf seine Babysitterrolle eingestimmt, L. war mehr als klar, dass er heute und morgen keine Fußballverabredung, keinen Jungsabend und keinen Kurzurlaub planen sollte. Es wäre perfekt gewesen! Wenn nicht diese beschissenen Viren wären, für die ich mich glaube ich bei meiner Schwiegermutter bedanken kann, die neulich hustend hier auftauchte, weil sie so gerne den Kleinen sehen wollte. In den letzten Wochen lag es fast immer an mir, immer war irgendwas mit Gesundheitsbezug. Und so kommt es, dass ich Anfang August zum letzten Mal in dieser Eimsbütteler Küche gesessen habe. Seitdem waren die Damen in kleiner Runde noch einmal bei mir, und das war es. Demnächst habe ich nicht nur ein Kind, sondern zwei, und das Zweite werde ich die ersten Monate stillen. Dann wird es nicht unkomplizierter. Dankbarkeit hin oder her, ich vermisse das: Wach sein, wenn alle Kinder schlafen, ratschen, meinetwegen auch Wein trinken und rauchen, Unfug reden, noch irgendwo andershin gehen, überhaupt wo hingehen, mich aufbrezeln und heute mal ohne Leine unterwegs sein. Ach ach ach ach ach.

Bleibe ich also heute mal zuhause, oder? Ist doch auch mal schön.