Montag, 1. Dezember 2014

Schlute Zeiten, Gechte Zeiten. Erster Teil.

Kurz nachrechnen und voller Stolz feststellen, dass ich jetzt seit vier Tagen keine Premilch zugefüttert habe. Alles selbstgekocht! Und das Baby lebt! Und wächst! Und nimmt zu! Und macht sich in die Hose! Man kann es riechen.

Eine Stunde später entnervt eine Flasche Premilch anrühren, weil er trinkt und trinkt und trotzdem mit meinen Bordmitteln nicht glücklich zu machen ist.

Stillen mit dem strahlenden Kalle daneben, der erst dem Kleinen über den Kopf streichelt und dann immer noch strahlend dazu übergeht, ihn kräftig in den Kopf zu kneifen, an seinen Haaren zu ziehen und sich mit vollem Gewicht an seinen Kragen zu hängen. Was mache ich dann? Ich sage nein. Ich sage nein und setze den mütterlichen Donnerblick auf, der laut dem französische-Nervensägen-Buch so wirksam sein soll. Ich sage, wenn du es jetzt nicht lässt, kommst du in den Stall (dabei kurz bedenkend, dass der Laufstall ja eigentlich nicht zur Strafkolonie werden soll), er zwickt weiter, und ich lege Michel kurz ab und trage Kalle ohne weitere Diskussion in den Stall, wo er brüllt. Und brüllt. Und brüllt.

Innerhalb von drei Wochen die Virenstämme Noro, Rota und Entero hier durchzuwinken und fünf Minuten nach der Abreise von Entero die ersten zarten Krümel an Kalles Wimpern zu entdecken, ein zuverlässiges Zeichen, dass er sich jetzt gerade meine Bindehautentzündung fängt und nächste Woche wohl wieder zuhause sein wird. Vermutlich durchgängig.

Kalles leuchtende Augen, wenn ich die erste Kerze am Adventskranz entzünde, und ihn hingerissen an einem Stück Berliner Brot nagen zu sehen - die stahlharten Kekse, die schon meine Oma gebacken hat, und die hoffentlich auch in hundert Jahren noch in dieser Familie untrennbar zu Weihnachten gehören. (Wer hätte gedacht, dass man sich mit einem so harten Keks so vollschmieren kann?)

Mich trotz Doppel-IVF-Erfolg immer noch bis zur Weißglut über die Firma Ferrero und ihre gedankenlose bis hinterfotzige "Was wäre Weihnachten ohne Kinder?"-Kampagne aufzuregen.

Die heißersehnte erste Tasse Tee des Tages nach einer völlig zerbrüllten Nacht jetzt zum achten Mal in die Mikrowelle zu stellen, vielleicht klappt es ja diesmal, sie wenigstens lauwarm zu trinken?

Mit L. die Sorte Streit zu führen, bei dem man sonst immer dachte, wenn ein Paar sich im Großraumabteil oder am Nachbartisch SO streitet, "Ach bitte, tut doch der Welt und vor allem euch den Gefallen und trennt euch, ist sicher besser so". Und zwar vor den Ohren der Kinder.

L. dabei zu sehen, wie er Flugzeug mit Kalle spielt oder Fußball guckt mit dem schlafenden Michel auf dem Bauch.

Einen offiziell aussehenden Brief zu öffnen und verblüfft festzustellen, dass Michel jetzt immerhin schon eine Steuernummer hat. Gut zu wissen, oder?

Siebzehn noch in Zellophan verpackte DVDs, die ich noch vor Kurzem unbedingt haben musste und jetzt vermutlich erst dann angucken kann, wenn man DVD-Player nur noch auf ebay bekommt unter Stichworten wie "Vintage! BOHO! Kate Moss!"

Jedes Mal, wenn Pläne für irgend etwas Spannendes oder Lustiges in der Zukunft gemacht werden, als erstes zu denken "Das schaff ich nicht. Das schaff ich nie. Wie soll das gehen? Das geht nicht. Nicht mit zwei Babies."

Die drei Meter lange Textstrecke im Kita-Verteiler zu folgendem Thema: die Kita kriegt den Durchfall nicht in den Griff. Jetzt soll im Foyer in anderthalb Metern Höhe ein Pumpspender stehen, mit dem sich bitte alle Eltern beim Kommen und Gehen die Hände desinfizieren. Aber was, wenn das Desinfektionsmittel in die Augen der Kinder spritzt? Ist es nicht schädlich, wenn man mit chemisch desinfizierten Händen kurze Zeit später sein Baby berührt? Ruiniert das Sagrotan unser Immunsystem? Sind die von der Kita verwendeten Reinigungsmittel nun zu scharf oder zu schwach? Gibt es da nichts Homöopathisches?

Und dabei zu denken, wir können uns hier alle einen Wolf desinfizieren und SMSen, so lange unter all diesen Kita-Eltern nur ein Paar ist, das es einfach nicht raffen kann oder nicht raffen will und weiterhin dem Kleinen noch fünf Minuten vor Aufbruch die durchgesuppte und zum Himmel stinkende Windel wechselt, ein wenig Raumspray versprüht, ihn trotzdem in die Kita bringt und sich schnellstmöglich mit abgeschaltetem Handy entfernt.

Die knallroten Blutergüsse in Michels Augen, die noch von der Geburt stammten und die seit ein paar Tagen verschwunden sind. So dass er jetzt einen ganz klaren, wachen Blick hat. Und Wimpern wachsen ihm jetzt auch.

Das Kunststück zu schaffen, mit zwei Kindern im Arm abends im Bett zu liegen, alle drei satt, gewaschen und in sauberen Pyjamas, und dann zu hören, dass beide friedlich und ruhig atmen und schlafen. Endlich.

Mich dann nach einer Weile wieder nach unten zu schleichen und noch schnell das Legotrümmerfeld vom Tag zu beseitigen. Die dreckigen Lätzchen in die Wäsche zu tun, die Fläschchen zu spülen und in das Dampfdings zu stellen, den Spinat vom Tisch zu wischen und das Hochstühlchen gleich mit zu kärchern, die Bauklötze in den Bauklotzsack zu tun, die Plüschtiere in die Plüschtierschublade, und dann sieht es hier fast aus wie bei normalen Menschen.

Mit dem riesigen Geschwisterwagen durch einen Supermarkt zu schieben und von einer fremden alten Dame mit Grabesmiene angesprochen zu werden: "Na, das ist ja eine Doppelbelastung. Sie Arme, Arme, Arme. Herrje."

Zu sehen, wie Kalle zehn Minuten lang hingerissen mit einem bunten Herbstblatt spielt.

Diesen Dienstag schon den vierten Gips an Michels Bein zu bekommen und zu sehen, wie gerade sein Füßchen jetzt schon aussieht. Wenn wir nicht die Erinnerungsfotos hätten, würden wir es in ein paar Wochen selbst nicht mehr glauben, wie krumm das alles mal war.

Kalles erste Schritte. Neben der blauen Truhe ist er aufgestanden und bis zu L. auf dem Sofa gelaufen. Zwei Meter fünfzig! Einfach so, nachdem wir es seit Monaten mit allen Tricks vergeblich versuchen. Und ich habe es noch nicht mal gesehen, weil ich nebenan gesessen und Michel gestillt habe.

Kommentare:

  1. Witzig... diese ferrero werbung habe ich so noch NIE verstanden... ich hab immer automatisch Schokolade hinten dran gedacht... aber du hast vollkommen recht! Perfide!
    Und die Steuernummer brauchst du... für den kindergeldantrag oder für die Krankenkasse... aud irgendeinem dieser vielen Formulare wird das verlangt.
    Lg

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  2. Liebe Flora,

    ich trau mich gar nicht so recht zu kommentieren, da ich noch nicht mal zum zweiten Hasen gratuliert und mich einfach nur still gefreut habe, aber ich tue es dann doch...
    Was uns geholfen hat beim stillen ( in unserem Fall Fläschen geben ) war, Annabell auch was zu trinken und evtl. einen Keks oder so anzubieten, wenn Stillzeit war. Dann konnte sie neben uns sitzen und hatte die selbe Aufmerksamkeit wie das Brüderchen - "Snacken mit Mama auf der Couch". Damit was Eifersucht oder Aufmerksamheit erzwingen nicht mehr nötig.

    Die liebsten Grüsse,
    Schoko aus NL

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  3. wahrscheinlich zu spät, aber falls ihr noch mal was neues anschaffen wollt, was n bisschen weniger platz wegnimmt als mega-geschwisterwagen: http://www.kugelfisch-blog.de/2014/10/kinderwagen-fur-2u2-buggypod-smorph-2.html

    und jaaaa, ich schaff auch nix… seit 3 monaten steht hier ne haarfarbe rum, die wollte ich mir auf den kopf klatschen… und unausgepackte umzugskartons, unaufgebaute kommode… egal, wenn alle im bett liegen, ist alles gut :-)

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