Montag, 22. Juni 2015

Angekommen.

Wir sind wieder da. Also, gelandet sind wir letzten Mittwoch um halb acht. Aber wirklich wieder da bin zumindest ich erst jetzt. Mit der Zeitverschiebung auf dem Hinweg sind wir immer gut klargekommen, der erste Abend fühlt sich einfach an wie eine lange, lange Hamburger Kneipennacht. Danach schlafen wir, so lange wir können, und ab dann läuft es. Zurück ist schwieriger. Seit Mittwoch habe ich jeden Tag die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und ich endlich schlafen gehen kann, und wenn es dann so weit war, lag ich hundemüde und hellwach zugleich da und habe zugeguckt, wie es draußen schon wieder heller wird. Zombies schreiben keine Blogposts, darum habe ich das genau wie die Bügelwäsche seit Tagen vor mir hergeschoben. Liest hier überhaupt noch jemand? Für die paar dürren Zeilen zum Thema Schlafentzug, Dankbarkeit vs. Undankbarkeit und all den anderen täglich-grüßt-das-Muttertier-Kram? Mal sehen.

Jedenfalls:
Jakob kann krabbeln! Seit bestimmt vier Wochen geht er schon auf Hände und Knie und hobelt dann mit Begeisterung vor und zurück. Zwischendurch hat er sich auch auf die Füßchen gestellt, eine Art herabschauender Hund. Aus dieser Position ist er dann manchmal auf die Nase gekracht, das kann nicht schön gewesen sein, aber es hält ihn nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Und aus dem Hobeln ist inzwischen eine ziemlich gezielte Vorwärts- oder im-Kreis-Bewegung geworden. Ich lege ihn auf den Teppich, platziere ein buntes Spielzeug zwei Meter entfernt, und er macht sich auf den Weg. Weil er aber immer noch am liebsten den ganzen Tag auf meinem Arm sein würde, robbt er auch oft hinter mir her, und sobald ich stehen bleibe, ziehen zwei kleine Hände von hinten an meinen Hosenbeinen. Erstaunlich stark ist er auch, es kommt der Tag, da klettert er einfach an mir hoch wie an einem Laternenpfahl. Und weil Schlaf immer noch die alles verdunkelnde Gewitterdenkwolke über meinem Kopf ist, war spätestens mein zweiter Gedanke dazu: wie schön, vielleicht macht ihn das müder und wir schlafen demnächst durch? Ganz eventuell?

Ich darf nicht zu viel über Schlaf schreiben, sonst hypnotisiere ich mich selbst und krache gleich mit dem Kopf in die Tastatur, darum bringe ich es schnell hinter mich und dann auf zu neuen Themen. Seit Neuestem greife ich nachts zum Telefon, wenn ich ihn gefüttert habe, und schreibe auf, wie viel Uhr es ist. Die Idee war, dass ich so mit einem Blick auf mein Telefon sehen kann, dass es in der Tat besser wird, die Abstände länger usw. Jetzt ist es aber leider so, dass ich mit einem Blick auf mein Telefon sehe, dass es nicht besser wird. Während meine Eltern hier heldenhaft die Stellung gehalten haben, war Jakob ebenfalls groß in Fahrt. Es tat mir leid, ich hätte ihnen eine etwas entspanntere Großeltern-Woche gewünscht. Aber ein klitzekleiner Teil von mir war auch ein bisschen erleichtert, nicht als Jammerlappen dazustehen, weil ich immer von Müdigkeit und Gebrüll erzähle und die Kinder plötzlich beide schlafen wie die Engelchen.

Ich hab die Kinder wirklich vermisst. Aber ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben. Es gibt verschiedene Arten von Erholung: die mit viel Schlaf, Bademänteln, Haarkuren und Herumlungern. Das hier war die andere. Auch im Urlaub haben wir selten mehr als fünf Stunden geschlafen, jeden Tag sind wir Kilometer um Kilometer weit herumgelaufen, und es war so heiß und schwül, dass ich an manchen Tagen drei mal geduscht habe. (L., das Wundertier, schwitzt nie.) Aber erholsam war es trotzdem, so viel Zeit zu haben, endlich mal wieder auszugehen, ohne auf die Uhr zu gucken, den ganzen Tag beide Hände frei zu haben, zu essen, ohne dass eine kleine Patschhand sich über den Tellerrand schiebt, die Zeitung zu lesen, ohne dass die gleiche Patschhand die Seiten zerkrumpelt und jede Menge kleine, scharfe und/oder stachelige Gegenstände herumliegen lassen zu können, ohne dass jemand auf die Idee kommt, damit Selbstmord zu begehen. Jeden Tag habe ich mir Kinderfotos auf dem Telefon angeguckt, und jeden Tag hatte ich meine sentimentalen zehn Minuten, in denen ich mich sofort nach Hause gebeamt hätte, wenn möglich. Zum Glück war es nicht möglich, denn die restlichen 23 Stunden und 50 Minuten war ich sehr glücklich, zu sein, wo ich war. Und jetzt bin ich wieder hier und auch darüber sehr froh. Jakob krabbelt und strahlt jedes Mal, wenn er mich sieht (es sei denn, nachts zwischen zehn und fünf Uhr früh), und Boje plappert und plappert und sagt die niedlichsten Sachen, reißt seit Neuestem sogar selbstgemachte Witze und erwärmt das müde Mutterherz, wo und wie er nur kann.

Jakob kann nicht nur krabbeln, sondern ist auch mordsmäßig gewachsen. In die Babyschale des Einzelkinderwagens passt er schon lange nicht mehr. Wenn Boje in der Kita ist, bin ich deshalb öfter mit ihm alleine im Doppelkinderwagen unterwegs. Und es vergeht wirklich keine noch so kurze Fahrt, ohne dass ich mindestens einmal von einer fremden Person gefragt werde, wo denn das Zweite ist? (Mit "fremder Person" meine ich wirklich fremde Person, die Kassiererinnen im Supermarkt usw. zähle ich da schon gar nicht mehr zu.) Ich antworte immer noch freundlich, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich das immer weiter tun werde. Denn die Nachfragen kommen auch nicht immer im netten Plauderton, sondern manchmal ganz schön drängelig und zurechtweisend. Als würde die fragende Person befürchten, ich hätte Nummer zwei einfach irgendwo liegen gelassen und es nicht bemerkt. Eigentlich müsste ich mich inzwischen dran gewöhnt haben, dass Mütter und ihre Kinder für viele Leute zum Kommentieren da sind. Neulich war ich mit Jakob im Doppelkinderwagen in einem Reformhaus. Der Wagen passte gerade so durch den Eingang, aber der Laden selbst war zu eng und vollgestellt. Also habe ich ihn kurz vor dem ersten Regal im ansonsten leeren Laden geparkt, um eben schnell mein vorbestelltes Shampoo an der Kasse einzusammeln. Zack, ging die Tür auf, eine ältere Frau pflanzte sich vor dem Kinderwagen auf und bellte mich an: "Gehört dieses Kind zu Ihnen?", erzählte mir was von verschwundenen Kindern, Verantwortungslosigkeit und versuchte dann, den Kinderwagen doch noch hinter mir herzuschieben. "Ein Kind gehört zur Mutter!" Es gab schon samstägliche Marktgänge, bei denen mir innerhalb weniger Minuten erst jemand sagte, meine Kinder wären zu kalt angezogen, und dann jemand anderes, ich sollte ihnen doch die Jacken ausziehen, die würden ja überhitzen. Die Reformhaus-Frau lieferte auch gleich die Begründung für ihr mutiges Eingreifen ab: heute wäre Zivilcourage gefordert, und sie würde nicht mehr schweigen, wenn sie "so etwas" sieht. In was für einer Welt leben wir, in der Mütter ihre Kinder einfach neben dem Regal mit den veganen Pasten parken und sich bis zu zwei Meter von ihnen entfernen? Andere wollen vielleicht einfach nur ein nettes Pläuschchen halten, wer weiß. Trotzdem wäre ich froh, sie würden einen anderen Anknüpfungspunkt finden. Ich hasse Einmischen, ich lasse es grundsätzlich bei anderen sein und wäre froh, wenn sie das genau so täten. Und unter den freundlichen Antworten staut sich ein so dicker Klops Gereiztheit an, dass vielleicht eines Tages jemand die volle Packung abbekommt, der doch nur nett fragen wollte... und sich nichts dabei gedacht hat... und es gar nicht böse gemeint hat. Und das täte mir leid.






Donnerstag, 11. Juni 2015

Die Anzeichen häufen sich.

An den Straßenecken knien Frauen und tauschen High Heels gegen Turnis oder umgekehrt.
Hinter der Sorte Fensterdeko, die bei uns überhaupt kein gutes Zeichen ist - schiefe Metalljalousien oder zerknitterte, angegammelte Rolleaus - verbergen sich hier unbezahlbare Luxusbuden.
Heute ist mir schon dreimal der gleiche dicke Mann begegnet, der mit freiem Oberkörper vor dem Weltuntergang warnt.
Obwohl die Bußgelder dafür bestimmt so hoch sind wie die für Rauchen in Parks, hupen die Autofahrer wie auf einer türkischen Hochzeit.
Ich werde täglich 20 mal gefragt, wie es mir geht, und 24 Stunden hier reichen, um meine Einstellung in puncto Klimaanlagen um 180 Grad zu wenden.
Der Portier in meinem Hotel ist um Längen besser angezogen als die meisten Gäste. Und eine der Hauptsorgen vieler Menschen scheint zu sein, beim Essen zu ersticken.

Auch wenn die Beweise überall klar und deutlich vor meinem rotgeränderten Augen stehen, kann ich es immer noch nicht so richtig glauben: wir sind in New York. Und die Kinder sind Zuhause, in der Obhut ihrer Großeltern. Eine Woche, in der wir schlafen können. Oder uns mittags um drei einen Film angucken. Oder schwarze Sachen anziehen ohne weiße Milchsabberflecken. Oder tanzen gehen. Oder ins Konzert. Oder einfach ein paar Stunden ziellos herumlaufen - hier ist es überall toll, und mal sehen, was so passiert. So viele Möglichkeiten!

Und nein, so leid es mir tut, meine Eltern kann man nicht mieten.

Dienstag, 19. Mai 2015

Sechs Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben

Als ich heute morgen Bojes Windel geöffnet habe, kam mir eine dicke Fliege entgegen gebrummt und hat eilig das Weite gesucht. Wie auch immer meine Nacht war: ihre war jedenfalls schlechter.

Ich habe einen ganz tollen Mütter-Blog entdeckt, und jetzt gähnen vermutlich alle, weil sie ihn längst kennen: the ugly Volvo. Den hätte ich gerne selbst geschrieben, bin aber leider nicht lustig genug. Ich bin sehr glücklich, eine Mütterseite gefunden zu haben, auf der es nicht um diese ewigen angeblich magischen Momente und um Deko geht.

Politik für Kleinkinder scheint out zu sein. Boje bekommt seit ein paar Wochen gerne vorgelesen. Er schleppt ein Buch nach dem anderen an. Die meisten handeln vom Einschlafen (Gute Nacht Gorilla, das Einschlafbuch, bei dem man immer das Licht ausmachen muss und dessen Titel ich vergessen habe, Gute Nacht Karlchen...), haben aber keine einschläfernde Wirkung, im Gegenteil: Boje ist sehr aufgeregt, wenn er die einzelnen Tierarten findet und ihre Namen kräht. "PASCHE! ASCHE! PANT! HASE! PERD!!! DIEL!!! HYÄNE!!!!! LULLA!!!!! BOSCH!!!!!!!!!" usw. Jedenfalls ist mir aufgefallen: als ich klein war, ging es selten ab ohne eine wichtige, gesellschaftskritische Botschaft. Es gab z.B. den Maulwurf Grabowski, der handelt davon, dass die Bauarbeiter die schöne grüne Wiese des Maulwurfs kaputt machen und ihn aus seinem Zuhause vertreiben. Dann muss er fliehen - vor dem Bagger, über Straßen, es ist schrecklich - und am Ende findet er eine neue Wiese. Ich weiß noch, dass ich als Kind ganz bang dachte: schön, aber für wie lange? Wann kommen auch hier die Bauarbeiter und knallen da ein Hochhaus hin? Es gab dieses Buch, bei dem man erst ein schönes grünes Dorf sieht, und dann sieht man, wie im Lauf der Jahre eine pottenhässliche Betonwüste daraus wird. Ich hatte eine Schülerzeitschrift, die Flohkiste. Auf dem Titel waren z.B. durch sauren Regen zerstörte Bäume und darüber ein Zifferblatt, auf dem es fünf vor Zwölf war. Im Heft ging es auch um das Artensterben, um den Hunger in der dritten Welt, um die Bedrohung durch Atomkriege und Supergaus, um Müllberge oder darum, was alles schief gehen kann, wenn Kinder mit Plastiktüten oder Elektrogeräten spielen. Meine Kindercassetten waren von Christiane und Frederik, die sangen z.B. davon, wie die Leute sich an den Kastanienbaum ketten, damit der Baulöwe ihn nicht umhaut, oder gegen Ausländerfeindlichkeit und davon, dass wir die Gastarbeiter brauchen, oder davon, wie hart das Leben eines Landwirts ist, wenn er für seine Milch und sein Getreide zu wenig Geld bekommt. Meine Eltern waren bestimmt keine linken Aktivisten, aber so war das damals. In der Schule lasen wir dtv Junior-Bücher, in denen es um Drogen und Behinderung und den Holocaust ging. Heute gibt es das nicht mehr, oder irre ich mich? Ich habe das Gefühl, in Kinderbüchern geht es um Tierarten, um Spaß, um kleine lustige Abenteuer und darum, dass abends alle in ihrem Bettchen liegen und glücklich einschlafen. Im Froschteich schwimmt kein Müll, auf der Wiese rückt niemals ein Bagger an, und der Wald sieht so grün und saftig aus wie vor hundert Jahren. Was ist da los?

In drei Wochen steigen L. und ich in zwei unterschiedliche Flugzeuge und fliegen nach New York. Die Kinder bleiben hier in der Obhut ihrer liebevollen Großeltern, ein Kindermädchen kommt jeden Tag und hilft für ein paar Stunden, und die Kita ist ja auch noch da. Zwei unterschiedliche Flugzeuge, weil meine Mutter das gerne so möchte; sollte ein Elternteil abstürzen, ist noch einer übrig. Damit beginnt dieser Urlaub für mich schon so, wie er besser kaum beginnen könnte: vom Start über den Zwischenstopp in Amsterdam bis zur Landung habe ich zehn Stunden Zeit zu lesen. Aber auch sonst bin ich hysterisch vor Tatendrang. Ich muss aufpassen, dass die Liste der Absichten nicht so lange wird, dass der Urlaub sich am Ende auf jeden Fall wie ein Reinfall anfühlt, weil ich nur zehn Prozent davon geschafft habe. Ich habe schon oft und sicherheitshalber noch öfter geschrieben, wie dankbar ich bin, Kinder zu haben. Aber gerade bin ich mindestens so dankbar, Eltern zu haben. Oma&Opa, Hip Hip Hurra!

Ich weiß nicht genau, wie viele Haare man als durchschnittliche Erwachsene hat, aber ein großer Teil davon hält sich gerade nicht auf meinem Kopf auf. Die Mauser nach der Geburt ist da, seit sechs Wochen, und macht keine Anzeichen, endlich zu Ende zu gehen. Während der Schwangerschaft habe ich so gut wie keine Haare verloren, jetzt dafür alle auf einmal. Damals habe ich alle drei Wochen mal die Haarbürste saubergemacht, jetzt dreimal am Tag. Ich muss täglich saugen, sonst werde ich verrückt. Wenn ich eine Jacke anhatte, kann ich anschließend zwischen zwölf und dreißig Haare aus der Kapuze klauben. Ich traue mich nicht mehr, für Gäste zu kochen, und wenn ich für die Familie koche, setze ich eine Mütze auf. Jakob fiestere ich ständig Haare aus den Fäustchen, und jetzt höre ich auf darüber zu schreiben, denn es ist wirklich sehr, sehr widerlich alles. Mal ehrlich, sechs Wochen, das reicht doch jetzt?

Gestern war ich mit L. und Jakob unterwegs und noch dreißig Meter von der Straße entfernt, als die Fußgängerampel grün wurde. Da sind wir dann rübergerannt auf die andere Seite. Und ich musste nicht nach Hause gehen, duschen und mich umziehen. Beckenboden, bald bist du reif. Ich fürchte, ich werde heulen, wenn es wirklich so weit ist, ich durch den Park trabe, und das Pipiproblem muss zuhause bleiben und darf nicht mit.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich schreibe diesen Post nach einer Nacht, die ich vor allem auf Knien verbracht habe: kniend im Bett über Jakob, der starkes Fieber hatte und ständig neue kalte Wickel brauchte, die ich dann in Position halten musste, während er sich hin und her gebogen hat wie eine Stahlfeder und einfach nicht zur Ruhe kam. Gestern war sein letzter Impftermin vor dem ersten Geburtstag, und obwohl wir bei allen anderen Impfterminen (auch bei Boje) so weit ich mich erinnere ohne Nebenwirkungen davongekommen sind, hat es uns diesmal erwischt. Das erste Fieberzäpfchen hat er gestern abend um sechs bekommen, das zweite dann heute Nacht um zwei, und die Schwierigkeit bestand darin, dass ich dachte, ich hätte es richtig eingeführt, während es in Wahrheit nur in der Ritze klemmte und schon halb geschmolzen war, bis ich meinen Irrtum bemerkte, so dass ich keine Ahnung hatte, wie viel davon jetzt angekommen war bzw. wie viel ich im Notfall nachschieben können würde. Daher: kalte Wickel. Die haben dann auch geholfen. Jetzt sitze ich hier, kralle mich an meine Tasse extrastarken Tee wie selten, und schreibe immer noch voller Überzeugung: liebe Impfgegner, hier bitte nicht. So fusselhirnig ich sonst auch sein mag, und so sehr es mir gegen den Strich geht, hier Kommentatoren wegen ihrer gegenläufigen Meinung abzuwatschen - falls ihr eure Kinder nicht impfen lasst, will ich weder eure Gründe dafür hier lesen noch irgendwelche Versuche, denen Angst zu machen, die es tun.

Das Fieber ist weg, die kleinen Pflaster mit den Marienkäfern drauf habe ich ihm gerade von den Beinchen geknibbelt, jetzt liegt er in seinem Stubenwagen und kräht und lacht. Was auch immer die Welt noch an Ärger und Gefahren für ihn bereit hält: Masern, Kinderlähmung und Tetanus gehören nicht dazu, und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Dienstag, 12. Mai 2015

Überraschungsmenü

Als meine Geschwister und ich Kinder waren, hatte meine Mutter es bei Tisch ziemlich schwer mit uns. Sie wollte, dass wir vernünftig essen. Sie tat eine ganze Menge, damit das passiert. Es kam so gut wie nie vor, dass wir einfach Nudeln mit Tomato al Gusto bekamen oder eine Tiefkühlpizza - sie kochte richtig, mit Mühe, Abwechslung, und jede Menge Hirnschmalz wanderte vermutlich auch in die Planung und Zubereitung dieser Mahlzeiten. Meine Mutter war keine Hausfrau, sie arbeitete als Lehrerin, und die Zeit, die ihr von Feierabend bis Mittagessen blieb, war kurz - trotzdem stand fast immer ein drei-Komponenten-Gericht auf dem Tisch. Kohlrabi mit Kartoffelpüree (selbstverständlich selbstgemacht und nicht aus der Tüte) und Frikadellen. Bratkartoffeln, Rotkohl und Bratwurst. So etwas erfordert Planung und Sorgfalt, vor allem, wenn man wie wir ein gutes Stück weit weg wohnt vom nächsten Supermarkt. Und das war der Dank: Es war fast egal, was sie kochte, es gab Stunk. Selbst wenn das Essen uns schmeckte (sprich: wenn wir es ohne Murren in uns reinstopften und danach ohne ein nettes Wort in unsere Zimmer verschwanden), denn mein Bruder und ich nutzten das Mittagessen als willkommene Gelegenheit, uns zwanzig Minuten lang zu streiten. Vor diesem Hintergrund kann ich mehr als verstehen, dass wir an vielen Tagen nach den Hausaufgaben nach draußen geschickt wurden mit der mehr oder weniger deutlichen Anweisung, vor 18 Uhr nicht wieder nach Hause zu kommen.
Es gab eine Riesenliste von Dingen, die ich nicht aß. Wirsing stand darauf, Kohlrabi, gekochte Möhren, Milchreis oder auch Tiefkühlerbsen. Dann gab es eine noch größere Liste von Dingen, die ich notgedrungen aß, aber dabei gingen die Mundwinkel keinen Milimeter nach oben, und ich war mit einer Spatzenportion zufrieden. Zu voller Mähdrescherleistung lief ich nur in den seltenen Sternstunden auf, wenn es eins meiner Lieblingsessen gab, dann aber richtig. Ich habe mehrere Weihnachtsfeste deutlich vor Augen, bei denen mein Vater wirklich wütend wurde, weil seine Tochter eine so ungehörige Menge Fondue verdrückte. Darüber hinaus gab es Marotten. Ich weigerte mich, von Silberbesteck zu essen. Ich musste das alte Plastiktischset mit der Zitrone haben. Fleisch und Beilagen durften sich nicht berühren, es durfte keine Sauce auf den Nudeln sein etc. Ich war eine echte Pest. Aber meine Mutter gab nicht auf, sie kochte weiter, jeden Tag, und was sie heute denkt, wenn ihre endlich erwachsene Tochter stundenlang über italienische Küche schwadroniert und eine Gewürzschublade, eine Gewürzkiste und dann im Keller noch einen Gewürzumzugskarton hat, bleibt ihr Geheimnis.

Ziemlich unfair, dass ausgerechnet ich zumindest ein Kind habe, das mir bisher solchen Ärger nicht macht. Nicht nur, dass die Jungs sich bisher sehr gut verstehen und hoffentlich dabei bleiben, Boje ist bei Tisch weiterhin das Kind zum Angeben. Seine Tischsitten sind immer noch vor allem von Gier bestimmt, aber das kommt später. Bis dahin erzähle ich jedem, der es hören will, von dem Kind, das Knoblauch und Meeresfrüchte isst, gerne alkoholfreies Bier trinkt und in die Küche getrabt kommt, um ein Stück Mate (Tomate) und ein Stück Tiebel (Zwiebel) abzustauben. Jeden Morgen frage ich ihn, was er auf sein Kita-Brot will. Und jeden Morgen entscheidet er sich gegen Nutella und für Käse, und vielleicht fordere ich mein Glück heraus, aber aus reiner Hybris biete ich ihm weiter Nutella an. Ist das geklärt, darf er auf den Käse zeigen, den er will. Weichkäse mag er nicht so, aber mindestens genau so oft wie Kinderkäse (wie z.B. Gouda) möchte er Appenzeller oder Morbier oder was auch immer. Lachs mag er auch. Lachs mit Ziegenstreichkäse drunter. Und er hätte auch immer gerne noch ein paar Chiliflöckchen auf seine Pasta und einen Spritzer Zitrone in sein Wasser. Letzte Woche hatte ich Nigellas Dragon Wings gemacht, Chicken Wings mit fünf frischen Chilischoten, eigentlich nur für mich. Aber dann kam Boje und wollte einen abhaben, und wie so oft dachte ich ein bisschen heimtückisch "hähä, auf den Gesichtsausdruck bin ich gespannt" und habe dann fassungslos zugesehen, wie er das Ding mit viel Genuss bis auf den letzten Fetzen von den Knochen genagt hat.

Um diese himmelschreiende Ungerechtigkeit auszugleichen, haben die Götter mir L. geschickt. L. ist der Ehemann einer Frau, die früher (als sie noch Sonntagmorgen hatte) jeden Sonntagmorgen mit einem Stapel Kochbücher im Bett lag und sabbernd ihre nächsten Mahlzeiten plante, mit Vorliebe solche aus Schweinefleisch. L. hat entschieden, kein Schweinefleisch mehr zu essen. Rind auch sehr, sehr ungern und selten, aber wenn, dann Bio. Bio ist in unserem Vorort nicht zu kriegen, ich habe es versucht. Für Geflügel gilt das Gleiche. Lamm an sich schon, wenn da nicht sein Grundsatz wäre, keine Babytiere zu essen - aus dem gleichen Grund ist Kalbfleisch vom Speiseplan. Der Killer wäre eine Spanferkel. Fisch ist ok, mit Ausnahme von Hummer, was ich nicht schlimm finde, denn Hummer mag ich auch nicht so gerne und kann ihn außerdem von meinem Elterngeld nicht bezahlen. Wild würde er theoretisch essen, aber im Zweifel dann lieber doch Gemüse. Gemüse und - zartbesaitete lieber jetzt aussteigen - Tofu. Ich könnte sagen, da pfeif ich drauf, soll er sich seine Mahlzeiten doch selbst organisieren, ich lege jetzt erst mal einen Schweinebauch ein. Manchmal mache ich das auch, aber meist siegt die Kinderstube, in der es nun mal so angelegt war, dass die Familie sich gefälligst an einen Tisch setzt und zusammen isst, und zwar das Gleiche. So kommt es, dass in den letzten Monaten solche Dinge wie Quinoa, Einkorn, Rollgerste oder Hirse ihren Einzug in mein vorher schon proppenvolles Vorratsregal gefunden haben. Auch Mandelmus als Käse"ersatz" hatten wir schon. Aber noch schätze ich mich glücklich, denn ich habe das dumpfe Gefühl, wenn es einen Menschen in meinem Umkreis gibt, der irgendwann mit Paleo anfängt, dann ist das der Mann an meiner Seite.

Bin ich gespannt, wie es mit Jakob wird.

Sechs Monate

Manchmal habe ich den üblen Verdacht, ich hätte mir in den letzten Monaten mein bisschen Humor einfach weggestillt. Mit der Muttermilch ausgesaugt und futschi. Das wäre eine Erklärung dafür, wieso ich mit diesem Streiflicht zum Thema Muttertag so gar nichts anfangen kann und das dumpfe Gefühl hatte, hier hatte jemand die unangenehme Aufgabe zu erfüllen, über Mütter zu schreiben, hatte weder Zeit noch Bock und irgendwie auch keine Ahnung, was er schreiben soll, und herausgekommen ist dann so ein verschraubter Quark. Aber gut. Wäre ich seine (oder ihre?) Mutter, würde der nächste Geburtstagskuchen deutlich trockener ausfallen als gewohnt. Vielleicht sogar ein bisschen angekokelt, wer weiß? Wir Mütter haben da so unsere Methoden, unsere giftigen, seelenzerstörerischen Kniffe.

Und sonst? Gerade gäbe es eine Menge über Krankheit zu schreiben, aber das macht keinen Spaß, darum lasse ich es einfach. Stattdessen habe ich zu berichten, dass Jakob sechs Monate alt ist, was mir merkwürdig vorkommt, denn es fühlt sich an, als wäre er schon Jahre hier. (Und das könnte daran liegen, dass gerade jeder Tag statt 16 so ungefähr 21 wache Stunden hat, das streckt die Zeit ganz schön...) Und es tut sich was. L. sagt, ich spinne, und außerdem, dass ich nun schon seit Monaten behaupte, JETZT würde aber wirklich gerade was passieren, was aber offensichtlich nur für mich sichtbar wäre - ich bestehe drauf, es tut sich was. Ich weiß, eines Tages wird der Altersunterschied zwischen den beiden - gerade mal fünfzehneinhalb Monate - praktisch nichts mehr ausmachen und komplett verschwinden. Noch liegen Welten dazwischen: der Unterschied zwischen sechs und einundzwanzig Monaten ist der Unterschied zwischen sieben mal täglich "Gute Nacht Gorilla" vorlesen und Augenringen bis Meppen, zwischen Fläschchen und noch mehr Fläschchen und einer schönen Portion Muscheln mit Chili, zwischen zwanzig Minuten Nickerchen-Freiheit - wenn auch immer mit einem Ohr im Kinderzimmer - und sechs Stunden Kita, zwischen Schleppen bis der Rücken ächzt und mit einer Tasse Tee gemächlich hinterher schlendern, während Boje den Garten erkundet. Aber trotzdem finde ich, Jakob ist schon heute näher dran an seinem Bruder als an dem knallroten brüllenden Wesen, das sie mir damals um zwei vor vier im Kreißsaal Nr.3 in die Arme gelegt haben. Er fasst sich anders an, und wenn ich ihn trage, kann er auf meiner Hüfte sitzen und guckt sich wissbegierig um. Lege ich ihn auf den Boden, dann dreht er sich fast sofort auf den Bauch, zieht die Beine an, Hintern in die Höhe, und dann fängt er an, vor und zurück zu schunkeln. Nach ein paar Sekunden fängt er an zu meckern, weil das zwei Meter entfernte Spielzeug immer noch nicht näher gekommen ist, aber diesen Trick hat er bestimmt bald raus. Selbst L., der sonst nicht zu seinen frenetischsten Cheerleadern gehört, glaubt daran, dass er früher laufen können wird als Boje. Er lächelt und hat schon so etwas wie Vorlieben: wenn es mich überkommt und ich ihm zwanzig Knallküsschen aufs Gesicht drücke, dann guckt er mich nachsichtig lächelnd an, als wäre das ein echt lahmer Scherz, aber irgendwie immer noch ok. Er liegt gerne auf seiner Wickelkommode und verehrt die Wärmelampe, die zwar nicht mehr nötig wäre, aber ihm zuliebe mache ich sie trotzdem noch an. Er liebt es, Papier zu vernichten, und inzwischen kann ich nicht mehr essen, während ich ihn auf dem Arm habe, denn er wirft sich mit seiner ganzen ziemlich beträchtlichen Kraft in Richtung des Tellers. Man muss nicht Freud sein, um drauf zu kommen, dass das wohl heißt, er hätte jetzt langsam gerne etwas anderes als Premilch - aber blöderweise verträgt er die Versuche, seinen Speiseplan zu bereichern, bisher nicht besonders gut. Fruchtgläschen waren alle eine Katastrophe, Gemüsegläschen gehen ein bisschen besser. Babyratgeber sprechen immer davon, man sollte seinem Kind Brotrinden zum Lutschen geben, auch um einer Glutenunverträglichkeit vorzubeugen - aber ehrlich, dazu bin ich zu ängstlich. Bekommt er meinen Finger zu fassen, dann erlebe ich täglich mehrmals hautnah, wie viel Kraft so eine kleine Wurst im Kiefer hat. Der kriegt doch ohne weiteres eine Brotrinde klein, und dann? (Das übrigens aus den gleichen Ratgebern, die sonst vor eine Nummer zu großen Schlafsäcken, Kuscheltieren oder Todes-Kunststoff in Kinderwagen warnen...) Vielleicht lerne ich zur Abwechslung mal rechtzeitig dazu, vergesse die Gläschen und gehe direkt zu vorsichtig Selbstgekochtem über. Irgendwo in meinem Vorratsschrank müssen noch die Vorräte an italienischer Babypasta sein, die ich für Boje mal angelegt hatte, bevor mir irgendwann klar wurde, dass der einfach essen will, was wir essen, und bis dahin gerne bei Milch bleibt.
Wir bewegen uns also langsam raus aus dem Baby- hinein ins Jungsterritorium. Zumindest tagsüber, nachts ist immer noch alles ungefähr so wie damals auf der Neugeborenenstation, nur dass nicht alle drei Stunden gewickelt wird. Er brüllt, ich schmeichle und beruhige und versuche, mich langweilig und neutral zu verhalten, ich mache Fläschchen und trage sie morgens so gut wie unangerührt wieder nach unten in die Küche, ich massiere seinen Bauch mit Kümmelsalbe und fluche, ich googele auf dem Telefon nachts um drei nach Babyschlaftipps und würde den neunmalklugen Ratgebern abwechselnd gerne den Hals umdrehen* und das sofort ausprobieren, manchmal auch beides gleichzeitig. Und wenn ich doch mal träume, träume ich von besseren Zeiten, wenn auch viel zu kurz. Und trotzdem - keiner weiß warum - bilde ich mir immer noch jeden Tag ein, heute wäre die Nacht, in der er zum ersten Mal nur einmal aufwacht. Heute kriegt Mutti sechs Stunden, vielleicht sogar mehr! Heute ist der Tag, an dem wir das Tal der Augenringe hinter uns lassen. Und statt sich abzunutzen, wird diese Hoffnung jeden Tag ein bisschen stärker. Vielleicht ist das das sicherste Zeichen, dass mein Baby langsam groß wird. Wie ich mich darauf freue! (Wisst ihr noch, die endlosen Posts über das Stilldrama mit Boje? Wie glücklich wäre ich, mal wieder über was anderes schreiben zu können als über Nachtruhe.)

* jemand hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt, ich sollte mich nicht so anstellen, das wüsste man doch vorher, dass Babys zu Schlafentzug führen. Kann sein, aber bitte stellt euch mal folgendes vor: beim nächsten Marathon lauern wir so ungefähr bei Kilometer 32 auf jemanden, dem man ansieht, dass er gerade gegen die innere Wand rennt. Nichts geht mehr, alles tut weh, und jetzt kommen wir, schwingen uns über die Absperrung, traben locker ein paar Meter nebenher und sagen ihm, wir wüssten gar nicht, was er hat, das wüsste man doch vorher, dass so ein Marathon anstrengend wird. Ich glaube, mancher wäre erstaunt, wie viel Kraft für eine entsprechende Reaktion doch noch in dem Wrack steckt.





Montag, 11. Mai 2015

Der erste von hoffentlich zwei Posts, zu denen ich heute Gelegenheit bekomme

Zur Sicherheit schon mal der hier: die Dame von Merck hat mich nett gebeten, auf die dritte Folge des Online-Chats übermorgen zum Thema IVF hinzuweisen. Was ich hiermit tue. Wieder sind einige Experten versammelt, die Fragen beantworten zu den unterschiedlichsten Aspekten rund um Kinderwunschbehandlungen. Wer mitchatten oder einfach nur das Spektakel verfolgen will, kann das hier tun. Da gibt es auch alle Informationen rund um dieses Tipptopp-Abkürzungs-Event.

Donnerstag, 30. April 2015

Ich wollte gerne Kinder. Ich konnte aber keine bekommen. Jetzt habe ich trotzdem zwei. Überraschung: Kinder sind anstrengend. Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Vielleicht liegt es an meinen insgesamt fünfzehn Abkürzungsversuchen, aber in letzter Zeit haben mich ziemlich viele Leute gefragt, was ich denn von der Berliner Lehrerin mit den vielen und demnächst noch mehr Kindern halte.
Die Antwort fällt gewohnt fusselig aus. Irgendwie will es mir nicht gelingen, dazu eine in sich geschlossene Meinung zu bilden. Einerseits finde ich, man sollte sie in Ruhe lassen, das geht uns alle einen feuchten Popel an. (Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer die Unterhaltung mit einem Kinderwunscharzt ein, der eine SEHR dezidierte Meinung zu Frauen Ende 30 hatte, die Kinder wollen, und selbst mit schätzungsweise Anfang 60 gerade stolzer Vater geworden war, ohne dabei irgend etwas zu finden.) Andererseits überkommt mich schon beim Gedanken an die Nächte der ersten Monate mit Vierlingen das nackte Grauen, und ich verstehe nicht, warum sie sich das in ihrem Alter antun will. Ich selbst träume gerade oft und sehr bunt davon, wie ich leben will, wenn ich 65 bin, und Babygebrüll spielt dabei keine Rolle (es sei denn, einer meiner Jungs wird mit Anfang 20 Vater). Aber auch das ist ihre Sache. Sie kennt das ja mit 13 Kindern schon sehr gut, besser als ich, und weiß in etwa, was auf sie zukommt. (Oder sollte es am Ende stimmen, dass wir alle den Stress ein paar Monate später einfach vergessen und mit babyblauem Zuckerguss überzogen haben? Und sie sitzt jetzt gerade auf dem Sofa, streicht sich über ihren Bauch und denkt, bald hat sie vier kleine Glücksbärchis, die sie den ganzen Tag anstrahlen und nachts sanft schnarchend Familienglück und Wärme verströmen?) Viele geben zu bedenken, die Kinder hätten ja nicht mehr viel von ihrer Mutter und müssten vermutlich schon früh alleine zurecht kommen - Aber das geht anderen Kindern auch so, und es ist zwar nicht schön, aber doch kein Grund, erst gar nicht auf die Welt zu kommen, oder?
Dann ist es mir wiederum nicht so ganz geheuer, dass sie die Exklusivrechte an dieser Tip-top-Story an RTL verkauft hat. Oder dass sie sagt, den Anstoß gab der Wunsch ihrer kleinen Tochter nach einem Geschwisterchen - wow, hat man jemals von einer spektakuläreren Übererfüllung eines Wunsches gehört? Oder, dass jetzt die Zeitungen wieder mal ein Extrembeispiel gefunden haben, anhand dessen man 1a Stimmung gegen Kinderwunschbehandlungen machen kann. Ich glaube immer noch, viele Leute da draußen halten das alles für eine große Freakshow - so eine Geschichte bestätigt sie noch darin. Andererseits kann ich verstehen, dass Journalisten wenig Reiz darin sehen, über eine Reihe von Familien zu berichten, die nach ein paar IVF-Zyklen irgendwann zwischen 28 und 45 Eltern geworden sind und jetzt mit ihren Kindern friedlich vor sich hin leben - und stinknormal, inklusive Schlafentzug, Kita-Viren, Nervenzusammenbrüchen und Machtkämpfen an der Supermarktkasse.
So in etwa sind meine sieben verschiedenen Meinungen dazu. Eure würden mich natürlich auch interessieren. Sagt doch mal?

Das Kochprojekt geht weiter, und inzwischen bin ich über dem Schnitt: 36 von 100 Rezepten sind durch, und erst vier Monate sind vorbei. Dabei nehme ich mir alle zwei Wochen ein anderes Kochbuch vor und mache mich an Rezepte, die mich schon lange anmachen. Gerade ist es "A Change of Appetite" von Diana Henry, und es wächst mir mit jedem Durchblättern mehr ans Herz. Es geht um - ächz - gesundes Essen - jaja, ich weiß, eigentlich könnte ich genau jetzt schon aufhören, davon zu schreiben. Aber das Schöne ist, Diana Henry isst mindestens genau so gerne wie ich, und es ist KEIN Diätbuch, und bisher war alles, was ich daraus gekocht habe, eine echte Freude. Vorgestern z.B. hatte ich den gegrillten Radicchio auf Bohnenpüree, und dieses Bohnenpüree ist aus dem Stand auf Platz 1 meiner Lieblingsbeilagen vorgeschossen, noch vorbei an gebratenen übrig gebliebenen Knödeln, Kartoffelkroketten, selbstgemachten Spätzle und Kartoffelgratin. Man würfelt eine Zwiebel, brät sie vorsichtig in Olivenöl an, gibt dann für eine Minute eine zerkloppte Knoblauchzehe dazu, dann eine kleine Tasse Hühnerbrühe, zwei kleine Dosen abgetropfte und abgespülte weiße Bohnen, Salz und Pfeffer und lässt das Ganze mit geschlossenem Deckel vier Minuten kochen. Dann wird es im Topf püriert und mit Zitronensaft und noch etwas Olivenöl abgeschmeckt. Klingt nach gar nichts, aber es war so köstlich, dass ich nicht aufhören konnte, zu probieren, bis ich mich am Ende zwingen musste, die Küche zu verlassen, damit zum Essen noch etwas übrig ist. Das gibt es demnächst mal zu gebratenem Lamm. Oder zu Endiviensalat. Oder zu gar nichts, sondern einfach so, in einer großen Schüssel vor dem Fernseher. (Es kann übrigens gut sein, dass ihr diesem Püree höchstens eine drei plus geben würdet. Aber das ist für mich der Zauber "guter" Kochbücher: einen Autor zu entdecken, dem die gleichen Dinge schmecken wie mir, und der mich trotzdem auf ganz neue Pfade führt.) Angesichts der neuen Schlafkrise geht hier gerade einiges vor die Hunde; mein Bett z.B. habe ich seit über zwei Wochen nicht bezogen (obwohl Boje die Bettdecke mit Textmarkern bemalt hat und ich wirklich neugierig bin, ob das rausgeht), und in meinem Postfach sind ca. 20 Emails, die ich unbedingt beantworten müsste. Aber das Kochprojekt hat sich noch nie angefühlt wie zusätzlicher Stress, sondern immer wie Erholung. Würde ich einmal die Woche ins Kino gehen, würde auch niemand fragen, warum ich mir jetzt das auch noch aufhalse, und zum Kochen muss ich noch nicht mal einen Babysitter engagieren, denn Boje wühlt so lange begeistert in meiner Kramschublade zwischen Zitronenpressen und Tupperdosen herum, und Jakob liegt im Stubenwagen daneben und atmet gebannt den Geruch gebratener Kräuter und Zwiebeln ein. (Nigella schreibt immer wieder, wie sie als kleiner Pöks auf einem Schemel stand und unter Anleitung ihrer Mutter Mayonnaise und Sauce Hollandaise rührte. Das klingt doch nach einem Plan!)

Die Rückkehr in den Job ist gerade eins der Themen, um das ich innerlich einen großen Bogen mache. Jakob ist ein völlig anderes Kind als Boje, ich kann mir absolut nicht vorstellen, ihn jetzt drei Tage in der Woche allein bzw. in liebevoller Obhut zu lassen - wie soll das gehen? (Und bin ich jetzt ein Opfer mütterlicher Selbstüberhöhung, dass ich mir das nicht vorstellen kann, während es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem wäre?) Zwei Kinder sind einfach mehr als ein Kind und noch ein Kind, alles ist deutlich mehr als doppelt kompliziert. Ich weiß auch nicht, warum, aber es ist so. Im Moment wäre ich für keinen Auftraggeber der Welt ein Gewinn, übernächtigt und durch den Wind und ständig abgelenkt, wie ich bin. Unzuverlässig wäre ich außerdem, ich habe keine Ahnung, wann ich wie viel Zeit und Energie zum Arbeiten habe, und ich hab das deutliche Gefühl, auch das großzügigste Timing auf einem Projekt würde die Lage hier zum Kippen bringen - alles bleibt so, wie es ist, nur habe ich nebenbei auch noch eine wie weit auch immer entfernte Deadline im Nacken?
Dabei ist der Gedanke, erst mal nicht zu arbeiten, trotzdem auch extrem angstgesetzt und ungut. In meinem Beruf ist es überhaupt nicht gut, lange raus zu sein, es kann schon sein, dass ich nach nur einem Jahr zuhause den Wiedereinstieg nicht mehr schaffen werde, und dann? Zudem ist gerade bei meinem dicksten Auftraggeber einiges im Umbruch, die können nicht so lange auf mich warten, es kann gut sein, dass diese Tür in ein mit Kindern vereinbares Arbeitsleben demnächst zu ist. Und dann? Und dann? Und dann?
Ich weiß es doch auch nicht, und hätte ich gerade nicht sowieso schlaflose Nächte, dann würde dieses Thema sie mir bereiten. So lasse ich das Problem gerade auf hinterer Flamme kochen, was vielleicht extrem doof und kurzsichtig ist. Freiberufliche Mütter von zwei kleinen Kindern da draußen, falls es euch gibt, wie war das bei euch?

So. Jakob hat jetzt scheinbar den fehlenden Nachtschlaf aufgeholt, Mutti muss die Quatschbude zumachen. Bis hoffentlich sehr bald!

Mittwoch, 29. April 2015

Ich habe einen Traum. Demnächst bestimmt.

Das Bett wird frisch bezogen sein, am liebsten mit weißer an der Luft getrockneter Leinenbettwäsche.
Wisst ihr was? Ich nehme das zurück. Meinetwegen kann es auch 280 mal gewaschene Biba-Bettwäsche von 1984 sein, mit einem lollilutschenden Teddybärchen bedruckt. Wo war ich?
Es wird einen Nachttisch geben, auf dem werden sich befinden: eine anderthalb-Liter-Flasche Wasser mit Kohlensäure, die jederzeit nachgefüllt wird, sobald sie mehr als zur Hälfte geleert ist. Mein Kindle, voll aufgeladen. Ein nagelneues Döschen Ohropax. Ein Foto von Mann und Kindern, schlafend und lächelnd. (So ein Foto gibt es nicht, aus rein praktischen Gründen: noch nie haben beide Kinder und L. gleichzeitig und am selben Ort geschlafen und gelächelt.) Ansonsten wird der Raum sehr leer und aufgeräumt sein. Es wird ein großes Fenster geben, draußen wird die Sonne scheinen, und es wird etwas windig sein. Man sieht Natur, welche Sorte, ist mir egal. Ich trage übrigens einen gebügelten Pyjama, und weil ich weder heute noch morgen stille, kann ich mir eine volle Ladung nach Fichtennadel und Menthol duftende Kräutersalbe auf den Oberkörper schmieren.
Das Bett ist groß, neben mir ist also noch Platz für meinen Rechner und damit die Möglichkeit, mir so ziemlich jeden Film, jede Serie und jeden Blog anzusehen. Der Rechner wird außerdem über einen Filter verfügen, mit dem er es mir erlaubt, zwar online zu sein, aber trotzdem während der ganzen Zeit in dem Raum keine stressende Email zu bekommen. Jobanfragen von Kunden aus der Hölle? Rechnungen, Mahnungen? Post von dieser alten Bekannten, die sich alles halbe Jahr mal meldet, um zu quengeln, warum ich mich nicht mehr melde? Ein andermal.
Und jetzt geht die Tür zu, und ich bin allein in diesem Zimmer, und zwar für mindestens 48 Stunden, die sich auf Wunsch ohne größeren Aufwand verlängern lassen, bis ich genug habe. Genug Stille, genug Ordnung, genug Freiheit, und vor allem genug Schlaf.

Man wird doch wohl noch träumen dürfen! Wenigstens mit offenen Augen, mit geschlossenen ist es leider nicht mehr möglich.

Kaum denke ich, die Schlaflosigkeit ist bald Vergangenheit, dreht sie noch mal einen Gang hoch. Ich war gerade tagelang bei meinen Eltern, und das Tableau für Müttergenesung war perfekt: Meine Eltern haben sich rührend um ihre Enkel gekümmert, ich bekam täglich drei köstliche Mahlzeiten, für die ich keinen Finger rühren musste, das Wetter war schön und kein Kind war krank. Trotzdem gehe ich am Stock, denn in keiner der letzten sieben Nächte habe ich mehr als drei Stunden Schlaf bekommen. Nicht am Stück, sondern insgesamt. Jede Nacht gibt es diesen Moment, in dem ich absolut nicht mehr kann. Dann tröste ich mich damit, dass ich morgen irgendwie einen ein-zweistündigen Mittagsschlaf hinkriegen werde. Irgendwann wird es Morgen, ich trinke die erste Tasse Tee, dann die zweite, und dann geht es irgendwie doch ohne Schlaf. Ich habe kein Talent für Mittagsschlaf, so sieht es nämlich leider aus. Erstens schlafe ich tagsüber nicht ein, egal wie müde, denn ich kann grundsätzlich nicht schlafen, wenn ich weiß, dass in weniger als acht Stunden ein Wecker klingeln und mich wieder aufwecken wird. (Früher hat mich schon ein Arzttermin vor der Arbeit komplett um den Nachtschlaf gebracht, nicht aus Angst vorm Arzt, sondern aus Angst vor dem Wecker.) Zweitens ist mein Tagschlaf nicht wie mein Nachtschlaf. Schlafe ich doch mal ein, dann sabbere ich Kissen und Gesicht komplett klebrig und wache in einem Zustand auf, der sofort nach zehn Stunden mehr Schlaf verlangt, nach einer gründlichen Dusche und Haarwäsche. Drittens lässt der Rest der Welt mich einfach nicht. Kaum liege ich, habe mir die Linsen aus den Augen gepult und die Decke bis an die Augenbrauen gezogen, klingelt DHL oder das Telefon oder irgendwer will irgendwas, meist irgendwer mit sehr, sehr durchdringender Stimme.
Also: doch kein Mittagsschlaf für mich. Stattdessen und um nicht wahnsinnig zu werden, hat mein Fusselhirn sich einen Trick ausgedacht: jeden Tag überzeugt es sich und mich sehr gekonnt, dass es ab heute anders wird. Dass dies die Nacht der Nächte wird, die Nacht, in der ich mich abends schielend vor Müdigkeit hinlege und neun Stunden später aufwache und erst mal nachsehen muss, ob meine zwei rosigen Engelchen überhaupt noch atmen. Wider besseres Wissen glaube ich tatsächlich daran. Auch heute! Ich denke z.B. gerade: wie toll, dass meine Freundin B. erst übermorgen ihren Geburtstag feiert, denn bis dahin kriege ich noch zwei lange, erholsame Nächte voller Schlaf und Träume, so dass ich mit Sicherheit bis zwei Uhr durchhalte. Ich weiß, dass es nicht so kommen wird. Aber ich weiß genau so sicher, dass heute der Tag ist, an dem all das nächtliche Quaken um den letzten Rest Muttermilch vorbei ist - und Bojes schlechte Träume, Jakobs Fläschchenstreik, die Zahnschmerzen und die verstopften Nasen (die das Trinken zu einem noch größeren Problem werden lassen). Die Sonne scheint, die Vögel singen, kann doch gar nicht anders sein!




Donnerstag, 9. April 2015

Ein kleiner Rückschlag für die Zellstoff verarbeitende Industrie

Ist die eigentlich komplett bescheuert, dem Internet von ihrem Inkontinenzproblem zu erzählen? denken sich sicher manche. Ich bin eine davon. Aber so wie es aussieht, habe ich auch das bald hinter mir gelassen. Seit bestimmt vier Wochen habe ich keine Pinkelbinde mehr benutzt, und seit zwei Wochen auch keine Slipeinlage mehr. Ab und zu rächt sich das, aber nie in großem Stil.
Und was hat die Wendung gebracht? Heilt am Ende die Zeit alle Beckenboden?
Glaube ich nicht. Und die Physio hat auch wenig für mich getan. Das lag aber vermutlich an dieser speziellen Physiotherapeutin, von der ich am Ende so genervt und so enttäuscht war, dass ich von meinen sechs verschriebenen Sitzungen die letzten beiden in den Wind geschossen habe. Das, was da geboten wurde, erschien mir so wenig hilfreich, dass ich nicht bereit war, dafür die Kinder wegzuorganisieren, ins Auto zu steigen, in ein Parkhaus zu fahren und eine Stunde freie Zeit zu opfern. (Und ich habe schon oft geschrieben, wie sehr mich das ganze Problem beschämt und nervt und frustriert, an sich hätte ich also hochmotiviert sein müssen.) Es waren einerseits die Übungen, wenn man sie Übungen nennen kann. Mal habe ich gelegen, mal gesessen, und dazu habe ich den Beckenboden mal lange, mal kurz angespannt. So verging jedes Mal eine halbe Stunde, die die Physiotante mit Geplapper gefüllt hat. Dieses Geplapper war es andererseits, was mich vertrieben hat. Ehrlich, man kann doch nicht in einem Gesundheitsberuf arbeiten und dann solche Kracher abfeuern wie "Also ich weiß nicht, was die Leute heute alle haben, früher hatten sie auch Stress, aber die heute mit ihrer Schizophrenie, das muss doch nicht sein!". Ein paar Wochen lang habe ich jeden Tag bestimmt eine halbe Stunde damit verbracht, die "Übungen" zu machen, aber es hat sich sowas von gar nichts getan, dass ich es dann auch gelassen habe. Es war gleichzeitig wahnsinnig anstrengend, langweilig und aussichtslos.

Die Physio war es also nicht, von alleine ist es auch nicht passiert. Was nach meinem Gefühl den Durchbruch gebracht hat, waren die Elanee-Gewichte. Natürlich macht mich zweimal pressen nicht zur Schwangerschafts- und Rückbildungsexpertin, aber bei mir haben sie geholfen. Zudem brauchte ich für sie weder einen Babysitter noch einen Parkplatz. Einfach zweimal täglich ein Gewicht einführen, möglichst zehn Minuten an Ort und Stelle behalten, während man steht oder läuft, anschließend mit Wasser und Seife waschen, fertig. Was nach dem ersten Mal der Cantienica-Kurs (300 Euro, acht Sitzungen) nicht geschafft hat, die vier mit pastelligem Kunststoff überzogenen Nupsis kriegen es hin: ich huste schon wieder, lache oder niese, ohne mir in die Hose zu machen. Irgendwann demnächst renne ich dem Hund oder meinem Kind hinterher. Und in ein paar Monaten schnüre ich die Laufschuhe wieder zu. Ich freu mich mehr darauf, als ich sagen kann.