Freitag, 18. April 2014

Leben und Tod unter der Muttiglocke.

Es gibt ein paar Menschen, deren Tod mich wirklich, wirklich traurig machen würde, obwohl ich sie gar nicht kenne und auch nie kennen lernen werde. Woody Allen zum Beispiel: inzwischen zucke ich immer kurz zusammen, wenn ich sein Foto in der Zeitung sehe, weil ich denke, jetzt ist er tot. (Abgesehen von seinem Alter gibt es glücklicherweise keine Anzeichen dafür.) Die Queen ist auch so jemand. Wieso? Keine Ahnung. Sie war immer da mit ihren Handtaschen und ihren farblich aufeinander abgestimmten Mänteln und Hüten, ich wäre traurig, wenn sie es nicht mehr wäre. Maggie Smith! Hoffentlich wird sie hundert.
Heute morgen sagt L. im Bett a propos gar nichts zu mir, ich hätte aber schon mitbekommen, dass Sue Townsend tot ist. Mit ihr hatte ich nicht gerechnet. Sie hatte zwar schwere Diabetes, war aber erst 68. Gestern habe ich noch an sie gedacht, ich würde L.s Tante zum Geburtstag am Montag gerne ihr Buch "the woman who went to bed for a year" schenken und überlegte, wo ich das jetzt am besten herkriege. Wieso weiß L. das und ich nicht? Ich bin die, die jedes ihrer Bücher hat, zum Teil sogar doppelt: aus Papier und auf dem Kindle. Es fühlt sich an, als müsste da ein Fehler vorliegen. Und ich frage mich wieder mal, ob das nun der Muttinebel ist? Diese wattige, gegen äußeren Einflüssen weitgehend abgeschottete Welt, in der Muttis leben und plötzlich Dinge fragen wie "Putin? Krim? Wieso?" oder auch "Hä? Sue Townsend? Warte mal...". Jetzt bin ich nicht nur traurig, dass Sue Townsend tot ist, sondern auch, dass ich es noch nicht mal merke. Die Adrian-Mole-Tagebücher lese ich bestimmt alle drei Jahre. Das Buch von der Frau, die ein Jahr lang ins Bett geht, ist - so weit ich mich erinnern kann - das einzige Buch, bei dem ich jemals wirklich zu Tränen gerührt war. Ihre Kolumnen sind so ehrlich, lustig, uneitel und von allen Kolumnistenmarotten unbeleckt, dass ich zwischendurch überlegt hatte, allein dafür ein ziemlich teures Online-Abo einer britischen Zeitung abzuschließen, die mich ansonsten nicht die Bohne interessiert. (Ich hab es gelassen, es gibt sie als Buch.)
Sie war überhaupt kein Fan der britischen Monarchie, und jetzt hat die Queen sie überlebt.

Ich glaube inzwischen, ein großer Teil der Mutti-Glasglocke entsteht nicht aus Ignoranz oder daraus, dass man sich jetzt plötzlich nur noch für zuckersüßen Babykram interessiert, sondern aus Müdigkeit. Denn müde bin ich, und zwar gerade mehr als in den ersten Wochen mit Willi, als er nachts noch alle paar Stunden Hunger hatte oder Kummer oder was auch immer.

Montags, Dienstags und Mittwochs hängt es daran, dass er abends nicht einschlafen will. Lange hatte ich das Kindermädchen in Verdacht, ich dachte, die macht sich einen schönen Lenz: packt ihn in den Wagen und schiebt mit ihm stundenlang durch die Gegend, trinkt Kaffee, isst Eis oder wühlt sich durch die Geschäfte, während er im Wagen seine zwei-drei Stunden ratzt. Zwei-drei Stunden, die er abends dann länger wach ist, wenn die vom Arbeitsleben gebeutelte Mutti gähnend und mit knurrendem Magen sehnsüchtig nach der Uhr schielt (und von einem großen Gin Tonic oder einem riesigen Glas Rotwein träumt, verdammt, wieso ist dieser Wunsch bei dieser Schwangerschaft nicht genau so nett ausgeblendet wie bei der ersten?). Inzwischen bin ich zu der zwar irgendwie schmeichelhaften, aber auch wenig hilfreichen Erkenntnis gekommen, dass Willi an diesen Tagen einfach mehr von mir haben will, weil ich den ganzen Tag nicht da war. Er ist gar nicht so wach, er will nur mich nicht verpassen. Dagegen kann ich nicht an. Auf mich gestellt, würde ich wegen der Schwangerschaftsmüdigkeit auch an diesen Tagen um neun abgeschminkt und mit geputzten Zähnen im Bett liegen, jetzt wird es gerne mal elf, halb zwölf. Und egal, wie oft Willi sich nachts noch meldet, ich nehme die paar müden Stunden mit in den Schlaf und kann dann gerade nicht richtig schlafen, versteh das einer. So viel zu Montag, Dienstag, Mittwoch. An den anderen Tagen gibt es folgende Möglichkeiten:
Willi:
a) er schläft um halb acht ein, dreht sich gegen zwei noch ein mal um und ratzt bis sieben Uhr weiter.
b) er schläft zwar ein, wird aber nachts drei-vier mal wach und will von alleine nicht wieder einschlafen.
c) er schläft irgendwie gar nicht. Die Erschöpfung übermannt ihn zwischendurch mal für ein halbes Stündchen, aber dann ist er voll da.

Bei mir gibt es folgende zwei Möglichkeiten:
d) es ist eine normale, Schwangerschaftshormonzerspukte Nacht. Ich schlafe zwar ein wie ein Stein, aber spätestens gegen zwei bin ich wieder wach, ob mit oder ohne Willis Zutun, und schlafe bis halb sechs nicht wieder ein.
e) Liefen die letzten drei-vier Nächte nach Schema d, dann bin ich in dieser Nacht so kaputt, dass ich auf Hormone pfeife und trotzdem schlafe.

Mit viel, viel Glück fallen a und e auf die gleiche Nacht: Willi schläft allen Babygesetzen zum Trotz, und ich schlafe allen Schwangerschaftsgesetzen zum Trotz.

Das kommt so ungefähr einmal in zwei Wochen vor. An allen anderen Morgen wache ich auf und fühle mich für den Rest des Tages, als müsste ich durch langsam trocknenden Uhu schwimmen.

Heute Nacht war eine Kombination aus b und d. Gibt es sonst noch irgendwelche weltbewegenden Neuigkeiten, von denen ich wissen müsste?

Ok, ich fasse einen Entschluss. Ab sofort will ich mal etwas anderes für mich tun als Pasta, poshe Gesichtsreinigungsprodukte und Raumbeduftung mittels Muji-Ultraschall-Dings. Der Entschluss lautet: Willi schläft ein, und statt mich eine halbe Stunde lang an den Herd zu stellen, mache ich mir eine Schüssel Cornflakes und lese Zeitung. Ich will nicht eines Tages erfahren, dass Woody Allen seit drei Wochen tot ist. Ich will es überhaupt nicht erfahren, aber wenn, dann nicht erst nach drei Wochen. Und sollte diesem gruseligen Putin mit den toten Augen etwas zustoßen, möchte ich es bitte auch sofort wissen.

Dienstag, 15. April 2014

Sagt nicht, liebe Marzipanfreunde, ich hätte euch nicht gewarnt.

Eine Woche und wieder kein Piep. Ich bin in großer Versuchung, zu behaupten, das läge nun an dem unfassbaren Stress, dem man als Mutter eines Babys ausgesetzt ist, wenn man zusätzlich schwangerschaftsbedingt jeden Abend spätestens um neun ins Bett kippt (um dort dann eher nicht zu schlafen, Dankeschön auch, Hormone). Es stimmt ja auch: ich habe wenig Zeit. Aber ein bisschen habe ich schon, nur verwende ich die gerade eben auf andere Dinge: auf Expeditionen in mir bisher unbekannte Bereiche der Küche, auf Hundespaziergänge durch endlich nicht mehr kahle und feindliche Landschaften, auf Arbeit, auf Game of Thrones, auf Sherlock, auf endlich mal wieder Kleider kaufen (ich hasse shoppen. Meistens bin ich einfach zu faul. Für mich ist es ein Angang, mich in der Mittagspause erst durch einen vollen Laden zu quetschen, dabei sieben zusehends stärker zerkrumpelte Kleidungsstücke unterm Arm einzuklemmen und dann in einer viel zu engen Kabine wieder mal mit der Erkenntnis konfrontiert zu werden, dass es eben doch ein Unterschied ist, ob man jeden zweiten Tag eine halbe Stunde läuft oder nicht. Jetzt ging es aber nicht mehr anders, die vier-fünf Oberteile, die ich noch anziehen kann, drohen mir vom Körper zu rotten, ich brauche einfach neue, ob ich will oder nicht. Und es ist typisch für mich, dass ich mich endlich genau fünf Minuten aufraffe, bevor ich die neuen Sachen dank Bauch schon wieder auf den Speicher räumen muss. Na gut. Wo war ich?) oder auf früh ins Bett gehen (ja, noch früher als neun) und Krimis lesen. Gerade lockt mich der Blog nicht besonders. Der Grund ist vielleicht folgender: der Blog sagt erninnert mich gerade jedes Mal, wenn ich die Seite aufrufe, dass ich undankbar bin. Oder feige. Oder beides.

Vor ein paar Tagen hatte ich ein paar ziemlich unfreundliche Kommentare. Ich habe das dumpfe Gefühl, aber genau weiß ich es natürlich nicht, dass die gleiche Person da schon öfter in die gleiche Tröte getrötet hat. Es ging jedenfalls darum, hier würde es jetzt ja wohl langweilig, wo ich schon wieder schwanger wäre. Und sie würde das nicht als Mut machend empfinden, genau deshalb, weil es bei mir nie wirklich schwer gewesen wäre, und es wäre ja wohl auch von Anfang an klar gewesen, dass es bei uns am Ende klappt (was mich zum Hormongegenstück der Streberin macht, die immer jammert, sie hätte bestimmt eine Fünf, und dann heimlich enttäuscht ist, wenn es nur eine Zwei plus ist). Demnächst würde hier das Gemecker losgehen, wie anstrengend es mit zwei Kindern ist. Und sie würde lieber die Blogs lesen, in denen es Hormonkummermäßig mehr zur Sache ginge. Wieso mir ständig der Puderzucker in den Arsch gepustet würde von meinen Leserinnen, wäre ihr sowieso schon lange schleierhaft.
Ich habe mich gewundert (über so viel Hartnäckigkeit und wieder mal über die Idee, einen ungeliebten Blog nicht einfach aus dem Programm zu nehmen, sondern zum Abschied - falls es jetzt wirklich einer war und nicht in zwei Wochen der nächste Meckerbrief kommt - noch mal Dampf abzulassen), war ein bisschen angefasst und habe wieder mal reichlich viel Zeit damit verbracht, herumzugrübeln. Denn etwas Wahres ist ja dran. Und nicht erst seit diesem Kommentar habe ich zumindest innerliche Rechtfertigungsprobleme. Einerseits sind da draußen immer noch so viele von euch, die sich nichts mehr wünschen als endlich ein Positiv und neun Monate später ein gesundes Baby. Zwei erscheinen schon völlig irre. Ich sage das nicht nur aus Diplomatie, sondern ich kann mich wirklich sehr gut, zu gut daran erinnern, wie das alles auch für mich über viele viele Jahre war. (Dass ich während dieser zweiten Schwangerschaft meistens für meine Verhältnisse merkwürdig ruhig bin, steht auf einem anderen Blatt.) Ich werde nie den Tag in meiner alten Agentur vergessen, als mein Teampartner eine ausgiebige Lebenskrise hatte, weil seine kleine Tochter eine Brille bekommen sollte. "Ein Stück Glas zwischen mir und den Augen meiner Tochter!" sagte er tonlos und drückte die Fluppe im Fensterrahmen aus. Und ich gab zu bedenken, dass es doch schön wäre, wenn sie in Zukunft sicher die Straße überqueren könnte, aber es nützte nichts, er hatte den Blues, und zwar gründlich. Sowas wollte ich mit euch nie machen. Ich wollte hier nicht um Mitleid bitten, weil unser Kind nun doch nicht in die dollste, sondern in die zweit-dollste Kita kommt. Oder mich seitenlang über die Preise von Babykram auslassen. Oder in "Warum ich?"-Gejammer ausbrechen, weil ein flotter New York-Trip jetzt nicht mehr so unkompliziert geht wie früher.
Vier Jahre haben wir vergeblich gewartet, jetzt haben wir ein Baby und ein zweites ist unterwegs! Das verlangt nach Ausrufungszeichen und Dauerglück! Und genau hier hakt es. Denn ich bin zwar sehr oft sehr glücklich, aber ich bin auch sehr oft sehr kaputt und habe bei vielen Dingen keine Ahnung, wie das alles werden soll. Wie hält man zwei so kleine Lemminge unter Kontrolle, die ständig genau da hin wollen, wo sie nicht hin dürfen? Wie verträgt eine Ehe das? Wieso habe ich so früh wieder eine IVF gemacht, wenn ich mich das jetzt frage? Schon richtig - aber wieso hat es jetzt gleich beim ersten Versuch geklappt? Wenn es beim ersten Mal vier Jahre gebraucht hat? Ich freue mich schrecklich, aber ich habe auch ziemliche Angst. Jetzt geht bald das Gejammer los, mit zwei Kindern wäre es anstrengend - genau. Könnte passieren. Ich weiß es nicht. Was ich aber genau weiß, ist, dass ich keine Lust habe, über einen Soll-Zustand zu bloggen: nur über die Marzipan-Momente, über all das Tolle, was ja wirklich passiert, über unsere Vorfreude und kleine Zähnchen und Füßchen und Näschen und Händchen. Das gibt es alles auch, aber es gibt eben auch die wirklich finsteren Momente, und nicht darüber zu schreiben, ist gelogen und langweilig. Aber kann ich meinem Kollegen mit der Brillenkrise dann nicht gleich die Hand schütteln? (Ihr bekommt ein völlig falsches Bild von dieser Kommentatorin. So schlimm hat sie das alles bestimmt nicht gemeint. Aber sie hat wohl einen Nerv getroffen. Und auch ohne sie wälze ich das alles schon eine ganze Weile im Kopf herum.) Feige oder undankbar: entweder, ich schreibe auch über das, was nicht so schön ist (undankbar) oder ich lasse es aus Angst vor Onlinekloppe (die meine schwangeren Nerven gerade nicht so gut können) oder aus Angst, auf euren Gefühlen herumzutrampeln. Was nun?

Das hier war schon immer und ist auch jetzt ein ich-ich-ich-Blog. Alle Blogger sind egozentrisch, und ich bin es vermutlich noch mehr als die meisten. Vielleicht ist Egozentrik ja auch jetzt die Lösung: ich versuche, von mir auf andere zu schließen. In der Spritzenzeit habe ich jede Menge Blogs gelesen. Manche der Bloggerinnen sind während der Zeit schwanger geworden und haben Babys bekommen, andere hatten sie schon vorher. Obwohl ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe als selbst von Gebrüll nachts um drei um den Schlaf gebracht zu werden, selbst Breiflecken von chemische-Reinigung-Klamotten zu rubbeln und selbst all die Ängste und Ratlosigkeiten und den ganzen Ärger mitzumachen, dachte ich eigentlich selten "Und ihr habt noch die Stirn, euch zu beklagen", sondern habe immer die Blogs lieber gemocht, in denen auch mal ausgiebig gemeckert wurde. Ich hatte sogar eine Zeit, in der ich einen Blog, den ich vorher ganz toll fand, wegen zu viel Sonnenschein und Heiti-Teiti aus der Liste genommen habe (inzwischen lese ich wieder eifrig mit) - nicht aus Neid, sondern weil mir das zu süßlich wurde. Ich wollte kein Marzipanbaby. Ich wollte ein Kind mit kaputten Knien und Ärger in der Schule. Ich wollte das auch nicht alles milde und mütterlich weglächeln und immer einen Apfelkuchen im Ofen haben, ich wollte normal schön und normal doof. Ich wollte einfach sehen, wie das ist. Jetzt weiß ich es, und ich würde gerne davon erzählen, nur halte ich mich ständig davon ab aus Gründen, die mir selbst manchmal noch schleierhaft sind. Über Hormonstress konnte ich doch auch schreiben? Und dabei hätte ich damals auch denken können "Was meckerst du denn, mit deinen acht Eizellen, andere haben null in drei Versuchen, sei mal lieber fein still".

Wollen wir es mal versuchen? Die ständige innere Zensur abzustellen, die mir dauernd einflüstert, ich dürfte mich ab jetzt nie wieder über irgendwas mit Babybezug beschweren wegen all der Abkürzungsdamen? Da rede ich und rede ich. Sagt doch auch mal was.

Dienstag, 8. April 2014

Es wird ein Schneemann.

Ein kugelrunder Kopf auf einem noch kugelrunderen Bauch, daran befestigt zwei kugelrunde Arme und zwei kugelrunde Beine. Mit den Armen hat es mir zugewunken. Nein! Schwangerschaft ist kein Grund, süßlich zu werden, es hat mir natürlich nicht zugewunken, vielmehr verhält es sich so, dass es mit den Armen gerudert hat, und ich fühlte mich angesprochen.

Es ist tatsächlich alles in Ordnung mit Würmchen. Und ich beobachte fassungslos, dass mich das kaum noch wundert. Ich müsste viel hysterischer sein auf dem Weg zum Termin. Ich müsste schlechter schlafen vorher, und das tagelang. Selbst die Ärztin, die doch eigentlich den Eindruck erwecken sollte, das wäre ihre leichteste Übung, zwei Volltreffer hintereinander, wundert sich und ist freudig überrascht. Ich hätte nie gedacht, dass mein Knallbauch das noch in sich hat: mit viel, viel Glück am Ende zwei kugelrunde, kugelgesunde Kinder. Aber es sieht so aus, als hätte er, und ich habe mich für meinen Geschmack viel zu schnell an diese Überraschung gewöhnt. "Was, wenn es doch noch schief geht?" fiept der in die Abstellkammer verbannte, fehlgeburtsgeschädigte Teil meines Fusselhirns. "Geht es nicht", dröhnt der in letzter Zeit übertrieben selbstbewusste Teil dagegen und fläzt sich noch etwas breiter aufs Sofa, genau auf den alten Lieblingsplatz des Verbannten. "Aber..." fiept es aus der Abstellkammer, und Dröhni macht einfach den Fernseher etwas lauter. Wenn das mal gut geht...

Dann wollte ich euch noch mal auf das tolle, hervorragend und aufwendig recherchierte und mit Liebe, Sachverstand und Sorgfalt gemachte ORF-Radiokolleg zum Thema Kinderwunsch aufmerksam machen. Auch wenn die einzelnen Sendungen im Internet zu hören sind, sind sie es nicht für immer, Folge 1 z.B. ist (glaube ich) nur noch bis Sonntag online.

Hier ist der Link zu Folge 1.
Und hier der zu Folge 2.

Von da aus findet ihr den Rest bestimmt alleine. Viel Spaß beim Hören, bin auf Feedback gespannt und gebe es gerne an die Journalistin hinter dem Programm weiter!

Montag, 7. April 2014

Mia, darf ich vorstellen: das ist Eve. Eve, Mia.

Ich hatte das nie: Aus der Bravo zusammengeklebte Poster von Pierre Cosso, Morten von a-ha oder David Bowie in seinem Kostüm als Elbenkönig aus "Labyrinth". Irgendwie fand ich das peinlich. Und hässlich wohl auch. Und die Bravo hatte ich sowieso nicht. (Ich hatte aber eine Klassenkameradin, die hatte das alles, und auf deren Postern waren die Mundpartien in eine graue Masse aus Pappmaché verwandelt, weil sie ihnen jeden Abend vor dem Schlafen dicke, nasse Schmatzer aufdrückte. Das war fast so eklig wie die leeren Vogelsand-Dosen auf ihrer Fensterbank, in denen eine Masse aus hartgekochten Eiern, Wasser und Wellensittichkot vor sich hingärte, mit der sie die Zimmerpflanzen düngte.)
Starkult hat in meinem Leben noch nicht viel Raum eingenommen. Und wie fast immer, wenn man so etwas nicht als Teenie gründlich durch hat, kommt es später mit Macht zurück. Mich hat Nigella Lawson erwischt. Der Tag, an dem ihr neues Kochbuch im Briefkasten landet, ist für mich ein größerer Feiertag als Weihnachten. Alle sollen gefälligst für mindestens fünf Stunden die Luft anhalten, damit ich in Ruhe und je nach Tageszeit mit einem Liter Tee oder einem Liter Wein das Buch von vorne bis hinten durchknuspern kann. Während ihrer harten Zeit letzten Sommer habe ich mehrmals täglich nach Neuigkeiten gefischt und wirklich mitgelitten. Meine perplexen Freundinnen mussten sich anhören, wie das alles kam und wie gemein das alles ist. Ich werde nie wieder die Saatchi Gallerie besuchen, so viel steht fest.
Gut. Als erwachsene Frau, die sich einen Rest Würde bewahren will, sind die Möglichkeiten zur Heldenverehrung etwas eingeschränkt. Ich habe keine Poster mit durchgeknutschten Partien neben dem Bett hängen. Aber sonst tue ich, was ich kann. Sie hat eine Reihe von Küchengeräten entworfen, davon besitze ich die roten, eiförmigen Melamin-Rührschüsseln und die Maulwurf-Grabowski-Salatschaufeln, außerdem schleiche ich schon ziemlich lange um die Messtassen und ein paar andere Kleinigkeiten herum. So praktisch! Ich habe alle ihre Kochbücher, sie sind extrem zerlesen (obwohl die buchbinderische Qualität der Bücher natürlich tipptopp ist, muss ich wohl nicht extra sagen!), manche Seiten sind mit Sojasauce, koreanischer Chilipaste oder Lyle's Golden Syrup zusammengeklebt, und ich habe inzwischen bestimmt die Hälfte ihrer Rezepte gekocht, was eine ganze Menge ist. Schreibt Nigella, man sollte Maldon Salz kaufen, das wäre toll, dann kaufe ich das und finde es tatsächlich toll. Besonders groß ist die Freude immer, wenn sie etwas schreibt, was ich ganz genau so und schon immer gesagt habe und womit ich bis jetzt alleine auf der Welt war. Stellt euch vor, wir halten es beide im Kopf nicht aus, wenn jemand Tomaten an Spaghetti alle Vongole tut! Jetzt war sie auf dem Titel der britischen Vogue, und auch wenn ich rot dabei werde, muss ich zugeben: ich habe mir diese Vogue in unseren Vorstadt-Zeitschriftenladen bestellt und tatsächlich abgeholt. Auf dem Titel war sie so gut wie ungeschminkt, und muss ich noch schreiben, dass sie toll aussah? Mit Mitte 50? Nach einer sicher grauenvollen Scheidung? Also habe ich (der Rotton vertieft sich etwas) gegoogelt, welche Hautpflege sie verwendet. Dass sie quasi nie in die Sonne geht, wusste ich schon, ratet mal: Das tue ich auch nicht, seit ich ungefähr elf bin! (Wir haben so viel gemeinsam, Nigella und ich.) Darüberhinaus war aber zu erfahren, dass sie seit ihrem 21. Geburtstag den Gesichtsreiniger von Eve Lom verwendet, jeden Abend. Der Gesichtsreiniger von Eve Lom ist abgesehen von meiner Mia und meinem Parfum so ziemlich das teuerste Kosmetikprodukt, das je den Weg in meinen Waschbeutel gefunden hat. Aber gefunden hat er ihn. Ich habe ihn in England bestellt, und zwar gleich die 200-ml-Riesendose. Seit acht Tagen verwende ich ihn jetzt. Jeden Abend stehen Nigella und ich vor unseren Waschbecken, tupfen uns die nach Weihnachten duftende Paste ins Gesicht, wringen ein Musselintuch in heißem Wasser aus und sind rundum einverstanden mit dem Ergebnis.
Eines Tages bin ich vielleicht mit L. in London, und zwei Tische weiter sitzt Nigella. Dann, das hat er mir schon häufiger angedroht, geht er zu ihr und sagt ihr, dass seine Frau ihr allerallergrößter Fan ist, und ob sie bitte die Güte hätte, das Kochbuch, das ich mit Sicherheit gerade in der Handtasche herumschleppe, zu signieren. Dann muss ich mich leider scheiden lassen und direkt anschließend vor Scham sterben.

Donnerstag, 3. April 2014

Das Schöne an einem Schreibmaschinenkurs ist, dass man danach auch mit geschlossenen Augen tippen kann.

Ich hänge in der Müdigkeit wie in einem riesigen Spinnennetz. Egal, wie früh ich schlafen gehe, egal, wie ruhig und idyllisch und gemütlich ich diese popeligen zwanzig Minuten gestalte, die ich mich noch wach halten kann, nachdem Huckleberry eingeschlafen ist, egal, wie gut oder wie schlecht er durchschläft - jede Nacht wache ich aus unerfindlichen Gründen ca. dreißig mal auf und wälze mich zähneknirschend herum. Ich bin so fertig, dass es manchmal schon fast zu viel erscheint, aufrecht zu gehen. In der Agentur bin ich gottfroh, dass der kleine Muckelraum mit den Sofas und der gedämpften Beleuchtung nicht direkt neben meinem Büro ist, sonst würde ich fünfmal täglich von Beratern mit Fußtritten geweckt, weil ich schon wieder auf dem Sofa schnarche, statt meine verdammte Arbeit zu tun. Wie das alles noch werden soll, wenn erst wieder die Zeiten kommen, wenn ich morgens auf dem Weg zur Arbeit ohnmächtig und schnappatmend vom Sitz rutsche, weiß kein Mensch. Aber ich warte mal ab, vielleicht passiert das diesmal auch gar nicht, dafür kann ich diesmal endlich mitreden, wenn es um Schwangerschaftsübelkeit geht. Wenn ich mal mitrede und nicht teilnahmslos in der Ecke hänge und mich frage, ob es wohl auffällt, wenn ich ein kleines, nur ganz klitzekleines Nickerchen mache jetzt.

In dieser schweren Stunde ist wieder mal Verlass auf die Mädchen, eins von ihnen hat mir seine riesige Puck-die-Fliege-Sonnenbrille verkauft, mit der kann ich sogar sowas bringen.

Aber was tut sich bei Huckleberry? Wie ihr wisst, bin ich extrem sparsam mit Informationen über ihn, weil ich nicht will, dass er später über das übliche Maß hinaus von den dummen Klassenschlägern rumgeschubst und drangsaliert wird. Aber ich glaube, es ist ok zu verraten, dass er inzwischen steht und daran enormen Spaß hat (bis er sich dann irgendwann wieder hinsetzen will und merkt, dass er das noch nicht kann), dass er immer noch am liebsten Fläschchen mag, aber zwischendurch auch mal mit großem Spaß ein Stück Croissant isst und dass ich inzwischen glaube, Breichen sind einfach nicht sein Fall. Also weiter Fläschchen, zwischendurch versuchsweise Bananen, Croissants, mal ein Stück Kartoffel oder ein paar Nudeln und so, und irgendwann demnächst dann richtiges, großes Essen. Sein Liebstes ist aber immer noch Wasser mit Kohlensäure. Ihr braucht mir keine Vorträge zu halten über Bauchschmerzen usw., viel ist es nie auf einmal, und er hat sich noch nie beklagt. Ich hab das Gefühl, er macht das schon. Und wir haben einen Kita-Platz! Zwar nicht in der duften Montessori-Kita, aber in einer auch sehr schönen komplett mit tollem großen Außengelände und Matschspielplatz, und das so dicht, dass ich innerhalb von drei Minuten zu ihm könnte, wenn er mich zu sehr vermissen würde. Bzw. ich ihn. Jeden Tag auf dem Hundegang gucke ich mir das seit Jahren an: wie zwischen den glattpolierten Baumstümpfen die kleinen Muckel mit ihren Plüschohren an den Mützen herumstreifen, und demnächst kann ich ihm über die Ubahn-Gleise weg zuwinken, und wenn ich Glück habe, winkt er sogar zurück. Das ist schon alles gut so. (Ich glaube, ich war im fünften Monat, als ich ihn bei Montessori angemeldet habe. Das ist ein kirchlicher Kindergarten, und ich dachte, tadaaaa, Papa und Mama beide in der Kirche, das klappt ja wohl jetzt gefälligst? Nichts da. Es stellt sich heraus, dass ich ihn im zweiten Monat hätte anmelden müssen. Vor uns ist nämlich noch ein Paar auf der Warteliste, und die waren im dritten Monat da. Ja nu. Ist hier eine, die gerade heute mit Synarela anfängt? Das ist das tolle am langen Protokoll, dass es genug Luft für die Chance bietet, den Kita-Platz tatsächlich aussuchen zu können. Nichts wie hin also!)

Und sonst bitte ich um Nachsicht, wenn gerade die Posts etwas zähflüssig kommen. Ich schiebe es auf die Müdigkeit. Und darauf, dass ich trotzdem total verplant bin. Letzte Woche habe ich z.B. an viereinhalb Tagen gearbeitet und war übers Wochenende weg, und wenn ich dann mal ausnahmsweise babyfrei am Tisch sitze und der Rechner steht vor mir, dann kann und kann ich mich einfach nicht aufraffen. Jetzt knöttert Huckleberry. Und schlecht ist mir auch. Wir können nicht alle so tapfer sein wie Muc, die auch nach durchbrüllten Zwillingsnächten noch seitenlang postet.

Aber bald bestimmt wieder. Dann berichte ich z.B. von einem sicher fabelhaften mehrteiligen Radioprogramm zum Thema Kinderwunsch, das eine nette und gut informierte ORF-Journalistin gebaut hat (und ich durfte auch mitmachen!). Demnächst ist es zu hören, für Leute außerhalb der ORF-Reichweite natürlich auch im Netz.

Dienstag, 25. März 2014

Piep. Piep. Piep. Piep.

Eine Fruchtblase. Mit Inhalt. Und Herzschlag.

Um es lang zu sagen

Sollte einer meiner Auftraggeber diesen Post lesen und sich sagen, Fräuleinchen, nicht während der bezahlten Arbeitszeit, dann habe ich zu meiner Verteidigung zu sagen: 1. bin ich heute so durch den Wind, dass es sowieso unverantwortlich wäre, in dieser Stimmung generierte Ideen auf Kunden loszulassen, 2. habe ich gerade die Runde durch alle Beraterbüros gedreht und gefragt, ob es irgendwas für mich zu tun gibt, und die Antwort lautete Nein Danke, und 3. bin ich Schnelltipper und brauche auch für diesen Wortschwall nicht länger als zwanzig Minuten. So.

Eine Woche habe ich mich nicht gemuckst, es tut mir ehrlich leid. Ungefähr sechsmal hatte ich angesetzt, aber dann immer auf halber Strecke den Nerv verloren. Schwangeren sagt man ja ständig "Dein Körper braucht das jetzt", egal, ob es um Schlaf, Familienpackungen Chips oder Wutausbrüche aus dem Nichts geht. (Ich hasse das übrigens, wenn andere Menschen zu mir Dinge sagen, in denen die beiden Worte "Dein Körper" vorkommen. Das fühlt sich an wie ein zu warmer und schwitziger Händedruck. Aber mach was... in der Schwangerschaft kriegt man jede Menge davon zu hören.) Ich ziehe also zur Entschuldigung ausnahmsweise mal die Mein-Körper-Karte und behaupte frech, mein Körper brauchte eine Woche Blogferien. Echt!

(Habe ich schon mal erzählt, wie ich zum letzten Termin vor der Geburt bei meiner Frauenärztin war und hinterher mit dem Auto in eine irre enge Straße geraten bin, die blockiert war durch ein paar Straßenbauer mit irgendeinem Monsterbagger, ohne dass das vorher per Schild oder irgendwas angekündigt war? Und wie ich nicht zurück konnte, weil hinter mir inzwischen jemand stand, der es nicht gerafft hat und telefonierte? Und wie ich dann dachte "Ok, einmal darfst du das" und mir den Bauch haltend aus dem Auto gestolpert bin und die armen Bauarbeiter angeschwindelt habe, hier ginge es gerade sowas von los und sie sollten jetzt sofort die Straße freimachen? Und dann kichernd weiterfahren konnte, nachdem die mir alle noch viel Glück gewünscht hatten? Das war natürlich mies. Und dass man in den Wehen nicht Autofahren darf, wussten die scheinbar zum Glück nicht oder wollten sich jetzt nicht auf Diskussionen einlassen.)

Heute Mittag ist der große Termin, und ich habe keine Ahnung, was ich vorahnen und denken soll. Einerseits fühle ich mich diesmal schwangerer als letztes Mal um diese Zeit. Sogar Morgen- Mittag- und Abendübelkeit habe ich, und als ich gestern Abend Mann und Schwiegermutter zum Essen ausgeführt habe und ein extrem gut abgehangenes Stück Rind serviert wurde, war der Geruch für mich kaum auszuhalten widerlich. Das sind doch eigentlich gute Zeichen. Auch müde bin ich, und zwar schwangermüde mit Babymüde obendrauf. Spiffi schläft nicht mehr ganz so mustergültig wie noch vor kurzem, und ich kann nur dankbar sein, dass ich tatsächlich den Großteil meiner nächtlichen Aktivitäten am nächsten Morgen vergessen habe und die Fläschchen zählen muss, wenn ich wissen will, wie oft. Dann ist mir noch wieder eingefallen, dass ich diesmal tatsächlich so etwas wie eine Einnistungsblutung hatte - nur ein paar Tröpfchen, nicht weiter wild - und die waren so spät, dass ich schon dachte, das kann aber nicht sein: sieben Tage nach der Rückübertragung. Jetzt habe ich aber gelesen, dass das Zellhäufchen sich bis zu elf Tage nach der Befruchtung einnisten kann. Elf Tage kommen mir jetzt reichlich unwahrscheinlich vor, aber andererseits ist es auch ziemlich unwahrscheinlich, gleichzeitig HPV, verschlossene Eileiter, Myome und Endometriose zu haben, und siehe da, alle paar Monate sitze ich um einen Stammtisch mit einem Haufen Damen, die das alle trotzdem haben. Das würde jedenfalls mehr als erklären, wieso letztes Mal noch nur eine Fruchthülle ohne spannenden Inhalt zu sehen war (das und der Nebel auf dem Ultraschallschirm). Also gut. Pro: Ich fühle mich schwanger, und es wäre so nett, wenn ich es wirklich wäre. Contra: das wäre zu schönes Idiotenglück, der nicht so dolle Ultraschall vom letzten Mal, ich bin 41 und eine Menge kann in jeder Minute seit dem positiven Test schiefgegangen sein.

Da hilft wohl wieder mal nur einatmen und ausatmen und warten.

Diese irre Menge von Ultraschalls für Kinderwunschpatientinnen macht das Leben jedenfalls nicht einfacher, inzwischen habe ich nach einer guten Untersuchung ungefähr fünf Stunden Gnadenfrist, bis ich mich wieder vor der nächsten grusele.

Inzwischen habe ich von Spiffi zu erzählen, dass es mit dem Essen schwierig ist, aber wir uns trotzdem keine Sorgen machen müssen. So lange die Leute ständig Sachen sagen wie "der wird aber mal größer als L. (1,96)" oder auch "Na, du wirst aber mal Holzfäller, nüing, min Dschong?" scheint es wohl nicht komplett schief zu laufen. Aber immer noch sind Fläschchen das, was er am liebsten mag. Gläschen sind bis auf wenige Glücksmomente meistens bäh, und die Hunde hatten selten so ein glänzendes Fell wie jetzt, wo sie täglich den Löwenanteil von zwei 1a Bio-Gemüsegläschen bekommen, die Spiffi nach dem ersten Löffel mit purem Abscheu von sich schiebt. Ich habe es auch schon mit einer Freestyle-Variante von Baby-led-weaning probiert, aber von weaning ist nicht viel zu merken, Spiffi zermatscht nur alles in seinen kleinen starken Holzfällerhänden und schmiert es mir ins Haar. Was er aber liebt und was immer geht, ist Mineralwasser, und zwar unbedingt mit Kohlensäure. Sobald in Sichtweite jemand eine Flasche Mineralwasser öffnet, robbt er blitzschnell auf denjeningen zu und sperrt hechelnd vor Gier den Schnabel auf. Gestern hat er zum ersten Mal erst selbst ein paar Schlucke genommen und dann mir die Flasche in den Mund geschoben, er war erst zufrieden, nachdem ich mindestens sieben Schlucke genommen hatte. Fast jeden Tag erzähle ich ihm von seinem vielleicht-wenn-alles-gut-geht Geschwisterchen, aber ich glaube, unter Geschwisterchen kann er sich noch nicht so viel vorstellen. Was vielleicht auch besser ist, wenn man bedenkt...

So. Zwanzig Minuten sind um. Mehr kann ich nicht verantworten. Das wäre ja wohl mal wirklich doof: Baby futsch und Job futsch an einem Tag.

Ich verspreche, ich sage kurz piep nach dem Ultraschall heute mittag.

Montag, 17. März 2014

Ich mach ja schon ich mach ja schon

Eine Stunde im Wartezimmer, dann der Ultraschall und dann im Schweinsgalopp und trotzdem jenseits von viel zu spät zurück an den Schreibtisch, dabei im Laufen schnell-schnell Anruf zuhause und SMS an Eltern, Schwester und Freundinnen, nachdem L. schon zweimal vergeblich auf die Mailbox gequatscht hatte (ich bin nämlich eine dieser Patientinnen, die im Wartezimmer tatsächlich ihr Handy ausmachen). SMSen im Rennen in der Innenstadt kann ich nicht empfehlen.

Egal: zu sehen gab es nicht so viel, eine Fruchthöhle (alles etwas neblig heute, warum auch immer) noch nicht mit gut erkennbarem Inhalt, entsprechend auch noch kein Herzschlag, aber laut Frau Doktor alles so, wie es soll, und sehr gut positioniert für den Rest des Weges. Nächsten Dienstag sehen wir hoffentlich mehr.



Die Vorher-und-Nachher-hoffentlich-immer-noch-Show

Ich kann nicht gut mit Entscheidungen zu einem festen Zeitpunkt in der Zukunft. Ich hasse das, wenn Showmaster blöd minutenlang herummoderieren, bevor sie endlich sagen, wer nach Hause muss und wer nicht. Dass die Entscheidung über das neue Glücksprojekt an einem Mittwoch Anfang Mai fallen wird und ich bis dahin nicht die geringste Chance habe, irgend etwas herauszufinden, macht mich schier irre. Ich lese bei Krimis oft das Ende zuerst (allerdings nicht unbedingt aus dem gleichen Grund wie Harry aus "When Harry met Sally"), und bevor ich mir einen wirklich spannenden Film ansehen gehe, lese ich auch da gerne nach, wie er ausgeht. Spannung ist für mich nichts Schönes.

Um zwanzig nach eins habe ich einen Termin zum Ultraschall, und es macht mich völlig verrückt, dass zwar jetzt schon fest steht, wie genau es um diese neue Schwangerschaft bestellt ist, dass ich aber hier stillsitzen (und mir Anzeigen für eine Fresszeitschrift ausdenken) muss und kein Weg daran vorbei führt, mich noch etwas zu gedulden. Könnte ich wenigstens rauchen! Andererseits sind das vielleicht die letzten zwei Stunden und zehn Minuten, in denen ich noch schwanger sein darf, und gleich ist der Spuk schon wieder vorbei. Und jetzt?

Jetzt würde ich wirklich, wirklich gerne vorblättern.

Samstag, 15. März 2014

Da ist sie wieder, die Vorfreude-Vorangst-Schizophrenie.

L. ist bockig. Vermutlich überfällt einen dieses Gefühl als gesunden Großstadtmann, wenn man Freitag Abends aus dem Fenster guckt und weiß, dass auch heute Abend wieder Zehntausende durch die Bars wandern, auf ihrem Weg seltsame und teilweise gleich wieder vergessene Abenteuer erleben und nicht nach Hause kommen, bevor der Morgen graut, während man selbst hier vergessen in der Vorstadt sitzt mit zwei Hunden, einem Baby und einer Frau, die grundsätzlich gerne um zehn in ihren Schlafanzug steigt und sich nach einem Gutenachtküsschen zu ihrem Krimi trollt und die neuerdings dazu übergegangen ist, das auch gerne schon um acht zu tun. Das ist doch kein Leben! Keiner versteht das besser als ich. "Ich will Champagner" sagt L. und starrt finster aus dem Fenster. Nicht, dass ihr euch übertrieben glamouröse Vorstellungen von unserem Lebensstil macht, aber tatsächlich liegt im Keller eine schöne Flasche, die seine Cousine hier mal vergessen und uns dann übereignet hat. "Mach doch" sage ich. Wenn es hilft? "Wobei -" sage ich, "Du könntest ihn auch für eine Gelegenheit aufheben, bei der er irgendwie mehr knallt. Zum Beispiel, wenn Frau B. - (die biestige alte Nachbarin mit der Mülltonnenfehde) - mal wieder im Garten ist, dann wirfst Du Dir den karierten Morgenrock über und gehst auf den Balkon und reißt die Flasche auf. Hm?"
"Jaja. Wenn ich schlau bin, mache ich alles genau wie Du. Ganz genau wie Du, mein Schnutzibutzi." knurrt L. und macht sich jetzt doch ein Bier auf.
Und ich steige mit meinem gemütlichsten Schlafanzug ins Bett, ziehe mir die Decke bis unter die Nase, greife nach meinem Kindle und weiß plötzlich genau, dass meine Idee nichts damit zu tun hat, Frau B. zu ärgern, sondern dass ich heimlich denke: Warte doch noch ein paar Tage, dann bin ich vermutlich schon wieder nicht mehr schwanger, und wir trinken ihn zusammen.

Es tut mir so leid, ich kann nicht anders. Ich tue schon alles, um die Hirnhälfte anzufeuern, die feste hofft und glaubt. Ich habe z.B. nach dem Vorbild von Holly von "Nothing but bonfires" einen klappernden Haufen großer MDF-Zahlen gekauft und (mit angehaltener Luft und im Freien, klar) türkis angesprüht, damit mache ich jetzt jede Woche ein Foto für mein Schwangerschafts-Tagebuch. Auch eine Null ist dabei und zwei Dreien, so dass ich scheinbar zumindest theoretisch davon ausgehe, dass ich irgendwann im zweistelligen Wochenbereich und sogar in die Dreißiger komme. Ich habe auch jetzt schon Schwangerschaftsvitamine bis Woche 13 und genug Wunderöl, um einen Drillingsbauch streifenfrei bis ins Ziel zu bringen. Aber obwohl ich schon einmal erlebt habe, dass unwahrscheinlicherweise tatsächlich auch aus meinem Fusselbauch ein Baby kommen kann, gewinnt meistens die andere Hälfte. Montag ist der Ultraschall, und ich gehe mit extrem gemischten Gefühlen da hin. Ich wollte, ich wäre anders, aber das ist wohl das, was eine Fehlgeburt mit einem macht. Immer noch nicht schwangere Abkürzungsdamen müssen auch nicht wütend werden, ich hänge nicht müffelnd und schniefend auf dem Sofa herum, ich freue mich schon und freue mich noch viel mehr, wenn wir irgendwann in sichereres Fahrwasser kommen, ich weiß auch, was ich vier Jahren Kinderwunschbehandlung schuldig bin und dass ein Positiv und Woche 5 plus irgendwas jetzt schon ein Traum ist, aber irgend etwas bringt mich eben auch dazu, L. dazu zu bringen, die Flasche noch ein paar Wochen zu zu lassen.
Bier schmeckt ihm außerdem fast genau so gut. Und einsamer Champagner ist fast noch trister als Kräutertee am Freitag Abend.