Mittwoch, 14. Januar 2015

Problem Nr. zehn.

Gestern morgen war ich zur Ein-Wochen-Kontrolle im Krankenhaus, und es zeigte sich, ich hab es scheinbar zu gut mit meinem Kind gemeint: der Schuh war zu lose, und ich hätte die Ferse einfach ZWINGEN! müssen, ganz hinten unten im Schuh zu sitzen. Unter den Augen der Ärztin haben wir dann geübt, wie man den Schuh so fest anzieht, dass die Ferse keine andere Wahl hat als an der richtigen Stelle zu sitzen. Ansonsten war sie sehr zufrieden, keine Druckstellen (wie auch, wenn der Schuh so lose sitzt?), und um halb elf waren wir wieder zuhause.

Um drei habe ich ihn gewickelt und bei der Gelegenheit den Schuh noch mal ausgezogen, um mir den Fuß anzusehen. Der Fuß sah schrecklich aus. Der obere Teil war eng eingeschnürt und ungefähr halb so breit und dick wie der vordere Teil, an der Seite, wo der engste Riemen sitzt, hatten sich mehrere messerscharfe Falten in der Haut gebildet. Ich war furchtbar erschrocken, habe sofort beide Schuhe ausgezogen, ihn gehätschelt und gestillt und den Fuß fotografiert und das Foto an die Ärztin gemailt. So kann das doch nicht bleiben? Schon gar nicht drei Monate lang? Da fallen ihm doch die Zehen ab? Sie hatte mich schon vorgewarnt, dass sie den ganzen Nachmittag in einer komplizierten OP stecken und nicht in ihre Mails gucken würde, trotzdem saß ich wie auf Kohlen. Nach einer Stunde Freiheit habe ich ihm den Schuh wieder angezogen, wenn auch nicht ganz so fest. Zwar leidet die Korrektur der Achillessehne, wenn der Fuß nicht rechtwinklig im Schuh sitzt, aber immerhin: die Außendrehung war ok. Inzwischen habe ich mir einen Wolf gegoogelt auf der Suche nach anderen Schuhen, anderen Schienen, irgend einer Möglichkeit, den Fuß zu korrigieren ohne diese Verformung. Wie eine japanische Nachwuchs-Geisha! Nee nee nee.

Heute morgen kam die Antwort: GENAU, aber ganz genau so soll der Fuß aussehen, wenn der Schuh korrekt angezogen ist. Weitermachen, danke.

Spätestens jetzt ist es passiert: ich bin ein hysterisches Muttertier. Genau wie alle anderen.

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Jakob keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Boje findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Jakob jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Boje langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Jakob beansprucht wird, jetzt in Boje stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Jakob, ich Miststück" oder "der arme, arme Boje, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Boje durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!

Freitag, 9. Januar 2015

Beim nächsten Ton ist es zwölf Uhr, fünfundvierzig Minuten und dreißig Sekunden.

Zwei Nächte mit Schiene, und ich sehe laut L. aus wie 55. Und er hat wie so häufig vollkommen Recht. Als ich im Krankenhaus lag und Jakob frisch geboren war, hörte ich in einer Nacht aus dem Nebenzimmer eine Frau mit vor Verzweiflung und Schwäche kippender Stimme schreien "WAS WILLST DU EIGENTLICH?" So ungefähr fühle ich mich zwischen eins und sechs Uhr früh. Wobei, ich weiß ja, was er will. Er will keine Schiene. Aber in diesem Fall kriegt er eben nicht, was er will. (Junge, werden wir vorbereitet sein, wenn eins unserer Kinder mal eine Zahnspange oder Brille braucht und nicht will. Aus dem Handgelenk machen wir das dann!)

Heute nachmittag ist sie dann 48 Stunden dran, und angeblich kommt dann der magische Moment, wenn die Schiene akzeptiert ist. Wie ich mich darauf freue!

Damit zurück zu meinem brüllenden Sohn. Nicht mehr lange brüllenden Sohn, ganz bestimmt.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Wir sind auf dem Weg.

Einerseits nett und engagiert, dass die Ärztin hier angerufen hat, um sich nach Jakob zu erkundigen. Andererseits - und das wurde mir gestern erst klar, bei mir dauern manche Dinge etwas länger - hatte sie vermutlich auch die Hosen voll. Einigen wir uns darauf, dass sie einerseits engagiert ist, andererseits die Hosen voll hatte. Oberhalb des Verbandes konnte man ein kleines Stück Bein erkennen, das sah gestern morgen schon nicht mehr so fürchterlich aus wie noch vorgestern Abend. Wirklich beunruhigt war ich also schon gar nicht mehr, als wir mittags nach Altona gefahren sind. Unter dem Verband kam dann ein Beinchen zum Vorschein, das merklich abgeschwollen war, aber immer noch blau und schmerzempfindlich. "Ein Glück", sagte sie, "Die Schwellung war es nämlich, die mir ernsthaft Sorgen gemacht hat", und zusammen haben wir aufgeatmet (auch wenn ich mich im Nachhinein schon frage, wieso wir dann nicht zur Sicherheit die Nacht mit ihm im Kinderkrankenhaus verbracht haben, wo wir schon mal da waren.) Jetzt hat er die Schiene. Ich mache noch ein Foto, versprochen, dann könnt ihr sie sehen - er sieht eigentlich ganz lässig damit aus, wie ein sehr kleiner Snowboarder eben. Ein sehr kleiner, exzentrischer Snowboarder, der auch im Winter in orthopädischen Sandalen auf die Piste geht. Zwei Tage lang soll er jetzt knöttern und quengeln, hieß es, dann hat er sich dran gewöhnt. Diesen Teil der Abmachung hat er bisher eingehalten, die Nacht war die grauenvollste bisher. Nachdem ich gestern mit ihm noch bei einer Freundin war und er dort ungefähr so aktiv und laut war wie eine Handtasche, sehr zur Enttäuschung der Mädchen, die ihn gerne ein bisschen geschuckelt hätten, hat er sich auf der Heimfahrt warm gebrüllt und heute Nacht zweieinhalb Stunden geschlafen, davon eine auf meinem Arm. Warum genau jetzt der Alarm, wissen wir nicht: kann sein, dass das Bein einfach noch so druckempfindlich ist. Kann auch sein, dass es diese Eingewöhnungunsschwierigkeiten bei allen Kindern gibt. Kann auch sein, dass er einfach Bauchweh hatte, weil Mutti gestern Abend tonnenweise Chips gegessen hat. Oder kann sein, dass er gestern tagsüber so viel geschlafen hat und heute Nacht topfit war. Noch eine Nacht, dann geht es hoffentlich bergauf. Und heute bekommt er endlich sein erstes warmes Bad. Natürlich geht es uns durch und durch, ihn so kämpfen und brüllen zu sehen, aber es hilft nichts: die Schiene muss sein, wenn er irgendwann normal laufen soll. Nehmen wir sie jetzt ab, dann lernt er nur, dass er mit ausreichend Gebrüll die Schiene schnell los wird. Außerdem geben laut Gipsmann Eltern zu schnell der Schiene die Schuld, wenn der Kleine sich beschwert. "Die Schiene sieht man, Hunger oder Müdigkeit oder Alleinsein sieht man nicht, da ist klar, wer eher Schuld ist, wenn das Baby mal weint". Also: trösten, weitermachen.

Nachher fährt L. los und besorgt die geforderten nahtlosen und musterfreien Söckchen, die man laut Gipsmann am besten bei H&M bekommt. Ich habe noch nie darauf geachtet, aber es stimmt: Socken mit Mustern haben hinten innen merkwürdige Fäden, die sich verknüllen können, und eine Druckstelle in den stramm gezogenen Schuhen ist das letzte, was wir jetzt brauchen können. Gibt es doch eine Druckstelle, müssen die Schuhe für ein paar Tage ab, und jede Stunde wirft uns zurück. Der Gipsmann erzählte von einem Kind, dessen Eltern eine Stelle übersehen hatten. Das eiterte dann, und das Kind musste acht Wochen ohne Schuh bleiben. Danach stand der Fuß wieder genau so schief wie bei der Geburt, und alles ging von vorne los, nur diesmal deutlich langwieriger, weil die Knochen und Gelenke immer weniger formbar sind, je mehr Zeit vergeht.

Ich habe das Gefühl, wir müssen auf einen Berg und haben gerade erst die ersten Schritte vom Parkplatz gemacht. Uff.

Dienstag, 6. Januar 2015

Buh.

Der Gips ist ab. So weit sind wir im Plan. Nicht vorgesehen war, dass Jakob kaum dass der Gips ab ist in markerschütterndes Gebrüll ausbricht und das Bein vor unseren Augen anschwillt und blau wird. Sie haben sofort ein Röntgenbild gemacht, gebrochen ist nichts (wie denn auch, mit Gips?), und Thrombosen haben so kleine Muckelchen wohl noch nicht, es ist auch schon wieder ein bisschen abgeschwollen, und er schläft jetzt - nach einer bitter nötigen Stillsitzung und ohne Schmerzmittel (bisher). Sein Beinchen haben wir hochgelagert, ein kleines Coolpack ist auch drauf, und vorerst hat er nur einen etwas steifen Verband, die Schiene bekommt er nun vermutlich morgen.

Papa hat dumpf ins Leere gestarrt, und Mama hatte fast einen Nervenzusammenbruch. Was das nun genau war, wissen wir nicht. Zum ungefähr hundertsten Mal habe ich heute aus Ärztemund den Satz gehört "Das war noch nie. Na sowas." Vermutlich ist es irgend eine Art von Überreaktion des Beinchens/der Haut auf die plötzliche, lang vermisste Freiheit. Das wird sich wohl legen, wir sollen uns keine Sorgen machen, morgen ist es sehr wahrscheinlich schon wieder gut. Bis dahin beglucke ich ihn, so gut ich kann. Wenn er heute Nachmittag mal ein Schläfchen macht, lasse ich ihn in L.s Obhut und besorge die geforderten Socken, die wir ab morgen in Mengen brauchen werden: unbedruckt und glatt und möglichst ohne Nähte. Morgen bekommt er nämlich die Schiene. So, wie es sein soll. Ganz bestimmt.

Montag, 5. Januar 2015

Eigentlich zwei Monate.

Zwar ist Jakob heute nacht vor zwei Monaten geboren, aber wir verschieben den Geburtstagspost auf morgen oder übermorgen. Denn morgen ist der eindeutig größere Tag: morgen fahren wir mit ihm nach Altona, und der Gips kommt ab. Ich kann es kaum erwarten, bis er ihn los ist. Babys wachsen blitzschnell, und ein Gips, der vor vier Wochen noch genau passte, ist jetzt presswurstartig eng. An einem Ende quillt sein Beinchen über den Rand, am anderen Ende fünf dicke Zehen, die zu Anfang noch kaum aus dem Ende herauslugten. Das sieht nicht gut aus und muss sich noch deutlich schlechter anfühlen.
So sieht der Plan aus: wir bringen Boje in die Kita, sagen Bescheid, dass es später werden könnte mit dem Abholen, und fahren ins Krankenhaus. Dort warten wir und überbrücken die Wartezeit mit tödlich süßen Cappuccinos aus dem Automaten. Wenn wir dran sind, schnibbelt der Orthopädietechniker unter Aufsicht der Ärztin den Gips ab (was mich immer nervös macht, obwohl dabei nichts passieren kann - Riesenschere direkt an Babybein, nicht gut), und ein hörbares Aufatmen wird durch den Raum gehen. Ich packe ihn in seinen ersten langbeinigen Strampler, der Fußsack, den er bisher getragen hat, kommt in die Handtasche, und sie passen ihm zum ersten Mal seine Schiene an: ein kleines cooles Snowboard mit extrem uncoolen Schuhen, die drehbar darauf montiert sind. Sie werden uns noch erklären, worauf wir beim An- und Ausziehen achten müssen, und dann packen wir unser frisch geschientes Ex-Klumpfußbaby in den Maxicosi (nur eine von vielen Dingen, die ohne Gips leichter werden) und lassen die Trümmer des inzwischen grau verfärbten, an einigen Stellen mit neonorangefarbener Stillkacke verschmierten Gipses zurück. Soll er doch sehen, wo er bleibt.

Und dann wird gebadet! Zum ersten Mal! (Vorher war der Nabel noch dran, und an Tag sechs seines Lebens kam der Gips ans Bein. Das Wasser wird ungefähr so grau werden wie die Gipstrümmer.) Und wir erwarten mit Hochspannung, ob er sich dann wohler fühlt. Denn bisher ist er eher nicht so sonnig gestimmt. Um genau zu sein, habe ich gestern beim Googeln herausgefunden, dass er ohne Probleme in den Club der Schreibabys aufgenommen würde: um da reinzukommen, muss ein Baby mindestens drei Wochen lang an mindestens drei Tagen in der Woche insgesamt mindestens drei Stunden lang schreien. Das schafft er, kein Problem für ihn, egal, wie mütterlich ich ihn schunkele, stille und beglucke. Bisher glaube ich aber feste daran, dass der blöde Gips Schuld ist, der mit Sicherheit drückt, juckt und scheuert. Sollte er nach morgen immer noch so knötterig sein, dann mache ich einen Termin beim Osteopathen.

Was habe ich sonst noch zu erzählen?
Ich war zur Nachsorge bei meiner Gynäkologin, und jetzt habe ich ein Rezept für Krankengymnastik in der Tasche. Mein Beckenboden ist matsche, da gibt es nun keinen Zweifel mehr (obwohl das Pipiproblem in letzer Zeit deutlich besser geworden ist, der Himmel weiß warum). Mit normaler Rückbildungsgymnastik oder Mami-plus-Baby-Pilates wie in meinem Fitnessclub soll ich mich nicht aufhalten, das kann ich machen, wenn die Krankengymnastik durch ist. Heute telefoniere ich also mal ihre Liste durch und gucke, wer für mich bequem gelegen ist und Zeit für mich hat.
Gestern war ich zum ersten Mal seit ewigen Zeiten alleine mit dem Hund auf einem längeren Spaziergang. Die Sonne schien, das Tier war glücklich, und ich auch. Mir kamen unzählige Kinderwagen entgegen, und ich habe keinen Blick auf die Insassen geworfen und war einfach nur froh, mal eine Stunde nicht Mutti zu sein, sondern nur Frauchen. Das hat gut getan, und als ich mit Tatzenabdrücken auf der Jacke wieder nach Hause kam, habe ich mich schrecklich gefreut auf die zwei Würmchen.
L. hat endlich das versprochene Scart-Kabel organisiert, so dass ich jetzt in kurzen Pausen (oder zum Stillen) die siebte Staffel 30Rock ansehen kann, mein kleiner Ausflug ins Ersatz-Arbeitsleben. Ich will gar nicht drüber nachdenken, dass diese Staffel die letzte ist. Was mache ich ohne Liz Lemon? Vermutlich wieder bei Staffel 1 einsteigen, zwei Schwangerschaften und zwei Stillnebel haben bestimmt 70% von allem, was ich schon gesehen habe, wieder gelöscht.
Und ich lese ein Kochbuch für Familien: "Dinner. A love story", das Buch zum Blog, der sich auch in meiner Blogroll findet. Zwar ist es noch längst nicht so weit, dass wir uns zu viert an einen Tisch setzen, aber ich habe Spaß dran, Pläne zu machen und von Zeiten zu träumen, wenn dieser ganze Fläschchenkram im Keller verschwunden ist. Das wird er nämlich eines Tages sein, ganz sicher.
Und das alles zusammen fühlt sich gut an, fragt mich nicht wieso (seit wann ist Krankengymnastik eine gute Nachricht?). Aber es wird alles, ganz bestimmt.

Freitag, 2. Januar 2015

Hallo wach.

Ich hatte keine besonders nette Schulzeit. Alles war blöd: meine Eltern, meine Lehrer, die anderen aus meiner Klasse. Der Ärger ging über das normale Pubertätsgeschmolle hinaus, ich war ziemlich einsam, habe mich geprügelt und hoffte nur noch, meine Eltern würden endlich die Drohung wahr machen, mich aufs Internat zu schicken, was sie vermutlich niemals wirklich vorgehabt haben und was sehr wahrscheinlich nichts geändert hätte, denn ich wäre immer noch die Selbe gewesen. Dann kam ein Tag, einer wie jeder andere: zum Frühstück Ärger mit meinem Bruder, auf dem Schulweg Ärger mit den Hauptschuljungs, in der ersten Stunde Latein und ab dann auch nicht besser - aber irgendwas war anders. Ich saß da, so ungefähr 20 Minuten weit in die Deutschstunde, und sah mich so um in der Klasse, und dachte auf einmal nicht nur, sondern fühlte auch: eigentlich sind die doch gar nicht so schlimm. Eigentlich geht es doch. Eigentlich könnte es schlimmer sein. Und vielleicht wird ja doch noch alles gut. Und das war der Anfang davon, dass es wirklich besser wurde. Nicht schlagartig, ein paar Prügeleien gab es noch, und Latein hatte ich sogar noch bis zum Abi, aber das Schlimmste war vorbei. (Hab ich schon mal erzählt, oder? Hab ich bestimmt, wie fast alles hier, vermutlich sollte ich dem Befehl der Kommentardame folgen und es einfach lassen.)

Gestern nachmittag ist mir das wieder passiert. Ich weiß nicht, wieso. Es hatte auch erst mal nicht den Anschein von "Lächle, und dein Baby lächelt zurück". Aber seit gestern nachmittag geht es mir besser. So viel besser, dass ich nicht nur erschrocken darüber bin, wie schlecht es mir vorher ging und wie sehr ich versucht habe, das weg zu rationalisieren und weg zu hypnotisieren. Es liegt auch nicht an letzter Nacht, die war genau so arm an Schlaf wie die Nächte davor, und Jakob knöttert heute wenn überhaupt möglich mehr denn je. (Der Gips wird jetzt wirklich eng, aber die Ärztin hatte uns vorgewarnt, dass das in den letzten Tagen passiert.) Aber ich bin jetzt zuhause in dem ganzen Chaos, dem Gebrüll und dem Schlafentzug. Ich weiß, dass das hier für jede schwierig wäre und vermutlich ganz normal ist, auch wenn viele so tun, als wäre ab Geburt die Welt in Pastell getaucht. Trotzdem ist es in meinem Leben bisher noch nicht da gewesen und toppt die Klassen sieben bis neun noch deutlich an Stress, Gehetztheit, gefühlter Ausweglosigkeit und Keiner-versteht-mich.

Toppte. Denn ich habe wirklich das Gefühl, es liegt hinter mir. Gerade mal 24 Stunden und dann noch ein bisschen, aber es ist trotzdem, als hätte mich jemand an den Tropf mit den guten Drogen gehängt.

Ich sitze im Lehnstuhl und schnuppere an Jakobs Kopf. Das macht man wohl so, und jetzt weiß ich auch, wieso. Er brüllt, und alles, was ich will, ist dass es ihm besser geht und ihm zeigen, dass das hier sein sicheres, warmes Zuhause ist. Nach einer Stunde habe ich Kopfschmerzen, aber die sind mir ziemlich egal. Ich schleiche vor dem Schlafengehen noch mal zu Boje ins Zimmer und gucke ihm beim Schlafen zu. Wimperntusche hilft morgens gegen müde Augen, und Tee, endlich wieder voller Koffein, hilft gegen müden Schädel. Ich treffe meine vierundneunzigjährige Nachbarin auf der Straße, die zum vierundneunzigsten Mal zu mir sagt, das hier wäre die schönste Zeit und ginge viel zu schnell vorbei, und zwar denke ich immer noch ein bisschen grimmig "Na, das wollen wir doch mal schwer hoffen", aber ich weiß auch, was sie meint. Ihr Enkel schraubt jetzt seit einem Jahr an so einem grässlichen Armeefahrzeug herum und hat scheinbar das Sprechen verlernt, und vor kurzem, als sie Ende 70 war, gerade eben also hat er ihr noch Gänseblümchen im Garten gepflückt. Die Schlaflosigkeit, die Streits mit L., das mit einer Hand in den Mund geschaufelte kalte Essen und das ganze verwahrloste Leben verwandelt sich vermutlich in ein paar Monaten im Rückblick schon in Babyfolklore: Mutti erzählt vom Krieg. Wie schwer das alles wirklich war - dieser lang ersehnte Kindersegen, und ich weiß genau, wie blöd das für manche klingt und wie falsch der Hals ist, in den einige das kriegen - werde ich vielleicht vergessen, man sagt ja auch, Frauen vergessen Geburtsschmerzen. Aber das, was jetzt kommt und was ich endlich auch mitzukriegen scheine, das ganz bestimmt nicht.


Donnerstag, 1. Januar 2015

Ein Anfang

Also gut, einen noch: ich will es mir ein bisschen leichter machen. Zum Beispiel beim Stillen. Normalerweise läuft es so: kaum sitze ich im blauen Stillsessel und Jakob trinkt die ersten Schlucke, kommt Boje um die Ecke und will was von mir. Und zwar bitteschön sofort. Er will ein Fläschchen mit Saftschorle, er will eine Banane. Er will mit mir Bilderbücher lesen. Das macht er mir klar, indem er sie aus dem Regal zieht und damit herumfuchtelt. Jetzt halte ich schon angstvoll die freie Hand über Jakobs Köpfchen, denn so ein Bilderbuch hat ganz schön scharfe Kanten. Habe ich ihn auf gleich vertröstet, dann nimmt er gerne irgend einen anderen schweren und/oder scharfkantigen Gegenstand und fuchtelt damit. Zum Beispiel mit dem geschnitzten Schwein aus dem Regal, mit einer Teetasse oder mit einem seiner Holzbagger. Spätestens jetzt bin ich auf 180, versuche irgendwie geduldig und ruhig zu bleiben, rede beschwichtigend auf ihn ein oder brülle nach L., der findet, ich könnte mich aber auch mal entspannen.

Und das alles, obwohl wir ein fabelhaftes Laufställchen haben. In Zukunft nehme ich Jakob erst mit in den Stillsessel, nachdem ich Boje entweder sicher in L.s Obhut gegeben habe oder nachdem er im Ställchen sitzt. Dort meckert er zwar die erste Minute, aber danach spielt er eigentlich ganz friedlich.

Muss man doch kein Genie sein, um darauf zu kommen, oder? Trotzdem könnt ihr mir glauben, dass ich in neun von zehn Fällen erst dann daran denke, wenn mir wirklich fast schon eine Ader platzt. Auch nicht die idealen Bedingungen für eine schöne, harmonische Stillsitzung.

Für 2015 nehme ich mir also vor, mein bisschen Grips dafür einzusetzen, besser zu planen und die allervermeidbarsten Stressquellen auch tatsächlich zu vermeiden. Und dann - da bin ich ganz, ganz sicher - kommt mit dem bisschen mehr Frieden und Ruhe bestimmt auch endlich das Mutterglück und die Dankbarkeit zum Vorschein, die irgendwo unter der stresspickeligen Oberfläche schon auf ihren Einsatz lauern und auf die wir alle schon so lange warten, ich vielleicht am ungeduldigsten.

Und jetzt machen wir einen Neujahrsspaziergang: Papa, Mama, Kinder (Mehrzahl!) und Hund.


Mittwoch, 31. Dezember 2014

Posts statt Böller

Ich will jede Woche ein Kapitel von meinem Buch schaffen.

Ich will nicht die Nerven verlieren. Und wenn ich die Nerven verliere, dann will ich wenigstens nicht herumbrüllen, sondern innerlich bis zehn zählen. Sollte das nicht helfen, wäre ich auch bereit, innerlich bis dreitausendfünfundzwanzig zu zählen.

Ich will (sobald das neue iphone aktiviert ist) kontrolliert durch die App täglich zehntausend Schritte gehen.

Ich will hundert mal nach Rezept kochen. Es muss nicht immer ein neues Rezept sein, aber ein Rezept.

Ich will immer daran denken: seit der Geburt von Jakob vergeht kein Tag, der uns nicht dem Zeitpunkt näher bringt, ab dem es leichter wird. Der Zeitpunkt, wenn ich mit beiden Kindern reden kann, wenn sie mich verstehen und ich sie.

Ich will für beide Kinder in jedem Lebensmonat einen Brief schreiben. Ob ich das online tue oder ganz allein für mich und sie, muss ich erst noch sehen.

Ich will einen Weg finden, mit dem ganzen aufgestauten Ärger der letzten Monate umzugehen, und nein, lächeln, Magenkrämpfe bekommen und weitermachen ist nicht der Weg, den ich meine.

Ich will herausfinden, was ich mit meiner freien Zeit wirklich anfangen will.

Ich will eine neue Bewerbung für die Drehbuchwerkstatt schreiben, für 2016/2017. Im Januar 2016 muss sie fertig sein. Bis August hätte ich gerne zwei wirklich, wirklich gute Ideen für Drehbücher. So gut, dass ich es kaum abwarten kann, bis ich mich an meinen Rechner setzen und daran weiter feilen kann.

Ich will im Laufe des nächsten Jahres so weit mit der Rückbildung sein, dass ich wieder laufen gehen kann. Und wenn ich ganz von vorne anfange: mit einer Viertelstunde im Park, von der ich insgesamt nur vier Minuten wirklich laufe. Vermutlich unter dankbaren Tränen.

Ich will mich vor dem Lippenstiftregal im Laden nachdrücklich daran erinnern, dass ich Lippenstifte in folgenden Farbtönen besitze: Koralle. Pink. Hellpink. Neonpink. Dunkelpink. Hellrosenholz. Knallrot. Knallrot-Matt. Kirschrot. Kirschrot-Matt. Hollywoodrot-Matt. 40er-Jahre-rot Matt. Rotweinrot. Die meisten davon werden irgendwann die Entrümpler aus meiner Wohnung tragen.

Ich will die Bücher lesen, die schon auf meinem Kindle sind, bevor ich neue kaufe.

Na gut. Einigen wir uns darauf, dass ich für jedes neu gekaufte Buch ein altes lese, ok?

Wo ich schon dabei bin: ich will keine Kochbücher für den Kindle mehr kaufen. Das macht keinen Spaß.

Ich will jeden Monat ein Date mit meinem Mann. Und ein Date mit mir ganz allein.

Ich will für heute den Rechner zuklappen und morgen weitermachen. (Meiner Erfahrung nach sprudeln die guten Vorsätze am Morgen des ersten Januar noch deutlich besser.)

Ich wünsche euch allen einen fabelhaften Silvesterabend nach eurer Façon! Meiner schließt dieses Jahr eine Flasche rosa Brause im Schlafanzug und mit Handtuch auf dem Kopf ein, die ich mir mit meinem Mann teile. Dazu ein paar Kerzen, hoffentlich schlafende Babys und null Böller. Nicht einmal ein Wunderkerzchen. Prost, liebe Damen! (Bevor eine mahnt und schimpft: nein, gestillt wird erst morgen wieder.)

Sonntag, 28. Dezember 2014

p.s.

Wir stellen uns vor, eine Frau hat zwei kleine Kinder, eins davon sogar noch klitzeklein. Jetzt geschieht das Wunder, dass das eine Kind durchfallfrei in der Kita ist, das andere schläft. Und zwar weiß sie es noch nicht, aber es wird zwei Stunden lang schlafen, ohne einen Piep. Was macht sie jetzt? Vielleicht sagt sie: Hurra, endlich rufe ich meine Freundin Irmi an, das will ich schon seit Wochen. Oder sie springt wie der Blitz in ihren Schlafanzug und schläft zwei Stunden, bitter nötig wäre es. Oder sie kocht sich ihr Lieblingsessen (in der Hoffnung, dass das Baby nicht in dem Moment losbrüllt, wenn es auf dem Teller liegt). Oder sie starrt ein riesiges Loch in die Luft. Was auch immer sie tut, sie hat natürlich zu wenig Zeit dafür, aber immerhin: die Zeit, die sie hatte, war ihre, und sie hat endlich etwas tun können, was sie schon lange wollte.

Mir passiert das manchmal, dass die Kinder mich kurz nicht brauchen, und ich habe dann oft keine Ahnung, was ich machen will. Ich fange also erst mal an, die Dinge zu machen, die ich machen muss. Wäsche waschen, Abwasch, die Treppe wischen, sowas. Und auf einmal ist das Baby wieder wach, und ich gucke auf die Uhr und denke: das waren jetzt zwei Stunden. Vielleicht komme ich auch mit der Pflicht ruckzuck durch und bin trotzdem überfordert von der Kür. Vielleicht mache ich erst mal panisch zehn Sachen gleichzeitig am Rechner, lese ein paar Blogs, keinen davon richtig, rase durch ein paar Nachrichtenseiten und Onlineshops, ohne irgend etwas von dem zu kapieren, was vor meinen Augen vorbeiscrollt, und dann ist die Zeit vorbei.

So geht es mir gerade mit vielen Dingen. Ich habe sogar das Gefühl, so geht es mir fast immer. Mein Leben hat mich in Geiselhaft genommen, ich entscheide hier gar nichts mehr. Das ist in Wahrheit bestimmt nicht so, fühlt sich aber so an. Und darum mein Wunsch nach Kontrollgewinn. Es geht nicht darum, dass meine T-Shirts auf Kante im Schrank liegen sollen oder im Gäste-WC wie im Hotel zusammengerollte Handtücher liegen. Es geht auch nicht darum, dass ich jeden Abend ein selbstgekochtes Essen für Mann und größeres Kind auf den Tisch bringe und dabei möglichst auch noch die Frisur sitzt, es sei denn, ich will genau das. Ich will nicht zwanghaft Doris Day sein. Es geht darum, dass ich wieder mehr am Ruder bin, und vor allem geht es darum, zu erkennen, was ich will, und es dann zu tun oder mich ihm wenigstens anzunähern. An einem der Weihnachtsabende sagte meine kluge kleine Schwester, sie hätte eigentlich nie Angst, etwas zu verpassen. Das hätte ich auch gerne, vor lauter Angst, an anderer Stelle zu kurz zu kommen, flutscht mir gerade alles durch die Finger. Im Moment weiß ich manchmal nicht: hab ich Hunger? Wenn ja, worauf? Will ich schlafen? Muss ich hier mal raus oder mich im Gegenteil mal zwei-drei Tage einigeln und keine SMS mehr beantworten? Will ich arbeiten oder auf dem Fußboden bei meinen Kindern leben? Therapeuten nennen das Achtsamkeit, und sie fehlt mir, und wenn ich sie Kontrollgewinn nenne, dann ist das vielleicht missverständlich, aber für mich trifft es das besser. Dann habe ich auch nicht mehr so sehr das Gefühl, mein Leben schwemmt mich mit wie ein Stück Treibholz oder eine ertrunkene Kuh. Im Moment überfordert mich die Bestellung einer Pizza vor lauter Sollte-ich-nicht-eher und Was-wenn-ich-es-mir-gleich-anders-überlege. Ich will wieder der Boss meiner eigenen Pizzabestellung sein. Versteht ihr das? Auch wenn ihr nicht solche Fusselhirne seid wie ich?

Schopenhauer hat gesagt, der Mensch kann wohl tun, was er will, aber nicht wollen, was er will. Ich mag Schopenhauer nicht besonders, und ich würde mir gerne im nächsten Jahr beweisen, dass er Unrecht hatte.