Montag, 6. Februar 2017

Ein paar der Dinge, die mir diese Schwangerschaft versüßen.

1. Stilfser.
Als einerseits Fresssack und andererseits paranoides, nervöses Fusselhirn hat man es in der Schwangerschaft nicht ganz leicht: einerseits möchte ich gut essen. Andererseits kommen mir da die ganzen Miesmacher und Rauner und Unker in die Quere, die so ziemlich alles verbieten wollen, was Spaß macht, und natürlich ist das alles Bullshit, aber irgendwas bleibt doch kleben und verdirbt alles. Mit Gouda und anderen Langweilerkäsen bis zum Stichtag kann ich mich aber auch nicht abfinden. Eine Lösung, die alle glücklich macht - oder jedenfalls mich - ist Stilfser. Es gibt ihn erstens an meinem Lieblingskäsestand auf dem Markt seit Monaten im Sonderangebot. Zweitens schmeckt er wie Rohmilch, ist es aber nicht. Drittens geht damit wirklich alles: so essen, an die Kinder verfüttern, überbacken, über Pasta oder Chili oder Risotto oder Minestrone oder Kartoffeln reiben, alles! Jetzt habe ich die Rohmilch-Frage erst mal abgehakt und kaufe einfach jeden Dienstag ein Riesenstück davon, damit hat der Käsejunkie in mir Ruhe. Und dieser Käse ist so lecker (irgendwo auf halber Strecke zwischen Cheddar und Appenzeller, würde ich sagen), dass ich das glaube ich auch nach der Geburt genau so weiter tue.


2. Auf lange Abende pfeifen.
Früher war da immer die große Angst, ich würde was verpassen, bzw. das ganze "Was wird aus meinem Leben?"-Drama. Diesmal war ich einfach so müde, dass es mir egal war. An 80% der Abende während dieser Schwangerschaft war ich irgendwann zwischen acht und neun im Bett. Und zwar auch deshalb, weil ich mich darauf verlassen kann, jede Nacht so gegen eins aufzuwachen und dann bis fünf keinen Schlaf mehr zu finden. Anders wäre es einfach nicht gegangen. Es gab Ausnahmen, aber die müssen es wert sein. Und? Habe ich was verpasst? Ein paar Tatorte vielleicht. Nichts, was mich ernsthaft umtreibt. Und irgendwann kommt das alles wieder, und dann sitze ich hellwach auf der Couch und freue mich drauf.


3. Bircher Müesli.
Schon lange mein Lieblings-Mitbring-Frühstück für Arbeitstage, jetzt für jeden Tag: Abends schlurfe ich als letzte Tat des Tages in die Küche, kippe einen kleinen Messbecher voll Müesli-Mischung aus der großen Blechdose in eine Tupperdose, fülle diese zu einem Drittel mit Milch und stelle sie in den Kühlschrank. Am nächsten Morgen kommen noch Quark, Honig und Tiefkühlfrüchte dazu, fertig ist ein Frühstück, das frisch schmeckt (und sich dadurch prima mit Morgenübelkeit verträgt), gesund ist und das Baby füttert (angesichts dessen, was ich sonst so esse, spricht eine Menge dafür, gleich morgens ein paar Vitamine, Eiweiß, mehrfach ungesättigte Fettsäuren etc. zu mir zu nehmen) und locker bis 14 Uhr vorhält. Ich glaube, diesmal versuche ich, in den ersten Monaten mit Baby damit meine Notmahlzeiten zu bestreiten statt mit Special K's.


4. Getränkeservice, amazon und all die anderen.
Diese Schwangerschaft war die erste, in der ich wirklich früh beschlossen habe, es mir leicht zu machen und manche Dinge einfach nicht mehr selbst nach Hause zu buckeln. Das würde ich jetzt immer wieder so machen und kann es wärmstens empfehlen.


5. Que sera, sera, liebe Hebammen.
Ich hatte eine Hebamme, eine sehr gute sogar. Dann hat sie mich vor ein paar Wochen angerufen und mir zerknirscht abgesagt, sie ist leider krank geworden und muss eine Weile aussteigen. Weil Hebammen in Hamburg selten und heiß umkämpft sind und ich dazu auch noch schrulligerweise in den Ferien entbinden werde, ist das ein Supergau. Eigentlich. Denn nach einem erfolglos zertelefonierten Vormittag und einem mittleren Nervenzusammenbruch habe ich mich gefragt: muss das wirklich sein? Ich hab doch schon zwei Kinder, in meiner Frauenarztpraxis gibt es Hebammen, die im Not- oder auch im Zweifelsfall auch mal das Baby angucken können, eine Waage hab ich selbst, und mein Kinderarzt sitzt auch um die Ecke, ganz zu schweigen von meiner Geburtsklinik. Und nun ist es eben so, ich schaff das schon. Bisher war es doch mit mir und den Hebammen immer so, dass ich nach dem dritten Besuch dachte, nun muss ich das auch nicht mehr haben, aber die Frau will ja ihr Geld verdienen, und wie sieht denn das aus, wenn ich sie jetzt rausschmeiße?

Dann eben ohne. So wie Milliarden Frauen, die nicht zufällig ihre Kinder im fürsorglichen deutschen Gesundheitssystem bekommen.


6. Meine Frauenärztin.
Genauer gesagt, ihr Ultraschall. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Riesenfan von ihr: sachlich, extrem fachkundig, verständnisvoll, freundlich, pragmatisch und einfach rundum gut, wie sie ist. Aber wenn man schwanger ist und dazu neigt, sich Sorgen zu machen, die nur durch konkrete, greifbare Untersuchungsergebnisse wirklich zerstreut werden können, dann ist ein gutes Ultraschallgerät in der Praxis Gold wert. Ich habe oft in den letzten Monaten an meine Ex-Ärztin und ihren Kartoffelsalat-Ultraschall gedacht und wurde von einer Welle der Dankbarkeit überflutet, dass ich da nun nicht mehr bin. Schwanger mit miesem Ultraschall ist wie Fußball-WM mit altem Schwarzweiß-Fernseher.



7. Phantom-Ohrenstöpsel.
Nachts hilft mir Ohropax beim Schlafen, tagsüber sorgen diese imaginären Wunder-Dinger für Ruhe und Frieden. Als Tipp taugt dieser Punkt leider nicht viel, denn ich hab auch keine Ahnung, woher diese Gelassenheit kommt, aber diesmal schaffe ich es erstaunlicherweise ganz gut, dicht zu machen. Egal, ob mich eine Kita-Mutter angesichts meines ersten Capuccinos des Tages fragt, ob ich tatsächlich Kaffee trinken darf, ob die Bäckerin mich eindringlich vor dem Schokofranzbrötchen warnt, weil Kakao doch Koffein enthält, oder ob die Dame von der Krankenkasse der Meinung ist, alles weniger als ein Jahr Elternzeit wäre unverantwortlich. Rarara, Bliblablo, hat jemand was gesagt? Schönen Tag noch!



8. COS.
Schwangerschaftsjeans müssen sein, der Rest diesmal irgendwie nicht. Zum Glück gibt es COS. Die ewigen weiten, kastenartig geschnittenen Oberteile und Hängerchen, die mir sonst ehrlich gesagt ein bisschen auf die Nerven gegangen sind (weil extrem wenig schmeichelnd für meine Figur), kommen mir jetzt gerade richtig. Der Bauch passt rein, und wenn das Baby auf der Welt ist und ich langsam wieder normale Formen annehme, dann kann ich die Dinger immer noch anziehen, Kastenform hin oder her, und habe kein Geld für Kleider ausgegeben, die ich am Ende nur drei Monate lang wirklich trage. (Für Schwangerschaftsjeans werde ich dagegen auch nach der Schwangerschaft definitiv noch Verwendung haben. Heute wird mein neues Waffeleisen geliefert.)



9. Mein Dufflecoat.
Wer keine Lust hat, sich acht polyesterige Schwangerschaftstops bei H&M zu kaufen, hat erst Recht keine Lust auf die schäbigen Anoraks aus der Mama-Abteilung. Ich hatte auf meinen Dufflecoat gehofft, und er hat meine Hoffnungen bisher nicht enttäuscht: in die Dinger passt eine Menge Baby rein. Meiner ist ein tonnenschwerer Hamburger Klassiker von Ladage & Oelke in Dunkelblau, den ich beschämend billig auf ebay gekauft habe. Er bringt mich jetzt durch den dritten Winter, achter Monat hin oder her. Es könnte gut sein, dass ich versuchen werde, das Baby im Babybjörn da mit reinzuknöpfen, sollte der Frühling auf sich warten lassen. Ich bin mir da sogar ziemlich sicher.



10. Tageszeitungen.
Wer sich vom neuen Mutterglück nicht aus der Welt drängeln lassen will, hat eine einfache und wirkungsvolle Option: statt neunmalklugen Ratgeberbüchern einfach öfter mal Zeitung lesen. Ich kann gar nicht sagen, worin der Zauber besteht - eigener Pipikram-Ärger relativiert sich angesichts von Weltkrisen, erweiterter Horizont, Futter fürs Gehirn, Ablenkung oder was auch immer - aber mir tut das gut.

Montag, 23. Januar 2017

Pläne für danach.

Ein Glück habe ich mir nicht für's neue Jahr vorgenommen, "im Hier und Jetzt zu leben". Erstens ist das einer dieser typischen Bliblablo-Vorsätze. Zweitens hätte er genau so wenig mit mir zu tun wie der Plan, mich im nächsten Jahr auf 100 essentielle Besitztümer zu reduzieren, straight edge zu leben oder eine dieser megafunktionalen Garderoben zu haben, in der drei weiße Blusen und ein Bleistiftrock eine wichtige Rolle spielen. Und drittens würde ich dann ganz schön dahängen gerade, denn das Hier und Jetzt gestaltet sich gerade so, dass die hier-und-jetzt-Anhänger ziemliche Psychoklimmzüge vollführen müssten (oder ein sonnigeres Gemüt haben, als es mir zur Verfügung steht), um sich darin so richtig pudelwohl zu fühlen. Wohl wahr, ich darf gegen jede Wahrscheinlichkeit nun noch mal das Wunder erleben, als unfruchtbare Tante ein Kind zu bekommen. (Zählt das übrigens als Hier und Jetzt, wenn es noch zwei Monate entfernt ist? Wohl kaum?) Aber das Wunder tritt mir derzeit jede Nacht zwischen 12 und halb 5 durchgehend in die Blase, hat mir zu meinem schrottreifen Beckenboden und der Dauererkältung seit Mitte November jetzt auch zu hohen Blutdruck beschert, sorgt davon abgesehen öfter für Panikattacken-artige Zustände (dieses Gefühl, als würde ein dicker, haariger Troll auf mir sitzen und mir die Luft zum Atmen nehmen) und hält mich von zwar nicht allem ab, was Spaß macht, aber doch von einer ganzen Menge. Beispielsweise ist gerade das seit Menschengedenken erste Mal, dass ich ein dickes Konto habe und gleichzeitig Sale bei meinen Lieblingsläden ist. Aber kann ich mich deshalb endlich mal mit einem wirklich guten Mantel oder genug Jeans bis 2020 ausstatten (oder mit drei weißen Blusen und einem Bleistiftrock)? Nein, hat keinen Zweck, ich habe nämlich keine Ahnung, ob ich nach dem Baby eher dünn oder eher moppelig werde, und rührende Optimismuskäufe habe ich genug. Letzte Woche musste ich endlich die Hoffnung aufgeben, dass es doch noch irgendwie was wird mit dem lange geplanten Mädchenurlaub im Juli, an den ich mich jetzt seit vielen Monaten jedes Mal geklammert habe, wenn ich einen Rappel hatte. Samstag war L. allein in der Elbphilharmonie, um sich die guten alten Einstürzenden Neubauten anzuhören, und ich konnte nicht mit, weil Sturzgeburt durch Lärm gedroht hätte. Einzeln kommt Euch das vermutlich lächerlich vor, aber in Summe habe ich es gerade ein bisschen dicke. (Eine klare, gut sortierte Sicht auf Prioritäten war noch nie meine Stärke, und ich wollte ja 2017 zu meinen Schwächen stehen.)

Aber - und damit endlich zum Punkt - wer hat gesagt, ich würde im Hier und Jetzt leben wollen? Niemand! Und darum kann ich mich gerade wunderbar damit bei Laune halten, Pläne für die Zeit danach zu schmieden. Nach der Geburt, nach dem Wochenbett, nach der Stillzeit.

Ich träume zum Beispiel davon, diesen Sommer mit beiden Jungs im Garten des Heidehäuschens zu zelten. Taschenlampen, Schuhu-Schuhu und Kekskrümel im Schlafsack: herrlich wird das! Ich träume außerdem davon, einen Sport zu finden und mich vielleicht sogar (ich weiß. Aber wartet mal ab!) in einem Studio anzumelden. Ich habe sogar schon einen Plan, in welchem. Da dann mit Kleinchen im Gepäck hinzugehen und endlich etwas gegen diesen Monsterhintern zu tun, darauf freue ich mich. Ich freue mich drauf, wieder mehr zu schreiben. Vielleicht doch noch mal Schwung in mein Berufsleben zu bringen statt immer nur Pragma. Schön zu kochen für Freunde. Und ab und zu sogar meinen ausgelutschten Mutti-Körper durch das Nachtleben zu schleifen. Wieso denn nicht? L.s Samstag Abend endete früh um drei, und er durfte am nächsten Tag bis in den Nachmittag im Bett bleiben, warum denn nicht auch mal ich? Ich freue mich darauf, das Babythema endgültig und gründlich und ohne vielleicht-ja-dochs und wäre-es-nicht-schöns innerlich abzuschließen. Und darauf, den kleinen Pupsis beim Wachsen zuzusehen. Ich freue mich sogar, nennt mich bescheuert, auf Diäten. Darauf, wieder der Boss zu sein und mit meinem komischen Körper machen zu können, was ich will, so lange ich es will. Auf Pläne! So kurzsichtig und blauäugig und unnötig und oberflächlich und schlecht durchdacht sie auch sein mögen. Ich freu mich drauf.

Montag, 9. Januar 2017

Rolle Rückwärts

Gestern hatten wir spontanen Besuch von L.s Cousine, die in London lebt. Sie hat von einem Spieltreff für Kleinkinder erzählt. Statt die Kinder da abzugeben und dann fröhlich pfeifend ihrer Wege zu gehen, sollten die Mütter im Nachbarzimmer sitzen. Aber nicht etwa allein mit ihren Gedanken, mit dem Wirtschaftsteil oder mit einem guten Buch, sondern es gab Aufgaben. Beispielweise sollten sie der Reihe nach sagen, was das Allerallerbeste an ihrer Schwangerschaft gewesen war oder wie sie es in ihrer Partnerschaft jetzt mit der Hausarbeit hielten. In England, so scheint es, ist gerade die Hausarbeit ein Riesenthema. Babys schreien und brauchen viel Liebe und Zeit, und der Abwasch macht sich nicht von alleine. Papa geht arbeiten, und Mama kriegt es nicht immer alles so hin, wie sie gerne würde, was theoretisch in Ordnung ist, aber sie fühlt sich schlecht dabei. Kommt das Kind zu kurz? Sieht die Wohnung nicht gut genug aus? Wollen die Babypfunde einfach nicht verschwinden? Das alles sind Fragen, die englische Mütter um den Schlaf bringen. Während diese und andere Themen im Stuhlkreis besprochen wurden, sollten die Frauen (Männer waren nicht anwesend) parallel kleine Bastelarbeiten erledigen. In diesem Fall sollte mit Lavendel parfümierter Reis in kleine Säckchen genäht werden, die dann noch dekoriert werden sollten. Die Säckchen wiederum waren dazu gedacht, zuhause die Wäsche im Schrank zu beduften. L.s Cousine stellte sich quer. Wieso die paar kostbaren Stunden ohne Kind mit Hausfrauen-Angst und der Produktion von unnötigem Dekoschrott verschwenden? Die Reaktion der Gruppe auf ihren Protest war freundlich und verständnisvoll. Sie ist trotzdem nicht mehr hin gegangen.
Wir müssen wirklich aufpassen. Was heißt wir, ich spreche von mir. Ich war nie eine besonders eifrige Kämpferin für eine Rolle der Frau jenseits von Ideen mit Lavendel und Babyglück, aber auch ich kriege leicht Pickel, wenn ich spüre, wie auf tausend mehr oder weniger subtile Arten die Geburt eines Kindes ein eigentlich modernes, freies Mädchen Zack-Bumm zurück in die 50er katapultiert. Was heißt 50er, 40er. Jetzt ist das Baby da, jetzt machen wir es uns mal nett zuhause. Jetzt dekorieren wir die Bude und kochen uns was Schönes, jetzt entdecken wir ein Hobby wie Einkochen für uns, jetzt treffen wir uns in unserer Freizeit mit anderen Müttern und sprechen über unsere Kinder. Jetzt wird's gemütlich, und als Zerstreuung reicht es uns, abends noch ein paar mal ins Kinderzimmer zu schleichen und unser schlafendes kleines Wunder versonnen zu betrachten. Bleibt uns weg mit unserer Altersvorsorge oder unseren Jobchancen und bleibt uns vor allem weg mit Politik.

Ich hab das ja auch: ein erhöhtes Wärme- und Kuschelbedürfnis, manchmal schiebe ich es auf die Schwangerschaft, manchmal auf den Winter. Ich bin fürchterlich müde und will einfach nur meine Ruhe. Ein Bilderbuch, zwei kleine Schlafanzüge und ein großer und dann Bett. Ich guck mir auch gerne Wohnblogs an, auch wenn ich in letzter Zeit - genauer gesagt seit ca. acht Jahren - finde, es reicht jetzt mal mit dänischem Teak, Lammfellen, Buchstaben als Deko und Subway Tiles. Gott weiß, dass ich gerne koche (und schon wieder hinter meinem Rücken eine Liste mit Vorsatz-Rezepten für 2017 angelegt habe), das kommt einfach so, wenn man ein Fresssack ist. Aber gleichzeitig denke ich, das kann und darf nicht passieren, nicht mit mir und nicht mit uns. Da draußen ist der Teufel los, und ich rede nicht von neuen Wohntrends. Wir können nicht nur kochen und klitzekleine Popos abputzen und Bücher vorlesen und kuscheln, wir können auch denken und sprechen und arbeiten. Wir können sogar höllisch aktiv außerhalb unserer mehr oder weniger dekorierten Wohnung werden, wenn uns etwas wichtig genug ist. Nur wird uns irgendwann niemand mehr danach fragen, wenn wir das alles lang genug nicht getan haben.

"Was hat sie denn jetzt schon wieder?"
"Keine Ahnung. Hormone."

Ach, ich weiß es doch auch nicht.

Sonntag, 1. Januar 2017

Selten waren zu Silvester so wenige Zigaretten und so viel Gehuste.

Frohes neues Jahr, liebe Abkürzungs- und Ex-Abkürzungsdamen!

Bestimmt gilt es als extrem schlechte Form, einen Neujahrspost mit einem langwierigen Gemecker über die eigene Gesundheit zu beginnen, aber dies ist mein Blog, und hier herrsche ich mit eiserner Knute. Mitte November hatte ich mit Kalle als Stargast ein sehr schönes Wochenende in Berlin. Wir haben bei einer Freundin herumgemuckelt, vietnamesisches Essen gegessen, teils Champagner, teils Mineralwasser getrunken, Hochzeitsfotos angesehen und hatten es rundum gut. Einziger unerfreulicher Teil dieses Wochenendes war eine längere Odyssee mit der Berliner S-Bahn, als ich nämlich mit Kalle von einem Kurzbesuch bei meinem Bruder in Kreuzberg zu der Freundin wollte und mangels Kindersitz nicht einfach ein Car2Go nehmen konnte. Die Fahrt, die eigentlich zwanzig Minuten hätte dauern können, dauerte fast zwei Stunden. Unterwegs wurden mir einige der größten Unterschiede zwischen Berlin und Hamburg mit plumper Deutlichkeit vor Augen geführt, und Hamburg hat gewonnen. “Hölle nochmal” fauchte ich innerlich. “Nie wieder ohne Kindersitz”. Und “Wenn ich mir hier von einem von euch jetzt auch noch eine Erkältung einfange, dann rrrrraste ich aus.”

Auf der Heimfahrt nach Hamburg fing der Hals an zu kribbeln, und sechs Wochen später stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Ich habe (jetzt zum zweiten Mal) verstopfte Nebenhöhlen, dementsprechend Kopfschmerzen, ich habe einen Husten wie ein Feldlazarett, der hält mich jetzt seit drei Wochen in Schwung und hat im Lauf dieser drei Wochen meinen mühsam wieder zusammentrainierten Beckenboden wieder komplett zerschossen. Vor der Schwangerschaft konnte ich schon wieder laufen gehen, und zwar nur mit einer Slipeinlage - und die nur zur Sicherheit. Jetzt verbrauche ich täglich ca. 10 dieser Super-Maxi-Pipi-Binden, die so groß sind wie ein Weltatlas und acht Tropfen auf der Packung haben, und seit gestern läuft es auch gerne mal wieder, wenn ich nicht huste, sondern nur einen Wasserhahn betätige oder auch gar nichts tue. Es ist mir unendlich peinlich, ich bin wütend wie eine Hornisse, und die nächste Geburt steht mir erst noch bevor - wobei, schlimmer kann sie es eigentlich nicht machen. Und dann geht das alles wieder los: elektrische Hose, Physio, Balancierball und die dicksten Binden der Stadt. Während meine Jungs langsam trocken werden. Damit bin ich aber noch nicht am Ende mit meinem Gesundheitsreport: Weihnachten habe ich mit bis heute rätselhaften, aber seeeehr konkreten und nicht-psychosomatischen Magenschmerzen in einem Münchner Krankenhaus verbracht, während der Rest der Familie das von meiner Schwester liebevoll und umsichtig organisierte Fest genießen konnte und meine Kinder ca. alle drei Minuten gefragt haben, wo eigentlich Mama ist. Und seit zwei Tagen meldet sich die dusselige Bandscheibe wieder, was nicht nur sehr, sehr schade ist, sondern sich auch mit dem Husten zu einem symbiotischen Gesamtkonzept verbindet: wenn ich huste, tut der Rücken weh, und lege ich die Beine hoch und mache meine Rückenübungen, dann steigern sich Husten und Inkontinenz augenblicklich zu einer Hochform, die selbst mich erstaunt.

Während ich so dalag in meinem Krankenhausbett, habe ich eine Menge Zeit darauf verwendet, mir über Neujahrsvorsätze Gedanken zu machen. Gelassener werden! Mehr auf mich achten! Mich weniger nach den Wünschen anderer richten! Mir mehr Gutes tun! Flora 2017, yay!

Jetzt bin ich wieder zuhause, und während ich so dalag, die Nachbarschaftspartys und den bunten Krieg da draußen im Ohr, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Bullshit. Ich habe es nicht nachgeschlagen, aber ich glaube, in den letzten Jahren habe ich fast jedes Jahr genau diese Entschlüsse gefasst und keinen davon jemals umgesetzt. Dieses Jahr habe ich eigentlich nur einen Vorsatz:

Ich lasse Flora 1973-2016 gefälligst in Ruhe. Es zeigt sich nämlich, dass ich im Grunde ziemlich vorsatz-resistent bin. Trotz allerbester Absichten bin ich immer noch fusselhirnig, neige zu panischen Reaktionen, mache mir viel zu viele Gedanken über jeden Mist, vor allem darüber, was andere so denken, denke immer, während ich A tue, ich müsste aber eigentlich B oder F oder Z tun, fühle mich ständig gleichzeitig egoistisch und zu kurz gekommen, kann mich niemals entscheiden, und jede Form von Gelassenheit ist mir ziemlich fremd. Leider. Ich finde auch, es wäre schön, etwas lässiger zu sein. Mich weniger stressen zu lassen, nicht alles so schwer zu nehmen, schöne Dinge mehr zu genießen usw. usw., aber ich kann das offensichtlich nicht immer so wie gewünscht, und genau das ist seit Jahren eine der stinkigsten Quellen von Stress in meinem Leben: wieso kann ich das nicht? Wieso bin ich nicht so wie die anderen offensichtlich sind? Wieso bin ich so eine hysterische Ziege? Und die einzige Form der Gelassenheit, die ich mir vielleicht dieses Jahr abkämpfen kann, ist die gegenüber mir selbst. Schluss mit Optimierungsprogrammen und idiotischen Fünf-Jahres-Plänen. Wer weiß? Vielleicht kommen ja andere Formen automatisch hinterher, irgendwann Richtung August, September, ungefähr um den Dreh, wenn ich von den Acht-Tropfen-Binden auf die Sieben-Tropfen-Binden runter bin. Und wenn nicht, dann nicht.

Ende der Vorsatzliste.

Andererseits habe ich es immer geliebt, Vorsatzlisten zu schreiben, es weht für einen Moment so ein Optimismus, so eine Aufbruchstimmung um mich und meinen Rechner - darum erzählt mir doch, was habt ihr so für Vorsätze?

Montag, 26. Dezember 2016

Weihnachtspost

Liebe Abkürzungsdamen, ich weiß, ich bin spät dran, und dann kann ich heute auch noch nicht viel schreiben. Nur so viel, dass ich Euch allen genau das Weihnachten wünsche, von dem ihr geträumt habt- nur noch schöner. Drei Tage Wunderwelt, in der alles möglich ist: die stacheligsten Menschen vertragen sich plötzlich, verstopfte Eileiter haben ihren unaufmerksamen Tag und lassen einfach so ein Ei durchflutschen, Kekskalorien zählen nicht, der Baum ist gerade und duftend und nadelt nicht, DHL hat alles schon vor einer Woche ausgeliefert, das Tesafilm lässt sich leicht abreißen und der Anfang verschwindet nie, die ganze Trump-Wahl entpuppt sich als extrem gelungener Riesenscherz, Spotify nimmt endlich "little drummer boy" aus den Weihnachtsplaylists, und schneien könnte es ja tatsächlich auch noch überall bis auf die Straßen, auf denen die Leute mit den alten Autos und den Sommerreifen bald auf dem Heimweg sind.

Wie es der Zufall so will, habe ich dieses Jahr zu Weihnachten richtig viel Zeit zum Nachdenken und komme auf ganz merkwürdige Neujahrsvorsätze. Doch davon mehr, wenn mein Rechner und ich wieder zusammen sind. Bis dahin fühlt euch unangemessen heftig umarmt von mir!

Mittwoch, 30. November 2016

Gute Kinderwunschbücher hat man nie genug, richtig? Richtig?

Ich hab's versprochen. Dann hab ich es vergessen. Aber jetzt ist es mir zum Glück wieder eingefallen:

Ich wollte Euch ein neues Buch zum Thema Kinderwunsch ans Herz legen. Geschrieben hat es unsere Hamburger Abkürzungsstammtisch-Kollegin Lea Lemon, und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass es Euch gefallen, berühren, weiterhelfen und manchmal dämlich grinsen lassen wird. Salbadernde und uns scheinbar für doofe Trinchen haltende Bücher rund um Fruchtbarkeitsmassagen und die kindersegenstiftende Wirkung von Badeurlauben gibt es genug, das hier ist eins von der anderen Sorte.

So sieht es aus:




und hier kann man reinlesen und es kaufen.

Viel Spaß damit!

Montag, 14. November 2016

Und ihr so in den letzten zwei Monaten?

Ich würde so gerne. Aber ich bin so fürchterlich müde. Eigentlich sollte das nach den ersten drei Monaten kein Thema mehr sein, ist es aber. Ich kann ab zwölf Uhr mittags an kaum noch etwas anderes denken als den Moment, wenn die Kinder schlafen und ich in ein weites Nachthemd steigen kann und dann endlich, endlich ins Bett. Noch vor einem Jahr konnte ich mit Fug und Recht behaupten, noch nie in meinem Leben vor dem Fernseher, mit Schuhen oder mit Make-up eingeschlafen zu sein, egal wie wild oder lang die Nacht war. Das ist vorbei. Inzwischen bin ich einmal mit laufender Küchenmaschine, einmal in der Badewanne (das war knapp) und mehrmals in der Ubahn eingeschlafen. Es tut mir wirklich leid - für L., der seine Abende allein vor der Glotze verbringt, für die Kinder, die eine Schlafwandlerin als Mutter haben, für Freunde, denen ich seit Monaten unbedingt nachher noch schreiben oder die ich anrufen will und die gar nichts mehr hören, und für diesen Blog, aber ich kippe abends einfach um. Das, was dann noch vom Tag übrig bleibt, knuspern die Kinder, blöder Erledigungskram oder auch der Job, der im Moment wirklich anstrengend ist, einfach ratzeputz auf. Nom nom, weg ist die schöne Computerzeit!

Das ist auch schon die einzige Entschuldigung, die ich für die Funkstille habe. Aber heute ist es anders, heute sitze ich im Büro, habe wie durch ein Wunder nichts zu tun, das jetzt auch schon mehrfach an offizieller Stelle überdeutlich gemacht, kann trotzdem gerade noch nicht nach Hause und darf deshalb mit mir und meinem Rechner machen, was ich will. Und weil ich immer noch viel zu wütend und zu enttäuscht bin, um über das in meinen Augen gerade einzig wichtige Thema zu schreiben, schreibe ich eben über die Schwangerschaft. Der Bauch wächst, und seltsamerweise wachsen mit ihm gleichzeitig die Ängste und die Gelassenheit. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das alles werden soll. Ich überquere mit zwei Kindern an den Händen eine wildbefahrene Straße und kann nur denken, schön, und wann wächst mir der dritte Arm? Und welche Dimensionen erreicht die Einmischeritis, sollte ich mich tatsächlich gezwungen sehen, eins meiner Kinder an die Leine zu nehmen? Ich googele vergeblich nach Zwillings-Buggy-Boards, um auch in Zukunft noch einigermaßen koordiniert einen Supermarkt besuchen zu können, ohne dafür einen Babysitter zu engagieren. Und jedes Mal, wenn jemand ganz humorig etwas in der Richtung von "Na das kann ja heiter werden" sagt, dann möchte ich mit Sachen werfen. Irgendwie wird es gehen. Hoffentlich. Dann die immer noch sehr lebendige Angst, das Kind könnte im Laufe des Gin-Tonic-Sommers Schaden genommen haben. Ja, ich dachte auch, diese Sorge wäre vom Tisch. Aber plötzlich fängt meine (an sich sehr nette und besonnene) Frauenärztin an, während des Ultraschalls zu erzählen, sie hätte mit einer Dame von einer Stiftung zur Förderung des alkoholgeschädigten Kindes letztens auf einer Party "Über meinen Fall gesprochen". Und ich sollte mich da doch ruhig mal näher informieren. Plötzlich ist der Kopf viel schmaler als gedacht, plötzlich gehe ich wieder mit Muffen zum Frauenarzt und plötzlich habe ich wieder Albträume ohne Bezug zur Weltpolitik. Und dank der Schwangerschafts-Müdigkeit habe ich nun viel mehr Zeit für schlechte Träume!

Gleichzeitig denke ich ganz oft, das wird. Wieso soll es nicht werden, bei anderen wird es doch auch? Wieso soll dieses Kind kein wunderbarer Glückstreffer werden, ein rundum zufriedener Wonneproppen, der ganz früh ganz viel schläft? Neulich haben meine Jungs ihre zwei Monate alte Cousine kennen gelernt und waren dabei so niedlich und vorsichtig, dass ich mich doch eigentlich darauf freuen müsste, sie in Zukunft täglich einem Baby über den Kopf streicheln zu sehen. Dann packen wir eben noch eine Schippe drauf! Bzw. ich. Und dann gehe ich eben einkaufen, wenn die zwei in der Kita sind. Dann spare ich mir eben für's Erste Wochenend-Ausflüge und dergleichen und lade meine Freundinnen zu mir ein, und Fernsehserien werden warten und Job-Aufträge auch (bestimmt. Oder?) Und in anderthalb Jahren habe ich drei Kinder in der Kita und freue mich jeden Tag halb dämlich über dieses unerwartete und unverdiente Familienglück, genau so wie ich mich jetzt freue, wenn ich sehe, wie Kalle und Michel zusammen spielen und wie Michel sprechen lernt und wie groß die zwei schon sind und was für ganz eigene, einzigartige und niedliche kleine Kerlchen.

Und jetzt kommt hier doch noch Arbeit um die Ecke und es ist schon wieder Schluss mit lustig. Wir lesen uns dann in zwei Monaten, oder? Uaaaaah. Bin ich müde.

Dienstag, 20. September 2016

Mach mal weniger Ausrufungszeichen.

Ganz allmählich legt sich die Schnappatmung. Selbst die größte Aufregung nutzt sich irgendwann ab: WAAAAAAAH! EIN KIND!!!!!! UND ALL DER ALKOHOL!!!! UND DIE FLUPPEN!!!!!!!! UND MEIN JOB!!!! UND MEIN LEBEN!!!! UND MEINE NERVEN!!!!!! UND MEINE BEZIEHUNG!!!!! Und überhaupt, irgendwann geht das Fusselhirn erst in normale Groß- und Kleinschreibung über und dann zum Entspannen und Freuen und dann kommen auch schon all die kleinen Popel-Aufreger um die Ecke. Zum Beispiel der, dass wir in den letzten sechs Monaten systematisch den Babykram losgeworden sind: Fläschchen-Sterilisier-Gerät, Riesenlaufstall, Doppelkinderwagen, Maxi-Cosi in Tipptoppzustand, Babybay, Stubenwagen, Mini-Strampler und -Schlafsäcke und -Mützchen und all der andere Kram: alles unwiderruflich weg. Oder der, dass H&M zum ersten Mal nicht die übliche Bank für Schwangerschaftskram ist: wieso gibt es da gerade acht verschiedene Skinny- und Super-Skinny-Jeans und keine einzige meiner stinknormalen guten alten Schwangerschaftsjeans, auf die ich mich jetzt seit drei Wochen freue, nämlich seit mein Viermonatsbauch aussieht wie ein Sechsmonatsbauch? Und wieso ist natürlich wieder etwas, diesmal nämlich die Nabelschnur, die nur eine Arterie hat? (Spezialistinnen unter den Lesern: ich weiß, dass das hoch korreliert mit manchen Gendefekten, aber die haben wir schon so gut wie sicher ausgeschlossen.)

Und dann liege ich da auf der gepolsterten Bank, und die Ärztin glitscht mit dem Ultraschalldings auf meinem Bauch herum, und sie sagt, dass das Gesicht gut aussieht. Und das Zwerchfell. Und der Kopf und das Gehirn. Das Herz sowieso. Die Füße sind diesmal gerade, alles ist richtig lang und richtig groß und auch sonst völlig in Ordnung, und ich habe wieder ein bisschen weniger Angst vor meinem schlimmsten Albtraum - einem FAS-Baby - und dann sagt sie: "Ach ja. Hab ich schon gesagt? Es wird ein Mädchen."

Ein zähes kleines Luder! Mit kleinen Gummistiefeln und Krusten am Knie und Latzhosen! Und mit Glitzeraufklebern und Snoopy-Spardose und Wendy-Heften! (Gibt es die noch?) Und jetzt rege ich mich erst mal über gar nichts mehr auf, weder groß noch klein. Ich schaffe das nämlich. Mundwinkel hoch, Rücken gerade, Bauch raus.

Dienstag, 6. September 2016

p.s.

Diese Schwangerschaftstests, vor allem der zweite, haben mir keine Ruhe gelassen. WTF,Schwangerschaftstests? Diesmal förderte Googeln ein sinnvolles Ergebnis oder jedenfalls eine mögliche Erklärung zutage: laut einer seriös klingenden Studie sind Schwangerschaftstests häufiger falsch negativ bei Frauen, die in der Nachtschicht arbeiten. Und in den letzten Monaten gab es einige Nächte, leider oft auch drei-vier hintereinander, in denen Michel und Kalle beide zwischen Mitternacht und halb sieben so gut wie keinen Schlaf zugelassen haben.

Ich war im Studium immer ganz gut in Stochastik, also Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber so gut nun auch wieder nicht. Kann mal kurz jemand, der das besser kann, für mich ausrechnen, wie wahrscheinlich das ist? Die Wahrscheinlichkeit folgender kombinierter Ereignisse:
1. 43, 2. mit Endometriose und eigentlich verstopften Eileitern und 3. verschobenem Zyklus, 4. extrem wenig Gelegenheit, 5. zum offiziell falschen Zeitpunkt, 6. nach wochenlangen Blutungen, 7. auch sonst keinerlei Schwangerschaftsanzeichen, mit 8. einem verpassten Arzttermin wegen eines perfekt getimten Magen Darm-Infektes und 9. auch noch in genau der richtigen hormonellen Lage, um einen falsch negativen Test in der siebten Woche zu produzieren?

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit Lotto im großen Stil anzufangen?

Ihr habt's vielleicht geahnt. Ich jedenfalls nicht.

Einmal im Jahr, so ungefähr zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, bekommt mein Fusselhirn eine Extraaufgabe. Dann taucht neben all dem anderen Kram, der mir ständig unverlangt durch den Kopf spukt, auch noch das Thema auf, was denn nun mit den Eizellen wird? Den befruchteten Eizellen, die damals übrig waren, weil das mit Michel so sensationell und unerwartet schnell geklappt hat, nämlich gleich beim ersten Versuch nach Kalle. Die liegen bis heute im Kryoschlaf in einem Labor irgendwo in Altona (nehme ich an), und immer um diese Zeit kommt die Jahresrechnung für die Lagerung. Die Rechnung besteht aus einem freundlichen Anschreiben, dem Überweisungsvordruck und einem Formular, das man ausfüllen und abschicken soll für den Fall, dass man keinen Wert mehr legt auf diese Eizellen. Darauf gibt man dann an, feierlich und für immer, dass die kleinen Tiefkühlwürmchen entweder der Forschung zur Verfügung gestellt werden oder direkt aufgetaut und vernichtet. Vernichtet! Vernichtet. Ich war immer ein entschiedener und bei Gelegenheit auch extrem und lautstark überzeugter Abtreibungsbefürworter, selbst zu unerfülltesten Kinderwunschzeiten - jede Frau soll das selbst bestimmen können, da hat ihr kein Kirchengreis und kein CSU-Landrat reinzuquatschen. Aber es war auch immer schon ziemlich sicher, dass sich kaum Umstände denken lassen, unter denen das FÜR MICH in Frage kommt. Nicht vor der Kinderwunschzeit, nicht währenddessen (Ach?) und auch nicht danach. Und obwohl ich schon zwei mal im Leben die Pille danach genommen habe, fühlte sich dieser Embryo-Vernichtungsbogen doch anders an. Nämlich so, dass ich ihn irgendwie nicht ausfüllen und abschicken konnte, auch wenn klar war - aus hundert vernünftigen Gründen - dass ein drittes Kind ein Schnapsidee wäre. Dazu gleich noch. Die jährliche Lagerungsgebühr war zwar nicht gerade wenig, aber trotzdem ein Schnäppchenpreis dafür, diese für mich schier nicht zu treffende Entscheidung noch ein weiteres Jahr aufschieben zu dürfen. Zum Beispiel so lange, bis ich es mir anders überlege. Oder wirklich zu gebrechlich für noch ein Kind bin. Oder bis das Thema Eizellenspende gut geregelt ist. (Ich merke gerade, dass dieses ethisch ziemlich komplizierte Thema mich jetzt gerade, an diesem sonnigen Vormittag mit meiner Tasse Tee am Rechner, fürchterlich überfordert, also lasse ich das jetzt und komme vielleicht endlich zum Punkt. Welcher war das noch mal? Da war doch was...)

Ende Mai habe ich die Rechnung bezahlt, und Ruhe war, wenn auch natürlich nur wieder Ruhe auf Zeit. Das Fusselhirn gab Ruhe, und fast zeitgleich fing der Fusselbauch wieder an, Ärger zu machen. Nach einem Jahr voller Splatter-Perioden hatte ich plötzlich gar keine mehr, stattdessen fiese Dauerblutungen und ab und zu auch fiese Schmerzen. Der letzte Ultraschall sah danach aus, als wäre die Endometriose wieder stark im Kommen, da waren merkwürdige Einschnürungen oder was weiß ich, jedenfalls hatte mir meine Ärztin in Aussicht gestellt, irgendwann in den nächsten Monaten könnte es sein, dass wir eine neue Bauchspiegelung ins Auge fassen sollten. Ich dachte, na gut - nicht schön, aber andererseits, welche Mutter von zwei kleinen Kindern sagt schon nein zu drei Tagen im Krankenhaus allein mit ihrem Kindle? Jetzt schien es so weit zu sein. Ich hatte also einen Arzttermin, zu dem konnte ich aber nicht gehen, denn zwei Stunden vorher hat mir Kalle eine Magen-Darm-Grippe aus der Hölle verpasst. Dann habe ich es für ein paar Wochen aus den Augen verloren, wir haben die Kinder getauft, da war einiges zu organisieren, ich habe wieder richtig zu arbeiten angefangen, endlich, und dann sind wir für ein paar Tage nach London geflogen, L. und ich. Inzwischen war meine letzte Periode sechs Wochen her, und ich dachte - kann ja eigentlich nicht sein, aber ich mache wohl mal einen Test. Der Test war negativ. Ich holte von Zeit zu Zeit mal meinen Kalender vor und guckte, wann ich denn wohl Zeit für einen Arzttermin und einen kurzen Krankenhausaufenthalt haben würde, aber so dringend war es ja nicht, und viel Luft war da auch nicht - ich wurschtelte also weiter so vor mich hin, wozu gibt es Tampons? Dann stand eine große Hochzeit ins Haus, und immer noch keine echte Periode. Inzwischen war Mitte Juli. Ich habe noch mal einen Test gekauft, diesmal einen poshen Clearblue mit Sprachanzeige. Negativ. Urlaub, Arbeit, mehr Arbeit, Kinderbetreuen, Kitawechsel, Schmierblutungen. Und dann, vor zweieinhalb Wochen, reichte es mir doch, und ich hatte wieder mal einen Arzttermin. Ich dachte, vielleicht kriege ich die Bauchspiegelung sogar noch im September unter, bevor wir für eine Woche an die See fahren? Und vor der Hochzeit einer meiner besten Freundinnen? Am Vorabend saß ich noch mit meinen Freundinnen am Küchentisch, es gab ordentlich Vinho Verde und auch bestimmt zehn Kippchen. Auf dem Heimweg hatte ich noch kurz den Impuls, noch eine zu rauchen, dachte dann aber aus irgend einem Grund, ach lass mal.
Und dann saß ich vor meiner Ärztin und erzählte ihr das alles. Sie kennt mich noch nicht so lange, ich war vorher erst einmal bei ihr, denn die Ärztin aus der gleichen Klinik, die die Schwangerschaften betreut hat und gründlich im Bilde über all den Abkürzungskram in meinem Bauch ist, die lebt inzwischen im Rheinland. Also habe ich erzählt und erzählt. Dann bin ich auf den Stuhl gestiegen, Abstrich, weitererzählt. Inzwischen machte sie das Ultraschall-Dings klar, und ich dachte noch für eine Sekunde, bitte kein Krebs - bitte nur die gute alte Endo. Und dann sagte sie: "So, und jetzt unterbreche ich Sie nur ungern, aber - "
Und da war es. Auf dem Schirm. Ein Würmchen, eindeutig. Mit Kopf, Armen, Beinen, Herzschlag. "Ich würde sagen, 9 plus drei", sagte die Ärztin. Ich sagte erst mal gar nichts mehr und dann eine Menge.

Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so dermaßen geschockt.

Denn das konnte, ehrlich, das konnte nicht sein.
Erstens bin ich unfruchtbar.
Zweitens 43.
Drittens gab es ehrlich gesagt nur eine Gelegenheit, überhaupt schwanger zu werden, in den letzten Monaten.
Viertens lag zu diesem Zeitpunkt meine letzte Periode schon viele, nämlich fünf Wochen zurück.
Fünftens ist die Endometriose gerade angeblich noch schlimmer als damals zu schlimmsten Abkürzungszeiten.
Sechstens war das nicht so abgemacht.
Siebtens läuft es gerade zwischen L. und mir streckenweise nicht besonders rosig. Auf jeden Fall nicht gerade "Wäre es nicht wunderbar, unserer Liebe ein weiteres, speckbeiniges kleines Denkmal zu setzen, mein Zuckerschnütchen?"-mäßig rosig.
Achtens habe ich nicht einen, sondern zwei Tests gemacht, und jetzt kommt mir nicht mit "vielleicht hast Du den falsch angewendet", wenn einer weiß, wie Schwangerschaftstest geht, dann ja wohl wir Abkürzungsdamen. Der erste Test war vielleicht noch ein bisschen zu früh, der zweite - da war ich in der siebten Woche.
Neuntens - und Schlimmstens - war das nicht der Sommer des Kamillentees und der Vollkornbrote. Wir waren auf zwei Hochzeiten, von denen eine nachts um vier nach reichlich Gin Tonics endete. Fast jeden Mittwoch saß ich an besagtem Küchentisch, vor mir ein stets gut gefülltes Glas Weißwein und eine zunehmend leerere Schachtel Kippen. L. und ich waren in einem Urlaub, in dem es eine Woche lang jeden Abend ein bis anderthalb Gläser Wein im Restaurant gab und wir hinterher in unserer Wohnung noch eine Flasche Wein aufgemacht haben. Ehrlich gesagt war das mein erster Gedanke, während ich da so breitbeinig und plötzlich im dritten Monat auf dem Stuhl hing. Nicht-Abkürzungsdamen schockt das vielleicht weniger - wenn man erst in der fünften oder sechsten Woche aus heiterem Himmel von einer Schwangerschaft erfährt, dann wäre man schon ein sehr, sehr braves Mädchen, wenn die letzten paar Wochen zufällig sowieso alkoholfrei gewesen wären. Aber nach einer IVF ist von der ersten Minute an Ausnahmezustand, und wer auch nur mit dem dicken Zeh über die Linie in verbotenes Terrain piekt, ist ja wohl selbst Schuld und muss sich nicht wundern, wenn jetzt alles schief geht. Bei Kalle und Michel war ich brav! So brav! Ich habe fast einen hysterischen Anfall bekommen, als ich einmal versehentlich in ein mit Mayonnaise geschmiertes Brötchen gebissen habe. So war ich! Nicht immer, aber oft genug. Und jetzt das: gesoffen, geraucht wie ein Schlot, von Sushi wollen wir gar nicht reden. Wieso muss das jetzt passieren? Nach diesem Sommer? Im Frühjahr z.B. hätte das glatt passieren können - sechs zufällig so gut wie alkoholfreie Wochen. Wieso Wieso Wieso?

Die Ärztin hörte sich das alles an und sagte dann, vermutlich wäre alles gut gegangen, ich sollte aber zur Sicherheit und zur Beruhigung bitte einmal mit Embryotox sprechen, die nun mal die Spezialisten für jede Art von Chemie sind, die einem Embryo schaden kann oder nicht. Das habe ich dann getan. (Natürlich hab ich auch gegoogelt, ich bin auch nur ein Mensch. Sollte hier eine mitlesen, der es ähnlich geht wie mir - gibt es so jemanden? Außerhalb von RTL2? Eine plötzlich schwangere Unfruchtbare, die es erst Mitte dritter Monat merkt? Nein? Komisch. Jedenfalls - ich denke die ganze Zeit drüber nach, aber mir fällt kein Thema ein, bei dem Googeln eine noch schlechtere Idee ist. Wirklich keins.) Embryotox wollte genau wissen, wann ich wie viel wo von getrunken habe, dann haben sie all das (es war eine Menge) in ihren Rechner eingegeben, und das Ergebnis war, dass vermutlich tatsächlich alles gut gegangen ist, eine Garantie gibt es nicht, aber die Aussichten sind sehr gut, dass Würmchen dieses wochenlange Discofieber überstanden hat. Und wehe, irgend eine will das jetzt mit aller Gewalt falsch verstehen und denkt, dieser Blog würde Werbung dafür machen, in der Frühschwangerschaft noch mal ordentlich reinzuhauen. Wehe!

Und jetzt?
L. hat es mit fröhlicher Fassung getragen. Als ich totenbleich nach Hause kam und ihm die Nachricht überbrachte, stellte sich heraus, dass er sich im Gegensatz zu mir tatsächlich Sorgen um meine Gesundheit gemacht hatte und erleichtert war. Außerdem ist das ein 1a Vorwand für seine Lieblingsbeschäftigung: nach noch größeren, noch tolleren Wohnungen zu gucken. Ich bin immer noch schwanger, seit gestern im vierten Monat. Embryotox hat mir empfohlen, doch bei den ersten Scans besonders genau hinzugucken, denn die Schäden in der Frühschwangerschaft durch Alkohol sind im Zweifel welche, die man mit etwas Glück sehen kann - ein zu kleines Hirn, ein zu kleiner Kopf, Organschäden usw. Meine Ärztin ist rührend und macht das jetzt einfach so, so dass ich jetzt innerhalb von zwei Wochen zwei extragründliche Super-Ultraschalls bekomme. Der erste war unauffällig, der Harmony-Test auf die häufigsten genetischen Störungen auch, und in neun Tagen habe ich noch einen Scan, bei dem man hoffentlich schon mehr sehen kann. Ist der auch gut, dann bekomme ich tatsächlich noch ein Kind. Einfach so. Ohne Menogon, Enantone, Gonal, Crinone, Utrogest und ohne Einnistungsspritze. Manchmal denke ich, ich stehe immer noch unter Schock. Meistens sogar. Manchmal freue ich mich fürchterlich. Manchmal denke ich, ich bin vollkommen bescheuert und schaffe das nie. Manchmal denke ich, aber ich habe doch gerade erst den Bandscheibenvorfall und die Beckenbodenschwäche hinter mir, gerade kann ich wieder arbeiten, gerade kommen die Kinder beide in die gleiche Kita in Laufentfernung, gerade wird es leichter und lustiger hier, gerade fängt Michel an zu sprechen und gerade haben wir fast den ganzen Babykram den Flüchtlingen gespendet oder verkauft. Dann freue ich mich wieder, und dann stehe ich wieder unter Schock. Und der Alkohol macht mir immer noch Angst, so schlimm, dass ich trotz der netten Ärztin von Embryotox manchmal kaum Luft bekomme.

Und jetzt ihr. Was sagt man dazu?