Montag, 4. Juni 2012

Crinone, Gonal, Brevactid und Menogon trifft keine Schuld

Die erste Mücke des Sommers hat mich gestochen. Und wohin? Genau zwischen die Augenbrauen. Es sieht ungefähr so aus wie ein Einschussloch. Das und der allmontägliche Schritt auf die Waage machen mich heute ein bisschen unzufrieden mit meinem Äußeren. 68.8. Von 200 Gramm Abnehmerfolg innerhalb von sieben Tagen bin ich ehrlich gesagt unterwältigt. ("Ist die eigentlich bescheuert, dem Internet zu erzählen, was sie wiegt?" Ist sie wohl. Vor ein paar Wochen habe ich nach ewigen Zeiten wieder mal meine ziemlich zerfledderte Ausgabe von "Bridget Jones" aus dem Regal gezogen, übrigens ein großartiges Buch und viel besser als der Film. Davon abgesehen gilt es als Paradebeispiel für "Spaß für den Leser durch Selbsterniedrigung der Hauptfigur". Vor jedem Eintrag schreibt sie, was sie wiegt, und zwar in irgend so einer englischen Maßeinheit wie Stone. Beim Lesen hatte ich immer den Eindruck, die ist so ungefähr mein Kaliber. Irgendwann wollte ich es genauer wissen und habe mal einen dieser schäbbig gestalteten Netzrechner ausrechnen lassen, wie viel soundsoviel Stone soundsoviel denn in Kilo sind. 57,2 war die niederschmetternde Antwort. Würde ich 57,2 Kilo wiegen, könnte man mich eventuell nur mit Gewalt davon abhalten, bauchfrei zur Arbeit zu gehen. Schrieb sie und biss noch mal in ihre Mohnschnecke.)

Im Moment lebe ich eigentlich nach der Maxime: ordentlich Sport, mindestens vier mal pro Woche, niemals den Fahrstuhl benutzen (es sei denn, ich muss unbedingt meinen Burger mit Fritten heiß an den Schreibtisch kriegen und Treppe dauert zu lang) und ansonsten essen, worauf ich Lust hatte. Als das losging, dachte ich, siehst du, erst dauert es eine Weile, bis sich was bewegt, währende sich all der Schwabbel in stahlharte Muskelmasse verwandelt, aber dann überholst du sie alle lächelnd und mit vollem Mund. Gesagt, getan. Alle zwei Tage gehe ich laufen, außerdem bin ich noch mindestens einmal pro Woche in meinem Fitness-Studio für solche Attraktionen wie Aqua-Jogging, Unter-Wasser-Kickboxen, Yogalates oder was auch immer. Letzte Woche war ich bei 69 Kilo. Stahlharte Muskeln wiegen ganz schön. Diese Woche bei 68.8. Irgendwie ist es mit diesem Plan wie damals mit meiner Kinderwunschbehandlung: THEORETISCH ist mir natürlich vollkommen klar, dass es mit dieser Methode ein Jahr dauern kann, bis drei Kilo runter sind. Aber praktisch hatte ich gehofft, dass die gefühllose Biologie für mich eine Ausnahme macht.

Und was jetzt? Bitte bitte nicht wieder Diät! Das Problem ist nämlich, ich bin zu pfiffig für Diäten. Ich schaffe es ohne Weiteres, mir vier-fünf verschiedene Diät-Prinzipien anzueignen und dann immer so zwischen ihnen umzuschalten, dass immer gerade das erlaubt ist, was ich essen will. Damit ist mittags z.B. ein Burger mit Fritten völlig ok, denn ich esse ja abends keine Kohlehydrate. Will ich abends aber doch Bratkartoffeln, dann lebe ich ganz entspannt nach dem Prinzip der Tim Mälzer-Diät: kein Weizen, kein Zucker, kein Alkohol, dann läuft das. Und will ich morgens ein Franzbrötchen, dann ist das in Ordnung, denn schließlich habe ich pro Woche ja auch ein paar WW-Extrapunkte.

(Wo sind die Hormone, wenn man sie als Ausrede braucht? Wo?)

Samstag, 2. Juni 2012

Servicewüste Eiertanz

Liebe Abkürzungsdamen und vor allem liebe eifrige Kommentatorinnen,

heute muss ich mal kurz was erklären und mich vielleicht auch entschuldigen. Viele schreiben mir hier einfach nur wunderbare Dinge, Nettigkeiten, Lob und Anteilnahme, und ich freu mir einen dritten Eierstock, wenn ich das lese. Andere wollen etwas wissen und warten dann teilweise Monate auf eine Antwort. Auf die komme ich gleich noch mal zurück. Und dann gibt es wieder welche - sehr, sehr wenige, und die meinen das auch bestimmt nicht böse - die schaffen es irgendwie, mir einen Kommentar genau im falschen Moment zu unterbreiten. Also mir in einem Moment zu schreiben (was sie natürlich nicht ahnen können), in dem ich gerade fürchterlich dünnhäutig, innerlich unsortiert und überhaupt nicht darauf vorbereitet bin. Eigentlich ist dieser Blog für mich eine große Stütze und hat seinen Zweck, mir dabei zu helfen, den Kopf während der Kinderwunschzeit über Wasser zu behalten, voll erfüllt. Tut er immer noch jeden Tag. Aber es gab auch Momente, da lief er mir furchtbar quer. Zum Beispiel damals, beim ersten und bisher auch zum Glück einzigen Kommentar, den ich jemals gelöscht habe: als mir eine schrieb, dass es mir verhältnismäßig gut ginge, würde eben bedeuten, dass ich mir ein Kind in Wahrheit gar nicht wirklich wünschen würde. Damals saß ich gerade im Enttäuschungs-Erholungs-Urlaub mit L. in New York und wollte nicht zwei ganze Tage abwechselnd vor Wut, Entrüstung und Rechtfertigungsdrang schäumen. Drei mal habe ich angesetzt zu einem Antwortkommentar mit dem wackligen Hotel-WLAN, dann habe ich gedacht "Meine Urlaubszeit kriegst du nicht, du Empathie-Günther" und den Kommentar einfach simsalabim gelöscht. So blöde wurde es nie wieder (bis auf den Troll damals, aber über Trolle kann ich zum Glück lachen), aber manchmal hatte ich nach dem Lesen eines Kommentars noch das Gefühl, ich wäre beim Schwimmen im lauen Mittelmeer plötzlich an eine Feuerqualle geraten. So genau konnte man das gar nicht immer begründen, war aber so. Nun gibt es zwar Haifischwarnungen, aber so viel ich weiß keine Quallenwarnungen, wobei mir Haie im Zweifel fast noch lieber sind als Quallen, und überhaupt, wusstet ihr eigentlich, dass jährlich viel mehr Haie durch Menschen... jajaja, rollt nur mit den Augen! (Für Quallen gilt vermutlich das Gleiche.)... aber, wo war ich: die Quallen haben doch dem Urlaubsgefühl im lauen Wasser ziemlichen Abbruch getan. Ich wollte nicht mehr um kurz vor Mitternacht, eingemuckelt mit L. auf dem Sofa vorm Feuer und mit einem Glas Wein in der Hand, plötzlich von einer Feuerqualle erwischt werden. Oder mit meinen Mädchen irgendwo bei griechischen Schweinereien und Getratsche. Oder mitten in einer Präsentationsvorbereitung, im Zahnarztwartezimmer vor der Wurzelbehandlung oder im ICE "Gude Laune" nach Frankfurt.

Darum habe ich irgendwann letzten Winter an einem langen, dunklen, stürmischen Abend beschlossen, dass eine Änderung einzutreten hat: so wichtig der Blog mir immer noch ist, er sollte nicht mehr Tag und Nacht unkontrolliert in meine Badebucht eindringen können. Darum habe ich an diesem Abend die Kommentarfunktion so umgestellt, dass ich die Kommentare nicht mehr per Mail auf eine meiner zwei Alltags-Adressen bekomme (die beide sowohl auf das fest installierte Mailprogramm meines Rechners als auch in mein iphone münden), sondern sie werden an eine neue Adresse eigens zu diesem Zweck geschickt. Alle paar Wochen versuche ich, da reinzugucken, außerdem natürlich, wenn ich gerade schreibe - dann lese ich gerne auch mal die Kommentare der letzten fünf Posts durch. Aber die Kommentare sind jetzt längst nicht mehr so präsent, oder besser, jetzt entscheide ich, wann ein guter Moment ist, um sie zu lesen und wann ich eine eventuelle Qualle, die sich zwischen all die tollen, freundlichen, lustigen, klugen und Mut machenden Kommentare gemischt hat, mit einem Lächeln wegstecken kann.

Und so kommt das, dass ich in letzter Zeit leider immer öfter Antworten schuldig bleibe auf Fragen, die doch eigentlich innerhalb von 24 Stunden zu beantworten sein sollten. Bitte seid nicht böse. Ich gebe mir Mühe. Ich verspreche es. Und ich wollte mich wieder mal bedanken: liebe Nicht-Quallen, kann sein, dass der Blog eine große Stütze für mich ist. Aber ihr seid es bestimmt noch mehr.

Und um die guten Vorsätze gleich umzusetzen: Das Buch heißt Adoption und ist von Herbert Riedle, Barbara Gillig-Riedle und Brigitte Riedle. Leider für ein Taschenbuch mit fast 30 Euro ganz schön teuer, aber ich hab das Gefühl, das ist es wert.

Mittwoch, 30. Mai 2012

Termine und FKK laufen aus dem Ruder

Man kann über die Hamstersekrethormone sagen, was man will, aber zu IVF-Zeiten hatte ich meine Termine besser à jour. Die Tage und Uhrzeiten, zu denen ich mir meine Eisprungspritze zu verpassen hatte, zur Punktion sollte oder zum Test, waren in mein Gehirn eingemeißelt und anschließend mit fluoreszierender Neonfarbe ausgepinselt. Adoption dagegen macht schlampig. Da gehe ich durch die Welt und erzähle Freunden und Familie, diese Woche Donnerstag hieße es Daumen drücken, da hätten wir nämlich unseren ersten persönlichen Termin mit der Dame von der Adoptionsbehörde. Ich war auch schon ein bisschen verzweifelt, weil ich erst am Samstag das Adoptionsbuch aus der Post gezogen habe und erst auf Seite 80 bin. Dabei sind wir erst nächsten Donnerstag dran. So dass ich dieses Wochenende in aller Ruhe dieses ungeheuer informative Buch durchknuspern kann, alles mit L. besprechen kann, was es zu besprechen gibt, und uns noch so einschwingen, dass alles gut wird.

Alles wird nämlich gut. Hatte ich das schon erwähnt?

Im übrigen laufe ich weiter jeden zweiten Tag um den Park, auch wenn schon wieder die ersten Zipperlein auftauchen. Aber das ist wohl so, wenn eine fast 40jährige und nicht ganz gertenschlanke Hormonbrumse sich mal in Bewegung setzt, kein Grund, aufzuhören. Auf der Waage tut sich nichts, aber das liegt vermutlich an den wahnsinnigen Mengen an Muskelmasse, die sich da gerade bilden. Letzte Woche war ich außerdem beim Unter-Wasser-Kickboxen und habe mich wieder mal gewundert über den beharrlichen Willen mancher alter hässlicher Männer, so oft nackt zu sein wie irgend möglich. In meinem Fitnessstudio gibt es eine dufte Saunalandschaft samt Pool und verschiedenen anderen Annehmlichkeiten. Im Außenpool, den Saunen und den Whirlpools muss man nackt sein, im Restaurant sollte man freundlicherweise einen Bademantel tragen, während eine unterbezahlte Studentin einem eine Backkartoffel und ein Bierchen serviert, und in allen anderen Bereichen bleibt es einem selbst überlassen. Wie fast alle Frauen haste ich zwar nicht in der Sauna von der Tür zur Bank und halte mir die Hände vor die kritischen Stellen, während ich mich mit dem Po an der Wand entlang schiebe, aber ich flaniere auch nicht minutenlang nackt um den Pool, ich trage beim Schwimmen immer einen Badeanzug, und ich öle mich auch nicht hingebungsvoll vor Publikum ein. Männer dagegen tun das gerne, besonders die sehr, sehr dicken, glatzköpfigen und alten. Ich hab vor ein paar Wochen schon mal gesagt, dass mir das ein Rätsel ist: woher nehmen die das? Diese grenzenlose Zufriedenheit mit sich und ihrem Körper? Dieses fast schon aufdringliche und unverschämte, raumgreifende Selbstvertrauen? Die sitzen breitbeinig und nackt auf einer Sonnenliege und verzehren ein Schnitzel, das sie zwischen ihren Beinen abgestellt haben. Eine Gelegenheit, bei der sie nicht nackt sein dürfen, sind die Gymnastikkurse im Wasser: da vorne steht jemand und arbeitet, der kann sich das nicht aussuchen, und dem sollte man nicht zumuten, nackten tobenden Menschen Haltungstipps zu geben. Alle Frauen haben etwas an. Keiner der drei Männer hat etwas an. Ein verstohlener Seitenblick zeigt: die machen gar nicht richtig mit, dafür sind sie vielleicht ja auch schon zu alt. Die hoppeln nur ein bisschen auf der Stelle und stehen ein bisschen zu nah an der nächsten Dame.

Ich verstehe die nicht. Und ich mag die auch nicht besonders. Fällt kaum auf, oder?

Samstag, 26. Mai 2012

Na hoppala.

So hab ich das tatsächlich nicht gemeint: daran, dass wir alles Recht der Welt haben, uns nicht ständig selbstlos und fröhlich wie Disney-Figuren für alle anderen zu freuen, kann es gar keinen Zweifel geben. Was mich so gefuchst hat, war das: ich bilde mir ein, bisher wirklich gut klar zu kommen. Nicht im Sinne von "tapfer sein", denn so viel Tapferkeit hat das bisher nicht erfordert: mir geht's einfach meistens gut damit, wenn wieder jemand schwanger ist. Es darf sich nur nicht zu sehr ballen. Oder den falschen treffen. (Als hätte ich zu entscheiden, wer der Richtige ist...) Oder jemanden treffen, der sowieso schon sieben Kinder hat. Oder... aber von all diesen Ausnahmen abgesehen, habe ich mir immer eingebildet (und war auch unberechtigterweise ziemlich stolz darauf) das hinzukriegen mit dem Freuen, dem Beglückwünschen und dem Weiterhoffen, dass wir irgendwann auch... auf welchem Weg auch immer. Und dann kommt L. und tut beim kleinsten Seufzer so, als hätte ich heimlich Voodoo-Puppen im Keller, die verhindern sollen, dass irgendwer außer mir Kinder kriegt. Als würde ich nachts im Schlaf Verwünschungen gegen alle schwangeren Frauen meiner Bekanntschaft zischen. Als würde ich nach einem Glas Wein zusammenbrechen und heulen, wie sehr ich sie alle hasse mit ihren immer glücklichen Ultraschalls, ihrem Gejammere über schlaflose Nächte und ihren Kinderwagenentscheidungskrisen. Die Gedanken haben sich überschlagen, und keiner davon war schön. "Was muss ich eigentlich noch tun, damit er mir glaubt, dass ich nicht durchdrehe?" "Bin ich so verlogen und dabei so durchschaubar verlogen, dass mein eigener Liebster, den das alles genau so betrifft wie mich und der sonst meine große, leuchtende Stütze ist in diesem Schlamassel, mir das nicht abnehmen kann?" "Wieso reden wir nicht über sowas, wieso muss erst so ein blöder, völlig nebensächlicher Anruf kommen, damit wir es doch tun?" "Warum macht mich das alles so wütend?" "Und ich dachte, ich stelle mich ganz gut an."

Jetzt ist L. auf dem Geburtstag, und ich bin zuhause. Ich sitze im Wintergarten und versuche, von hier oben aus das Tier zu beaufsichtigen. Auf dem Geburtstag ist geplant, sich zusammen den Grand Prix anzugucken. Das werde ich vermutlich nicht tun. Ich habe, wenn ich ehrlich bin, noch nicht mal eine Ahnung, wer dieser weiche und irre kuschelige Mützentyp ist, der für Deutschland antritt. Gutes Lied? Blödes Lied? Ich lese es morgen in der Zeitung und geb mich damit zufrieden.

Freitag, 25. Mai 2012

Ich und mein Enttäuscht-Gesicht

Vor ein paar Monaten saßen L. und ich abends in Strickjacken vor dem knisternden Ofen. Vermutlich blubberte ein Gulasch auf dem Herd, draußen peitschte der Herbstregen an die Scheiben, und ein Windchen heulte ums Haus. Die Hand könnte ich zwar nicht dafür ins Feuer legen, dass das so war, aber so in die Richtung war es auf jeden Fall, und es hätte so sein können! Ohne Weiteres. Da klingelte L.s Telefon. Er ging ran, telefonierte, ich glotzte weiter den Krimi oder was auch immer, dann legte er auf und sagte: "E. ist schwanger." Und dann ist es passiert. Zum ersten Mal, zum allerersten Mal nach all der Zeit, habe ich nicht von Herzen gelächelt, die Mundwinkel nach oben verzogen und bin ihm jauchzend um den Hals gefallen. Ich bin auch nicht aufgestanden und habe angefangen, meinen Kopf an die Wand zu donnern oder mir mit dem Kartoffelschäler Wunden an den Unterarmen beizubringen. Ich habe einfach nur so dagesessen und vielleicht ein klitzekleines Bisschen in ironischer (!) Verzweiflung die Augen gerollt. Und dazu geschnauft. Und zwar nur deshalb, weil das eine Woche gewesen war, in der ich schon drei Schwangerschaftsmeldungen aus der unmittelbaren Umgebung bekommen hatte, und eine fünfte nach dieser vierten sollte noch folgen. L. war wütend und wollte wissen, was das Gesicht sollte. Ich war wütend und hab gefragt, was für ein Gesicht, und selbst, wenn da ein Gesicht war, dann hätte ich ja wohl das Recht, mal für fünf Sekunden mich zwar für andere zu freuen, aber trotzdem auch allmählich genervt zu sein, dass scheinbar der Rest der Welt... den Rest des Satzes muss ich glaube ich nicht vervollständigen, ihr wisst alle, wovon ich rede.

Jetzt spulen wir kurz vor: diese Woche Dienstag, ich sitze im Büro, L. ruft an. E.s Mann hat Geburtstag, wir sind eingeladen, gehen wir hin? Ich weiß noch nicht, ich kenne die meisten da nicht, und die sind zwar alle sehr nett, aber eine ziemlich in sich geschlossene Clique... außerdem wollte ich ein bisschen zur Ruhe kommen und hatte mir fest vorgenommen, den einen oder anderen Abend einfach mal mit Kräutertee auf dem Sofa zu verbringen und Zeitungen zu lesen, die sich nicht mit Prominenten beschäftigen. Also: "mal sehen." Daraufhin L.: "War ja klar, du bist eben eifersüchtig auf E.s Baby. Das warst du ja schon damals bei dem Anruf. Du MUSST auch nicht, wenn dir das zu arg wird."

Versteht hier eine, wieso mich das WAHNSINNIG macht?

Donnerstag, 24. Mai 2012

Ex-Ausbrecherkönigin Lili

Der Garten ist riesig und voller Gelegenheiten für Lili, Spaß zu haben. Da sind Löcher zu graben, Stöcke zu zerkauen, alte Tennisbälle von hier nach da zu schleppen, zu vergessen und dann als nette Überraschung wiederzufinden... falls sie gerade keine Lust hat, meine frisch angepflanzten tränenden Herzen und Hortensien zu bewundern. Trotzdem reicht es nicht. Es reicht irgendwie nie, verflixt noch eins! Da tut man und macht...
Kurz nach unserem Einkauf haben wir angefangen, uns nach einem Zaun umzugucken. Der Zaun, den ich wollte, hätte so viel gekostet wie anderer Leute Eigentumswohnung: ein getischlerter weißer Holzzaun mit dicken quadratischen Pfosten. Ein Zaun wie aus einer Astrid Lindgren-Verfilmung. So ist das leider: obwohl ich mir immer einbilde, kein Snob zu sein, zeige ich auf einer Seite voller Handtaschen, Schuhe oder auch auf der Speisekarte meistens auf das, was am teuersten ist. Sollte man nicht meinen, wenn man mich so in meiner Jogginghose und meinen drei Jahre alten vergilbten Ballerinas die Straße entlangschluffen sieht, ist aber trotzdem so. Also sind wir zu Obi gefahren und haben da einen Holzzaun in ca. 800 Einzelteilen gekauft. Der hat dann immer noch fast 2000 Euro gekostet, so riesig ist der Garten nämlich, ich hab nicht gelogen! Die folgenden drei Monate haben wir uns jede freie Minute damit versaut, den Zaun aufzubauen. So wichtig unsere enge Freundschaft auch für L.s und meine Beziehung ist, beim Aufbauen von IKEA oder sogar Zäunen endet sie. Ich bilde mir ein, wir sind nur deshalb an einer Scheidung vorbeigeschrammt, weil ich so dickfellig und gutmütig bin. Und handwerklich geschickt natürlich! Klar. Jetzt steht der Zaun schon eine ganze Weile, und Lili respektiert ihn auch im großen und ganzen. (Man muss nur ein Wurstscheibchen in die Hand nehmen und den Arm so hoch strecken, wie es geht, und dann noch auf einen Stuhl steigen, dann sieht man ganz klar, dass ein 1,20 hoher Holzzaun eigentlich eher sowas wie ein optischer Raumtrenner für sie ist.) Wir haben sie also öfter mal einfach in den Garten gelassen - nicht statt Spaziergang, sondern außerdem. Wir sitzen also mit Freunden im Wintergarten und reden, und der Hund bewundert meine Hortensien.

Und dann ist sie weg.

Das vorletzte Mal, als das passiert ist, war sie an einem Tag weg, an dem L. zum Fußball war. Ich hab den Garten durchsucht, es hat eine ganze Weile gedauert. Dann das Haus, den Keller, alles. Sie war weg. Dann bin ich (in Jogginghosen, Ballerinazombies und mit irrem Blick) zwei Stunden lang überallhin in der Umgebung gelaufen, wo sie hätte sein können. Sie war und blieb weg. Ich hab ihren Namen gebrüllt, bis ich heiser war. Im Ofen war ein Kuchen, den ich nach zehn Minuten abgedreht hatte und der mit Sicherheit jetzt nichts mehr werden würde, nachdem ich fast eine Stunde in der Küche gestanden hatte. Ich bin durch die Straßen gelaufen, vorbei an Gärten, in denen mitleidige Nachbarn den Rasen sprengten oder ihre Hortensien bewunderten, und keiner hatte sie gesehen. Nach zwei Stunden, in denen ein grauenvoller Film immer wieder in meinem Kopf abgelaufen war, kam ich zurück in meinen Garten und hatte eine rettende Idee:

"Lili! Laut!"

Das gute Tier. Kein Wunder, dass wir sie manchmal Kommissar Lili nennen. "WUFF!" Gar nicht so weit weg. Genauer gesagt im Garten einer Frau, deren Grundstück an eins grenzt, das an unseres grenzt. Mit einem Puls von 180 rannte ich um den Block. Niemand schien zuhause zu sein, aber die Gartentür war offen. Und im Garten war Lili und bewunderte die Kaninchen in ihrem Käfig. Ganz friedlich, kein Blutbad (auch wenn ich nicht dafür die Hand ins Feuer legen wollen würde, was ohne Käfig passiert wäre) und froh, mich zu sehen. Also habe ich ihre Leine ins Halsband gehakt und wollte los. Aber da zeigte sich plötzlich doch noch eine Frau in der Haustür.
"Sie wollten jetzt einfach so gehen, oder?"
"Oh, Hallo. Wir sind Nachbarn. Tut mir leid, mein Hund war in ihrem Garten."
"Das weiß ich. Seit zwei Stunden. Die hat mit Sicherheit einen Haufen gemacht."
"Äh... ich hab keinen gesehen, aber ich kann noch mal nachsehen."
"Sie wollten jetzt einfach so abhauen."
"Abhauen würde ich das nicht nennen... ich hab meinen Hund geholt, und jetzt wollte ich mit ihm nach Hause gehen. Wieso haben sie denn nicht aufgemacht, als ich geklingelt habe?"
"Die Kaninchen leben aber noch?"
"Ja, die leben noch. Sagen Sie mal... jetzt laufe ich hier seit zwei Stunden halb irre vor Angst durch das Viertel und brülle den Namen meines Hundes. An Ihrem Haus bin ich ungefähr achtmal vorbeigekommen. Wenn Sie sich seit zwei Stunden über den Hund aufregen, hätten Sie doch auch mal den Kopf zum Fenster rausstecken und mir Bescheid sagen können, oder?"
"Unverschämtheit. Der Hund ist jetzt seit zwei Stunden in meinem Garten."

So kommen wir nicht weiter.

Aber gerade gab es trotzdem einen Durchbruch: Lili war draußen und fühlte sich zu Unrecht unbeobachtet. Ich hab auf der Lauer gelegen. Im Schutz der Hortensien bin ich ihr hinterhergeschlichen. Und jetzt steht fest: sie benutzt L.s Schutzwall gegen ausbrechende Hunde, um über den Zaun zu klettern.

Das war's, Mäuschen. Auch ich finde, dass "Shawshank Redemption" ein großartiger Film ist, aber nu ist Schluss.

Mittwoch, 23. Mai 2012

Psychoparalyse

Gerade in der Mittagspause: eigentlich bräuchte ich dringend, dringend was zum Anziehen. Aber die Vorstellung, bei dieser Affenhitze mehrere Kleidungsstücke hintereinander über meinen klebrigen Körper zu zerren, ist zu schrecklich. Dann kommt noch dazu, dass der Sommer mir überhaupt nicht steht, wenn ich mit meinem schweißglänzenden Gesicht, den Heuschnupfenaugen, den Sonnencremepickeln und diesem insgesamt kaputten Gesichtsausdruck vor einem Spiegel stehe, ist es egal, was ich anhabe, ich werde es nicht kaufen wollen, so grauenvoll sieht das aus. Also zu Thalia. Buchhandlungen sind so ein friedlicher Ort für die Mittagspause! Schattig und kühl außerdem. Zwischen ca. 800 Baby- und Schwangerschaftsbüchern gibt es ein bescheidenes kleines Buch über Adoption, geschrieben von zwei Psychotherapeuten, einer davon Psychoanalytiker. Ich nehme mir noch ein tonnenschweres Laufbuch und setze mich in die Leseecke. Zuerst wundere ich mich, wie man übers Laufen - das doch eigentlich die einfachste Sportart der Welt sein sollte - zwei Kilo Buch zustande kriegen kann. Abgesehen von "nicht verletzt oder krank laufen", "schön viel trinken", "nicht zu schnell und zu weit laufen am Anfang" und "in gute Schuhe und guten Sport-BH investieren" fällt mir so viel nicht ein. Aber ich bin ja auch nur eine Hormonbrumse, die ein bisschen fitter und dünner werden will. Noch nicht mal eine Pulsuhr habe ich! Vorerst komme ich, glaube ich, ohne diese Schwarte aus. Damit zum Adoptionsbuch. Kapitel 1 handelt von einem Mädchen, das mit 16 plötzlich zeitweise auf der Straße lebt, Drogen nimmt, die Eltern trauen sich nicht, dagegen anzugehen, dann verwüstet sie die Hütte, alles ist im Arsch. Aha. Die Erklärung dafür überfliege ich nur kurz, sie hat damit zu tun, dass es dem Mädchen bei seinen Adoptiveltern scheinbar zu gut ging. Kapitel 2 hat als Hauptfigur einen adoptierten Jungen, der noch mit 12 ständig in die Hose macht und seinen Eltern auf den Wohnzimmerteppich kackt. Auch dafür gibt es eine mega-einleuchtende, verschwurbelte und schlaubergermäßige Erklärung: die Adoptiveltern sind Akademiker. Meine Güte, hätte ihnen das nicht jemand vorher sagen können, dass das dann ja so kommen muss? Ich glaube, auch dieses Buch lasse ich erst mal liegen. Was ich jetzt gerne hätte, wäre ein Buch, in dem steht, was ich jetzt wissen muss, was für Probleme und Fragen auftauchen können, wie ich damit umgehe, und wenn es so ein Buch garantiert psychoanalysefrei gibt, dann ist es schon so gut wie gekauft. Hat jemand eine Idee?

Dienstag, 22. Mai 2012

Und ich dachte, laufen am Abend macht schön müde und bettschwer.

Liebe Abkürzungsdamen, ich freue mich, ankündigen zu können, dass wir übernächste Woche Donnerstag unserem Kind vermutlich ein gutes Stück näherkommen. Und nein, es hat nichts damit zu tun, dass wir uns "einfach mal entspannen" oder unseren Hormonen anderweitig auf die Sprünge helfen. An dieser Front herrscht momentan Totenstille.

Übernächsten Donnerstag haben wir unseren ersten gemeinsamen Gesprächstermin mit einer der Damen vom Amt. Nicht die, bei der wir das erste Info-Gespräch hatten - schade, die war nett. Wobei wir fest darauf bauen, dass "unsere" Dame mindestens genau so zauberhaft sein wird. Wie denn auch nicht? Die Zeiten, als die Tante Prusselieses und Fräulein Rottenmeiers der Welt die Behörde fest in ihrer Gewalt hatten, sind hoffentlich vorbei. Wir sind bester Dinge.

Zumindest tagsüber.

Nachts sieht es anders aus. Letzte Nacht habe ich es auf zwei Stunden unruhigen Schlaf gebracht. Nichts half: lesen, daddeln, auf und ab laufen, seufzen, wälzen, Augen fest zusammenkneifen und Schlaf einfach so lange simulieren, bis aus der Täuschung Wirklichkeit wird - nichts.

Eine ungeordnete, ungefilterte und unreflektierte Liste meiner Ängste und Befürchtungen rund um das große A-Wort:

1. Was, wenn wir jetzt einen monatelangen Prozess auf uns nehmen, uns wahnsinnig ins Zeug legen, hoffen, noch ein bisschen mehr hoffen, uns sogar ganz sicher sind, und dann am Ende kommt das Amt zur Einschätzung, wir wären z.B. zu alt - etwas, was man uns schon nach der ersten Lektüre unserer Bewerbungsbögen hätte sagen können, bevor wir durch diese neue Sorte Hoffnungsmühle gedreht wurden?

2. Was, wenn wir an eine Dame geraten, die - gelinde gesagt - auf einem sehr, sehr merkwürdigen Trip ist? In der alten Schwatzbude Internet habe ich von einer Frau aus Hamburg gelesen, deren Adoptionspläne fast daran gescheitert wären, dass die Dame vom Amt nach einer halben Stunde Gespräch zu der Auffassung gekommen war, sie (27) würde ihren Mann (auch 27) als Vaterfigur sehen, und damit wäre die Beziehung nicht bereit für eine Adoption - erst, als die Dame sich ein Bein brach und eine andere Dame ran durfte, wurde es doch noch was. Was, wenn unsere Dame z.B. findet, bei uns wäre es zu harmonisch (=verdächtig, dicke Klopper von Problemen sind unter den Teppich gekehrt), wir könnten keinen echten Grund für unseren Kinderwunsch angeben (genau wie ca. 99% aller Paare, die ein Kind bekommen), wir wären zu oberflächlich, zu unreif, zu... was weiß ich was, irgend etwas, was man nie im Leben widerlegen kann? Und damit basta?

3. Ich glaube, ich hatte an anderer Stelle schon mal davon geschrieben, wie sehr mir Behörden zuwider sind. Dass ich, wenn ich weiß, ich muss Freitags auf ein Amt, schon Montags schlechte Laune habe. Dass mich Formulare, Telefonistinnen und Fristen aller Art fertig machen. Ich hab da kein Talent für, noch nie gehabt. Was, wenn wir hier in die Sorte Behördendickicht geraten sind, aus der wir nie wieder herausfinden? Das zeichnet sich schon jetzt ab: während z.B. die Dame vom letzten Gespräch sagte, wir könnten uns um ein Kind aus Deutschland plus ein anderes Land bewerben (in unserem Fall Äthiopien), hat die Dame, die beim Amt für Auslandsadoptionen am Telefon saß, gesagt, nö, das geht auf keinen Fall, entweder oder. Solche kleinen Schlaglöcher in der Straße reichen schon, um diese gewisse unbehagliche Beklommenheit in meinem Fusselhirn zu erzeugen, die mich dann nachts um zwei glockenwach hält. Meine Nerven sind Bombe, wenn ich in medizinisch unsicheres Gewässer gerate. Aber sowas halte ich nicht aus. Sehen jetzt die nächsten 12 Monate so aus?

4. Was, wenn sie endlich ein Kind für uns haben, wir sind aufgeregt bis kurz vor Schlaganfall, und dann sehen wir es endlich, und ich denke: nein. Auf gar keinen Fall. Und dann war das alles umsonst?

5. Was, wenn trotz aller Mühen, Geduld, Einfühlungsvermögen, Liebe und Arbeit der kleine Ndogo niemals damit klar kommt, dass er bei Adoptiveltern lebt? Wenn er uns mit 11 irgendwann den Krieg erklärt und nie wieder damit aufhört? Wenn er uns hasst und überhaupt nichts mit uns zu tun haben will?

6. Was, wenn nach der Adoption der Mythos von der Spontanschwangerschaft zu neuer Form aufläuft? Wenn jeder Gast, jeder Verwandter, jeder Bekannter mir erzählt, dass jetzt, wo wir "endlich ganz entspannt" wären, bestimmt bald ein eigenes Kind hinterherkommt? Und irgendwann, an einem lauschigen Sommerabend auf einem Gartenfest, halte ich es nicht mehr aus, und ich erwürge jemanden mit der Lampionkette, muss ins Gefängnis, und dann ist es schon wieder Essig mit unserem Kinderglück mit Ndogo (ganz zu schweigen von den vielen Geschwisterchen dank Entspannung)?

So in etwa grübele ich nachts zwischen Mitternacht und fünf Uhr früh vor mich hin. Aber wisst ihr, was das Schöne ist? Dank Hormondauerferien kann ich mir wenigstens Kaffee holen, so viel ich nur schleppen kann.

Donnerstag, 17. Mai 2012

Etappensieg

In der Wäschetruhe liegt meine Laufklamotte, auf diese unnachahmliche Art müffelnd, wie das nur die allerausgefuchsteste High-Tech-Sportausrüstung hinkriegt (L. nennt mich "Spiderman", wenn ich das anhabe), meine sandigen und nassen Schuhe krümeln den Flur voll, der Hund ist auch nass und sandig und müsste dringend in die Waschmaschine, diese rote Ketchup-Experten-Birne werde ich noch mindestens eine halbe Stunde lang haben, und ich fühle mich großartig. Es gibt vermutlich wenig, was so rundum und zum Reinschlagen selbstzufrieden macht wie eine morgendliche Laufrunde. Die Knieschmerzen sind weg, als wären sie nie dagewesen. Von Kopf bis dicker Onkel breitet sich eine angenehme Wärme aus, ich dufte nach Pfefferminzduschzeug und Zitronenöl. Ich fühle mich wie ein empfängnisbehinderter Tiger, jederzeit bereit, loszuspringen und ein paar Großwildjäger zu zerlegen. Und auch der alte Nike+-Trick hat noch nichts von seiner Zauberkraft verloren. Abgesehen davon, dass das Programm gestern in seinem Übereifer meinen Rückweg vom Mittagessen mit einem Umweg über Budni auf facebook als neu absolvierten Lauf (1.4 km! Yeiiih!) gepostet hat, ist diese App mein Freund. (Damals, als das losging, habe ich nur drei Läufe mit facebook gebraucht, um zu verstehen, dass das eine 1a Methode ist, um nicht nur Bauchspeck, sondern auch alle online-Freunde loszuwerden. Nur drei! Ich dachte, das hätten wir hinter uns.) Herrlich, dieses Gefühl, heute mal alles richtig gemacht zu haben. Bisher. Es ist erst 10:04, vor uns liegt ein Tag voller Möglichkeiten.

Was jetzt? Mache ich uns einen "Oppsalat" wie Steffi Graf? Gehen wir danach zum Squash, vielleicht ein bisschen auf unseren Kettler Alu-Rädern Hand in Hand durch die Frühlingslandschaft radeln? Mit Helm? Werfen wir eine Frisbee? Gehen wir paddeln? Schieben wir uns gegenseitig lachend eine Scheibe Gutfried-Wurst in den Mund?

Ich glaube nicht.

Dienstag, 15. Mai 2012

Ich spann den Bauch an. Aber in die Sonne, sorry, geh ich nicht.

Ich habe einen wirklich großartigen alten Freund. Unter anderem habe ich ihm L. zu verdanken, wenn er nicht mit ihm zur Schule gegangen wäre, hätte ich ihn vermutlich nie getroffen. Aber auch, wenn es niemals einen L. gegeben hätte, dann wäre ich froh, ihn zu kennen. Neben den vielen hervorragenden Eigenschaften - Humor, Klugheit, Loyalität bis ins Äußerste, ich könnte die Seite vollhauen bis zum Anschlag mit allem, was toll ist an ihm - hat er aber auch die meistens ziemlich putzige Angewohnheit, von sich auf andere zu schließen. (Tun wir das nicht alle? Ja, vermutlich schon. Irgendwie. Aber doch anders. Seht selbst:) Er ist eine Sportskanone, Sport hält ihn bei Laune, in Form, am Leben... was auch immer wer auch immer Sport an positiver Wirkung zuschreibt, er erlebt es ständig am eigenen Leib. Das bringt ihn dazu, Sport auch großzügig an Freunde als Heilmittel zu empfehlen, egal, ob das Problem Übergewicht, Pickel, Depression, Liebeskummer, McFlurry-Schmerz, Schreibblockade oder ein eingerissener Fingernagel ist. Vor ein paar Jahren lebte ich in einer reizenden, aber leider total und teilweise unsichtbar verschimmelten Altbauwohnung in Eimsbüttel. (Die, bei der mein Vater - auch so jemand, der gerne die Welt regelt - mir beim Einzug empfohlen hat, ich sollte aufpassen, dass der Balkon nicht abbricht. Wie auch immer man das macht.) Ich hatte einen Todeshusten nach dem nächsten. Jeder endete mit Röntgenaufnahmen, Antibiotika, Cortison und am Ende Codein-Tropfen. Sein Rat dazu: "Spann einfach öfter mal die Bauchmuskeln an. Ich kenn da ein paar Übungen." Bei anderer Gelegenheit lautete sein (schwarzhaarig, dunkelbraun, manche nennen ihn "Gelati") Rat an mich (rotblond - was in diesem Fall noch schlimmer ist als rothaarig - , hellweiß und alle sechs Monate beim Hautarzt, meine erste teure und gute Sonnencreme hab ich mir mit acht vom zusammengekratzten Taschengeld in der Apotheke gekauft, damals gab es in der Drogerie nichts mit mehr als Schutzfaktor 6, wir hatten ja nüscht): "Leg dich doch einfach mal richtig in die Sonne". Der Freundschaft hat das keinen Abbruch getan, wir lachen nur manchmal noch herzlich darüber, wenn wir zu Mädchen zusammensitzen und uns erzählen, was unsere Endometriosen jetzt wieder anstellen.

Und trotzdem... ich hab gerade ein kleines Tief. Außerdem tut mir seit Tagen das linke Knie ein bisschen weh. Und gerade war ich zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder laufen. Der Hund ist nebenher gerannt und hat nach fünf Minuten sogar aufgehört, nach meinem Kopfhörerkabel zu schnappen. Und mir geht's gut. Jedenfalls besser als gestern nach zwei Kilo Wohlfühlessen (Hühnerflügel mit Knoblauch und Chili an Fernsehprogramm, falls es jemanden interessiert). Ich glaube, das mach ich morgen wieder.