Samstag, 13. September 2014

Eine Reihe von Vorsätzen, einfach so, mitten im Jahr.

1. Wenn das nächste Mal jemand zu mir sagt, ich wüsste aber schon, dass alkoholfreies Bier AUCH Alkohol enthält, dann werde ich kein freundliches Interesse heucheln und so etwas sagen wie "Ach, wirklich? Danke!". Was genau ich stattdessen tun oder sagen werde, weiß ich noch nicht, da lasse ich mich dann vom Moment inspirieren.

2. Ich werde weiterhin versuchen, lieber zwanzig Minuten entspannt mit meinem Kind am Tisch zu sitzen und ihm beim genüsslichen Essen zuzusehen, als wegen 30 Sekunden Wegputzen hinterher in Panik zu verfallen, wenn er kleckert. (Wobei "kleckert" ein Euphemismus ist, muss ich zugeben.)

3. Ich werde die Babyfotoflut der letzten Monate bearbeiten, zu Pixum schicken und die Fotos dann in ein Album einkleben oder an die Wand hängen.

4. Ich werde auch bei diesem neuen Rechner herausfinden, wie man die verdammte Autokorrektur ausschaltet. Ja, das gilt auch für Dich, Blogeingabefenster, und für Dich, Email.

5. Sollte meine Agentur anrufen, während ich im Mutterschutz bin, und mir was von einer akuten Notlage vorquengeln, deretwegen ich jetzt bittebittebitte irgendwas dringend machen soll, dann werde ich sagen "Akut? Ha!". Am 31. März habe ich ihnen Bescheid gesagt. Noch ist kein Ersatz für mich da. Von akut kann keine Rede sein. Ich mach mir große Sorgen, aber ich werde ... hart bleiben. Genau. Verdammt.

6. Ich werde das Angebot meines poshen Fitnessclubs (den ich schon so lange nicht mehr von Innen gesehen habe, dass ich gar nicht sicher bin, ob er überhaupt noch steht und mich vermutlich auf dem Weg dorthin verfahren werde) nutzen: Rückbildungskurse mit Baby. Wobei man größere Babies gleichzeitig im Kinderparadies lassen kann. Und genau das werde ich machen. Zusätzlich werde ich zum Power-Dingens-Kurs meiner neuen Hebamme gehen. Diesmal mache ich das Pipiproblem fertig statt umgekehrt.

7. Ich werde zurück in einen Rhythmus finden, bei dem ich ein mal in der Woche ohne Babyanhang meine Mädchen sehen kann. Egal was.

8. Ich werde mich nicht vom Geraune und Geunke der Vorsorge-Hebamme kirre machen lassen, ich wüsste aber schon, dass der Klumpfuß gut ein Zeichen für ein ganzes Syndrom sein könnte, also nur die Spitze des Eisberges. Dankeschön, ich habe es nun mehrfach von ihr gehört, was soll das nützen? Sollte mein Kind tatsächlich schwere Behinderungen haben, werde ich sicher heilfroh sein, mich jetzt seit drei Monaten deshalb zu gruseln. Also: Danke für die Information, aber nein Danke.

9. Ich werde mich nicht von Familienweihnachten bei uns ins Bockshorn jagen lassen. Meine Mutter und meine Schwester sind die Weltbesten Weihnachtswichtel, die werden hier mit Keksen anrücken und sich eine Schürze umbinden und mir helfen, damit das alles irgendwie wird.

10. Ich werde erst wieder über die acht tiefgefrorenen Embryonen irgendwo in Altona nachdenken, wenn ich nach der Geburt nicht mehr beim Pinkeln fauche. Ehrlich, hab ich sie noch alle? Ich denke nein.

11. Ich werde zum Elternabend der Kita gehen.

12. Mehr kannst Du nicht von mir verlangen, Vorsatzliste! Aber hingehen werde ich.

13. Ich werde die freie Zeit bis zur Geburt genießen, so gut ich kann. Diesmal sind keine Handwerker im Haus, es liegt kein Geröll herum, im Babyzimmer sind keine leeren Fensterhöhlen von Folie notdürftig verdeckt, niemand kommt morgens um sechs rein, wenn ich auf Toilette sitze, das müsste also klappen. Ich werde mich in eine Wolke aus behaglicher Häuslichkeit hüllen. Es wird nach Kuchen riechen. Vielleicht fange ich sogar passend zum Herbst zum ungefähr achten Mal das Stricken an? Naja, wir wollen nicht übertreiben. Aber genießen werde ich die Zeit. Ich bringe morgens meinen Sohn in die Kita, und dann mache ich genau das, worauf ich Lust habe. Sechs Wochen lang, wenn Würmchen zwei nicht zu früh kommt. Noch sieben Arbeitstage trennen mich von diesem glückseligen Zustand. Gibt es eigentlich Kinovorstellungen am Vormittag? Genau solche Dinge werde ich herausfinden.

14. Ich werde aufhören, mich zu grämen, dass ich keinen Alkohol trinken und nicht rauchen darf. Ehrlich, geht's noch? Nach all den Spritzen und all den Enttäuschungen und all den Bauchspiegelungen und angesichts von tausenden Abkürzungsdamen, die nicht mein Glück hatten? Und überhaupt? Lächerlich, Albarelli. Einfach nur lächerlich.

15. Sport ist ja gerade nicht so, aber ich kann mich anderen Herausforderungen stellen: Im Moment habe ich einen echten Lauf, was die-Meinung-sagen betrifft. Anfangs fiel es mir schwer, harmoniesüchtig wie ich bin. Aber ich hole auf, und ich habe das Gefühl, es tut mir mindestens so gut wie ein durchdachtes Laufprogramm: ausgezeichnet für Teint und Blutdruck und für erholsamen Schlaf.

Sonntag, 7. September 2014

A change of appetite

Es ist kurz nach sieben an einem Sonntag Abend, und die Blogtante hat babyfrei. Das kommt daher, dass L. heute morgen um kurz vor zehn das Haus in Richtung seiner Nerdsportart verlassen hat und erst so gegen 17 Uhr zurück war. In der Zwischenzeit war ich mit meinem Sohn zum ersten Mal bei Hagenbeck. Die Hits waren die Elefanten (er hat sie selbst mit Rohkost gefüttert), die kleinen friedlichen Tiere, die überall auf den Wiesen frei laufen, die Braunbären und die Paviane, bei denen ich ihn nur mit Mühe davon abhalten konnte, sich über die Mauer in den Graben zu stürzen. Endlich mal etwas, was er nicht von mir hat, Paviane können mich schon immer mal. (Gestern Abend kam er angekrabbelt wie der Blitz, als ich gerade auf dem Sofa selbstgerollte Sommerrollen gegessen habe, und hat sich nacheinander und mit Genuss die roten Chilistückchen aus der vietnamesischen Sauce gefischt, die ansonsten aus Knoblauch, Limette und viel Fischsauce bestand. Manchmal macht er mir Angst. Demnächst fängt er an, sich Hormonspritzen in den Bauch zu rammen und gründet einen Blog.) Der einzige Shit war, dass ich die Zeichen nicht richtig gedeutet habe und mit ihm in den langen dunklen Tunnel der Arktiswelt gegangen bin. Als wir auf der anderen Seite wieder ans Tageslicht kamen, war er tief und fest eingeschlafen. So tief und fest, dass mir irgendwann nichts anderes übrig blieb, als mit ihm zurückzufahren. Nächstes Mal andersherum, ich hätte ihm so gerne noch die Löwen gezeigt, denn der Löwe ist sein Liebling in “Gute Nacht, Gorilla” und in “Die kleine Maus sucht einen Freund”. Jedenfalls waren wir beide danach total erledigt, was sich bei meinem Sohn so äußert, dass er quengelt und im Sekundentakt auf den Arm und wieder runter will, und bei mir so, dass ich total erledigt bin. L. kam also nach Hause, ich habe ihm die müde Wurst in den Arm gedrückt, und jetzt habe ich frei. Das Beste ist, heute Nacht auch! Heute ist nämlich Papanacht, wir schlafen getrennt, und er bekommt das Baby. Manche fragen sich jetzt vielleicht, warum ich da überhaupt noch ein zweites Kind will. Doch, manche fragen sich das! Aber eine Papanacht kommt so ca. alle drei Wochen mal vor, der Rest sind Mamanächte.
Was mache ich jetzt mit meiner Freiheit? Ich mache mir Gedanken über Ernährung.
Die Sache ist die, ich würde wirklich manchmal gerne gesünder essen. Nicht nur für die Wampe, sondern auch, um mich fitter und seltener im Fresskoma zu fühlen. Folgende Faktoren stehen mir bisher im Weg:
Wenn ich in einem Kochbuch mit Mission lese, dass ich bald überhaupt keine Lust mehr auf Pasta, Kuchen und Schweinereien haben würde, werde ich unwirsch. Ich werde IMMER Lust auf Pasta, Kuchen und Schweinereien haben. Ich suche nach einem schönen Kochbuch mit gesunden Rezepten, die sich eins nach dem anderen in mein Repertoire schmuggeln und dort NEBEN Pasta, Schweinereien und Kuchen friedlich koexistieren. Ich habe nicht die Absicht, in einem Jahr Weißmehlmäßig clean zu sein. Die sollen mich in Ruhe lassen. Können wir jetzt bitte weiterblättern und wenigstens ein einziges Rezept finden, auf das ich tatsächlich Lust habe?
Ich lebe in einem Vorort, in dem gesunde Ernährung keinen guten Stand hat. Ein Blick in die Einkaufswagen meiner Nachbarn zeigt vor allem mit Glutamat gewürzte Schlemmer-Grill-Pfannen für 1,99, anderes Billigfleisch, Tiefkühlpizza und Schnaps. Zwischendurch gab es in unserem Supermarkt mal Biofleisch, das haben sie schleunigst wieder aus dem Programm genommen, nachdem ihnen der ganze schöne Kram vergammelt ist. Jetzt gibt es nur noch vier Sorten Biowurst, die hält sich etwas länger. Ich kaufe ja schon gegen ihr Verschwinden an, auch wenn ich sonst nicht so der Wursttyp bin! Trotzdem ist es abgesehen von Fleisch auch schwer, hier z.B. Topinambur, Bio-Orangen, Quinoa und solchen Kram zu kriegen.
Ich bin im Moment immer müde. Und wenn ich müde bin, dann leidet die Experimentierfreude in der Küche. Dann habe ich Lust auf Geschmack, den ich einschätzen kann und schon kenne, und auf Rezepte, für die ich im Schlaf einkaufe und die ich im Koma kochen kann. Keine gute Zeit für eine Umstellung, auch wenn vielleicht genau die Umstellung dafür sorgen würde, dass ich weniger müde wäre. Trotzdem ist die Schwelle gerade vergleichbar mit der von jemandem, der sich so fürchterlich unfit fühlt und jetzt aber trotzdem mit dem Laufen anfangen will. Eigentlich. Morgen. Vielleicht.

All das werde ich aber erst mal ignorieren und habe mir vorgenommen, in den nächsten vier Wochen zehn neue Rezepte auszuprobieren, die gesund sind oder mir wenigstens so vorkommen. Als erstes Kochbuch suche ich mir dazu “A change of appetite” von Diana Henry aus. Sollte das gut laufen, dann gibt es im Oktober wieder zehn und ein neues Kochbuch.
Die Sommerrollen waren übrigens aus “A change of appetite”. Zählt das schon? Die waren gut. Fotos gibt es keine. Der Knoblauchkater hält allerdings bis heute an und hat mich die ganze letzte Nacht in eine schwitzige, schwüle zähe Wolke gehüllt wie in ein mit Fanta Knoblauch getränktes Laken. Nächstes Mal einfach ein bisschen langsamer mit dem Dip, meint ihr? Ich werde es auch meinem Sohn ausrichten.










Samstag, 6. September 2014

Themen 1 bis 11, einfach zusammengetrieben und in einen einzigen engen und schlecht belüfteten Post gepfercht.

1. will ich Euch im Namen einer NDR-Journalistin um etwas bitten: wir haben uns alle (oder fast alle) schon oft am Kopf gekratzt, was das eigentlich soll, dass Abkürzungsbehandlungen aus Sicht der Krankenkassen nur verheirateten Paaren vorbehalten bleiben. Übrigens als einzige Kassenleistung weit und breit. Genau zu diesem Thema möchte die Journalistin einen kritischen Beitrag machen und sucht dafür betroffene Paare, am liebsten aus Norddeutschland. Ich find’s toll, dass das Thema inzwischen so weit in den anfangs so fremdelnden Medien angekommen ist, dass auch mal so ein ganz sachliches Thema diskutiert wird statt der üblichen Tränendrüsen-Schicksals-Berichterstattung, und würde mich freuen, wenn sich die eine oder andere von Euch findet. Falls Ihr dabei sein wollt, schreibt mir bitte an die Email-Adresse flora.albarelli@yahoo.com. (Ja, die Adresse verwende ich nur für solche Zwecke, nein, abseits solcher Aufrufe gucke ich da nicht rein, und nein, deshalb ist es auch keine böse Absicht, wenn mir eine von euch dorthin geschrieben haben sollte und ich auf ihre lange nette Email gar nicht geantwortet habe. Wer schnell gelesen und im Zweifel beantwortet werden will, bitte weiter per Kommentar.)

2. sind einige Klischees rund ums Kinderhaben und Kinderkriegen doch nicht so doof. Das Kitaviren-Klischee z.B. Mein Sohn geht jetzt seit Anfang August dort hin und musste bisher fünf mal zuhause bleiben, teilweise für mehrere Tage, weil er in der Kita Durchfall hatte. Zuhause ist ihm von all diesen gefährlichen Infektionskrankheiten nie etwas anzumerken. Zuletzt hat er sich Dienstag (nachdem ich ihn morgens quietschlebendig und unkrank wie nur was abgeliefert hatte) übergeben, daraufhin musste ich aus der Stadt angerast kommen (L. kam gerade vom Flug und hatte das Telefon aus) und ihn abholen. Woraufhin er den weiteren und die beiden folgenden Tage knallgesund war - nur eben zuhause. Gestern morgen habe ich ihn wieder hingebracht, mal schauen, für wie lange. In Südamerika, erzählt L., ruft eine Frau, deren Kind krank wird, alle anderen Frauen mit Kindern in der Umgebung an, die kommen dann alle rum und gönnen ihren Kleinen ein hübsches Virenbad - damit sie es hinter sich haben. Da bekommen wir also das Rundum-Paket! Nette Gesellschaft, anregende Umgebung, liebevolle Betreuung und das Deluxe-Paket Abhärtung XXL. Die Kindergärtnerin sagte, ja, das geht allen so, und ja, das dauert vermutlich das komplette erste Jahr. Wir seufzen und wappnen uns. Und schicken eine Voodoo-Extradosis Zahngebrüll an die Eltern, die es einfach nicht raffen und ihre Kinder morgens trotz sieben Meter gegen den Wind stinkendem Durchfall und Fieber dort abliefern. Warum es unserer Zuckerwurst zuhause immer gut geht, dazu habe ich mehrere Theorien. Theorie a: auch dank der Hunde ist sein Immunsystem schon relativ fit. Das heißt, er fängt sich zwar etwas ein - genug, um einmal die Windel vollzustinken z.B. - aber dann ist er auch fast sofort durch damit. Theorie b: Kinder haben eben ab und zu mal eine Flüssigwindel, ohne dass das gleich das Norovirus oder Ähnliches bedeuten muss. Nur hat die Kita eben ihre Vorschriften, also muss er nach Hause und darf 48 Stunden nicht wiederkommen. Theorie c, an die glaube ich selbst überhaupt nicht: Nur zuhause fühlt er sich wohl, der arme Schatz! Und darum sagt er ganz deutlich, dass er lieber zuhause sein möchte, in der einzigen Sprache, die er bisher beherrscht: Durchfall. Theorie d: die Kitadamen sind überlastet und dezimieren die Gruppe, indem sie ständig gesunde Kinder nach Hause schicken. Auch daran will ich nicht glauben.

3. Andere kriegen das gut hin mit Babyfotos, auf denen das Gesicht gerade so abgewendet oder unscharf ist, ich eben nicht. Hätte ich eins, würde ich es posten. Würmchen ist so niedlich, dass ich vermutlich demnächst aus sämtlichen What’s-App-Gruppen fliege wegen meiner Babyfotos, ich will, dass ihn alle sehen. Und es ist nicht nur die Zuckerschnute, sondern alles: wie er “hmmm” macht und den Kopf in den Nacken legt, wenn er etwas besonders Leckeres isst. Wie er den Löwen nachmacht. “hrrmmm.” Wie er sich die Ohren zuhält, wenn ein Flugzeug über unsere Köpfe fliegt. Wie er mir von allem, was er isst, den ersten Bissen abgeben will. Wie er beim Einschlafen immer erst tobig ist und beißen will und sich dann resigniert aufs Kuscheln verlegt. Wie er dem Hund um den Hals fällt. Wie er “chrp, chrp” kleine Fressgeräusche nachmacht, wenn wir zusammen die kleine Raupe Nimmersatt lesen. Ich kann nicht fassen, dass L. und ich (und Frau Doktor) zusammen so etwas Niedliches hinbekommen haben sollen.

4. waren wir zusammen auf der Hochzeit meiner Schwester, die erste Flugreise als ganze Familie. Und es ging gut, sehr gut sogar. Vor die Wahl gestellt, ob ich mit einem Haufen willkürlich ausgewählter Fremder und Würmchens willkürlich ausgewählter Laune lieber fünf Stunden in einem ICE stecken will oder 45 Minuten in einem Flugzeug, nehme ich das Flugzeug, auch wenn es noch etwas enger ist. Ich hätte mir aber gar keine Gedanken machen müssen. Der Druckausgleich-Trick mit dem Fläschchen funktioniert, wir haben ihm einfach eine große Flasche Wasser beim Start und der Landung zum Saugen gegeben, dann tun ihm die Ohren nicht weh. Wir haben außerdem für den kurzen Flug unsererseits auf Getränke verzichtet, das wäre nicht gut gegangen mit Klapptablett und Baby. Kurz vor Abflug gab es noch mal eine Windel und unterwegs die Raupe Nimmersatt, und dann waren wir auch schon da. Taxi mit altersgemäßem Kindersitz kann man vorbestellen, alles kein Problem.

5. Und dann die Hochzeit! Die war toll. In Hamburg ist es Konsens, dass man in München nicht leben könnte. Ich finde aber, man könnte das sehr gut. Ich finde in München an jeder Ecke irgend etwas, was mir die Aussicht sogar ziemlich verlockend erscheinen lässt. Das meiste davon ist essbar. Ich kann wenig auszusetzen finden an einer Stadt, wo man innerhalb von hundert Quadratmetern 1a griechische Vorspeisen, Schweinsbraten mit Kruste unter Kastanien und eine Riesenauswahl von Bio-Sorbet essen kann. Und direkt um die Ecke ist der englische Garten, wo man sich die ganzen Schweinereien wieder runterspazieren oder runterrennen kann, wenn man irgendwann über sein blödsinniges Pipiproblem hinweg… aber lassen wir das. Hmmm! hat Boje gemacht. Das Tollste an der Hochzeit war aber, zu sehen, in was für eine nette, herzliche, fröhliche und rundum gute Familie meine Schwester da eingeheiratet hat. Die kannte ich nämlich alle noch gar nicht. Jetzt freue ich mich wie Bolle auf die kirchliche Hochzeit nächstes Jahr Anfang Juli. (Nicht zuletzt auch deshalb, weil es jetzt mit den schwangeren Hochzeiten mal reicht. Über Jahre habe ich mich beschwert, dass in meinem Umkreis niemand heiratet. Jetzt heiraten alle, und immer bin ich zur großen Sause schwanger. Nächste Woche sind wir wieder auf einer Hochzeit, und ich werde da stehen mit meinem Orangensaft und in meinem Zeltkleid, in vernünftiger- und tristerweise flachen Schuhen, tapfer die köstlichen Fischhäppchen ablehnen und gegen zehn ins Bett verschwinden.)

6. ist die Brille endlich fertig, bezahlt und abgeholt. Kontaktlinsen kann ich immer noch nur einseitig tragen, was bei minus acht Dioptrien dazu führt, dass ich innerhalb kürzester Zeit einen Hornissenschwarm im Kopf habe und anfange zu schielen. Mein rechtes Auge hat - laut Augenärztin schwangerschaftsbedingt - sich so sehr verändert, dass Kontaktlinsen dazu jetzt gerade nicht so gut passen, und eine Weile Pause muss ich ihm noch gönnen. Also sehe ich gerade folgendermaßen aus: unten der Bauch, so weit klar. Dann ein ziemlich rotes Gesicht. Das als “Strahlen” zu bezeichnen, würde den Begriff sehr dehnen. Darüber die Landfrisur: der Puschel durch die von Boje ausgerissenen Haare steht in vollem Saft, ich habe praktisch keine Stirn mehr, es sei denn, ich trage eins dieser breiten Kopfbänder, die aber bei meiner Kopfform leider immer im Lauf einer Viertelstunde so verrutschen, dass es auch wieder nichts ist. Hinter dem Kopfband sind einige Wirbel, die auch von der Schwangerschaft zu profitieren scheinen. Mit dicken, glänzenden Locken ist es diesmal nichts, jeden Morgen im Spiegel erwartet mich eine neue Überraschung. Und mitten im Gesicht meine Brille, Modell Politbüro, die wirklich extrem robust wirkt, aber es nicht ist: die letzte Reparatur war schon die dritte, weil Boje sie mir immer wieder von der Nase reißt und ein Glas auf dem Boden zerknallt. Jedes Mal kostet es so um die 180 Euro, denn weil ich so dermaßen blind bin, müssen die Gläser irgendwie speziell sein, damit die Brille nicht im Schneckentempo meine Ohren amputiert vor lauter Glasbaustein. Aber reden wir nicht über Geld, reden wir über Schönheit und Ausstrahlung. Frisur, Figur, Brille, uffjedunsenes Gesicht mit kleinen, von Kontaktlinsenunverträglichkeit geröteten Schweinsäuglein: Tadaaa! Fertig ist der bei der Geburt getrennte Zwilling von Roncalli-Direktor Bernhard Paul. (Vermutlich frage inzwischen nicht nur ich mich, wie eine wie ich zu so einem niedlichen Kind kommt. Passanten schütteln die Köpfe.)

7. Obwohl sie es nicht verdienen, habe ich meinen Haaren zwei neue Shampoos gekauft und habe das Gefühl, wenigstens beim Duft bin ich angekommen: Asfera von Furterer und Harmonic von Intelligent Nutrients riechen beide schön frisch nach Minze, hinterlassen eine kühle, aber nicht trockene Kopfhaut, machen quietschsauber, ohne zu vertrocknen, und dürfen für’s Erste bleiben. Ich hoffe, wenn nach der Geburt die Frisur irgendwann wieder normal ist, dann kann ich auch beurteilen, ob meine Haare genau so begeistert sind wie ich. Außerdem bin ich dazu übergegangen, nach jeder Wäsche die immer trockene Freaksträhne an meinem Hinterkopf mit Klettenwurzelöl einzureiben: es lag da noch rum, kostet fast nichts und bekommt jetzt seine Chance, wo stinketeure Superkuren versagt haben.

8. L. hat es tatsächlich durchgezogen: er hat 30 Tage lang vegan gelebt und ungefähr sieben Kilo abgenommen. Was heißt, dass er mit kleinen Auflockerungen weiter machen will. Und nicht nur das ist die Überraschung: wir haben uns auch nicht die Köpfe eingeschlagen. Was vermutlich auch daran lag, dass er seine Kocherei weitgehend für sich behalten hat und sich extrem am Riemen gerissen hat, mir meine Schweinebraten und meinen Speck madig zu machen. Manchmal sah die Küche schlimm aus. Vor die Wahl gestellt, ob ich das in zehn Minuten schnell wegmache oder mir den Abend versaue, indem ich deshalb Krach anfange, muss ich sagen, hab ich mich meistens für erst wegmachen und später die eine oder andere spitze Bemerkung entschieden, den weiblichen Klassiker. Und nicht nur L.s Figur, auch mein Budget profitiert, denn während L. früher gerne mal ein halbes Kilo Käse als kleinen Snack zwischendurch gegessen hat, habe ich jetzt meine Schätze im Kühlschrank ganz für mich allein und muss nur mit Boje teilen, während er sich mit Pastinaken und Mandelmus vergnügt.

9. Der letzte Tag auf der Arbeit rückt näher, und noch ist kein Ersatz für mich in Sicht. Ich habe noch mal recherchiert, und dem SMS-Verkehr mit meinen Mädchen ist zu entnehmen, dass ich am 31. März meine Chefs über die Schwangerschaft informiert habe, genau wie über den Termin, zu dem ich in den Mutterschutz gehe. Nachdem ich von Würmchens Klumpfuß erfahren hatte, war ich erst mal im Urlaub, aber gleich am ersten Tag zurück am Schreibtisch habe ich ihnen auch das gesagt und dass es bedeutet, dass ich diesmal nicht nach drei Monaten, sondern wohl erst nach sechs oder vielleicht sogar noch später zurück komme, weil hier dann eben andere Aufgaben auf mich warten. (Darauf haben sie übrigens wie aus dem Lehrbuch für den Chef des Jahres reagiert.) Seitdem… 21. 22. 23. Immer noch ist unklar, wer in meiner Abwesenheit meine Jobs übernimmt. Es sollte mich nicht beschäftigen, tut es aber. Ich würde gerne mit einem guten Gefühl und einem sauberen Schreibtisch in die Pause gehen. Hrrrrrr. Währenddessen fällt es mir jedes Mal schwerer, mich in die Bahn zu wuchten und dann acht Stunden aufrecht und konzentriert an meinem Rechner zu verbringen. Das Augenproblem kam noch dazu, besonders in unserem Konferenzraum zu Abstimmungen liefen mir dicke Tränen über das Gesicht, und ich konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Auf der Treppe aus der Ubahn halte ich mich am Geländer fest und schnaufe, und als neulich der Fahrstuhl gewartet wurde, habe ich kurz überlegt, diesen Arbeitstag zu knicken und einfach wieder nach Hause zu gehen, denn zu Fuß in den sechsten Stock? Entschuldigung. Nachmittags lege ich mich mit Rechner immer schon eine Stunde aufs Sofa in den Pausenraum, aber auch das ist nur Kosmetik. Ich zähle die Tage: neun sind es noch. Und gleichzeitig treibt es mich wirklich um, dass ich nicht weiß, wie das ab dann werden soll mit meinen Job-Babies.

10. Zu dem kleinen Kommentarkrieg von letzter Woche sage ich jetzt mal nichts mehr. Ich habe das Gefühl, da ist alles gesagt, und zwar mehrfach und von allen Beteiligten.

11. Wie wäre mal wieder Stammtisch? Zur Abwechslung Brunch? Tut mir leid, ich will euch nicht mein Alkohol- und Kippenverbot aufzwingen, aber abends gehen bei mir leider zu früh die Lichter aus, das lohnt sich kaum, dafür das Haus zu verlassen. Ein schicker Sonntag also? Irgendwann demnächst, Ende September, Anfang Oktober? Hebt doch mal vorsichtig die Kommentarhand, wer grundsätzlich Lust hätte.

Donnerstag, 28. August 2014

Chrrr-püh

Selten hatte ich so ein Schreibloch wie jetzt. Und ich hatte mir so viel vorgenommen. L. ist für ein paar Tage in den USA, hat zu diesem Anlass um seine Dicke zu entlasten das Kindermädchen durchgebucht, und der Hund ist noch bis Montag in der Pension. Morgens bringe ich mein Kind in die Kita, mittags holt sie ihn ab, und bis Abends um halb sechs kann ich tun und lassen, was ich will. Was ich will ist schreiben, dachte ich jedenfalls. Ein bisschen Blog, drei Tage Arbeit von Zuhause aus und dann noch ganz viel anderen Kram. Ich hatte mich ehrlich drauf gefreut, und an Ideen fehlt es auch nicht. Es fehlt nur an… ach, ich weiß auch nicht. Und dabei hätte ich wenigstens dem Blog ganz viel zu erzählen. Von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir letztes Wochenende waren, von Würmchens Zeit in der Kita, von den Zähnen, die er gerade bekommt (ca. vierzig bis siebzig scheinbar) und die uns den Schlaf kosten, was ihn weniger stört als mich, er wacht morgens nach einer Terrornacht lachend auf. Von dem Leben überhaupt mit ihm. Jetzt ist er schon über dreizehn Monate alt, und ich habe noch nicht mal vernünftig von seinem ersten Geburtstag berichtet. Was bin ich denn für eine Kinderwunschblogtante?
Es tut mir so leid, aber ich fürchte, ich muss erst mal durch die große, seit Monaten angestaute Schwangerschaftsmüdigkeit durch. Den Tag im Schlafanzug zu verbringen reicht nicht, ich muss auch schlafen. Und nichts tun. Und mich zur Abwechslung mal wieder langweilen. Und dann noch mehr schlafen. Und noch mehr. Und noch ein bisschen. (Meine Augen sind auch entzündet, was das Leben am Bildschirm nicht leichter macht, aber dazu, wenn ich ausgeschlafen bin.) Und dann schreibe ich mehr, versprochen. Noch liegen dreieinhalb lange, durchgesittete und joblose Tage vor mir, da gibt es alle Möglichkeiten. Bis dahin gute Nacht.

Freitag, 15. August 2014

Nun doch.

Ich war eigentlich vollkommen überzeugt. "Diesmal nicht" habe ich allen erzählt. "Danke, kein Bedarf." Diesmal wollte ich es ohne Hebamme schaffen. Aber der entgeisterte Gesichtsausdruck meiner Frauenärztin hat an mir genagt. "Das hier wird anders", sagte sie. "Es wird nicht ganz leicht, das mit dem Gips hinzukriegen. Und man braucht vielleicht manchmal noch ein zweites Paar Augen, die beurteilen können, ob das nun noch normal wund ist oder schon behandlungsbedürftig wund." Trotzdem habe ich mich noch eine Weile lang gesträubt, denn meine letzte Hebamme hat keinen besonders tollen Eindruck hinterlassen - ganz davon abgesehen dass ich dachte, Kind Nr. 2 hat ja in Kind Nr. 1 schon einen 1a Elternkurs, wir können das jetzt.

Jetzt habe ich doch eine. Das heißt, ich habe sogar zwei, und weil eine davon noch mindestens eine Woche im Urlaub ist, kann ich mir noch ein paar Tage überlegen, ob ich sie wirklich beide hier antanzen lassen will zum Kennenlernen.

Hebamme 1: ist dem Foto und dem online-Lebenslauf nach zu urteilen mindestens Mitte 50, hat viel Erfahrung in Krankenhäusern, hat zusammen mit anderen Hebammen eine eigene Form der Schwangerschafts- und Rückbildungsgymnastik entwickelt, von der es auch eine "Power"-Variante gibt, was manche vielleicht lächerlich finden, aber was mich erst mal stark für sie einnimmt. Sie arbeitet mit einer Hebammenpraxis zusammen, die nicht weit von hier liegt, dort bietet sie Kurse in dieser Gymnastik an, man kann dort aber auch Erste-Hilfe-Kurse für Babys etc. machen. Zum Thema Klumpfuß sagte sie "Ja, das ist doch kein Problem. Da machen Sie sich mal keine Gedanken." Ich find's gut, dass sie älter ist. Ich finde es auch gut, dass sie keine Anti-Krankenhaus-Hebamme ist. Und auf die Power-Rückbildung bin ich jetzt schon gespannt.

Hebamme 2: Ist ungefähr 40, arbeitet mit einer anderen Hebamme zusammen, in dieser Praxis gibt es auch Kurse, wenn auch keinen mit "Power" im Namen. Am Telefon hat sie mir erzählt, sie hätte in den letzten zwei Jahren fünf Babys mit Klumpfuß betreut, das kann sie also, ich würde aber mit diesem Problem vermutlich Schwierigkeiten haben, eine Hebamme zu finden. Zum Glück ist sie ja da. Ich fand sie am Telefon sehr sympathisch, aber nicht sehr angetan war ich davon, dass sie das drei mal betont hat: Klumpfuß nimmt sie gerne, andere dagegen... schwierig. Damit hat sie dem Ganzen (und sich selbst) unnötigerweise gleich wieder so eine Schwere mitgegeben, die hoffentlich gar nicht nötig ist. Sie ist die, die im Urlaub ist. Ich glaube fast, ich sage ihr ab.

Was sonst noch?

Huck hat sich das Norovirus eingefangen. Jedenfalls sagt das die Kindergärtnerin und sein Arzt. Von Wikipedias Beschreibung abweichend, ist er abgesehen von der Scheißerei aber quietschfidel. Das führte dazu, dass ich diese Woche nicht die ersehnten zwei freien Vormittage am Donnerstag und Freitag hatte, denn in der Kita durfte er nicht bleiben. Die zweite Woche erst, und jetzt das. Ich hoffe, es geht nicht so weiter. Ich hoffe auch, ich werde hier nicht demnächst Hassreden schwingen auf unverantwortliche Kita-Eltern, die ständig allen ihre Mistviren mitgeben, weil sie einfach keinen Bock (oder keine Chance wegen gnadenloser Chefs) haben, ihre kranken Kinder zu Hause zu behalten.

An Momo denke ich ständig, besonders jeden Tag zwei mal um halb zehn. Da hat sie immer ihre Epilepsie-Tablette bekommen. Nächste Woche gehe ich auf dem Heimweg mal bei ihrer alten Tierärztin vorbei und bringe ihr die restlichen Luminal und die Diazepam-Zäpfchen für Epilepsie-Notfälle; in unserem Stadtviertel gibt es mit Sicherheit einige bitterarme Leute mit epileptischem Hund, die sich darüber freuen. Der Vorrat reicht noch mindestens für drei Monate. Wieder mal glaube ich, an diesem L. ist mehr dran, als das menschliche Auge auf den ersten Blick sieht: Als ich die Tabletten irgendwann Ende Juni gekauft habe, wie immer gleich im Großgebinde für fast ein halbes Jahr, hat er in den Tagen danach ungefähr achtmal gesagt "Aber jetzt muss sie auch noch eine Weile leben, damit wir sie noch aufbrauchen können." Wieso? Keine Ahnung. Sie hat weder gekränkelt, noch war sie mit ihren neuneinhalb Jahren mit einer Pfote im Grab, und obwohl ich jedes Mal so eine Klinikmenge bestelle, hat er noch nie so etwas gesagt. Er bleibt mir ein Rätsel.

Außerdem möchte ich euch um etwas bitten. Wie sich an meinem Sieben-Monats-Bauch und dem kleinen Noro-Ndogo oben im Bettchen zeigt, scheint es ja zu wirken, wenn ihr Daumen drückt. Könntet ihr vielleicht noch mal? Es geht um Drillinge, die zu früh gekommen sind. Eine davon ist jetzt schon in Schwierigkeiten. Aber alle drei kämpfen, und ich will nicht, dass dieser Kampf umsonst ist. Also drückt, liebe Damen, drückt! Ich verspreche auch, ich drücke bei Gelegenheit zurück.

Samstag, 9. August 2014

Ich finde, Füße sind jetzt mal durch.

Liebe Abkürzungsdamen, es gibt bestimmt viele, die meine an Euphorie grenzende gute Laune gestern nach dem Ultraschall nicht nachvollziehen können. Denn der Klumpfuß bleibt ein Klumpfuß, das ist nicht falsch zu verstehen. Der rechte Fuß ist nicht nur nach Innen verdreht, sondern auch in sich nach vorne - würde man nichts unternehmen, dann müsste Ndogo irgendwann auf der querstehenden Außenkante seines rechten Fußes laufen. Und auch der linke scheint nun doch etwas schief zu stehen. Trotzdem bin ich leichten Schrittes und mit einem Lächeln aus der Praxis gewatschelt. Denn sonst scheint wirklich alles, alles in Ordnung zu sein: Hirn, Herz, Rücken, Blutversorgung und Wachstum sahen perfekt aus. Er wiegt jetzt ca. 1100 Gramm, genau richtig. An den Gedanken, mein Kind die ersten Monate seines Lebens in Gips und später zumindest nachts mit einer Schiene zu sehen, habe ich mich längst gewöhnt, mir machte mehr die Sorge Kummer, dahinter oder daneben könnten noch ganz andere, schlimmere Probleme stehen. Und ein zweiseitiges Problem ist auch nicht komplizierter zu therapieren als ein einseitiges - könnte sich sogar als Vorteil erweisen, denn nach einer Klumpfußtherapie ist der betroffene Fuß zwar voll einsatzbereit und hübsch, aber gerne ein-zwei Nummern kleiner als der andere. Ndogo müsste sich ein Leben lang immer zwei Paar Schuhe kaufen. Und ob er die Schiene nun wegen einem oder wegen zwei Füßchen tragen muss, läuft für ihn auf das Gleiche hinaus.

Momo, die alte Fluse, hat wirklich ein großes Loch in diesem Haushalt hinterlassen. Es gab in den letzten Tagen sogar Zeiten, da hatte ich fast das Gefühl, am Ende war sie mir lieber als Lili. So ist das wohl mit Muttis: die Kinder, die am meisten Kummer machen, sind ihnen am liebsten. Oder wie auch immer. Oder ganz anders. Ich komme immer noch nicht darüber weg, dass sie es nicht geschafft hat, nachdem sie so vieles andere geschafft hatte und doch schon fast über den Berg schien. Mit dem etwas unschönen Ausklang mit den Ex-Frauchen habe ich inzwischen meinen Frieden gemacht, Leute gehen eben unterschiedlich mit Trauer um. Ich bin mehr für mich traurig, und sie brauchen eben ihre kleine Klagemauer im eigenen Garten (oder wie auch immer sie das jetzt gemacht haben). Ein bisschen gefuchst hat mich letztes Wochenende, dass die Tränen in dem Moment abgestellt waren, in dem sie ihren Willen durchgesetzt hatten - aber das kann natürlich auch echte Erleichterung gewesen sein. Und nachdem L. noch ein-zwei Tage gehadert hatte, hat er nun auch einen Schlussstrich gezogen. (So weit man nach einer Woche einen Schlussstrich ziehen kann. Ich zum Beispiel gehe immer noch einen anderen Weg, wenn ich mit Lili unterwegs bin und am Horizont ein bekannter Hundebesitzer auftaucht. Ich will nicht davon erzählen müssen. Ich habe es auch noch nicht übers Herz gebracht, ihr altes Fell und das Körbchen wegzuräumen. Vielleicht übernimmt Lili sie ja. Und wenn ich die extra für die Kranke gekochte Hühnersuppe jetzt auftaue und an Lili verfüttere, muss ich rausgehen, wenn sie frisst. Aber ich fange langsam wieder damit an, Brot und Butter weniger als einen Meter weit von der Kante zu deponieren. Irgendwann stelle ich dann Kuchen vermutlich auch nicht mehr auf den Schrank.)

Seit Montag geht Huckleberry außerdem in die Kita. Er macht das ganz toll, und das sage ich nicht nur, weil ich natürlich so ziemlich alles dufte finde, was mein Goldjunge tut und lässt. Einer von uns war Montag bis Donnerstag immer in der Nähe, aber nötig wäre es nicht gewesen: er robbt seiner Wege, guckt sich neugierig und aufmerksam um und knüpft erste Kontakte zu anderen Kindern. Am Freitag haben sie mich weg geschickt, ich habe ihn um zehn gebracht, und statt wie geplant bis elf zu bleiben und dann mit ihm zusammen zu gehen, bin ich verschwunden, und er hat mit den anderen Kindern zu Mittag gegessen. Um zwölf habe ich ihn dann abgeholt. Er hat gestrahlt und mich umarmt, aber bis ich wieder aufgetaucht bin, war er ganz fröhlich und hat den Eintopf in jede Ritze seines Körpers geschmiert. Ab nächster Woche bringe ich ihn morgens auf dem Weg zur Arbeit hin, sein Frühstück in einer Box, und L. holt ihn dann um zwölf. Seine Karre darf zum Glück dort bleiben, das spart mir einiges an Rennerei am frühen Morgen. Ein neues Kapitel hat angefangen, und ich find's gut. L. findet's auch gut. Und Huckleberry scheinbar erst recht.

Montag, 4. August 2014

Momos linker Fuß. Letzter Teil. Vermutlich jedenfalls.

Den letzten Post hatte ich schon heute Mittag geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Inzwischen habe ich L. zusammen mit seiner Mutter überredet, einzuknicken. Stolz bin ich nicht darauf, ich weiß auch noch nicht, ob ich mich damit wirklich besser fühle, aber ich fürchte, es gab keinen anderen Weg, endlich so etwas wie Frieden zu haben und damit anfangen zu können, mit dieser ganzen traurigen Geschichte abzuschließen. Meine Argumente waren: ja, lieber L., Du hast mit allem Recht, Recht, Recht. Aber die Frau ist am Ende. Es geht ihr seit Wochen gesundheitlich furchtbar, sie hatte schon vor dem Unfall keine Kraft mehr, jetzt schon gleich gar nicht. Ihre Art mit dem Hund umzugehen ist eine andere als unsere, wir sind eher die Typen für praktische Tierliebe: pünktliche Mahlzeiten, lange Spaziergänge und eine harte Entscheidung, wenn das Tier irgendwann einfach nicht mehr kann und will. Sie dagegen lebt in einer Welt, in der ein besonderes Band zwischen Hund und Mensch besteht (das ich gar nicht abstreiten will), in der man sich in Krisenzeiten gegenseitig "Kraft schickt" und ein toter Hund nicht die Leiche von etwas ist, das man mal sehr lieb hatte, sondern auch unter der Erde auf keinen Fall allein sein darf. Dass der Hund das im Wald bei unserem Wochenendhaus nicht gewesen wäre - ein ganzes Rudel ebenfalls geliebter Jagdhunde ist dort vergraben, auch Lili wird dort in hoffentlich erst sehr vielen Jahren ihren Platz finden, dort war sie sehr glücklich und hat mit Feuereifer nach Wild geschnüffelt, wir kommen oft zu Besuch, und sein altes Frauchen hätte ihn dort trotz Privatgelände mangels Zäunen jederzeit besuchen können - war ihr egal, sie war davon überzeugt, dass sie und der Hund nur dann ihren Frieden finden, wenn er im eigenen Garten bei ihnen zuhause begraben wird. Jeder andere Vorschlag brachte sie nur wieder zum Weinen. Es gibt nun mal verschiedene Arten von Gerechtigkeit: man kann dem Recht geben, der Recht hat. Oder man richtet sich nach dem, für den mit der Entscheidung mehr steht und fällt. Wir hätten auch gerne eine Stelle gehabt, an der wir an sie denken können. Ich hätte ihr auch gerne ein paar Dinge - ihr Lieblingsfell, zernagte Schuhe, ein paar ihrer meistgeliebten Lebensmittel - mitgegeben. Aber im Gegensatz zu ihrem alten Frauchen brechen wir nicht vollkommen zusammen, wenn das alles nicht passiert. Nun sind sie vermutlich noch mittendrin, ein metertiefes (hoffentlich metertiefes, Ratten, Füchse und dergleichen haben wenig Respekt vor dem besonderen Band zwischen Mensch und Exhund) Loch im Garten auszuheben. Und ich sitze hier, hätte jetzt wirklich, wirklich gerne etwas zu trinken und darf nicht.

Heute Nachmittag bin ich in die Klinik gefahren, ich war dort mit ihr und ihrem Freund verabredet. Ich wollte noch Einiges loswerden - vor allem zu dem Thema, dass es vollkommen daneben war, wie sie am Ende mit L. umgegangen sind. Ihm nach all dem vorzuwerfen, ihm ginge es "nur ums Geld", hat ihn zu Recht schrecklich wütend gemacht. Dass er jetzt eingelenkt hat, war sehr großzügig von ihm und alles andere als selbstverständlich. Ich wollte, dass sie das verstehen. Genau so wichtig war mir aber, Momo auch noch mal zu sehen. Bis es so weit war, hat es gedauert. In einer Tierklinik gehen lebende vor toten Tieren, das leuchtet ein. Eine Ärztin musste aber dabei sein, sie hat den Hund an die beiden ausgehändigt, nachdem ich weg war. Ich habe ihr noch mal gesagt, unabhängig von den zahlreichen Vorwürfen der beiden sind L. und ich überzeugt davon, dass sie alles für Momo getan haben, was sie konnten. Dass sie bei ihnen in guten Händen war. Und dass wir wissen, dass sie den Hund auch gern hatten und sehr traurig sind, dass das alte Mädchen es nun doch nicht geschafft hat. Dann durfte ich sie sehen. Sie hatten mich vorgewarnt, dass sie gefroren wäre und kein schöner Anblick. Ich wollte trotzdem und bin froh darüber. Auch gefroren war sie hübsch, sie hatte immer noch den gleichen Gesichtsausdruck wie sonst auch, und ihre Schlappohren schlappten wie eh und je. Anfassen durfte ich sie nicht, auch weil ich schwanger bin. Aber gesprochen habe ich mit ihr. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, dass wir nicht besser auf sie aufgepasst haben. Dass wir sie gerne noch lange Jahre bei uns gehabt hätten, dass wir ihr ein schöneres Ende gewünscht hätten, und dass wir hoffen, dass sie bei uns glücklich war. Dann haben die Ärztin und ich noch ein bisschen geweint, und dann bin ich gegangen. Ich habe das deutliche Gefühl, ich brauche keinen Hundegrabstein im eigenen Garten, um jeden Tag an sie zu denken.

Momos linker Fuß. Und meine rechte und linke Fusselhirnhälfte.

Am Samstag musste Momo eingeschläfert werden. Es ging nicht anders, sie war ganz schwach, fast zu schwach zum Atmen. Sie hatte hohes Fieber, eine Blutvergiftung, die Leber hat versagt. Und das, obwohl die Wunde inzwischen so gut wie zugewachsen war. Niemand weiß so genau, wo es herkommt. Hatte sie doch noch irgendwo einen Verletzung bei dem Unfall erlitten, die bei den Untersuchungen nicht gefunden worden war? War die anstrengende Wundheilung einfach zu viel für ihren Hundekörper? Haben die Ärzte etwas falsch gemacht? Hat sie die Medikamente nicht mehr vertragen? Als ich mich am Tag meines Abflugs von ihr verabschiedet habe, war sie so putzmunter, ich konnte kaum fassen, wie gut sie sich erholt hatte. Sie humpelte grinsend durch den Garten, bellte die Eichhörnchen aus, fraß alles, was man ihr vorsetzte oder nicht, nicht für sie bestimmte Einkäufe inklusive. Sie klaute schon wieder Essen! Sie schnurrte behaglich, wenn man sie an den Ohren kraulte. Dann hat ihr altes Frauchen sie für ein paar Tage zu sich geholt, und es ging ihr plötzlich wieder schlechter. Jetzt ist sie tot. Ich war nicht dabei, wir konnten nicht mehr warten, ich bin erst Sonntag gegen Abend wieder hier gelandet. Und auch damit ist die traurige Geschichte noch nicht zu Ende, denn nun streiten wir uns mit dem alten Frauchen darum, wo sie begraben werden soll. Es ist wirklich eine Farce, und ich stehe mitten zwischen den Fronten. L. hat mit allem, was er dazu sagt, völlig Recht. Ja, wir waren ihre neuen Herrchen und Frauchen, ja, wir möchten sie auch in der Nähe haben, ja, wir haben sämtliche Klinikrechnungen und Futter und Zeckenmittel und überhaupt alles für sie bezahlt und uns jahraus jahrein um sie gekümmert - und das zählt jetzt alles nicht? Trotzdem habe ich auch Mitleid mit dem alten Frauchen, die gerade deutlich über den Rand eines Nervenzusammenbruchs hinaus ist und die bei den täglich drei Telefonaten so sehr weint, dass ich kaum verstehen kann, was sie sagt. Dieses Mitleid und die Solidarität mit L., der in den letzten Wochen in Sachen Momo zu Hochform aufgelaufen ist und das alles ohne mich durchstehen musste und durchgestanden hat, zerreiben mich hier gerade zu einem Haufen trauriger Matsche. Ich kann einfach nicht mehr, die letzten fünf-sechs Urlaubstage standen schon nur noch im Zeichen dieser Hundekrise, und ich bin gespannt auf die Telefonrechnung für die zerheulten Gespräche, die ich noch vom Flughafen Palma aus mit L. und dem Frauchen geführt habe. Ich will L. jetzt nicht hängen lassen, vor allem, weil er Recht hat. Trotzdem kann ich auch nicht so hart sein, wie ich sein müsste, um ihm wirklich die Stange zu halten. Da hat er ein ganz schönes Weichei geheiratet. Dazwischen fehlt mir Momo immer wieder so schrecklich, ich breche beim Anblick von Gebüschen, in denen sie gerne gestöbert hat, von zernagten Schuhen, von ihrem öddeligen Ikea-Schaffell oder ihrem Senioren-Hundefutter in Tränen aus. Ich komme nach Hause, wappne mich für einen Moment gegen den fälligen Angriff der Monsterkralle, dann fällt es mir wieder ein, und ich heule schon wieder. So schnell wird das wohl auch nicht besser werden.
Inzwischen ist hier eigentlich gar keine Zeit zum Trauern und Streiten und Vermitteln. Ndogo hatte heute seinen ersten Kita-Tag. Eine Stunde waren wir da und haben ihm zugesehen, wie er unternehmungslustig sein neues Reich erkundet. Morgen muss ich wieder arbeiten. Freitag haben wir die nächste große und wichtige Untersuchung wegen Würmchen. Und dazwischen ist auch noch der andere Hund, mein Kind, das sich gerade wieder an Mama und Papa gewöhnt, das Haus, die Wäsche, der ganze Kram. Ich weiß genau, irgendwann - vielleicht in drei Wochen, vielleicht auch erst in drei Monaten - wird es einen Tag geben, wo ich beim Gedanken an Momo nicht anfange zu weinen, sondern einfach nur trocken traurig bin. Ich wollte, der wäre schon da. Und ich wollte, harmoniesüchtig wie ich bin, es gäbe irgendwie einen Weg, die Sache jetzt zu Ende zu bringen, mit dem alle leben können. Aber es sieht schlecht aus.

So ist das also, wenn man einen Pflegehund hat. Liebe Abkürzungsdamen da draußen, die den Mut gefasst haben, es mit einem Pflegekind zu versuchen: Hut ab. Ich habe wirklich den allergrößten Respekt vor euch. Ich glaube nicht, dass ich mir auch nur ansatzweise vorstellen kann, wie viel Tapferkeit, unbeirrbaren Optimismus und Konfliktfähigkeit man dazu braucht.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 6.

Momos Blutwerte sind jetzt so katastrophal, dass sie den Tag eigentlich nicht überleben sollte. Eigentlich. Denn plötzlich scheint wieder Leben in sie zu kommen. Sie liegt nicht mehr apathisch auf der Seite, sondern richtet sich auf, guckt sich interessiert um, schnappt nach Fliegen, frisst und trinkt aus eigenem Antrieb und freut sich über Ansprache. Deshalb muss sie nicht mehr in ihrem Krankengehege sein, sondern darf dabei sein, wenn die Ärzte andere Tiere behandeln - wie ein Praxishund. Wir wissen nicht, ob das nun schon wieder ein Wunder ist und sie einen Wandel zum Guten spürt, der sich in den Blutwerten einfach noch nicht niederschlägt, oder ob das ein letztes Aufwachen vor dem Ende ist. Aber nachdem ich gestern den ganzen Tag niemanden erreichen konnte, bin ich jetzt erleichtert, immerhin schon etwas mehr zu wissen als garnichts.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Moby Dick schreibt Postkarten, Teil 2.

Am Montag hat mein Kind den ersten Kita-Tag, und ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass es mit der Führung dieses Ladens nicht zum Besten steht. Wieso muss man denen wochenlang hinterher telefonieren, um zu erfahren, wann wir erscheinen und was wir mitbringen sollen? Können wir nicht doch noch in der Montessori-Kita nebenan unterkommen? Bitte Bitte? Von Momo haben wir heute noch nichts gehört, vermutlich wartet die Klinik auf Laborergebnisse. Ich gehe alle halbe Stunde unter irgend einem Vorwand ins Haus, vorbei am Telefon, das in der winzigen WLAN-Zone im Wohnzimmer liegt, und bin halb ängstlich und halb hoffnungsvoll, dass es etwas Neues gibt. Würmchen tritt und boxt, dass sich mein Schwangerschaftsbadeanzug nur so ausbeult, und bei jedem Knuff denke ich: wie wird das alles? Kriegen wir das hin? Wird es ihm gut gehen? Ist das Füßchen nur die Spitze des Eisbergs an Problemen?

Abschalten ist nicht meine Stärke, war es noch nie. Da können sich der türkisfarbene Pool, die Sonne und der Wind, der Zitronenbaum und der Oleander, meine Mädchen und meine Urlaubslektüre noch so ins Zeug legen, die Hälfte meines Fusselhirns ist mit dem Wälzen eingebildeter oder echter Probleme beschäftigt. Und dabei ist es hier wirklich wunderwunderschön. Und ich habe es so gut. Und das weiß ich auch genau.

Diese Hundewarteschleife schlägt aber auch wirklich alle fünfzehn IVF-Warteschleifen meines Lebens mit Leichtigkeit. Halte durch, du liebe Wollmaus!