Dienstag, 19. Mai 2015

Sechs Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben

Als ich heute morgen Bojes Windel geöffnet habe, kam mir eine dicke Fliege entgegen gebrummt und hat eilig das Weite gesucht. Wie auch immer meine Nacht war: ihre war jedenfalls schlechter.

Ich habe einen ganz tollen Mütter-Blog entdeckt, und jetzt gähnen vermutlich alle, weil sie ihn längst kennen: the ugly Volvo. Den hätte ich gerne selbst geschrieben, bin aber leider nicht lustig genug. Ich bin sehr glücklich, eine Mütterseite gefunden zu haben, auf der es nicht um diese ewigen angeblich magischen Momente und um Deko geht.

Politik für Kleinkinder scheint out zu sein. Boje bekommt seit ein paar Wochen gerne vorgelesen. Er schleppt ein Buch nach dem anderen an. Die meisten handeln vom Einschlafen (Gute Nacht Gorilla, das Einschlafbuch, bei dem man immer das Licht ausmachen muss und dessen Titel ich vergessen habe, Gute Nacht Karlchen...), haben aber keine einschläfernde Wirkung, im Gegenteil: Boje ist sehr aufgeregt, wenn er die einzelnen Tierarten findet und ihre Namen kräht. "PASCHE! ASCHE! PANT! HASE! PERD!!! DIEL!!! HYÄNE!!!!! LULLA!!!!! BOSCH!!!!!!!!!" usw. Jedenfalls ist mir aufgefallen: als ich klein war, ging es selten ab ohne eine wichtige, gesellschaftskritische Botschaft. Es gab z.B. den Maulwurf Grabowski, der handelt davon, dass die Bauarbeiter die schöne grüne Wiese des Maulwurfs kaputt machen und ihn aus seinem Zuhause vertreiben. Dann muss er fliehen - vor dem Bagger, über Straßen, es ist schrecklich - und am Ende findet er eine neue Wiese. Ich weiß noch, dass ich als Kind ganz bang dachte: schön, aber für wie lange? Wann kommen auch hier die Bauarbeiter und knallen da ein Hochhaus hin? Es gab dieses Buch, bei dem man erst ein schönes grünes Dorf sieht, und dann sieht man, wie im Lauf der Jahre eine pottenhässliche Betonwüste daraus wird. Ich hatte eine Schülerzeitschrift, die Flohkiste. Auf dem Titel waren z.B. durch sauren Regen zerstörte Bäume und darüber ein Zifferblatt, auf dem es fünf vor Zwölf war. Im Heft ging es auch um das Artensterben, um den Hunger in der dritten Welt, um die Bedrohung durch Atomkriege und Supergaus, um Müllberge oder darum, was alles schief gehen kann, wenn Kinder mit Plastiktüten oder Elektrogeräten spielen. Meine Kindercassetten waren von Christiane und Frederik, die sangen z.B. davon, wie die Leute sich an den Kastanienbaum ketten, damit der Baulöwe ihn nicht umhaut, oder gegen Ausländerfeindlichkeit und davon, dass wir die Gastarbeiter brauchen, oder davon, wie hart das Leben eines Landwirts ist, wenn er für seine Milch und sein Getreide zu wenig Geld bekommt. Meine Eltern waren bestimmt keine linken Aktivisten, aber so war das damals. In der Schule lasen wir dtv Junior-Bücher, in denen es um Drogen und Behinderung und den Holocaust ging. Heute gibt es das nicht mehr, oder irre ich mich? Ich habe das Gefühl, in Kinderbüchern geht es um Tierarten, um Spaß, um kleine lustige Abenteuer und darum, dass abends alle in ihrem Bettchen liegen und glücklich einschlafen. Im Froschteich schwimmt kein Müll, auf der Wiese rückt niemals ein Bagger an, und der Wald sieht so grün und saftig aus wie vor hundert Jahren. Was ist da los?

In drei Wochen steigen L. und ich in zwei unterschiedliche Flugzeuge und fliegen nach New York. Die Kinder bleiben hier in der Obhut ihrer liebevollen Großeltern, ein Kindermädchen kommt jeden Tag und hilft für ein paar Stunden, und die Kita ist ja auch noch da. Zwei unterschiedliche Flugzeuge, weil meine Mutter das gerne so möchte; sollte ein Elternteil abstürzen, ist noch einer übrig. Damit beginnt dieser Urlaub für mich schon so, wie er besser kaum beginnen könnte: vom Start über den Zwischenstopp in Amsterdam bis zur Landung habe ich zehn Stunden Zeit zu lesen. Aber auch sonst bin ich hysterisch vor Tatendrang. Ich muss aufpassen, dass die Liste der Absichten nicht so lange wird, dass der Urlaub sich am Ende auf jeden Fall wie ein Reinfall anfühlt, weil ich nur zehn Prozent davon geschafft habe. Ich habe schon oft und sicherheitshalber noch öfter geschrieben, wie dankbar ich bin, Kinder zu haben. Aber gerade bin ich mindestens so dankbar, Eltern zu haben. Oma&Opa, Hip Hip Hurra!

Ich weiß nicht genau, wie viele Haare man als durchschnittliche Erwachsene hat, aber ein großer Teil davon hält sich gerade nicht auf meinem Kopf auf. Die Mauser nach der Geburt ist da, seit sechs Wochen, und macht keine Anzeichen, endlich zu Ende zu gehen. Während der Schwangerschaft habe ich so gut wie keine Haare verloren, jetzt dafür alle auf einmal. Damals habe ich alle drei Wochen mal die Haarbürste saubergemacht, jetzt dreimal am Tag. Ich muss täglich saugen, sonst werde ich verrückt. Wenn ich eine Jacke anhatte, kann ich anschließend zwischen zwölf und dreißig Haare aus der Kapuze klauben. Ich traue mich nicht mehr, für Gäste zu kochen, und wenn ich für die Familie koche, setze ich eine Mütze auf. Jakob fiestere ich ständig Haare aus den Fäustchen, und jetzt höre ich auf darüber zu schreiben, denn es ist wirklich sehr, sehr widerlich alles. Mal ehrlich, sechs Wochen, das reicht doch jetzt?

Gestern war ich mit L. und Jakob unterwegs und noch dreißig Meter von der Straße entfernt, als die Fußgängerampel grün wurde. Da sind wir dann rübergerannt auf die andere Seite. Und ich musste nicht nach Hause gehen, duschen und mich umziehen. Beckenboden, bald bist du reif. Ich fürchte, ich werde heulen, wenn es wirklich so weit ist, ich durch den Park trabe, und das Pipiproblem muss zuhause bleiben und darf nicht mit.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich schreibe diesen Post nach einer Nacht, die ich vor allem auf Knien verbracht habe: kniend im Bett über Jakob, der starkes Fieber hatte und ständig neue kalte Wickel brauchte, die ich dann in Position halten musste, während er sich hin und her gebogen hat wie eine Stahlfeder und einfach nicht zur Ruhe kam. Gestern war sein letzter Impftermin vor dem ersten Geburtstag, und obwohl wir bei allen anderen Impfterminen (auch bei Boje) so weit ich mich erinnere ohne Nebenwirkungen davongekommen sind, hat es uns diesmal erwischt. Das erste Fieberzäpfchen hat er gestern abend um sechs bekommen, das zweite dann heute Nacht um zwei, und die Schwierigkeit bestand darin, dass ich dachte, ich hätte es richtig eingeführt, während es in Wahrheit nur in der Ritze klemmte und schon halb geschmolzen war, bis ich meinen Irrtum bemerkte, so dass ich keine Ahnung hatte, wie viel davon jetzt angekommen war bzw. wie viel ich im Notfall nachschieben können würde. Daher: kalte Wickel. Die haben dann auch geholfen. Jetzt sitze ich hier, kralle mich an meine Tasse extrastarken Tee wie selten, und schreibe immer noch voller Überzeugung: liebe Impfgegner, hier bitte nicht. So fusselhirnig ich sonst auch sein mag, und so sehr es mir gegen den Strich geht, hier Kommentatoren wegen ihrer gegenläufigen Meinung abzuwatschen - falls ihr eure Kinder nicht impfen lasst, will ich weder eure Gründe dafür hier lesen noch irgendwelche Versuche, denen Angst zu machen, die es tun.

Das Fieber ist weg, die kleinen Pflaster mit den Marienkäfern drauf habe ich ihm gerade von den Beinchen geknibbelt, jetzt liegt er in seinem Stubenwagen und kräht und lacht. Was auch immer die Welt noch an Ärger und Gefahren für ihn bereit hält: Masern, Kinderlähmung und Tetanus gehören nicht dazu, und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Dienstag, 12. Mai 2015

Überraschungsmenü

Als meine Geschwister und ich Kinder waren, hatte meine Mutter es bei Tisch ziemlich schwer mit uns. Sie wollte, dass wir vernünftig essen. Sie tat eine ganze Menge, damit das passiert. Es kam so gut wie nie vor, dass wir einfach Nudeln mit Tomato al Gusto bekamen oder eine Tiefkühlpizza - sie kochte richtig, mit Mühe, Abwechslung, und jede Menge Hirnschmalz wanderte vermutlich auch in die Planung und Zubereitung dieser Mahlzeiten. Meine Mutter war keine Hausfrau, sie arbeitete als Lehrerin, und die Zeit, die ihr von Feierabend bis Mittagessen blieb, war kurz - trotzdem stand fast immer ein drei-Komponenten-Gericht auf dem Tisch. Kohlrabi mit Kartoffelpüree (selbstverständlich selbstgemacht und nicht aus der Tüte) und Frikadellen. Bratkartoffeln, Rotkohl und Bratwurst. So etwas erfordert Planung und Sorgfalt, vor allem, wenn man wie wir ein gutes Stück weit weg wohnt vom nächsten Supermarkt. Und das war der Dank: Es war fast egal, was sie kochte, es gab Stunk. Selbst wenn das Essen uns schmeckte (sprich: wenn wir es ohne Murren in uns reinstopften und danach ohne ein nettes Wort in unsere Zimmer verschwanden), denn mein Bruder und ich nutzten das Mittagessen als willkommene Gelegenheit, uns zwanzig Minuten lang zu streiten. Vor diesem Hintergrund kann ich mehr als verstehen, dass wir an vielen Tagen nach den Hausaufgaben nach draußen geschickt wurden mit der mehr oder weniger deutlichen Anweisung, vor 18 Uhr nicht wieder nach Hause zu kommen.
Es gab eine Riesenliste von Dingen, die ich nicht aß. Wirsing stand darauf, Kohlrabi, gekochte Möhren, Milchreis oder auch Tiefkühlerbsen. Dann gab es eine noch größere Liste von Dingen, die ich notgedrungen aß, aber dabei gingen die Mundwinkel keinen Milimeter nach oben, und ich war mit einer Spatzenportion zufrieden. Zu voller Mähdrescherleistung lief ich nur in den seltenen Sternstunden auf, wenn es eins meiner Lieblingsessen gab, dann aber richtig. Ich habe mehrere Weihnachtsfeste deutlich vor Augen, bei denen mein Vater wirklich wütend wurde, weil seine Tochter eine so ungehörige Menge Fondue verdrückte. Darüber hinaus gab es Marotten. Ich weigerte mich, von Silberbesteck zu essen. Ich musste das alte Plastiktischset mit der Zitrone haben. Fleisch und Beilagen durften sich nicht berühren, es durfte keine Sauce auf den Nudeln sein etc. Ich war eine echte Pest. Aber meine Mutter gab nicht auf, sie kochte weiter, jeden Tag, und was sie heute denkt, wenn ihre endlich erwachsene Tochter stundenlang über italienische Küche schwadroniert und eine Gewürzschublade, eine Gewürzkiste und dann im Keller noch einen Gewürzumzugskarton hat, bleibt ihr Geheimnis.

Ziemlich unfair, dass ausgerechnet ich zumindest ein Kind habe, das mir bisher solchen Ärger nicht macht. Nicht nur, dass die Jungs sich bisher sehr gut verstehen und hoffentlich dabei bleiben, Boje ist bei Tisch weiterhin das Kind zum Angeben. Seine Tischsitten sind immer noch vor allem von Gier bestimmt, aber das kommt später. Bis dahin erzähle ich jedem, der es hören will, von dem Kind, das Knoblauch und Meeresfrüchte isst, gerne alkoholfreies Bier trinkt und in die Küche getrabt kommt, um ein Stück Mate (Tomate) und ein Stück Tiebel (Zwiebel) abzustauben. Jeden Morgen frage ich ihn, was er auf sein Kita-Brot will. Und jeden Morgen entscheidet er sich gegen Nutella und für Käse, und vielleicht fordere ich mein Glück heraus, aber aus reiner Hybris biete ich ihm weiter Nutella an. Ist das geklärt, darf er auf den Käse zeigen, den er will. Weichkäse mag er nicht so, aber mindestens genau so oft wie Kinderkäse (wie z.B. Gouda) möchte er Appenzeller oder Morbier oder was auch immer. Lachs mag er auch. Lachs mit Ziegenstreichkäse drunter. Und er hätte auch immer gerne noch ein paar Chiliflöckchen auf seine Pasta und einen Spritzer Zitrone in sein Wasser. Letzte Woche hatte ich Nigellas Dragon Wings gemacht, Chicken Wings mit fünf frischen Chilischoten, eigentlich nur für mich. Aber dann kam Boje und wollte einen abhaben, und wie so oft dachte ich ein bisschen heimtückisch "hähä, auf den Gesichtsausdruck bin ich gespannt" und habe dann fassungslos zugesehen, wie er das Ding mit viel Genuss bis auf den letzten Fetzen von den Knochen genagt hat.

Um diese himmelschreiende Ungerechtigkeit auszugleichen, haben die Götter mir L. geschickt. L. ist der Ehemann einer Frau, die früher (als sie noch Sonntagmorgen hatte) jeden Sonntagmorgen mit einem Stapel Kochbücher im Bett lag und sabbernd ihre nächsten Mahlzeiten plante, mit Vorliebe solche aus Schweinefleisch. L. hat entschieden, kein Schweinefleisch mehr zu essen. Rind auch sehr, sehr ungern und selten, aber wenn, dann Bio. Bio ist in unserem Vorort nicht zu kriegen, ich habe es versucht. Für Geflügel gilt das Gleiche. Lamm an sich schon, wenn da nicht sein Grundsatz wäre, keine Babytiere zu essen - aus dem gleichen Grund ist Kalbfleisch vom Speiseplan. Der Killer wäre eine Spanferkel. Fisch ist ok, mit Ausnahme von Hummer, was ich nicht schlimm finde, denn Hummer mag ich auch nicht so gerne und kann ihn außerdem von meinem Elterngeld nicht bezahlen. Wild würde er theoretisch essen, aber im Zweifel dann lieber doch Gemüse. Gemüse und - zartbesaitete lieber jetzt aussteigen - Tofu. Ich könnte sagen, da pfeif ich drauf, soll er sich seine Mahlzeiten doch selbst organisieren, ich lege jetzt erst mal einen Schweinebauch ein. Manchmal mache ich das auch, aber meist siegt die Kinderstube, in der es nun mal so angelegt war, dass die Familie sich gefälligst an einen Tisch setzt und zusammen isst, und zwar das Gleiche. So kommt es, dass in den letzten Monaten solche Dinge wie Quinoa, Einkorn, Rollgerste oder Hirse ihren Einzug in mein vorher schon proppenvolles Vorratsregal gefunden haben. Auch Mandelmus als Käse"ersatz" hatten wir schon. Aber noch schätze ich mich glücklich, denn ich habe das dumpfe Gefühl, wenn es einen Menschen in meinem Umkreis gibt, der irgendwann mit Paleo anfängt, dann ist das der Mann an meiner Seite.

Bin ich gespannt, wie es mit Jakob wird.

Sechs Monate

Manchmal habe ich den üblen Verdacht, ich hätte mir in den letzten Monaten mein bisschen Humor einfach weggestillt. Mit der Muttermilch ausgesaugt und futschi. Das wäre eine Erklärung dafür, wieso ich mit diesem Streiflicht zum Thema Muttertag so gar nichts anfangen kann und das dumpfe Gefühl hatte, hier hatte jemand die unangenehme Aufgabe zu erfüllen, über Mütter zu schreiben, hatte weder Zeit noch Bock und irgendwie auch keine Ahnung, was er schreiben soll, und herausgekommen ist dann so ein verschraubter Quark. Aber gut. Wäre ich seine (oder ihre?) Mutter, würde der nächste Geburtstagskuchen deutlich trockener ausfallen als gewohnt. Vielleicht sogar ein bisschen angekokelt, wer weiß? Wir Mütter haben da so unsere Methoden, unsere giftigen, seelenzerstörerischen Kniffe.

Und sonst? Gerade gäbe es eine Menge über Krankheit zu schreiben, aber das macht keinen Spaß, darum lasse ich es einfach. Stattdessen habe ich zu berichten, dass Jakob sechs Monate alt ist, was mir merkwürdig vorkommt, denn es fühlt sich an, als wäre er schon Jahre hier. (Und das könnte daran liegen, dass gerade jeder Tag statt 16 so ungefähr 21 wache Stunden hat, das streckt die Zeit ganz schön...) Und es tut sich was. L. sagt, ich spinne, und außerdem, dass ich nun schon seit Monaten behaupte, JETZT würde aber wirklich gerade was passieren, was aber offensichtlich nur für mich sichtbar wäre - ich bestehe drauf, es tut sich was. Ich weiß, eines Tages wird der Altersunterschied zwischen den beiden - gerade mal fünfzehneinhalb Monate - praktisch nichts mehr ausmachen und komplett verschwinden. Noch liegen Welten dazwischen: der Unterschied zwischen sechs und einundzwanzig Monaten ist der Unterschied zwischen sieben mal täglich "Gute Nacht Gorilla" vorlesen und Augenringen bis Meppen, zwischen Fläschchen und noch mehr Fläschchen und einer schönen Portion Muscheln mit Chili, zwischen zwanzig Minuten Nickerchen-Freiheit - wenn auch immer mit einem Ohr im Kinderzimmer - und sechs Stunden Kita, zwischen Schleppen bis der Rücken ächzt und mit einer Tasse Tee gemächlich hinterher schlendern, während Boje den Garten erkundet. Aber trotzdem finde ich, Jakob ist schon heute näher dran an seinem Bruder als an dem knallroten brüllenden Wesen, das sie mir damals um zwei vor vier im Kreißsaal Nr.3 in die Arme gelegt haben. Er fasst sich anders an, und wenn ich ihn trage, kann er auf meiner Hüfte sitzen und guckt sich wissbegierig um. Lege ich ihn auf den Boden, dann dreht er sich fast sofort auf den Bauch, zieht die Beine an, Hintern in die Höhe, und dann fängt er an, vor und zurück zu schunkeln. Nach ein paar Sekunden fängt er an zu meckern, weil das zwei Meter entfernte Spielzeug immer noch nicht näher gekommen ist, aber diesen Trick hat er bestimmt bald raus. Selbst L., der sonst nicht zu seinen frenetischsten Cheerleadern gehört, glaubt daran, dass er früher laufen können wird als Boje. Er lächelt und hat schon so etwas wie Vorlieben: wenn es mich überkommt und ich ihm zwanzig Knallküsschen aufs Gesicht drücke, dann guckt er mich nachsichtig lächelnd an, als wäre das ein echt lahmer Scherz, aber irgendwie immer noch ok. Er liegt gerne auf seiner Wickelkommode und verehrt die Wärmelampe, die zwar nicht mehr nötig wäre, aber ihm zuliebe mache ich sie trotzdem noch an. Er liebt es, Papier zu vernichten, und inzwischen kann ich nicht mehr essen, während ich ihn auf dem Arm habe, denn er wirft sich mit seiner ganzen ziemlich beträchtlichen Kraft in Richtung des Tellers. Man muss nicht Freud sein, um drauf zu kommen, dass das wohl heißt, er hätte jetzt langsam gerne etwas anderes als Premilch - aber blöderweise verträgt er die Versuche, seinen Speiseplan zu bereichern, bisher nicht besonders gut. Fruchtgläschen waren alle eine Katastrophe, Gemüsegläschen gehen ein bisschen besser. Babyratgeber sprechen immer davon, man sollte seinem Kind Brotrinden zum Lutschen geben, auch um einer Glutenunverträglichkeit vorzubeugen - aber ehrlich, dazu bin ich zu ängstlich. Bekommt er meinen Finger zu fassen, dann erlebe ich täglich mehrmals hautnah, wie viel Kraft so eine kleine Wurst im Kiefer hat. Der kriegt doch ohne weiteres eine Brotrinde klein, und dann? (Das übrigens aus den gleichen Ratgebern, die sonst vor eine Nummer zu großen Schlafsäcken, Kuscheltieren oder Todes-Kunststoff in Kinderwagen warnen...) Vielleicht lerne ich zur Abwechslung mal rechtzeitig dazu, vergesse die Gläschen und gehe direkt zu vorsichtig Selbstgekochtem über. Irgendwo in meinem Vorratsschrank müssen noch die Vorräte an italienischer Babypasta sein, die ich für Boje mal angelegt hatte, bevor mir irgendwann klar wurde, dass der einfach essen will, was wir essen, und bis dahin gerne bei Milch bleibt.
Wir bewegen uns also langsam raus aus dem Baby- hinein ins Jungsterritorium. Zumindest tagsüber, nachts ist immer noch alles ungefähr so wie damals auf der Neugeborenenstation, nur dass nicht alle drei Stunden gewickelt wird. Er brüllt, ich schmeichle und beruhige und versuche, mich langweilig und neutral zu verhalten, ich mache Fläschchen und trage sie morgens so gut wie unangerührt wieder nach unten in die Küche, ich massiere seinen Bauch mit Kümmelsalbe und fluche, ich googele auf dem Telefon nachts um drei nach Babyschlaftipps und würde den neunmalklugen Ratgebern abwechselnd gerne den Hals umdrehen* und das sofort ausprobieren, manchmal auch beides gleichzeitig. Und wenn ich doch mal träume, träume ich von besseren Zeiten, wenn auch viel zu kurz. Und trotzdem - keiner weiß warum - bilde ich mir immer noch jeden Tag ein, heute wäre die Nacht, in der er zum ersten Mal nur einmal aufwacht. Heute kriegt Mutti sechs Stunden, vielleicht sogar mehr! Heute ist der Tag, an dem wir das Tal der Augenringe hinter uns lassen. Und statt sich abzunutzen, wird diese Hoffnung jeden Tag ein bisschen stärker. Vielleicht ist das das sicherste Zeichen, dass mein Baby langsam groß wird. Wie ich mich darauf freue! (Wisst ihr noch, die endlosen Posts über das Stilldrama mit Boje? Wie glücklich wäre ich, mal wieder über was anderes schreiben zu können als über Nachtruhe.)

* jemand hat vor ein paar Wochen zu mir gesagt, ich sollte mich nicht so anstellen, das wüsste man doch vorher, dass Babys zu Schlafentzug führen. Kann sein, aber bitte stellt euch mal folgendes vor: beim nächsten Marathon lauern wir so ungefähr bei Kilometer 32 auf jemanden, dem man ansieht, dass er gerade gegen die innere Wand rennt. Nichts geht mehr, alles tut weh, und jetzt kommen wir, schwingen uns über die Absperrung, traben locker ein paar Meter nebenher und sagen ihm, wir wüssten gar nicht, was er hat, das wüsste man doch vorher, dass so ein Marathon anstrengend wird. Ich glaube, mancher wäre erstaunt, wie viel Kraft für eine entsprechende Reaktion doch noch in dem Wrack steckt.





Montag, 11. Mai 2015

Der erste von hoffentlich zwei Posts, zu denen ich heute Gelegenheit bekomme

Zur Sicherheit schon mal der hier: die Dame von Merck hat mich nett gebeten, auf die dritte Folge des Online-Chats übermorgen zum Thema IVF hinzuweisen. Was ich hiermit tue. Wieder sind einige Experten versammelt, die Fragen beantworten zu den unterschiedlichsten Aspekten rund um Kinderwunschbehandlungen. Wer mitchatten oder einfach nur das Spektakel verfolgen will, kann das hier tun. Da gibt es auch alle Informationen rund um dieses Tipptopp-Abkürzungs-Event.

Donnerstag, 30. April 2015

Ich wollte gerne Kinder. Ich konnte aber keine bekommen. Jetzt habe ich trotzdem zwei. Überraschung: Kinder sind anstrengend. Was gibt es sonst noch zu erzählen?

Vielleicht liegt es an meinen insgesamt fünfzehn Abkürzungsversuchen, aber in letzter Zeit haben mich ziemlich viele Leute gefragt, was ich denn von der Berliner Lehrerin mit den vielen und demnächst noch mehr Kindern halte.
Die Antwort fällt gewohnt fusselig aus. Irgendwie will es mir nicht gelingen, dazu eine in sich geschlossene Meinung zu bilden. Einerseits finde ich, man sollte sie in Ruhe lassen, das geht uns alle einen feuchten Popel an. (Mir fällt bei solchen Gelegenheiten immer die Unterhaltung mit einem Kinderwunscharzt ein, der eine SEHR dezidierte Meinung zu Frauen Ende 30 hatte, die Kinder wollen, und selbst mit schätzungsweise Anfang 60 gerade stolzer Vater geworden war, ohne dabei irgend etwas zu finden.) Andererseits überkommt mich schon beim Gedanken an die Nächte der ersten Monate mit Vierlingen das nackte Grauen, und ich verstehe nicht, warum sie sich das in ihrem Alter antun will. Ich selbst träume gerade oft und sehr bunt davon, wie ich leben will, wenn ich 65 bin, und Babygebrüll spielt dabei keine Rolle (es sei denn, einer meiner Jungs wird mit Anfang 20 Vater). Aber auch das ist ihre Sache. Sie kennt das ja mit 13 Kindern schon sehr gut, besser als ich, und weiß in etwa, was auf sie zukommt. (Oder sollte es am Ende stimmen, dass wir alle den Stress ein paar Monate später einfach vergessen und mit babyblauem Zuckerguss überzogen haben? Und sie sitzt jetzt gerade auf dem Sofa, streicht sich über ihren Bauch und denkt, bald hat sie vier kleine Glücksbärchis, die sie den ganzen Tag anstrahlen und nachts sanft schnarchend Familienglück und Wärme verströmen?) Viele geben zu bedenken, die Kinder hätten ja nicht mehr viel von ihrer Mutter und müssten vermutlich schon früh alleine zurecht kommen - Aber das geht anderen Kindern auch so, und es ist zwar nicht schön, aber doch kein Grund, erst gar nicht auf die Welt zu kommen, oder?
Dann ist es mir wiederum nicht so ganz geheuer, dass sie die Exklusivrechte an dieser Tip-top-Story an RTL verkauft hat. Oder dass sie sagt, den Anstoß gab der Wunsch ihrer kleinen Tochter nach einem Geschwisterchen - wow, hat man jemals von einer spektakuläreren Übererfüllung eines Wunsches gehört? Oder, dass jetzt die Zeitungen wieder mal ein Extrembeispiel gefunden haben, anhand dessen man 1a Stimmung gegen Kinderwunschbehandlungen machen kann. Ich glaube immer noch, viele Leute da draußen halten das alles für eine große Freakshow - so eine Geschichte bestätigt sie noch darin. Andererseits kann ich verstehen, dass Journalisten wenig Reiz darin sehen, über eine Reihe von Familien zu berichten, die nach ein paar IVF-Zyklen irgendwann zwischen 28 und 45 Eltern geworden sind und jetzt mit ihren Kindern friedlich vor sich hin leben - und stinknormal, inklusive Schlafentzug, Kita-Viren, Nervenzusammenbrüchen und Machtkämpfen an der Supermarktkasse.
So in etwa sind meine sieben verschiedenen Meinungen dazu. Eure würden mich natürlich auch interessieren. Sagt doch mal?

Das Kochprojekt geht weiter, und inzwischen bin ich über dem Schnitt: 36 von 100 Rezepten sind durch, und erst vier Monate sind vorbei. Dabei nehme ich mir alle zwei Wochen ein anderes Kochbuch vor und mache mich an Rezepte, die mich schon lange anmachen. Gerade ist es "A Change of Appetite" von Diana Henry, und es wächst mir mit jedem Durchblättern mehr ans Herz. Es geht um - ächz - gesundes Essen - jaja, ich weiß, eigentlich könnte ich genau jetzt schon aufhören, davon zu schreiben. Aber das Schöne ist, Diana Henry isst mindestens genau so gerne wie ich, und es ist KEIN Diätbuch, und bisher war alles, was ich daraus gekocht habe, eine echte Freude. Vorgestern z.B. hatte ich den gegrillten Radicchio auf Bohnenpüree, und dieses Bohnenpüree ist aus dem Stand auf Platz 1 meiner Lieblingsbeilagen vorgeschossen, noch vorbei an gebratenen übrig gebliebenen Knödeln, Kartoffelkroketten, selbstgemachten Spätzle und Kartoffelgratin. Man würfelt eine Zwiebel, brät sie vorsichtig in Olivenöl an, gibt dann für eine Minute eine zerkloppte Knoblauchzehe dazu, dann eine kleine Tasse Hühnerbrühe, zwei kleine Dosen abgetropfte und abgespülte weiße Bohnen, Salz und Pfeffer und lässt das Ganze mit geschlossenem Deckel vier Minuten kochen. Dann wird es im Topf püriert und mit Zitronensaft und noch etwas Olivenöl abgeschmeckt. Klingt nach gar nichts, aber es war so köstlich, dass ich nicht aufhören konnte, zu probieren, bis ich mich am Ende zwingen musste, die Küche zu verlassen, damit zum Essen noch etwas übrig ist. Das gibt es demnächst mal zu gebratenem Lamm. Oder zu Endiviensalat. Oder zu gar nichts, sondern einfach so, in einer großen Schüssel vor dem Fernseher. (Es kann übrigens gut sein, dass ihr diesem Püree höchstens eine drei plus geben würdet. Aber das ist für mich der Zauber "guter" Kochbücher: einen Autor zu entdecken, dem die gleichen Dinge schmecken wie mir, und der mich trotzdem auf ganz neue Pfade führt.) Angesichts der neuen Schlafkrise geht hier gerade einiges vor die Hunde; mein Bett z.B. habe ich seit über zwei Wochen nicht bezogen (obwohl Boje die Bettdecke mit Textmarkern bemalt hat und ich wirklich neugierig bin, ob das rausgeht), und in meinem Postfach sind ca. 20 Emails, die ich unbedingt beantworten müsste. Aber das Kochprojekt hat sich noch nie angefühlt wie zusätzlicher Stress, sondern immer wie Erholung. Würde ich einmal die Woche ins Kino gehen, würde auch niemand fragen, warum ich mir jetzt das auch noch aufhalse, und zum Kochen muss ich noch nicht mal einen Babysitter engagieren, denn Boje wühlt so lange begeistert in meiner Kramschublade zwischen Zitronenpressen und Tupperdosen herum, und Jakob liegt im Stubenwagen daneben und atmet gebannt den Geruch gebratener Kräuter und Zwiebeln ein. (Nigella schreibt immer wieder, wie sie als kleiner Pöks auf einem Schemel stand und unter Anleitung ihrer Mutter Mayonnaise und Sauce Hollandaise rührte. Das klingt doch nach einem Plan!)

Die Rückkehr in den Job ist gerade eins der Themen, um das ich innerlich einen großen Bogen mache. Jakob ist ein völlig anderes Kind als Boje, ich kann mir absolut nicht vorstellen, ihn jetzt drei Tage in der Woche allein bzw. in liebevoller Obhut zu lassen - wie soll das gehen? (Und bin ich jetzt ein Opfer mütterlicher Selbstüberhöhung, dass ich mir das nicht vorstellen kann, während es in Wirklichkeit überhaupt kein Problem wäre?) Zwei Kinder sind einfach mehr als ein Kind und noch ein Kind, alles ist deutlich mehr als doppelt kompliziert. Ich weiß auch nicht, warum, aber es ist so. Im Moment wäre ich für keinen Auftraggeber der Welt ein Gewinn, übernächtigt und durch den Wind und ständig abgelenkt, wie ich bin. Unzuverlässig wäre ich außerdem, ich habe keine Ahnung, wann ich wie viel Zeit und Energie zum Arbeiten habe, und ich hab das deutliche Gefühl, auch das großzügigste Timing auf einem Projekt würde die Lage hier zum Kippen bringen - alles bleibt so, wie es ist, nur habe ich nebenbei auch noch eine wie weit auch immer entfernte Deadline im Nacken?
Dabei ist der Gedanke, erst mal nicht zu arbeiten, trotzdem auch extrem angstgesetzt und ungut. In meinem Beruf ist es überhaupt nicht gut, lange raus zu sein, es kann schon sein, dass ich nach nur einem Jahr zuhause den Wiedereinstieg nicht mehr schaffen werde, und dann? Zudem ist gerade bei meinem dicksten Auftraggeber einiges im Umbruch, die können nicht so lange auf mich warten, es kann gut sein, dass diese Tür in ein mit Kindern vereinbares Arbeitsleben demnächst zu ist. Und dann? Und dann? Und dann?
Ich weiß es doch auch nicht, und hätte ich gerade nicht sowieso schlaflose Nächte, dann würde dieses Thema sie mir bereiten. So lasse ich das Problem gerade auf hinterer Flamme kochen, was vielleicht extrem doof und kurzsichtig ist. Freiberufliche Mütter von zwei kleinen Kindern da draußen, falls es euch gibt, wie war das bei euch?

So. Jakob hat jetzt scheinbar den fehlenden Nachtschlaf aufgeholt, Mutti muss die Quatschbude zumachen. Bis hoffentlich sehr bald!

Mittwoch, 29. April 2015

Ich habe einen Traum. Demnächst bestimmt.

Das Bett wird frisch bezogen sein, am liebsten mit weißer an der Luft getrockneter Leinenbettwäsche.
Wisst ihr was? Ich nehme das zurück. Meinetwegen kann es auch 280 mal gewaschene Biba-Bettwäsche von 1984 sein, mit einem lollilutschenden Teddybärchen bedruckt. Wo war ich?
Es wird einen Nachttisch geben, auf dem werden sich befinden: eine anderthalb-Liter-Flasche Wasser mit Kohlensäure, die jederzeit nachgefüllt wird, sobald sie mehr als zur Hälfte geleert ist. Mein Kindle, voll aufgeladen. Ein nagelneues Döschen Ohropax. Ein Foto von Mann und Kindern, schlafend und lächelnd. (So ein Foto gibt es nicht, aus rein praktischen Gründen: noch nie haben beide Kinder und L. gleichzeitig und am selben Ort geschlafen und gelächelt.) Ansonsten wird der Raum sehr leer und aufgeräumt sein. Es wird ein großes Fenster geben, draußen wird die Sonne scheinen, und es wird etwas windig sein. Man sieht Natur, welche Sorte, ist mir egal. Ich trage übrigens einen gebügelten Pyjama, und weil ich weder heute noch morgen stille, kann ich mir eine volle Ladung nach Fichtennadel und Menthol duftende Kräutersalbe auf den Oberkörper schmieren.
Das Bett ist groß, neben mir ist also noch Platz für meinen Rechner und damit die Möglichkeit, mir so ziemlich jeden Film, jede Serie und jeden Blog anzusehen. Der Rechner wird außerdem über einen Filter verfügen, mit dem er es mir erlaubt, zwar online zu sein, aber trotzdem während der ganzen Zeit in dem Raum keine stressende Email zu bekommen. Jobanfragen von Kunden aus der Hölle? Rechnungen, Mahnungen? Post von dieser alten Bekannten, die sich alles halbe Jahr mal meldet, um zu quengeln, warum ich mich nicht mehr melde? Ein andermal.
Und jetzt geht die Tür zu, und ich bin allein in diesem Zimmer, und zwar für mindestens 48 Stunden, die sich auf Wunsch ohne größeren Aufwand verlängern lassen, bis ich genug habe. Genug Stille, genug Ordnung, genug Freiheit, und vor allem genug Schlaf.

Man wird doch wohl noch träumen dürfen! Wenigstens mit offenen Augen, mit geschlossenen ist es leider nicht mehr möglich.

Kaum denke ich, die Schlaflosigkeit ist bald Vergangenheit, dreht sie noch mal einen Gang hoch. Ich war gerade tagelang bei meinen Eltern, und das Tableau für Müttergenesung war perfekt: Meine Eltern haben sich rührend um ihre Enkel gekümmert, ich bekam täglich drei köstliche Mahlzeiten, für die ich keinen Finger rühren musste, das Wetter war schön und kein Kind war krank. Trotzdem gehe ich am Stock, denn in keiner der letzten sieben Nächte habe ich mehr als drei Stunden Schlaf bekommen. Nicht am Stück, sondern insgesamt. Jede Nacht gibt es diesen Moment, in dem ich absolut nicht mehr kann. Dann tröste ich mich damit, dass ich morgen irgendwie einen ein-zweistündigen Mittagsschlaf hinkriegen werde. Irgendwann wird es Morgen, ich trinke die erste Tasse Tee, dann die zweite, und dann geht es irgendwie doch ohne Schlaf. Ich habe kein Talent für Mittagsschlaf, so sieht es nämlich leider aus. Erstens schlafe ich tagsüber nicht ein, egal wie müde, denn ich kann grundsätzlich nicht schlafen, wenn ich weiß, dass in weniger als acht Stunden ein Wecker klingeln und mich wieder aufwecken wird. (Früher hat mich schon ein Arzttermin vor der Arbeit komplett um den Nachtschlaf gebracht, nicht aus Angst vorm Arzt, sondern aus Angst vor dem Wecker.) Zweitens ist mein Tagschlaf nicht wie mein Nachtschlaf. Schlafe ich doch mal ein, dann sabbere ich Kissen und Gesicht komplett klebrig und wache in einem Zustand auf, der sofort nach zehn Stunden mehr Schlaf verlangt, nach einer gründlichen Dusche und Haarwäsche. Drittens lässt der Rest der Welt mich einfach nicht. Kaum liege ich, habe mir die Linsen aus den Augen gepult und die Decke bis an die Augenbrauen gezogen, klingelt DHL oder das Telefon oder irgendwer will irgendwas, meist irgendwer mit sehr, sehr durchdringender Stimme.
Also: doch kein Mittagsschlaf für mich. Stattdessen und um nicht wahnsinnig zu werden, hat mein Fusselhirn sich einen Trick ausgedacht: jeden Tag überzeugt es sich und mich sehr gekonnt, dass es ab heute anders wird. Dass dies die Nacht der Nächte wird, die Nacht, in der ich mich abends schielend vor Müdigkeit hinlege und neun Stunden später aufwache und erst mal nachsehen muss, ob meine zwei rosigen Engelchen überhaupt noch atmen. Wider besseres Wissen glaube ich tatsächlich daran. Auch heute! Ich denke z.B. gerade: wie toll, dass meine Freundin B. erst übermorgen ihren Geburtstag feiert, denn bis dahin kriege ich noch zwei lange, erholsame Nächte voller Schlaf und Träume, so dass ich mit Sicherheit bis zwei Uhr durchhalte. Ich weiß, dass es nicht so kommen wird. Aber ich weiß genau so sicher, dass heute der Tag ist, an dem all das nächtliche Quaken um den letzten Rest Muttermilch vorbei ist - und Bojes schlechte Träume, Jakobs Fläschchenstreik, die Zahnschmerzen und die verstopften Nasen (die das Trinken zu einem noch größeren Problem werden lassen). Die Sonne scheint, die Vögel singen, kann doch gar nicht anders sein!




Donnerstag, 9. April 2015

Ein kleiner Rückschlag für die Zellstoff verarbeitende Industrie

Ist die eigentlich komplett bescheuert, dem Internet von ihrem Inkontinenzproblem zu erzählen? denken sich sicher manche. Ich bin eine davon. Aber so wie es aussieht, habe ich auch das bald hinter mir gelassen. Seit bestimmt vier Wochen habe ich keine Pinkelbinde mehr benutzt, und seit zwei Wochen auch keine Slipeinlage mehr. Ab und zu rächt sich das, aber nie in großem Stil.
Und was hat die Wendung gebracht? Heilt am Ende die Zeit alle Beckenboden?
Glaube ich nicht. Und die Physio hat auch wenig für mich getan. Das lag aber vermutlich an dieser speziellen Physiotherapeutin, von der ich am Ende so genervt und so enttäuscht war, dass ich von meinen sechs verschriebenen Sitzungen die letzten beiden in den Wind geschossen habe. Das, was da geboten wurde, erschien mir so wenig hilfreich, dass ich nicht bereit war, dafür die Kinder wegzuorganisieren, ins Auto zu steigen, in ein Parkhaus zu fahren und eine Stunde freie Zeit zu opfern. (Und ich habe schon oft geschrieben, wie sehr mich das ganze Problem beschämt und nervt und frustriert, an sich hätte ich also hochmotiviert sein müssen.) Es waren einerseits die Übungen, wenn man sie Übungen nennen kann. Mal habe ich gelegen, mal gesessen, und dazu habe ich den Beckenboden mal lange, mal kurz angespannt. So verging jedes Mal eine halbe Stunde, die die Physiotante mit Geplapper gefüllt hat. Dieses Geplapper war es andererseits, was mich vertrieben hat. Ehrlich, man kann doch nicht in einem Gesundheitsberuf arbeiten und dann solche Kracher abfeuern wie "Also ich weiß nicht, was die Leute heute alle haben, früher hatten sie auch Stress, aber die heute mit ihrer Schizophrenie, das muss doch nicht sein!". Ein paar Wochen lang habe ich jeden Tag bestimmt eine halbe Stunde damit verbracht, die "Übungen" zu machen, aber es hat sich sowas von gar nichts getan, dass ich es dann auch gelassen habe. Es war gleichzeitig wahnsinnig anstrengend, langweilig und aussichtslos.

Die Physio war es also nicht, von alleine ist es auch nicht passiert. Was nach meinem Gefühl den Durchbruch gebracht hat, waren die Elanee-Gewichte. Natürlich macht mich zweimal pressen nicht zur Schwangerschafts- und Rückbildungsexpertin, aber bei mir haben sie geholfen. Zudem brauchte ich für sie weder einen Babysitter noch einen Parkplatz. Einfach zweimal täglich ein Gewicht einführen, möglichst zehn Minuten an Ort und Stelle behalten, während man steht oder läuft, anschließend mit Wasser und Seife waschen, fertig. Was nach dem ersten Mal der Cantienica-Kurs (300 Euro, acht Sitzungen) nicht geschafft hat, die vier mit pastelligem Kunststoff überzogenen Nupsis kriegen es hin: ich huste schon wieder, lache oder niese, ohne mir in die Hose zu machen. Irgendwann demnächst renne ich dem Hund oder meinem Kind hinterher. Und in ein paar Monaten schnüre ich die Laufschuhe wieder zu. Ich freu mich mehr darauf, als ich sagen kann.

Mittwoch, 8. April 2015

Frei!

Eins meiner Mädchen hatte mal einen Freund, der war niedlich, aber seltsam. Wir lernten ihn kennen, als die beiden aus Berlin zu Besuch waren und wir bei uns im gerade frisch bezogenen Haus eine Party gefeiert haben. Irgendwann im Lauf des Abends stand er vor mir, strahlte mich an, machte ein Foto nach dem anderen von mir und sagte ungefähr sieben Mal mit Inbrunst: "Flora, du bist so frei!"
Ungefähr 24 Stunden lang haben wir uns alle gefragt, wie er das wohl gemeint hatte. Wollte er sagen, ich wäre so ungehemmt? Bin ich nämlich nicht. Oder, ich wäre eine von denen, die völlig natürlich und unbeeindruckt bleiben, wenn jemand sie fotografiert oder filmt? Bin ich schon gar nicht, ich bin unfähig, auf Fotos anders als komplett bescheuert zu gucken. (Sogar mein leichtes Schielen, dass man sonst kaum sieht, ist auf einmal doppelt so schlimm. Außerdem wächst mir gerne ein zusätzliches Kinn.) Meinte er, ich wäre sowas wie ein freier Geist? Sehr schmeichelhaft, aber woher will er das wissen, nachdem ich ihm bisher nur zwei gekühlte Getränke gereicht und ihn freundlich begrüßt habe?
Die Lösung kam mir einen Tag später. Seine Freundin hatte ihm erzählt, ich wäre eine Freie. Freie ist in unserem Job der Ausdruck für Freelancer. Und Jobwelten aller Art waren ihm damals eher fremd, also hat er es eben so verstanden.

Gut. Wo war ich? Ach so, Freiheit. Jakob ist frei! Nicht im Sinne von Freelancer, sondern frei. Gestern um fünf vor Zwölf kamen wir auf dem gerammelt vollen Krankenhausflur zur Klumpfußsprechstunde an, hatten trotz des Andrangs aber gerade mal Zeit, einen Automaten-Kaffee in uns reinzustürzen, bevor wir aufgerufen wurden. Alles ist gut. Wir wurden sogar gelobt: ein mittig so dünnes, eingeschnürtes Füßchen wäre der Beweis, dass die Eltern wirklich alles richtig gemacht haben. Nur eine kleine Stelle am rechten dicken Zeh müssen wir ein bisschen pflegen und beobachten, aber mit täglich zwei dünnen Schichten Bepanthen sollte sie bald verschwunden sein. Ab jetzt muss Jakob die Schiene also nur noch 12 bis 14 statt 23 Stunden am Tag tragen. Ich werde versuchen, mehr in Richtung 14 zu gehen - nichts wäre jetzt fieser, als dass der Fuß sich doch wieder zurückbiegt und wir noch mal auf 23 Stunden hoch oder sogar noch mal gipsen müssten. Es ist auch nicht wichtig, ob er die 14 Stunden an einem Stück oder häppchenweise hinter sich bringt. Jakob muss sich jetzt also nicht unbedingt einen zweistündigen Mittagsschlaf angewöhnen, und auch wenn er im November in die Kita kommt, müssen die Damen dort nicht mit komplizierten Schühchen und Schiene herumfummeln. So lange er früh schlafen geht, legen wir ihm den Apparat um 19 Uhr an, und morgens um neun nehmen wir ihm das Ganze wieder ab.

Bisher ist er noch weniger begeistert als gedacht, was aber auch daran liegen könnte, dass er dick erkältet ist - samt Ohren und Augen. Seit heute morgen ist auch noch Fieber dazugekommen. Arme kleine Wurst - aber nur, weil Mama und Papa sich diesen Tag rot und glitzernd im Kalender angestrichen haben, musst du ja nicht unbedingt mit Konfetti werfen.



Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Boje und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Boje geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Jakob in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Jakob. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Boje kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Boje mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Jakob)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Jakob nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Boje aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.