Sonntag, 16. Mai 2021

Ein bisschen wie Downton Abbey. Aber nicht auf die gute Art

Ok, hier kommt ein vollkommen neues Problem, mit dem vermutlich niemand in diesem Blog gerechnet hätte, und ich zu allerletzt. Und das, obwohl ich mich seit vielen Jahren immer wieder beharrlich und mit Recht als Fusselhirn bezeichne. Folgendes ist passiert: Wir waren mit der ganzen Familie unterwegs in den Mini-Urlaub nach Föhr. Auf eine Insel, auf der wir schon drei mal waren. In ein Haus, in dem wir auch schon mal eine Woche verbracht hatten. Also eine Reise auf ziemlich ausgetretenen Pfaden. Letzten Freitag fuhren wir bei Nieselregen und vielleicht acht Grad auf die Autofähre, ich kaufte den Kindern ein Eis und L. und mir eine Cola, und während L. im WLAN des Bordrestaurants noch schnell unsere Corona-Tests auf der Insel vorbuchte, ging ich mit den Kindern hoch an Deck, um mich ein bisschen durchpusten zu lassen. Wobei, bevor ich hochging, wurde mir noch schnell ein bisschen schwurbelig. Es fühlte sich ungefähr so an, wie wenn einem unwillkürlich das Auge zuckt - nur eben im Kopf. Ich kenne das Gefühl, hab das bestimmt schon fünfzig mal erlebt, es macht mich trotzdem jedes Mal nervös. "Ich weiß auch nicht", sagte ich zu L. "Mir ist irgendwie schwindelig. Eigentlich würde ich mich gerne kurz hinlegen." L. buchte und rollte die Augen. Derlei Spirenzchen mit Hinlegen und so sind für ihn typisch "einen auf gestresste Ehefrau machen". Also wuchtete ich mich hoch, die Kinder waren auch schon außer Sicht, und dann waren wir da oben. Und da ging alles ziemlich schnell. Ich hatte ein merkwürdiges Flackern im Gehirn. Das Flackern wurde stärker. Ich konnte plötzlich fast nichts mehr sehen. "Kinder! Holt Papa! Schnell!" Schrie ich noch, und dann hatte ich plötzlich das Gefühl, als hätte jemand ein Stahlseil an einem Ende an meiner Kleidung eingehakt und mit dem anderen Ende an einer Achterbahn. Als würde ich mit mehreren gewaltigen Rucken hundert Meter durch die Luft gerissen ohne die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun. An diesem Punkt muss ich wohl um Hilfe geschrieen haben. Ich habe auch noch diffuse Erinnerungen daran, dass zwei Fahrgäste mich mit ihren Telefonen filmten - vielleicht war das auch nur Paranoia. Und das nächste, was ich weiß, ist, dass ich zusammengekrümmt, mit nasser Hose und vollkommen erledigt auf dem Deck liege, zwei Rettungssanitäter neben mir knien und ich kurz danach in einen Hubschrauber geladen werde. Der Hubschrauber flog mich ins Krankenhaus nach Flensburg, und nach einigen Untersuchungen sieht es jetzt so aus: ich hatte einen Epileptischen Anfall. Meinen ersten, so weit ich weiß. Ich habe keinen Gehirntumor und ich hatte keinen Schlaganfall. Und niemand weiß, ob das noch mal passieren wird. Ein nicht so tolles Zeichen ist zumindest, dass ich das Flackern im Kopf - die Vorzeichen des Anfalls - schon so oft hatte. Ich darf erst mal nicht mehr Auto fahren. Das elektrische Lastenfahrrad, dass ich für den Urlaub gemietet habe, durfte jetzt auch nur L. fahren, wäre ja auch nicht so schön gewesen, wenn ich mit den Kindern an Bord einen zweiten Anfall hätte und vor einen Laster fahren würde. Ich hab einen Termin beim Neurologen in Hamburg, wenn auch erst im September, schneller gab es keinen. Und obwohl es jetzt schon über eine Woche her ist, vergeht doch keine wache Minute, in der ich nicht daran denke und mir nicht fast schon wieder in die Hose mache vor Angst, es könnte wieder passieren. Denn das war ein so schauderhaftes, ekliges, furchteinflößendes Erlebnis - ich hätte mir nicht vorstellen können, dass es körperlich möglich ist, solche Angst zu haben. Ich habe jetzt noch Muskelkater im Kiefer und im Genick von der Anspannung. Jedes Mal, wenn ein Vogel an meinem Augenwinkel vorbeifliegt, ein Auto vorbei fährt, die Sonne sich auf dem Wasser spiegelt oder sich sonst etwas bewegt (oder auch nicht bewegt), erstarre ich. L. und die Jungs sind heute früh zurück nach Hamburg gefahren, meine Eltern haben auch ein Haus hier gemietet, in dem es ein freies Zimmer gibt - dort bleiben die Kleinste und ich noch ein paar Tage. Meine Bosse haben sich wieder mal als die Besten der Welt erwiesen und mir noch ein paar spontane Urlaubstage gegegeben. Jetzt sitze ich hier zwischen Eis essenden, Minigolf spielenden, buddelnden und tiefenentspannten Menschen und mache alle Moves mit in der Hoffnung, dass die Botschaft irgendwann bis ins Hirn durchdringt, dass die Welt doch ein sicherer, freundlicher Ort ist. Und nicht so eine komische Matrix-artige Kruste, die nur ganz dünn und trügerisch die monströse Realität verhüllt. Epilepsie, jetzt echt? Ich meine mich zu erinnern, dass in "Das Boot" jemand Epilepsie hatte. Der wurde von allen verachtet, es war ganz klar mega-peinlich und unangebracht, wie der da umfiel und zuckte. Jedenfalls wollte den niemand in der Mannschaft haben. Und gab es nicht auch jemanden in Downton Abbey? Das hat jedenfalls definitiv eine Erste-Hälfte-Zwanzigstes-Jahrhundert-Note. Ungefähr in der gleichen Liga wie Schwindsucht, die ich auch nicht gerne haben wollte. Was passiert denn jetzt? Elektroschocks oder Eiswassergüsse? Blutegel? Ich weiß es noch nicht, und bisher versuche ich auch (zumindest hier im Urlaub) nicht zu googlen. Ist hier noch so eine wie ich? Weiss eine was?

Samstag, 10. April 2021

Wenn gesteigertes Mitteilungsbedürfnis und auf Null gesenkter Alkoholkonsum ausnahmsweise mal zusammentreffen

Ich hab mir den letzten Post noch mal durchgelesen. Und ich hab drüber nachgedacht. Natürlich hab ich drüber nachgedacht, das große Trinken/Nicht Trinken-Thema beschäftigt mich ja auch, wenn ich mich nicht gerade hier darüber äußere, fast so sehr wie die Kriiiiiiise. Plötzlich nach vielen Jahren, Jahrzehnten mit Strömen von Gin Tonics und Rosé auf Eis und Rotwein, nachdem ich so lange immer einen nicht ganz WHO-konformen Lebensstil als mein Stück Freiheit in der großen Kinderwunsch-Maschine verteidigt habe, komme ich jetzt hier so? Es wäre auch reinster Quatsch, jetzt zu tun, als wäre das eine reine Lifestyle-Entscheidung wie eine Diät. Tüdelü, guckt mal, ist einfach auch gut für die Haut, und da hab ich mir gedacht...

Nee nee, das wäre gelogen. Das Ding ist, mit mir und dem Alkohol verhält es sich ungefähr so wie in diesem Post von vor ein paar Jahren, in dem ich über meine mütterliche Persönlichkeitsspaltung geschrieben habe. Es ist genau so kompliziert, und genau so jeden Tag anders. Ich habe Tage, da weiß ich genau, mein Herz wird für immer den Leuten gehören, die nach einem Kacktag zuhause erst mal eine Flasche entkorken, bevor sie noch die Jacke ausgezogen haben. Und ich weiß, auch wenn ich zufällig seit neun Monaten nichts getrunken habe, die sind mein Team. Genau so, wie ich mich als Raucher fühle, obwohl in meine Lungen seit dem letzten Glas Sprit nur die gute Hamburger Luft gekommen ist. Ich habe auch Tage, da bin ich so tiefenentspannt und fühle mich so gesund bis in die letzte Zelle, dann denke ich, das ist und war doch alles Quatsch. Wieso sollte man sich ohne Not jeden Tag eine krebserregende, das Hirn zerfressende und traurig machende Substanz reintun? (Wobei ich mir gleichzeitig eine knallen könnte dafür, dass ich jetzt scheinbar ab und zu eine von denen bin, die Leuten erzählen, Alkohol wäre krebserregend, mimimi...) Ohne ist viel schöner. (Diese Tage sind gefühlt in der Unterzahl.) Es gibt auch Tage, da geht beides gleichzeitig und ich gucke mir in vollem Bewusstsein meiner Schizophrenie mit dem liebevollsten Blick eine Serie an, in der so richtig mit Schmackes gesprittet wird, und bin gleichzeitig froh, das alles auch mal gehabt und getan zu haben und es jetzt nicht mehr zu tun, nippe noch mal an meinem Gingko-Klarer-Geist-Tee und wackele wohlig mit den Zehen. Und es gibt Tage, da denke ich "Wie lange noch soll ich das jetzt genau machen, bis ich so weit mit mir zufrieden bin, dass ich endlich wieder mitspielen darf?" und gleichzeitig "Genau so. Nichts trinken, um hinterher besser wieder trinken zu können, hmmm?" Und was das mit dem Yoga-Bashing soll, weiß ich auch nicht so richtig. Wieso finde ich manche Aspekte davon so eklig? Wem genau hat Yoga eigentlich was getan? Oder das blöde Klappschild? Ist ja nicht so, dass Yogagruppen regelmäßig losziehen und Andersdenkende vermöbeln, nachdem sie von entgleistem Selbstliebe-Blabla dazu aufgepeitscht wurden.


(Wenn ich irgendwann mal auf ein wichtiges Lebensthema treffe, bei dem mein Hirn seine Zellen nicht so unordentlich in die Schlacht schickt, dann sage ich Bescheid. Ein Sauhaufen ist das. Wie ich es auch nur schaffe, mich beim Bestellen einer Pizza zu entscheiden, ist mir manchmal ein Rätsel.)

Ich hoffe, ich vergrätze euch nicht damit. Ich hoffe, ich schreibe mich nicht in eine Ecke, aus der ich nicht mehr rauskomme. Ich hoffe, die richtige Seite gewinnt. Ich hoffe, ich finde noch raus, welche die richtige ist. Ich hoffe, die Tendenz, dass man gar nicht mal so schlechte alkoholfreie Erwachsenengetränke im Supermarkt bekommt, steigt weiter an. Und ich hoffe, ich werde aus meinem nächsten Yogakurs, wenn die Pandemie irgendwann vorbei ist, nicht mit Mistgabeln rausgejagt.

Wo ich gerade beim Thema In-eine-Ecke-schreiben bin: meine Schwester berichtet, mein Vater erwäge, sich bei Twitter anzumelden. Das macht mir leichte Sorgen. Ich hoffe, er erwägt noch eine Weile weiter und verliert das Thema dann einfach aus den Augen.

Mittwoch, 7. April 2021

Irgendwo zwischen Narzissmus und Schmiersuff.

Zu dem Thema ist schon ziemlich alles gesagt und geschrieben worden: ist das nicht komisch, dass man sich erst in dem Moment eines Alkoholproblems verdächtig macht, wenn man nichts mehr trinkt? Jaja, komisch ist das. Merkt man nicht erst dann, wie aufdringlich und überall Alkohol in unserem Alltag ist, wenn man nach ein paar Wochen ohne ihn mit offenen (und weniger rotgeäderten) Augen durch die Welt geht? Ja, das merkt man erst dann. Auf einmal fällt einem trotz vorschriftsmäßiger Corona-Maskierung überall und trotz Abstand auf, wie viele Leute, die "nicht danach aussehen", mittags um 12 im Supermarkt nach Sprit riechen. Doch doch. Ist nüchtern bleiben nicht ein Muskel, den man erst mal wieder entdecken und trainieren muss, aber dann? Mhmmm-mhmmm, schon schon.

Es stimmt einfach: ein paar Dinge hatte ich genau so erwartet und erhofft, und jetzt sind sie eben so. Ich hab wirklich bessere Haut, es gibt tatsächlich Tage, da setze ich mich ohne irgend eine Form von Make-Up in Videomeetings mit meinen Bossen. Ich schlafe (nach ungefähr drei ziemlich miesen Wochen am Anfang) für meine Verhältnisse großartig. Sogar so großartig, dass ich inzwischen so richtig durchdrehe und manchmal nachmittags um drei noch einen Kaffee trinke, denn ich weiß, dass ich nicht von halb zwei bis halb sieben schlaflos und genervt daliegen werde - die Schlafstörung klaut mir nur noch ein bis zwei Stunden pro Nacht, damit kann ich leben (und komme auf die Art wenigstens ab und zu zu meinen Lieblingsserien). Abgenommen habe ich kaum, aber das wär auch frech bei den Mengen an fettigem und süßem Kram, die ich immer noch esse, als wäre ich ein achtjähriger Bauarbeiter. Und niemand, der es nicht probiert hat, kann das Glück ermessen, einfach nie einen Kater zu haben. Nie! Im Nachhinein muss ich auch sagen, obwohl ich längst nicht jeden Tag getrunken habe und wenn, dann auch nicht immer in katerwürdigen Mengen, es gibt so etwas wie einen Grundkater. So ein Ächzen in den Fugen, das so allgegenwärtig war, dass es irgendwann mit der Seelenlandschaft verschmolzen ist. Ich dachte manchmal, so ist das eben, wenn man älter wird. Jetzt ist auch das weg. Einfach weg. Und ich hoffe, dass ich mich daran nicht genau so schnell gewöhnen werde wie an das Katerchen vorher und weiter zu schätzen wissen werde, wie schön es ist, einen richtig klaren Kopf zu haben und mit einer Packung Ibu monatelang auszukommen (Nüchtern zu sein, macht leider die Endometriose und die schlimmen Regelschmerzen nicht weg. Es kann viel, aber das nicht.)

Ein paar Dinge habe ich auch nicht erwartet, das sind die schönen Überraschungen. Diese gewisse Grundscham, die mich immer begleitet hatte - das Gefühl, im Grunde kein vollwertiger Erwachsener zu sein und bei nächster Gelegenheit aufzufliegen - ist weg. Nur noch eine ungute Erinnerung. Fairerweise muss ich aber zugeben, das hatte ich schon als Kind und erst Recht als Teenie, obwohl ich erst mit Anfang 20 angefangen habe, ab und zu Alkohol zu trinken - dem bösen Alk kann man also nicht allein die Schuld daran geben. Ich gebe ihm aber schon eine Mitschuld daran, dass das später nie so richtig weg gegangen ist. Mein Job besteht zu großen Teilen darin, mir Dinge auszudenken, auf die möglichst noch nie jemand gekommen ist, oder altbekannte Dinge auf völlig neue Art zu sagen. (im Idealfall. An manchen Tagen besteht er auch darin... aber lassen wir das für heute.) Ich hab also das große Glück, für mein Fusselhirn bezahlt zu werden. Und ich hatte schon ein bisschen Sorge, es könnte etwas weniger fusselig werden, wenn ich so gar nichts mehr trinke. Das ist nicht passiert, für einen Job, der mich früher einen Tag gekostet hat, brauche ich jetzt drei Stunden, obwohl die Kinder alle 30 Sekunden reinkommen und was wollen. Und die positivste Überraschung von allen ist, wie einfach das bisher war. Corona hat bestimmt geholfen: wenn ich nicht so oft mit lustig angespritteten Lieblingsmenschen sitzen kann, geht die Versuchung gegen Null. Aber ich hatte ehrlich erwartet, lange Winterabende, italienisch kochen, Musik, Weihnachten, Jobfrust, Ehefrust, Coronafrust wären härtere Gegner, ich müsste öfter auf meinen Händen sitzen oder spontan das Haus verlassen, um dem Ruf des Rosé auf Eis zu widerstehen. Ist bisher nicht passiert. Es gibt schon solche Momente, da packt mich eine leise Melancholie und ich langweile mich für ein paar intensive Minuten so schrecklich doll und vermisse den ganzen Spaß so, dass es weh tut. Aber ich bleibe ein braves Mädchen und "reite die Welle", was auch immer man darunter versteht - ich verstehe darunter, ich guck mir selbst beim Vermissen genau zu und denke mir dabei: so ist das also. Das ist ja interessant. Mal gucken, wie wir damit fertig werden. Und dann ist es vorbei.

Genau hier wird es glaube ich Zeit für einen harten Bruch. Wer das vorige gelesen hat, fragt sich vielleicht gerade: Moment mal, wie schlimm war es denn vorher? Mal in Weinflaschen pro Woche ausgedrückt? Sollte sie das alles vielleicht lieber in einem Kirchenkellerraum voller Klappstühle erzählen statt hier im Blog? Und dazu sage ich: ich fand es schlimm genug am Ende, um es einfach mal zu lassen. Aber ich habe das hier eher getan aus Angst davor, dass es richtig schlimm werden könnte also darum, weil es schon so schlimm war. Ich habe nicht jeden Tag getrunken, auch nicht jeden zweiten oder dritten. Ich hatte zwischendurch ganze Wochen ohne einen Tropfen. Aber schon allein die Tatsache, dass ich diese Wochen gezählt habe und stolz darauf war, werte ich als nicht so dolles Zeichen (vielleicht ist das alles auch der oben erwähnten Grundscham geschuldet - eine Menge, die andere sich einfach genehmigen, macht mir ein extrem schlechtes Gewissen, obwohl ich immer wild entschlossen war, mir auf diesem Gebiet alles zu erlauben - bei einem kleinen Teil meines Fusselhirns war diese Losung nie so richtig angekommen. Dazu kommt noch, dass meine Kater immer zu 70% aus chemisch erzeugtem schlechten Gewissen bestanden. Oh Gottogott, ich schüttele mich, wenn ich nur daran denke. Alle meine Freundinnen können ein ziemlich tristes Lied davon singen, wie ich am nächsten Tag immer achtzigmal hören muss, dass wirklich alles ok war, nichts war schlimm oder peinlich, die Welt wird dich nicht über die Kante ins Leere verstoßen, das ist nur ein Kater.) Meine Angst war nicht die von Woche zu Woche schwankende Menge. Sondern, dass ich mit dem ersten Glas einfach nicht mehr zuständig war. Es gab Tage, da saß ich mit den Mädchen zusammen und hätte ohne weiteres eine Flasche Wein oder mehr trinken können, und es wäre nichts Schlimmeres passiert, als dass ich eben am nächsten Morgen meine Kinder mit Kopp hätte versorgen müssen, und trotzdem habe ich zwei Gläser getrunken und bin dann nach Hause gegangen. Es gab auch Abende, da hatte ich innerhalb von einer Stunde einen nicht mehr einholbaren Vorsprung und erzählte nur noch Blödsinn. Welche Sorte Abend das werden würde, entzog sich meiner Kontrolle. Und dann kam Corona. Und es gab jeden Tag einen Grund, sich Abends ein Glas Wein einzuschenken. Ich hab es nicht jeden Abend getan, aber ich hab jeden Abend Bock drauf gehabt. Und es wurde anstrengend, denn ich sah am Horizont deutlich ein Bild von mir, die sich jeden Abend einen reinschmiert, ist ja Corona, dann Reue und Trotz und Zank und Selbstmitleid und Kopfweh, und dann am nächsten Tag das Ganze wieder. Und auf dieses Bild - die fiese Schmiersuff-Flora - hatte ich keine Lust. Und bevor ich es mit einem Plan versuche wie "drei Gläser pro Woche" oder "5 Tage trocken, 2 Tage Party" hatte ich auf einmal die Idee, es doch einfach mal ganz zu lassen. Das war in dem Moment kein fieser, sondern ein ganz fröhlicher, schöner Gedanke - er fühlte sich an wie eine gute Idee, und das Gefühl hat sich bestätigt und hält bis heute an. Meistens. Bin ich also Alkoholikerin? Ich sage nö. Hatte ich ein Alkoholproblem? Definitiv. Habe ich das immer noch? Ich finde nicht. Wieso dann das ganze Drama? Das Drama ist ein gutes Stichwort: fast am meisten verblüfft mich - über alle Veränderungen hinweg - wie viel sich ändert. Was für ein Erdrutsch das körperlich und seelisch ist - und das selbst dann, wenn man vorher kein harter Trinker war. Wie gewaltig diese Veränderung erst ist, wenn man am Ende ohne Pegel nicht mehr konnte, kann ich mir kaum vorstellen. Ich glaube inzwischen, selbst bei Leuten, die wirklich nur zwei Gläser Wein pro Woche trinken, würde es eine spürbare Veränderung geben. Sollte es darum jeder mal probieren? Keine Ahnung, obwohl ich hier gerade einen meterlangen Post dazu schreibe, bin ich immer noch ein fanatischer Anhänger des Nicht-Reinquatschens. Werde ich irgendwann wieder trinken? Wer weiß? Im Moment hab ich keine Lust drauf. Wenn ich es irgendwann tue, sollte es sich nicht anfühlen wie eine Niederlage. Fehlt mir das Trinken? Manchmal ja, sogar sehr. Ist mir inzwischen sogar der Gedanke an ein Glas eisgekühlten Sprit zuwider? Leider nö, das funktioniert bei mir genau so wenig wie der "In der Schwangerschaft findest Du Zigaretten und Alkohol plötzlich nur noch eklig, das ist die große Weisheit der Natur"-Kram. Kann ich denn ernsthaft im gleichen Post schreiben, dass ich es erstaunlich einfach finde, nichts zu trinken und mich fühle, als könnte ich Bäume ausreißen, und dann wieder, dass es mir der ganze Quatsch echt fehlt und ich vielleicht eines Tages doch wieder trinken werde wie der Rest von uns? Ja, kann ich, das passt zwar vielleicht in eurem Kopf nicht zusammen, aber in meinem schon. Wenn ich dahinter gestiegen bin, wie genau, sage ich es euch.

Mir ist das Lager der Leute, die sich ab und zu über die seriöse Grenze weg anschickern und dann teils lustige, teils dämliche Dinge tun, immer noch sehr nah (Wobei ich wie wir alle das Kunststück fertig bringe, all die Besoffen-Autofahrer, Besoffen-Frau-und-Kinder-Verprügler und Besoffen-Angrabbeler fein säuberlich und völlig irrational aus diesem Lager rauszusezieren und anderswo aufzubewahren...). Näher als das Yoga-und-Achtsamkeits-Dings jedenfalls, das gefühlt oft ein untrennbarer Teil der großen Nüchternheits-Wundertüte zu sein scheint. Ich kann mir nicht helfen, ich sehe auf dieser Seite immer häufiger einen Narzissmus, den ich eklig finde. (Bei einem meiner nächtlichen Spaziergänge aus der Zeit vor der Ausgangssperre kam ich neulich an einem Yogaladen vorbei, der hatte draußen ein Klappschild stehen, auf dem stand wahr und wahrhaftig: "You are the only thing in the universe that matters." Auf der Rückseite stand "You are a beautiful genius. You will live forever!" Mit solchen Klappschildern will ich nichts zu tun haben. Was ich aber gerne zugebe, ist dass Yoga gut für'n Rücken ist.)

Vielleicht könnte ich diesen nicht-Drogen-induzierten Laberflash ja folgendermaßen zum Punkt bringen: an bösen Tagen hab ich das Gefühl, ich bin gefangen zwischen Skylla und Charybdis in Form von drohendem Schmiersuff auf der einen Seite und ungebremstem Narzissmus auf der anderen. An guten Tagen denke ich: wie schön ist das denn? Ich habe die Wahl zwischen einem katerfreien, sonnigen knallgesunden Wunderland und der Rückkehr an den großen, reich gedeckten Partytisch. Und irgendwo dazwischen fühle ich mich zuhause.

Sonntag, 14. März 2021

Ungefähr so wie früher in der Telefonzelle, wenn draußen jemand wartet und alle zehn Sekunden an die Scheibe klopft.

Nur dass ich nicht in einer Telefonzelle stehe, sondern mich von meinen Memory spielenden Kindern weggeschlichen habe und jetzt mit Rechner im Bett liege. Es kann sich allerdings nur um Minuten handeln, bis einer von ihnen mein Fehlen bemerkt und mir hinterher kommt, um mich mit Wünschen nach Müsli, Kindercappucino oder sonstwas zu benängern, und dann ist Schluss mit der ungestörten Schreiberei.
Und wenn man nicht weiß, wie viel Zeit man zum Schreiben hat, schreibt man am besten in kurzen Absätzen, so dass man jederzeit eine Pause bis später einlegen kann.

Ich weiß nicht (wie auch, wenn ich hier seit Monaten nicht mehr meine Nase reingesteckt habe?), wie es euch geht mit dem Lockdown. Mir geht es die meiste Zeit ganz ok. Vermutlich auch darum, weil ich das große unverdiente Glück habe, dass meine Agentur dadurch bisher kaum finanziell betroffen zu sein scheint. Das heißt, ich habe vorerst keine Angst um Job und Geld (abgesehen von der Hintergrund-Existenzangst, die mich unabhängig von Epidemien und dergleichen aber immer schon begleitet und die inzwischen nicht weiter stört). Im Gegensatz zu all denen da draußen, die gerade aus einem Grund, der sich komplett ihrer Kontrolle entzieht, alles verlieren, was sie sich in den letzten Jahren aufgebaut haben. In den ersten Monaten hatte ich sogar noch viel mehr zu tun als jemals zuvor. Ich kann auch zu 100% von Zuhause aus arbeiten. Das ist natürlich schön für mich, auch wenn es mit drei Kindern dazu führt, dass ich an einem normalen Arbeitstag um die 50mal in zunehmend barschem Tonfall sagen muss "Jetzt nicht. Frag Papa. Später. Geh bitte raus. Tür zu! Ich muss hier noch kurz... das machen wir heute Abend. Versprochen!! Mach dir doch ein Müsli, ja? Das liegt im Regal. Nein, dem im Flur. Doch, das liegt da. Lass mein Telefon liegen. Ich brauch das. Mama kann jetzt nicht. Mama muss jetzt hier mal kurz." Ab nächster Woche können die zwei Kleinen wieder 20 Stunden pro Woche in die Kita, und der Große geht an zweieinhalb Tagen zur Schule und wird an den anderen zweieinhalb zuhause unterrichtet. Ich freu mich drauf, wieder ein bisschen Luft zum Atmen (und Arbeiten) zu haben. Auch wenn ich fest davon ausgehe, dass die dritte Welle dem in spätestens zwei Wochen wieder ein Ende machen wird. Kleine Kinder sind jetzt gerade nicht die idealen Hausgenossen, genau so wenig, wie gelockdownte Eltern für kleine Kinder die idealen Hausgenossen sind. Einerseits ist in unserem Haus mehr Leben, als man sich vorstellen kann. Andererseits ist mein innerer Anspruch, trotz allem immer irgendwie da, freundlich, fördernd und zugewandt zu bleiben, jeden Tag neu zum Scheitern verurteilt. Man sollte denken, im Scheitern bekomme ich inzwischen ein bisschen Übung, aber Pustekuchen.

Trotzdem habe ich, ein dickes Dankeschön geht hier an meine Schlafstörung, ein paar Zeitvertreibs-Tipps. Ich gucke gerade zum ungefähr dritten mal "30 Rock" neu, und es ist vollkommen klar, dass die Serie so heute nicht mehr gedreht würde. Aber sie ist und bleibt einfach großartig, lustig, unfassbar detailreich, und ich werde sie bestimmt auch noch ein siebtes Mal gucken eines Tages. Außerdem glotze ich mich nachts um zwei im Schneckentempo durch "Sex and the City" - vermutlich zum zwölften Mal. Und ihr könnt sagen, was ihr wollt: ich lass mich von keinem Bashing davon abbringen, dass das toll war und immer noch ist. Das sind und bleiben meine Mädchen. Außerdem können sie erstaunlich friedlich koexistieren mit "Handmaid's Tale", "Succession", "Pretend it's a city", und "I think you should leave".

Dann habe ich noch von der Shakti-Mat zu erzählen. Das ist eine Matte, die mit Plastikstacheln besetzt und SO stachelig ist, dass es ziemlich weh tut, wenn man sie beim Zusammenrollen aus Versehen an der falschen Stelle anfasst. Auf diese Matte soll man sich legen, am besten mit nacktem Oberkörper, und dann mindestens 20 Minuten so liegenbleiben. Es gibt eine Eingewöhnungsphase, die dauert ungefähr 30 Minuten (wenn man dazu Podcasts hört wie ich, sogar noch kürzer), und dann hatte zumindest ich kein Rückenproblem mehr. Die Matte erzeugt ein Gefühl, von dem ich bis jetzt nicht weiß, ob es gut oder doof ist, und entspannt mich dabei hinter meinem Rücken so stark, dass ich manchmal schon fast eingeschlafen wäre auf dem unbequemen Pieksding.

Nigella bleibt meine Königin, aber Prinzessin Alison Roman schreibt einen Newsletter, der mir jedes Mal wieder das Gefühl gibt, ich bin nicht allein (auf die andere Art, ihr versteht mich, oder? Nicht auf die Art, auf die ich sehr, sehr gern mal wieder allein wäre.)

Ich gehe außerdem gerne nachts spazieren und höre dazu den großartigen Podcast "The guilty Feminist" und zwischendurch "Joan and Jericha", auch wenn ich dabei so laut, hilflos und kreischend lachen muss, dass ich ein schlechtes Gewissen gegenüber den Anwohnern und ihrem wohlverdienten Schlaf bekomme.

Und zu allerletzt, während von unten das Getöse anschwillt, habe ich euch zu berichten, dass ich seit dem 21.Juni letzten Jahres keinen Tropfen Alkohol getrunken habe. Aber das ist einen eigenen Post wert, aus der Küche höre ich sekündlich lauteres Gebrüll nach Broten und Eiern, und ich fürchte, das Zeitfensterchen, in dem Mama ungestört und nicht-Job-bezogen am Rechner hängen darf, schließt sich jetzt gerade mit einem lauten Knall.

Samstag, 13. März 2021

Das ist die Kriiiiiiiiiise.

Klar gibt es Gründe. Es gibt immer Gründe. In diesem Fall gibt es aber vorrangig einen Grund, warum ich mich so lange nicht gemeldet habe. Dieser Grund ist die Krise oder auch die Kriiiiiiiiise. Die Kriiiiiiise (sorry, die Zeit zum Schreiben ist kurz und zu kostbar, um die iiiiis in Kriiiiise jedes Mal abzuzählen) ist etwas, das sich irgendwann vor ein paar Jahren zwischen L. und mir festgesetzt hat und irgendwie nicht wieder geht. Ich weiß nicht genau, wo sie herkommt, aber sie ist unbestreitbar sehr da. Wobei: selbst das kann man gar nicht so genau sagen. Denn zwischendurch ist sie auch so weg, als wäre sie nie dagewesen. In dieser einen Hinsicht erinnert sie an die Geburt eines Kindes, grauenvolle Schmerzen schütteln Dich von Kopf bis Fuß, Du willst einfach nur noch weg hier, es lässt sich wirklich keine Minute länger mehr aushalten - und dann ist es vorbei, und Du unterhältst Dich nett über Ferienpläne und Pizza. Du denkst schon, Du hast Dir das alles nur eingebildet, ist doch halb so schlimm, aber dann kommt die nächste Wehe bzw. in unserem Fall der nächste Streit, und BÄMM ist die Kriiiiise wieder da. Jedenfalls, wie schon erwähnt, sie ist da, und auch in den Pizza- und Urlaubsplanungs-Phasen beschäftigt sie mich sehr. Ich hab keine Ahnung, wie es weitergeht, ob es weitergeht, und ich bin immer noch mehr verwirrt als irgend etwas anderes. Ich hätte nicht gedacht, dass uns das passiert. Zumal wir in den Phasen "dazwischen" immer noch so sind, wie ich uns kennen gelernt habe - eben wie ein Paar, dem so etwas nicht passiert. Es vergeht keine wache Stunde, in der ich nicht darüber nachdenke. Und ich wollte in den letzten Monaten - Jahren - sorry, ich weiß, viel zu viel Zeit - so oft schreiben. Aber ich wusste nicht so richtig, wie und was. Denn ich hab immer über das geschrieben, das mich gerade in Atem hält, und jetzt ist es nun mal DAS hier, was mich in Atem hält, und darüber kann ich schlecht schreiben. Denn auch L. hat dazu eine Meinung, und was für eine, was sage ich: vermutlich hat er 20 Meinungen. Und die kommen hier naturgemäß nicht vor. Und er wäre mit Sicherheit nicht dafür, hier das Blog-Gremium abstimmen zu lassen, wer Recht hat und was zu tun ist. Ganz davon abgesehen, dass ich es irgendwie nicht richtig fände, Euch hier klammheimlich wie ein Tagebuch schreibender Teenie zum Auskotzen und Auf-meine-Seite-Ziehen zu benutzen. Darum ist das große Nr.1-Thema irgendwie verboten. Jetzt ist es aber so: auch zu Kinderwunsch-Zeiten habe ich ja nicht IMMER NUR über Kinderwunsch geschrieben, sondern es gab auch das große weite Themenfeld unter dem Label Normales Leben. Und das gibt es auch hier immer noch. Und ich habe das Schreiben hier wirklich vermisst. Und die Kinder sind inzwischen aus dem Alter raus, in dem sie alle zwei Stunden gestillt werden müssen, ab und zu kann Mama sich an ihren Rechner schleichen. Darum habe ich entschieden, dass es ab jetzt weiter geht. Vermutlich ist inzwischen auch die letzte von euch entmutigt und enttäuscht abgezogen. Niemand wird gerne geghostet, auch nicht unbekannterweise von einer Blogtante, die früher mal teilweise dreimal täglich schrieb und jetzt plötzlich so gar nicht mehr. Das kann ich verstehen. Aber als ich den Blog damals - 2009 war das, glaube ich - anfing, hab ich es erst mal tatsächlich nur für mich getan. Und so fange ich jetzt auch wieder damit an. So wenig ich sonst etwas entscheiden kann gerade, unter anderem mangels Energie und mangels Zutrauen zu mir und meinem Urteilsvermögen - eins hab ich entschieden: die Kriiiiiiiiiiiiiiiiise kriegt mich nicht klein. Und hier wieder zu schreiben, fühlt sich im Moment so an wie ein kleiner, trotziger Stinkefinger in ihr blödes Kriiiiiisengesicht. Wann kommt der nächste Beitrag? Morgen, nächste Woche oder in zwei Jahren irgendwann? Wir werden sehen. Ich hoffe, Ihr Abkürzungsdamen, Euch allen - wo immer Ihr auch seid - geht es gut, ihr seid glücklich, und die dickste Krise weit und breit kommt mit einem i aus und bezieht sich auf einen verstopften Abfluss, eine nahende Deadline zu einem an sich netten, aber gerade etwas nervenden Projekt oder einen eingelaufenen Mohairpulli, der aber eh nicht soooo schön war.

Freitag, 22. November 2019

Hey Tante Mimi! Circa 15 Jahre nicht gesehen! Und Du so?

Ok. Genau wie die letzten Male wollte ich eigentlich so tun, als wäre nicht nichts gewesen - als hätte ich einfach so für einige Monate (Jahreszeiten?) mein Laptop verlegt und wäre eben jetzt wieder darüber gestolpert. Als hätte ich immer schon im 6-Monats-Abstand gepostet. Als wäre sowieso alles klar. Aber andererseits...

Andererseits. Ich gehe gerade ein bisschen unter in Arbeit. Ich ertrinke nicht, es ist nur so, als wäre ein Fünfjähriger im Wellenbad ein BISSCHEN zu weit reingeraten, dahin, wo er zwar gerade noch so stehen kann, aber alle paar Sekunden kommt eine Welle und drückt ihm das Chlorwasser in die Nase. Und all die Tanten und Onkel drumherum merken nichts und haben einen dollen Spaß und rufen immer "Wuhuuu!" wenn die Welle kommt. So ungefähr. Was mir jetzt helfen könnte, wäre ein Wachstumsschub von ca. 10 Zentimetern in genau so vielen Sekunden, dass die Wellenmaschine sich erbarmt und aufhört zu pumpen oder jemand, der mich packt und sich auf die Schultern setzt. Stattdessen hab ich ja schon vor ein paar Monaten erzählt, wie der Plan ist: kein Alkohol mehr. Nicht, weil "viele Arbeit" in meinem Fall ein Euphemismus ist für ständig entweder besoffen und/oder verkatert und trotzdem ein relativ anspruchsvoller Job, sondern weil ich tatsächlich deutlich merke: immer, wenn ich nichts trinke, also noch nicht mal den einen Feierabendwein, dann geht es wirklich besser. Denn dann bin ich scheinbar die entscheidenden 10 Zentimeter größer.

Schade nur, dass es trotzdem nicht ganz so einfach klappt wie geplant. Ich würde gerne berichten, dass seit dem letzten Post zu diesem Thema kein Tropfen Rotwein, Bier, Gin Tonic oder Rosé über meine Lippen gekommen ist. Dass ich prächtig schlafe, im Job reinhaue für drei und meine Kinder seither immer grundzufrieden, perfekt geflochten und geschnatzt und mit Vollkornbroten und halbierten Weintrauben im Kitarucksack durchs Leben tollen. Dass bei uns Zuhause nun endlich die Bilder hängen und ich gestern erst das Schuhregal gemariekondod (ist das ein Wort? Wohl nicht...) habe.

An jedem Tag, an dem ich nichts trinke, klebe ich einen blauen Punkt in meinen Tageskalender. Es sind eine Menge Punkte, keine Frage. Viel mehr, als ich z.B. noch vor einem oder gar zehn Jahren dort hätte einkleben können. Das tut mir gut und ist bestimmt ein Schritt in die richtige Richtung. Die punktfreien Tage enden auch nicht damit, dass ich mit verschmiertem Make-Up und noch in Jeans ins Bett taumele. Ich weiß auch nicht. Ich glaube einfach, so lange ich mir ab und zu noch punktfreie Tage erlaube, werden die Tage mit Punkt sich immer anfühlen wie eine Aufgabe. Als wäre ich brav gewesen und hätte mir einen schönen Quatsch verkniffen. Als wären die Tage mit Wein und Bier die hohen Feiertage meines Lebens, an denen ich mich belohne, indem ich mir gepflegt einen reinschmiere. Und ich kann mir nicht helfen, das fühlt sich irgendwie falsch an. Es geht mir nicht darum, die höhere Tugendbold-Ebene zu erreichen (das war noch nie mein Ziel, treue Leserinnen können das bestätigen) - ich hab rein egoistische Motive. Wäre es nicht großartig, wenn z.B. Weihnachten sich auch ohne Champagner wie Weihnachten anfühlt? Und ein Schweinsbraten auch ohne ein Helles wie ein Schweinsbraten?

Hach ja. Herrje. Falls ihr versteht, was ich meine.

Vor ewigen Zeiten - so mit 16 - waren die meisten meiner Freunde bei jeder sich bietenden Gelegenheit irgendwie breit. (Fairerweise muss man zugeben, dass dazu damals noch nicht viel Bier nötig war.) Ich nicht. Mich hat das nicht interessiert. Ich war auch nicht dagegen. Es war mir einfach egal. Ich hätte niemandem eine Predigt gehalten, mich auch nicht manchmal gefragt, was bei mir denn so anders ist - es war einfach, wie es war: das ging mich nichts an. Meine Freunde hatten dafür eine einfache Erklärung: "Du bist einfach naturbreit." Damit war nicht gemeint, dass ich auch ohne chemischen Einfluss schräg oder peinlich oder bekloppt war. Nein, eigentlich war es ein Kompliment (jedenfalls hab ich es so verstanden). Diesen Zustand, kann man den vielleicht irgendwann wieder erreichen?

Und damit auf in einen weiteren pickepackevollen Arbeitstag. Erleichtert durch einen Vorabend mit Kräutertee.

Sonntag, 2. Juni 2019

Leider durchgefallen bei der Spielplatzpolizeiprüfung.

Gestern auf einem kleinen Spielplatz mitten in Hamburg: ich bin mit allen drei Kindern da. Kalle kommt bedröppelt angelaufen. Was ist los? Er hatte bei den zwei Vätern und zwei Jungs da drüben gefragt, ob er mit Fußballspielen darf, und die haben nein gesagt. Ich gucke möglichst todbringend giftig da rüber. Einer der Männer guckt abfällig grinsend zurück. Zwei Typen mit Unternehmerbauch, blau-weißen faltenfreien Hemden, Bermudas, Ledergürteln und Pilotenbrillen stehen da auf dem Spielplatz, in für sie vermutlich ziemlich ungewohnter Umgebung, und glotzen aus gefühlt drei Metern Höhe all die Mütter mit Flatterkleidchen, Birkis und Sturmfrisuren an. Wenn ihr schon den Fußballplatz für Euch haben wollt, dann spielt auch wenigstens! Nee, kein Bock scheinbar. Dafür ziehen sie jetzt ihre Trumpfkarte für diesen Spielplatzbesuch: einen ferngesteuerten Hubschrauber mit der Motorleistung und Spannweite einer Drohne. Den darf der fünfjährige Sohn jetzt fliegen lassen. Nach ein paar Metern fällt das Ding aus dem Himmel und landet ein paar Zentimeter neben einem erstaunt guckenden Säugling. "Lass den lieber da drüben bei der Sandkiste fliegen, sonst geht der noch kaputt, wenn er runter fällt, der war echt teuer" rät der umsichtige Papa. Jetzt gucken zehn Mütter todbringend giftig. In meinem Traum bin ich jetzt die, die da hin geht und diese Wichser vom Spielplatz jagt. Die danach ein paar wohltuende "Ist doch wahr" Gespräche mit den anderen Muttis führt. Die ihren Sohn dafür rächt, dass er jetzt schon wieder abblitzt, als er treuherzig zu den beiden Männern geht und fragt "Hallo. Kann man so etwas denn kaufen? Und wenn ja, dann wo? Habt ihr ganz viel Geld?" und die beiden ihn einfach ignorieren. Aber die Wahrheit sieht leider so aus, dass ich mich leise aufrege. Ich bin so sauer, dass Rauch aus meinen Ohren kommt, das ist ganz sicher. Und ich merke, wie ohnmächtig ich bin und dass ich mich einfach nicht traue, jetzt den Mund aufzumachen. Wieso eigentlich? Hab ich Angst, was auf die Nase zu bekommen? Vor dem arroganten Blick dieser sicher nicht selbst bügelnden knitterfreien Superhemden auf mein labbriges Kleid und die Sturmfrisur und die fettige Sonnenbrille und die (das pure Grauen) Crocs, die wir beim letzten Besuch in der Heide versehentlich mitgenommen und dafür die akzeptableren Sommerschuhe dagelassen haben? So dass ich jetzt hier mit Plastik an den Füßen stehe, Schlumpfine links, Grobi rechts? Ich weiß genau, wenn gleich dieses Ding auf ein Baby fällt, zum Beispiel auf meins, dann wird mir das für immer leid tun, gegenüber diesen zwei Männern so schissig gewesen zu sein. Aber genau so ist es. Nach noch vier Abstürzen beschließen sie, dass sie es jetzt noch mal im Innocentiapark versuchen wollen. Dann sind sie weg, und ich glaube, ich bin nicht die einzige, die sich ein bisschen schämt. Fußball, Jungs?

Donnerstag, 30. Mai 2019

Wir sind hier nicht bei Oprah.

Heute, liebe Abkürzungsdamen, ist ein besonderer Tag. Richtig, Vatertag! Während da draußen Millionen von Jungs mit und ohne Kinder den Bollerwagen erst voll- und dann allmählich wieder leer machen, während an jeder Ecke Beweise für meine These zu finden sein werden, dass immer die Leute mit dem schlimmsten Musikgeschmack die lauteste Musik hören, während sich jeder vernünftige Mensch eine nette Beschäftigung für drinnen sucht und den Paddelausflug auf der Alster auf morgen verschiebt, während Polizei, Sanitäter und Notärzte häufiger als an anderen Tagen auf die Uhr gucken - feiere ich hier ganz für mich meinen ersten von hoffentlich vielen, vielen Tagen ohne Alkohol.

Nein, jetzt kommt keine tränenreiche Trinkerbeichte. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach und bin zu der Ansicht gekommen, dass Trinken oder nicht Trinken nichts mit Moral oder Sünde oder diesem ganzen Themenfeld zu tun hat. Stattdessen will ich euch erzählen, was ich mir davon erhoffe.

Grund 1 ist der banalste aller Gründe: ich will nie wieder mit einem Kater aufwachen. Wer mich kennt, weiß, dass meine Kater übel sind und mit dem Alter immer schlimmer werden. Kopfschmerzen und Müdigkeit sind dabei das kleinste Problem. Wirklich mies ist dieses unheilschwangere Gefühl, etwas ganz, ganz Schlimmes getan zu haben, das durch nichts begründet ist außer chemische Vorgänge in einem am Vorabend gründlich durchmarinierten Hirn. Kingsley Amis hat einmal gesagt, wer weiß, dass er einen Kater hat, der hat keinen. Da ist was dran. Diese Mischung aus Traurigkeit, Scham und dem Grauen vor einem vermeintlich bevorstehenden Tiefschlag habe ich manchmal schon nach zwei Gläsern Wein, und jedes Mal fühlt es sich vollkommen echt an und so, als wäre das jetzt für immer so, als würde ich eben von jetzt an zehn Zentimeter kleiner durchs Leben huschen müssen. Ich kaufe mir morgen eine neue Packung Ibuprofen, darauf werde ich das Datum schreiben, und dann hoffe ich, dass diese Packung ein Jahr lang halten wird. (Nein, ich meine keine Klinikpackung. Eine ganz normale, kleine süße Schachtel.)

Grund 2: Wenn morgens um sechs plötzlich drei aufgeregte Kinder neben meinem Bett stehen und sich freuen, dass Samstag ist und heute keine Kita und dass wir einen ganzen Tag zusammen haben, dann will ich mich nach einem kurzen Blick auf den Wecker und einem herzhaften Fluch genau so drüber freuen können. Kater war schon immer doof. Kater mit kleinen Kindern: Unter den miesesten Dingen mit drei K wird diese Kombination höchstens noch vom Ku Klux Klan getoppt.

Grund 3: “Ich tu doch schon und mach” sage ich zu der netten Kosmetikerin, wenn es um meine Rötungen im Gesicht geht. “Ich trinke viel Wasser, ich geh nicht mehr in die Sauna, obwohl ich das so mag, in die Sonne sowieso nicht, ich dusche nur lauwarm, ich nehme die richtige Creme, ich versuche sogar, scharfes Essen wegzulassen - aber das ist wohl einfach genetisch, mein Vater sieht auch so aus.” Und ich weiß genau, die ist ja nicht doof, und die denkt sich jetzt: Scharfes Essen, Sauna, Papas Gene, kann ja alles sein, aber wenn Du in Zukunft den Tag mit einem Tässchen Kräutertee beschließen würdest, dann würden wir darüber nicht mehr reden. Ich will einfach besser aussehen. Nicht mehr so verquollen, rot, müde und rundum ungut. Vielleicht sind in ein paar Monaten sogar meine Haare weniger struppig? Das wäre doch eine feine Sache.

Grund 4: Ich würde gerne ein paar Dinge von Alkohol entkoppeln. Urlaub z.B. oder ein Abend mit meinen Freundinnen. Wir waren früher oft zusammen saufen. Was haben wir gelacht! Manchmal auch nicht. Aber schön war es schon, und ich will diesen Schatz mehr oder weniger seriöser gemeinsamer Erlebnisse für immer hüten und in Ehren halten. Aber inzwischen trinkt eine von uns unter der Woche gar nichts mehr und eine andere wohnt jetzt so weit weg, dass sie hinterher immer noch Auto fahren können muss. Und so kommt es wohl, dass ich inzwischen an 90% der Abende unter uns die Veranstaltungsvollste bin. Die von Euch, die schon mal beim Stammtisch waren, werden sich mit leichtem Schaudern erinnern, dass es auch dort gerne schon so war. Die Zeit während der Schwangerschaften mal ausgenommen: viele, sehr viele Dinge kann ich mir ohne Alkohol kaum noch vorstellen. Dabei haben sie eigentlich gar nichts mit Alkohol zu tun. In ein paar Wochen fahre ich mit den Mädchen in den ersten richtigen Urlaub seit 2015, der über ein langes Wochenende hinausgeht. Meine Mutter nimmt Klärchen, L. die beiden Jungs. Was für ein Geschenk! Nur, dass ich beim jetzigen Stand der Dinge röter, müder, unausgeschlafener und insgesamt fertiger denn je zurück käme. Und das wollen wir doch mal sehen.

Grund 5: Es gibt einen immer größer werdenden Haufen von Dingen, die ich unbedingt schon längst mal getan haben wollte. Ich habe z.B. eine Buchidee, die ist bald zehn Jahre alt und wird und wird kein Buch. Es gibt mehrere Leute, mit denen ich mich schon ewig mal treffen will, aber ich kriege es nicht hin, und irgendwann ist es dann auch schon nicht mehr wahr. Meine Sockenschublade ist ein Chaos, meine anderen Schubladen auch, mein Personalausweis ist seit zwei Monaten abgelaufen, mein Telefondisplay ist seit einem Jahr gesprungen. Ich weiß nicht, wieso, aber etwas sagt mir, wenn ich nichts mehr trinke, dann wird das schon. Nicht alles auf einmal, ganz bestimmt nicht! Aber der Haufen wird in Abwesenheit von Feierabendrotwein nicht weiter anwachsen und eines glücklichen Tages dann vielleicht sogar schrumpfen.

Es gibt noch viel mehr Gründe, aber die Kinder maulen, ich soll jetzt gefälligst Frühstück machen.

Oh no. Jetzt die auch noch! Was kommt als nächstes, Yoga?

Vielleicht, lauft nicht weg, sogar Yoga. Wer weiß? Wird das jetzt sehr, sehr langweilig oder sehr, sehr spannend? Schaffe ich das überhaupt länger als bis morgen? Wie peinlich wird das bitteschön, wenn nicht? Gibt es ein Ziel? Z.B. ein Jahr? Und kann ich nicht einfach ein bisschen weniger und vernünftiger trinken?
Das, liebe Damen, kann ich eher nicht so gut. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wünscht mir Glück, ja?

Freitag, 7. September 2018

Dies ist ein Ölschlonzpost.

Zartbesaitete weglesen: ich schreibe diesen Post, während ich am Küchentisch sitze (das war noch nicht das leicht eklige Detail) und den Mund voll mit lauwarmem Kokosöl habe. Das schlubbere ich jetzt so ein bisschen hin und her, und wenn man nicht zu viel darüber nachdenkt, ist es gar nicht so übel. Zwanzig Minuten lang mache ich das jetzt jeden Morgen, für 14 Tage, und dann mal gucken, ob es was kann. Eigentlich würde so was für mich unter typisch esoterischen Kokolores fallen, Schlacken gibt's nicht, also gibt's auch nichts zu entschlacken, aber: ich habe seit Neuestem eine Kollegin, die unfassbar viel raucht und trotzdem perlweiße Zähne hat. Sie sagt, sie macht das jeden Morgen, und tadaaa! Das versuche ich jetzt auch, auch wenn mein Gelbstich wenig mit Schmöken zu tun hat und viel mit Tee, Veranlagung und etwas nonchalanten Putzgewohnheiten.

Jedenfalls werden 20 Minuten nur Schlubbern und Gluckern schnell etwas öde, deshalb dachte ich, schreibst Du halt einen Post. Zum Beispiel darüber, dass die neue Arbeit zwar unfassbar stressig ist, aber trotzdem noch viel besser tut als erwartet. Oder darüber, dass wir gerade die schlimmste Krise seit Anbeginn der Kita-Zeit durchstehen, eine Krise, die leider viel Kafkaeskes hat, und auf kafkaeske Krisen kann ich ja zu allerletzt. Kalle, mein Großer, ist von einem Kitarauswurf bedroht, und das, obwohl seine Gruppenleiterin findet, dazu gibt es nicht den geringsten Grund, im Gegenteil. Dazu werde ich bald noch mehr schreiben, wenn der Mist überstanden ist (so oder so wird es sich vermutlich nächste Woche entscheiden).

"Und? Seid ihr gut angekommen?" fragen ziemlich viele Leute, wenn man vor einer Weile umgezogen ist. Und das sind wir. Es ist gerade unfassbar viel zu tun (nicht wegen des Umzugs immer noch, sondern einfach so), es ist zum Durchdrehen viel zu Planen, Bedenken und Entscheiden, aber trotzdem bin ich angekommen, ja wirklich. Im Haus und sogar im Mama-Sein mit drei Kindern. Nach drei mehr als stressigen Babyzeiten (die ich jedenfalls so empfunden habe, Wunschkind hin, Hilfe her) gibt es gerade wirklich diese Momente, die für mich in schwarzen Zeiten immer die Trost-Fata-Morgana waren: ich sitze mit einer Tasse Tee auf dem Sofa, die Jungs spielen Playmobil, und die Kleine torkelt mit ihrem Seemannsgang dazwischen herum und hilft beim Spielen, wo sie kann.
Neulich haben wir den ersten Ausflug zu sechst (mit Hund) auf einen Spielplatz weiter draußen gemacht, bei dem ich mich richtig gut fühlte. Hier kommen wir! Das ist unsere Familie! So geht das also, Sonntag zusammen im Grünen! Ich hol Eis, will jemand ein Eis? Schön war das.

Und dann habe ich noch zu erzählen (bevor das Öl in den Müll gespuckt werden darf und ich mich ans Kitafrühstück machen muss): wir haben den Fernseher abgeschafft, und es ist die beste Idee, die wir seit Langem hatten. Ich drängele darauf schon seit Monaten hin, und L. war anfangs immer sofort auf Zinne, wenn ich davon anfing. Wir sind doch keine Oberstudienräte für Deutsch und Ethik! "Aber sag nicht gleich nein, denk mal kurz drüber nach" habe ich immer gesagt. "Ich gucke überhaupt nicht, und wenn, dann Netflix. Das kann ich auch am Rechner. Du guckst Sport, das kannst Du auch im Stadion oder in der Fußballkneipe, ist eh viel netter, oder auf dem ipad. Und die Kinder wollen immer, immer, immer gucken, und weil sie das nicht dürfen, quengeln sie die ganze Zeit." So war es wirklich, obwohl wir immer aufgepasst haben, dass es nicht zu viel wird, standen meine Jungs jeden Sonntag morgen um sieben neben mir in der Küche und fingen mit ihrer achtstündigen Dauerquengelleier an: "Dürfen wir Paw Patrol sehen? Super Wings? Ninjago? Connie? Wenigstens Connie? Oder Heidi? Jim Knopf? Büttööö!" Wenn ich dann Nein gesagt habe (habe ich, keine Sorge) gab es ein Geheule, und dann passierte das, was passieren soll: sie haben sich eben was zum Spielen gesucht. Ich dachte nur irgendwann, warum nicht gleich? Kinder sind doof, die kapieren noch nicht, was das Fernsehen mit ihnen macht, im Zweifel wollen die immer lieber Paw Patrol als Playmobil, und wenn sie das nicht dürfen, quengeln sie und sehen es nicht ein, da kann ich noch so toppmotiviert vor ihnen stehen und sagen "Hey, aber ich weiß was viel Besseres: wir spielen jetzt Verstecken im Park!". Es sind feine Jungs, die können super spielen, man muss sie nur lassen, und das halbstündige Gequengel vorher (am Wochenende gerne mehrmals am Tag) können wir uns doch alle ersparen. Und vor einer Woche hatte ich L. dann so weit. Während die Jungs in der Kita waren, hat er das Ding ins Schlafzimmer geschleppt, dort steht er jetzt nutzlos herum, bis wir eine bessere Aufbewahrung gefunden haben. Zu großen Ereignissen wie einer WM oder so kann er ja wieder kommen. Oder wenn die Jungs größer sind. Oder wenn wir mal alle zwei Wochen lang krank sind. Aber im Moment ist er weg, und abgesehen von einer kurzen markerschütternden Heulerei haben die Jungs den pädagogischen Tiefschlag verkraftet und gehen jetzt eben direkt Playmobil spielen, wenn sie kurz nicht wissen, was sie mit sich tun sollen. Kann ich nur empfehlen.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Jetzt aber.

Liebe Abkürzungsdamen,

selbst in diesem eigentlich blogfreundlichen Urlaub ist die Blogzeit kürzer als erwartet, darum will ich gar nicht viel kostbare Schreibzeit damit verschwenden, zu sagen, wie leid es mir tut, dass ich mich hier seit Wochen/Monaten/Jahren ständig tot stelle, sondern direkt schreiben, was es eigentlich zu schreiben gibt.

Erstens: Mutti hat einen Job, und hoffentlich dreht keiner durch.
Im Nachhinein kann ich natürlich leicht sagen, die Arbeitslosen-Krise war ein floratypisches Superduperdrama im Taschenformat, dass ich mich nicht so hätte aufregen sollen und dass doch eh klar war, dass das wieder wird. Aber die Wahrheit ist, ich hatte wirklich Angst, und hätte ich nicht zufällig eine Freundin, die in meiner zukünftigen Agentur arbeitet, wäre die Krise vermutlich auch jetzt noch nicht vorbei. Zur Erinnerung: Ich habe seit vielen Jahren in einer Agentur eigentlich fest gearbeitet, ohne dort jemals fest angestellt zu sein. Das lag nicht an den miesen Ausbeuterchefs, sondern aus irgend einem Grund wollte ich lange nicht fest dort arbeiten, und dann wollte ich irgendwann doch, aber dann war ich plötzlich aus dem Nichts im dritten Monat und hatte einfach nicht die Chuzpe, jetzt um einen Vertrag zu bitten. Dann kam die Elternzeit, in den letzten Wochen bis zum Mutterschutz hatte ich noch mal richtig viel zu tun, denn es war scheinbar schwerer als gedacht, eine Babyvertretung für mich zu finden, und tatsächlich habe ich bis ein paar Tage vor Entbindung noch oft genug zuhause am Rechner gesessen und mal eben schnell noch diesen einen kleinen Job gemacht. Es war nicht schön, aber es gab mir zumindest das Gefühl, gebraucht zu werden und mir nicht zu viele Gedanken darum zu machen, dass es nach der Babypause genau so weiter gehen würde. Dieses Gefühl wurde noch mal bestärkt, als ich zur Martinsfeier mit allen zusammen saß und mir strahlend und etwas angeschickert anhörte, wie sehr mich alle vermissen, dass sie es kaum erwarten können, wenn ich demnächst wieder an meinem Schreibtisch sitze und die Mikrowelle einsaue, und dass ohne mich sowieso alles Mist ist. Im Januar auf unserer Haus-Einweihungs-Party erzählten sie das dann noch mal. Und dann kam der April, die letzten Wochen der Kita-Eingewöhnung von Klärchen, und ich hatte ein Gefühl. Nur so ein Gefühl! "Du spinnst", sagte L., der von meinen Gefühlen prinzipiell nichts hält (auch wenn er oft genug sagt, ich hätte gar keine). Das Gefühl blieb. Dann habe ich ungefähr zwei Wochen vor dem geplanten ersten Arbeitstag mal da angerufen. "Oh, ach so", sagte die sehr nette Dame am anderen Ende. "Du weißt ja, wie es ist, im Frühjahr müssen wir immer so ein bisschen sehen, wie wir klar kommen. Ich sprech mal mit den Jungs (Anmerkung: Werbecode für Bosse) und melde mich dann wieder." Das war an einem Donnerstagmorgen. Am Nachmittag kam kein Rückruf. Ich sollte vielleicht dazusagen, dass diese Agentur räumlich sehr überschaubar ist, mit den Jungs zu sprechen, erfordert eigentlich nur, kurz die Stimme zu erheben. Freitag kam auch kein Anruf. Montag habe ich dann noch mal angerufen, und es zeigte sich, dass mein Gefühl Recht gehabt hatte: So leid es ihnen täte, sie hätten im Moment einfach nichts zu tun für mich. Das war schade, sehr schade. Vor allem, nachdem ich fest darauf gebaut hatte und nachdem ich viele Monate ungenutzt hatte verstreichen lassen, in denen ich natürlich mit Macht neue Kunden hätte rankobern können. Mich arbeitslos zu melden, war auch überhaupt keine Option, denn das letzte "normale" Geschäftsjahr, das für die Berechnung meiner Bezüge herangezogen worden wäre, war 2016 - in dem es ganz genau so gelaufen war mit dieser Agentur. Ich wollte eigentlich im November 2015 nach Michels Babypause zurück in den Sattel, aber auch da hatten sie plötzlich nichts für mich zu tun, und bis ich wieder richtig arbeiten konnte, war es Juni geworden. Das war also ein eher schwaches Jahr gewesen, mein Arbeitslosengeld wäre fast komplett von den zusätzlichen Kitastunden über die Basisversorgung hinaus aufgefressen worden, die mir als Arbeitsloser nicht mehr zugestanden hätten. Außerdem habe ich eine irrationale und durch nichts erklärbare Allergie dagegen, arbeitslos zu sein. Ich hatte also kein Geld, keinen Job und wusste nicht so richtig, was ich machen soll. Meine erste Bewerbung ging an eine Agentur, in der ich früher mal gearbeitet habe - vor den Kindern, vor einer Ewigkeit. Damals hatte ich dort gekündigt, weil sie meinen Teampartner auf ziemlich unelegante Art rausgekickt hatten. Sie haben damals alles versucht, um mich vom Bleiben zu überzeugen - sogar eine Viertagewoche zum Gehalt einer Fünftagewoche haben sie mir angeboten. Ich dachte damals, Charakter würde sich darin zeigen, jetzt hart zu bleiben. Ich blieb also hart und traf eine der dööfsten Entscheidungen meiner an doofen Entscheidungen nicht gerade armen Karriere. Aber doofe Entscheidungen kann man manchmal doch korrigieren, oder? Dachte ich jetzt und bewarb mich als Texterin in dem Laden, in dem inzwischen alle Leute, die mich damals halten wollten, entweder weg oder tot waren. Als Texterin kann man sich naturgemäß nicht gut mit einem Schreiben bewerben, das mit den Worten "Hiermit bewerbe ich mich auf die Stelle als Texterin" beginnt. Ich habe wochenlang an einer ganz besonderen Bewerbung gearbeitet, die ein möglichst genaues Bild von mir geben sollte. Dann habe ich sie abgeschickt mit dem Gefühl, das man vermutlich bei der NASA hat, wenn die Rakete nach jahrelanger Vorbereitung die Erdatmosphäre verlässt. Erst kam eine automatisierte Antwort, dann kam lange gar keine, und dann eine automatisierte Absage. Und auch wenn das die erste und bisher einzige Bewerbung gewesen war, war ich ehrlich, ehrlich fertig. Ich war zwei Wochen später immer noch fertig, als ich in der Küche meiner alten Freundin B. saß. Sie hatte Trost und kalten Wein für mich, während ich jammerte, könnte ja sein, dass Texterinnen händeringend gesucht würden, aber jedenfalls würde niemand händeringend nach 45jährigen Texterinnen in Teilzeit mit drei kleinen Kindern suchen. Und dann sagte sie, das wäre doch Quatsch, in ihrer Agentur gäbe es mit Sicherheit einen Job für mich. Am nächsten Tag hat sie ihren Chefs geschrieben und ihnen den Link zu meiner Homepage mit meinen Arbeiten geschickt. Und am übernächsten Tag hatte ich die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Zu dem ging ich noch mit gestrichen voller Hose, immerhin war das mein erstes Vorstellungsgespräch seit 18 Jahren. Der Boss begrüßte mich mit den Worten, er hätte meine Mappe gesehen, das wären ja richtig gute Sachen. Und dann habe ich ausgeatmet und es mir gemütlich gemacht, und am gleichen Abend kam der Anruf, dass ich am 1. August anfangen kann. Seitdem habe ich noch eine Woche frei dort gearbeitet, und es ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: ich bin überglücklich, morgens an meinen Schreibtisch zu kommen, mir zwei bis sieben Kaffee zu holen und dann das Maschinchen mal wieder rattern zu hören. Ich mache Überstunden, und so lange die Kinder gut betreut sind und zuhause niemand einen Rappel bekommt, genieße ich jede Minute davon. Ich mache Mittagspause! Was das für ein Glück bedeutet, kann glaube ich jede Mama in Elternzeit und ansonsten niemand da draußen im Jobleben verstehen. Und? Ist das jetzt eine gute Idee? Sollte ich nicht viel besser die Kitazeit auf Basisversorgung runterfahren und die freien Stunden nutzen, um endlich mein seit zehn Jahren geplantes Buch zu schreiben? Ich finde nein. Außerdem erzeugt die Arbeit eine derartig gewaltige manische Phase bei mir, dass ich mich genau so gut abends nach der Gutenachtgeschichte noch hinsetzen und ein paar Seiten schreiben kann. Es sei denn, dann muss ich mir demnächst noch schnell ein paar schicke Konzepte einfallen lassen.
Bin ich glücklich!

"Und? Habt ihr euch schon eingelebt?"
Haben wir, haben wir sogar schon so ungefähr zwei Tage nach dem Einzug. Es ist komisch, aber die Probleme zeigen sich genau da, wo ich sie schon bei der ersten Besichtigung vermutet hatten, und sie sind wirklich alle halb so schlimm. Hier sind sie: 1. Der Boden in der Küche und im Bad ist der gleiche wie überall sonst, ein geölter dunkler Holzboden, der natürlich wunderschön und schick aussieht, so lange kein Tropfen Wasser darauf fällt. Muss ich mehr sagen? Der Boden in Küche und Bad kommt jetzt schon hoch, obwohl ich ständig mit Lappen und Flüchen auf Wassertour bin. Schon die Tropfen, die aus Lilis Bart fallen, wenn sie getrunken hat, reichen vollkommen, um den prächtigen Boden zu ruinieren. An mehreren Stellen kommt er hoch. Da muss also demncähst was anderes rein, und dann ist gut. 2. Wir sitzen wie eine Spinne im Netz inmitten von achtuhunderttausend Einkaufsmöglichkeiten, was dazu führt, dass ich manchmal drei mal am Tag einkaufen gehe statt einmal richtig. Aber dieses supersüße Mickymausproblem wird demnächst der Job ganz von alleine regeln. 3. Die Treppen. Die Treppen waren bisher vollkommen okay, niemand ist runtergefallen und sie sind im Grunde ein 16-Stunden-Bauch-Beine-Po-Programm, obwohl ich komplett runter bin von meinem 5:2-Diät-Schema und ständig an der Frittenbude stehe, nehme ich kein Gramm zu. Aber jetzt läuft Klara. Anfangs hat sie sich auf den Treppen immer ganz vorsichtig an den Stahlseilen festgehalten, aber jetzt biege ich manchmal um eine Ecke und sehe sie plötzlich auf der zweiten Stufe von oben stolz wie Oskar freihändig stehen. Dann werfe ich mich nach oben wie Colt Seavers und fange sie auf. Irgendwann werde ich mal nicht dabei sein oder zu spät kommen, und dann wird es ganz schrecklich. Treppengitter sind keine Option, denn an den Pfosten lassen sie sich nicht befestigen. Hoffentlich hilft Daumendrücken und so oft wie möglich nicht von ihrer Seite weichen. Sie ist ein enorm standfestes Kind, die Stufen sind mit Teppich beklebt, und et is noch immer joot jejangen, aber mehr fällt mir gerade auch nicht ein. 4. Alle können jetzt sehen, wie unordentlich wir sind. Während bei den Nachbarn durch das Küchenschaufenster immer das gleiche funkelnde Display aus Tipptopp-Küchengeräten zu sehen ist, guckt man bei uns auf den Abwasch und die Schleichdinos und all sowas. Was das betrifft, muss ich wohl entweder den Hintern hochkriegen oder mich entspannen. Ich habe mich für eine Mischung aus beidem entschieden.
Von diesen kleinen Meckereien abgesehen sind wir sehr glücklich dort. Die Nachbarn sind reizend, das Minigärtchen hat genau die richtige Größe, die Zwischenwände schlucken jedes Geräusch, so dass die Kinder rund um die Uhr Schlagzeug spielen könnten, wenn es nach den Nachbarn ginge, und ich finde es toll, jetzt die paar hundert Meter weiter in etwas weniger poshes Gebiet als bisher vorzudringen und trotzdem noch auf den schönen Markt von früher, in die gleiche Kita und mit den Kindern zu ihren alten Freunden zu können.

Schönen Gruß von der Familie.
Es tut sich eine Menge, aber weil ich mich nach wie vor weigere, Elternfachbücher zu lesen, kann ich Euch jetzt wenig über Phasen oder Stufen oder Prozesse oder Familienkonstellationen erzählen. Klärchen kann jetzt laufen, das hatte ich ja schon erzählt. Jetzt ist mir aufgefallen, dass das ulkige Gebrabbel, das sie den ganzen Tag und auch mehrer Stunden nachts von sich gibt, manchmal ziemlich viel Sinn ergibt: dann wird aus "Assassaalea" plötzlich "Das Wasser ist leer". Oder aus "tumama" "Zumachen". Schaukeln kann sie auch schon, und das können die Jungs bis heute nicht ohne anschubsen, was mir sehr peinlich ist. Meine Große! Sicher hochbegabt, oder? Nur schlafen kann sie nicht so gut und ich entsprechend auch nicht so. Die Jungs, zeigt sich inzwischen, haben beide diese ulkige Fähigkeit von L. geerbt, ihre Zunge seitlich einzurollen. Von mir haben sie geerbt, die letzten auf der Tanzfläche zu sein, jedenfalls hier in der Kinderdisco. Ansonsten will ich immer noch nicht so viel von ihnen erzählen, aus Rücksicht darauf, dass es ihnen eines Tages entsetzlich peinlich sein könnte. Was mich betrifft, muss ich zugeben, dass die Mutterliebe sich bei mir oft ziemlich seltsame Bahnen bricht, mit denen die Kinder nicht so viel anfangen können. Gestern Abend wollte ich ihnen z.B. Charlie und die Schokoladenfabrik vorlesen, was Kalle einigermaßen ok fand, aber Michel mit Protestgeheul beantwortet hat. Letzte Woche hatte Kalle Geburtstag und hat von mir einen Berg Geschenke bekommen, von denen mir erst beim Auspacken klar wurde, dass das fast alles Sachen waren, die ich mir selbst als Kind gewünscht hätte. Was sagen wir dazu? Erst mal nichts und dann demnächst vermutlich eine Menge.