Freitag, 25. Dezember 2009

Noch nicht Dreinachten

Ok, vielleicht kann ich nicht ganz so viel Zeit wie andere damit verbringen, die Spielzeugabteilungen zu durchkämmen. Geschenke für Kinder machen leider mehr Spaß als Geschenke für Erwachsene. (Schon allein deshalb, weil Kinder nicht diese bis zum Wahnsinn nervtötende Angewohnheit haben, zu antworten "Ooooch, weiß auch nicht, ich brauch ja nichts", wenn man sie fragt, was sie sich wünschen. Den Teufel würden sie tun.) Andererseits: wenn man erst mal Kinder hat, wird es vermutlich auch nicht leichter, sich einfach mal für ein paar Stunden zu verdrücken und in aller Ruhe die neuesten Entwicklungen bei Playmo und Lego unter die Lupe zu nehmen. Vor allem käme man vermutlich nicht weit mit der Tüte vom Spielzeugladen. Alles würden sie finden und durchwühlen, die Biester.
Vielleicht habe ich auch niemanden, der strahlende Augen beim Anblick der Kerzen am Baum bekommt, außer mir selbst und L. (der aber eher angesichts anderer Dinge strahlende Augen bekommt, hähämm. Insgesamt ist er weniger anfällig für Merci-Werbespot-Stimmung als ich. Hat der ein Glück.)
Vielleicht wird sich das auch im nächsten und übernächsten und überübernächsten Jahr nicht ändern. Das wäre sehr traurig.

Andererseits kocht nebenan gerade eine Broccolisuppe als Vorspeise, und danach gibt es blutige Steaks, und niemand wird maulen, dass er kein Broccoli mag, niemand wird sein Steak von innen grau verlangen, und niemand wird nörgeln, was das für komische gelbe Haare im Reis sind. "Safran, Süße, das schmeckt gut." "Ich hasse Saffan. Du bist doof."
Ich trinke ein Glas Rotwein, während ich diesen Eintrag poste, und gleich, wenn ich das Steak und vor allem den Broccoli intus habe, kann ich mir genauso gut über eine schöne Kugel streichen wie manch andere. Im Kühlschrank ist Champagner, gleich zünden wir die zweite Runde Kerzen an, und niemand wird sein ferngesteuertes Auto in den Baum fahren lassen und ein Inferno verursachen. Nächstes Jahr haben wir zwar vermutlich noch kein Kind, aber einen Hund werden wir haben, Ende Januar dürfen wir die kleine Fellwurst abholen. Das ist also - alles in allem - für lange Zeit das letzte Weihnachtsfest, bei dem niemand im Haus zu doof für Kerzen ist und pausenlos an die Leine muss, so lange sie brennen.

Nein, ich rede mir nicht gerade ein, dass Kinder in Wahrheit irgendwie doch nicht so toll sind. Das könnte ich gar nicht. Aber demnächst sitzen wir (wir alle. Ihr und ich.) bestimmt alle auf der anderen Seite des Zauns. Und darum streiche ich nochmal ordentlich über das Gras und freue mich darüber, wie schön grün es hier ist.

Guter Rotwein. Welche Sorte ist das? Muss ich mir merken.

Zweinachten II

Weihnachten dieses Jahr ging so:
Es fing fast zu schön an, um wahr zu sein. Aber weil ich Angst hatte, am Dienstag abgeschickte Päckchen würden vielleicht nicht pünktlich bis Donnerstag, also Heiligabend, meine Familie erreichen, hatte ich tatsächlich am Mittwoch vor einer Woche alle Geschenke gekauft und am Donnerstag alles eingepackt und abgeschickt. Vor Selbstzufriedenheit aus allen Nähten platzend, trat ich meinen Urlaub in London an. Ich war zwar ein bisschen unruhig, dass es trotzdem noch Stress geben würde mit den Geschenken für die Familie von L., aber habe mich damit beruhigt, dass wir ja am Dienstag landen würden und damit noch den Mittwoch und Donnerstag haben würden, um alles hinzukriegen. Außerdem: Urlaub zur Weihnachtszeit in London - da sollten doch wohl alle Geschenke zu kriegen sein?
Dann kam eine dicke Erkältung und warf mich aus dem Nichts drei Tage ins Bett. Und L. ging zwar immer wieder los mit Missionen wie "niedliches, britisch angehauchtes Spielzeug für den kleinen Sohn seines Cousins" oder "irgendwas mit Schottenkaro für seine Mutter", aber kam dann jedes Mal mit einem neuen Paar runtergesetzter Clarks-Schuhe und sonst nichts wieder. Es stellte sich heraus, dass London ein weniger paradiesisches Shoppingwunderland ist als gedacht. Als wir dann am Dienstag die mehrstündige Tour zum Flughafen angetreten hatten, stellte sich heraus, dass easy Jet wegen drei Zentimetern Schnee sämtliche Flüge gestrichen hatte. Der Flughafen quoll über vor Menschen, die binnen Stunden das Aussehen und die hoffnungslose Ausstrahlung gestrandeter Flüchtlinge angenommen hatten und vergeblich versuchten, eine bequeme Position mit dem Kopf auf ihren stahlharten Rimowa-Koffern zu finden. Irgendwann kam die Durchsage, wir sollten uns doch anderweitig orientieren, hier gäbe es jedenfalls erst am 28. wieder einen Flug. Die meisten blieben trotzdem, wir sind wieder abgezogen. Easy Jet kann sich auf was gefasst machen. Per Telefon konnte L. uns dann mit viel Glück auf einem Flug gestern früh um sieben nach Hannover unterbringen, wo wir zwar auch nichts verloren hatten, aber angesichts dessen, dass ich schon kurz davor war, uns kurzschlussartig auf einen Flug nach Zürich zu buchen, war das ein gewaltiger Schritt nach vorne. Trotzdem klappte dank der Airline mit dem fröhlichen orangefarbenen Logo mit einem Mal mein ganzer dufter Weihnachtsplan in sich zusammen. Ich würde keine Zeit mehr haben, die versprochenen Weihnachtskekse für die Familie zu backen, keine Zeit, um für das Weihnachtsessen am 25. mit L.s Mutter einzukaufen, keine Zeit, einen Baum zu besorgen und die im Chaos verlassene Wohnung aufzuräumen, keine Zeit für letzte Geschenke, ob mit oder ohne Schottenkaro, keine Zeit, Weihnachtskarten zu schreiben und abzuschicken, keine Zeit für garnichts.
Gestern um halb fünf piepte der Wecker. Da war ich schon seit zwei Stunden wach und starrte mit panikgeweiteten Augen an die Decke unseres niedlichen Londoner Hotelzimmers. Egal, wie ich es drehte und wendete, das würde alles nichts werden. Es würde nur die vor dem Urlaub produzierten Heidesand-Kekse geben, bisschen mager als Geschenk. Dann noch ein paar Bücher, die L. besorgt hatte. Nichts von all den gut durchdachten Geschenkideen, die rote Wangen oder sogar ein Tränchen der Rührung in die Gesichter der angeheirateten Verwandtschaft zaubern würden. Und das mir, wo ich doch jedes Jahr bis zur letzten Sekunde in der Sorge lebe, ich hätte irgendwen nicht ausreichend oder sogar gar nicht bedacht und würde es erst unterm Baum merken. (Weihnachten ohne Geschenke ist für mich ein Traum, die totale Befreiung. Das wird zwar vermutlich nie passieren, aber träumen wird man ja wohl noch dürfen.)
Der Flug ging tatsächlich, und zwar nur mit einer halben Stunde Verspätung. Und während wir noch um unser Weihnachten jammerten, war eine Freundin schon emsig wie ein Weihnachtswichtel unterwegs, um für uns das Nötigste zu Essen und einen Baum zu besorgen. Alles klappte wie am Schnürchen, um zwei waren wir zuhause und hatten sogar noch die letzten zehn Minuten Öffnungszeit unseres Supermarkts erwischt. Zwar nicht genug, um für einen Festtagsbraten einzukaufen, aber genug für Toast und Schinken und Käse und ein paar Vitamine. Champagner zum Mitbringen hat L.s Mutter besorgt. Die Strumpfhose hatte keine Laufmasche, die Wimperntusche klumpte nicht, die Schuhe waren wie durch ein Wunder schon sauber und mussten nicht von Matschkrusten befreit werden, das Taxi kam pünktlich, und um sechs saßen wir bei L.s Familie unterm Baum, ein Glas Champagner in der Hand.
Bei L.s Onkel gibt es keinen Sekt, sondern Champagner und Diskussionen darüber, welche Sorte die beste ist. Es gab dieses Jahr aus Angst vor berserkerhaften Anwandlungen des Kleinen keine echten Kerzen, sondern elektrische. Es gab keine geordnete Bescherung, sondern irgendwann fingen alle an, auszupacken und sich gegenseitig immer mehr und mehr Geschenke in den Schoß zu werfen. Zwischendurch gingen wir zum Rauchen nach draußen und guckten auf den verschneiten Garten und die Alster. Während bei uns zuhause Weihnachten, so wie es immer war, nur funktioniert, weil alle Beteiligten durchgehend so tun, als wären meine Eltern immer noch Mama und Papa und wir immer noch Kinder oder Teenies, die heute ausnahmsweise mal länger aufbleiben und Wein trinken dürfen, waren wir diesmal erwachsen. Es gab alten Rotwein und Wild, und hinterher noch einen Whiskey. Es gab zwar wenig Rituale, aber es wurden Weihnachtslieder gesungen (es stellte sich heraus, dass wir alle weniger textsicher sind als gehofft) und es gab erwachsene Konversation über Berufe, Kinder, Essen und Reisen. Die Bücher kamen, so weit ich das sehen konnte, wider Erwarten gut an, und obwohl meine Geschenke von Zuhause von der Deutschen Post in Geiselhaft genommen sind bis nach den Feiertagen, habe ich trotzdem so viel wie sonst zum Auspacken gehabt. Es gab einen rührenden Brief vom kleinen Sohn meiner Cousine, der mein besonderer Freund ist, mit einem Foto, auf dem man sieht, wie er neben dem Playmobil Piratenschiff schläft, das ich ihm geschenkt habe. Das war schön. Der Bauch hat überhaupt nichts ausgemacht, und mit dem Kleinen habe ich Bücher angeguckt. Ich bin extrem froh und dankbar, dass ich keinen sentimentalen Durchhänger à la "ach, ob ich wohl jemals für ein eigenes Kind Piratenschiffe verpacke?" hatte. Reines Glück, aber dafür kann man ja manchmal am dankbarsten sein. Am Ende gab es sogar noch ein Taxi nach Hause.
Jetzt mache ich uns Weihnachtstoasties und koche Eier. Und dann freue ich mich darauf, wenn es dunkel wird und wir zum ersten Mal unseren Baum anzünden.

Zweinachten

Bei uns zuhause geht Weihnachten so:
Der Baum liegt seit Tagen hinterm Haus. Wenn es geschneit hat, klebt Schnee an den Zweigen, wenn es geregnet hat (ratet mal, was häufiger vorkommt) mit undefinierbarem braunem Schmodder vermischte Tropfen. Gegen zwei geht mein Vater in seiner Traditionsdaunenjacke hinters Haus, flucht ein bisschen und kommt drei Minuten später mit dem Baum ins Zimmer, während meine Mutter (klüger geworden mit den Jahren) sich an dem Punkt des Hauses beschäftigt, der am weitesten entfernt ist. Wegen des uralten Weihnachtsbaumständers, der noch nie richtig funktioniert hat, aber trotzdem nie ausgetauscht wird, dauert das Aufstellen ca. eine Stunde. Wichtig ist nicht nur, dass der Baum gerade steht, sondern die schönste Seite muss auch noch nach vorne zeigen, und trotzdem muss die hässlichste Seite ganz nach hinten, und die schönste und die hässlichste Seite liegen sich selten direkt gegenüber. Steht der Baum, wird er mit einem Gespinst von Angelschnüren fixiert, in die jeder von uns über die Feiertage mindestens einmal reinrennt. Dann plaziert mein Vater noch an mehreren Punkten des Wohnzimmers einen Eimer Wasser, man kann nicht vorsichtig genug sein.
Jetzt ist die Aufgabe meiner Mutter in der Waschküche/im Keller/im Kinderbadezimmer plötzlich erledigt, und sie kommt dazu, lobt den Baum und vor allem meinen Vater, wischt unauffällig den Schnee-und-Nadel-Matsch weg, und wir gehen in den Keller, um die acht Pappschachteln zu holen, in denen wir unseren Weihnachtsbaumschmuck aufbewahren. Seit ich über 30 bin, darf ich nämlich schmücken helfen und muss nicht mehr aufgeregt in meinem Zimmer sitzen, bis alles fertig ist. (Wie das bei ältesten Geschwistern oft ist, haben mein kleiner Bruder und meine kleine Schwester automatisch zur gleichen Zeit gleiche Rechte dazugewonnen.) Früher hat meine Mutter kleine rote Äpfel mit Speck eingerieben und an roten Schleifen an den Baum gehängt, aber während der Jahre, in denen wir einen Hund hatten, ist sie davon abgekommen, aus Angst, eines Morgens den Hund mit dem kompletten Baum im Schlepptau in seinem Körbchen zu finden, die Pfoten im Schlaf liebevoll um einen Speckapfel gewickelt. Also Äpfel ohne Speck, bunte Figürchen aus dem Erzgebirge, dicke grüne Kerzenständer und rote Kerzen. Wir sind ein Haushalt, in dem die elektrische Kerze noch nie auch nur einen Zentimeter Boden erobert hat, und das wird auch immer so bleiben. Ganz oben an die obersten Zweige unter der Spitze kommen der Engel in der Sonne und der Engel in der Wolke, sonst haben wir freie Hand. Weil es inzwischen sehr viele Figürchen sind, dauert das Schmücken eine Stunde. Langsam wird es dunkel, und meine Schwester kommt von ihrer Tour durchs Örtchen zurück, wo sie ihren 80 Freunden aus der Schulzeit Geschenke gebracht hat. (Mein Abijahrgang war größtenteils doof, Ausnahmen sind weggezogen oder in einem Fall inzwischen mit einer Frau verheiratet, die mich für vollkommen verrückt hält. Daher kann ich mich zuhause auf die Familie konzentrieren.) (Nun guckt nicht so, ich hab Freunde, massenhaft! Nur eben nicht in meinem Heimatdorf! So!) Jetzt verkriechen meine Schwester und ich uns in unserem alten Zimmer, bedrucken Packpapier mit selbstgeschnitzten Kartoffelstempeln (einmal haben wir sogar ein Rentier mit Geweih hingekriegt, während wir früher noch nicht mal einen Stern mit mehr als zwei Zacken - also genau genommen keinen Stern - schnitzen konnten, wir werden immer besser), sauen uns vollkommen ein und sitzen am Ende vollkommen fertig vor einem Stapel verpackter Geschenke. Dann ziehen wir uns an und schminken uns, während mein Bruder, der im Familienkreis plötzlich jedes Mal wieder 15 ist, vor dem Badezimmer rumkaspert und abwechselnd wissen will, ob der Anzug zu eng und er zu dick ist, und sich über unsere Schminkerei lustig macht. Meine taktvolle 48-Kilo-Schwester lobt meine Schuhe (immer klug bei Frauen mit Hormonquatschfigur), wir ordnen die Geschenke zum achten Mal (ich habe jedes Jahr bis zur letzten Sekunde Angst, ich hätte jemanden vergessen), ich schreibe noch eine Weihnachtsmail an eine alte Freundin, die ich zuletzt auf der Hochzeit und davor ca. zu Kriegsende gesehen habe, und dann ist es Zeit: Licht aus, Baum an, alle laufen in feierlicher Prozession die Treppe runter ins Wohnzimmer, bauen ihre Geschenke in nach Empfänger geordneten Häufchen auf, meinem Vater fällt jetzt plötzlich ein, in den Keller zu laufen und eine Flasche Sekt zu holen, und dann stoßen wir an, mit den großartigen alten Sektschalen meiner Eltern, die nur zu Weihnachten benutzt werden. Alle wünschen sich frohe Weihnachten, es gibt Küsschen links und Küsschen rechts und einen rührend verklemmten Händedruck/Schulterklopfer mit meinem Bruder, und wenn alle dem Baum ein Kompliment gemacht haben, dann darf der Jüngste anfangen. Das war früher mal der Hund, der immer ein in Geschenkpapier verpacktes Würstchen auspacken durfte. Jetzt ist es meine Schwester. Sie hat, wie gesagt, 80 Freunde im Dorf, alle schenken ihr etwas, es dauert Stunden. Gelegenheit für uns, mehr Sekt zu trinken. Dann kommt mein Bruder dran, der am schwierigsten zu beschenkende Mensch in der Familie, meistens gibt es von meiner Schwester und mir etwas mit Sportbezug und von meinen Eltern Hemden oder Krawatten oder sowas, der Ärmste, aber er scheint sich zu freuen. Dann ich, meine Mutter und mein Vater. (Mein Vater spielt eine ganz eigene Rolle bei der Bescherung, als letztes Jahr L. zum ersten Mal dabei war, konnte ich ihm exakt wie bei der Trueman Show auf die Sekunde vorhersagen, in welchem Moment er mit Schere und Weidenkorb anrückt und uns antreibt, das Geschenkpapier ordentlich zu entsorgen und was er dann als nächstes sagt und tut. Am 24.Dezember ist mein Vater ein gut funktionierendes Uhrwerk.) Und dann geht meine Mutter in die Küche und rührt ihre großartige, ungeschlagene Cocktailsauce zusammen, außerdem macht sie Sahnemeerrettich, denn bei uns gibt es zu Weihnachten seit achtzehn Jahren Lachs, Krabben, Bündner Fleisch und hinterher rote Grütze. (Vorher gab es achtzehn Jahr lang Fleischfondue, bis meine Familie es leid war, dass mein Vater und ich uns jedes Mal in die Wolle kriegten, weil ich so wahnsinnig viel davon essen konnte und er sich laut Sorgen machte, was das mit meinem damals auch noch ca. 45-Kilo-Körperchen anrichtet. Auch hier: Papa, das Weihnachtsuhrwerk. Übrigens ist der Plan trotzdem nicht aufgegangen, denn es zeigte sich: auch von Krabben, Lachs und Bündnerfleisch kann ich irre Mengen verdrücken. Aber wenigstens ist dabei kein brennendes Rechaud im Spiel, das von meinem Vater mit Feuerwehrhauptmannhaftem Eifer bewacht werden muss.)
Nach dem Essen tragen wir das heilige Weihnachtsporzellan in die Küche, räumen ein bisschen auf, ziehen unsere Weihnachtsschlafanzüge an, zünden die Kerzen am Baum noch mal an und setzen uns zwischen unsere Geschenke, um noch ein-zwei-drei Gläser Wein zu trinken und die ersten Seiten unserer Weihnachtsbücher zu lesen. Und am nächsten Morgen treffen meine Schwester und ich uns traditionell unterm Baum und essen eine Schüssel rote Grütze.
So geht Weihnachten bei uns. Obwohl es weder Gesang noch Kirchgänge einschließt, habe ich doch inzwischen das Gefühl bekommen, so und nicht anders muss Weihnachten sein.

Jetzt zeigt sich, Weihnachten geht auch anders. Wie genau, schreibe ich, sobald sich der Tippkrampf in meiner linken Hand gelegt hat. Aber ich kann schon mal sagen: der Bauch hat mir nichts getan. Überhaupt nichts!

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Ja, ist denn heute schon Weihnachten?

Eigentlich wollten wir schon vor zwei Tagen zurück sein. Eigentlich wollten wir noch in Ruhe einen Baum kaufen und Geschenke für L.s Verwandtschaft (meine ist zum Glück längst versorgt). Eigentlich sollte noch alle Zeit der Welt sein, um den Kühlschrank vollzupacken, denn eigentlich sollte morgen auch noch L.s Mutter zum Essen kommen. Eigentlich war der Plan perfekt. Bis easy jet sich geweigert hat, vorgestern irgendwen aus London wegzufliegen, und wir für eine Weile sogar dachten, wir kommen hier gar nicht mehr weg, jedenfalls nicht vor dem 28. Ich hatte mich innerlich schon auf Rock'n'Roll-Weihnachten im Hotel eingestellt. Und jetzt sind wir doch noch hier, heute morgen um sieben sind wir nach Hannover geflogen, dann mit dem Zug hierher, und eine Freundin hat uns sogar noch einen Baum besorgt.

Die letzten Tage waren ziemlich anstrengend. Aber heute Abend setzen wir noch einen drauf, denn dann gehen wir zu L.s Familie Weihnachten feiern, unter anderem mit der Frau seines Cousins, die Mitte März ihr zweites Kind erwartet. Mitte März. Da wäre ich auch fällig gewesen. Zum Glück gibt es Champagner, L.s Familie lässt sich nicht lumpen. Das lustige ist, ich habe noch keine Ahnung, wie das endet. Vielleicht ist das überhaupt nicht schlimm, sie mit Bauch und Mineralwasser in der Hand zu sehen (das Mineralwasser in der Hand kann mir wohl ohnehin wenig anhaben). Vielleicht kommen mir aber auch irgendwann die Tränen. Aber wenn, dann hoffe ich, es liegt nicht am Neid, sondern nur an dieser "alles hier erinnert mich an die Würmchen"-Situation. Zum Glück ist mein Leben ja eher arm an solchen Situationen. Außer an Weihnachten, dem Fest, an dem alles anders ist.

Heute kann ich leider nicht mehr schreiben. Es sind noch Haare zu fönen, Geschenke zu verpacken, Strümpfe zu finden und Freunde anzurufen, und um sechs müssen wir auf der Familienfeier stehen, mit gekämmtem Haar und sauberen Schuhen. Aber ich verspreche einen großen, prächtigen Weihnachtspost für die nächsten zwei Tage. Mindestens einen! Und dann wünsche ich uns heute Abend allen Champagner und die dazu passende Gemütslage. Frohe Weihnachten, Abkürzungshasen.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Die Küchenuhr läuft.

In der Küche läuft die Produktion von Heidesand im großen Stil seit zehn Uhr auf Hochtouren. Jedes Blech muss 15 Minuten im Ofen bleiben, nach zehn Minuten nehme ich die abgekühlten Plätzchen der letzten Fuhre vom zweiten Blech, schneide die gekühlten Teigrollen in dünne Scheibchen und präpariere das nächste Blech, so dass es sofort in den Ofen kann, wenn nach einer Viertelstunde die anderen Kekse fertig sind. Alles, was ich seit zehn Uhr tue, muss in dieses Zehn-Minuten-Zeitfenster passen. Ich habe innerhalb von zehn Minuten geduscht und mein Gesicht gewaschen und eingecremt, ich habe in zehn- Minuten-Schritten alle Päckchen für die Familie fertig gemacht, ich habe zwei mal zehn Minuten mit einer Freundin telefoniert, ich habe zwei zehn-Minuten-Emails geschrieben, und das hier wird ein zehn-Minuten-Post.

Noch fünf. Die To-Do-Liste ist noch so ungefähr eine Din A4-Seite lang, und gegen sechs werden wir das Haus verlassen, zum Flughafen fahren und bis Dienstag nach London fliegen. Ich hab noch nicht gepackt, ich war noch nicht auf der Post, um meine Weihnachtspäckchen loszuschicken (weiter als zehn Minuten entfernt, deshalb), ich war noch nicht bei Budni, um mir endlich neue Wimperntusche zu kaufen, ich hab... ach, egal. Wieso hab ich eigentlich trotzdem gerade das schöne Gefühl, dass das alles laufen wird und ich genau um sechs den Koffer zumache, die Jacke anziehe und von allen To-Dos-Befreit losziehen kann?

Hasen, L. will diesmal seinen Mini-Rechner nicht mitnehmen, und ich glaube, mal gehört zu haben, dass man schnell Haus und Hof verschleudert, wenn man im Ausland mit seinem Iphone im Internet ist. Darum weiß ich noch nicht, ob ich aus dem Urlaub schreibe. Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut. Und wenn ich wiederkomme, ist Weihnachten - Zeit des Glühweins, des Tannendufts und der langen Stunden am Rechner.

Noch null. Plätzchen fertig, Post auch.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Alle haben es gesagt, aber ich hab's nicht geglaubt

Jo hat Recht. Wenn es einmal läuft, dann läuft es. Schon ist das erste frei verdiente Geld auf dem Konto. Und der Laden, in dem ich gerade zwei Tage war, will mich unbedingt wieder buchen. Ich werde jetzt kein Auto leasen oder größere Geldsummen in Uran investieren (oder in Schuhe, Himmel, habt ihr auch gesehen, dass Christian Louboutin nach Hamburg kommt, und das mir mit meinem Hackenfetisch! Würde übrigens auch albern aussehen beim Zustand meiner restlichen Garderobe, schwarze Superpumps zu Wollpulli und tatsächlich vom Mann geerbter Boyfriend Jeans, nein... wobei?), aber ich glaube wirklich, jetzt ist Land in Sicht.
Pech für die Silberrücken, hihi.

Ich und mein HCG-freies Blut sitzen vorm Rechner und genießen den ersten Abend der kleinen Ferien. Wohin jetzt mit meiner Freiheit? Morgen bezahlt mich niemand fürs Aufstehen, die Welt steht mir offen heute Nacht! Hat jemand schon den neuen Woody Allen Film gesehen? Und wie ist eigentlich das Essen in diesem so unglücklich benamten mongolischen Restaurant "Mongos"? Oder um ausnahmsweise Tomte zu zitieren, "Wie sieht's aus in Hamburg, ist das Wetter noch intensiv? Sind die Bars noch laut wie Kriege?"

Im Keller wiehert mein Fahrrad und scharrt nervös mit den Reifen.

(Sie dreht durch. Wie angekündigt: kaum ist auch nur der kleinste Silberstreif am Horizont, schon fühlt sie sich als Sieger. Bedauernswert.)

Montag, 14. Dezember 2009

Leider bin ich zu alt, dass meine Mutter mir eine Entschuldigung schreibt

und muss es deshalb selbst tun.

Sehr geehrte Damen und Herren,
bitte entschuldigen Sie mein kürzliches Fernbleiben vom Blog. Die letzten Tage waren hektisch, betriebsam und extrem arm an Momenten, in denen ich
a) dringend etwas loswerden musste zum Thema Kinderwunsch und
b) unbeaufsichtigt von Menschen, die mich dafür bezahlen, dass ich über alles außer Kinderwunsch nachdenke, an einem netzfähigen Rechner war.

(außerdem hatte ich, ahämm, meine Tage. Seit inzwischen genau genommen 16 Tagen.)
Die bezahlen mich schließlich nicht fürs Bloggen und Schnattern, sondern für strategisch sauberen Business-Trara, und den sollen sie auch kriegen.

Es tut übrigens nach wie vor unendlich gut, wieder eigenes Geld zu verdienen. Auch wenn ein Großteil davon demnächst in den Rachen der Krankenkasse wandern wird und die andere Hälfte schon fast komplett für Weihnachtsgeschenke verplant ist. Aber dann kommen andere Jobs und neues Geld, ich hab das im Gefühl. Die Strähne reißt nicht ab. Vor zwei Tagen habe ich mit einer alten Freundin gesprochen, die inzwischen in einer anderen Stadt wohnt und die jetzt schon ganz aufgeregt ist, dass ich vielleicht demnächst tageweise für ihren Mann arbeiten könnte. Ich weiß nicht, wieso, aber ich glaube, das klappt.

Und wieder mal stehe ich vor der Frage: mach ich das mit dem festen Job, oder jage ich weiter dem Gespenst vom Freiberufler-Paradies hinterher mit Nachmittagen in der Sauna, Nächten beim Franzosen und spontanen Kurzurlauben, gefolgt von doppelt und dreifach bezahlten Superbuchungen? Eieiei. Nicht leicht. Vor allem auch deshalb nicht, weil der feste Job immer noch nicht ganz so fest ist. Die melden sich einfach nicht. Hab ich was falsch gemacht? Roch ich schlecht? Aber wieso dann der herzliche Abschied? Erleichterung, dass Stinki endlich geht?

Nun muss ich mich aber konzentrieren und in meinem Kopf kramen, ob ich Kinderwunsch-News habe. Ach ja, habe ich. Heute war ich beim Bluttest, HCG ist unter der Nachweisgrenze, yippie, dafür habe ich jetzt Blutflecken in der Ellenbeuge meines Lieblingsrollis, weil ich wegen meiner Pflasterallergie immer nur einen Tupfer kriege und das mal zwei Sekunden, mal fünf Minuten dauert, bis nichts mehr kommt, und heute war ein Fünfminutentag. Wieder mal wurde es 16:00, und ich hatte immer noch keine Nachricht aus der Klinik. Also habe ich da angerufen, und die Dame am Telefon sagte mir: "Ja, dann sehen wir uns also im Januar, sagen Sie mit der nächsten Blutung Bescheid, dann starten wir Crinone und nehmen den nächsten Kryo-Zyklus in Angriff.Bis dahann!"
So sicher bin ich mir da noch nicht, wisst ihr?

Ich dachte ja, falls es nicht klappt diesmal, müssen wir mal den Dingen stärker auf den Grund gehen bzw. den Myomen an den wulstigen Kragen. Ich dachte, jetzt kommen Ultraschalls, vielleicht wieder eine Bauchspiegelung und ähnliches. Und jetzt einfach weitermachen? Hm.

Und L.s Mutter hat am Telefon gesagt, ein Hund für uns wäre zwar auch nett, aber sie würde lieber ein Enkelkind hüten. Ja gut, dann gibt das den Ausschlag, nichts wie ran, oder?

Samstag, 12. Dezember 2009

Der zweite IVF-Stammtisch

Zurück vom zweiten Abkürzungs-Stammtisch in Hamburg. Ein bisschen angetüdelt, aber nicht zu schlimm zum Schreiben, es steht nicht zu befürchten, dass ich hier irgendwelche Dummheiten poste. Und natürlich haben wir Damen allergrößten Wert darauf gelegt, dass uns das alles nicht unterkriegt, und das tut es auch tatsächlich nicht. Wir sind nicht allein! Aber mir fiel bei der Gelegenheit ein Ereignis wieder ein, von dem ich noch gar nicht berichtet hatte:

Man stelle sich vor, 60ster Geburtstag meiner Mutter, die Familie ist komplett versammelt, samt den drei niedlichen Kindern meiner Cousinen. Der Große meiner älteren Cousine ist mein spezieller Freund. Also haben wir mehrere Stunden auf dem Wohnzimmerteppich sitzend verbracht, mit Spielen und Lego, und das war sehr nett. Ich schreibe das jetzt noch mal, damit hier auf gar keinen Fall der irreführende Eindruck entsteht, ich hätte innerlich gelitten wie ein Hund, mich ständig gefragt "Warum ich?!?" oder dergleichen. Das war sehr nett!
Bis zu dem Moment, in dem mein Blick nach oben schweifte (in Treppenstufen gebautes Haus, alle sehen ständig alles von irgendwoher) auf die Brüstung des Esszimmers. Dort hingen meine Mutter, mein Vater und meine Schwester und beobachteten mich mit einem Ausdruck, als würden mir da unten gerade die Zehennägel gezogen. "Die ÄRMSTE!" sagte der Blick. "Das muss die HÖLLE für sie sein!"

Und das war dann die Hölle. Der Kleine ganz bestimmt nicht. Aber Geburtstagskinder dürfen alles, da ist meine Mutter keine Ausnahme, und außerdem hat sich meine Familie sowieso schon dreizehn Orden verdient dafür, dass sie mich nicht löchern und nerven und bemitleiden, jedenfalls normalerweise nicht.

Und jetzt kann ich nur alle Hamburger Abkürzungs-Damen, die meine Aversion gegen das VaPiano am Rothenbaum teilen, einladen, sogar dringend einladen, beim nächsten Mal dabei zu sein, wenn es heißt: hoch die Tassen für die gute Sache der abkürzungsbefeuerten Kindermacherei.
Das war nämlich sehr schön, und wer nicht dabei war, hat was verpasst.

Donnerstag, 10. Dezember 2009

Man fasst es einfach nicht.

Zwar lässt der Silberrücken und seine Bande sich reichlich Zeit mit dem Rückruf, der doch eigentlich gestern Vormittag kommen sollte. Aber kratzt das hier irgendwen? Mich jedenfalls nicht. Denn ich war nicht nur letzten Freitag, diesen Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag gebucht, sondern Montag und Dienstag gleich schon wieder. Kein Mensch weiß, in welchen Löchern die sich bisher alle versteckt hatten. Das ist wirklich eine meiner ungünstigsten Eigenschaften: kaum läuft es wieder einigermaßen, habe ich fürchterliches Oberwasser und reiße schrecklich die Klappe auf. Bisher habe ich mit all diesen Aufträgen weniger verdient als früher in einem Monat, was ja auch vollkommen ok ist für ein paar Tage Arbeit, aber schon fühle ich mich wie Graf Koks und würde mit am liebsten mit Zehneuroscheinen dicke Zigarren anzünden. Es fühlt sich so großartig an, nicht mehr die Wände hochzugehen und mich genau deshalb den ganzen Tag auf den Straßen rumzutreiben, wo mir ganze Rudel von Muttis um die Ohren schieben, und ich kann euch sagen, das macht jeden mürbe und selbstmitleidzerfressen, da kann man sich sonst was vornehmen oder verkneifen.

L. ist auch glücklich. Es geht uns sofort um Längen besser, seitdem ich morgens aus dem Haus gehe und etwas tue, wofür ich nicht nur gebraucht, sondern auch bezahlt und gelobt und gepudert werde.
Sollte der Traum doch noch wahr werden, in Zukunft jede Woche drei Tage zu arbeiten, mich am Ende von allen fröhlich zu verabschieden und bis zur nächsten Buchung im gleichen Laden nie wieder einen Gedanken daran zu verschwenden? Und nebenbei am Rechner irgend etwas anderes auszuhecken? Hm.

Auf der anderen Seite die verlockende Aussicht, in Zukunft sieben Tage die Woche zu arbeiten, niemals gelobt und gepudert zu werden, und L. so selten zu sehen, dass ich ihm einen Brief schreiben muss, wenn ich wissen will, ob er glücklich ist, nur WANN? verdammt noch mal soll ich den schreiben???

Mit den Buchungen schmort jetzt aber auch gerade die Zeit bis Weihnachten gewaltig zusammen. Denn vorher müssen wir noch sechs Tage Urlaub unterkriegen, falls es mit den Silberrücken klappt, den letzten bis Juli, und ich muss noch Weihnachtseinkäufe machen, einen Weihnachtsbaum und endlich wenigstens zum dritten Advent einen Adventskranz (sonst heule ich, hilft ja nichts), ich muss die Plätzchen backen, die ich L.s Mutter und seiner restlichen Familie kiloweise versprochen habe, ich muss mir etwas zum Anziehen kaufen, worin ich so passabel aussehe, dass mir die Leute im Urlaub nicht aus Mitleid Kleingeld in den Kaffee werfen, und ich muss.... ach.

Das Beste an all dem Geraffe und Gemache ist, dass ich wieder mal nicht zum Nachdenken komme. Denn mein Unterleib entwickelt sich wieder mal zu etwas, wovon man sonst widerwillig in irgendwelchen Brigitte-Dossiers liest. Ich blute immer noch. Die Blutungen gehen morgen in den vierzehnten Tag. Es zwickt und grummelt. Ich hasse das, aber zum Glück komme ich nur fünf Minuten am Tag dazu, es zu hassen, denn in den restlichen 23 Stunden und 55 Minuten habe ich andere Sachen zu tun.

Die Uhr läuft bis zum Stammtisch.

Ich kann nur noch mal alle Abkürzungs-Damen aus Hamburg, die Lust haben, dabei zu sein, bitten, mir auf wunschkinder.net eine Botschaft an Eiertaenzerin zu schreiben. Denn die Planung, wann und wo, läuft bereits auf Hochtouren.

Aber selbst, wenn es bei der kleinen Runde bleibt, die sich bisher gemeldet hat: ich freu mich sehr auf euch. Nach den letzten Wochen kann ich kaum irgend etwas besser brauchen als eine Runde Weiber, die nach dem ersten Glas Rotwein auch alle soooo eine Klappe haben, dass wir uns ja wohl von so ein paar dämlichen Hormonen nicht unterkriegen lassen, pah -

wir doch nicht.