Montag, 27. Juli 2015

Kamillentee, irgendwer?

In den Jahren nach dem Abi habe ich an Wochenenden und in den Semesterferien in einem Altenpflegeheim gejobbt. Die Schwestern haben alle geraucht wie die Schlote. Ich damals bei jeder sich bietenden Gelegenheit auch gerne, aber nicht während der Arbeit, das fand ich eklig. Zum Einen fing die Schicht barbarisch früh an, und so weit war ich dann doch noch nicht, mir morgens um sechs die erste Fluppe anzuzünden. Zum Zweiten kam ich mir komisch vor, inmitten all der medizinischen Geräte, der Spritzen und der teilweise fies hustenden Alten. Aber es dauerte nicht lange, da war mir klar, warum die Schwestern darauf keine Rücksicht mehr nahmen. Nur wer rauchte, hatte echte Pausen. Denn es gab kein anderes Mittel, sich innerhalb der erbärmlich kurzen und erbärmlich dünn gesäten Pausen nach all der Knochenarbeit wirklich zu entspannen. Jeder, der raucht, kennt das: man nimmt im dicksten Stress einen Zug und wird sofort ruhiger. Außerdem kamen die Alten sofort angelaufen, wenn sich eine Schwester im Schwesternzimmer niederließ. Eine vermisste ihre rosa Strickjacke, ein anderer wollte am Nachmittag gerne einen Einlauf, eine dritte juckte es am Rücken, und viele wollten einfach nur ein Schwätzchen halten oder nach ihrem seit Jahrzehnten toten Ehemann fragen. All diese Anliegen richteten sie aber nie an eine Schwester, die gerade rauchte. Beim Kaffee trinken, Brötchen essen oder mit toten Augen vor-und-zurückwippen durfte man stören, beim Rauchen niemals. Und so suchte ich Strickjacken, hielt Schwätzchen, notierte und verabreichte Einläufe und versprach, Grüße an tote Ehepartner auszurichten, wenn ich sie sähe. Das war völlig in Ordnung, ich war erstens die Dienstjüngste und zweitens nur am Wochenende und in den Ferien da. (Die unter den Schwestern beliebteste Zigarettenmarke war übrigens HB. Es waren raue Zeiten.)

So wie den Schwestern damals mit den Zigaretten ging es mir in den letzten Wochen mit meinem abendlichen Wein. Kaum hatte ich abgestillt, war er da. So gut wie alle Eltern kleiner und kleinster Kinder werden das bestätigen können: zwar gibt es eine Reihe von Schlüsselreizen, die einem deutlich sagen "die Kinder haben Sendepause, jetzt, meine Liebe, in diesen ein-zwei Stunden, bis du ins Bett fällst, bist DU mal dran". Die Tatort-Melodie gehört bestimmt für manche dazu, oder ein schnell-schnell Legofrei geräumtes Wohnzimmer. Aber nichts, zumindest nichts, wovon ich wüsste, wirkt so schnell und zuverlässig wie ein Glas Wein. Oder Gin Tonic, oder was weiß ich was andere Leute so trinken, aber jedenfalls: Alkohol. Alkohol ist erwachsen und Freizeit und Feierabend und Entspannung und Anregung und all das, woran es den Tag über trotz aller fanatischen Kinderliebe gefehlt hat. Hätte mir das jemand wegnehmen wollen, hätte ich mit Panik und heftiger Aggression reagiert. Meins! Das bisschen ist jetzt mal meins! Das beschlagene Glas, die Eiswürfel und ihr leises Klirren, das schöne Korkengeräusch, das gehört mir.
Und niemand hat es mir wegnehmen wollen. Weshalb ich es jetzt eben selbst tue. Denn ich fand in den letzten Tagen, es wurde ein bisschen viel. Ich bekomme schon von wenig Wein leicht üble Kater, manchmal sogar Migräne. Ich kann auch nicht schlafen. Das heißt, ich kann sowieso schon nicht schlafen, mit zahnendem Baby noch weniger, und die paar Stunden, die dann noch bleiben, radieren zwei Glas Weißwein (oder mehr, Schockschwerenot) zuverlässig aus. Das würde eigentlich schon fast reichen, um es zu lassen, zumindest bis die Zähne da sind. Dann habe ich festgestellt, dass ich seit der Wiedereinführung des Feierabendweins noch viel häufiger auf die Uhr gucke. Angefangen um zehn Uhr früh habe ich jeden Tag bestimmt zwanzig Mal die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und die Eiswürfel im Glas. Und ich fand es schade, denn eigentlich habe ich doch keine Kinder bekommen, um sie jeden Tag aufs Neue schleunigst aus dem Weg zu wünschen? Klar war das alles anstrengend und oft überfordernd und frustrierend, aber... ich fand den Tunnelblick auf die Cocktailstunde gruselig. Und darum habe ich seit letztem Mittwoch das mit dem Feierabendwein gelassen. Ich habe beschlossen, das nicht als Selbstbestrafung oder Erziehungsmaßnahme zu betrachten, sondern als Erholungspäuschen. Und es tut mir ehrlich gut, von Anfang an. Ich habe ein paar Lieblingsgetränke aus der Schwangerschaft und Stillzeit reaktiviert (kalter Karo-Kaffee mit Milch und Eiswürfeln! Klirrt auch sehr schön!), ich schlafe besser, ich bin entspannter und fröhlicher und geduldiger mit den Kindern, und ich stelle überrascht fest, dass ich plötzlich mehr Feierabend habe. Zwar fehlt mir der erste Schluck Wein schon, nachdem die Muckelchen selig schlafend in ihren Betten liegen. Aber der Rest des Abends dauert ohne Alkohol einfach länger: die Zeit vergeht nicht so fix, ich muss mir neue, anders entspannende Tätigkeiten überlegen, und wenn ich weiß, dass mich kein Weißwein um den Schlaf bringt, traue ich mich auch wieder, länger aufzubleiben.
Und ich mache das jetzt erst mal so, mal sehen, wie lange.

Ich war noch nie in Harrys Bar in Venedig (nicht gerade für Selbstdisziplin beim Essen und Trinken berühmt), aber ich habe das Kochbuch schon ein paar mal von vorne bis hinten durchgelesen. Jedes Jahr im Winter feiern sie mit allen Stammgästen ein großes Fest, fressen und saufen die Vorräte leer und hängen am nächsten Tag ein Schild in die Tür: Geschlossen für Kamillentee. Dann bleibt die Bude für ein paar Wochen dicht, und danach eröffnen sie neu - mit frischen Vorräten, rosigen Wangen, ein paar Pfündchen weniger und neuer Lust an gutem Wein und noch besserem Essen. So in etwa denke ich mir das.

Mittwoch, 22. Juli 2015

Raider heißt jetzt Twix. Aber sonst ändert sich nix.

Liebe Abkürzungsdamen, Demnächst-Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen,

heute Nacht irgendwann um drei konnte ich nicht mehr. Ich war um elf ins Bett gegangen. Der Kleinste hatte eine Flasche um sieben bekommen, eine um zehn, eine um halb zwölf, eine um halb eins, eine um zwei, und um drei brüllte er schon wieder und ließ sich weder durch Rumtragen noch durch Gesang oder durch Zahn-Kügelchen beruhigen. Fieber hatte er keins, streckte aber gierig die Händchen nach dem halbleeren Fläschchen auf dem Fensterbrett aus. Zwar sind sowohl L. als auch ich sehr verfressen (jeder auf seine Weise), aber DAS war selbst bei einem Kind von uns ein bisschen viel. Und die Nächte davor waren nicht viel besser gewesen. L. bleibt von dem ganzen Sums weitgehend verschont; meistens schlafen wir in zwei Zimmern und ich bei dem Baby, das ist zwar nicht ganz fair, aber trotzdem finde ich, alle Fairness der Welt ist es nicht wert, dass wir beide um den Schlaf kommen.

Trotzdem war jetzt genug genug. Ich packte mein Bettzeug und meine Wasserflasche, weckte L. aus tiefstem Schlaf, erklärte ihm, dass er ab hier und jetzt übernehmen musste, und verzog mich mit Ohrenstöpseln auf den mit Betten gut ausgestatteten Dachboden. Dort schlief ich friedlich bis halb acht. Und als ich wieder herunterkam, empfing mich L. mit strengem Blick. Ich hatte mein Telefon neben dem Bett liegen gelassen, als letztes hatte ich Kommentare zum letzten Post gelesen (vielen Dank auch), und er hatte Safari geöffnet und war stinksauer. Es ist nämlich so: wir hatten das besprochen. Irgendwann hatten wir mal entschieden, dass im Blog die Kinder nicht mit echtem Namen auftauchen. Dafür haben wir eigentlich beide gute Gründe. Eine Weile lang habe ich das auch so gemacht, mein Großer hieß dann Huckleberry oder wie auch immer. Irgendwann war mir das lahm erschienen und anstrengend, und es passierte ja auch nichts Bedrohliches, und ich dachte mir, was soll's. Nur hatte ich das nicht mit L. besprochen, da war ich wohl zu lässig für.

Um es kurz zu machen, ich hab nämlich heute Abend noch eine Menge vor: er möchte nicht, dass die Jungs hier mit echtem Vornamen auftauchen. Ich war erst ein bisschen angefasst, aber dann habe ich eingesehen, dass diesmal ausnahmsweise ich die bin, die Mist gebaut hat. Und so weit das noch möglich ist, möchte ich das rückgängig machen. Darum werde ich den Rest des Abends damit verbringen, die Namen der Jungs aus den Posts zu tilgen. Und damit ich sie nicht B Punkt und J Punkt nennen muss, nenne ich sie nach zwei meiner Lieblings-Kinderbuch-Helden Kalle und Michel. B punkt ist Kalle, J Punkt ist Michel.

Dann mal los.

Montag, 20. Juli 2015

Lieber Kalle, dieses Glas Wein trinke ich auf Dich.

Jetzt vor zwei Jahren lag ich in einem erfreulich klinischen Kreißsaal des UKE, und eine Oberärztin namens Flumpi nähte mir gerade den Damm. Das war ziemlich viel Arbeit, in der Zeit stricken andere einen Pulli, aber am Ende hat sie es geschafft, und sowieso habe ich nicht allzu viel davon mitbekommen, denn auf meinem Bauch lag Kalle. Nach vier Jahren Gemurkse und Gemache und Gewünsche und Gehoffe lag er tatsächlich da, alles war dran, er war genau richtig groß und schwer und prächtig und lebendig. Und das ist er heute, zwei Jahre später, immer noch: genau richtig. Richtig quirlig und richtig neugierig und richtig lieb und richtig frech und richtig verfressen und richtig großzügig und richtig lebendig, vor allem das.
Heute war der erste Geburtstag, von dem er überhaupt etwas mitbekommen hat. Eigentlich werden Geburtstage in der Kita gefeiert, mit einer selbst angezündeten und selbst ausgepusteten Kerze, einem besonderen Geburtstags-Zug und einer Krone, und jetzt hat ausgerechnet ab heute die Kita Sommerferien, und nüschte ist es mit dem Kita-Geburtstag. Das mussten wir natürlich wettmachen. Gestern Abend hing ich etwas kurzatmig in den Seilen, nachdem ich unfassbar viele Luftballons aufgepustet habe (ich empfehle allen Müttern die Anschaffung einer Ballonpumpe), aber ich hatte einen Kuchen mit bunten Streuseln und ein paar sorgfältig ausgesuchte und sogar eingepackte Geschenke (wer einmal gesehen hat, wie mies ich im Geschenke einpacken bin, wäre grundsätzlich dagegen, dass ich überhaupt Kinder bekomme. Direkt nach dem Top-Albtraum-Job, bei H&M Kleider zusammenlegen zu müssen, käme der zweite Albtraum-Job, in einem Laden das Gekaufte als Geschenk verpacken zu müssen). Am Ende hat Kalle das Mutterherz erwärmt, indem er sich am meisten über den Kuchen und die Ballons gefreut hat, aber er hat auch den halben Tag mit dem Playmobil-1-2-3-Forsthaus und dem Aquadoodle gespielt. (Ihr wisst nicht, was ein Aquadoodle ist? Na gut. Vor zwei Jahren und zwei Wochen wusste ich auch noch nicht, was ein Maxi-Cosi ist, und offensichtlich weiß ich bis heute nicht, wie man ihn schreibt.)(Jedenfalls ist ein Aquadoodle so eine Art Matte, auf der man mit einem Stift malen kann, der nur mit Wasser gefüllt ist und deshalb nicht die Möbel ruiniert. "Braucht man sowas?" Ich finde, man braucht das.)

Ich habe mir vorgenommen, heute mal nichts über Dankbarkeit und Undankbarkeit und den ganzen Dunstkreis dieser Themen zu schreiben, sondern einfach nur über den Tag. Und der sieht gerade so aus: ich sitze hier unten in meinem Ohrensessel, meinen Rechner auf dem Schoß, und sowohl der Rechner als auch ich fühlen uns gut aufgeladen und bereit für so ziemlich alles. Neben mir im Regal steht ein Glas Weißwein mit Eiswürfeln, und noch viel wichtiger: oben in zwei weißen Gitterbettchen liegen zwei kleine Jungs, der eine im Schlafsack, der andere schon im Schlafanzug und mit Bettdecke und Kissen. Kalle kann inzwischen solche Wörter sagen wie Betonmischer, Eichhörnchen oder Buchecker, er besteht weiterhin darauf, dem Lehrbuch widersprechend Chili und Lakritz und solche Sachen zu mögen, er spielt gerne mit Wasser, beobachtet Tiere und macht sich dazu für kleine Tiere ganz klein (für Schnecken legt er sich auf den Bauch und stützt das Kinn auf), lernt gerade die Bedeutung des Wortes "Gemütlich" und macht mir jeden Tag auf hundert Arten klar, dass es das alles wert war: die Spritzen, die Ängste, die Kilos, die Rechnungen für nix, die OPs, die Pleiten und die Superpleiten und das, was danach kam. Ich weiß, so funktioniert es nicht, aber für ihn hätte ich auch die doppelte Ladung Pleiten auf mich genommen. (Dazu hab ich auch noch was zu erzählen, bestimmt bald. Bitte haltet mich nicht für doof oder vergesslich oder beides, ich weiß genau, dass man es so nicht sehen darf... wie gesagt, ein andermal, heute fühlt es sich so an.) Michel wechselt gerne im Schlaf alle fünf Minuten die Position, dann knallt die Schiene an die Gitterstäbe und es gibt einen Mordskrach, der mich früher immer aufgescheucht hat, inzwischen winke ich ab, wenn hier die Eiswürfel im Glas klirren. Kalle dagegen sucht sich einfach die unbequemste Position, die im Bett möglich ist, und bleibt dann die ganze Nacht so liegen, lässt sich aber bereitwillig umbetten, sagt einmal kurz und verschlafen "Mama" und ratzt einfach weiter.

Und Mama, das bin dann wohl ich.

Mittwoch, 15. Juli 2015

Auf bessere Zeiten! Und warum jetzt wirklich alles besser wird. Ganz bestimmt.

1. Nein, das Wunder der durchgeschlafenen Nacht hat sich nicht wiederholt, auch nicht annähernd. Aber ich arbeite dran. Mit etwas flexiblerer Bettzeit für Kalle, die dazu auch noch für mich entspannter wird, weil L. sich angewöhnt hat, ihn ins Bett zu bringen. Mit einem sättigenden Abendbrei für Michel, zusätzlich zum Fläschchen, den er mir zwar am Anfang entrüstet um die Ohren gespuckt hat, aber inzwischen zu mindestens 50% isst (wobei der Rest gleichmäßig in seine Haare geschmiert wird, die sonst eigentlich kaum vorhanden zu sein scheinen, bis er mit dem Brei anfängt, woraufhin sie plötzlich geradezu buschig wirken. Jede Menge Frisur! Mit jeder Menge Platz für Brei!), mit einer ganz guten Mischung aus Abenden, an denen ich um acht im Bett liege, und solchen, an denen ich so ziemlich das Gegenteil tue. Sapristi, wenn ich und meine Augenringe so weiter machen, dann hält mein Touche Eclat jetzt doch bis nächstes Frühjahr!

2. Außerdem mit einer Gute-Nacht-Routine oder etwas, was sich einer Routine annähert - so dass ich inzwischen mit ziemlicher Gewissheit weiß, um halb acht schläft wenigstens Michel, Kalle ist bei L. in guten Händen, und ich kann theoretisch um zwanzig vor acht in der Bahn Richtung Mädchenabend sitzen, ohne dass es vorher noch zu Verantwortungsdiffusion und Schreierei kommt.

3. Michel krabbelt und zeigt keine Neigung, wieder damit aufzuhören. Die Grundgesetze der Physik müssen auch für ihn gelten, irgendwann demnächst muss er abends einfach körperlich erschöpft genug sein, dass es bis zum nächsten Morgen reicht!

4. Michel sitzt außerdem, und er steht. Er robbt auf das Sofa zu, greift einmal zu, wackelt noch ein bisschen in den Kniekehlen uuuuuund - steht. Wenn es drauf ankommt, zehn Minuten lang, und auch den Rückweg auf den Boden meistert er inzwischen immer öfter. Aber wer sitzen, krabbeln und stehen kann, ist doch kein Baby mehr? Aus unserem Baby wird ein Kleinkind. Und während ich weiß Gott keine gute Babymama bin, eine gute Kleinkindmama kann ich sein.

5. Das Haus zu verlassen, wird immer einfacher. Der erste Schritt war, kein abgekochtes Wasser mehr zu brauchen. Als Nächstes können die Fläschchen insgesamt zuhause bleiben, Michel kriegt dann einfach ein Rosinenbrötchen in die runde Faust gedrückt und gut. Mit katastrophalen Windel-GAUs ist auch kaum noch zu rechnen, ich brauche also nur noch eine Windel und eine Wechselgarnitur, die ich in 87% der Fälle genau so zuhause wieder ins Regal sortiere. Und mittlerweile habe ich das Hamburger Budni-Netzwerk im Blut und weiß, egal wo ich hingehe, zwischen acht und 20 Uhr bin ich nur wenige Schritte von einer Drogerie entfernt, die es mir netterweise ermöglicht, kostenlos und unkompliziert mein Kind dort zu wickeln, und zwar ohne eigenes Material mitbringen zu müssen.

6. Jede Grenzerfahrung mit Kindern macht uns stärker. Letzte Woche z.B. haben wir nach der wunderschönen Hochzeit meiner Schwester im tiefsten, gluthitzigsten Bayern beschlossen, dass die Kinder und ich wohl angesichts von aufreißenden Autobahnen, Horrorstau und all dem Wahn lieber nicht mit L. im Auto zurück nach Hamburg fahren, sondern per Bahn. Das Ergebnis war, dass L. um halb sieben nach ereignisarmer bis langweiliger, wohlklimatisierter Fahrt zuhause war und wir um halb eins nach einer Irrfahrt in defekten, 55 Grad heißen ICEs, Bäumen auf den Schienen und endlosen Umleitungen durch die Walachei. Aber auch das hat geklappt, wir sind angekommen, alle sind noch heil, und nun habe ich wieder etwas, worauf ich zwar keine Lust habe, aber was mir keine Angst mehr macht. Zwölf Stunden Bahnfahrt mit Kleinkindern incl. Doppelkinderwagen und zigmal umsteigen: kriegen wir hin.

7. Es kommt vor, dass ich mich nach ein paar Minuten verdächtiger Stille frage, wo eigentlich Kalle steckt. Einmal darf ich raten: am Bücherregal, vertieft in irgend ein Bilderbuch über Bagger, Einschlafen, Tiere oder was auch immer. Er klettert alleine auf den Lesesessel, sucht sich etwas aus, sitzt dann da und liest. Ist das nicht wunderbar? Eines Tages sitzen wir zusammen auf dem Sofa, er mit seinem Buch, ich mit meinem, und streichen uns alle paar Seiten liebevoll übers Haar.

8. Jede Woche können die zwei ein bisschen mehr miteinander anfangen. Stehe ich z.B. unter der Dusche und Michel in seinem Gitterbettchen und nölt, und das Nölen hört plötzlich auf, so dass ich tropfnass ins Schlafzimmer haste, um sicher zu gehen, dass er noch atmet, dann steht dort Kalle auf der anderen Seite des Gitters und macht Faxen, und Michel beobachtet ihn hingerissen. Sitzen sie zusammen im Doppelkinderwagen, halten sie Händchen.

9. Während ich hier sitze und tippe, hat L. zu tun: er muss sich bis heute Abend fieberhaft überlegen, welches von drei möglichen Lastenfahrrädern er gerne von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen würde: das Babboe Curve mit E-Motor, das Nihola family oder ein Christiania light? Das sind drei fabelhafte, grundsolide Fahrräder, die vorne einen großen Kasten haben, in den man nicht nur die Kinder, sondern auch noch den Hund setzen kann. Wer in letzter Zeit mal in Kopenhagen war, hat sie dort bestimmt in rauen Mengen herumfahren und die Radwege verstopfen sehen. Wenn das nicht auf großen Spaß mit kleinen Kindern herausläuft, weiß ich es auch nicht. Vor uns liegt ein Sommer voller Ausflüge, Fahrtwind, Picknicks, Muskelkater und Abenteuer.

10. Es muss einfach. Und ich weiß, dass es besser wird.


Mittwoch, 8. Juli 2015

Rakete auf Schienen

Muss ich auch nur zwanzig Minuten stehend und eingezwängt in einer engen Ubahn aushalten, könnte ich durchdrehen. Die Vorstellung, durch einen engen Tunnel zu kriechen, der gerade mal so breit ist wie ich, ist für mich eine der schlimmsten. Ich flippe ja schon aus, wenn sich ein Nachthemd nachts um mich wickelt! Wie es sein muss, monatelang ein Bein komplett in Gips zu haben und auch hinterher drei Monate lang rund um die Uhr eine Fußfessel zu tragen, mag ich mir kaum vorstellen. Egal, ob man das nicht anders kennt oder doch, schön kann es nicht sein. Ich war deshalb immer bereit, einen großen Teil von Michels Gemecker auf seine beengten Verhältnisse zu schieben. Trotzdem war immer auch klar, dass er irgend etwas will - irgend etwas, was er eben noch nicht kann, aber gerne können würde. Er hat nur drauf gewartet, endlich loslegen zu können. Und jetzt kann er. Er trägt zwar immer noch jede Nacht vierzehn Stunden lang die Schiene, aber davon abgesehen ist er frei. Frei!

Seit knapp zwei Wochen krabbelt er. Damit ist er schon mal mindestens sechs Wochen früher dran als Kalle. Und es hat sich so viel Energie aufgestaut, dass er jetzt schon stehen will. Er sucht sich irgend etwas, woran er sich hochziehen kann, macht den herabschauenden Hund, hält sich erst mit einer und dann mit der anderen Hand fest und steht. Dabei strahlt und gurrt er glücklich in die Runde, minutenlang, bis ihm aufgeht, dass er noch nicht weiß, wie er hier wieder runterkommt. Dabei helfe ich ihm dann. So machen wir das stundenlang, und er ist dabei so fröhlich und unternehmungslustig, dass es wirklich eine Freude ist, in seiner Nähe zu sein. Ich glaube wirklich, der wird mit zehn Monaten laufen, und habe ein bisschen Angst, denn gesund ist das laut Kinderarzt nicht (wobei der das vielleicht damals nur zur Beruhigung gesagt hat, weil Kalle sich so viel Zeit gelassen hat). Und! In der Nacht von Montag auf Dienstag hat er zum ersten Mal durchgeschlafen, von 20 bis 6 Uhr! Ich bin daraufhin gestern pfeifend durch den Tag gehüpft, habe heute Nacht direkt von einem dritten Kind geträumt (wobei es in dem Traum vorrangig um die Mahlzeiten ging, die auf dieser Phantasie-Wochenstation serviert wurden), und habe so dermaßen Oberwasser, dass ich mir eine scheuern würde, wenn ich nicht ich wäre. Und kaum ist Michel ein bisschen freier, bin ich es hoffentlich bald auch und kann mit der neuen Energie, die mir der lang vermisste Schlaf bringen wird, endlich wieder all die Dinge machen, die andere Erwachsene auch tun! Sachen lesen, Sachen schreiben, Sachen kochen, noch mehr Sachen kochen meine ich, Unkraut jäten, Hemden bügeln, den Stau auf dem Festplattenrekorder wegglotzen, Abende mit Wein auf der Couch verbringen, ausgehen, (Zelda spielen, hüstel...) und und und. Und dann berichte ich bestimmt auch noch mal ausführlicher von New York und von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir das letzte Wochenende verbracht haben. Vielleicht findet sich sogar ein unscharfes Foto von Kalle im Matrosenanzug? Mal sehen.

Nein, mit Michel ist alles gut. Mit wem nicht alles gut ist, ist Kalle. Montag waren wir beim Kinderarzt zur U7, und es gibt ein Problem. Wieder mal eins, das "extrem selten" und "seit 15 Jahren in dieser Praxis nicht vorgekommen" ist. Die Fontanelle ist noch nicht zu, auch nicht annähernd, bestimmt vier Quadratzentimeter weiche Schädellose schädeldecke hat er mitten auf dem Kopf. Natürlich habe ich das bemerkt, aber ich dachte immer: so ist das bei kleinen Kindern, erst ist sie offen, und dann wächst sie irgendwann zu. Ich wusste nicht, dass es dafür eine Deadline gibt. Jetzt hoffen wir, dass sie bald zugeht. Und beim Spielen wird er ab sofort einen Helm tragen müssen. Zwei Stück habe ich bestellt, einen für die Kita, einen für Zuhause, und die kommen hoffentlich morgen an. Ich weiß, vermutlich ist das alles gar nicht schlimm, und besser zu spät als zu früh geschlossen, aber... ächz. ("Du musst auch immer was Besonderes sein", hat mein bekloppter Exfreund mir gerne vorgeworfen. Muss ich nicht! Glaub mir einfach, muss ich nicht! Ich lege absolut keinen Wert darauf, auch nur noch einmal im Leben von einem Arzt zu hören, dass sowas noch nie war.)

Montag, 22. Juni 2015

Angekommen.

Wir sind wieder da. Also, gelandet sind wir letzten Mittwoch um halb acht. Aber wirklich wieder da bin zumindest ich erst jetzt. Mit der Zeitverschiebung auf dem Hinweg sind wir immer gut klargekommen, der erste Abend fühlt sich einfach an wie eine lange, lange Hamburger Kneipennacht. Danach schlafen wir, so lange wir können, und ab dann läuft es. Zurück ist schwieriger. Seit Mittwoch habe ich jeden Tag die Stunden gezählt, bis die Kinder im Bett sind und ich endlich schlafen gehen kann, und wenn es dann so weit war, lag ich hundemüde und hellwach zugleich da und habe zugeguckt, wie es draußen schon wieder heller wird. Zombies schreiben keine Blogposts, darum habe ich das genau wie die Bügelwäsche seit Tagen vor mir hergeschoben. Liest hier überhaupt noch jemand? Für die paar dürren Zeilen zum Thema Schlafentzug, Dankbarkeit vs. Undankbarkeit und all den anderen täglich-grüßt-das-Muttertier-Kram? Mal sehen.

Jedenfalls:
Michel kann krabbeln! Seit bestimmt vier Wochen geht er schon auf Hände und Knie und hobelt dann mit Begeisterung vor und zurück. Zwischendurch hat er sich auch auf die Füßchen gestellt, eine Art herabschauender Hund. Aus dieser Position ist er dann manchmal auf die Nase gekracht, das kann nicht schön gewesen sein, aber es hält ihn nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Und aus dem Hobeln ist inzwischen eine ziemlich gezielte Vorwärts- oder im-Kreis-Bewegung geworden. Ich lege ihn auf den Teppich, platziere ein buntes Spielzeug zwei Meter entfernt, und er macht sich auf den Weg. Weil er aber immer noch am liebsten den ganzen Tag auf meinem Arm sein würde, robbt er auch oft hinter mir her, und sobald ich stehen bleibe, ziehen zwei kleine Hände von hinten an meinen Hosenbeinen. Erstaunlich stark ist er auch, es kommt der Tag, da klettert er einfach an mir hoch wie an einem Laternenpfahl. Und weil Schlaf immer noch die alles verdunkelnde Gewitterdenkwolke über meinem Kopf ist, war spätestens mein zweiter Gedanke dazu: wie schön, vielleicht macht ihn das müder und wir schlafen demnächst durch? Ganz eventuell?

Ich darf nicht zu viel über Schlaf schreiben, sonst hypnotisiere ich mich selbst und krache gleich mit dem Kopf in die Tastatur, darum bringe ich es schnell hinter mich und dann auf zu neuen Themen. Seit Neuestem greife ich nachts zum Telefon, wenn ich ihn gefüttert habe, und schreibe auf, wie viel Uhr es ist. Die Idee war, dass ich so mit einem Blick auf mein Telefon sehen kann, dass es in der Tat besser wird, die Abstände länger usw. Jetzt ist es aber leider so, dass ich mit einem Blick auf mein Telefon sehe, dass es nicht besser wird. Während meine Eltern hier heldenhaft die Stellung gehalten haben, war Michel ebenfalls groß in Fahrt. Es tat mir leid, ich hätte ihnen eine etwas entspanntere Großeltern-Woche gewünscht. Aber ein klitzekleiner Teil von mir war auch ein bisschen erleichtert, nicht als Jammerlappen dazustehen, weil ich immer von Müdigkeit und Gebrüll erzähle und die Kinder plötzlich beide schlafen wie die Engelchen.

Ich hab die Kinder wirklich vermisst. Aber ich bin trotzdem froh, dass wir das gemacht haben. Es gibt verschiedene Arten von Erholung: die mit viel Schlaf, Bademänteln, Haarkuren und Herumlungern. Das hier war die andere. Auch im Urlaub haben wir selten mehr als fünf Stunden geschlafen, jeden Tag sind wir Kilometer um Kilometer weit herumgelaufen, und es war so heiß und schwül, dass ich an manchen Tagen drei mal geduscht habe. (L., das Wundertier, schwitzt nie.) Aber erholsam war es trotzdem, so viel Zeit zu haben, endlich mal wieder auszugehen, ohne auf die Uhr zu gucken, den ganzen Tag beide Hände frei zu haben, zu essen, ohne dass eine kleine Patschhand sich über den Tellerrand schiebt, die Zeitung zu lesen, ohne dass die gleiche Patschhand die Seiten zerkrumpelt und jede Menge kleine, scharfe und/oder stachelige Gegenstände herumliegen lassen zu können, ohne dass jemand auf die Idee kommt, damit Selbstmord zu begehen. Jeden Tag habe ich mir Kinderfotos auf dem Telefon angeguckt, und jeden Tag hatte ich meine sentimentalen zehn Minuten, in denen ich mich sofort nach Hause gebeamt hätte, wenn möglich. Zum Glück war es nicht möglich, denn die restlichen 23 Stunden und 50 Minuten war ich sehr glücklich, zu sein, wo ich war. Und jetzt bin ich wieder hier und auch darüber sehr froh. Michel krabbelt und strahlt jedes Mal, wenn er mich sieht (es sei denn, nachts zwischen zehn und fünf Uhr früh), und Kalle plappert und plappert und sagt die niedlichsten Sachen, reißt seit Neuestem sogar selbstgemachte Witze und erwärmt das müde Mutterherz, wo und wie er nur kann.

Michel kann nicht nur krabbeln, sondern ist auch mordsmäßig gewachsen. In die Babyschale des Einzelkinderwagens passt er schon lange nicht mehr. Wenn Kalle in der Kita ist, bin ich deshalb öfter mit ihm alleine im Doppelkinderwagen unterwegs. Und es vergeht wirklich keine noch so kurze Fahrt, ohne dass ich mindestens einmal von einer fremden Person gefragt werde, wo denn das Zweite ist? (Mit "fremder Person" meine ich wirklich fremde Person, die Kassiererinnen im Supermarkt usw. zähle ich da schon gar nicht mehr zu.) Ich antworte immer noch freundlich, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich das immer weiter tun werde. Denn die Nachfragen kommen auch nicht immer im netten Plauderton, sondern manchmal ganz schön drängelig und zurechtweisend. Als würde die fragende Person befürchten, ich hätte Nummer zwei einfach irgendwo liegen gelassen und es nicht bemerkt. Eigentlich müsste ich mich inzwischen dran gewöhnt haben, dass Mütter und ihre Kinder für viele Leute zum Kommentieren da sind. Neulich war ich mit Michel im Doppelkinderwagen in einem Reformhaus. Der Wagen passte gerade so durch den Eingang, aber der Laden selbst war zu eng und vollgestellt. Also habe ich ihn kurz vor dem ersten Regal im ansonsten leeren Laden geparkt, um eben schnell mein vorbestelltes Shampoo an der Kasse einzusammeln. Zack, ging die Tür auf, eine ältere Frau pflanzte sich vor dem Kinderwagen auf und bellte mich an: "Gehört dieses Kind zu Ihnen?", erzählte mir was von verschwundenen Kindern, Verantwortungslosigkeit und versuchte dann, den Kinderwagen doch noch hinter mir herzuschieben. "Ein Kind gehört zur Mutter!" Es gab schon samstägliche Marktgänge, bei denen mir innerhalb weniger Minuten erst jemand sagte, meine Kinder wären zu kalt angezogen, und dann jemand anderes, ich sollte ihnen doch die Jacken ausziehen, die würden ja überhitzen. Die Reformhaus-Frau lieferte auch gleich die Begründung für ihr mutiges Eingreifen ab: heute wäre Zivilcourage gefordert, und sie würde nicht mehr schweigen, wenn sie "so etwas" sieht. In was für einer Welt leben wir, in der Mütter ihre Kinder einfach neben dem Regal mit den veganen Pasten parken und sich bis zu zwei Meter von ihnen entfernen? Andere wollen vielleicht einfach nur ein nettes Pläuschchen halten, wer weiß. Trotzdem wäre ich froh, sie würden einen anderen Anknüpfungspunkt finden. Ich hasse Einmischen, ich lasse es grundsätzlich bei anderen sein und wäre froh, wenn sie das genau so täten. Und unter den freundlichen Antworten staut sich ein so dicker Klops Gereiztheit an, dass vielleicht eines Tages jemand die volle Packung abbekommt, der doch nur nett fragen wollte... und sich nichts dabei gedacht hat... und es gar nicht böse gemeint hat. Und das täte mir leid.






Donnerstag, 11. Juni 2015

Die Anzeichen häufen sich.

An den Straßenecken knien Frauen und tauschen High Heels gegen Turnis oder umgekehrt.
Hinter der Sorte Fensterdeko, die bei uns überhaupt kein gutes Zeichen ist - schiefe Metalljalousien oder zerknitterte, angegammelte Rolleaus - verbergen sich hier unbezahlbare Luxusbuden.
Heute ist mir schon dreimal der gleiche dicke Mann begegnet, der mit freiem Oberkörper vor dem Weltuntergang warnt.
Obwohl die Bußgelder dafür bestimmt so hoch sind wie die für Rauchen in Parks, hupen die Autofahrer wie auf einer türkischen Hochzeit.
Ich werde täglich 20 mal gefragt, wie es mir geht, und 24 Stunden hier reichen, um meine Einstellung in puncto Klimaanlagen um 180 Grad zu wenden.
Der Portier in meinem Hotel ist um Längen besser angezogen als die meisten Gäste. Und eine der Hauptsorgen vieler Menschen scheint zu sein, beim Essen zu ersticken.

Auch wenn die Beweise überall klar und deutlich vor meinem rotgeränderten Augen stehen, kann ich es immer noch nicht so richtig glauben: wir sind in New York. Und die Kinder sind Zuhause, in der Obhut ihrer Großeltern. Eine Woche, in der wir schlafen können. Oder uns mittags um drei einen Film angucken. Oder schwarze Sachen anziehen ohne weiße Milchsabberflecken. Oder tanzen gehen. Oder ins Konzert. Oder einfach ein paar Stunden ziellos herumlaufen - hier ist es überall toll, und mal sehen, was so passiert. So viele Möglichkeiten!

Und nein, so leid es mir tut, meine Eltern kann man nicht mieten.

Dienstag, 19. Mai 2015

Sechs Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben

Als ich heute morgen Kalles Windel geöffnet habe, kam mir eine dicke Fliege entgegen gebrummt und hat eilig das Weite gesucht. Wie auch immer meine Nacht war: ihre war jedenfalls schlechter.

Ich habe einen ganz tollen Mütter-Blog entdeckt, und jetzt gähnen vermutlich alle, weil sie ihn längst kennen: the ugly Volvo. Den hätte ich gerne selbst geschrieben, bin aber leider nicht lustig genug. Ich bin sehr glücklich, eine Mütterseite gefunden zu haben, auf der es nicht um diese ewigen angeblich magischen Momente und um Deko geht.

Politik für Kleinkinder scheint out zu sein. Kalle bekommt seit ein paar Wochen gerne vorgelesen. Er schleppt ein Buch nach dem anderen an. Die meisten handeln vom Einschlafen (Gute Nacht Gorilla, das Einschlafbuch, bei dem man immer das Licht ausmachen muss und dessen Titel ich vergessen habe, Gute Nacht Karlchen...), haben aber keine einschläfernde Wirkung, im Gegenteil: Kalle ist sehr aufgeregt, wenn er die einzelnen Tierarten findet und ihre Namen kräht. "PASCHE! ASCHE! PANT! HASE! PERD!!! DIEL!!! HYÄNE!!!!! LULLA!!!!! BOSCH!!!!!!!!!" usw. Jedenfalls ist mir aufgefallen: als ich klein war, ging es selten ab ohne eine wichtige, gesellschaftskritische Botschaft. Es gab z.B. den Maulwurf Grabowski, der handelt davon, dass die Bauarbeiter die schöne grüne Wiese des Maulwurfs kaputt machen und ihn aus seinem Zuhause vertreiben. Dann muss er fliehen - vor dem Bagger, über Straßen, es ist schrecklich - und am Ende findet er eine neue Wiese. Ich weiß noch, dass ich als Kind ganz bang dachte: schön, aber für wie lange? Wann kommen auch hier die Bauarbeiter und knallen da ein Hochhaus hin? Es gab dieses Buch, bei dem man erst ein schönes grünes Dorf sieht, und dann sieht man, wie im Lauf der Jahre eine pottenhässliche Betonwüste daraus wird. Ich hatte eine Schülerzeitschrift, die Flohkiste. Auf dem Titel waren z.B. durch sauren Regen zerstörte Bäume und darüber ein Zifferblatt, auf dem es fünf vor Zwölf war. Im Heft ging es auch um das Artensterben, um den Hunger in der dritten Welt, um die Bedrohung durch Atomkriege und Supergaus, um Müllberge oder darum, was alles schief gehen kann, wenn Kinder mit Plastiktüten oder Elektrogeräten spielen. Meine Kindercassetten waren von Christiane und Frederik, die sangen z.B. davon, wie die Leute sich an den Kastanienbaum ketten, damit der Baulöwe ihn nicht umhaut, oder gegen Ausländerfeindlichkeit und davon, dass wir die Gastarbeiter brauchen, oder davon, wie hart das Leben eines Landwirts ist, wenn er für seine Milch und sein Getreide zu wenig Geld bekommt. Meine Eltern waren bestimmt keine linken Aktivisten, aber so war das damals. In der Schule lasen wir dtv Junior-Bücher, in denen es um Drogen und Behinderung und den Holocaust ging. Heute gibt es das nicht mehr, oder irre ich mich? Ich habe das Gefühl, in Kinderbüchern geht es um Tierarten, um Spaß, um kleine lustige Abenteuer und darum, dass abends alle in ihrem Bettchen liegen und glücklich einschlafen. Im Froschteich schwimmt kein Müll, auf der Wiese rückt niemals ein Bagger an, und der Wald sieht so grün und saftig aus wie vor hundert Jahren. Was ist da los?

In drei Wochen steigen L. und ich in zwei unterschiedliche Flugzeuge und fliegen nach New York. Die Kinder bleiben hier in der Obhut ihrer liebevollen Großeltern, ein Kindermädchen kommt jeden Tag und hilft für ein paar Stunden, und die Kita ist ja auch noch da. Zwei unterschiedliche Flugzeuge, weil meine Mutter das gerne so möchte; sollte ein Elternteil abstürzen, ist noch einer übrig. Damit beginnt dieser Urlaub für mich schon so, wie er besser kaum beginnen könnte: vom Start über den Zwischenstopp in Amsterdam bis zur Landung habe ich zehn Stunden Zeit zu lesen. Aber auch sonst bin ich hysterisch vor Tatendrang. Ich muss aufpassen, dass die Liste der Absichten nicht so lange wird, dass der Urlaub sich am Ende auf jeden Fall wie ein Reinfall anfühlt, weil ich nur zehn Prozent davon geschafft habe. Ich habe schon oft und sicherheitshalber noch öfter geschrieben, wie dankbar ich bin, Kinder zu haben. Aber gerade bin ich mindestens so dankbar, Eltern zu haben. Oma&Opa, Hip Hip Hurra!

Ich weiß nicht genau, wie viele Haare man als durchschnittliche Erwachsene hat, aber ein großer Teil davon hält sich gerade nicht auf meinem Kopf auf. Die Mauser nach der Geburt ist da, seit sechs Wochen, und macht keine Anzeichen, endlich zu Ende zu gehen. Während der Schwangerschaft habe ich so gut wie keine Haare verloren, jetzt dafür alle auf einmal. Damals habe ich alle drei Wochen mal die Haarbürste saubergemacht, jetzt dreimal am Tag. Ich muss täglich saugen, sonst werde ich verrückt. Wenn ich eine Jacke anhatte, kann ich anschließend zwischen zwölf und dreißig Haare aus der Kapuze klauben. Ich traue mich nicht mehr, für Gäste zu kochen, und wenn ich für die Familie koche, setze ich eine Mütze auf. Michel fiestere ich ständig Haare aus den Fäustchen, und jetzt höre ich auf darüber zu schreiben, denn es ist wirklich sehr, sehr widerlich alles. Mal ehrlich, sechs Wochen, das reicht doch jetzt?

Gestern war ich mit L. und Michel unterwegs und noch dreißig Meter von der Straße entfernt, als die Fußgängerampel grün wurde. Da sind wir dann rübergerannt auf die andere Seite. Und ich musste nicht nach Hause gehen, duschen und mich umziehen. Beckenboden, bald bist du reif. Ich fürchte, ich werde heulen, wenn es wirklich so weit ist, ich durch den Park trabe, und das Pipiproblem muss zuhause bleiben und darf nicht mit.


Mittwoch, 13. Mai 2015

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich schreibe diesen Post nach einer Nacht, die ich vor allem auf Knien verbracht habe: kniend im Bett über Michel, der starkes Fieber hatte und ständig neue kalte Wickel brauchte, die ich dann in Position halten musste, während er sich hin und her gebogen hat wie eine Stahlfeder und einfach nicht zur Ruhe kam. Gestern war sein letzter Impftermin vor dem ersten Geburtstag, und obwohl wir bei allen anderen Impfterminen (auch bei Kalle) so weit ich mich erinnere ohne Nebenwirkungen davongekommen sind, hat es uns diesmal erwischt. Das erste Fieberzäpfchen hat er gestern abend um sechs bekommen, das zweite dann heute Nacht um zwei, und die Schwierigkeit bestand darin, dass ich dachte, ich hätte es richtig eingeführt, während es in Wahrheit nur in der Ritze klemmte und schon halb geschmolzen war, bis ich meinen Irrtum bemerkte, so dass ich keine Ahnung hatte, wie viel davon jetzt angekommen war bzw. wie viel ich im Notfall nachschieben können würde. Daher: kalte Wickel. Die haben dann auch geholfen. Jetzt sitze ich hier, kralle mich an meine Tasse extrastarken Tee wie selten, und schreibe immer noch voller Überzeugung: liebe Impfgegner, hier bitte nicht. So fusselhirnig ich sonst auch sein mag, und so sehr es mir gegen den Strich geht, hier Kommentatoren wegen ihrer gegenläufigen Meinung abzuwatschen - falls ihr eure Kinder nicht impfen lasst, will ich weder eure Gründe dafür hier lesen noch irgendwelche Versuche, denen Angst zu machen, die es tun.

Das Fieber ist weg, die kleinen Pflaster mit den Marienkäfern drauf habe ich ihm gerade von den Beinchen geknibbelt, jetzt liegt er in seinem Stubenwagen und kräht und lacht. Was auch immer die Welt noch an Ärger und Gefahren für ihn bereit hält: Masern, Kinderlähmung und Tetanus gehören nicht dazu, und das ist ein sehr gutes Gefühl.

Dienstag, 12. Mai 2015

Überraschungsmenü

Als meine Geschwister und ich Kinder waren, hatte meine Mutter es bei Tisch ziemlich schwer mit uns. Sie wollte, dass wir vernünftig essen. Sie tat eine ganze Menge, damit das passiert. Es kam so gut wie nie vor, dass wir einfach Nudeln mit Tomato al Gusto bekamen oder eine Tiefkühlpizza - sie kochte richtig, mit Mühe, Abwechslung, und jede Menge Hirnschmalz wanderte vermutlich auch in die Planung und Zubereitung dieser Mahlzeiten. Meine Mutter war keine Hausfrau, sie arbeitete als Lehrerin, und die Zeit, die ihr von Feierabend bis Mittagessen blieb, war kurz - trotzdem stand fast immer ein drei-Komponenten-Gericht auf dem Tisch. Kohlrabi mit Kartoffelpüree (selbstverständlich selbstgemacht und nicht aus der Tüte) und Frikadellen. Bratkartoffeln, Rotkohl und Bratwurst. So etwas erfordert Planung und Sorgfalt, vor allem, wenn man wie wir ein gutes Stück weit weg wohnt vom nächsten Supermarkt. Und das war der Dank: Es war fast egal, was sie kochte, es gab Stunk. Selbst wenn das Essen uns schmeckte (sprich: wenn wir es ohne Murren in uns reinstopften und danach ohne ein nettes Wort in unsere Zimmer verschwanden), denn mein Bruder und ich nutzten das Mittagessen als willkommene Gelegenheit, uns zwanzig Minuten lang zu streiten. Vor diesem Hintergrund kann ich mehr als verstehen, dass wir an vielen Tagen nach den Hausaufgaben nach draußen geschickt wurden mit der mehr oder weniger deutlichen Anweisung, vor 18 Uhr nicht wieder nach Hause zu kommen.
Es gab eine Riesenliste von Dingen, die ich nicht aß. Wirsing stand darauf, Kohlrabi, gekochte Möhren, Milchreis oder auch Tiefkühlerbsen. Dann gab es eine noch größere Liste von Dingen, die ich notgedrungen aß, aber dabei gingen die Mundwinkel keinen Milimeter nach oben, und ich war mit einer Spatzenportion zufrieden. Zu voller Mähdrescherleistung lief ich nur in den seltenen Sternstunden auf, wenn es eins meiner Lieblingsessen gab, dann aber richtig. Ich habe mehrere Weihnachtsfeste deutlich vor Augen, bei denen mein Vater wirklich wütend wurde, weil seine Tochter eine so ungehörige Menge Fondue verdrückte. Darüber hinaus gab es Marotten. Ich weigerte mich, von Silberbesteck zu essen. Ich musste das alte Plastiktischset mit der Zitrone haben. Fleisch und Beilagen durften sich nicht berühren, es durfte keine Sauce auf den Nudeln sein etc. Ich war eine echte Pest. Aber meine Mutter gab nicht auf, sie kochte weiter, jeden Tag, und was sie heute denkt, wenn ihre endlich erwachsene Tochter stundenlang über italienische Küche schwadroniert und eine Gewürzschublade, eine Gewürzkiste und dann im Keller noch einen Gewürzumzugskarton hat, bleibt ihr Geheimnis.

Ziemlich unfair, dass ausgerechnet ich zumindest ein Kind habe, das mir bisher solchen Ärger nicht macht. Nicht nur, dass die Jungs sich bisher sehr gut verstehen und hoffentlich dabei bleiben, Kalle ist bei Tisch weiterhin das Kind zum Angeben. Seine Tischsitten sind immer noch vor allem von Gier bestimmt, aber das kommt später. Bis dahin erzähle ich jedem, der es hören will, von dem Kind, das Knoblauch und Meeresfrüchte isst, gerne alkoholfreies Bier trinkt und in die Küche getrabt kommt, um ein Stück Mate (Tomate) und ein Stück Tiebel (Zwiebel) abzustauben. Jeden Morgen frage ich ihn, was er auf sein Kita-Brot will. Und jeden Morgen entscheidet er sich gegen Nutella und für Käse, und vielleicht fordere ich mein Glück heraus, aber aus reiner Hybris biete ich ihm weiter Nutella an. Ist das geklärt, darf er auf den Käse zeigen, den er will. Weichkäse mag er nicht so, aber mindestens genau so oft wie Kinderkäse (wie z.B. Gouda) möchte er Appenzeller oder Morbier oder was auch immer. Lachs mag er auch. Lachs mit Ziegenstreichkäse drunter. Und er hätte auch immer gerne noch ein paar Chiliflöckchen auf seine Pasta und einen Spritzer Zitrone in sein Wasser. Letzte Woche hatte ich Nigellas Dragon Wings gemacht, Chicken Wings mit fünf frischen Chilischoten, eigentlich nur für mich. Aber dann kam Kalle und wollte einen abhaben, und wie so oft dachte ich ein bisschen heimtückisch "hähä, auf den Gesichtsausdruck bin ich gespannt" und habe dann fassungslos zugesehen, wie er das Ding mit viel Genuss bis auf den letzten Fetzen von den Knochen genagt hat.

Um diese himmelschreiende Ungerechtigkeit auszugleichen, haben die Götter mir L. geschickt. L. ist der Ehemann einer Frau, die früher (als sie noch Sonntagmorgen hatte) jeden Sonntagmorgen mit einem Stapel Kochbücher im Bett lag und sabbernd ihre nächsten Mahlzeiten plante, mit Vorliebe solche aus Schweinefleisch. L. hat entschieden, kein Schweinefleisch mehr zu essen. Rind auch sehr, sehr ungern und selten, aber wenn, dann Bio. Bio ist in unserem Vorort nicht zu kriegen, ich habe es versucht. Für Geflügel gilt das Gleiche. Lamm an sich schon, wenn da nicht sein Grundsatz wäre, keine Babytiere zu essen - aus dem gleichen Grund ist Kalbfleisch vom Speiseplan. Der Killer wäre eine Spanferkel. Fisch ist ok, mit Ausnahme von Hummer, was ich nicht schlimm finde, denn Hummer mag ich auch nicht so gerne und kann ihn außerdem von meinem Elterngeld nicht bezahlen. Wild würde er theoretisch essen, aber im Zweifel dann lieber doch Gemüse. Gemüse und - zartbesaitete lieber jetzt aussteigen - Tofu. Ich könnte sagen, da pfeif ich drauf, soll er sich seine Mahlzeiten doch selbst organisieren, ich lege jetzt erst mal einen Schweinebauch ein. Manchmal mache ich das auch, aber meist siegt die Kinderstube, in der es nun mal so angelegt war, dass die Familie sich gefälligst an einen Tisch setzt und zusammen isst, und zwar das Gleiche. So kommt es, dass in den letzten Monaten solche Dinge wie Quinoa, Einkorn, Rollgerste oder Hirse ihren Einzug in mein vorher schon proppenvolles Vorratsregal gefunden haben. Auch Mandelmus als Käse"ersatz" hatten wir schon. Aber noch schätze ich mich glücklich, denn ich habe das dumpfe Gefühl, wenn es einen Menschen in meinem Umkreis gibt, der irgendwann mit Paleo anfängt, dann ist das der Mann an meiner Seite.

Bin ich gespannt, wie es mit Kalle wird.