Sonntag, 19. März 2017

Nur, falls sich eine fragt

Jeden Morgen fragt L. "Immer noch kein Baby?", und jeden Morgen grunze ich irgendwas und verschwinde ins Bad. Dabei ist die Wahrheit, ich bin froh, wenn es nicht nachts losgeht. Denn sollte ich nachts so gegen zwei von Wehen geweckt werden, dann kommt das Kind irgendwann in der Morgendämmerung, und bis ich dann genäht (vermutlich) und mit Kind in Strampler und Schlafsack in einem Zimmer bin, ist der Krankenhaustag in vollem Schwung, und dann darf ich die nächsten zwei-drei Monate eine fehlende Nacht vor mir herschieben wie ein müder kleiner Bulldozer, denn dass man das im Krankenhaus niemals aufholt, weiß jeder, der da schon mal war. In einem Zimmer auf der Wochenstation kommen im Laufe des Tages (teils mehrfach): Frauenarzt, Kinderarzt, Schwester, Hebamme, Stillberaterin, Blumentante, Fototante, Putzfrau, die Frau, die wissen will, was man nachher essen möchte, die Frau, die das Essen bringt und die, die hinterher das Geschirr abholt, und der Besuch. Und das alles mal zwei, denn da ist ja noch eine zweite Dame mit Baby im Zimmer. Dazu kommen die kleinen Würmer, die ich vermutlich zuerst hätte nennen sollen, was bin ich denn bitte für eine Mutter?, aber das haben die meisten sich ja sicher schon immer gedacht, die Würmer jedenfalls, die nach ihrem Ritt aus dem Bauch den einen oder anderen Pups quer sitzen haben und sich auch erst zurecht ruckeln müssen in dieser komischen Welt, die außerdem frische Windeln brauchen und Milch, die aber auch nicht immer so kommen will, wie sie soll - eigentlich ist kaum zu fassen, wie das alles in 24 Stunden passen soll, und dann noch erholsame und kuschelige Nickerchen für Mütter und Babys - nee, die sind nun wirklich nicht drin.

Jedenfalls, immer noch kein Baby.

Freitag, 17. März 2017

Wir binden uns ein Warteschleifchen.

Es gab mal Zeiten, da war ich besser im Training, was Warten angeht. So ungefähr von Februar 2009 bis Juli 2013, würde ich sagen. Inzwischen sind die Wartemuskeln ungefähr so stramm wie der Beckenboden, und ich kann das einfach nicht mehr besonders gut. Vorgestern war der Stichtag, den ich mir ausgerechnet habe, und in drei Tagen ist der, der im Mutterpass steht. Aber die Stichtage sind gar nicht so wichtig, viel irrer macht mich, dass es sich diesmal wirklich seit ungefähr zwei Wochen so anfühlt, als würde es in der nächsten Stunde los gehen. Jedes Mal, wenn ich unter die Dusche steige, denke ich, immerhin komme ich gleich frisch geduscht in den Kreißsaal. Jedes Mal, wenn ich etwas esse, frage ich mich, ob das für peinliche Zwischenfälle bei der Geburt sorgen könnte, und meine letzte Mahlzeit mit Pilzen, Zwiebeln oder Kohl vor der unmittelbar bevorstehenden Stillzeit habe ich inzwischen ungefähr zwanzig Mal zu mir genommen. Das dritte Kind! Ich sollte lässiger sein. Bin ich aber nicht.

Und das hier ist Warten für Fortgeschrittene: Ich warte auf etwas, das aller Erfahrung nach schweineweh tun wird, und hab keine Ahnung, wie es ausgeht. Ist das Kind knallgesund und munter, und ich kann nach der Geburt über all die Sorgen aus den letzten Monaten nur noch lachen? Werden meine schlimmsten und irrationalsten Ängste wahr? Kriegen wir das hin? Wieso dauert das so lange? Kann es noch ein bisschen länger dauern bitte? Oder kann ich es bitte schon hinter mir haben?
Nicht nur Fusselhirn, sondern auch Quengelliese. (Ein klitzekleiner Teil von mir freut sich sogar ein bisschen darauf, für zwei-drei Tage zuhause aus allem raus zu sein. Dieser klitzekleine Teil wird in den nächsten Tagen noch ziemlich blöde aus der Wäsche gucken, denn die anderen Teile von mir erinnern sich noch sehr lebhaft an den nicht vorhandenen Erholungsfaktor von ein paar Tagen auf der Wochenstation.)

Ach Töchterchen, geht's Dir gut da drin?
(Wie es mir hier draußen geht, weiß ich beim besten Willen nicht mehr.)

Sonntag, 12. März 2017

Eine sehr unsortierte Auswahl einiger Dinge, die ich gerade nicht verstehe.

1. Mein erster Freund K. wohnte noch zu Hause, als wir zusammen waren (wie man das mit 17 so macht). Seine Mutter kochte ganz anders als meine. Kam z.B. die Verwandtschaft zu Besuch, dann kochte sie nicht, wie man sich das so vorstellen würde von einem ländlichen Haushalt, einen großen Braten mit ein paar Beilagen und hinterher Torte, sondern sie machte Schnitzel, Bratwürste, eine Sauce mit Fleischklößchen, Braten, einen Fleischkäse vom Metzger, Frikadellen und vielleicht auch noch Koteletts. Dazu gab es dann Reis, Nudeln, Spätzle, selbstgemachte Semmelknödel und noch ganz, ganz viel anderes. Die Verwandten fanden's supi. Bei uns zuhause gab es Mailänder Käserouladen, Wirsingauflauf, Fisch mit Senfsauce und vielen Kräutern und Badische Porreesuppe. Das war auch alles sehr lecker, aber eben anders lecker. In Mutter K.s Küche spielten Brühwürfel und Fondor eine wichtige Rolle, und in vielen Fällen war das überhaupt kein Fehler. Ihr Prunkgericht war eine Kartoffelsuppe, zu der es Apfelpfannekuchen gab. Ich habe bestimmt vier mal zugeguckt, wie sie die Suppe macht, und es mir zwölf mal mehr erklären lassen. Trotzdem kriege ich sie heute nicht hin. In die Suppe kommen Kartoffeln, Suppengrün, Petersilie, Brühwürfel, Zwiebeln und Dosenpilze, so viel ist klar. Vielleicht noch Majoran? Keine Ahnung. Bei den Apfelpfannekuchen bin ich am Ziel, die schmecken genau wie ihre. Aber diese Kartoffelsuppe entzieht sich mir jetzt seit zwanzig Jahren, so lange nämlich, wie ich schon nicht mehr mit K. zusammen bin und nicht mehr an Mutter K.s Tisch gesessen habe. So schwer kann's doch nicht sein! Kann es doch. Warum, verstehe ich nicht. Heute starte ich jedenfalls den nächsten, ca. zweiunddreißigsten Versuch.

2. Viele regen sich auf über das fiese Frauenbild aus Modelshows und Modestrecken. So dünn ist im wirklichen Leben keine Frau, da werden Zwänge und schrecklich komplizierte Krankheiten erzeugt, eine ganze Generation von Mädchen ist unzufrieden mit ihren im Grunde völlig okayen Körpern usw. Ich konnte mich darüber nie so richtig aufregen, muss ich zugeben, vielleicht bin ich erstens zu wenig anfällig für Essstörungen und zusätzlich auch noch so haarsträubend egozentrisch, dass ich mir das noch nicht mal vorstellen kann, was das mit anderen machen kann. Aber worüber ich mich in letzter Zeit sehr oft schrecklich aufrege, ist das Frauenbild in Bilderbüchern. Und wie! Ihr solltet mich sehen. Kein Wunder, dass meine Frauenärztin sich Sorgen um meinen Blutdruck macht und ich inzwischen bei sechs Methyldopa täglich bin. Bobo Siebenschläfers Mutter z.B.: Bobo schmeißt seinen Kakao vom Hochstuhl, und ehe du piep sagen kannst, ist Mutter Siebenschläfer lächelnd auf den Knien und wischt das weg. Zum Geburtstag bekommt sie eine Torte, die Bobo durch Rumhüpfen geplättet hat (wieso, wieso darf die kleine Wurst die Torte tragen? Wieso?) und freut sich natürlich so recht von Herzen. Bobo schließt sie ein und weigert sich, wieder aufzuschließen, und nachdem das Problem mit Lächeln nicht zu lösen ist, klettert sie eben aus dem Fenster, lächelnd natürlich. Dann die Kinder in der Wanne. Kinder in der Badewanne in Bilderbüchern können gar nicht anders, die setzen immer das ganze Bad unter Wasser. Man bekommt das Gefühl, das muss so sein, wenn hinterher noch Wasser in der Wanne ist, dann hat man was falsch gemacht. Die Mütter wischen und lächeln. Diese Bücher sind nicht von 1957, sondern von jetzt. Ich wünsche mir genau so wenig die Lindenstraße in Kinderbuchform, aber ein bisschen mehr Realität? Kann sein, dass die Teen Vogue oft von noch nicht komplett ausgeformten Charakteren gelesen wird, die sich viel zu leicht beeinflussen lassen, aber was ist mit Bilderbüchern? Wieso regt sich da niemand auf? Ich rede nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Millionen von Müttern, die überall auf den Sofas sitzen, das Bilderbuch in den Händen und den Kopf voller Schuldgefühle und Unsicherheit, und dann erklärt das Bilderbuch, wie's gemacht werden soll: lächeln. Wischen. Niemals schimpfen. Niemals die Nase voll haben oder wütend werden. (Es gibt eine ganz tolle Ausnahme, nämlich Willi Wiberg. Willi lebt bei seinem allein erziehenden Vater, was aber bisher kein Thema war, und es kommt tatsächlich vor, dass Papa müde ist oder lieber die Zeitung lesen will, als mit Willi zu spielen. Er wird allen Ernstes auch mal sauer, z.B. als seine Lieblingspfeife weg ist. Trotzdem ist das ein toller Papa, der erzählt und erklärt und ganz viel versteht und richtig macht. Hurra für Papa Wiberg!) Es ist, als hätten die Bilderbuchautoren Angst, es sich mit ihrer Leserschaft zu verscheißen, wenn die Mütter und Väter auch nur das geringste Hindernis in einer kunterbunten Welt voller Phantasie und Überschwemmung und Schokoladenschlachten darstellen. Wieso? Keine Ahnung. Ich dachte in letzter Zeit bei der Lektüre von Büchern für Dreijährige öfter an "The Veldt" von Ray Bradbury, eine der gruseligsten Kurzgeschichten aller Zeiten. Z.B. hier kann man sie lesen.

3. Warum knarren immer die Dielen im Flur vor dem Kinderzimmer am lautesten? Würden wir das Kinderzimmer verlegen, würde das Knarren mit umziehen, da bin ich sicher.

4. Ich bekomme noch ein Kind. Was gibt es da nicht zu verstehen? Auch das verstehe ich nicht, sehe ich doch jedes Mal meinen gigantischen Bauch, wenn ich an mir runtergucke. Tritt mich das Kind doch jeden Tag nach Kräften. Stapeln sich hier doch inzwischen wieder die Pakete mit Sterilisiergerät, Babyaufsatz für den Kinderwagen, Babykindersitz und Pre-Milch. Hocke ich doch ständig auf dem Boden, gucke mit einem Auge Barnaby und sortiere mit dem anderen Babywäsche in passende Haufen und Körbe. Liege ich doch dauernd bei meiner Frauenärztin herum und habe diese ulkigen CTG-Geräusche im Ohr. Habe ich doch einen ET, der ständig näher rückt, und miese Übungswehen, um es zu beweisen. Die Kliniktasche steht im Flur, die Familie sitzt auf glühenden Kohlen, L. und ich führen hitzige Diskussionen über Vornamen und all das. Trotzdem will es nicht so richtig ankommen in meinem Fusselhirn. Vielleicht, weil es mir immer noch Angst macht, was die ersten Discowochen mit dem Würmchen gemacht haben könnten. Vielleicht, weil ich das immer für ein Gerücht gehalten habe, diese Talkshow-artigen Schwangerschaften von Frauen nach IVF und in fortgeschrittenem Alter. Vielleicht, weil ich mir überhaupt noch nicht vorstellen kann, wie das alles werden soll.
Aber keine Angst: erstens baue ich auf die aufrüttelnde Wirkung einer weiteren Geburt. Und zweitens auf Babygeruch und Huscheln an meiner Schulter und Stillen und all das. Das Sein bestimmt das Bewusstsein: da hab ich immer schon dran geglaubt. Und genau so, wie mein innerer Realitätsverlust mich nicht von der äußeren Anschaffung des notwendigen Babykrempels abgehalten hat, wird er mich davon abhalten, auch dieses Würmchen fest im Arm zu halten und mich um es zu kümmern, wenn es da ist. (Oder? Wird er doch nicht?)

5. Kleine Jungs und Dinosaurier.

6. Wo kaufen eigentlich die Kandidatinnen aus dem "Bachelor" ihre Kleider? So ein Geschäft hab ich glaube ich noch nie gesehen.

7. Bei all dem Bluthochdruck, der damit einhergehenden Beklemmung, dem Geächze und Gefauche bei jedem Bücken und Aufstehen und all dem ist mein Fusselkörper in manchen Dingen überraschend freundlich zu mir. Z.B. ist in dem Moment, in dem Rasieren wirklich schwierig werden würde, von Epilieren wollen wir gar nicht reden, kein Härchen mehr an meinen Beinen gewachsen. Das ist doch nett! Verstehen kann ich es trotzdem nicht, ich hab von diesem Phänomen noch nie gehört und kann mich auch nicht erinnern, ob das die letzten beiden Male auch schon so war.



Montag, 6. Februar 2017

Ein paar der Dinge, die mir diese Schwangerschaft versüßen.

1. Stilfser.
Als einerseits Fresssack und andererseits paranoides, nervöses Fusselhirn hat man es in der Schwangerschaft nicht ganz leicht: einerseits möchte ich gut essen. Andererseits kommen mir da die ganzen Miesmacher und Rauner und Unker in die Quere, die so ziemlich alles verbieten wollen, was Spaß macht, und natürlich ist das alles Bullshit, aber irgendwas bleibt doch kleben und verdirbt alles. Mit Gouda und anderen Langweilerkäsen bis zum Stichtag kann ich mich aber auch nicht abfinden. Eine Lösung, die alle glücklich macht - oder jedenfalls mich - ist Stilfser. Es gibt ihn erstens an meinem Lieblingskäsestand auf dem Markt seit Monaten im Sonderangebot. Zweitens schmeckt er wie Rohmilch, ist es aber nicht. Drittens geht damit wirklich alles: so essen, an die Kinder verfüttern, überbacken, über Pasta oder Chili oder Risotto oder Minestrone oder Kartoffeln reiben, alles! Jetzt habe ich die Rohmilch-Frage erst mal abgehakt und kaufe einfach jeden Dienstag ein Riesenstück davon, damit hat der Käsejunkie in mir Ruhe. Und dieser Käse ist so lecker (irgendwo auf halber Strecke zwischen Cheddar und Appenzeller, würde ich sagen), dass ich das glaube ich auch nach der Geburt genau so weiter tue.


2. Auf lange Abende pfeifen.
Früher war da immer die große Angst, ich würde was verpassen, bzw. das ganze "Was wird aus meinem Leben?"-Drama. Diesmal war ich einfach so müde, dass es mir egal war. An 80% der Abende während dieser Schwangerschaft war ich irgendwann zwischen acht und neun im Bett. Und zwar auch deshalb, weil ich mich darauf verlassen kann, jede Nacht so gegen eins aufzuwachen und dann bis fünf keinen Schlaf mehr zu finden. Anders wäre es einfach nicht gegangen. Es gab Ausnahmen, aber die müssen es wert sein. Und? Habe ich was verpasst? Ein paar Tatorte vielleicht. Nichts, was mich ernsthaft umtreibt. Und irgendwann kommt das alles wieder, und dann sitze ich hellwach auf der Couch und freue mich drauf.


3. Bircher Müesli.
Schon lange mein Lieblings-Mitbring-Frühstück für Arbeitstage, jetzt für jeden Tag: Abends schlurfe ich als letzte Tat des Tages in die Küche, kippe einen kleinen Messbecher voll Müesli-Mischung aus der großen Blechdose in eine Tupperdose, fülle diese zu einem Drittel mit Milch und stelle sie in den Kühlschrank. Am nächsten Morgen kommen noch Quark, Honig und Tiefkühlfrüchte dazu, fertig ist ein Frühstück, das frisch schmeckt (und sich dadurch prima mit Morgenübelkeit verträgt), gesund ist und das Baby füttert (angesichts dessen, was ich sonst so esse, spricht eine Menge dafür, gleich morgens ein paar Vitamine, Eiweiß, mehrfach ungesättigte Fettsäuren etc. zu mir zu nehmen) und locker bis 14 Uhr vorhält. Ich glaube, diesmal versuche ich, in den ersten Monaten mit Baby damit meine Notmahlzeiten zu bestreiten statt mit Special K's.


4. Getränkeservice, amazon und all die anderen.
Diese Schwangerschaft war die erste, in der ich wirklich früh beschlossen habe, es mir leicht zu machen und manche Dinge einfach nicht mehr selbst nach Hause zu buckeln. Das würde ich jetzt immer wieder so machen und kann es wärmstens empfehlen.


5. Que sera, sera, liebe Hebammen.
Ich hatte eine Hebamme, eine sehr gute sogar. Dann hat sie mich vor ein paar Wochen angerufen und mir zerknirscht abgesagt, sie ist leider krank geworden und muss eine Weile aussteigen. Weil Hebammen in Hamburg selten und heiß umkämpft sind und ich dazu auch noch schrulligerweise in den Ferien entbinden werde, ist das ein Supergau. Eigentlich. Denn nach einem erfolglos zertelefonierten Vormittag und einem mittleren Nervenzusammenbruch habe ich mich gefragt: muss das wirklich sein? Ich hab doch schon zwei Kinder, in meiner Frauenarztpraxis gibt es Hebammen, die im Not- oder auch im Zweifelsfall auch mal das Baby angucken können, eine Waage hab ich selbst, und mein Kinderarzt sitzt auch um die Ecke, ganz zu schweigen von meiner Geburtsklinik. Und nun ist es eben so, ich schaff das schon. Bisher war es doch mit mir und den Hebammen immer so, dass ich nach dem dritten Besuch dachte, nun muss ich das auch nicht mehr haben, aber die Frau will ja ihr Geld verdienen, und wie sieht denn das aus, wenn ich sie jetzt rausschmeiße?

Dann eben ohne. So wie Milliarden Frauen, die nicht zufällig ihre Kinder im fürsorglichen deutschen Gesundheitssystem bekommen.


6. Meine Frauenärztin.
Genauer gesagt, ihr Ultraschall. Versteht mich nicht falsch, ich bin ein Riesenfan von ihr: sachlich, extrem fachkundig, verständnisvoll, freundlich, pragmatisch und einfach rundum gut, wie sie ist. Aber wenn man schwanger ist und dazu neigt, sich Sorgen zu machen, die nur durch konkrete, greifbare Untersuchungsergebnisse wirklich zerstreut werden können, dann ist ein gutes Ultraschallgerät in der Praxis Gold wert. Ich habe oft in den letzten Monaten an meine Ex-Ärztin und ihren Kartoffelsalat-Ultraschall gedacht und wurde von einer Welle der Dankbarkeit überflutet, dass ich da nun nicht mehr bin. Schwanger mit miesem Ultraschall ist wie Fußball-WM mit altem Schwarzweiß-Fernseher.



7. Phantom-Ohrenstöpsel.
Nachts hilft mir Ohropax beim Schlafen, tagsüber sorgen diese imaginären Wunder-Dinger für Ruhe und Frieden. Als Tipp taugt dieser Punkt leider nicht viel, denn ich hab auch keine Ahnung, woher diese Gelassenheit kommt, aber diesmal schaffe ich es erstaunlicherweise ganz gut, dicht zu machen. Egal, ob mich eine Kita-Mutter angesichts meines ersten Capuccinos des Tages fragt, ob ich tatsächlich Kaffee trinken darf, ob die Bäckerin mich eindringlich vor dem Schokofranzbrötchen warnt, weil Kakao doch Koffein enthält, oder ob die Dame von der Krankenkasse der Meinung ist, alles weniger als ein Jahr Elternzeit wäre unverantwortlich. Rarara, Bliblablo, hat jemand was gesagt? Schönen Tag noch!



8. COS.
Schwangerschaftsjeans müssen sein, der Rest diesmal irgendwie nicht. Zum Glück gibt es COS. Die ewigen weiten, kastenartig geschnittenen Oberteile und Hängerchen, die mir sonst ehrlich gesagt ein bisschen auf die Nerven gegangen sind (weil extrem wenig schmeichelnd für meine Figur), kommen mir jetzt gerade richtig. Der Bauch passt rein, und wenn das Baby auf der Welt ist und ich langsam wieder normale Formen annehme, dann kann ich die Dinger immer noch anziehen, Kastenform hin oder her, und habe kein Geld für Kleider ausgegeben, die ich am Ende nur drei Monate lang wirklich trage. (Für Schwangerschaftsjeans werde ich dagegen auch nach der Schwangerschaft definitiv noch Verwendung haben. Heute wird mein neues Waffeleisen geliefert.)



9. Mein Dufflecoat.
Wer keine Lust hat, sich acht polyesterige Schwangerschaftstops bei H&M zu kaufen, hat erst Recht keine Lust auf die schäbigen Anoraks aus der Mama-Abteilung. Ich hatte auf meinen Dufflecoat gehofft, und er hat meine Hoffnungen bisher nicht enttäuscht: in die Dinger passt eine Menge Baby rein. Meiner ist ein tonnenschwerer Hamburger Klassiker von Ladage & Oelke in Dunkelblau, den ich beschämend billig auf ebay gekauft habe. Er bringt mich jetzt durch den dritten Winter, achter Monat hin oder her. Es könnte gut sein, dass ich versuchen werde, das Baby im Babybjörn da mit reinzuknöpfen, sollte der Frühling auf sich warten lassen. Ich bin mir da sogar ziemlich sicher.



10. Tageszeitungen.
Wer sich vom neuen Mutterglück nicht aus der Welt drängeln lassen will, hat eine einfache und wirkungsvolle Option: statt neunmalklugen Ratgeberbüchern einfach öfter mal Zeitung lesen. Ich kann gar nicht sagen, worin der Zauber besteht - eigener Pipikram-Ärger relativiert sich angesichts von Weltkrisen, erweiterter Horizont, Futter fürs Gehirn, Ablenkung oder was auch immer - aber mir tut das gut.

Montag, 23. Januar 2017

Pläne für danach.

Ein Glück habe ich mir nicht für's neue Jahr vorgenommen, "im Hier und Jetzt zu leben". Erstens ist das einer dieser typischen Bliblablo-Vorsätze. Zweitens hätte er genau so wenig mit mir zu tun wie der Plan, mich im nächsten Jahr auf 100 essentielle Besitztümer zu reduzieren, straight edge zu leben oder eine dieser megafunktionalen Garderoben zu haben, in der drei weiße Blusen und ein Bleistiftrock eine wichtige Rolle spielen. Und drittens würde ich dann ganz schön dahängen gerade, denn das Hier und Jetzt gestaltet sich gerade so, dass die hier-und-jetzt-Anhänger ziemliche Psychoklimmzüge vollführen müssten (oder ein sonnigeres Gemüt haben, als es mir zur Verfügung steht), um sich darin so richtig pudelwohl zu fühlen. Wohl wahr, ich darf gegen jede Wahrscheinlichkeit nun noch mal das Wunder erleben, als unfruchtbare Tante ein Kind zu bekommen. (Zählt das übrigens als Hier und Jetzt, wenn es noch zwei Monate entfernt ist? Wohl kaum?) Aber das Wunder tritt mir derzeit jede Nacht zwischen 12 und halb 5 durchgehend in die Blase, hat mir zu meinem schrottreifen Beckenboden und der Dauererkältung seit Mitte November jetzt auch zu hohen Blutdruck beschert, sorgt davon abgesehen öfter für Panikattacken-artige Zustände (dieses Gefühl, als würde ein dicker, haariger Troll auf mir sitzen und mir die Luft zum Atmen nehmen) und hält mich von zwar nicht allem ab, was Spaß macht, aber doch von einer ganzen Menge. Beispielsweise ist gerade das seit Menschengedenken erste Mal, dass ich ein dickes Konto habe und gleichzeitig Sale bei meinen Lieblingsläden ist. Aber kann ich mich deshalb endlich mal mit einem wirklich guten Mantel oder genug Jeans bis 2020 ausstatten (oder mit drei weißen Blusen und einem Bleistiftrock)? Nein, hat keinen Zweck, ich habe nämlich keine Ahnung, ob ich nach dem Baby eher dünn oder eher moppelig werde, und rührende Optimismuskäufe habe ich genug. Letzte Woche musste ich endlich die Hoffnung aufgeben, dass es doch noch irgendwie was wird mit dem lange geplanten Mädchenurlaub im Juli, an den ich mich jetzt seit vielen Monaten jedes Mal geklammert habe, wenn ich einen Rappel hatte. Samstag war L. allein in der Elbphilharmonie, um sich die guten alten Einstürzenden Neubauten anzuhören, und ich konnte nicht mit, weil Sturzgeburt durch Lärm gedroht hätte. Einzeln kommt Euch das vermutlich lächerlich vor, aber in Summe habe ich es gerade ein bisschen dicke. (Eine klare, gut sortierte Sicht auf Prioritäten war noch nie meine Stärke, und ich wollte ja 2017 zu meinen Schwächen stehen.)

Aber - und damit endlich zum Punkt - wer hat gesagt, ich würde im Hier und Jetzt leben wollen? Niemand! Und darum kann ich mich gerade wunderbar damit bei Laune halten, Pläne für die Zeit danach zu schmieden. Nach der Geburt, nach dem Wochenbett, nach der Stillzeit.

Ich träume zum Beispiel davon, diesen Sommer mit beiden Jungs im Garten des Heidehäuschens zu zelten. Taschenlampen, Schuhu-Schuhu und Kekskrümel im Schlafsack: herrlich wird das! Ich träume außerdem davon, einen Sport zu finden und mich vielleicht sogar (ich weiß. Aber wartet mal ab!) in einem Studio anzumelden. Ich habe sogar schon einen Plan, in welchem. Da dann mit Kleinchen im Gepäck hinzugehen und endlich etwas gegen diesen Monsterhintern zu tun, darauf freue ich mich. Ich freue mich drauf, wieder mehr zu schreiben. Vielleicht doch noch mal Schwung in mein Berufsleben zu bringen statt immer nur Pragma. Schön zu kochen für Freunde. Und ab und zu sogar meinen ausgelutschten Mutti-Körper durch das Nachtleben zu schleifen. Wieso denn nicht? L.s Samstag Abend endete früh um drei, und er durfte am nächsten Tag bis in den Nachmittag im Bett bleiben, warum denn nicht auch mal ich? Ich freue mich darauf, das Babythema endgültig und gründlich und ohne vielleicht-ja-dochs und wäre-es-nicht-schöns innerlich abzuschließen. Und darauf, den kleinen Pupsis beim Wachsen zuzusehen. Ich freue mich sogar, nennt mich bescheuert, auf Diäten. Darauf, wieder der Boss zu sein und mit meinem komischen Körper machen zu können, was ich will, so lange ich es will. Auf Pläne! So kurzsichtig und blauäugig und unnötig und oberflächlich und schlecht durchdacht sie auch sein mögen. Ich freu mich drauf.

Montag, 9. Januar 2017

Rolle Rückwärts

Gestern hatten wir spontanen Besuch von L.s Cousine, die in London lebt. Sie hat von einem Spieltreff für Kleinkinder erzählt. Statt die Kinder da abzugeben und dann fröhlich pfeifend ihrer Wege zu gehen, sollten die Mütter im Nachbarzimmer sitzen. Aber nicht etwa allein mit ihren Gedanken, mit dem Wirtschaftsteil oder mit einem guten Buch, sondern es gab Aufgaben. Beispielweise sollten sie der Reihe nach sagen, was das Allerallerbeste an ihrer Schwangerschaft gewesen war oder wie sie es in ihrer Partnerschaft jetzt mit der Hausarbeit hielten. In England, so scheint es, ist gerade die Hausarbeit ein Riesenthema. Babys schreien und brauchen viel Liebe und Zeit, und der Abwasch macht sich nicht von alleine. Papa geht arbeiten, und Mama kriegt es nicht immer alles so hin, wie sie gerne würde, was theoretisch in Ordnung ist, aber sie fühlt sich schlecht dabei. Kommt das Kind zu kurz? Sieht die Wohnung nicht gut genug aus? Wollen die Babypfunde einfach nicht verschwinden? Das alles sind Fragen, die englische Mütter um den Schlaf bringen. Während diese und andere Themen im Stuhlkreis besprochen wurden, sollten die Frauen (Männer waren nicht anwesend) parallel kleine Bastelarbeiten erledigen. In diesem Fall sollte mit Lavendel parfümierter Reis in kleine Säckchen genäht werden, die dann noch dekoriert werden sollten. Die Säckchen wiederum waren dazu gedacht, zuhause die Wäsche im Schrank zu beduften. L.s Cousine stellte sich quer. Wieso die paar kostbaren Stunden ohne Kind mit Hausfrauen-Angst und der Produktion von unnötigem Dekoschrott verschwenden? Die Reaktion der Gruppe auf ihren Protest war freundlich und verständnisvoll. Sie ist trotzdem nicht mehr hin gegangen.
Wir müssen wirklich aufpassen. Was heißt wir, ich spreche von mir. Ich war nie eine besonders eifrige Kämpferin für eine Rolle der Frau jenseits von Ideen mit Lavendel und Babyglück, aber auch ich kriege leicht Pickel, wenn ich spüre, wie auf tausend mehr oder weniger subtile Arten die Geburt eines Kindes ein eigentlich modernes, freies Mädchen Zack-Bumm zurück in die 50er katapultiert. Was heißt 50er, 40er. Jetzt ist das Baby da, jetzt machen wir es uns mal nett zuhause. Jetzt dekorieren wir die Bude und kochen uns was Schönes, jetzt entdecken wir ein Hobby wie Einkochen für uns, jetzt treffen wir uns in unserer Freizeit mit anderen Müttern und sprechen über unsere Kinder. Jetzt wird's gemütlich, und als Zerstreuung reicht es uns, abends noch ein paar mal ins Kinderzimmer zu schleichen und unser schlafendes kleines Wunder versonnen zu betrachten. Bleibt uns weg mit unserer Altersvorsorge oder unseren Jobchancen und bleibt uns vor allem weg mit Politik.

Ich hab das ja auch: ein erhöhtes Wärme- und Kuschelbedürfnis, manchmal schiebe ich es auf die Schwangerschaft, manchmal auf den Winter. Ich bin fürchterlich müde und will einfach nur meine Ruhe. Ein Bilderbuch, zwei kleine Schlafanzüge und ein großer und dann Bett. Ich guck mir auch gerne Wohnblogs an, auch wenn ich in letzter Zeit - genauer gesagt seit ca. acht Jahren - finde, es reicht jetzt mal mit dänischem Teak, Lammfellen, Buchstaben als Deko und Subway Tiles. Gott weiß, dass ich gerne koche (und schon wieder hinter meinem Rücken eine Liste mit Vorsatz-Rezepten für 2017 angelegt habe), das kommt einfach so, wenn man ein Fresssack ist. Aber gleichzeitig denke ich, das kann und darf nicht passieren, nicht mit mir und nicht mit uns. Da draußen ist der Teufel los, und ich rede nicht von neuen Wohntrends. Wir können nicht nur kochen und klitzekleine Popos abputzen und Bücher vorlesen und kuscheln, wir können auch denken und sprechen und arbeiten. Wir können sogar höllisch aktiv außerhalb unserer mehr oder weniger dekorierten Wohnung werden, wenn uns etwas wichtig genug ist. Nur wird uns irgendwann niemand mehr danach fragen, wenn wir das alles lang genug nicht getan haben.

"Was hat sie denn jetzt schon wieder?"
"Keine Ahnung. Hormone."

Ach, ich weiß es doch auch nicht.

Sonntag, 1. Januar 2017

Selten waren zu Silvester so wenige Zigaretten und so viel Gehuste.

Frohes neues Jahr, liebe Abkürzungs- und Ex-Abkürzungsdamen!

Bestimmt gilt es als extrem schlechte Form, einen Neujahrspost mit einem langwierigen Gemecker über die eigene Gesundheit zu beginnen, aber dies ist mein Blog, und hier herrsche ich mit eiserner Knute. Mitte November hatte ich mit Kalle als Stargast ein sehr schönes Wochenende in Berlin. Wir haben bei einer Freundin herumgemuckelt, vietnamesisches Essen gegessen, teils Champagner, teils Mineralwasser getrunken, Hochzeitsfotos angesehen und hatten es rundum gut. Einziger unerfreulicher Teil dieses Wochenendes war eine längere Odyssee mit der Berliner S-Bahn, als ich nämlich mit Kalle von einem Kurzbesuch bei meinem Bruder in Kreuzberg zu der Freundin wollte und mangels Kindersitz nicht einfach ein Car2Go nehmen konnte. Die Fahrt, die eigentlich zwanzig Minuten hätte dauern können, dauerte fast zwei Stunden. Unterwegs wurden mir einige der größten Unterschiede zwischen Berlin und Hamburg mit plumper Deutlichkeit vor Augen geführt, und Hamburg hat gewonnen. “Hölle nochmal” fauchte ich innerlich. “Nie wieder ohne Kindersitz”. Und “Wenn ich mir hier von einem von euch jetzt auch noch eine Erkältung einfange, dann rrrrraste ich aus.”

Auf der Heimfahrt nach Hamburg fing der Hals an zu kribbeln, und sechs Wochen später stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Ich habe (jetzt zum zweiten Mal) verstopfte Nebenhöhlen, dementsprechend Kopfschmerzen, ich habe einen Husten wie ein Feldlazarett, der hält mich jetzt seit drei Wochen in Schwung und hat im Lauf dieser drei Wochen meinen mühsam wieder zusammentrainierten Beckenboden wieder komplett zerschossen. Vor der Schwangerschaft konnte ich schon wieder laufen gehen, und zwar nur mit einer Slipeinlage - und die nur zur Sicherheit. Jetzt verbrauche ich täglich ca. 10 dieser Super-Maxi-Pipi-Binden, die so groß sind wie ein Weltatlas und acht Tropfen auf der Packung haben, und seit gestern läuft es auch gerne mal wieder, wenn ich nicht huste, sondern nur einen Wasserhahn betätige oder auch gar nichts tue. Es ist mir unendlich peinlich, ich bin wütend wie eine Hornisse, und die nächste Geburt steht mir erst noch bevor - wobei, schlimmer kann sie es eigentlich nicht machen. Und dann geht das alles wieder los: elektrische Hose, Physio, Balancierball und die dicksten Binden der Stadt. Während meine Jungs langsam trocken werden. Damit bin ich aber noch nicht am Ende mit meinem Gesundheitsreport: Weihnachten habe ich mit bis heute rätselhaften, aber seeeehr konkreten und nicht-psychosomatischen Magenschmerzen in einem Münchner Krankenhaus verbracht, während der Rest der Familie das von meiner Schwester liebevoll und umsichtig organisierte Fest genießen konnte und meine Kinder ca. alle drei Minuten gefragt haben, wo eigentlich Mama ist. Und seit zwei Tagen meldet sich die dusselige Bandscheibe wieder, was nicht nur sehr, sehr schade ist, sondern sich auch mit dem Husten zu einem symbiotischen Gesamtkonzept verbindet: wenn ich huste, tut der Rücken weh, und lege ich die Beine hoch und mache meine Rückenübungen, dann steigern sich Husten und Inkontinenz augenblicklich zu einer Hochform, die selbst mich erstaunt.

Während ich so dalag in meinem Krankenhausbett, habe ich eine Menge Zeit darauf verwendet, mir über Neujahrsvorsätze Gedanken zu machen. Gelassener werden! Mehr auf mich achten! Mich weniger nach den Wünschen anderer richten! Mir mehr Gutes tun! Flora 2017, yay!

Jetzt bin ich wieder zuhause, und während ich so dalag, die Nachbarschaftspartys und den bunten Krieg da draußen im Ohr, bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Bullshit. Ich habe es nicht nachgeschlagen, aber ich glaube, in den letzten Jahren habe ich fast jedes Jahr genau diese Entschlüsse gefasst und keinen davon jemals umgesetzt. Dieses Jahr habe ich eigentlich nur einen Vorsatz:

Ich lasse Flora 1973-2016 gefälligst in Ruhe. Es zeigt sich nämlich, dass ich im Grunde ziemlich vorsatz-resistent bin. Trotz allerbester Absichten bin ich immer noch fusselhirnig, neige zu panischen Reaktionen, mache mir viel zu viele Gedanken über jeden Mist, vor allem darüber, was andere so denken, denke immer, während ich A tue, ich müsste aber eigentlich B oder F oder Z tun, fühle mich ständig gleichzeitig egoistisch und zu kurz gekommen, kann mich niemals entscheiden, und jede Form von Gelassenheit ist mir ziemlich fremd. Leider. Ich finde auch, es wäre schön, etwas lässiger zu sein. Mich weniger stressen zu lassen, nicht alles so schwer zu nehmen, schöne Dinge mehr zu genießen usw. usw., aber ich kann das offensichtlich nicht immer so wie gewünscht, und genau das ist seit Jahren eine der stinkigsten Quellen von Stress in meinem Leben: wieso kann ich das nicht? Wieso bin ich nicht so wie die anderen offensichtlich sind? Wieso bin ich so eine hysterische Ziege? Und die einzige Form der Gelassenheit, die ich mir vielleicht dieses Jahr abkämpfen kann, ist die gegenüber mir selbst. Schluss mit Optimierungsprogrammen und idiotischen Fünf-Jahres-Plänen. Wer weiß? Vielleicht kommen ja andere Formen automatisch hinterher, irgendwann Richtung August, September, ungefähr um den Dreh, wenn ich von den Acht-Tropfen-Binden auf die Sieben-Tropfen-Binden runter bin. Und wenn nicht, dann nicht.

Ende der Vorsatzliste.

Andererseits habe ich es immer geliebt, Vorsatzlisten zu schreiben, es weht für einen Moment so ein Optimismus, so eine Aufbruchstimmung um mich und meinen Rechner - darum erzählt mir doch, was habt ihr so für Vorsätze?

Montag, 26. Dezember 2016

Weihnachtspost

Liebe Abkürzungsdamen, ich weiß, ich bin spät dran, und dann kann ich heute auch noch nicht viel schreiben. Nur so viel, dass ich Euch allen genau das Weihnachten wünsche, von dem ihr geträumt habt- nur noch schöner. Drei Tage Wunderwelt, in der alles möglich ist: die stacheligsten Menschen vertragen sich plötzlich, verstopfte Eileiter haben ihren unaufmerksamen Tag und lassen einfach so ein Ei durchflutschen, Kekskalorien zählen nicht, der Baum ist gerade und duftend und nadelt nicht, DHL hat alles schon vor einer Woche ausgeliefert, das Tesafilm lässt sich leicht abreißen und der Anfang verschwindet nie, die ganze Trump-Wahl entpuppt sich als extrem gelungener Riesenscherz, Spotify nimmt endlich "little drummer boy" aus den Weihnachtsplaylists, und schneien könnte es ja tatsächlich auch noch überall bis auf die Straßen, auf denen die Leute mit den alten Autos und den Sommerreifen bald auf dem Heimweg sind.

Wie es der Zufall so will, habe ich dieses Jahr zu Weihnachten richtig viel Zeit zum Nachdenken und komme auf ganz merkwürdige Neujahrsvorsätze. Doch davon mehr, wenn mein Rechner und ich wieder zusammen sind. Bis dahin fühlt euch unangemessen heftig umarmt von mir!

Mittwoch, 30. November 2016

Gute Kinderwunschbücher hat man nie genug, richtig? Richtig?

Ich hab's versprochen. Dann hab ich es vergessen. Aber jetzt ist es mir zum Glück wieder eingefallen:

Ich wollte Euch ein neues Buch zum Thema Kinderwunsch ans Herz legen. Geschrieben hat es unsere Hamburger Abkürzungsstammtisch-Kollegin Lea Lemon, und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass es Euch gefallen, berühren, weiterhelfen und manchmal dämlich grinsen lassen wird. Salbadernde und uns scheinbar für doofe Trinchen haltende Bücher rund um Fruchtbarkeitsmassagen und die kindersegenstiftende Wirkung von Badeurlauben gibt es genug, das hier ist eins von der anderen Sorte.

So sieht es aus:




und hier kann man reinlesen und es kaufen.

Viel Spaß damit!

Montag, 14. November 2016

Und ihr so in den letzten zwei Monaten?

Ich würde so gerne. Aber ich bin so fürchterlich müde. Eigentlich sollte das nach den ersten drei Monaten kein Thema mehr sein, ist es aber. Ich kann ab zwölf Uhr mittags an kaum noch etwas anderes denken als den Moment, wenn die Kinder schlafen und ich in ein weites Nachthemd steigen kann und dann endlich, endlich ins Bett. Noch vor einem Jahr konnte ich mit Fug und Recht behaupten, noch nie in meinem Leben vor dem Fernseher, mit Schuhen oder mit Make-up eingeschlafen zu sein, egal wie wild oder lang die Nacht war. Das ist vorbei. Inzwischen bin ich einmal mit laufender Küchenmaschine, einmal in der Badewanne (das war knapp) und mehrmals in der Ubahn eingeschlafen. Es tut mir wirklich leid - für L., der seine Abende allein vor der Glotze verbringt, für die Kinder, die eine Schlafwandlerin als Mutter haben, für Freunde, denen ich seit Monaten unbedingt nachher noch schreiben oder die ich anrufen will und die gar nichts mehr hören, und für diesen Blog, aber ich kippe abends einfach um. Das, was dann noch vom Tag übrig bleibt, knuspern die Kinder, blöder Erledigungskram oder auch der Job, der im Moment wirklich anstrengend ist, einfach ratzeputz auf. Nom nom, weg ist die schöne Computerzeit!

Das ist auch schon die einzige Entschuldigung, die ich für die Funkstille habe. Aber heute ist es anders, heute sitze ich im Büro, habe wie durch ein Wunder nichts zu tun, das jetzt auch schon mehrfach an offizieller Stelle überdeutlich gemacht, kann trotzdem gerade noch nicht nach Hause und darf deshalb mit mir und meinem Rechner machen, was ich will. Und weil ich immer noch viel zu wütend und zu enttäuscht bin, um über das in meinen Augen gerade einzig wichtige Thema zu schreiben, schreibe ich eben über die Schwangerschaft. Der Bauch wächst, und seltsamerweise wachsen mit ihm gleichzeitig die Ängste und die Gelassenheit. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das alles werden soll. Ich überquere mit zwei Kindern an den Händen eine wildbefahrene Straße und kann nur denken, schön, und wann wächst mir der dritte Arm? Und welche Dimensionen erreicht die Einmischeritis, sollte ich mich tatsächlich gezwungen sehen, eins meiner Kinder an die Leine zu nehmen? Ich googele vergeblich nach Zwillings-Buggy-Boards, um auch in Zukunft noch einigermaßen koordiniert einen Supermarkt besuchen zu können, ohne dafür einen Babysitter zu engagieren. Und jedes Mal, wenn jemand ganz humorig etwas in der Richtung von "Na das kann ja heiter werden" sagt, dann möchte ich mit Sachen werfen. Irgendwie wird es gehen. Hoffentlich. Dann die immer noch sehr lebendige Angst, das Kind könnte im Laufe des Gin-Tonic-Sommers Schaden genommen haben. Ja, ich dachte auch, diese Sorge wäre vom Tisch. Aber plötzlich fängt meine (an sich sehr nette und besonnene) Frauenärztin an, während des Ultraschalls zu erzählen, sie hätte mit einer Dame von einer Stiftung zur Förderung des alkoholgeschädigten Kindes letztens auf einer Party "Über meinen Fall gesprochen". Und ich sollte mich da doch ruhig mal näher informieren. Plötzlich ist der Kopf viel schmaler als gedacht, plötzlich gehe ich wieder mit Muffen zum Frauenarzt und plötzlich habe ich wieder Albträume ohne Bezug zur Weltpolitik. Und dank der Schwangerschafts-Müdigkeit habe ich nun viel mehr Zeit für schlechte Träume!

Gleichzeitig denke ich ganz oft, das wird. Wieso soll es nicht werden, bei anderen wird es doch auch? Wieso soll dieses Kind kein wunderbarer Glückstreffer werden, ein rundum zufriedener Wonneproppen, der ganz früh ganz viel schläft? Neulich haben meine Jungs ihre zwei Monate alte Cousine kennen gelernt und waren dabei so niedlich und vorsichtig, dass ich mich doch eigentlich darauf freuen müsste, sie in Zukunft täglich einem Baby über den Kopf streicheln zu sehen. Dann packen wir eben noch eine Schippe drauf! Bzw. ich. Und dann gehe ich eben einkaufen, wenn die zwei in der Kita sind. Dann spare ich mir eben für's Erste Wochenend-Ausflüge und dergleichen und lade meine Freundinnen zu mir ein, und Fernsehserien werden warten und Job-Aufträge auch (bestimmt. Oder?) Und in anderthalb Jahren habe ich drei Kinder in der Kita und freue mich jeden Tag halb dämlich über dieses unerwartete und unverdiente Familienglück, genau so wie ich mich jetzt freue, wenn ich sehe, wie Kalle und Michel zusammen spielen und wie Michel sprechen lernt und wie groß die zwei schon sind und was für ganz eigene, einzigartige und niedliche kleine Kerlchen.

Und jetzt kommt hier doch noch Arbeit um die Ecke und es ist schon wieder Schluss mit lustig. Wir lesen uns dann in zwei Monaten, oder? Uaaaaah. Bin ich müde.