Donnerstag, 9. April 2015

Ein kleiner Rückschlag für die Zellstoff verarbeitende Industrie

Ist die eigentlich komplett bescheuert, dem Internet von ihrem Inkontinenzproblem zu erzählen? denken sich sicher manche. Ich bin eine davon. Aber so wie es aussieht, habe ich auch das bald hinter mir gelassen. Seit bestimmt vier Wochen habe ich keine Pinkelbinde mehr benutzt, und seit zwei Wochen auch keine Slipeinlage mehr. Ab und zu rächt sich das, aber nie in großem Stil.
Und was hat die Wendung gebracht? Heilt am Ende die Zeit alle Beckenboden?
Glaube ich nicht. Und die Physio hat auch wenig für mich getan. Das lag aber vermutlich an dieser speziellen Physiotherapeutin, von der ich am Ende so genervt und so enttäuscht war, dass ich von meinen sechs verschriebenen Sitzungen die letzten beiden in den Wind geschossen habe. Das, was da geboten wurde, erschien mir so wenig hilfreich, dass ich nicht bereit war, dafür die Kinder wegzuorganisieren, ins Auto zu steigen, in ein Parkhaus zu fahren und eine Stunde freie Zeit zu opfern. (Und ich habe schon oft geschrieben, wie sehr mich das ganze Problem beschämt und nervt und frustriert, an sich hätte ich also hochmotiviert sein müssen.) Es waren einerseits die Übungen, wenn man sie Übungen nennen kann. Mal habe ich gelegen, mal gesessen, und dazu habe ich den Beckenboden mal lange, mal kurz angespannt. So verging jedes Mal eine halbe Stunde, die die Physiotante mit Geplapper gefüllt hat. Dieses Geplapper war es andererseits, was mich vertrieben hat. Ehrlich, man kann doch nicht in einem Gesundheitsberuf arbeiten und dann solche Kracher abfeuern wie "Also ich weiß nicht, was die Leute heute alle haben, früher hatten sie auch Stress, aber die heute mit ihrer Schizophrenie, das muss doch nicht sein!". Ein paar Wochen lang habe ich jeden Tag bestimmt eine halbe Stunde damit verbracht, die "Übungen" zu machen, aber es hat sich sowas von gar nichts getan, dass ich es dann auch gelassen habe. Es war gleichzeitig wahnsinnig anstrengend, langweilig und aussichtslos.

Die Physio war es also nicht, von alleine ist es auch nicht passiert. Was nach meinem Gefühl den Durchbruch gebracht hat, waren die Elanee-Gewichte. Natürlich macht mich zweimal pressen nicht zur Schwangerschafts- und Rückbildungsexpertin, aber bei mir haben sie geholfen. Zudem brauchte ich für sie weder einen Babysitter noch einen Parkplatz. Einfach zweimal täglich ein Gewicht einführen, möglichst zehn Minuten an Ort und Stelle behalten, während man steht oder läuft, anschließend mit Wasser und Seife waschen, fertig. Was nach dem ersten Mal der Cantienica-Kurs (300 Euro, acht Sitzungen) nicht geschafft hat, die vier mit pastelligem Kunststoff überzogenen Nupsis kriegen es hin: ich huste schon wieder, lache oder niese, ohne mir in die Hose zu machen. Irgendwann demnächst renne ich dem Hund oder meinem Kind hinterher. Und in ein paar Monaten schnüre ich die Laufschuhe wieder zu. Ich freu mich mehr darauf, als ich sagen kann.

Mittwoch, 8. April 2015

Frei!

Eins meiner Mädchen hatte mal einen Freund, der war niedlich, aber seltsam. Wir lernten ihn kennen, als die beiden aus Berlin zu Besuch waren und wir bei uns im gerade frisch bezogenen Haus eine Party gefeiert haben. Irgendwann im Lauf des Abends stand er vor mir, strahlte mich an, machte ein Foto nach dem anderen von mir und sagte ungefähr sieben Mal mit Inbrunst: "Flora, du bist so frei!"
Ungefähr 24 Stunden lang haben wir uns alle gefragt, wie er das wohl gemeint hatte. Wollte er sagen, ich wäre so ungehemmt? Bin ich nämlich nicht. Oder, ich wäre eine von denen, die völlig natürlich und unbeeindruckt bleiben, wenn jemand sie fotografiert oder filmt? Bin ich schon gar nicht, ich bin unfähig, auf Fotos anders als komplett bescheuert zu gucken. (Sogar mein leichtes Schielen, dass man sonst kaum sieht, ist auf einmal doppelt so schlimm. Außerdem wächst mir gerne ein zusätzliches Kinn.) Meinte er, ich wäre sowas wie ein freier Geist? Sehr schmeichelhaft, aber woher will er das wissen, nachdem ich ihm bisher nur zwei gekühlte Getränke gereicht und ihn freundlich begrüßt habe?
Die Lösung kam mir einen Tag später. Seine Freundin hatte ihm erzählt, ich wäre eine Freie. Freie ist in unserem Job der Ausdruck für Freelancer. Und Jobwelten aller Art waren ihm damals eher fremd, also hat er es eben so verstanden.

Gut. Wo war ich? Ach so, Freiheit. Jakob ist frei! Nicht im Sinne von Freelancer, sondern frei. Gestern um fünf vor Zwölf kamen wir auf dem gerammelt vollen Krankenhausflur zur Klumpfußsprechstunde an, hatten trotz des Andrangs aber gerade mal Zeit, einen Automaten-Kaffee in uns reinzustürzen, bevor wir aufgerufen wurden. Alles ist gut. Wir wurden sogar gelobt: ein mittig so dünnes, eingeschnürtes Füßchen wäre der Beweis, dass die Eltern wirklich alles richtig gemacht haben. Nur eine kleine Stelle am rechten dicken Zeh müssen wir ein bisschen pflegen und beobachten, aber mit täglich zwei dünnen Schichten Bepanthen sollte sie bald verschwunden sein. Ab jetzt muss Jakob die Schiene also nur noch 12 bis 14 statt 23 Stunden am Tag tragen. Ich werde versuchen, mehr in Richtung 14 zu gehen - nichts wäre jetzt fieser, als dass der Fuß sich doch wieder zurückbiegt und wir noch mal auf 23 Stunden hoch oder sogar noch mal gipsen müssten. Es ist auch nicht wichtig, ob er die 14 Stunden an einem Stück oder häppchenweise hinter sich bringt. Jakob muss sich jetzt also nicht unbedingt einen zweistündigen Mittagsschlaf angewöhnen, und auch wenn er im November in die Kita kommt, müssen die Damen dort nicht mit komplizierten Schühchen und Schiene herumfummeln. So lange er früh schlafen geht, legen wir ihm den Apparat um 19 Uhr an, und morgens um neun nehmen wir ihm das Ganze wieder ab.

Bisher ist er noch weniger begeistert als gedacht, was aber auch daran liegen könnte, dass er dick erkältet ist - samt Ohren und Augen. Seit heute morgen ist auch noch Fieber dazugekommen. Arme kleine Wurst - aber nur, weil Mama und Papa sich diesen Tag rot und glitzernd im Kalender angestrichen haben, musst du ja nicht unbedingt mit Konfetti werfen.



Montag, 6. April 2015

And now for something completely different

Wer zwei kleine Kinder unter zwei Jahren hat, der sehnt sich nach Dingen, die sich einfach erledigen und abhaken lassen und funktionieren. Davon gibt es gerade nicht viele in meinem Leben. Also habe ich künstlich nachgeholfen und mir die 100-Rezepte-in-einem-Jahr-Sache ausgedacht. Ich wollte bis Silvester hundert mal nach Rezept kochen. Es müssen keine neuen Rezepte sein, auch keine aufwendigen, nur eins ist Bedingung: ich muss nachschlagen müssen, wie das geht, und es dann eben machen.
Heute ist der sechste April, und bisher stehen auf der Liste:

Gefüllte Paprikaschoten (Rezept: Mama) in zwei Versionen: mit Hack für Boje und mich, mit Reis und Schafskäse für L.
Mexican Chocolate Icebox Cookies (Dinner: a love story)
“Persischer Auflauf” nach vagen Ideen von L., nachgeschlagen bei chefkoch.de
Blutorangen-Kardamom-Sorbet (A Change of Appetite)
Tomaten-Curry (Nigella Kitchen)
Kokos-Reis (Nigella Kitchen)
Zitronen-Risotto (allerdings mit Hirse), Nigella Bites
Gebackener Fenchel (Claudia Roden, Food of Italy)
Apfelnusskuchen (Food of Italy)
Popcorn Cookies (Smitten Kitchen)
Schweineschulter-Ragù (Dinner - a love story)
Linsen-Bolognese (eat - nigel slater)
Marmorkuchen (dr oetker, Backen macht Freude)
Fisch in Bierteig (Gordon Ramsay, great british pub food)
Indischer Dhal (Natural Basics)
Lauch in weißer Sauce (Nigella Kitchen)
Salt and Pepper wings (Nigella: Feast)
Orange Granita (Food of Italy) mit Bitterorangen
Damp lemon and almond cake (Nigella, How to be a Domestic Goddess)
Marcella Hazan’s Pork braised in milk (Dinner, a love story)
Risi e bisi (Nigella: Forever Summer)
Gebackener Schafskäse in der Folie (Delicious days)
Green Bean and Lemon Casserole (Nigella, Feast)
Überbackener Blumenkohl (What Katie ate at the Weekend)

Das sind 23 Rezepte in etwas mehr als einem Vierteljahr. Das heißt, ich bin noch hinter dem Soll zurück, aber ich fühle mich nicht das kleinste Bisschen unter Druck. Und auch, wenn längst nicht jedes dieser Rezepte mit vielen Sternchen verziert wurde und auf die Liste der Sachen gewandert ist, die ich unbedingt bald wieder essen will, hat doch jedes eine ordentliche Dosis Selbstzufriedenheit mit sich gebracht, die ich gerade an anderer Stelle schmerzlich vermisse und dringend brauchen kann. (Falls es eine interessiert: unbedingt mindestens einmal im Monat essen will ich das Ragù von der Schweineschulter, das zehn Minuten Arbeit macht, die ganze Bude mit einem himmlischen Duft erfüllt, köstlich auf Pasta schmeckt, von Boje geliebt wird und sich 1a einfrieren lässt. Außerdem Risi e Bisi, die grünen Bohnen mit Zitrone, das Zitronen-Hirse-Risotto, die Salt-and-Pepper-Wings, und spätestens zu Weihnachten mache ich die Mexiko-Kekse wieder. Nicht so angetan war ich z.B. von den Popcornkeksen, ein Rezept, das ich schon seit zwei Jahren umkreise, und in dem das Popcorn nur gestört hat, und was "What Katie ate" betrifft - ein Kochbuch, dass ich mir von meinen Eltern gewünscht und bekommen habe und das so hübsch aussieht - schwant mir gerade, dass es außer diesem hübschen Aussehen nicht so viel zu bieten hat. Aber wir werden sehen, die Rippchen z.B. probiere ich noch aus, genau wie ein paar der Backrezepte.) Ich weiß, es klingt nach Hausfrauenoverkill, sich mit zwei Würmchen auch noch ein Projekt zu suchen, aber mir hilft es. Denn nichts, was mit Kindern zu tun hat, lässt sich so gut planen und dann (oft innerhalb von gerade mal zehn Minuten) einfach machen. Ganz davon abgesehen, dass mit vollem Bauch fast alles besser geht.

Morgen um zwölf ist unser Termin mit Jakob in Altona. Drei Monate sind um. Drei Monate mit mindestens 23 Stunden Schiene am Tag. Wenn ich anderen davon erzählt habe, ist mir neulich aufgefallen, habe ich es oft so erzählt, als wäre das alles toootal unkompliziert und einfach gewesen. Der Snowboard-Satz fiel z.B. oft. "Dann hat er zwei kleine Sandalen an, die werden beide fest in die Schiene eingeklickt, und dann steht er da wie auf einem kleinen Snowboard." Snowboard: da denkt doch keiner an Probleme, Behinderung, Arztbesuche und Kummer - saucooles Kind, als Baby schon auf dem Snowboard! Warum ich das immer und immer wieder so gemacht habe, kriege ich eines Tages auch noch heraus, es muss wohl irgendwie geholfen haben. Und Hilfe war nötig, es war nämlich alles andere als unkompliziert und einfach. Wenn ich die Schuhe und Strümpfe ausgezogen habe, waren da oft merkwürdige Falten und Stellen am Fuß, und auch, wenn die Ärztin uns beruhigt hat, nachdem ich ihr das immer wieder als Foto gemailt habe - wer immer mit der Tube Bepanthen in der Hand jede kleine Rötung am Po verarztet und beim ersten Husten das Fieberthermometer sucht, den lässt das erst Recht nicht kalt. Die Hauptursache für das Scheitern der Klumpfuß-Behandlung sind inkonsequente und zu nachgiebige Eltern, das habe ich mir so oft vorgebetet. Egal, wie er gebrüllt hat, egal, wie mies die Nacht gerade war, gerade wenn er brüllte, haben wir die Schiene nicht ausgezogen. Denn auch ein drei Monate altes Baby ist schon schlau genug, um zu kapieren: ich brülle lang genug, dann bin ich das Ding los, also brülle ich mal. Und keine Unbequemlichkeit jetzt kann so schlimm sein, wie eines Tages mit schiefen Füßen durchs Leben schlurfen zu müssen. Also hat er gebrüllt, und wir haben die Zähne zusammengebissen. Mit dem Ding hat Tragen in der Manduca oder im Tuch nicht funktioniert, und in seinen wirklich großzügig geschnittenen Kinderwagen hat er damit auch kaum gepasst. Ich weiß, dass wir froh sein können, in einem Land mit so toller medizinischer Versorgung zu leben und dass es großartig ist, wie viel man heute tun kann - ganz ohne OP. Wenn ich mir die Bilder ansehe von seinen Füßen, die wir nach der Geburt gemacht haben, ist es nicht zu fassen, dass sie fünf Monate später so aussehen - bis auf die leichten Verformungen durch die Schuhe völlig normal. Wir sollten die Schiene also täglich loben und preisen und ein Foto von ihr in unseren Brieftaschen herumtragen. Aber trotzdem bin ich gottfroh, wenn wir morgen die erlösende Nachricht bekommen, dass er das Ding ab sofort nur noch 14 Stunden täglich tragen muss - also nur noch nachts und zum Mittagsschlaf. (Mittagsschlaf, Jakob. Das wird was ganz Neues für Dich! Ist das spannend! Oder?)

Boje kann inzwischen Ostereier suchen, finden und essen. Tatsächlich ist für mich gestern eins dieser Phantasiebilder wahr geworden, die mich als Abkürzungsdame immer mal gefoltert, mal bei Laune gehalten haben, und es war genau so, wie ich immer dachte. Wir sind durch den sonnigen Garten gelaufen, der zum Wochenendhaus von L.s Mutter gehört, wo wir jedes Jahr an Ostern sind. Ich hatte morgens im Schlafanzug Eier versteckt, und jetzt waren wir zu dritt unterwegs, Boje mit einem kleinen Körbchen. Er hat sie alle gefunden, in sein Körbchen gelegt, auf das er nur zweimal gefallen ist, ohne größeren Schaden anzurichten, er hatte riesige Augen und ganz rote Wangen, und am Ende hat er den Inhalt seines Körbchens unaufgefordert mit uns allen geteilt. Ich konnte nur denken, und ich habe wirklich nicht mehr dran geglaubt, nur noch ein bisschen zum Spaß, dass das eines Tages mal passiert. Ist es aber.

Neues aus seinem Vokabular:
Alabala (Luftballon)
Dau (Jakob)
Altsch (Saft)
Paltsch (Salz)
A-A (Giraffe)
Außerdem Lampe, Lachs, Anziehen, Tiger, Bär, Pipi, Milch, Ei, Hase und Nase.

Die Nächte sind gerade so grauenhaft, dass ich gar nicht anfangen will, ausführlich davon zu schreiben, denn wenn ich davon anfangen würde, hätte ich mich ruckzuck in eine Situation hineinmanövriert, in der ich mich ein Jahr lang nur noch entschuldigen und dankbar zeigen muss, damit das Internet mir das verzeiht. (Stellt euch bitte mal vor, man dürfte nicht über seinen Job meckern, ohne sofort hinterherzuschieben, dass man weiß, wie viel Glück man hat, überhaupt einen Job zu haben. Dass man weiß, wie viele einen Job verdient hätten, aber keinen haben. Dass man seinen Job liebt. Dass man überhaupt insgesamt eigentlich nicht meckern will, es ist nur so, dass... es wäre zum Durchdrehen.) Letzte Nacht hat Jakob nur zweimal dazwischengefunkt, während ich mit meiner Schwiegermutter "Notorious" im Fernsehen gesehen habe. Um zehn bin ich mit ihm ins Bett gegangen. Dann war er bis eins wach und ungnädig, wollte trinken, aber weder bei mir noch aus der Flasche, hat gekratzt, gezwickt, geknatscht und mich an den Haaren gezogen und mit seinen beschienten Füßen grün und blau getreten. Dann hat er geschlafen bis halb drei, bis fünf wieder Terror, dann Schlaf bis halb sieben, wieder eine halbe Stunde, diesmal ist Boje aufgewacht und wollte zu mir ins Bett, und dann sind beide wie durch ein Wunder noch mal bis neun eingeschlafen. Seit halb eins konnte ich nur noch auf die erste Tasse Tee des Tages hinfiebern. Aber die hat dann auch wirklich geholfen.

Aber trotzdem: auch wenn äußerlich nichts, aber auch gar nichts besser wird: die Katastrophenstimmung ist dahin. Ich liege nachts da, so müde, dass ich nur noch schreien will, und denke: noch ein Jahr, dann habe ich zwei Kinder, die beide mit mir sprechen können, wenigstens ein bisschen. Die ich nachts in ihr Bett nebenan lege, die bestimmt auch mal nachts was wollen, aber die ansonsten verstehen, wenn ich abends zu ihnen sage: gute Nacht, schlaf gut, morgen wird ein schöner Tag.

Und das geht schnell, hoffentlich. Morgen wird ein gutes Jahr.

Dienstag, 17. März 2015

Zwölf Minuten und 27 Sekunden zum Posten. Mehr kann man nicht verlangen gerade.

Ich muss etwas gestehen. Vor ca. zehn Jahren, als ich weder Kinder hatte noch mir welche gewünscht habe, war ich auch so eine: wenn ich mit jungen Müttern in Elternzeit zu tun hatte, dann dachte ich, klaaaar hat die Stress. Muss das stressig sein, das alles zu organisieren: Kinder anziehen, mit der Karre durch die Läden schieben und überall im Weg sein, und dann die vielen Milchkaffees mit den anderen schicken Mamis, das viele Koffein, uiuiuiui...

Wenn es jetzt gerade mal sehr dicke kommt, dann weiß ich, das ist die gerechte Strafe für solche Vorurteile. Nach Jahren in einem Job, in dem nicht selten 80-Stunden-Wochen für 40-Stunden-Bezahlung erwartet wurden, habe ich den direkten Vergleich. Und Job ist einfacher. Bestimmt gibt es auch Mütter von Babies, die eigentlich immer nur schlafen, und das über Monate hinweg, genau so lange, bis sie alt genug sind, um den ganzen Tag stillvergnügt mit ihren rosigen Fingerchen oder ihrer Rassel zu spielen. Ganz sicher gibt es die! Ich bin leider keine davon. Und die lange Postpause liegt auch nicht daran, dass ich keine Lust mehr habe oder das Laptop bei meinen Milchkaffee-Ausflügen lieber zuhause lassen wollte wegen der Temperaturunterschiede, Kondensschäden, wisst ihr Bescheid. Sondern ich habe es einfach nicht geschafft. Im Kühlschrank liegt seit drei Wochen eine unangetastete Flasche Rosé, den hab ich mir im Internet bestellt und hätte ihn gerne mal abends probiert. Auf dem Festplattenrekorder stapeln sich die alten Barnaby-Folgen, und die ersten drei Staffeln "Agentin mit Herz", meine Lieblingsserie aus den 80ern, die ich kurz nach Silvester aufgenommen habe, sind auch noch nicht angerührt. Tut mir leid, lieber L., wir können unser Entertain-Paket nicht kündigen, bevor nicht die Kinder aus dem gröbsten raus sind und ich mir das endlich angesehen habe. Was erzähle ich von Agentin mit Herz? Die fünfte Staffel Downton Abbey ist immer noch in Klarsichtfolie eingeschweißt.

Damit zu den Jungs.
Jakob rollt und legt auf diese Weise ziemlich lange Strecken in ziemlich kurzer Zeit zurück. Das weiß ich seit letzter Woche, da lag er mittig auf einer großen Matratze, die ihrerseits zum Glück auf dem Fußboden lag, während ich mir im Bad nebenan die Haare gebürstet habe - 30 Sekunden lang. Als ich zurück kam, lag er einen Meter neben der Matratze und sah sich neugierig im Zimmer um. Er hasst es immer noch, in seinem Stubenwagen zu liegen. Lege ich ihn trotzdem mal ab, dann macht er sich sofort daran, aufwärts zu robben und seinen Kopf an die Gitterstäbe zu pressen, so fest er kann. Befestige ich ein Nestchen, um Beulen zu verhindern, wurschtelt er das Nestchen wieder ab und wickelt sich hinein. Er ist immer noch am glücklichsten auf dem Arm. Dort kann er aber nicht endlos bleiben, denn erstens wird er immer schwerer, zweitens hat er sich angewöhnt, seine Hände unentwirrbar in meine Haare zu verstricken und daran zu ziehen und zu kauen, und drittens weil darum. Unsere ganze Hoffnung ruht auf dem Termin in der Kinderorthopädie nach Ostern. Wenn alles gut geht, dann sind sie mit seinem Fuß zufrieden, und er muss ab dann die Schiene nur noch 14 Stunden am Tag tragen, so dass er mehr Zeit mit strampeln, rollen und robben verbringen kann, was glaube ich in seinem Sinne wäre und ihm endlich ein Ventil für all die Energie geben würde, die er jetzt ins Brüllen steckt. Abwechslung gibt es jetzt aber auch aus einer anderen Ecke: seit Freitag bekommt er einmal am Tag Gläschen. Bisher nur Möhre, heute versuche ich es mal mit Kürbis. Er hat gestaunt und war anfangs skeptisch, aber dann bei Löffel Nr.3 fand er es gut. Ich stille außerdem immer noch, und zwar aus Erschöpfung. Die Nächte sind immer noch schwierig, und im Moment erscheint es mir, dass Stillen die einzige Möglichkeit ist, ein bisschen Schlaf zu bekommen: fängt er an zu knöttern ("anfangen" ist in diesem Zusammenhang irreführend, er hört nämlich eigentlich nicht auf), dann lege ich ihn an, er trinkt, und ich kann noch ein paar Minuten weiter schlafen. Leider reicht die Menge nicht, um ihn länger bei Laune zu halten als eine knappe Stunde. Dafür muss ich nicht aufstehen und in die Küche gehen. Irgendwann demnächst werde ich trotzdem abstillen, dann folgen ein paar wilde Nächte, und dann schaffen wir hoffentlich die Umstellung - pro Nacht ein paar Minuten gähnend und barfuß auf kaltem Küchenboden, während ein Fläschchen mit 150 ml abgekochtem Wasser in der Mikrowelle kreist und von oben forderndes Knöttern zu hören sein wird, und dafür zwischendurch eine, zwei oder - Keuch! - sogar drei Stunden Schlaf am Stück. Im Moment hasst er Fläschchen noch, egal wie hungrig er ist. Andererseits hasst er so Einiges, und das meiste davon muss er trotzdem ab und zu ertragen - liegen, Windel wechseln, Strampler anziehen sind nur einige Beispiele. Ich weiß, man soll seine Kinder nicht miteinander vergleichen, und mit dem schiefen Fuß hat Jakob einiges gegen sich, aber Boje war deutlich sanfter zu meinen Nerven.

Bojes Vokabular im Moment, bevor wir das vergessen und durcheinanderbringen:
Mama, Papa, Oma, Opa
Douu (Jakob)
Lila (Lili)
Mehr
Teets (Keks)
Nomma (Nochmal)
Auto
Tiiiit (Guten Appetit)
Toof (Brot)
Toast (extrem britisch ausgesprochen und sehr niedlich)
Täse (Käse)
Isch ich isch isch isch (Fläschchen, will er neuerdings wieder, weil er beschlossen hat, dass man es als Baby in diesem Haushalt besser hat und er darum auch wieder ein Baby sein will)
Nane (Banane)
Atschszzpffffsch (Apfel und Birne)
Mo (Mund)
Nase
Aua (Auge)
Oa (Ohr)
Haa (Haar, Hand, Hase)
Tita (Kita)
Aam (Auf den Arm! Jetzt!)
Baby
Teletaaa (Telefon)
Tür auf





Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Bojes Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Boje mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Jakob wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Bojes neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Boje seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Jakob ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Jakob
Jakob hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Boje vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Jakob ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Boje lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Boje insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Jakob und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post sind schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Freitag, 13. Februar 2015

Nehmen wir zum Beispiel den Mittwoch.

Am Mittwoch habe ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Gesundheitstermine an einem Tag: um elf Uhr dreißig eine Massage für den Rücken, die ich selbst bezahlen werde, bei einer Praxis in der Stadt. Und um sechzehn Uhr dreißig Beckenboden-Physio bei uns um die Ecke.
Am Dienstag liege ich gerade mit Jakob im Bett und stille ihn, da klingelt mein Telefon. Eine Frau ist dran. "Guten Tag, Praxis für Physiotherapie, ich wollte fragen, ob wir ihre Physio morgen verschieben können? Auf elf Uhr? Ginge das?" Ich überlege kurz, dann sage ich, das geht, und lege auf. Zehn Sekunden später fällt mir die Massage wieder ein. Also rufe ich in der Beckenboden-Praxis an. "Hallo. Ihre Kollegin rief mich gerade an und wollte meinen Physio-Termin morgen auf elf Uhr verschieben, ich habe gesagt, das ist ok, aber jetzt ist mir eingefallen, da habe ich schon einen Massagetermin (an dieser Stelle fühle ich mich ganz kurz wie ein verwöhntes Wellness-Frauchen statt wie eine geschundene Mutter), deshalb geht es leider doch nicht. Können wir den Termin da lassen, wo er vorher war bitte?" Die Frau am anderen Ende sagt, sie richtet es ihrer Kollegin aus.

Mittwoch. Nach einem hastig in die Tasten gehauenen Post ziehe ich mich ordentlich an und verlasse bester Dinge das Haus. Ich kaufe mir eine Tageskarte für die Bahn und fahre zu meinem verdammten Massagetermin. Als ich die wenig einladenden Räume betrete, wo es jedenfalls deutlich weniger gut riecht als bei meiner Osteopathin, kommt mir die Sprechstundenhilfe schon entgegen. "Frau Albarelli? Mit ihnen hätten wir vor einer halben Stunde gerechnet. Herr T. ist jetzt zu einem Hausbesuch. Ein Notfall. Und den Termin müssen sie natürlich trotzdem bezahlen." Mir wird schlecht. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder brüllen soll. Dann bezahle ich erst mal und gehe wieder nach Hause. Wie kann man so bescheuert sein? Und wieso, wieso, wieso passiert sowas immer mir?

Es gibt hundert Möglichkeiten, wie diese Panne hätte vermieden werden können. Hier ein paar davon:
Es fängt schon damit an, dass ich noch nie in meinem Leben zwei solche Termine an einem Tag hatte.
Es geht damit weiter, dass diese verdammte Massagepraxis ein Hühnerhaufen ist. L. hat dort öfter Termine, und ich weiß nicht mehr, wie oft die mich schon angerufen haben und wollten, dass ich jetzt aus dem Stegreif und ohne etwas zu schreiben oder L. in Hörweite eine Terminverschiebung klarmache. Wieso können die ihre verdammten Termine nicht da lassen, wo sie sind?
Wieso kann die sich nicht am Telefon so melden, dass man weiß, wer dran ist?
Wieso nennt die eine Massage eine Physiotherapie?
Wieso rufen die ausgerechnet in dem Moment an, in dem ich stille und dabei meinen Terminkalender nicht jederzeit griffbereit habe?
Wieso geht in der anderen Praxis jemand ran, dem nicht auffällt, dass die Kollegin in den letzten zehn Sekunden gar nicht telefoniert hat?
Wieso kratzt sich diese Kollegin wiederum nur verwundert am Kopf, statt mich noch mal anzurufen und nachzuhaken, was da los ist mit Phantomverschiebungen?

Und immer so weiter. Zuhause angekommen guckt L. mich mit großen Augen an. "Du bist wirklich, wirklich bescheuert. Wieso bezahlst Du das denn?" Damit greift er zum Hörer, ruft da an, beruft sich auf die vielen, vielen Massagen, die er dort über die Jahre bekommen hat und auch in Zukunft noch bekommen will, und kriegt die Dame tatsächlich dazu, mir einen neuen Termin zu geben. Jetzt fühle ich mich noch bescheuerter.

Liebe Abkürzungsdamen, das ist ein kleiner Einblick in die Welt von mir und meinem Fusselhirn. Bei nächster Gelegenheit erzähle ich euch dann mal, wie das damals lief mit meinem Gründungszuschussantrag oder meiner letzten Reisepass-Erneuerung, oder wie genau das kam, dass ich mein vorletztes heißgeliebtes Auto durch einen Unfall verloren habe, für den ich überhaupt nichts konnte, und trotzdem einfach leer ausgegangen bin. Manchmal...

Ich hoffe wirklich, das vererbt sich nicht.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Boje ist in der Kita. Jakob ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Jakob:

Jakobs Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Bojes letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Jakob und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Boje so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Jakob eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Jakob auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Boje ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Boje auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Montag, 26. Januar 2015

Flora wer nochmal?

Nein, vom Netz bin ich nicht, aber zu sagen, ich lebe noch, wäre auch etwas übertrieben.

Kurz zur Lage hier:

Jakobs Füße
Jakobs Füße tun, was sie sollen, das heißt, der rechte (Klumpfuß) sieht ziemlich deformiert aus durch die engen Sandalen. Die messerscharfen Falten, die er anfangs in der durch den Gips noch so empfindlichen Haut hatte, legen sich aber etwas, der Fuß wird auch nicht mehr so rot und dick, wenn ich die Schuhe ausziehe, und sieht insgesamt eigentlich ganz rosig und lebendig aus. Außerdem kann ich keinen Unterschied in seinem Befinden mit oder ohne Schiene feststellen, er blüht weder auf noch ab, wenn die Schuhe aus sind und er mit nackten Füßchen strampeln kann. Diesen Teil der Behandlung kriegen wir also hin.


Unsere Nächte
Was ich aber nicht mehr lange hinkriege, ist das Weinen, die Schlaflosigkeit, das ganze traurige, verkrampfte Kind. Eine Minute am Tag lächelt er mich an und macht gurrende Laute. Diese Minute sauge ich in mir auf wie früher den letzten Rest von einem leckeren Cocktail, sie muss mich die restlichen 23 Stunden und 59 Minuten wärmen und bei Laune halten. Den Rest der Zeit guckt er entweder wie ein beleidigter Frosch oder weint. Schlaf scheint er so gut wie nicht zu brauchen. Heute Nacht war er vierzehn mal wach, und jedes einzelne Mal dauerte so ungefähr zwanzig Minuten. Irgendwann in jeder Nacht kommt der Moment, in dem ich merke, jetzt wird es langsam heller da draußen, und dann bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch stumpf vor mich hinstarren kann. Sogar beim minutenlangen Vor- und Zurückwiegen mit dem Oberkörper habe ich mich schon erwischt, wie ein psychisch krankes Zootier. Denn jetzt ist wieder eine Nacht vorbei, wieder habe ich nicht geschlafen, wieder ist es nicht besser geworden. Dann ist der schlimme Moment hinter mir, und ich rede mir ein: vielleicht wird ja die nächste Nacht schon besser, Hurra! Manchmal denke ich, mit dem Abstillen wird es besser. Manchmal denke ich, das Stillen ist gerade das Einzige, was noch klappt - ein paar Mal am Tag ziehe ich mich mit ihm für eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Bett zurück, er saugt, manchmal lächelt er sogar ein bisschen, und vielleicht schläft er für ein Viertelstündchen ein. Ich weiß nur, das muss besser werden, sonst... weiß ich auch nicht. Es muss eben einfach. "Besser werden" ist gerade mein Mantra, ich denke das den ganzen Tag stumpfsinnig vor mich hin.


Jakobs Weinen
Der Arzt sagt, da muss er durch. Sein Blut ist in Ordnung, keine erhöhten Entzündungswerte, keine Bakterien, eigentlich geht es ihm gut. Wenn das Jakob ist, wenn es ihm gut geht, dann grusele ich mich jetzt schon davor, wie es wird, wenn mal nicht. Und jetzt? Schreikinder-Ambulanz? Ich habe erst mal einen Termin bei meiner Osteopathin gemacht, Mittwoch morgen um neun sind wir da.


Das Pipiproblem
Letzte Woche hatte ich den ersten Termin bei der Physio, diese Woche den zweiten. Ich tue mich ehrlich schwer damit, es ist wieder wie bei Cantienica: den Beckenboden anzuspannen, fühlt sich an, als würde mir jemand sagen, ich soll mit den Ohren wackeln. Eigentlich bin ich voller Hoffnung da anmarschiert und habe ihr von meinem Ziel erzählt, unbedingt 2015 wieder mit dem Laufen anzufangen. Ich dachte, das muss zu machen sein - Dezember 2015 ist doch noch so lange hin, vorsichtiger kann man sich ein Ziel nicht setzen! Sie guckte mich skeptisch mit schiefgelegtem Kopf an und sagte: mal sehen. Vielleicht auch erst 2017. Ich habe gemerkt, wie viel Hoffnung ich in dieses für manche vielleicht unwichtig klingende Ziel gesetzt hatte. Laufen war wirklich, wirklich wichtig für mich, und so, wie es hier gerade läuft mit Babystress, Rückenschmerzen, dem Gefühl, eingesperrt und komplett machtlos zu sein, wäre es jetzt noch viel wichtiger, als es jemals war. Es ist viel mehr für mich als nur eine Methode, abzunehmen, es hat genau genommen mit Abnehmen kaum etwas zu tun. Es war Freiheit, Selbstkontrolle, endlich wieder etwas hinkriegen und etwas für mich tun. Mich an etwas anderem abstrampeln und zu erleben, wie es Woche für Woche besser wird. In diesem Moment war schon viel Luft raus, die ich jetzt mühsam wieder sammeln muss, wenn ich bei der Ohrenwackelei bei der Stange bleiben will.

Boje
Boje ist so niedlich, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann, ohne ihn kurz auf den Arm zu nehmen. Leider muss es meistens dabei bleiben. Fast meine komplette Zeit und Kraft geht für Jakob drauf. Zum Glück ist L. auch noch da. Zum Glück haben wir eine in Hamburg lebende Oma. Zum Glück kommt dreimal wöchentlich das Kindermädchen für ein paar Stunden. Zum Glück geht das irgendwann vorbei, und ich kann wieder Mama für beide sein. Ich achte schon darauf, jeden Tag ein paar Mal nur für Boje da zu sein. Gestern waren wir kurz im Schnee (mag er nicht so), ich habe mit zwei dreckigen Babysocken über den Händen Jagd auf ihn und sein runtergefallenes Abendessen gemacht, und wir haben Fangen um und unter dem Esstisch gespielt. Ihm fehlt nichts, er quiekt und lacht. Aber mir, mir fehlt eine Menge. Ich will auch nicht, dass das hier zu einer Glückskind-Pechkind-Welt wird. Aber gerade ist es eben so. So viel Kummer konzentriert in so einem kleinen Männchen! Irgendwie muss man ihm doch da raushelfen können! Wenn diese Osteopathin wüsste, wie viel Hoffnung ich in sie und ihre Behandlung setze, dann hätte sie jetzt schon Spannungskopfschmerzen.

Die Kita
Während ich hier schreibe, läuft eine kleine Hexenjagd in meinem What's-App-Verteiler. Wieder mal geht Durchfall um, und irgend jemand muss ja Schuld sein. Ich lese mir das durch und denke mir: noch fünf Tage mit heute. Freitag backe ich Abschieds-Muffins, die Kita-Tanten kriegen einen Kinogutschein zum Abschied, und dann war es das, und wir ziehen in den rosigen Montessori-Sonnenuntergang. Mit hoffentlich unkomplizierter und zügiger Eingewöhnungsphase. Und weil ich gerne mehr Zeit mit Boje haben möchte und gerade auch ganz ehrlich jede Minute feiere, in der jemand anderes sich die Ohren vollbrüllen lässt, werde ich wohl die Eingewöhnung mit ihm machen. (Hoffentlich sehen die Montessori-Damen das nicht zu eng, wenn die neue Mama fünf Minuten nach Beginn des Experiments schnarchend am Sandkastenrand in sich zusammensackt.)

Klingt alles ziemlich finster, ich weiß. Ist auch so. Wird bestimmt anders, und dann herrscht hier wieder eitel Kinderglück und Sonnenschein. Nur im Moment läuft es nicht gut, Ferrero-Welt ist weit weit weg.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Problem Nr. zehn.

Gestern morgen war ich zur Ein-Wochen-Kontrolle im Krankenhaus, und es zeigte sich, ich hab es scheinbar zu gut mit meinem Kind gemeint: der Schuh war zu lose, und ich hätte die Ferse einfach ZWINGEN! müssen, ganz hinten unten im Schuh zu sitzen. Unter den Augen der Ärztin haben wir dann geübt, wie man den Schuh so fest anzieht, dass die Ferse keine andere Wahl hat als an der richtigen Stelle zu sitzen. Ansonsten war sie sehr zufrieden, keine Druckstellen (wie auch, wenn der Schuh so lose sitzt?), und um halb elf waren wir wieder zuhause.

Um drei habe ich ihn gewickelt und bei der Gelegenheit den Schuh noch mal ausgezogen, um mir den Fuß anzusehen. Der Fuß sah schrecklich aus. Der obere Teil war eng eingeschnürt und ungefähr halb so breit und dick wie der vordere Teil, an der Seite, wo der engste Riemen sitzt, hatten sich mehrere messerscharfe Falten in der Haut gebildet. Ich war furchtbar erschrocken, habe sofort beide Schuhe ausgezogen, ihn gehätschelt und gestillt und den Fuß fotografiert und das Foto an die Ärztin gemailt. So kann das doch nicht bleiben? Schon gar nicht drei Monate lang? Da fallen ihm doch die Zehen ab? Sie hatte mich schon vorgewarnt, dass sie den ganzen Nachmittag in einer komplizierten OP stecken und nicht in ihre Mails gucken würde, trotzdem saß ich wie auf Kohlen. Nach einer Stunde Freiheit habe ich ihm den Schuh wieder angezogen, wenn auch nicht ganz so fest. Zwar leidet die Korrektur der Achillessehne, wenn der Fuß nicht rechtwinklig im Schuh sitzt, aber immerhin: die Außendrehung war ok. Inzwischen habe ich mir einen Wolf gegoogelt auf der Suche nach anderen Schuhen, anderen Schienen, irgend einer Möglichkeit, den Fuß zu korrigieren ohne diese Verformung. Wie eine japanische Nachwuchs-Geisha! Nee nee nee.

Heute morgen kam die Antwort: GENAU, aber ganz genau so soll der Fuß aussehen, wenn der Schuh korrekt angezogen ist. Weitermachen, danke.

Spätestens jetzt ist es passiert: ich bin ein hysterisches Muttertier. Genau wie alle anderen.

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Jakob keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Boje findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Jakob jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Boje langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Jakob beansprucht wird, jetzt in Boje stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Jakob, ich Miststück" oder "der arme, arme Boje, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Boje durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!