Mittwoch, 30. November 2016

Gute Kinderwunschbücher hat man nie genug, richtig? Richtig?

Ich hab's versprochen. Dann hab ich es vergessen. Aber jetzt ist es mir zum Glück wieder eingefallen:

Ich wollte Euch ein neues Buch zum Thema Kinderwunsch ans Herz legen. Geschrieben hat es unsere Hamburger Abkürzungsstammtisch-Kollegin Lea Lemon, und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass es Euch gefallen, berühren, weiterhelfen und manchmal dämlich grinsen lassen wird. Salbadernde und uns scheinbar für doofe Trinchen haltende Bücher rund um Fruchtbarkeitsmassagen und die kindersegenstiftende Wirkung von Badeurlauben gibt es genug, das hier ist eins von der anderen Sorte.

So sieht es aus:




und hier kann man reinlesen und es kaufen.

Viel Spaß damit!

Montag, 14. November 2016

Und ihr so in den letzten zwei Monaten?

Ich würde so gerne. Aber ich bin so fürchterlich müde. Eigentlich sollte das nach den ersten drei Monaten kein Thema mehr sein, ist es aber. Ich kann ab zwölf Uhr mittags an kaum noch etwas anderes denken als den Moment, wenn die Kinder schlafen und ich in ein weites Nachthemd steigen kann und dann endlich, endlich ins Bett. Noch vor einem Jahr konnte ich mit Fug und Recht behaupten, noch nie in meinem Leben vor dem Fernseher, mit Schuhen oder mit Make-up eingeschlafen zu sein, egal wie wild oder lang die Nacht war. Das ist vorbei. Inzwischen bin ich einmal mit laufender Küchenmaschine, einmal in der Badewanne (das war knapp) und mehrmals in der Ubahn eingeschlafen. Es tut mir wirklich leid - für L., der seine Abende allein vor der Glotze verbringt, für die Kinder, die eine Schlafwandlerin als Mutter haben, für Freunde, denen ich seit Monaten unbedingt nachher noch schreiben oder die ich anrufen will und die gar nichts mehr hören, und für diesen Blog, aber ich kippe abends einfach um. Das, was dann noch vom Tag übrig bleibt, knuspern die Kinder, blöder Erledigungskram oder auch der Job, der im Moment wirklich anstrengend ist, einfach ratzeputz auf. Nom nom, weg ist die schöne Computerzeit!

Das ist auch schon die einzige Entschuldigung, die ich für die Funkstille habe. Aber heute ist es anders, heute sitze ich im Büro, habe wie durch ein Wunder nichts zu tun, das jetzt auch schon mehrfach an offizieller Stelle überdeutlich gemacht, kann trotzdem gerade noch nicht nach Hause und darf deshalb mit mir und meinem Rechner machen, was ich will. Und weil ich immer noch viel zu wütend und zu enttäuscht bin, um über das in meinen Augen gerade einzig wichtige Thema zu schreiben, schreibe ich eben über die Schwangerschaft. Der Bauch wächst, und seltsamerweise wachsen mit ihm gleichzeitig die Ängste und die Gelassenheit. Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das alles werden soll. Ich überquere mit zwei Kindern an den Händen eine wildbefahrene Straße und kann nur denken, schön, und wann wächst mir der dritte Arm? Und welche Dimensionen erreicht die Einmischeritis, sollte ich mich tatsächlich gezwungen sehen, eins meiner Kinder an die Leine zu nehmen? Ich googele vergeblich nach Zwillings-Buggy-Boards, um auch in Zukunft noch einigermaßen koordiniert einen Supermarkt besuchen zu können, ohne dafür einen Babysitter zu engagieren. Und jedes Mal, wenn jemand ganz humorig etwas in der Richtung von "Na das kann ja heiter werden" sagt, dann möchte ich mit Sachen werfen. Irgendwie wird es gehen. Hoffentlich. Dann die immer noch sehr lebendige Angst, das Kind könnte im Laufe des Gin-Tonic-Sommers Schaden genommen haben. Ja, ich dachte auch, diese Sorge wäre vom Tisch. Aber plötzlich fängt meine (an sich sehr nette und besonnene) Frauenärztin an, während des Ultraschalls zu erzählen, sie hätte mit einer Dame von einer Stiftung zur Förderung des alkoholgeschädigten Kindes letztens auf einer Party "Über meinen Fall gesprochen". Und ich sollte mich da doch ruhig mal näher informieren. Plötzlich ist der Kopf viel schmaler als gedacht, plötzlich gehe ich wieder mit Muffen zum Frauenarzt und plötzlich habe ich wieder Albträume ohne Bezug zur Weltpolitik. Und dank der Schwangerschafts-Müdigkeit habe ich nun viel mehr Zeit für schlechte Träume!

Gleichzeitig denke ich ganz oft, das wird. Wieso soll es nicht werden, bei anderen wird es doch auch? Wieso soll dieses Kind kein wunderbarer Glückstreffer werden, ein rundum zufriedener Wonneproppen, der ganz früh ganz viel schläft? Neulich haben meine Jungs ihre zwei Monate alte Cousine kennen gelernt und waren dabei so niedlich und vorsichtig, dass ich mich doch eigentlich darauf freuen müsste, sie in Zukunft täglich einem Baby über den Kopf streicheln zu sehen. Dann packen wir eben noch eine Schippe drauf! Bzw. ich. Und dann gehe ich eben einkaufen, wenn die zwei in der Kita sind. Dann spare ich mir eben für's Erste Wochenend-Ausflüge und dergleichen und lade meine Freundinnen zu mir ein, und Fernsehserien werden warten und Job-Aufträge auch (bestimmt. Oder?) Und in anderthalb Jahren habe ich drei Kinder in der Kita und freue mich jeden Tag halb dämlich über dieses unerwartete und unverdiente Familienglück, genau so wie ich mich jetzt freue, wenn ich sehe, wie Kalle und Michel zusammen spielen und wie Michel sprechen lernt und wie groß die zwei schon sind und was für ganz eigene, einzigartige und niedliche kleine Kerlchen.

Und jetzt kommt hier doch noch Arbeit um die Ecke und es ist schon wieder Schluss mit lustig. Wir lesen uns dann in zwei Monaten, oder? Uaaaaah. Bin ich müde.

Dienstag, 20. September 2016

Mach mal weniger Ausrufungszeichen.

Ganz allmählich legt sich die Schnappatmung. Selbst die größte Aufregung nutzt sich irgendwann ab: WAAAAAAAH! EIN KIND!!!!!! UND ALL DER ALKOHOL!!!! UND DIE FLUPPEN!!!!!!!! UND MEIN JOB!!!! UND MEIN LEBEN!!!! UND MEINE NERVEN!!!!!! UND MEINE BEZIEHUNG!!!!! Und überhaupt, irgendwann geht das Fusselhirn erst in normale Groß- und Kleinschreibung über und dann zum Entspannen und Freuen und dann kommen auch schon all die kleinen Popel-Aufreger um die Ecke. Zum Beispiel der, dass wir in den letzten sechs Monaten systematisch den Babykram losgeworden sind: Fläschchen-Sterilisier-Gerät, Riesenlaufstall, Doppelkinderwagen, Maxi-Cosi in Tipptoppzustand, Babybay, Stubenwagen, Mini-Strampler und -Schlafsäcke und -Mützchen und all der andere Kram: alles unwiderruflich weg. Oder der, dass H&M zum ersten Mal nicht die übliche Bank für Schwangerschaftskram ist: wieso gibt es da gerade acht verschiedene Skinny- und Super-Skinny-Jeans und keine einzige meiner stinknormalen guten alten Schwangerschaftsjeans, auf die ich mich jetzt seit drei Wochen freue, nämlich seit mein Viermonatsbauch aussieht wie ein Sechsmonatsbauch? Und wieso ist natürlich wieder etwas, diesmal nämlich die Nabelschnur, die nur eine Arterie hat? (Spezialistinnen unter den Lesern: ich weiß, dass das hoch korreliert mit manchen Gendefekten, aber die haben wir schon so gut wie sicher ausgeschlossen.)

Und dann liege ich da auf der gepolsterten Bank, und die Ärztin glitscht mit dem Ultraschalldings auf meinem Bauch herum, und sie sagt, dass das Gesicht gut aussieht. Und das Zwerchfell. Und der Kopf und das Gehirn. Das Herz sowieso. Die Füße sind diesmal gerade, alles ist richtig lang und richtig groß und auch sonst völlig in Ordnung, und ich habe wieder ein bisschen weniger Angst vor meinem schlimmsten Albtraum - einem FAS-Baby - und dann sagt sie: "Ach ja. Hab ich schon gesagt? Es wird ein Mädchen."

Ein zähes kleines Luder! Mit kleinen Gummistiefeln und Krusten am Knie und Latzhosen! Und mit Glitzeraufklebern und Snoopy-Spardose und Wendy-Heften! (Gibt es die noch?) Und jetzt rege ich mich erst mal über gar nichts mehr auf, weder groß noch klein. Ich schaffe das nämlich. Mundwinkel hoch, Rücken gerade, Bauch raus.

Dienstag, 6. September 2016

p.s.

Diese Schwangerschaftstests, vor allem der zweite, haben mir keine Ruhe gelassen. WTF,Schwangerschaftstests? Diesmal förderte Googeln ein sinnvolles Ergebnis oder jedenfalls eine mögliche Erklärung zutage: laut einer seriös klingenden Studie sind Schwangerschaftstests häufiger falsch negativ bei Frauen, die in der Nachtschicht arbeiten. Und in den letzten Monaten gab es einige Nächte, leider oft auch drei-vier hintereinander, in denen Michel und Kalle beide zwischen Mitternacht und halb sieben so gut wie keinen Schlaf zugelassen haben.

Ich war im Studium immer ganz gut in Stochastik, also Wahrscheinlichkeitsrechnung, aber so gut nun auch wieder nicht. Kann mal kurz jemand, der das besser kann, für mich ausrechnen, wie wahrscheinlich das ist? Die Wahrscheinlichkeit folgender kombinierter Ereignisse:
1. 43, 2. mit Endometriose und eigentlich verstopften Eileitern und 3. verschobenem Zyklus, 4. extrem wenig Gelegenheit, 5. zum offiziell falschen Zeitpunkt, 6. nach wochenlangen Blutungen, 7. auch sonst keinerlei Schwangerschaftsanzeichen, mit 8. einem verpassten Arzttermin wegen eines perfekt getimten Magen Darm-Infektes und 9. auch noch in genau der richtigen hormonellen Lage, um einen falsch negativen Test in der siebten Woche zu produzieren?

Ist jetzt der richtige Zeitpunkt, mit Lotto im großen Stil anzufangen?

Ihr habt's vielleicht geahnt. Ich jedenfalls nicht.

Einmal im Jahr, so ungefähr zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, bekommt mein Fusselhirn eine Extraaufgabe. Dann taucht neben all dem anderen Kram, der mir ständig unverlangt durch den Kopf spukt, auch noch das Thema auf, was denn nun mit den Eizellen wird? Den befruchteten Eizellen, die damals übrig waren, weil das mit Michel so sensationell und unerwartet schnell geklappt hat, nämlich gleich beim ersten Versuch nach Kalle. Die liegen bis heute im Kryoschlaf in einem Labor irgendwo in Altona (nehme ich an), und immer um diese Zeit kommt die Jahresrechnung für die Lagerung. Die Rechnung besteht aus einem freundlichen Anschreiben, dem Überweisungsvordruck und einem Formular, das man ausfüllen und abschicken soll für den Fall, dass man keinen Wert mehr legt auf diese Eizellen. Darauf gibt man dann an, feierlich und für immer, dass die kleinen Tiefkühlwürmchen entweder der Forschung zur Verfügung gestellt werden oder direkt aufgetaut und vernichtet. Vernichtet! Vernichtet. Ich war immer ein entschiedener und bei Gelegenheit auch extrem und lautstark überzeugter Abtreibungsbefürworter, selbst zu unerfülltesten Kinderwunschzeiten - jede Frau soll das selbst bestimmen können, da hat ihr kein Kirchengreis und kein CSU-Landrat reinzuquatschen. Aber es war auch immer schon ziemlich sicher, dass sich kaum Umstände denken lassen, unter denen das FÜR MICH in Frage kommt. Nicht vor der Kinderwunschzeit, nicht währenddessen (Ach?) und auch nicht danach. Und obwohl ich schon zwei mal im Leben die Pille danach genommen habe, fühlte sich dieser Embryo-Vernichtungsbogen doch anders an. Nämlich so, dass ich ihn irgendwie nicht ausfüllen und abschicken konnte, auch wenn klar war - aus hundert vernünftigen Gründen - dass ein drittes Kind ein Schnapsidee wäre. Dazu gleich noch. Die jährliche Lagerungsgebühr war zwar nicht gerade wenig, aber trotzdem ein Schnäppchenpreis dafür, diese für mich schier nicht zu treffende Entscheidung noch ein weiteres Jahr aufschieben zu dürfen. Zum Beispiel so lange, bis ich es mir anders überlege. Oder wirklich zu gebrechlich für noch ein Kind bin. Oder bis das Thema Eizellenspende gut geregelt ist. (Ich merke gerade, dass dieses ethisch ziemlich komplizierte Thema mich jetzt gerade, an diesem sonnigen Vormittag mit meiner Tasse Tee am Rechner, fürchterlich überfordert, also lasse ich das jetzt und komme vielleicht endlich zum Punkt. Welcher war das noch mal? Da war doch was...)

Ende Mai habe ich die Rechnung bezahlt, und Ruhe war, wenn auch natürlich nur wieder Ruhe auf Zeit. Das Fusselhirn gab Ruhe, und fast zeitgleich fing der Fusselbauch wieder an, Ärger zu machen. Nach einem Jahr voller Splatter-Perioden hatte ich plötzlich gar keine mehr, stattdessen fiese Dauerblutungen und ab und zu auch fiese Schmerzen. Der letzte Ultraschall sah danach aus, als wäre die Endometriose wieder stark im Kommen, da waren merkwürdige Einschnürungen oder was weiß ich, jedenfalls hatte mir meine Ärztin in Aussicht gestellt, irgendwann in den nächsten Monaten könnte es sein, dass wir eine neue Bauchspiegelung ins Auge fassen sollten. Ich dachte, na gut - nicht schön, aber andererseits, welche Mutter von zwei kleinen Kindern sagt schon nein zu drei Tagen im Krankenhaus allein mit ihrem Kindle? Jetzt schien es so weit zu sein. Ich hatte also einen Arzttermin, zu dem konnte ich aber nicht gehen, denn zwei Stunden vorher hat mir Kalle eine Magen-Darm-Grippe aus der Hölle verpasst. Dann habe ich es für ein paar Wochen aus den Augen verloren, wir haben die Kinder getauft, da war einiges zu organisieren, ich habe wieder richtig zu arbeiten angefangen, endlich, und dann sind wir für ein paar Tage nach London geflogen, L. und ich. Inzwischen war meine letzte Periode sechs Wochen her, und ich dachte - kann ja eigentlich nicht sein, aber ich mache wohl mal einen Test. Der Test war negativ. Ich holte von Zeit zu Zeit mal meinen Kalender vor und guckte, wann ich denn wohl Zeit für einen Arzttermin und einen kurzen Krankenhausaufenthalt haben würde, aber so dringend war es ja nicht, und viel Luft war da auch nicht - ich wurschtelte also weiter so vor mich hin, wozu gibt es Tampons? Dann stand eine große Hochzeit ins Haus, und immer noch keine echte Periode. Inzwischen war Mitte Juli. Ich habe noch mal einen Test gekauft, diesmal einen poshen Clearblue mit Sprachanzeige. Negativ. Urlaub, Arbeit, mehr Arbeit, Kinderbetreuen, Kitawechsel, Schmierblutungen. Und dann, vor zweieinhalb Wochen, reichte es mir doch, und ich hatte wieder mal einen Arzttermin. Ich dachte, vielleicht kriege ich die Bauchspiegelung sogar noch im September unter, bevor wir für eine Woche an die See fahren? Und vor der Hochzeit einer meiner besten Freundinnen? Am Vorabend saß ich noch mit meinen Freundinnen am Küchentisch, es gab ordentlich Vinho Verde und auch bestimmt zehn Kippchen. Auf dem Heimweg hatte ich noch kurz den Impuls, noch eine zu rauchen, dachte dann aber aus irgend einem Grund, ach lass mal.
Und dann saß ich vor meiner Ärztin und erzählte ihr das alles. Sie kennt mich noch nicht so lange, ich war vorher erst einmal bei ihr, denn die Ärztin aus der gleichen Klinik, die die Schwangerschaften betreut hat und gründlich im Bilde über all den Abkürzungskram in meinem Bauch ist, die lebt inzwischen im Rheinland. Also habe ich erzählt und erzählt. Dann bin ich auf den Stuhl gestiegen, Abstrich, weitererzählt. Inzwischen machte sie das Ultraschall-Dings klar, und ich dachte noch für eine Sekunde, bitte kein Krebs - bitte nur die gute alte Endo. Und dann sagte sie: "So, und jetzt unterbreche ich Sie nur ungern, aber - "
Und da war es. Auf dem Schirm. Ein Würmchen, eindeutig. Mit Kopf, Armen, Beinen, Herzschlag. "Ich würde sagen, 9 plus drei", sagte die Ärztin. Ich sagte erst mal gar nichts mehr und dann eine Menge.

Ich war noch nie in meinem ganzen Leben so dermaßen geschockt.

Denn das konnte, ehrlich, das konnte nicht sein.
Erstens bin ich unfruchtbar.
Zweitens 43.
Drittens gab es ehrlich gesagt nur eine Gelegenheit, überhaupt schwanger zu werden, in den letzten Monaten.
Viertens lag zu diesem Zeitpunkt meine letzte Periode schon viele, nämlich fünf Wochen zurück.
Fünftens ist die Endometriose gerade angeblich noch schlimmer als damals zu schlimmsten Abkürzungszeiten.
Sechstens war das nicht so abgemacht.
Siebtens läuft es gerade zwischen L. und mir streckenweise nicht besonders rosig. Auf jeden Fall nicht gerade "Wäre es nicht wunderbar, unserer Liebe ein weiteres, speckbeiniges kleines Denkmal zu setzen, mein Zuckerschnütchen?"-mäßig rosig.
Achtens habe ich nicht einen, sondern zwei Tests gemacht, und jetzt kommt mir nicht mit "vielleicht hast Du den falsch angewendet", wenn einer weiß, wie Schwangerschaftstest geht, dann ja wohl wir Abkürzungsdamen. Der erste Test war vielleicht noch ein bisschen zu früh, der zweite - da war ich in der siebten Woche.
Neuntens - und Schlimmstens - war das nicht der Sommer des Kamillentees und der Vollkornbrote. Wir waren auf zwei Hochzeiten, von denen eine nachts um vier nach reichlich Gin Tonics endete. Fast jeden Mittwoch saß ich an besagtem Küchentisch, vor mir ein stets gut gefülltes Glas Weißwein und eine zunehmend leerere Schachtel Kippen. L. und ich waren in einem Urlaub, in dem es eine Woche lang jeden Abend ein bis anderthalb Gläser Wein im Restaurant gab und wir hinterher in unserer Wohnung noch eine Flasche Wein aufgemacht haben. Ehrlich gesagt war das mein erster Gedanke, während ich da so breitbeinig und plötzlich im dritten Monat auf dem Stuhl hing. Nicht-Abkürzungsdamen schockt das vielleicht weniger - wenn man erst in der fünften oder sechsten Woche aus heiterem Himmel von einer Schwangerschaft erfährt, dann wäre man schon ein sehr, sehr braves Mädchen, wenn die letzten paar Wochen zufällig sowieso alkoholfrei gewesen wären. Aber nach einer IVF ist von der ersten Minute an Ausnahmezustand, und wer auch nur mit dem dicken Zeh über die Linie in verbotenes Terrain piekt, ist ja wohl selbst Schuld und muss sich nicht wundern, wenn jetzt alles schief geht. Bei Kalle und Michel war ich brav! So brav! Ich habe fast einen hysterischen Anfall bekommen, als ich einmal versehentlich in ein mit Mayonnaise geschmiertes Brötchen gebissen habe. So war ich! Nicht immer, aber oft genug. Und jetzt das: gesoffen, geraucht wie ein Schlot, von Sushi wollen wir gar nicht reden. Wieso muss das jetzt passieren? Nach diesem Sommer? Im Frühjahr z.B. hätte das glatt passieren können - sechs zufällig so gut wie alkoholfreie Wochen. Wieso Wieso Wieso?

Die Ärztin hörte sich das alles an und sagte dann, vermutlich wäre alles gut gegangen, ich sollte aber zur Sicherheit und zur Beruhigung bitte einmal mit Embryotox sprechen, die nun mal die Spezialisten für jede Art von Chemie sind, die einem Embryo schaden kann oder nicht. Das habe ich dann getan. (Natürlich hab ich auch gegoogelt, ich bin auch nur ein Mensch. Sollte hier eine mitlesen, der es ähnlich geht wie mir - gibt es so jemanden? Außerhalb von RTL2? Eine plötzlich schwangere Unfruchtbare, die es erst Mitte dritter Monat merkt? Nein? Komisch. Jedenfalls - ich denke die ganze Zeit drüber nach, aber mir fällt kein Thema ein, bei dem Googeln eine noch schlechtere Idee ist. Wirklich keins.) Embryotox wollte genau wissen, wann ich wie viel wo von getrunken habe, dann haben sie all das (es war eine Menge) in ihren Rechner eingegeben, und das Ergebnis war, dass vermutlich tatsächlich alles gut gegangen ist, eine Garantie gibt es nicht, aber die Aussichten sind sehr gut, dass Würmchen dieses wochenlange Discofieber überstanden hat. Und wehe, irgend eine will das jetzt mit aller Gewalt falsch verstehen und denkt, dieser Blog würde Werbung dafür machen, in der Frühschwangerschaft noch mal ordentlich reinzuhauen. Wehe!

Und jetzt?
L. hat es mit fröhlicher Fassung getragen. Als ich totenbleich nach Hause kam und ihm die Nachricht überbrachte, stellte sich heraus, dass er sich im Gegensatz zu mir tatsächlich Sorgen um meine Gesundheit gemacht hatte und erleichtert war. Außerdem ist das ein 1a Vorwand für seine Lieblingsbeschäftigung: nach noch größeren, noch tolleren Wohnungen zu gucken. Ich bin immer noch schwanger, seit gestern im vierten Monat. Embryotox hat mir empfohlen, doch bei den ersten Scans besonders genau hinzugucken, denn die Schäden in der Frühschwangerschaft durch Alkohol sind im Zweifel welche, die man mit etwas Glück sehen kann - ein zu kleines Hirn, ein zu kleiner Kopf, Organschäden usw. Meine Ärztin ist rührend und macht das jetzt einfach so, so dass ich jetzt innerhalb von zwei Wochen zwei extragründliche Super-Ultraschalls bekomme. Der erste war unauffällig, der Harmony-Test auf die häufigsten genetischen Störungen auch, und in neun Tagen habe ich noch einen Scan, bei dem man hoffentlich schon mehr sehen kann. Ist der auch gut, dann bekomme ich tatsächlich noch ein Kind. Einfach so. Ohne Menogon, Enantone, Gonal, Crinone, Utrogest und ohne Einnistungsspritze. Manchmal denke ich, ich stehe immer noch unter Schock. Meistens sogar. Manchmal freue ich mich fürchterlich. Manchmal denke ich, ich bin vollkommen bescheuert und schaffe das nie. Manchmal denke ich, aber ich habe doch gerade erst den Bandscheibenvorfall und die Beckenbodenschwäche hinter mir, gerade kann ich wieder arbeiten, gerade kommen die Kinder beide in die gleiche Kita in Laufentfernung, gerade wird es leichter und lustiger hier, gerade fängt Michel an zu sprechen und gerade haben wir fast den ganzen Babykram den Flüchtlingen gespendet oder verkauft. Dann freue ich mich wieder, und dann stehe ich wieder unter Schock. Und der Alkohol macht mir immer noch Angst, so schlimm, dass ich trotz der netten Ärztin von Embryotox manchmal kaum Luft bekomme.

Und jetzt ihr. Was sagt man dazu?

Freitag, 26. August 2016

Was dauert denn da schon wieder so lange?

Liebe Abkürzungsdamen,

ich weiß, ich weiß, ich weiß. Aber es gibt einen wirklichen, echten Grund jenseits von Faulheit, kein Bock oder irrem Jobstress, warum hier gerade nichts Neues steht. Ich verspreche, lange dauert es nicht mehr. Dann! Ihr werdet Augen machen. Ich zumindest habe welche gemacht und mache sie noch jetzt.

Freitag, 15. Juli 2016

Diesen Post habe ich in einer Stehjeans geschrieben, und zwar im Sitzen

In den letzten zweieinhalb Wochen habe ich gegessen: zwei große Pizzas mit viel Käse, mindestens vier Stück Kuchen mit Sahne, vier Würstchen, unzählige Käsebrote mit viel Butter und viel Käse, literweise Sahnequark, Fish&Chips und noch so einiges andere, was mir jetzt nicht mehr einfällt, und ich fürchte, ein paar Biere und Weinchen kamen auch noch dazu. In dieser Zeit habe ich zwei Kilo abgenommen.

5:2 ist wieder da! Bevor das jetzt eine meiner Freundinnen liest und sich vor den Kopf haut und faucht, was ich denn jetzt bitte mit Diät will: ganz so super war es in den letzten Wochen auch nicht mehr. Nach den Kindern hatte ich sechs Kilo weniger am Körper als vor der ersten und zweiten Schwangerschaft. Das war ziemlich toll und ist scheinbar irgendwie und einfach so passiert. Ich war ganz glücklich und habe die Kleider wieder aus den Tiefen des Schranks gezogen, die ich da gegen jeden Expertenrat aufgehoben hatte in der Hoffnung, irgendwann wieder zwei Kleidergrößen weniger zu haben. Manchmal passiert es nämlich doch! Manchmal kommen Exfreunde zurück, manchmal verschwinden Pickel von alleine, manchmal ist man besoffen ohne Kater, und manchmal passt man tatsächlich wieder in ein Kleid, das man zuletzt mit 28 anhatte!

Und dann waren es irgendwann nur noch fünf Kilo weniger. Dann vier. Dann null. Diese sechs abgeschüttelten Kilo waren innerhalb von ca. acht Wochen wieder da, und noch eins obendrauf. Ich habe kurz nachgerechnet und bin übern Daumen zu dem Schluss gekommen, dass ich bei diesem Tempo in ca. einem Jahr bei 100 Kilo angekommen wäre. Und das, obwohl ich seit ungefähr zwei Monaten wieder dreimal die Woche laufe! Die bittere Wahrheit ist, so viel, wie ich esse, und zwar nicht ausnahmsweise, sondern bei jeder Gelegenheit, kann man nicht verbrennen. Also habe ich mich erst bei Weight Watchers online wieder angemeldet und nach noch nicht mal 48 Stunden wieder ab, weil die Gefahr bestand, dass ich mich in Hitler verwandele. Ich kann das nicht, immer alles aufschreiben und abwiegen, und am miesesten wird die Stimmung, wenn WW mir erzählen will, wie locker und großzügig das alles ist und dass ich ja schließlich am Wochenende auch mal ein Stück Kuchen essen kann oder eine kleine Schüssel Chips. Ein Stück! Eine kleine Schüssel! Als Belohnung für eine ganze Woche brav sein! Ich weiß nicht, in welcher Welt Leute leben, die davon ausgehen, dass so etwas geht. Jedenfalls nicht in meiner.

Dann ist mir zum Glück 5:2 wieder eingefallen. Das hatte ich zwischen Kalle und Michel mal für ca. acht Wochen gemacht, und es hat funktioniert, und es hat auch überhaupt nicht weh getan, und ich habe auch nicht vor lauter mieser Laune versucht, in Polen einzumarschieren.

Extrem kurz gefasst, geht das so: an zwei Tagen in der Woche darf ich nur 500 Kalorien zu mir nehmen. An den anderen fünf Tagen darf ich dagegen essen, was ich will. Daher: 5:2.

Die Nachteile:
500 Kalorien sind wirklich, wirklich wenig.
Ich muss für die Fastentage ein bisschen planen und einkaufen, ad hoc funktioniert es nicht so gut.

Die Vorteile, der Übersicht halber durchnumeriert:
1. Es funktioniert. Ich esse und nehme ab.
2. Angeblich ist es nicht nur eine Methode, um abzunehmen, sondern auch noch richtig gesund: viele Blutwerte von bösem Cholesterin über Blutfett und Entzündungswerte verbessern sich. Der Körperfettanteile sinkt, die Muskeln dagegen bleiben. Man schläft besser, es ist gut für die Haut (kann ich beides jetzt schon bestätigen), und der Insulinstoffwechsel profitiert auch davon. Nachdem meine Blutwerte bei der letzten Untersuchung nicht so doll waren, hoffe ich mal, dass da was dran ist.
3. Es geht mir dabei richtig gut. Ich fühle mich auch an den Fastentagen wach und fit und wohl. Und Hunger zwar schon auch ab und zu, aber der lässt sich gut aushalten und ist meistens nach fünf Minuten schon wieder weg.
4. Ich muss nur an zwei Tagen in der Woche überhaupt darüber nachdenken. Ansonsten werde ich von dieser Diät in Ruhe gelassen. Das ist etwas, was mich an vielen anderen Diäten immer maßlos genervt hat: erst mit einem einfachen Trick ankommen, der angeblich alles wieder gut macht, und irgendwo auf Seite 30 steht dann, dass es am Ende nur funktioniert, wenn man seine Ernährung für immer umstellt und tüchtig zum Sport geht.
5. Die nächste Pizza ist im Zweifel immer nur einen Tag entfernt. Wenn ich doch mal Hunger habe oder eine Sinnkrise, dann kann ich immer denken: morgen. Morgen holst du dir ein Stück Kuchen. Oder zwei. Und wenn ich am nächsten Tag da immer noch Lust drauf habe, dann mache ich das auch. Ab fünf Uhr Nachmittags fange ich an, mir auszumalen, was ich morgen frühstücke: dann ist der Tag schon so gut wie geschafft, und das war gar nicht schwer.
6. Ich muss weder Mitgliedsbeiträge zahlen noch irgendwelchen Spezialkram kaufen. Das Buch von den Erfindern der Diät habe ich mir billig für den Kindle gekauft, aber alles Wichtige kann man auch kostenlos im Netz lesen. Viel muss man nicht wissen.
7. Wenn man richtig plant, sind 500 Kalorien schon ok. Vorgestern hatte ich z.B. einen Salat aus roher Zucchini mit viel Zitrone und Chili, ein bisschen Olivenöl und ein bisschen Schafskäse, der war extrem lecker und hatte nur 200 Kalorien. Als Mittagessen war der wirklich in Ordnung, und Abendessen habe ich dann einfach nicht mehr gebraucht. Getrocknete Tomaten (ohne Öl) sind auch eine feine Sache, die habe ich an solchen Tagen immer in der Schublade. Shirataki-Nudeln! Rohen Fenchel! Sashimi! Ist doch gar nicht so schlecht. Theoretisch dürfte ich meine 500 Kalorien auch für ein halbes Snickers verjuxen, aber ich habe den Verdacht, das würde nicht so gut hinhauen.
8. Auch für die Zeit, wenn ich wieder bei meinem Traumgewicht bin, gibt es einen Plan: um sein Gewicht zu halten, soll man von zwei auf einen Fastentag in der Woche reduzieren.
9. Ich kann mir die Tage legen, wie ich will. Normalerweise nehme ich Montag und Donnerstag. Nächsten Donnerstag bin ich für Kino verabredet, dann kann ich drüber nachdenken, ob ich Lust habe, mit einer Tüte Möhrchen und einer Flasche Wasser im Kino zu sitzen oder nicht, und den Tag dann auf Mittwoch oder Freitag verlegen.
10. Dass 500 Kalorien so wenig sind, ist auch nicht NUR schlecht. Bei Weight Watchers z.B. habe ich immer und endlos geschummelt, jedes Mal. Wenn drei Kartoffeln erlaubt sind, werden vier doch auch ok sein? Guck mal hier, das sind doch bestimmt jetzt 80 Gramm Nudeln, oder? Oder? Das zweite Stück Schokolade war doch viel kleiner als das erste, das schreib ich jetzt nicht auf? Und immer so weiter. Um wirklich nur 500 Kalorien zu essen, muss man wirklich nachmessen, wie viel Milch man sich in den Tee tut. Und im Zweifel dann eben doch lieber grünen Tee ohne Milch trinken. Jedes Spritzer Sojasauce, jede Möhre, jedes Stück Salatgurke hat Kalorien, und geschummelt wird einfach nicht. Komischerweise kriege ich das hin. Bei Diäten bin ich besser dran mit ganz kurzer Leine. Bzw. an fünf Tagen in der Woche mit überhaupt keiner Leine, Harr!
11. Trotz der beeindruckenden Fressbilanz vom Post-Start: das ist für mich normal. An den Ess-Tagen habe ich nicht das Gefühl, ich muss jetzt unbedingt für die Fastentage mitessen. Im Gegenteil finde ich sogar, mit jedem Tag, der vergeht, habe ich weniger Bock auf die fiesen, fettigen Sachen. Manchmal male ich mir z.B. am Fastentag aus, dass ich mir morgen in der Mittagspause eine Pizza hole. Dann ist die Mittagspause da, und ich will irgendwie lieber Salat. Und zwar ehrlich und in echt, nicht, damit es mit dem Abnehmen noch doller klappt oder ich mir auf die Schulter klopfen kann. Ich wundere mich sehr, aber so ist es.
12. Wenn ich dann mal was esse, dann ist es wie ein kleiner Fasteneffekt: alles schmeckt besser, und ich freue mich wirklich über jede Erdbeere und jedes Käsebrötchen.
13. Sonst war ich für Diäten immer zu dummschlau. Ich habe inzwischen in ganz viele mal reingelesen, und in diesem ganzen Diätenuniversum dann irgendwann einen Zustand erreicht, in dem immer das, was ich gerade essen wollte, aus irgend einem logischen Grund erlaubt war. Abends Pasta? Kann ich morgen ja ausgleichen. Mittags Pizza und Schokolade? Alles gut, so lange ich nach 18 Uhr keine Kohlenhydrate esse usw. Bei dieser Diät funktioniert das nicht. Ich mache sie, oder ich lasse es.

Dreizehn Vorteile. Wenn ich noch ein bisschen nachdenke, dann fallen mir sicher noch sieben ein.

Donnerstag, 30. Juni 2016

Rechts blinken, links abbiegen

Manchmal sitze ich mit meinen Freundinnen zusammen oder an einem Schreibtisch und hätte eigentlich echt was zu tun, aber starre stattdessen Fotos von den Kindern auf meinem Telefon an und mache dazu Geräusche.

Manchmal komme ich von der Arbeit nach Hause, schließe die Wohnungstür auf, im Kopf die Pläne für’s Abendessen und die Emails, die ich gleich noch beantworten muss, und sie kommen angerast und piepen “Mama! Mama!” und für einen Moment hatte ich völlig vergessen, dass es sie gibt, und zucke zusammen und denke für diese winzige Sekunde “Was zur Hölle!?!” oder etwas Ähnliches.

Manchmal gucke ich in den Spiegel und denke, eigentlich gar nicht mal so schlecht. Nicht schlecht für 43 und zwei Kinder!

Manchmal stehe ich in einer Umkleidekabine, sehe die merkwürdig verwohnte Partie zwischen den untersten Rippen und dem Bauchnabel (der in puncto Verwohntheit ganz eigene Maßstäbe setzt) und denke, es ist vorbei mit mir. Ich bin fertig, ausgelutscht, und könnte mir eigentlich jetzt statt dieses Partykleidchens hier genau so gut gleich ein Rentneroutfit in beige mit Elastikbündchen kaufen.

Manchmal streite ich mich so mit L., dass ich überhaupt nicht mehr weiß, wie ich auch nur eine einzige Stunde lang so weitermachen soll.

Manchmal sehe ich ihn mit den Kindern, und er merkt nicht, dass ich schon seit zehn Minuten nicht mehr in der Küche wurschtele, sondern einfach nur gucke, und dann weiß ich, das hier ist meine Familie. Dieser Schlackel und diese zwei kleinen Böhnchen.

Manchmal muckele ich so vor mich hin, höre dazu Musik, räume Sachen in Regale und wische Staub und falte Kinderbodys und hänge endlich mal die verdammten Bilder auf und besorge eine neue Sodastream-Kartusche und gehe auf dem Weg noch zum Altglas und zum Bäcker und stecke die Nase in die Luft und finde, das ist doch ein völlig okayes Leben, so könnte jeder Tag sein, und gleich hole ich die Kinder ab und wir gehen auf den Spieli, und dann Badewanne und Spaghetti und Bett. Wie schön!

Manchmal sitze ich in einem Kita-Elterntreffen und sehe diese Riege blonder, dünner und extrem gepflegter Damen, denen ich demnächst täglich in Kalles neuer Kita über den Weg laufen werde, und die stellen alle nur Fragen zum Thema Stunden - wie geht das, wenn ich mein Kind eine Stunde später abholen will? Kann ich das ausgleichen? Kann ich Stundengutscheine splitten? Und wenn ich morgens eine Stunde früher komme? Das mit den Stunden wollen sie ganz genau wissen, und keiner stellt solche Fragen wie “Und was machen die Kinder da eigentlich den Tag über in Ihrer Kita?”, und L. flüstert mir zu, das wäre hier ja jetzt was anderes, Mütter mit Jobs! Und ich weiß auf einmal genau, die haben keine Jobs. Die haben Pilates. Und dann kann ich nur noch denken, Danke, Danke, Danke lieber Gott, dass ich an einem Schreibtisch sitze und denke und nicht auf einem Gymnastikball und mein Powerhouse aktiviere. Die Hölle! Das muss die Hölle sein.

Manchmal sagt eine Omi in der Ubahn, Also sie an meiner Stelle würde den Kindern aber jetzt echt eine Mütze anziehen, und dann lächele ich ganz freundlich und sage, also der hier, der friert nie. Und dieser hier, der braucht genau zwei Zehntelsekunden, um sich die Mütze wieder abzusetzen und in irgendeine klebrige Pfütze zu werfen. Und dann lächeln wir uns an, und sie hat es verstanden.

Manchmal möchte Kalle in der Bäckerei eine Rumkugel, und ich weiß, der wird davon ungefähr zehn Gramm essen, der Rest ist für mich, und weil ich heute schon zweihundertmilliardenmal Nein gesagt habe, kriegt er jetzt eben seine Rumkugel, und der Bäckereifachverkäufer guckt mich von Kopf bis Fuß und von Fuß bis Kopf an und sagt, “Sie wissen aber schon, dass da Rum drin ist in der Rumkugel. Die kann ich Ihnen aber für den Kleinen nicht verkaufen”, und dann falte ich ihn Ice-Queen-mäßig so zusammen, dass es mir hinterher wirklich leid tut, aber irgendwie auch wieder gar nicht, und trotzdem gehe ich am nächsten Tag da vorbei und will mich entschuldigen, nur dass heute ein anderer Bäckereifachverkäufer hinter dem Suchtmitteltresen steht.

Manchmal bin ich eine von diesen dämlichen Ziegen, die Kinder gekriegt hat und gefälligst mal klar kommen sollte.

Manchmal bin ich doch eigentlich ganz in Ordnung. Eine von den vernünftigen, keine von den Blöden, die immer so nerven und die wir Muttibloggerinnen nicht leiden mögen.

Schizophrenie! Kriegt uns nie!
Harr.

Montag, 9. Mai 2016

Wir nehmen die Regel auf, wo sie passiert

Die Wahrheit ist, ich habe keine Ahnung. Was wird aus unseren Kindern? Was muss ich tun, damit sie glücklich werden? Gibt es überhaupt irgendwas, was ich dafür tun kann? Ich dachte lange, ich muss dafür sorgen, dass sie mit Frustrationen umgehen können. Damit, dass nicht immer alles so läuft, wie sie wollen. Damit, dass es manchmal ein bisschen dauert und man oft etwas dafür tun muss, dass alles gut wird. Aber wenn ich ehrlich bin, weiß ich es nicht. Vielleicht ist es gut, wenn man Kinder so erzieht, dass gerade Quengeln und Rumschmollen sie nicht weiter bringt. Vielleicht ist es gut, ihnen jeden nur erdenklichen Wunsch zu erfüllen, so lange sie so klein sind. Vielleicht müssen sie jetzt gerade ihr Grundvertrauen in die gute, freundliche Welt erwerben, und dafür ist es unbedingt notwendig, dass sie sich willkommen, unbedingt geliebt und jederzeit im Recht fühlen. Andererseits: Vielleicht müssen sie möglichst frühzeitig verstehen, dass Belohnungsaufschub (Psycho-Wort, Entschuldigung) und Eigenverantwortung die Schlüssel zum Lebensglück sind.

Als Kalle noch wirklich klein war, vielleicht fünf Monate alt, war ich mit den Mädchen in der Heide im Wochenendhaus meiner Schwiegermutter. Kalle robbte auf dem Boden herum und dachte und tat so seine Babysachen. Dann fing er irgendwann an zu knatschen, und ich sagte zu den Mädchen: lasst den mal, der muss lernen, sich selbst aus seiner schlechten Laune zu befreien. Dazu machte ich ein Ich-hab-den-Plan-Gesicht. Aber in Wahrheit hab ich überhaupt keinen Plan. Ich denke mal dies, mal das, und in dem Moment, in dem ich es denke, leuchtet es mir immer total ein, und einen Tag und sieben Situationen später das komplette Gegenteil. Ich kenne ein Kind, das fast überall mit nacktem Popöchen herumrennt. Oder ein Kind, das alles essen und trinken darf, was es will, und wenn es 2001er Barolo ist, Bitteschön, die Erfahrung muss es dann eben machen. Ich habe gelesen, dass Französischen Kinder schon als speckbeinige kleine Würmer mit Wasser verdünnten Wein trinken dürfen und dadurch ein extrem vernünftiges und suchtfeindliches Verhältnis zum Alkohol bekämen. Ich habe auch gelesen, dass viele Alkoholiker davon erzählen, wie ihr Papi ihnen damals auf seinem Knie sitzend den ersten Schluck Bier erlaubt hat. Im Nachhinein klingt alles total einleuchtend.
Meine erste Hebamme hat damals gesagt, ich muss unbedingt immer in Sicht sein, aber nicht immer eingreifen, wenn mein Baby weint. Dafür hatte sie die logische Erklärung, dass eine Mutter immer da sein muss, und das bildet dann im Kopf des Babys so etwas wie einen tröstenden Hintergrund, vor dem alle Nöte und Ängste sich relativieren; eine Art automatisches Grundvertrauen durch Anwesenheit. Ich dachte, was kann es Schlimmeres geben, als zu Brüllen, und die Frau, in die Du all Deine Hoffnungen setzt, steht daneben, aber lächelt nur sonnig und hilft Dir nicht? Darum bin ich nach Nebenan gegangen, wenn ich sicher war, Baby ist satt und trocken und warm genug eingepackt und muss jetzt eben mal kurz klar kommen.

Und auch das - nicht sofort hinrennen und hochreißen und an sich pressen und trösten - können bestimmt viele nicht verstehen, aus völlig logischen und nachvollziehbaren Gründen.

Was tun wir hier? Ich hatte schon mal so eine Phase, und damals hat mir eine sehr nette Stammtisch-Dame geschrieben, die Hauptsache wäre, dem Baby nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf zu hauen. An diese Regel habe ich mich bisher gehalten. Immerhin!

Zurück in die Zukunft

In den letzten Wochen habe ich auf ebay nach folgenden Dingen gesucht:
Fisher Price Badewannenspielzeug - eine Kanne, ein Bootchen und eine Schildkröte, jeweils mit einem glatzköpfigen Männchen als Besatzung.
Fisher Price Spielhäuser aus den 70ern, die zum Aufklappen mit Tragegriffen oben dran.
Ali Mitgutsch Wimmelbücher. Ich hatte noch meine alten, aber die Kinder haben sie binnen Tagen kurz und klein gerissen.
Puppenstubenmöbel aus Holz, die gleichen, die ich als Kind hatte und von 5 bis 13 fast täglich bespielt habe, die aber jetzt meine Schwester kriegen soll.
Dieses Spiel mit den Dreiecken, Kreisen und Vierecken, bei dem man Farben und Formen lernen soll.
Eine Gänse- oder Entenlampe.
Einen Brunnen aus Plastik, bei dem man Wasser einfüllt und dann mit einer kleinen Handpumpe in einen kleinen Eimer pumpen kann.
Eine Spardose zum Aufziehen in Form eines Apfels, bei der man ein Geldstück auf einen Knopf legt, und dann kommt ein Wurm hervor und holt sich das Geld.
Ein Mäppchen aus Plastik und eine Thermoskanne mit Snoopy.
Einen Playmobil-Wohnwagen inklusive Vordach, Campinggeschirr, Liegestuhl und Sonnenschirm.

Das sind alles Dinge, die ich entweder als Kind hatte, die meine Eltern aber inzwischen weggeschmissen haben, oder Dinge, die ich als Kind unbedingt haben wollte.

Und dann fällt mir wieder ein, wie ich damals unbedingt wollte, dass mein Kind ein Mädchen wird, und das tagelange Schmollen, allen Ernstes, als klar war, das wird wohl nichts.

Und ich frage mich manchmal: will ich hier einen Versuchsaufbau herstellen, bei dem meine Kindheit bis ins Detail nachgestellt wird, nur diesmal irgendwie besser, toller, fröhlicher und auf jedem Fall mit schönerem Ausgang und diesmal mit mir am Ruder? Bin ich am Ende auch so eine, die sich selbst mit aller Gewalt in ihre Kinder projiziert und keine Ruhe gibt, bis sie nicht ein Rudel kleiner Mini-Mes geformt hat? Als wäre das eine Maxi-Me nicht schon mehr als genug? Und wenn ja, warum tue ich das?

Oder fand ich nur diesen Fisher-Price Kram schon immer toll und hätte gerne, dass meine Kinder eben auch was Nettes zum Spielen haben, was man dazu auch noch mit einem Handgriff wie eine Handtasche überall mit hinnehmen kann?

Sapristi. Es treibt mich gerade wirklich um. Und das, wo ich gerade so wenig zum Nachdenken komme. Seit Dienstag sind beide Jungs zuhause, Michel hat Hand-Mund-Fuß oder so, und Kalle muss aus Quarantänegründen auch wegbleiben. Zum Glück ist das Hamburger Wetter gerade so, wie man es vom Münchner Wetter erwarten würde. Und zum Glück bringt diese Krankheit außer roten Punkten überhaupt keinen Ärger für Michel mit sich.

Hätte ich mal damals im Psychoanalyse-Seminar weniger mit den Augen gerollt und mehr mitgeschrieben.