Mittwoch, 22. Mai 2013

Wenn Fusselhirne planen, Teil 2

Bei Diäten (Weight Watchers, Fasten - ja, ich weiß, keine Diät, wäwäwäwäwäwä, abends keine Kohlehydrate etc.) hat das schon dufte funktioniert, mit Würmchen wird es genau so super laufen, da wette ich: ich suche mir raus, was gut für mich klingt, und ignoriere den Rest. Mit anderen Worten, ich mach mir die Welt, so wie sie mir gefällt.

1. Würmchens erste Reise.
Irgendwo habe ich gelesen, die allerallerbeste Reisezeit mit kleinen Kindern ist die, wenn sie noch nicht laufen können, sondern einfach in ihrem Wagen liegen oder sitzen und sich willenlos von Mama und Papa durch eine ferne Metropole schieben lassen. Vorausgesetzt, die Metropole verfügt über sauberes Trinkwasser und ausreichende medizinische Versorgung, soll das kein Problem sein. Und ich plane. Ich liege hier herum und plane, dass die Schwarte kracht. Vielleicht endlich mal nach San Francisco? Oder doch wieder New York? Rom? Egal, noch diesen Herbst hoffe ich, die ganze Bande zusammenzupacken und auszutesten, ob mein Kind zu der Sorte gehört, die einen Flug mit ein paar fröhlichen Glucksern übersteht und die Banknachbarn von den Sitzen flirtet oder eben zu der anderen Sorte.

2. Stillen.
Das mit dem Stillen werde ich unter der Regie meiner Hebamme mal versuchen. Ich werde sogar die Tipps befolgen, die sie mir gibt, seien es Kohlblätter oder Wollmilchsalbe oder bloß nichts draufschmieren, wird nur schlimmer. Mit Hütchen und ohne. Sollte es laufen, mache ich das so ca. drei-vier Monate. Sollte es nicht laufen, läuft es nicht, und ich hoffe, ich bekomme deshalb keinen Schuldkomplex. Ziel ist es, ein zufriedenes, gesundes Baby zu haben, aber auch eine zufriedene, gesunde Mutter zu bleiben. Und irgendwo dahinter wartet das noch viel größere Ziel, meinem Baby ein freundschaftliches und offenes Verhältnis zum Essen anzugewöhnen. Wir werden sehen.

3. Wickeltisch.
Unser Wickeltisch wird kein Wickeltisch, sondern eine dieser Küchenkommoden, die es bei Ikea gibt. Die meisten sind aus der Värde-Serie oder sehen jedenfalls so aus, als wären sie. Die sehen erstens dreimal besser aus als so ein komisches fake-landhausmäßiges Wickeldings. Zweitens liebt L. diese Möbel schon lange und streichelt sie jedes Mal, wenn wir bei Ikea sind, endlich hätten wir einen Grund, eins zu kaufen. Drittens sind sie als Küchenmöbel schön hoch, man holt sich also keine Rückenprobleme, wenn man Würmchen darauf viele liebe Mal wickelt. Viertens sind sie irre praktisch mit den Schubladen usw. Siebzehntens schaffe ich mir lieber ein Möbelstück an, das ich zwanzig Jahre lang benutzen kann, als eins für zwei Jahre. Obendrauf kommt eine Wickelauflage unserer Wahl, daneben ist noch Platz für die Sachen, die man ständig braucht, und alles andere wandert nach unten in die Schubladen. Perfekt, finde ich!

4. Erziehungsweisheiten.
Heute müssten zwei weitere Babybücher in der Post sein: das zweite Druckerman-Buch, das die Erkenntnisse aus "Warum französische Kinder keine Nervensägen sind" zu 100 Regeln zusammenfasst, und das Buch "french kids eat everything" von Karen le Billon. Ich werde berichten.

5. Job.
Das Thema Arbeit hat sich erst mal erledigt, sollte man denken. Heute oder morgen werde ich noch einmal ein paar Filmideen zu Papier bringen, die im Kopf eigentlich schon fertig sind, und noch an die Agentur schicken. Einfach, weil ich das so will und die Ideen zu schade sind, um in ein paar Wochen im Stillnebel zu verschwinden. Sollte die Agentur das falsch verstehen und mich demnächst öfter anhauen, ob ich hier noch mal kurz und da noch mal kurz kann, dann sage ich freundlich nein. Ich habe das Gefühl, ich hatte in dieser ganzen Schwangerschaft noch keine so gute Idee wie die, es jetzt zu lassen (na gut, "Idee" ist vielleicht das falsche Wort...). Es geht mir um Längen besser.

6. Kita.
Zwar haben wir es eine Weile vor uns hergeschoben, aber in den nächsten Wochen müssen wir uns vorsichtshalber noch in ein paar weiteren Kitas anmelden. Drei habe ich schon im Auge: eine, weil sie so nah ist. Eine, weil sie im Wald liegt und den Kindern wohl früh die Nähe zur Natur vermitteln will. Und eine, weil wir darüber so viel Gutes gehört haben. Dann hätten wir insgesamt vier Eisen im Feuer, würden immer noch hoffen, dass es bei Nr.1 klappt, aber wenn nicht, dann hoffentlich bei einer der anderen. Im Vorort zu leben, hat auch seine Vorteile: ich fürchte, Eppendorfer Schwangere kommen unter acht Anmeldungen nicht weg.

7. Geburtsvorbereitungskurs.
Das mit dem Geburtsvorbereitungskurs wird nichts mehr. Die Hebammenpraxen haben mit einer Ausnahme bis heute nicht auf meine Emails mit Anfragen geantwortet, also habe ich angerufen und in jedem Fall den Bescheid bekommen, hach wie schade, nun wäre der letzte Platz gerade weg. (Ich verstehe, dass Emails für Hebammen vielleicht nicht das Kommunikationsmittel der Wahl sind. Dann würde ich allerdings auch einfach darauf verzichten, eine Adresse über meine Homepage anzubieten.) Der einzige Kurs, in den wir noch gekommmen wären, wäre ein Wochenendkurs gewesen, der an L.s Geburtstagswochenende ist. Tut mir leid, da haben wir was anderes vor. Jetzt muss es ohne gehen. Ich gucke allerdings gerade sehr eifrig nach einem Kurs, der Säuglingspflege und Erste Hilfe bei Babys kombiniert. Scheint es nicht zu geben, aber vielleicht habe ich noch nicht gründlich genug geguckt? Sonst eben beides in einem eigenen Kurs. Heute morgen habe ich den Kopf meines Babys wieder irgendwo schräg hinterm Bauchnabel ertastet. Ich glaube auch nicht so richtig an die Plazenta-Wunderwanderung. Und wo es sich doch mehr und mehr zu einem Kaiserschnitt zusammenzieht, kann ich mir den Hechelkurs wirklich sparen. Sollte es auch mit der Säuglingspflege nichts werden, würde mich der Erste-Hilfe-Kurs doch beruhigen. Säuglingspflege habe ich noch ein bisschen im Kopf, so ist das, wenn man eine elf Jahre jüngere Schwester hat, die auch mal Windeln und Fläschchen und all das brauchte. Und die Nachsorgehebamme ist ja auch noch da, yay!

8. Mein ganz privater Mutterschutz.
Auf die Hochzeit in Berlin fahren wir noch. Danach ist Schluss. Ich möchte dann bis zur Geburt bitte nichts mehr vorhaben, jedenfalls nichts, was erfordert, dass ich eine Tasche packe. Ich freue mich wie Bolle auf ein paar Wochen, in denen ich nur noch hier ein bisschen mit Farbe herumschmiere, da ein bisschen vorkoche und einfriere und davon abgesehen ab und zu mal durch das dann hoffentlich vorhandene Kinderzimmer gehe, mich zufrieden in den Ohrensessel setze und das alles auf mich wirken lasse.

Sonntag, 19. Mai 2013

Mich wundert das gar nicht, dass es inzwischen ca. 28 Zeitschriften mit "Land" im Titel gibt

Die Treppen könnten ein Problem werden. Treppen in einem offen gebauten Haus, belegt mit harten Fliesen, bei denen man nicht einfach eine Tür zumacht und das Treppenhaus ist verschlossen. Außerdem gibt es einen extrem verlockenden Teich an der Terrasse, zu dem es mich als Zweijährige auf jeden Fall mit Macht gezogen hätte. Dann ist da noch der felsige Steilhang runter zur Straße, allerdings so dicht bewachsen mit dornigen Brombeerbüschen, dass Würmchen sich nach zwanzig Zentimetern Sturz schon in einer neuen und ganz andersartigen Notlage wiederfinden würde. Ansonsten wird das hier großartig. Die Balkone sind gut vergittert, die Pflanzen ums Haus alle nicht giftig, im Keller stehen bestimmt noch riesige Spielzeugschätze, und meine Eltern geben ganz sicher die besten Großeltern der Welt ab. Bzw., wie die Nomenklatur in unserer Familie lautet, Oma und Opa Heppenheim. Wieder eine Sache, die ich kaum erwarten kann - eine von den vielen: das Familienauto mit Mann, Karre, Hunden und Kind bepacken und dann( mit Zwischenstop in NRW, damit er seine Uroma kennenlernen kann), hier runter fahren und ihm zeigen, dass das Leben außerhalb der Stadt auch anders sein kann: dass es auch Wiesen ohne leere Schnapsflaschen und verrottenden Grillmüll gibt, dass man Kühe nicht nur essen, sondern auch streicheln kann und dass Mutti, wenn sie nur will, auch imstande ist, in diesem grässlichen Dialekt zu sprechen. Der wird Augen machen.

Vielen Dank für die vielen Tipps zur Krankenhaustasche! Miederhosen in Größe 42, Schlafbrille, eine Großpackung Cornies und Bifis, Schwimmring und all das andere werden unverzüglich angeschafft. Es wird dann wohl doch eher ein Krankenhaus-Flugkoffer werden, aber mach was, und in unserem Familienzimmer ist ja auch Platz dafür. Ansonsten geht der Plan ungefähr so: irgendwann demnächst, sobald die Handwerker endgültig wieder verschwunden sind, mache ich den Dachboden und das Gästezimmer besuchsfein. Geht es dann los, informieren wir als erstes meine Schwiegermutter, die sich dann bitte sofort bei uns einnistet und für's Erste die Hunde sittet, was in solchen Notsituationen auch ausnahmsweise damit getan ist, für Futter, Wasser und Epilepsie-Medikamente zu sorgen und in regelmäßigen Abständen die Küchentür in den Garten zu öffnen. Dann macht sich meine Familie auf den Weg und quartiert sich ein. Meine Schwester spricht schon von Kuchen, die sie für uns zu backen gedenkt - ob mit oder ohne Kuchen, so machen sich alle ein paar nette Tage in Hamburg und kommen ein-zweimal am Tag zu Besuch. Und dann ziehen wir mit Würmchen zuhause ein und haben erst mal ein paar Tage für uns ganz allein. Ich finde, das klingt nach einem guten Plan.

Und jetzt gehe ich mal an den Teich gucken, was die Kaulquappen machen.

Freitag, 17. Mai 2013

33. Woche.

Auf einfachen Wunsch hin hier ein neues Kugelbauchfoto. Nicht mosern, ich kann das nicht, dieses Bloggerinnen-Profi-mäßige aus dem Handgelenk Selbstportraits mit perfektem Bildausschnitt. Nun ist eben Ringo mit drauf. Mach was.




Die anderen Eckdaten: 77 Kilo. Bauchumfang: keine Ahnung. Schwangerschaftsstreifen: bisher noch nicht. Schlaf: ca. vier-fünf Stunden pro Nacht. Schwindelanfälle: seit dem Arztbesuch kein einziger mehr. Dafür bin ich zum ersten Mal umgeknickt, auf einem ca. anderthalb Zentimeter hohen Bordstein und in flachen Schuhen. Das ist gestern so gegen zehn passsiert, und es tut immer noch mörderisch weh, auch wenn am Knöchel nichts zu sehen ist. Meine Apps und meine Schwangerschaftsbücher hatten mich gewarnt, dass das passieren würde: so was kommt von aufgeweichten Gelenken und davon, dass man seine Füße nicht mehr sieht. Aber habe ich die Warnungen beherzigt? Nein. Ich war sogar immer noch ab und zu in High Heels unterwegs und hatte auch fest vor, das zu Spezialgelegenheiten weiter so zu halten. Aua.

Tag 1 der großen Ferien.

Manchmal merkt man es wirklich erst hinterher. Wenn man am Morgen danach aufwacht und sich plötzlich trotz Riesenkugelbauch zwanzig Kilo leichter fühlt. Bis Oktober werde ich jetzt nicht mehr an den Schreibtisch müssen. Keine Bahnfahrten morgens am Rande der Ohnmacht, kein Ächzen und Schnauben über Aufgaben, die ich sonst mit links gelöst habe, kein Wegschrubben auf Vorrat in letzter Minute mehr, damit das auch ja alles reibungslos läuft, wenn ich nicht mehr da bin. So lange Freiheit war noch nie. Und nicht nur das, sondern noch viel besser: die Sorgen, die seit dem letzten Termin bei meiner alten Ärztin wie ein Tinitus immer im Hintergrund waren ("Zu klein. Zu eierköpfig. Vielleicht unterversorgt. Vermutlich früher holen. Zu klein. Zu eierköpfig. Vielleicht unterversorgt. Vermutlich früher holen. Zu...") sind einfach weg. Placenta praevia ist auch kein Spaß, das weiß ich schon - aber wenn die Lösung für dieses Problem einfach Kaiserschnitt heißt, ist doch alles gut. Und vielleicht, ganz vielleicht, wenn mein Idiotenglück anhält, löst sich das ja auch noch von ganz alleine.

Die Frage ist, was mache ich mit meiner Freiheit? Ich habe da so eine Idee. Aber ich will sie lieber erst gar nicht aufschreiben, weil ich keine Lust habe, mich blöd zu fühlen, falls ich meinen Hormonhintern doch nicht für mehr hochkriege als Kinderzimmer klarmachen, Kind bekommen und Kind über die ersten drei Monate bringen.

Jetzt erhole ich mich erst mal für ein paar Tage bei meinen Eltern, die ganz rührend sind ("Waaas? Du spülst hier nicht!") Ich liege in meinem alten Kinderzimmer, in dem immer noch die phosphoreszierenden Sterne von vor über zwanzig Jahren an den Deckenbalken kleben, höre draußen die Landgeräusche (Vogelzwitschern, Mopedknattern) und trinke koffeinfreien Tee. Und während ich hier den Frieden genieße, werden bei uns zuhause neue Fenster eingebaut, L. darf sich ganz allein damit und mit den zwei Hunden herumschlagen, und ich weiß, dass ich heute nichts mehr weiter tun muss als irgendwann duschen und trotz des gut gefüllten Kühlschranks meiner Mutter Platz lassen für das Schnitzel mit gebratenen Zwiebeln, das es heute Abend in der Kochkäskneipe geben wird und von dem ich seit Monaten träume, so was gibt es nämlich nicht in ganz Hamburg.

Vielen Dank übrigens für die vielen, vielen Tipps und Kommentare zum Ratschläge-Post! Ein Molton-Laken ist bestellt. Die Nummer vom Krankentransport ist im Handy eingespeichert. Und sobald ich wieder zuhause bin, packe ich meine Tasche. Abgesehen vom Offensichtlichen (Socken, Strampler, Buch, Ladekabel, Umschlag für Geburtsurkunde mit Gebühren, Riesen-T-Shirt und Nachthemd, Riesenbinden, Ohropax, einmal Badausstattung komplett in Mini) - hat irgendwer einen Tipp für eine Sache, die unerwarteterweise extrem nützlich wurde?

Eine Idee hatte ich selbst gerade für fünf Minuten, und weil sie zeigt, wie sich Fusselhirnigkeit und Mangel an Realitätssinn bei mir aufs Ungünstigste mischen, will ich sie euch nicht vorenthalten: ich dachte, ich nehme einen Stapel schöne, leere Postkarten mit, schon beklebt mit Briefmarken, dazu einen schicken schwarzen Zeichenstift, und dann werde ich im Krankenhaus kleine Babyportraits zeichnen und statt Fotokarten verschicken, au ja! Genau. Irgendwie werde ich das unterkriegen zwischen Marmelade kochen und meiner Steuer für 2012.

Mittwoch, 15. Mai 2013

In aller Kürze

Mit dem Kind ist alles in Ordnung. Es ist auch nicht zu klein, das war offensichtlich wirklich ein Messfehler des Kartoffelsalatultraschalls. Laut der Messung von heute wiegt es fast 1900 Gramm und ist damit völlig im Rahmen. Die einzigen Probleme: die Plazenta versperrt im Moment noch den Ausgang. Es kann gut sein, dass sie sich in den nächsten Wochen noch "hochzieht" mit dem Wachstum der Gebärmutter, dann ist alles gut und überhaupt kein Problem. Wenn sie das nicht tut, wird es auf einen Kaiserschnitt hinauslaufen. Und der Muttermund ist zu kurz. So kurz, dass ich jetzt nicht mehr arbeiten darf und mich schonen soll, zumindest so lange, bis der Mutterschutz beginnt und wir nahe genug am errechneten Geburtstermin sind.

Ich bin sehr glücklich mit meiner Entscheidung, die Praxis zu wechseln. Die Ärztin heute hat sich fast eine Stunde Zeit für mich genommen, allein der Ultraschall war ausführlicher als der bei Erst- und Zweittrimesterscan und auf einem ähnlich feinen Supergerät. Mein Kind hat auf diesem Ultraschall aber nicht nur vernünftige Abmessungen, sondern auch endlich wieder ein Kinn. L. war die ganze Zeit daneben und hat den Bildschirm ganz verliebt angestarrt. Liebe Abkürzungsdamen, ich sage das bestimmt viel zu selten, aber heute tue ich es mal: alles wird gut.

Dienstag, 14. Mai 2013

Schluss mit fleißig.

So ungefähr muss sich eine von diesen dünnen flatterigen Plastiktüten fühlen, wie man sie beim Gemüsemann bekommt, wenn man sie mit viel zu vielen Glasflaschen und anderem schweren Kram bepackt nach Hause trägt. Bitte nicht reißen. Bitte nicht reißen. Bestimmt reißt es gleich. Bitte nicht reißen.

Heute war wieder einer der Arbeitstage, an denen mir schon morgens in der Bahn wirklich, wirklich schwummerig war. Dann auf dem Weg von der Bahn in die Agentur noch mal. Den Vormittag über ging es, aber als ich in der Mittagspause wegen einer ausgefallenen Rolltreppe gezwungen war, mörderische acht Treppenstufen zu steigen, wäre ich wieder fast umgefallen. Und dann nach dem Essen am Schreibtisch wieder. Währenddessen habe ich ständig das Gefühl, es wird dünn, flatterig und knapp da unten. Das Gefühl ist neu und nicht gut. Ich weiß nicht, ob man so etwas wie ein Gefühl für seinen Muttermund hat. Aber es fühlt sich an, als würde nur eine hauchdünne Membran zwischen Fruchtwasser und Kind und dem kalten Beton stehen. Bilde ich mir das jetzt ein? Bin ich hysterisch? Oder einfach nur zu faul und bocklos zum Arbeiten? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, heute konnte ich nicht mehr. Um zwei habe ich meine Sachen gepackt und bin gegangen. Ja, es ist noch eine Menge zu tun, und der zweite Texter ist im Urlaub, und alle verlassen sich auf mich und ich lasse überhaupt alle ganz schrecklich im Stich. Aber das ist mir immer noch lieber, als mein Kind im Stich zu lassen. Morgen habe ich den Arzttermin bei der neuen Ärztin, so um die Mittagszeit. Da fährt L. mich hin und bleibt dabei, und dann werde ich fragen, ob ich ab jetzt bitte krankgeschrieben sein kann. Wie wir das dann mit dem Geld machen, keine Ahnung. Ehrlich gesagt ist das auch ein Pipifaxproblem, L. hat Geld. Ich zwar nicht, und bisher habe ich immer großen Wert darauf gelegt, mich selbst zu finanzieren und nicht auf Kosten meines Mannes zu leben, aber das hier ist eine Ausnahmesituation. Ich könnte nie wieder diesen Laden (oder irgend eine andere Agentur) betreten, wenn ich jetzt mein Kind verlieren würde, und wo wäre ich dann mit meiner finanziellen Unabhängigkeit? Ganz davon abgesehen, dass es auch sein Kind ist. Sagt die Ärztin morgen, das sieht doch alles super aus und da sind bestimmt acht Meter stahlharter Muttermund, will ich nichts gesagt haben und trolle mich an meinen Schreibtisch. Aber ich finde ehrlich gesagt, im achten Monat reicht es dann auch irgendwann. Auch, wenn ich mir komisch vorkomme, zu einer neuen Ärztin zu gehen und gleich beim ersten Gespräch um eine Krankschreibung zu bitten - nicht halb so komisch, wie ich mich fühlen würde, morgens während der Rush Hour in der U1 eine Fehlgeburt zu haben.

Sonntag, 12. Mai 2013

Rat und Schläge

Vorgestern kam L. aus dem Keller und hatte eins meiner Schwangerschaftsbücher dabei, die ich mir irgendwann während der letzten Eiszeit zu meiner ersten Schwangerschaft gekauft hatte. Es heißt "Fragen an die Hebamme" oder so ähnlich, ich liege mit gewaschenen Haaren und im Bademantel mit einer Tasse Tee im Bett und werde jetzt nicht runtergehen und genau nachsehen, reiche das aber gerne nach. In den letzten 48 Stunden habe ich das Buch ca. zwölfmal aufgeschlagen, ein paar Seiten gelesen und es dann schnaubend wieder zugeknallt, so weit man ein broschiertes Buch zuknallen kann. In diesem Buch steht unter anderem, man sollte überhaupt kein Koffein zu sich nehmen. Da stehen auch die üblichen Dinge, die man nicht soll, und die ja sogar ich Widerborst einsehe. Das Buch ist in Frage- und Antwortform geschrieben (wie der Titel schon sagt), und um die Seiten zu füllen, sind auch solche Quatschfragen beantwortet wie "Wenn ich von Babys träume, bringt das Unglück?" (Nein.) Der Rat, der mich am meisten auf die Palme gebracht habe, geht aber in etwa folgendermaßen:
Frage: "Ständig sagen mir Leute, was ich zu tun und zu lassen habe. Kollegen, Familie, Freunde, Nachbarn, alle wissen irgendwas Schlaues und quatschen mir rein. Wie gehe ich damit um?"
Antwort: "Diese Menschen meinen es nur gut. Vermutlich haben sie selbst direkt oder in ihrem Umkreis Erfahrungen mit schwer geschädigten Babies oder Fehlgeburten gehabt und möchten Ihnen diese Erfahrung ersparen."

Das müsste man erst mal sacken lassen, wenn man nicht zu wütend wäre, um irgend einen klaren Gedanken zu fassen. Daraufhin habe ich im Interesse meines Blutdrucks direkt zum Kapitel Geburt vorgeblättert, durch das ich mich jetzt langsam durchkaue. Da steht bestimmt viel Vernünftiges, ich frage mich nur, warum bringen die paar Stinkbomben dazwischen mich immer wieder so auf die Palme? Da, schon wieder, ich muss nur dran denken, und schon kommt grüner Qualm aus meinen Ohren, der Hund ist auch schon ganz verstört. Es ist vielleicht die Art der Ratschläge: Gegen Ratschläge der Machart "Probier mal das und das, dann wird vieles leichter und schöner" habe ich überhaupt nichts. (Schlafen mit Stillkissen. Wasser mit Zitrone gegen aufgepumptes Gefühl. Kalt abbrausen gegen Hängebusen nach der Schwangerschaft.) Viele Schwangerschafts- und Geburtsratschläge haben aber mit Angst zu tun: "Lass das sein, sonst wird alles ganz schrecklich ausgehen". Vielleicht, vielleicht... Vielleicht nervt mich vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, dass uns an allem, was uns mal wichtig war, jetzt überhaupt nichts mehr gelegen ist. Vielleicht ist es diese unterschwellige Annahme, dass mit der Schwangerschaft jedes Fitzelchen Emanzipation gefälligst wieder aufgegeben werden sollte. Dass wir plötzlich wieder völlig hilflos sind und nicht aus noch ein wissen, wenn nicht jemand anderes kommt und uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Dass wir...

Ich verrenne mich da doch nicht, oder? Oder?
Mir ist schon klar, dass es da draußen Frauen gibt, die noch nie von Listerien gehört haben und denen dringend jemand davon erzählen sollte, bevor sie am Ende zu den unglücklichen 60 gehören, die sich und ihr Kind jedes Jahr infizieren. Oder dass die Tatsache, dass tausende, hunderttausende von Schwangeren schon lächelnd und unbeschadet ein fettes Stück Brie verzehrt haben, nicht bedeutet, dass es ungefährlich ist. Ich weiß auch, dass viele von uns sich jetzt wirklich hilflos fühlen, es ist das erste Mal, kein Mensch weiß, was passiert, und ein paar Ratschläge können auch beruhigen. Außerdem ist es reichlich bescheuert von mir, mir erst ein Ratgeberbuch zu kaufen und mich dann darüber aufzuplustern, dass mir da jemand unverschämterweise Ratschläge geben will, auch wenn Kauf und Aufplustern schon vier Jahre auseinander liegen.
Ich glaube, mir schwant langsam, was es ist: der Spaß, den manche Leute am Warnen und Verbieten zu haben scheinen. Und die Bereitwilligkeit, mit der sich bestimmt viele so vieles verbieten lassen, ohne lange zu fragen, ob das wirklich nötig und sinnvoll ist.
Vor ein paar Tagen hat eine meiner Schwangerschafts-Apps mich vor Augencreme gewarnt. Falls die nämlich Vitamin A enthalte, sollte ich sie lieber jetzt nicht mehr verwenden, denn zu viel Vitamin A (wie in Leber und Leberwurst) schadet dem Kind. Da musste ich laut lachen. Erstens kann es so gefährlich nicht sein, wenn die App mit diesem Verbot bis zum achten Monat wartet, und zweitens: wie viel Vitamin A genau, wird vermutet, gelangt tatsächlich und in reiner Form aus tieferen Hautschichten in meinen Stoffwechsel und dann in den des Kindes? Trotzdem bin ich sicher, dass es Frauen gibt, die das lesen und denken Aaaaahja, dann lieber nicht, die dann brav loswackeln und sich gehorsam eine andere Augencreme kaufen. Und das macht mich hilflos, wütend und aggressiv, kein Mensch weiß, wieso. Grüner Qualm. In dicken Wolken.

Dabei hätte ich selbst einige Fragen, die mir bisher noch kein Ratgeber beantworten konnte (NEIN, das sind nicht die wichtigsten Fragen, die mich zur Geburt und Schwangerschaft umtreiben. Das sind nur die, die auch in meterdicken Ratgebern irgendwie nicht beantwortet werden, weil der Platz schon für Babytraumdeutung draufgeht):
1. Meine Füße sind für mich ein ständiger Kummer. Es hängt auch damit zusammen, dass bei mir Hornhaut so schnell nachwächst, dass ich im Grunde alle drei Tage die Mauken für eine halbe Stunde in ein Fußbad hängen muss und danach zehn Minuten daran herumfeilen, damit sie präsentabel sind. Das wird aber mit zunehmendem Umfang immer schwieriger. Die Frage lautet also: darf ich während der Geburt Socken tragen? Ich würde sogar die sauberen weißen aus der ersten Klinik wieder rauskramen!

2. Ab wann ist es sinnvoll, unter das normale Laken ein PVC-Laken zu spannen? Nur für den Fall, dass nachts die Fruchtblase platzt? Im Hochsommer?

3. Angenommen, das Kind kommt, während L. nicht da ist, ich nehme mir ein Taxi ins Krankenhaus, und unterwegs platzt die Fruchtblase. Muss ich den Autositz bezahlen? Ist hier eine Schwangere außer mir, die schon mal drüber nachgedacht hat, wie zum Sackhüpfen in einen Müllsack zu steigen und so zum Krankenhaus zu fahren?

4. Listerien (und Toxoplasmose-Erreger, die mich zum Glück nicht interessieren müssen) sterben ab, wenn sie zwei Minuten auf 70° erhitzt werden. Kennt hier jemand die Kerntemperatur eines Toasties oder hat sie evtl. sogar schon mal selbst gemessen? Ich wäre ein glücklicherer Mensch, wenn ich wüsste, dass ich alles in meinem Kühlschrank für mich ungefährlich machen könnte, wenn ich es in einen Toastie packe.

5. Meine Küchengöttin Nigella hat mal geschrieben, ein großer Pluspunkt des Stillens sei, dass man dem Kind schon früh beibringt, dass nicht alles gleich schmeckt. Essen ist immer wieder anders und neu, je nachdem, was Mutti gegessen hat, das ist doch toll! Je früher ein Kind diese Erfahrung macht, desto geringer ist die Gefahr, dass es später nur Fritten und Pizza will. (Nach dem Pomdöner warte ich übrigens darauf, dass die Pompizza auftaucht. Na, ist das eine Geschäftsidee?) Heißt das, ich tue meinem Kind was Gutes, wenn ich während dieser Zeit auch mit extremen Geschmäckern experimentiere? Chili? Wasabi? Sardellen? Buchweizencrepe? Überreifer Gorgonzola? Fangt ihr jetzt schon an zu kichern, weil ihr genau wisst, was dann passiert und was für ein dämliches Gesicht ich dann machen werde?

Das wären für den Moment die Fragen. In zehn Minuten habe ich sicher neue.

Freitag, 10. Mai 2013

Wenn andere Fusselhirne Medikamente verordnen

Der Eierkopf-Termin bei meiner Frauenärztin. War noch was? Ach ja: "Ich habe nur noch für zwei Wochen Bluthochdruckmedikament. Bekomme ich da von Ihnen ein Rezept, oder muss ich zu meiner Internistin gehen?"
Kein Problem, alles kein Problem. Klar! Machen wir gerne. Ich wühle also die angebrochene Packung aus meiner Tasche und lese ihr laut und deutlich vor: Metoprololsuccinat, 27,5 mg. Sie notiert, der Rezeptdrucker rattert, ich gehe mit Rezept in der Tasche nach Hause.
Gerade in der Apotheke, nach zwei Tagen Wartezeit dank Feiertag: "Bitteschön, ihr Bisoprolol." Mein was? Tatsache: mein Bisoprolol in der Dosierung 3,5.
Und jetzt? Es ist Freitag, zwanzig nach zwölf, ich habe keine einzige Tablette mehr im Haus, meine Frauenärztin schließt um halb eins, ich bin ca. eine Dreiviertelstunde mit den Öffentlichen von ihr entfernt. Ich rufe da an. Man ist sich keiner Schuld bewusst, erklärt sich aber nach langem Bitten und Betteln gnädig bereit, "ausnahmsweise" und "aus Kulanz" das neue Rezept per Post an mich zu schicken. Mit Glück ist es dann morgen da.

Kann sein, dass das kein großer Unterschied ist zwischen Meto und Biso. Kann auch sein, dass eine Dosierung von 3,5 bei Biso einer Meto-Dosierung von 27,5 entspricht. Ich weiß es nicht, ich bin schließlich weder Ärztin noch Apothekerin. Problem ist nur: ich möchte mich nicht vor dem Tresen einer Apotheke damit auseinandersetzen müssen, ob das so ist. Ich bin im achten Monat, verdammt, ich schlucke nicht einfach irgend einen Betablocker.

Diese Wurschtigkeit. Die war einer der Hauptgründe dafür, warum es mir jetzt nach vielen Jahren in dieser Praxis auch mal gelangt hat. Ich bin schweißgebadet. Und ziemlich froh, dass mein nächster Termin in einer anderen Praxis stattfinden wird.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Wenn Fusselhirne planen, Teil 1

1. Mutterschutzgeld.
Ich bin komisch mit behördlichen Fristen. Komisch ist das falsche Wort, doof. Sobald ich anfange, daran zu denken, dass ich mich langsam mal um irgend etwas kümmern könnte, ist nicht Tatendrang das alles bestimmende Gefühl, sondern eine dumpfe Angst, jetzt schon zu spät dran zu sein. Der Himmel gebe, dass ich niemals einen komischen Knoten oder Leberfleck entwickele, sonst könnte das übel ausgehen. Man stelle sich darum meine Erleichterung vor, als ich vor ein paar Wochen mal gegoogelt habe, wie das mit dem Mutterschutzgeld geht, und die übereinstimmende Antwort war: sieben Wochen vor der Geburt bekomme ich von meiner Frauenärztin eine Bescheinigung mit dem vermutlichen Geburtstermin und außerdem ein Formular, das ich dann ausfülle und an meine Krankenkasse schicke. Die regelt das dann. Ich dachte, das wird schrecklich. Ich dachte, ich bin wieder mal die einzige, bei der etwas schief geht, dann stehe ich da, mittellos, muss L. anhauen, der wird sauer, weil ich geschlampt habe etc. etc., und die ganze schöne entspannte Vorbabyzeit ist im Arsch. Aber jetzt sieht es doch ganz so aus, als liefe alles nach Plan.

2. Kinderwagen.
Steht in Berlin und wartet auf uns. Demnächst feiert eins der Mädchen Hochzeit, wir sind dabei, L. kommt einen Tag später nach und das mit dem Auto, wir fahren da vorbei, holen das Ding ab und alles ist gut. Einen Fußsack haben wir noch nicht, aber den kaufen wir dann, wenn wir ihn brauchen.


3. Kinderbett.
Im Lauf der Zeit habe ich viel Zeit damit verbracht, wunderschöne und irre teure Kinderbettchen anzustarren, zum Beispiel Sebra Kili aus Dänemark. Aber inzwischen habe ich eine Entscheidung gefällt, mit der ich sehr glücklich bin: das Babybettchen werden wir nicht im Hamburger Bessere-Eltern-Superladen kaufen, sondern bei Ikea. Ohne Lieferzeiten und für relativ wenig Geld. Dieses weiße Kinderbettchen werden wir dann mit einem schönen Nestchen und vielleicht ein paar bunt lackierten Stäben hübsch machen. Die Kreditkarte kommt dann zum Einsatz, wenn Würmchen da rausgewachsen ist und an seinen Möbeln tatsächlich Spaß entwickelt. Es gibt so lustige, schöne und phantasieanregende Kinderbetten für Kleinkinder: Schiffe, Burgen, Höhlen, was auch immer. Ein richtig schönes Babybett kostet ungefähr genau so viel wie die und ist doch eigentlich fast mehr für die Eltern da, um den Gutschi-Gutschi-Faktor im Babyzimmer zu erhöhen. Und die Wickelkommode kaufen wir ebenfalls bei Ikea. Nun guckt mich nicht so an, Mutti will Hotdogs!


4. Schnuller, Muttermilchflaschen, Stilleinlagen, Spucktücher, Windeln etc.
Ein Gang zu Budni bzw. einmal bei meiner Versandapotheke vorbeigeklickt. Ehrlich gesagt schiebe ich das gar nicht vor mir her, ich freue mich darauf, aber ich möchte es genießen und mich nicht davon stressen lassen. Außerdem haben wir noch kein Kinderzimmer, und ich wüsste nicht so richtig, wohin mit dem Kram, wenn wir ihn jetzt schon hätten.


5. Geburtsvorbereitungskurs.
Das Argument mit der Babypflege leuchtet mir ein, darum habe ich jetzt drei verschiedene Hebammenpraxen angeschrieben und gefragt, ob sie noch einen Platz frei haben in ihrem Kurs. Bisher noch keine Antwort, aber das habe ich ja schon gelernt, dass Hebammen mit Emails oft nicht besonders zackig sind, weil sie meist zwischen den Knien irgendeiner brüllenden und fluchenden Frau festsitzen.


6. Frauenärztin.
Die neue Praxis hat geantwortet und mir einen Termin für den 15.Mai gegeben. Ich freu mich drauf und bin immer noch sicher, dass das richtig so war.


7. Arbeit.
Ich habe nur noch acht Arbeitstage vor mir. Trotzdem macht mir das alles ein bisschen Kummer. Acht Stunden am Schreibtisch sind gerade wirklich, wirklich anstrengend für Steiß, Rücken und Kopf. Selbst wenn ich die Zeit damit verbringen würde, auf youtube alte Folgen von Inspektor Barnaby anzusehen, wäre das anstrengend. Die Jobs, die gerade auf mich zurollen, sind aber auch ziemlich anspruchsvoll. Die Sorte anspruchsvoll, bei der man sich innerhalb kürzester Zeit in ein staubtrockenes und sehr technisches Fachgebiet einfuchsen muss. Ich will niemanden hängen lassen, aber ich will mich auch nicht quälen. Wäre ich fest angestellt, hätte ich mich längst krankschreiben lassen. Gäbe es im Laden meines Auftraggebers noch drei andere, die meine Aufgaben übernehmen könnten, auch. Und fast noch mehr als alles andere stressen mich gerade die Fragen und Planungen für die Zeit nach meiner Rückkehr. Darf ich nicht erst mal bitte gehen jetzt? Und mein Kind bekommen? Und mich davon berappeln? Ja? Es ist wohl nicht zu lösen. Und es macht überhaupt keinen Spaß gerade.

Mittwoch, 8. Mai 2013

Jekooft.

Liebe Damen, vielen Dank für die unzähligen Kinderwagentipps. Ich freue mich, mitteilen zu können, dass eine Entscheidung gefallen ist und sogar schon in die Tat umgesetzt wurde: im Hinterzimmer von Baby Korb in Berlin wartet ein Kinderwagen samt Babywanne, Sportaufsatz, Sonnenschirm, Regenhaut und (auf L.s besonderen Wunsch hin) Becherhalter darauf, von uns beim nächsten Besuch abgeholt zu werden. Am Ende hatte sich das Feld zu zwei Finalisten zusammengezogen: zum Brio Go und zum iCandy Peach. Der iCandy war der, der aus England kommt und nicht im Netz verkauft wird, so dass L. irgendwann mal den famosen Plan hatte, nach London zu fliegen und dort unseren Kinderwagen ohne mich zu kaufen. Muss ich wohl nicht erst erklären, dass ich kategorisch gegen dieses affige Vorhaben war. In Hamburg jedenfalls war dieser Wagen nicht zu kriegen. Jetzt zeigte sich aber, in Berlin schon, und zwar genau in diesem einen Laden, der zufällig bei uns um die Ecke lag. Die Farbe haut mich immer noch nicht um (türkis mit lime-grünen Akzenten), aber am Ende haben wir alle Argumente für beide Wagen besprochen, L.s Mutter besteht darauf, unseren Kinderwagen zu bezahlen, und ich habe beschlossen, diese Entscheidung einfach ganz entspannt abzuwarten.

Pro Brio Go:
* der mit Abstand meiste Platz, um Einkäufe etc. zu transportieren
* kommt aus Schweden (ja, das ist für mich ein Argument. Meine ersten fünf Jahre in Hamburg habe ich bei der SEB verbracht, einer Bank mit wirklich miesen Konditionen und nur drei Filialen im kompletten Stadtgebiet. Wieso? Weil ich es nett fand, bei einer schwedischen Bank zu sein)
* dunkelblaues Körbchen (ich bin noch nicht so drin in der Kinderwagen-Terminologie) und weißes Gestänge: völlig unaufgeregte, nette Farben
* hat abgesehen von irgendeiner Chemikalie in den Festschnallgurten sehr gut getestet - und in den neuen Wagen sind die Gurte harmlos
* Country-Wheels als Zusatzausstattung für mehr Geländegängigkeit

Contra Brio Go:
* ziemlich sperrig, auch zusammengeklappt
* wenn ich ehrlich bin, werden wir unsere Einkäufe vermutlich sowieso ohne Kinderwagen erledigen - einer fährt, der andere bleibt mit Baby zuhause. Wir brauchen also keine Superdupertransportkapazitäten
* Auch unsere Ausflüge ins Gelände halten sich im Rahmen bzw. auf manierlichen, städtischen Spazierwegen
* Außerdem überlässt uns einer von L.s Freunden zusätzlich seinen runtergerockten alten Kinderwagen, der extrem geländegängig sein soll - an Matschtagen, an denen es uns trotzdem mit Macht nach draußen zieht, nehmen wir den
* 1200 Euro mit kompletter Ausstattung. Tausendzweihundert.
* Nicht ganz so seidig beim Zusammenklappen
* Der Griff erinnert mich an diese orthopädischen Mountainbike-Lenker, die ich so hasse
* Im Sportwagenaufsatz kann das Kind nicht ganz flach liegen

Pro icandy:
* So klappt man ihn zusammen: An zwei Punkten drücken, Wanne abheben, Griff mit gewissem Schwung (den ich noch im Laden raushatte) nach unten drücken, den Gurt am Gestell nach oben ziehen und zack auf die Schulter hängen. Ungefähr so groß wie eine etwas dickere Handtasche.
* Er fährt sich genau so schmoov wie der Bugaboo. Die Vorderräder sind aber etwas größer, so dass er weniger hängen bleibt.
* L. würde es sehr, sehr glücklich machen.
* Mit Komplettausstattung fast 300 Euro billiger als der Brio.
* SOLLTE noch ein zweites hinterherkommen, dann kaufen wir einen kleinen Adapter (für 80 Euro) und aus dem Einkinderwagen wird ein Zweikinderwagen, ein ziemlich schicker noch dazu.
* Auch im Sportwagen kann das Kind liegen.
* Obwohl er viel zierlicher wirkt, zeigt der Matratzenvergleich, dass Ndogo in der iCandy Babywanne genau so viel Platz hat wie in der schwedischen Konkurrenz
* Weil es den icandy bei uns eigentlich nicht gibt, ist er bei uns auch nicht getestet. In GB aber schon, und er hat sich sehr gut geschlagen.
* Ich vermute stark, dass William und Kate, die Glücklichen, am Ende die "Regal Edition" des icandy Cherry fahren werden, die für normale Menschen erst ab September zu haben sein wird. (Würde ich auch sofort nehmen, dann gäbe es diese Brio Go-Diskussion überhaupt nicht: dunkelblau mit weiß-roten Akzenten.) Anglophiler kleiner Vollpfosten, der ich bin, macht mich das irgendwie glücklich.
* L.s affige Reise nach London wäre nicht mehr nötig, wenn wir einfach das Ding aus Berlin nehmen würden. Abholen könnten wir ihn demnächst, wenn wir in Berlin auf einer Hochzeit sind.

Contra iCandy Peach:
* Weniger Platz für Einkäufe
* Die Farben sind allesamt grauselig, es sind auch nur drei: kackbraun mit schwarz (der Trauerkinderwagen), orangerot (das Warndreieck) und türkis. Im Laden stand türkis mit hellgrünen Akzenten und schwarzbraun.

Nachdem wir zwei Tage und Nächte selbstverständlich über nichts anderes nachgedacht hatten, sind wir am Montag noch mal zum Laden marschiert, ich habe mich sonnigster Laune und in der Gewissheit, mit beiden Entscheidungen glücklich zu sein, noch mal auf einen Bummel durch die anderen Abteilungen gemacht, während L. mit seiner Not alleine war. Und jetzt ist es der iCandy geworden. Der türkisfarbene mit den hellgrünen Streifen. Ich kann es kaum erwarten, bis er endlich bemannt ist.

Was war sonst noch in Berlin? Wir waren im Theater, in der gefeierten Medea-Inszenierung von Michael Thalheimer. Nach einer Stunde in der ersten Reihe ist mir klar geworden, dass ich jetzt lieber im schönen Garten des Hauses der Festspiele unter der blühenden Magnolie sitzen würde und ein Buch lesen, und genau so habe ich es dann auch gemacht. Ich bin außerdem mehreren Tipps von Wednesday Chef Luisa zum Teil zehn Stationen weit mit der Ubahn hinterhergefahren und war jedes Mal sehr glücklich über die Entscheidung: das Furious Chicken im Angry Chicken Imbiss war genau so toll wie die Udonsuppe und die hausgemachte Ingwer-Brause im japanischen Imbiss Heno Heno. Aber am allerallerallerschönsten war das Eis bei Vanille Marille. Gibt es hier jemanden aus Berlin, der da noch nicht war? Auf den bin ich jetzt ein bisschen neidisch, denn er hat etwas sehr Schönes vor sich, was ich jetzt leider schon hinter mir habe: ein Eis, das die allermeisten anderen Eise plötzlich reichlich albern aussehen lässt. (In Hamburg gibt es z.B. die Kette Eiszeit, die das "vielleicht beste Eis der Welt" verkauft, wobei so ziemlich jede Sorte gleich und irgendwie langweilig nach Vanille schmeckt. Das versuchen sie vergeblich, mit achtzig Sorten Sauce und Streuseln rauszureißen.) Ich hatte zum ersten Mal im Leben fünf Kugeln: Marille, schwarze Johannisbeere, salziges Karamell, Birne "gute Luise" und Grieß mit Pflaume. Die letzten drei waren die besten, aber alle waren köstlich. In den nächsten Wochen werde ich L. bitten, unsere Eismaschine aus dem Keller nach oben zu wuchten und von den Fledermausnestern zu befreien, und dann werde ich einen von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch starten, Karamell und Grieß-Pflaume nachzumachen. Irgendwann in Berlin hat Würmchen sich außerdem noch mal komplett verlagert, der Kopf ist immer noch unten, aber der Rücken und die Beine sind jetzt irgendwie anders und schaffen es so, mir noch mehr Luft und Magen abzudrücken. Vor allem Nachts ist es übel, ich komme selten auf mehr als vier Stunden Schlaf. Und weil heute der vermutlich letzte Tag ohne Hunde (noch in der Pension) und ohne Baby sein wird, werde ich ihn genießen, indem ich einen einzigen langen Vormittags-, Mittags- und Nachmittagsschlaf mache. Liebe Damen, gute Nacht.