Samstag, 19. Juli 2014

Würmchens rechter Fuß, Teil 1.

Früher wäre das ein Abend für das Tagebuch gewesen. Ich sitze beim Schein einer Kerze am offenen Fenster, draußen hört man nur den Wind und ein paar Kilometerweit entfernte Autos, und das alkoholfreie Bier schmeckt gar nicht besonders alkoholfrei. Aber seit ungefähr sieben Jahren habe ich kein Tagebuch mehr, und nachdem ich mich schamrot ein gutes Stück durch meine ältesten Tagebücher vorgekämpft habe, scheint mir das die richtige Entscheidung zu sein.

Freitag hatte ich einen Vorsorgetermin.
Meine Hauptsorgen vorher waren: hoffentlich kommt L. früh genug von Momos Verbandwechsel zurück, damit ich pünktlich komme, ich hasse es nämlich, unpünktlich zum Arzt zu kommen. Und: hoffentlich ist es nicht ganz so brechend voll wie sonst Freitags, damit ich es noch schaffe, hinterher zu Edeka und zu Budni zu huschen, ohne dass L. zuhause schon nach der Uhr schielt. (Die Tierklinik war dann genau so voll wie die Frauenarztklinik, so dass wir beide warten mussten. Und warten. Und warten.)
Meine Hauptsorge hinterher ist: mein Würmchen hat einen Klumpfuß. Sein rechter Fuß ist verdreht. Sonst scheint alles gut zu sein! Aber insgesamt drei Ärzte standen vor dem Ultraschallgerät, und eigentlich gibt es keinen Zweifel mehr daran. Bei einem neuen Termin in einer speziellen Pränatal-Klinik wird ein noch genauerer Ultraschall gemacht werden, wenn ich aus meinem Urlaub zurück bin. Der soll klären, wie schlimm es ist. Ganz genau wird man es aber erst wissen, wenn es auf der Welt ist. In extremen Fällen kommen Kinder zur Welt, und ihre Fußsohle zeigt nach oben. So schlimm scheint es nicht zu sein. Trotzdem hängt an unserem Kühlschrank jetzt eine Überweisung in die Pränatal-Klinik, und darauf steht als Überweisungsgrund Klumpfuß.

Klumpfuß ist eins der hässlichsten Wörter, die ich in letzter Zeit gehört habe. Und klumpig muss der Fuß auch gar nicht sein, eben nur verdreht. Man kann ganz viel machen. Das konnte man schon vor Jahrzehnten, selbst in der Generation unserer Eltern (vermutlich noch früher) kamen Kinder mit solchen Füßen zur Welt und gingen ein paar Jahre später humpelfrei und ganz normal durchs Leben. Und beute ist alles noch viel besser, weiter, ausgereifter. So wird es ungefähr sein: Das Kind kommt zur Welt, wegen des Fußes jetzt vermutlich doch nicht im UKE, sondern in Altona, denn dort haben sie gleich zwei Spitzenärzte für genau dieses Problem. Ziemlich schnell nach der Geburt wird der Fuß von außen gebogen, massiert und bearbeitet und dann das ganze Bein eingegipst, so dass die Verdrehung etwas abgemildert wird. Der Gips bleibt eine Woche dran, dann wird er abgenommen, wieder Massage und Dehnung und Biegung, wieder Gips. Das wird so ein paar Wochen oder Monate lang gehen. Danach wird in einer ambulanten OP die Achilles-Sehne durchtrennt, die wächst dann innerhalb von ein paar Wochen richtig wieder zusammen. Ist das überstanden, beginnt die lange und vermutlich auch die sehr anstrengende Phase: jetzt muss der geradegebogene Fuß daran gehindert werden, wieder schief zu werden. Dazu muss Würmchen eine Art kleines Snowboard tragen, auf dem zwei drehbare orthopädische Schuhe befestigt sind. Die werden (wieder im Wochentakt) so eingestellt, dass die richtige Ausrichtung verstärkt und festgehalten wird. Dieses Ding muss Würmchen jede Nacht und zum Mittagsschlaf tragen, vorgesehen sind 12-14 Stunden. (Wollen wir mal hoffen, dass Würmchen mehr Schlaf braucht als Huckleberry, der mit acht Stunden locker hinzukommen scheint.) Das geht meistens so weiter, bis Würmchen ungefähr fünf Jahre alt ist. Manchmal auch länger, manchmal ein bisschen kürzer. Manchmal ist auch noch eine richtige Operation notwendig. Manchmal mehrere. Aber am Ende - wenn man die Therapie durchzieht und es schafft, sich und vor allem das Kind bei der Stange zu halten - wird alles gut. Es kann normal laufen, rennen, springen, tanzen, und der Fuß sieht auch normal aus. Und weil selbst bei 14 Stunden am Tag mit Schiene noch zehn Stunden ohne übrig bleiben, hat es jede Menge Gelegenheit, normal zu robben, zu krabbeln, zu toben, zu laufen und zu rennen, wenn es so weit ist - genau zum richtigen Zeitpunkt.

Noch vor ein paar Wochen wären mir zum Thema Klumpfuß diese dicken, schwarzen Schuhe eingefallen, mit denen in meiner Kindheit manche Menschen herumlaufen mussten. Viel mehr auch nicht. Jetzt wird sich das gründlich ändern. Demnächst habe ich einen Termin mit einer Hebamme aus der Frauenarztklinik, deren Sohn mit zwei Klumpfüßen zur Welt kam. Die wird mir einiges erzählen, worauf ich achten muss, wo wir hingehen sollen, was auf uns zukommt. Erst hielt ich das für eine gute Idee, inzwischen habe ich mit ihr telefoniert und bin mir nicht mehr sicher. Bei ihr war es ziemlich schlimm, ich will mir nicht schon im Vorhinein den Mut verhageln lassen. Ein guter Freund von L. ist Kinderarzt auf der Neugeborenenstation in Altona, mit dem werden wir bestimmt auch noch mal sprechen. Ich werde alles jenseits von Foren lesen, was ich dazu in die Finger kriege. Vielleicht geht es ja gut. Vielleicht kriegen wir es gut zusammen hin. Vielleicht hilft es ja, dass Würmchen es von Anfang an nicht anders kennen wird als so, dass er seine Beine nicht immer so bewegen kann, wie er will. Vielleicht hilft ihm das, die Schiene auszuhalten. Vielleicht kann ich doch nicht nach drei Monaten wieder arbeiten. Sehr wahrscheinlich sogar nicht. Vielleicht stehen wir in zehn Jahren genervt schon wieder einen ganzen dämlichen Sonntag lang am Spielfeldrand und müssen Würmchen anfeuern, weil es heute wieder mal ein Fußball- oder Hockeyspiel hat. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht sollte ich einfach den nächsten Termin noch abwarten. Und vielleicht sollte ich jetzt erst mal in meinen Freundinnen-Urlaub fahren und das alles in mein Fusselhirn einsickern lassen.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 4.

Ich habe das Gefühl, mit zwei erfolgreichen IVFs über 40 und einer Auferstehung ist das Budget an Wundern für diese kleine Familie langsam erschöpft. Nachdem Momo tagelang zwischen Leben und Tod hing, nichts mehr zu sich genommen hat und in der Klinik am Tropf hing, während ihre Stoffwechselsysteme incl. Blutbildung langsam zu versagen begannen, habe ich gestern vormittag vom Schreibtisch aus da angerufen, auf das Schlimmste gefasst und die Taschentücher griffbereit. Nur um zu erfahren, dass es Grund für vorsichtigen Optimismus gibt. Der Unfall ist fast zwei Wochen her, und gestern war zum ersten Mal so etwas wie ein Heilungsprozess an der riesigen Wunde zu sehen. Auch die Blutwerte, die nach Lilis Blutspende zwar anstiegen, aber dann stagnierten, entwickeln sich langsam in die richtige Richtung. "Das heißt nicht, dass der Hund vom Eis ist", warnte mich die Tierärztin. "Aber es ist doch besser als nichts, und vielleicht wird es ja doch noch." In der Klinik waren jedenfalls alle sehr erleichtert, sie haben den kleinen Flohzirkus inzwischen alle ins Herz geschlossen (das hat sie drauf, schon immer, und selbst wenn nichts mehr geht: Leute betören kann sie) und fiebern mit, ob sie es packt. Heute ist sie zum ersten Mal wieder auf eigenen Pfoten in den Garten der Klinik geschwankt, um dort ihre Toilette zu verrichten. Sie frisst inzwischen wieder normales Hundefutter und muss nicht mit Würstchen, Huhn und Katzenwelpenfutter bezirzt werden. Die Blutwerte steigen weiter an. Und die Wunde muss ab heute erst mal nur noch alle 24 Stunden verbunden und begutachtet werden.
Morgen früh sollen wir noch mal dort anrufen, und wenn sie bis dahin so weiter macht, dann dürfen wir sie morgen nach Hause holen und fahren sie dann einmal täglich in die Klinik.
Ich würde wirklich viel dafür geben, noch mal mit ihr frühmorgens über die Wiese zu stromern. (Und tatsächlich werde ich auch viel dafür geben. Die Tierarztrechnung wird ein Knaller werden.)

Liebe Damen, weiter vielen Dank für's Wünschen und Hoffen! Vielleicht hilft es ja doch?

Übrigens scheine ich inzwischen in der Wutphase der Katastrophen-Verarbeitung angekommen zu sein. Gestern kam es fast zu einer Schlägerei, als ich eine vorbeikachelnde getunte Prollschleuder vor unserem Haus angeschrien habe. Die Schleuder bremste (Geschwindigkeitsbedingt ca. 100 Meter zu weit, musste dann eben zurücksetzen) und die zwei zwölfjährigen Insassen wollten wissen, was das denn sollte. Also habe ich ihnen gesagt, was das soll. Daraufhin sind sie ausgestiegen. War mir egal, Wut ist ein schöner Mutmacher. Ein kleiner, ziemlich dummer Teil von mir dachte sogar "Schlag doch. Ich schlag zurück." So weit kam es dann doch nicht, aber ich wurde lustigerweise als Hurensohn bezeichnet und mit einer Anzeige bedroht. Sollte die tatsächlich kommen, freue ich mich drauf. Momo! Für dich! Und ein bisschen auch für mich.

Sonntag, 13. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 3.

Sie hat ein paar wirklich schreckliche Angewohnheiten. Eine davon ist, sich in Parks in die Büsche zu drücken und menschliche Scheiße zu fressen, vorzugsweise die von extrem betrunkenen Menschen (was sich für sie gut trifft, denn die sind es häufig, die im Sommer in Parks ins Gebüsch kacken). Eine andere ist es, zur Begrüßung wie bescheuert und minutenlang heulend und schreiend an mir hochzuspringen. Das wäre an sich nicht so wild, nur habe ich gerade einen großen Bauch mit einem Baby drin, an dem möglichst niemand hochspringen soll. Und sie hat andere Krallen als Lili, ihre sind irgendwie scharfkantiger geformt, ein bisschen wie diese Dinger, die man für Linolschnitt verwendet und mit denen ich mir schon in der Schule die übelsten Verletzungen zufügen konnte. Obwohl ihr letzter Sprung an mir hoch schon zehn Tage her ist, habe ich immer noch eine grünliche Strieme am Rücken davon. Bald wird sie verschwunden sein, und neue kommen wohl nicht mehr dazu.

Die traurige Wahrheit ist, sie stirbt. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Es kam mal vor, dass sie ein paar Schritte auf ihren drei Beinen schwankte. Manchmal wirkte sie auch regelrecht fröhlich. Schmerzen hat sie nicht, sie ist bis unter die schwarze Lakritznase mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Aber dann ist sie wieder apathisch, atmet schwer und kann selbst im Sitzen ihre Beine nicht kontrollieren, so dass sie unter ängstlichem Quieken in den Spagat rutscht. Vorletzte Nacht habe ich auf ein paar Decken neben ihr gelegen und sie gekrault, während sie so geröchelt hat, dass ich dachte, das war es jetzt. Sie frisst und trinkt nicht, oder doch fast nicht. Ab und zu gelingt es uns, ein paar Löffel Quark oder ein bisschen selbstgekochte Hühnersuppe in sie hineinzuzwingen, aber es reicht bei weitem nicht, um so einen großen Hund durchzubringen. Ihr Urin ist dunkelorange. Gestern Morgen war ich mit ihr in der Tierklinik, sie haben ihr den Verband gewechselt, die Wunde versorgt (an der sich auch nichts tut, jedenfalls nichts zum Guten, was mit bloßem Auge zu erkennen wäre) und ihr Blut abgenommen. Nachmittags riefen sie an, sie wäre völlig dehydriert, und wir haben sie zurück in die Klinik gebracht, damit sie an den Tropf kommt. Ein paar Stunden später, so um zehn, kam der nächste Anruf. Jetzt ist ihr Blut viel zu dünn, es geht ihr sehr schlecht, und sie haben gefragt, ob Lili ihr vielleicht Blut spenden könnte. Also sind wir mit Lili und Würmchen in die Tierklinik gefahren, wo sie ihr einen großen Beutel Blut aus dem Hals gezapft haben und damit zu Momo gegangen sind. Wir konnten wieder nicht zu ihr, damit sie nicht denkt, sie darf nach Hause. Vielleicht will sie einfach nicht mehr leben und nimmt deshalb als verfressenster Hund der Welt plötzlich nichts mehr zu sich. Vielleicht haben die in der Klinik auch Unrecht gehabt, sie hat doch eine innere Verletzung (daher auch der orangefarbene Urin vielleicht?), und an der stirbt sie jetzt eben langsam und unaufhaltsam, so dass wir uns und ihr die ganze Bein-OP hätten ersparen können. Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch, und in ein paar Wochen ist sie wieder auf dem Damm. Ich weiß nur, wenn sie stirbt, dann hätte ich ihr das anders gewünscht. Ihr altes Frauchen erreichen wir nicht, sie hatte schon immer Probleme mit ihrem Handy, und gerade sprechen wir ihr eine dringende Nachricht nach der anderen auf die Box, und sie meldet sich nicht. Ihr ganz altes Frauchen - die eigentliche Besitzerin - wurde bisher von ihrer Tochter geschont, sie wollte mit der ganzen Wahrheit warten, bis es Momo wieder besser geht. Sie denkt, dass Momo einen Unfall hatte, sich das Bein gebrochen hat und sich jetzt prächtig erholt. Es kann sein, dass wir heute Abend (wieder auf eine Mailbox) erzählen müssen, dass sie vor zwei Stunden gestorben ist. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe ich den Nieselregen geguckt und gedacht, das hier wird der Tag, an dem Momo stirbt.

L. will nachher dem Putzpaar kündigen, er ist schon lange genervt, und jetzt sagt er, er will sie nicht mehr hier sehen, für ihn hat mit ihnen das ganze Elend angefangen. Ich kann ihn gut verstehen. Ich bin noch einfach nur traurig und fertig bis in die Knochen, aber irgendwo dahinter lauert schon eine große Wut: auf das dämliche Auto, das viel zu schnell durch ein Wohngebiet gefahren ist wie all die anderen Schlaufüchse, die jeden Tag hier vorbeifahren, durch eine Straße, in der sie nichts verloren haben, um zehn Sekunden zu sparen. Auf das Putzpaar, das einfach die Tür offen stehen und den Hund an sich vorbeirennen lässt. Vor allem auf ihn, der ständig rauchen muss und auch bei dieser Gelegenheit wieder zwischen Tür und Angel herumstand, um seine Fluppe zu Ende zu rauchen.

Bis das passiert ist, war sie so fit. Jeden Morgen ist sie wie ein kleiner Springbock mit mir über die Wiese gehüpft, immer auf der Suche nach einem schönen Bierschiss. Sie hat es geliebt, Lili zu piesacken, sie konnte stundenlang in ihr Genick beißen und sie so durch den Garten führen, und Lili hat sich das von ihr gutmütig gefallen gelassen, obwohl sie viel stärker ist. Sie hat gerne Taschen durchwühlt, und kein Kuchen war vor ihr sicher. Ich habe oft geflucht, wenn sie mich morgens geweckt hat, indem sie fröhlich hechelnd an meiner Seite des Bettes hochgesprungen ist und mir eine ihrer Krallen ins Gesicht gehauen hat. Sie war so gut wie unerziehbar, wenn man sie nur leicht im Nacken gepackt hat oder mal die Stimme erhoben, ist sofort die Welt untergegangen, aber nichts davon ist jemals kleben geblieben, dazu war sie vermutlich schon ein bisschen zu alt, als sie zu uns kam. Sie hat ihre Epilepsie weggesteckt wie eine Große, und mit den Tabletten hatte sie keine Anfälle mehr. Sie hätte bestimmt noch drei, vier gute Jahre bei uns gehabt, voller Spaziergänge, erbeuteter Kuchenstücke, Ohrenkraulen, Spielen und meinetwegen auch den einen oder anderen Bierschiss. Jetzt liegt sie in einer Klinik in einem hässlichen Industriegebiet und leidet. Wenn sie wirklich stirbt, holen wir sie nach Hause.

Freitag, 11. Juli 2014

Die Freundlichkeit von Fremden

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, die ganze Welt besteht aus Arschgurken. Neulich war so einer: zwanzig Sekunden nach mir und Boje fuhr eine Dame ihren Cayenne mit Münchner Kennzeichen so auf den Parkplatz direkt neben meinem, dass ich die Tür mit dem Kindersitz dahinter keine zwei Zentimeter weit öffnen konnte. Sie stieg seelenruhig über die Beifahrerseite aus (wo noch drei freie Parkplätze waren) und machte sich auf zu ihrem Bümmelchen. "Entschuldigung" sagte ich. "Könnten Sie vielleicht noch mal ein Stück weiter rechts parken? Ich pass da nicht durch und kriege so mein Kind nicht aus dem Auto, da drüben ist doch noch Platz." Mit einem kritischen Blick auf meinen Bauch sagte sie "Da nimm hoit a bisserl ab, gell" und ging ihrer Wege. Und als ich kurze Zeit später nach einiger Turnerei doch mit Baby und Kinderwagen durch den Supermarkt schob, legte ein alter Sack einen Einkauf von der Fleischtheke, den er jetzt scheinbar doch nicht mehr wollte, ungefragt in der Karre ab und machte sich eilig davon. Wieso? Keine Ahnung, manche Dinge werden mir ein ewiges Rätsel bleiben. Arschgurken, wohin man schaut. (Und nein, ich denk mir die nicht aus. Keine von beiden.)

Zum Glück gibt es auch andere Tage. Tage wie gestern: ich war mit Baby auf dem Amt, um seinen Kinderreisepass machen zu lassen. Alle Unterlagen hatte ich dabei, voller Elan marschierten wir zwei da rein. Und sackten sofort auf halbe Größe zusammen. Da drinnen herrschten ca. 30 Grad, die Menschen drängten sich mit ähnlich hoffnungslosem Ausdruck dicht an dicht wie auf einer Flüchtlingsfähre. Ich hätte einen Termin machen müssen, erfuhr ich. Jetzt war es zu spät. Mit Termin betrug die Wartezeit eine Stunde aufwärts, ohne? Keine Ahnung, vielleicht kommen Sie heute auch gar nicht mehr dran. Ich beschloss, die Hoffnung nicht zu früh aufzugeben, und setzte mich mit Baby auf den Fußboden. Wir hatten noch keine zwei Minuten mit dem Sichten und Zerknüllen alter Reklamebeilagen aus herumfliegenden Zeitungen zugebracht, da kam ein Motorradtyp auf mich zu. "Ich bin jetzt dran", sagte er, und hielt mir seinen Zettel hin. "Nehmen Sie meine Nummer." "Aber Sie warten doch bestimmt schon Stunden?" "Kann sein, aber ich hab kein Baby und bin nicht schwanger. Ich hab was zu Lesen mit." Eine Minute später saß ich mit Tränen in den Augen vor dem Mann vom Amt, der Würmchen mit einem angeketteten Kuli bespaßte, und zehn Minuten später waren wir mitsamt nagelneuem Kinderpass wieder draußen aus der Wartehölle. Der Motorradmann war nirgendwo zu sehen. Ich wünsche ihm und seinem Motorrad alles erdenkliche Gute, allzeit aufmerksame und wache Autofahrer, nie einen Eisflecken oder eine Ölpfütze an der falschen Stelle, und mögen die Fliegen, Spatzen und Libellen immer plötzlich doch eine andere Route nehmen als genau auf sein Visier zu.


Donnerstag, 10. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 2.

Die ersten zehn Minuten waren ein Schock. Ich hatte mir Sorgen gemacht, das Wiedersehen würde Momo so sehr aufregen, dass sie sich etwas tut. Die Sorge hätte ich mir sparen können. Sie war ganz teilnahmslos, wie unter Drogen (obwohl sie keine Schmerzmittel mehr bekommt), ein Hundezombie. Gefressen hat sie wohl auch nicht viel in den letzten Tagen - und das bei einem Hund, vor dem man Kuchen, Brot und überhaupt so ziemlich alles gar nicht hoch und weit weg genug von der Kante in Sicherheit bringen kann. (Ich kann schon nicht mehr aufzählen, wie oft sie sich an frisch gebackenen Kuchen bedient hat, die über einen Meter von der Tischkante entfernt standen oder auf fast 1,50 hohen Heizkörpern. Zuletzt habe ich solche Sachen auf Kleiderschränke gestellt. Sogar mir macht sie in puncto Verfressenheit noch etwas vor.)

Wir haben geschluckt und uns daran gemacht, ihr die Heimkehr zu versüßen. Ich habe nach Anweisung ihres alten Frauchens Reis mit Broccoli und einer Spur Hühnerbrühe gekocht, das hat sie gefressen. Ich gebe ihr Wasser mit einem Schuss frischer Milch für den Geschmack, das trinkt sie dann - sie drohte schon zu vertrocknen, frisches kühles Wasser interessiert sie leider noch nicht. L. trägt sie nach draußen, wo sie ihre Geschäfte macht. Tagsüber schläft sie meistens, nachts dagegen eher nicht: L. und ich haben uns abgelöst, die erste Hälfte der Nacht hat er auf ein paar Kissen auf dem Wohnzimmerfußboden neben ihrem Schlafsofa zugebracht und ihr die gesunde Pfote gehalten, die zweite Hälfte war ich dran. (Nächste Nacht tragen wir eine Matratze runter, drei Sofakissen taugen nicht als Bett für Damen im sechsten Monat oder zwei-Meter-Männer.) Manchmal weint sie, sie scheint immer noch nicht richtig zu wissen, wo und wer sie ist. Aber ganz allmählich nimmt sie wieder mehr Anteil. Sie guckt Lili hinterher, wenn die einem Ball nachflitzt, sie versucht, mir hinterher zu humpeln, wenn ich in ein anderes Zimmer gehe, sie ist schon alleine aufs Sofa gestiegen und einmal selbständig in die Küche geschwankt, um dort ein bisschen zu trinken, und gestern Abend hat sie sogar wieder geschnurrt, als ich sie am Ohr gekrault habe - ihre Hundeglücksstelle. Wir müssen viel Geduld haben und ihr helfen, wo wir können. Jeden Tag fährt L. sie zweimal in die Klinik, dort wird dann der Verband geöffnet und die Ruine gewaschen, von abgestorbenem Gewebe gesäubert und neu verbunden. Mit Glück, viel Sorgfalt und Hygiene breitet sich dieser Zerfall nicht auch auf das Gewebe aus, das eigentlich zu retten ist - sollte das passieren, muss der größte Teil des Beinchens abgenommen werden, frisch mit Stahl verschraubte Knochen hin oder her. Aber vielleicht bleibt es dabei, dass sie nur eine von vier Zehen verliert und der Rest wieder heilt. So oder so wird das alles noch Wochen dauern. Kein Wunder, wenn einem Menschen - um einiges größer und stabiler gebaut - so ein Riesenauto über den Fuß fahren würde, würde er vermutlich ein halbes Jahr mit Reha verbringen, wenn nicht mehr.

Dienstag, 8. Juli 2014

Cosmopolitans für alle! Außer für mich!

So ungefähr hat man sich ein Cosmo girl vorzustellen: Selbstbewusst. Enorm selbstbewusst sogar. Sexy und extrem an allen Fragen, die Sexiness auch nur im Entferntesten streifen, interessiert. Sie liest Horoskope. Sie "shoppt". Sie hat einen Schuhtick, das heißt, sie besitzt eine Menge Schuhe, jedenfalls mehr, als sie sich eigentlich leisten kann. Sie hat einen Job. Bevor sie morgens das Haus verlässt, um zu diesem Job zu gehen, stylt sie sich, was die Verwendung von Haarstylingprodukten einschließt. Sie geht auf After-Work-Parties. Sie "gönnt sich auch mal Pasta". Sie weiß, was sie wiegt. Sie lackiert sich die Nägel gerne auch mal in anderen Farben als rot. Trotz allen Selbstbewusstseins muss sie zugeben, dass sie einige Dinge nicht kann. Aber darauf ist sie stolz. Sie liest gerne witzige kleine Kolumnen von Frauen, die lustig über die Dinge schreiben, die sie nicht können. Aber dabei natürlich trotzdem selbstbewusst sind.

Jetzt ich. Ich bin nicht selbstbewusst. Das heißt, ich weiß schon, was ich kann, aber in den meisten Situationen bin ich erst mal eher unsicher, und das Selbstbewusstsein anderer Leute verblüfft und befremdet mich oft. Das Themenfeld Sexiness geht an meinem Leben vorbei. Ich hasse es, mir Kleider kaufen zu müssen. Schuhe gehen, für Schuhe muss ich nicht in die Kabine. Vielleicht ist mein Schuhregal deshalb deutlich besser gefüllt als mein Kleiderschrank. Als Tick würde ich das aber nicht bezeichnen. Einen Job habe ich auch, immerhin. Ich tauche dort allerdings oft genug mit noch nassen Haaren auf. Es ist noch gar nicht lange her, da stolperte ich mit Freundinnen zwei Stunden nach Feierabend bumsvoll über Parties, aber keine davon hieß jemals "After Work". Wenn ich etwas nicht kann, ist mir das peinlich. Mir ist überhaupt eine Menge peinlich. Über Dinge die mir peinlich sind zu schreiben, ist mir inzwischen in Fleisch und Blut übergegangen, aber ich kriege nicht gut diese gewisse Kurve zum Selbstbewusstsein. "Particulaire" etc. sind nicht mein Ding, ich besitze sieben Nagellacke, die mit bloßem Auge kaum voneinander zu unterscheiden sind. Einer davon mit Glitzer, ok. In meinem Badezimmerschrank liegen drei Flaschen Lockenschaum unterschiedlicher Fabrikate. Jeden davon habe ich genau einmal benutzt. Die werden da alt werden und sterben. Ich gönne mir keine Pasta, ich esse sie oder lasse es bleiben. Ich verbrauche in der Woche mehr Butter als die komplette Cosmo-Redaktion in einem Monat. Wenn jemand mir ernsthaft was von Horoskopen erzählt oder z.B. ausrechnet, welches Sternzeichen Würmchen II wohl haben wird, dann zieht mein innerer Schiedsrichter von seinem IQ übern Daumen 20 Punkte ab. Mein anderer innerer Schiedsrichter faucht ihn dafür an, er sollte nicht so arrogant sein, eine Menge intelligenter Leute glaubten an diesen Schmuh, aber Schiedsrichter 1 ficht das nicht an.

Merkt ihr was? Ich bin wohl kein Cosmo Girl. Es hat lange gedauert, diese simple Wahrheit zu verstehen, dabei war das doch eigentlich schon immer so und offensichtlich. Zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass die Cosmo-Redaktion auch lange gebraucht hat, um es einzusehen, und die sind ja wohl die Profis in Sachen Cosmo girl. Als das anfing mit uns, war ich sehr aufgeregt. Und anfangs lief es auch wirklich gut. Ich sollte für eine Ausgabe einen kurzen Text mit meinen Erfahrungen und Tipps rund um IVF schreiben. Das war genau mein Thema, der erste Versuch saß und wurde mit zwei kleinen Änderungen gedruckt. Daraufhin fragten sie mich, ob ich nicht in Zukunft öfter mal für sie schreiben wollte, auch zu anderen Themen. Ich war wie beklommen vor Glück. Für ein Magazin zu schreiben, erschien mir immer als unerreichbarer Superdupertagtraum. Ich war so gründlich von den Socken, dass ich bis zum Schluss jedes Thema annahm, dass sie mir schickten. Diese Themen sollte ich immer so bearbeiten, als wären sie auf meinem Mist gewachsen und schon lange Teil meines Lebens. Also tat ich das, obwohl es mir schwerer und schwerer fiel, mich in diese Geschichten glaubhaft hineinzuphantasieren. So eine Redaktion hat es nicht leicht, die meisten Themen rund um das Dasein eines Cosmo girls sind gründlich abgegrast, und unfairerweise nicht nur von der Cosmo. Man muss sich den Kopf zerbrechen, um noch auf was Neues zu kommen. So kam es wohl, dass ich z.B. spät nachts an meinem Rechner saß und verzweifelt versucht habe, mir etwas zu folgendem Thema aus den Fingern zu saugen: Mein Partner und ich sind schon lange zusammen und haben als selbstbewusstes Cosmo-Paar natürlich ständig großartigen Sex. Nur jetzt gerade, während wir hier auf dem Sofa sitzen, eben mal nicht. Ich würde aber gern, und er vermutlich auch. Nur ist jetzt gerade unklar, wie. Wer macht den Anfang? Was passiert dann? Wie schaffen wir den Sprung aus dem total okayen Alltag in eine trotzdem noch okayere, wilde Cosmo-Phantasie?

Seht ihr wohl, genau so habe ich auch geguckt.

Abgesehen von der allgemeinen Un-Cosmo-Mäßigkeit meines Lebens gab es noch das Problem der Expertenmeinung. In fast allen Frauenzeitschriften ist es nicht damit getan, dass die Schreiberin möglichst unterhaltsam ihre eigenen Erlebnisse und Gedanken schildert. Das ganze braucht noch den Goldstempel des Fachmanns. Wenn also mein Text endlich fertig war, oft nach zwei abgelehnten ersten Entwürfen und unter viel Fluchen und Schweiß, dann kam die Email aus München: ob ich nicht noch eine Expertenmeinung integrieren könnte? Hier die Telefonnummer des Psychologen XY (jedes Mal ein anderer), den sollte ich doch mal anrufen und befragen. Ich knirschte mit den Zähnen und tat, was man mir sagte. Genau wie mir war den Experten erst mal kein Thema zu doof oder zu fremd, nach kurzer Zeit kam eine wohlformulierte Antwort. Schade nur, dass ich mit dieser Antwort in acht von zehn Fällen wenig anfangen konnte. Erstens lief sie meinem mühsam zusammenklabusterten Text vollkommen entgegen, so dass ich, um sie zu integrieren, fast alles noch mal neu schreiben müssen würde. Zweitens war sie oft gähnend langweilig. Ich war immer noch aufgeregt und stolz, aber inzwischen war der Zyklus in etwa folgendermaßen: Anruf oder Email von der Cosmo mit Anfrage, ob ich Thema XY wohl übernehmen könnte, sofortige und reflexhafte Zusage, zwei Tage gute Laune, ich bin Carrie!, dann erster ernsthafter Schreibversuch, zunehmende Ratlosigkeit und Verzweiflung, dann Durchbruch, Entwurf an Redaktion, Redaktion findet das "an sich toll", aber eben dann doch daneben, alles noch mal - diesmal mit längerer Phase der Ratlosigkeit und Verzweiflung - dann noch mal, dann der Krampf um die Expertenmeinung, und bei den letzten beiden Malen dann endlich die Email, dass der Text so jetzt ok wäre - grenzenlose Erleichterung - und zwei Tage später doch noch mal eine Mail, sie hätten das jetzt folgendermaßen überarbeitet und angepasst. Ob das recht wäre? Die angepasste Version hatte mit meinem Text dann nichts mehr zu tun, so dass ich auch meinen Namen nicht mehr drunterstehen haben wollte. Bezahlt haben sie mich trotzdem. Kein gutes Geschäft für die Cosmo, kein besonders erhebendes Gefühl für mich.

Und jetzt hat es eben aufgehört, das mit den Anfragen. Einerseits bin ich erleichtert, es hat einfach nicht funktioniert. Andererseits finde ich es schade und traurig, dass dieser Traum mir einfach so durch die Finger geglitscht ist, und frage mich, ob ich es anderswo nochmal versuchen sollte. Liegt es am Traum oder liegt es an mir? Passen wir doch nicht zusammen? Oder war die Cosmo eben die Cosmo, und andere Redakteurinnen haben auch schöne Magazine? Die sind doch nicht alle so? Oder doch? Ein Cosmo girl würde es natürlich machen. Aber ich bin nun mal keins. Manchmal ist das ein bisschen schade.

Montag, 7. Juli 2014

Kurzer Bericht von der Krankenstation

Die ersten Tage und die Operation hat sie überstanden. Sie hing fast 48 Stunden am Tropf und bekommt immer noch starke Schmerzmittel. Wie durch ein Wunder ist links und rechts von ihrem Beinchen wirklich nichts beschädigt worden, das ist nicht zu fassen. Keine Rippe geprellt, keine Gehirnerschütterung, keine Wunde, kein Bruch, nichts. Kein Haar gekrümmt. Dafür hat das Bein wirklich um so mehr abbekommen. Jetzt liegt sie immer noch in der Tierklinik, denn die Wundheilung ist sehr schwierig und muss überwacht werden, zweimal täglich muss ein Tierarzt den Verband wechseln und die Wunde reinigen, und so lange das so ist, muss sie leider dort bleiben. Wir dürfen nicht zu ihr, denn das würde sie zu sehr aufregen, und erfahrungsgemäß denken Hunde dann, sie dürften jetzt mit nach Hause. Jetzt gerade ist Ruhe, regelmäßige Kontrolle und Hygiene aber wichtiger als eine kuschelige, vertraute Umgebung, also müssen wir da durch. Wir telefonieren jeden Tag mit der Klinik, sie macht sich ganz gut. Zwar unternimmt sie noch keine Anstalten, auf drei Beinen viel zu laufen, aber das ist eben so - sie ist einigermaßen gebügelt nach diesem Schock, und sie war noch nie so todesverachtend, was eigene Schmerzen angeht, wie Lili. (Lili ist imstande, eine Woche lang mit einer Scherbe in der Pfote herumzulaufen, bevor irgendwer etwas davon merkt.) Ein paar mal am Tag trägt eine Praktikantin sie raus in den Klinikgarten, da ist sie wohl gerne und die Luft und das Gras tun ihr sichtlich gut. Sie macht auch ihre Geschäfte bei dieser Gelegenheit - dazu muss sie stehen können, das geht also wohl. Freitag hieß es mal, heute dürfte sie nach Hause, aber jetzt dauert es wohl doch noch ein bisschen. Was aber ehrlich gesagt auch gerade leichter zu machen ist für uns, denn das Kindermädchen ist diese Woche nicht da, ich kann mir nicht frei nehmen, und der arme L. hat auch keine acht Arme: auf das Baby aufpassen und mit dem Hund spazieren gehen ist eine Sache, aber den anderen Hund währenddessen keine Minute aus den Augen zu lassen, damit sie keinen Quatsch mit dem Verband anstellt, eine andere. Ich hätte mir also die Arbeit mit nach Hause nehmen müssen, was erfahrungsgemäß schwierig ist und regelmäßig zu dicken Nervenkrisen bei allen Familienmitgliedern, besonders aber bei mir führt. Jetzt bleibt sie vielleicht noch bis Donnerstag dort, sie fehlt uns zwar schrecklich, aber danach habe ich das ganze lange Wochenende und alle Zeit der Welt, sie zu hegen und zu pflegen und notfalls eigenhändig gesund zu kraulen. Außer Lebensgefahr ist sie jetzt wohl, aber noch steht die Gefahr im Raum, dass sie das Beinchen verlieren könnte.

Liebe Abkürzungsdamen, bitte drückt der alten Töle weiter die Daumen, dass das Gewebe weder abstirbt noch sich entzündet, dass sie irgend einen Weg findet, mit dieser Verletzung umzugehen und dass es vielleicht ja doch wieder wird. Vielen Dank für die lieben Kommentare und Wünsche, auch in Momos Namen!

Freitag, 4. Juli 2014

Ohne Glück geht's nicht.

Egal, ob wir vorsichtig mit leichter Schnittmenge zur Paranoia sind. Egal, ob wir schon drei Wochen vor Geburt alle Steckdosen und Treppen sichern. Egal, ob die Messer in unserer Küche in einer Höhe untergebracht sind, die mich fast zwingt, auf eine Trittleiter zu steigen, wenn ich Kartoffeln schälen will. Egal, ob wir alle Vorsorgeuntersuchungen sowohl für Würmchen im Bauch als auch für Würmchen danach machen, die Vitamine schlucken und ihm täglich gewaschenes, in erstickungssichere Würfelchen geschnittenes Obst reichen. Egal, ob wir mit viel Mühe den besten Kinderarzt, Kindersitz und Kindergarten suchen. Egal, ob wir ihn niemals aus den Augen lassen und immer eine Hand auf seinem Bauch haben, wenn er auf der Wickelkommode liegt und wir gleichzeitig nach einem frischen Strampler kramen. Wenn wir kein Glück haben, kann trotzdem etwas Schreckliches passieren, und zwar ganz leicht. Alle Vorsicht der Welt bewahrt uns nicht davor, zur falschen Zeit am falschen Ort zu entdecken, dass unser Kind eine Allergie gegen Bienenstiche, Erdbeeren oder Erdnüsse hat. Oder vor betrunkenen Autofahrern. Oder vor Krankheiten, Stürzen mit Baby auf dem Arm die Treppe runter oder vor dem, was auch im besten Kindergarten der Welt passieren kann. Das wissen vermutlich alle Eltern, aber als IVF-Mutter macht man sich noch ein paar mehr (und ein paar Jahre länger) Gedanken um Glück und Pech und was eine kleine Verschiebung der Balance alles bewirken kann. Kein Wunder, ohne Glück hätten wir ihn gar nicht erst bekommen. Wir wissen, dass wir Glückspilze sind, gewaltige Glückspilze. Bisher jedenfalls.


Gestern ist unser Pflegehund Momo über die Straße gerannt und überfahren worden. Das Putzpärchen kam gerade an, ich war draußen am Auto und dabei, Würmchen in seinen Kindersitz zu schnallen. Als nächstes wollte ich den Kinderwagen holen und verstauen, dann die Hunde angeleint in den Kofferraum hüpfen lassen. Das hatte sich dann erledigt. Denn an den Putzleuten vorbei kam plötzlich Momo über das Vorgartenbeet gerannt. Ich war drei Meter weg, wusste genau, was gleich passiert, und konnte nichts tun, auch wenn ich geschrien habe wie am Spieß. Da kam der fröhliche Hund, da kam der dicke Van, schneller als erlaubt, und auf der anderen Straßenseite die alte Dame mit dem kleinen weißen Pudel, dem Momo gerne guten Tag gesagt hätte. Er gab einen Schlag, einen schrecklichen Hundeschrei, dann kam sie blutüberströmt und hinkend zurück. Ihr linkes Vorderbein ist nur noch ein Haufen blutiges Fell, Matsch und Knochensplitter. Ich habe geschrien und das Kind an mich gepresst, und das bestimmt zwanzig Minuten lang. L. war zum Glück etwas geistesgegenwärtiger, hat sie gepackt, in den Kofferraum gelegt und ist mit ihr zur zum Glück nur zwei Minuten entfernten Tierärztin gefahren. Die hat sie versorgt, die Wunde verbunden, und weiter ging es in die Tierklinik, die auch nicht weit weg ist. Dort bekam sie erst mal einen Tropf gegen den Schmerz und den großen Blutverlust. Seitdem leben wir im Rhythmus der Anrufe in der Klinik. Etwas Neues gibt es heute nachmittag. Heute Abend. Morgen früh um acht. Gegen vier. Gerade kam der Anruf: das Bein ist operiert, und wie durch ein Wunder haben sie es einigermaßen zusammenflicken können, und wenn sie so ein zähes kleines Luder ist wie gehofft, wächst es vielleicht sogar zusammen, stirbt nicht ab und wird irgendwie wieder. Wie durch ein noch größeres Wunder ist ihr rund um das Bein überhaupt nichts passiert. Man könnte sagen, so ein Pech, dass ausgerechnet an diesem Tag die Putzleute zehn Minuten zu spät gekommen sind. Sonst wäre ich nicht gerade draußen gewesen, und Momo hätte keinen Anlass gehabt, überhaupt an den beiden vorbei zu wollen. (Wo ich hingehe, geht sie auch hin. So hat sie das bisher immer gehalten, und steht was im Weg, springt sie drüber oder geht mittendurch.) Dass die beiden nicht aufgepasst haben, obwohl sie wissen, dass wir Hunde haben, die sich zur Begrüßung immer an der Tür herumdrängeln, und dass man vorsichtig sein muss. Dass ausgerechnet in diesem Moment dieser verdammte Van da fuhr, wo fünf Minuten vorher und nachher kein einziges Auto unterwegs war. Dass er zu schnell war. Dass ausgerechnet jetzt der Pudel da langging. Dass auf unserer Straßenseite so viele Autos parkten wegen einem Fußballspiel um die Ecke, und dass der Fahrer sie deshalb nicht kommen sehen konnte. Das war wirklich alles Pech. Aber gleichzeitig ist es nicht zu fassen, dass dieser kleine, weiche, nur von einer lockigen Fellschicht geschützte Hund mit diesem Riesenblechmonster zusammenstößt und sich dabei nur das Bein verletzt, statt sofort mausetot zu sein. Dass wir so dicht bei einem Tierarzt wohnen - eine Viertelstunde später, und sie hätte zu viel Blut verloren. Dass das nicht Sonntagmittag passiert ist, sondern Donnerstag Vormittag. Dass die Verletzungen zwar schrecklich waren, aber trotzdem zu reparieren, und dass es Hoffnung gibt, dass sie weiter auf vier eigenen Pfoten durch die Parks und Flusstäler stromern kann.
Diese zehn Sekunden - der Hund kommt aus der Tür, rennt unter das Auto, schreit und klappt blutüberströmt auf dem Gehweg zusammen - werde ich niemals vergessen. Falls überhaupt möglich, werde ich von heute an noch dichter hinter Würmchen stehen, wenn er eine Treppe herunterkrabbelt. Ich werde niemals nur mal kurz etwas nebenan holen, wenn er allein mit irgend etwas ist, was ihm im übelsten Fall schaden könnte. Ich werde noch dankbarer sein für unser Idiotenglück. Und ich werde mich noch weniger darauf verlassen.

Die Frau mit dem Pudel ist übrigens noch nicht mal stehen geblieben. Nicht, dass sie irgend eine Schuld daran hatte - aber ich hätte nicht gedacht, dass es auf diesem Planeten auch nur einen Hundebesitzer gibt, dem es egal ist, ob vor seiner Nase ein anderer Hund überfahren wird. Falsch gedacht.

Montag, 30. Juni 2014

Prioritäten, Schmioritäten.

Als wir in der neunten Klasse waren, wollte unsere Deutschlehrerin wissen, was wir mit unserem Leben vorhaben. Ich war ehrlich baff über manche Antworten. Ein sehr netter Junge, der ein schlimmes Hautproblem hatte und seine großen Pausen an der Tischtennisplatte verbrachte, sagte: "Ich will nach dem Abitur Medizin studieren und mich dann auf Onkologie spezialisieren, und wenn es klappt, dann würde ich gerne an einer der großen Kliniken in den USA arbeiten." Ein großes, ruhiges Mädchen, das gut in Handball war und in der Pause immer Obstsalat aus der Dose aß, sagte: "Ich wechsele nach der zehnten auf das Wirtschaftsgymnasium in XY, mache mein Fachabi, danach eine kaufmännische Ausbildung in einem holzverarbeitenden Betrieb und steige dann in die Firma meines Onkels ein." Bamm! Einfach so. Mit fünfzehn! Und ich saß da zwischen all diesen angehenden Grundschullehrerinnen, Ärzten und Holzfachdingsbumsen und hatte wirklich nicht die allerleiseste Ahnung, was ich auf so eine wichtige Frage antworten soll. Nicht, dass ich für immer in der neunten Klasse bleiben wollte, ich fand die Schule schrecklich und konnte es kaum abwarten, dass das alles endlich vorbei sein würde. Aber sich für eine Sache zu entscheiden und damit all die anderen tollen Dinge aufgeben, die man außerdem noch machen kann - und das, bevor man auch nur den dicken Zeh in die Welt gestreckt hat - das war wild. Ein bisschen neidisch war ich auch. Mir schwante damals schon, dass ich nie so werden würde, egal ob neunte oder siebenundzwanzigste Klasse. Im Studium dachte ich, das muss toll sein: sich für ein Fach zu entscheiden, und zwar gerne zu entscheiden, mit dem der Weg wirklich vorgegeben ist. Arzt werden zu wollen, wie toll! Oder Richter! Oder Kriminalkommissar! Meine kurze Liebäugelei mit dem Schauspiel hatte vermutlich auch damit zu tun: alles und gleichzeitig gar nichts sein zu dürfen. Ein paar Tage lang ist man Krankenschwester, dann Polizistin, dann Tierpflegerin, dann...

Bis heute ist mein Berufsleben etwas unordentlich, daran habe ich mich inzwischen gewöhnt. Aber es zwickt mich immer noch manchmal, dass meine verschiedenen Ziele so gar nicht an einem Strang ziehen. Wie toll das sein muss, eine Sache unbedingt zu wollen - und die nachgeordneten Bedürfnisse von Platz 2 bis 34 stehen alle bei Fuß und arbeiten in die gleiche Richtung! Ich stelle mir z.B. vor, jemand möchte gerne Kinder. Vielleicht ist es nicht leicht, schwanger zu werden und zu bleiben, aber irgendwann klappt es mit viel Glück. Ziel Nr.1: Haken dran. Und jetzt kommen die anderen Ziele dieser beneidenswerten Person: eine Familie haben, mit einem richtigen Familienleben. Dieser Familie ein schönes, sicheres, behagliches Nest bauen. Vielleicht noch einen Hund anschaffen. Ferien an der See. Freundschaften aufbauen mit anderen Leuten, di auch Kinder und Nester und Hunde haben. Und in der Zeit, die dann noch bleibt, ein familienfreundliches Hobby. Quilten oder Stricken oder Scherenschnitte, hergestellt nach den niedlichsten Fotos der Familienmitglieder. Vielleicht wird aus den Scherenschnitten sogar ein Blog? Und aus den Quilts? Und die Sache verselbständigt sich? Irgendwann hat man internationale Ausstellungen mit seinen Quilts zu Themen wie "Islamismus und die westliche Gesellschaft" oder den Scherenschnitten von Gefängnisinsassen. Aber eigentlich bleibt alles auf dem gleichen Teppich.
Oder ich stelle mir jemand anderen vor, der sich für hundert Dinge interessiert und ständig Hummeln im Hintern hat, was jobliche Veränderungen, Abenteuer rund um die Welt, nächtliche Eskapaden oder Feiern bis der Hahn kräht angeht. Und dieser jemand geht irgendwann in sich und beschließt: Kinder passen da nicht rein. Genau so wenig wie Hunde. (Oder häusliche Hobbies.) Und dann ist das so, und gut. Wie schön das sein muss, seinen Kopf so in Ordnung zu haben!

Und dann gibt es solche wie mich. Ich bin ja schon kaum imstande, mir zu überlegen, ob ich lieber Pizza oder beim Chinamann bestellen will. Geschweige denn die noch wichtigeren Dinge. Dabei ist es nicht so, dass ich hinterher so schrecklich hadern würde mit meinen Entscheidungen. Habe ich dann die Pizza, ist alles gut (es sei denn, die Pizza ist es nicht) und ich trauere dem Teriyaki-Huhn nicht hinterher. Jetzt bin ich in der selten glücklichen Lage, dass entgegen fast jeder Wahrscheinlichkeit Wunsch Nr.1 geklappt hat, und zwar gleich zweimal ("Ab 40 können Sie es eigentlich fast lassen. Und nach sieben Fehlversuchen sage ich den Frauen auch meistens, dass es keinen Sinn mehr hat" - so oder so ähnlich hat der Reproduktionsmediziner beim Expertenchat sich ausgedrückt, und ich dachte zu gleichen Teilen "Soso, mein Lieber, guck mal hier: Ätsch" und "Au Backe, das war knapp".). Aber Wunsch Nr. 2 bis 427 weigern sich zu großen Teilen, sich in die große Choreographie einzufügen, und trampeln kreuz und quer durchs Bühnenbild. Ein paar meiner Wünsche spuren ja. Der Kochfimmel z.B. macht sich gerade sehr nützlich und wird es bestimmt noch mehr tun, falls Huckleberry dabei bleibt, so ziemlich alles zu essen, was ich ihm vorsetze. Und ein bisschen häuslicher bin ich auch geworden, was vielleicht auch daran liegt, dass unsere Großbaustelle langsam menschliche Züge bekommt. Ist das Haus netter zu mir, bin ich auch netter zum Haus. Aber ich muss leider berichten, dass meine Sehnsucht nach Kieznächten, bis andere zur Arbeit fahren, ungebrochen ist. Die Mädchen würden vermutlich den Kopf schütteln, denn die traurige Wahrheit ist, dass ich an den meisten unserer Abende ab zehn nur noch mit offenem Mund und halb geschlossenen Augen in der Ecke hänge und mich gegen halb elf endlich ins Auto und dann nach Hause schwinge. Ja, mein schlafdepriviertes Hirn macht mir einen Strich durch die Rechnung, aber wenn ich könnte, wie ich wollte... auch Laufen würde ich so gerne mal wieder, dass mir regelmäßig Tränen in die Augen schießen, wenn ich andere Frauen durch den Park traben sehe (oder mein iphone sich versehentlich in meine Lauf-Playlist verirrt). Als Ersatz habe ich jetzt einen Fitbit angeschafft, der zählt immerhin meine Schritte, aber bis Kind zwei da ist und der ramponierte Beckenboden mir wieder gehorcht, werde ich spazieren müssen, wo ich früher gerannt bin. Ich weiß, wie glücklich ich sein kann, und ich bin es auch immer wieder, und gerade in den letzten Tagen kann ich manchmal kaum fassen, dass dieser niedliche kleine Pups tatsächlich mein Sohn sein soll, dass ich ihn behalten darf, wenn ich gut auf ihn aufpasse, und dass bald noch ein zweiter dazu kommt. Ich würde ihn für nichts in der Welt wieder hergeben, schon gar nicht für lustige Kneipenabende und das Training für einen Halbmarathon. Ich weiß, dass da draußen viel zu viele sitzen, für die dieser Wunsch Nr.1 nicht in Erfüllung gehen wird, und für die liest sich das hier mit Sicherheit wie blanker Hohn. Ich würde mir nur wünschen, dass ich - egal ob durch eine Art buddhistischer Selbsthypnose oder Hormone, die doch angeblich schon viel schwerere Fälle in den Griff bekommen haben, oder durch Altersmilde, Therapie oder was weiß ich - endlich damit aufhören kann, dieses ständige Jucken nach den anderen Dingen zu haben, die auch mal wichtig waren und eben immer noch sind, egal ob das jetzt im Sinne allgemeinen Erwachsenwerdens, der Demut und Dankbarkeit und der Familienfreundlichkeit ist oder nicht.

Das mit der Holzverarbeitung hat übrigens geklappt, so viel ich weiß. Das mit der Medizin, der Onkologie und den USA dagegen nicht.

Sonntag, 22. Juni 2014

Stegosaurier vs. Glitzereinhörner: 2:0.

Zwei Jungs. Wirklich zwei Jungs. Gewachsen in und geschlüpft aus diesem bleichen, launischen Fusselbauch voller Myome und Endometriose. Wenn mir das jemand vor drei oder zwei Jahren gesagt hätte... wobei: einige von Euch haben das gesagt. Es gab immer wieder welche, die mir geschrieben (oder gesagt) haben, sie hätten das im Gefühl, das würde schon noch, ganz bestimmt. Und dann war ein Teil von mir gerührt über so viel Hoffnung und gute Wünsche für mich und wollte das auch gerne glauben, und ein anderer Teil dachte "Sei bloß still, du vertreibst es sonst noch: die kleine Chance, dass ich vielleicht irgendwann sogar bis Ende vierter Monat schwanger bin statt nur dritter." Und hab mich gar nicht daran zu denken getraut, es könnte vielleicht ja doch noch, aus Angst vor dem, was passiert, wenn nicht.

Zwei Jungs! Zweimal Piratenpflaster, zwei paar dreckige Turnis im Hausflur, zweimal kaputte Fußballknie, zweimal "Bagger!", zweimal "Guck mal, Mama, eine Kröte, wie süß!".

Wobei: genau so war ich auch. Und ich bin ja, wie sich jetzt herausstellt, doch kein Junge.

Zwei Jungs also. Zwei kleine Kerlchen, die sich im Schlaf an der Hand halten, und der Kleine macht dem Großen alles nach, auch die guten Sachen. Zweistimmiges Krakeelen aus dem Kinderzimmer Sonntags morgens um halb sieben, und kurz darauf der Räuber Hotzenplotz in Festival-Lautstärke. Ich komme wirklich und wahrhaftig zu meinem Zelt im Garten, jeden Sommer, so lange die zwei ihrer alten Mutter diesen schrulligen Wunsch erfüllen wollen. Ich sehe Böhnchen auf dem Feuer gekocht zum Abendessen ("Wie Cowboys!" "Ächz. Jaja, Mama."), Schlafsäcke, Taschenlampen, Spukgeschichten, und wer weiß? Vielleicht kommt Lili als Wachhund mit und ringelt sich ans Fußende. Zwei meiner Mädchen haben schon gesagt, ich wäre eindeutig eine Jungsmama, und vermutlich bin ich das. Ich habe wenig Geduld mit Glitzereinhörnern und anderen pinkfarbenen Marketingkniffen, vielleicht kommt es ja daher. Ich weiß jetzt schon, ohne auch nur eine Minute nachzudenken, was die Jungs bis zu ihrem zehnten Geburtstag zu Weihnachten bekommen können. (Würde das jetzt ein Mädchen, hätte es einfach das Gleiche bekommen, das ist die traurige Wahrheit. Ich wäre wohl auch für ein Mädchen eine Jungsmama gewesen, zackbumm.) L. wird auf seine alten Tage noch die Kunst lernen müssen, Baumhäuser zu bauen. Stabile Baumhäuser. (Machen Jungs das heute noch? Oder überhaupt Kinder? So wie wir früher Butzen bauen im Freien, Feuerchen machen und Kartoffeln darin braten, Stöcke schnitzen, sich nachts rausschleichen, um Gespenster zu jagen, Verstecken im Dunkeln spielen und Fußball spielen im Garten, wenn es ganz doof läuft auch in Sandalen, mit dem Apfelbaum und dem Kirschbaum als Tor?). Ich sehe mich schon gerührt am Fenster stehen und L. hinterhergucken, der mit seinen zwei Jungs zum HSV geht (dann vermutlich zum Abstiegsspiel gegen Wattenscheid). Wäre es ein Mädchen geworden, dann hätte ich es nicht gezwungen, sich für Fußball zu interessieren, aber ich hätte doch kleine, nicht sehr subtile Schubser in Richtung Stadion und weg von Eiskunstlauf und der Musical-AG gegeben. Schrecklich wäre das gewesen für mein kleines Mädchen! Alle anderen aus der Klasse hätten den rosa Scout mit Feen oder Prinzessinnen gehabt, nur meine Tochter hätte einen mit Raketen oder Dinosauriern gehabt, nur um ihrer blöden Ollen einen Gefallen zu tun. Und das als Ex-Freak-Kind, das eigentlich genau weiß, wie mies das ist, die einzige zu sein, egal um was es geht. (Vermutlich wäre ich zur Vernunft gekommen und hätte mich an die Leine genommen, aber es hätte mich Anstrengung gekostet, und Kinder kriegen ja angeblich alles mit - die Anstrengung hätte die Kleine gerochen.) Was für ein großes, großes Glück für Würmchen II, ein Junge zu werden. Und was für ein großes, unverhofftes, unerhörtes Glück für uns.

(Schreibt die Blogtante, die noch vor etwas mehr als einem Jahr mit Recht Haue bekam, weil sie tagelang eingeschnappt war, dass Huckleberry kein Mädchen ist. Ihr hattet wieder mal Recht, Recht, Recht: das ist das, was passiert, wenn man schon einen Jungen hat.)