Donnerstag, 30. Oktober 2014

Ob in Altona oder nicht, sagt euch gleich das Licht

Nu ist Schluss. Ob das Kind abgesehen von den Füßen ganz gesund ist oder nicht, ob es mit dem Kopf oder dem Po oder seinen exzentrischen Füßen nach unten liegt, ob es kommt, während L. am anderen Ende des Landes irgendein Quatschturnier spielt oder nicht, ob wir mit zwei Babies fertig werden oder nicht, das weiß ich alles noch nicht und werde es erst in ein paar Wochen wissen. Aber immerhin weiß ich jetzt, dass ich es doch im UKE bekomme, egal ob quer oder längs. Heute habe ich mehrere Stunden in der Anmeldung zugebracht, unter Anteilnahme von fünf zwölfjährigen Medizinstudenten wurde noch ein Ultraschall gemacht, wieder bei der gleichen reizenden Oberärztin wie letztes Mal - "Wir kennen uns doch! Von Ihnen erzähle ich ganz oft, das ist die, bei der die Plazenta so doof lag und die einfach den Kaiserschnitttermin hat sausen lassen und die Knie so lange zusammen gelassen hat, bis die Plazenta richtig lag, und dann ging es los. Und dann war der Muttermund 400 Minuten lang ganz offen, bis das Kind kam!" - und jetzt, endlich, nach so vielen Wochen, habe ich das Gefühl, alles wird gut. Jetzt kann es kommen, egal ob mit dem Po oder dem Kopf voran. Wobei im Moment der Kopf unten liegt, aber das ändert sich nach wie vor zum Teil mehrmals täglich. Heute während des Ultraschalls z.B.: Start - Kind liegt mit Kopf rechts unten, also von vorne betrachtet auf acht Uhr. Zehn Minuten später - Kind liegt auf sechs Uhr, schön tief im Becken. Noch mal zehn Minuten später - fünf Uhr, ein gutes Stück weiter oben. Dann konnte man noch sehen, dass es durch Mund und Nase fleißig Atemübungen macht, was, wie mir versichert wurde, ein gutes Zeichen ist.

Ich kann mir nicht helfen, ich mag dieses Krankenhaus. Tut mir leid, liebe Kommentatorin von neulich, Altona muss nun jemand anderes austesten, ich bin mir übrigens sicher, die hätten das auch ganz toll gemacht, vielleicht hätte ich danach nie wieder einen Fuß ins UKE gesetzt - es war wohl so ein irrationales Mädchending. Inzwischen haben mir so viele Leute, die es wissen müssen, gesagt, dass ich mein Kind kriegen kann, wo ich will und dass wir die Behandlung unabhängig davon in Altona machen können wie nix - es braucht immer etwas länger, bis ich solche Dinge wirklich glaube, aber inzwischen ist die Botschaft angekommen. Und jetzt sehe ich natürlich Vorteile, wohin ich schaue. Dass wir nachts 15 Minuten dorthin brauchen und tagsüber höchstens 25. Dass meine Geburtshelferfreundin B. vom letzten Mal sich da schon auskennt und nur vor ihrer Tür in den Bus steigen muss, um hinzukommen. Dass auch ein Krankenwagenpersonal, mit dem ich vielleicht zu tun kriegen würde, kein Problem damit hätte, mich dorthin zu fahren statt ins wirklich allernächst gelegene Krankenhaus, in das ich ums Verrecken nicht will. Dass ich dort jetzt schon mehrere Ärztinnen und Hebammen kenne und mag. Dass ich den Weg dorthin ja nicht nur einmal machen muss, sondern, wenn Würmchen wie erwartet (und wie alle Würmchen seit Menschengedenken in dieser Familie) wieder zu spät kommt, alle zwei Tage. Dass sie dort perfekt vorbereitet sind auf jedes, wirklich jedes Problem, das unter der Geburt auftauchen könnte, und dass die Antwort auf all diese Probleme nicht unbedingt Kaiserschnitt und damit Endometriosesupergau heißt.

Liebe Abkürzungsdamen, das ist natürlich jetzt nicht sehr abwechslungsreich, manche wird ein Gähnen kaum unterdrücken können, wenn auch die zweite Geburt im UKE ist, aber - tut mir leid - Spannung steht auf meiner Geburtsprioritätenliste ziemlich weit unten. Nu isses eben so.

Sonntag, 26. Oktober 2014

Mach aus.

Fast drei Monate ist Momo jetzt tot. Sie liegt bei der Tochter ihres alten Frauchens im Garten, die hat ihr bestimmt ein schönes Grab gemacht - wer weiß, vielleicht sogar mit einem kleinen Stein oder einer Hundefigur? Genau weiß ich es nicht, denn ich war noch nicht da. Als wir uns zuletzt gesehen haben, damals in der Klinik, hat sie noch zu mir gesagt, ich sollte doch mal vorbeikommen. Aber ich habe auch gesagt, ich würde meine Fotoarchive noch mal durchwühlen nach allem, was ich von ihr finden kann, und ihr die Fotos schicken, und auch das habe ich noch nicht gemacht. Ich hoffe, ich komme bis Weihnachten dazu, das auch tatsächlich zu tun und vielleicht sogar ein kleines Album zu machen - genau wie alle vorangegangenen Fotokollektionen in doppelter Ausführung, einmal für die Mutter, einmal für die Tochter. Andererseits, da war doch was... mal sehen.

Inzwischen ist das Leben ohne die alte Fluse ziemlich eingespielt. Direkt nach ihrem Tod kam z.B. Würmchen in die Kita, und für die Kita müssen wir ihm morgens ein Frühstück fertig machen - ein Brot und Obst. Während ich ihn anziehe, wartet dieses Frühstück in eine Brotdose verpackt im Korb seines Kinderwagens auf den Abmarsch. Würde Momo noch leben, wäre das nicht möglich. Sie würde sich im Zweifel durch eine Brotdose einfach durchfressen. Oder sie würde die Dose samt Inhalt verschlucken. Oder sie würde sie aus der Karre holen, in irgend einen Winkel schleifen und dort alles ausprobieren, was ihr einfällt (das wäre vermutlich eine Menge), um an den Inhalt ranzukommen. Es wäre jedenfalls nicht möglich, die Dose in die Karre zu tun und zehn Minuten später mit Kind und Dose und Frühstück das Haus zu verlassen. Ich bin froh, mir den Dosenstress morgens zu ersparen, aber es packt mich doch auch eine leise Wehmut, wenn ich sehe, wie lammfromm unser (auch verfressener, keine Frage) Hund Lili neben der Kinderkarre sitzt und im Zweifel die Dose eher noch bewacht als ausräumt.
Butter, Käse, überhaupt so ziemlich jedes Lebensmittel darf jetzt wieder in Randnähe auf Tischen und Küchenflächen liegen. Niemand holt ein halbrohes Steak aus der glühendheißen Pfanne. Backe ich einen Kuchen und renne kurz in den Keller, um die Backform zu holen, dann komme ich wieder, und niemand hängt mit der Nase in der Rührschüssel der Küchenmaschine und leckt sie aus, während der Quirl sich noch aufgeregt dreht. Niemand beißt mir die Handgelenke grün und blau, weil er gestreichelt werden möchte. Niemand haucht mich mit diesem Todesatem an, der nur entsteht, wenn ein Hund im Hochsommer durch Gebüsche streift und jede Spur Bierschiss frisst, die er finden kann. Niemand springt mir mit messerscharfen Nightmare-on-Elm-Street-Krallen in den Rücken oder in den Bauch und zerschlitzt dabei Seidenhemden, Strickjacken und nicht zuletzt meine schwangerschaftsbedingt sowieso schon strapazierte Haut.

Als ich frisch schwanger war, haben sowohl mein Vater als auch ein Freund von uns (der eine großer Hundeliebhaber, der andere nicht) zu uns gesagt: jetzt, wo noch ein Baby käme, würden wir ja wohl selbstverständlich unseren Pflegehund wieder abgeben? Das ginge doch nicht, mit zwei Hunden und zwei Babies? Das könnte kein Mensch erwarten? Wir waren perplex. Momo jetzt wieder abzugeben, kam uns ähnlich undenkbar vor, wie das erste Kind abzugeben, um mehr Zeit für das zweite zu haben. Naja, nicht ganz, aber es stand außerhalb jeder Diskussion. Natürlich würde das rummelig werden. Natürlich würden wir alle ordentlich zu tun haben. Natürlich würde es hier und da klemmen. (Das Auto z.B. - ein Auto, in dem zwei Kindersitze, ein Doppelkinderwagen, zwei Erwachsene, zwei Babies und zwei Hunde plus ihr ganzer Krempel für ein verlängertes Wochenende, ganz zu schweigen von einem Urlaub Platz haben, muss man erst mal finden. Und bezahlen. Und finden.) Aber das würden wir ja wohl hinkriegen?
Dann kamen dieser Kacktag im Juli, die dusseligen Putzleute und der silberne, viel zu schnelle Van, und jetzt ist es eben doch so: zwei Kinder, nur noch ein Hund. Unser Auto werden wir erst mal behalten, wir überlegen, einen dieser Dachsärge zu besorgen, in den dann die Karre und einiges Gepäck passt. Außerdem habe ich mir überlegt, dass für den Preis eines echten Vans - den wir ja nur bräuchten, bis die Kinder nicht mehr in der Karre sitzen - eine Menge Bahntickets und Taxifahrten drin sind, wenn wir also wirklich mal z.B. übers Wochenende in die Heide wollen mit der ganzen Bande, dann laden wir eben das Auto voll bis unters Dach, und Mutti fährt mit Würmchen I feudal im Taxi hinterher. Oder im Auto meiner Schwiegermutter. Oder wie auch immer. Ich schmiere morgens das Kitabrot und verschwende keinen zweiten Gedanken daran, wo ich es am sichersten aufbewahren kann. Und wenn alle Stricke reißen, dann werde ich auch jetzt im neunten Monat noch mal für eine kurze Strecke mit Kinderkarre und einem Hund an der Leine fertig.

Selten hat mich etwas, was so praktisch war, so rundum deprimiert.

Donnerstag, 23. Oktober 2014

Im Bett mit den Cazalets

Bei Manufactum gab es doch immer dieses von Trappisten gebraute Bier - Mönche, die ein Schweigegelübde abgelegt haben. Dieses Bier war abgesehen davon nicht besonders bemerkenswert. Und welchen Unterschied soll es machen, ob man beim Brauen ein Schwätzchen hält oder nicht? In den letzten zehn Tagen hättet ihr bei mir Trappistennudelauflauf, Trappistenschinkenbrot, Trappistenhühnchen und Trappistenkartoffeln mit Trappistenquark bekommen können, und das hat alles genau so geschmeckt wie immer. Einen Unterschied gab es aber schon: wenn ich nicht so viel zu erzählen habe, komme ich mehr zum Denken, und ich habe mir gedacht, während mein Sohn Hühnchen und Gurkensalat gegessen hat, dass ich gerne eine Idee nachmachen würde: die Idee von "Dinner - a love story"-Autorin Jenny Rosenstrach, ein Fresstagebuch zu führen. Also habe ich mir bei amazon ein hübsch in braunes Leder gebundenes Blanko-Buch bestellt, in das ich jeden Tag eintragen werde, was es zum Abendessen gab. Erstens, weil ich genau wie sie finde, diese eine echte Familienmahlzeit ist wichtig. Zweitens, weil es mich motivieren soll, wieder etwas abenteuerlustiger in der Küche zu werden. Drittens als schöne Erinnerung. Viertens, um den Überblick zu behalten, was wie ankam - die Desaster und die Volltreffer. Fünftens, weil das eine Sorte Tagebuch wird, die ich nicht eines Tages schamrot im Öfchen verbrenne. Sechstens, weil ich diesen ziemlich pompösen Hang zu Familientraditionen habe, und das könnte doch eine werden.

Siebtens, weil es mich davon ablenkt, dass mich diesmal die Aussicht auf die Geburt ziemlich nervös macht. Letztes Mal war ich doch so ruhig! Aber da wusste ich auch noch nicht, was auf mich zukommt. Diesmal weiß ich es nicht nur, ich habe auch (Dank der Klinik-Hebamme, an dieser Stelle noch mal ein herzlicher Gruß) deutlich mehr Schiss, dass etwas mit meinem Kind nicht in Ordnung sein könnte - abgesehen von den Füßchen. Und es dreht sich immer noch wie ein Brummkreisel. Mal liegt es quer, mal längs - so weit ich das beurteilen kann. Welche Rolle das spielen soll? Naja - ich würde wegen meiner Endometriose auch diesmal sehr gerne um einen Kaiserschnitt und die darauf folgenden neuen Verwachsungen drumherumkommen (die nicht passieren müssen, aber sehr gut passieren können, und ich habe keine Lust darauf, dass dieser Mist mir demnächst außer den Eileitern und Eierstöcken auch noch den Darm, die Blase und was noch alles abschnürt). Laut meiner Gynäkologin ist aber das UKE dann für mich die bessere Adresse, sollte das Baby immer noch quer liegen, wenn es so weit ist. Denn erstens machen sie in Altona bei Querlage wohl grundsätzlich einen Kaiserschnitt, und zweitens versuchen sie bei an der Bauchwand liegender Plazenta in diesem Fall auch keine äußere Wendung. Im UKE schon, und dort gibt es drei Oberärztinnen, die alle viel Erfahrung darin haben, querliegende Kinder vaginal zu entbinden, und von denen hat immer eine Dienst. Habe ich gesagt, ich weiß, was auf mich zukommt? Stimmt eigentlich nicht, ich habe nicht die geringste Ahnung, so lange dieses Baby nicht endlich mal eine Entscheidung trifft.
Jetzt habe ich also eine Überweisung für's UKE in der Tasche, aber keine Ahnung, was ich damit machen soll, denn das Kind ändert fast im Tagesrhythmus seine Meinung und seine Lage. Liegt es längs, ist Altona die erste Wahl. Liegt es quer, UKE. Eigentlich sollte das doch jetzt mal durch sein? Das Zappeln und Drehen (und das in die Blase treten)? Würde ich auf jede Drehung reagieren, dann hätte ich die letzten zehn Tage ausschließlich im Wartebereich dieser zwei fabelhaften Krankenhäuser verbracht, statt mich hier wie angeordnet auszukurieren. Was meine Stimme betrifft, hat der Arzt zu Inhalieren und Geduld geraten, und obwohl Geduld nicht meine starke Seite ist, wird es langsam. In den letzten 24 Stunden habe ich mich weg vom Hobbytrappisten hin in Richtung Dusty Springfield entwickelt. Inzwischen habe ich eine Theorie: ich bin in dem Moment wieder gesund, wenn ich mit der Cazalet-Saga durch bin. Fünf Bände gibt es, ich bin jetzt mit Band vier halb durch. Davon hatte ich schon erzählt, oder? Diese Bücher sind meine Lieblingsbuchentdeckung seit Game of Thrones, was jetzt einen völlig falschen Eindruck erweckt, denn sie sind auf vollkommen andere Art großartig. Erzählt wird die Geschichte einer großen Familie, der Cazalets. Band 1 beginnt zwei Jahre vor dem zweiten Weltkrieg, inzwischen ist der Krieg vorbei, die meisten der Kinder sind erwachsen, und obwohl es bestimmt zwölf Hauptfiguren und zwanzig Nebenfiguren gibt, habe ich inzwischen fast alle davon richtig gern. Wenn das so weiter geht, werde ich eines Tages sogar noch mein Herz für Raymond, Nora oder Neville entdecken. Ab und zu muss ich an Downton Abbey denken, obwohl die Cazalets nicht annähernd so reich sind wie die Crawleys - die aber fast den gleichen Effekt hatten: irgendwann mochte ich sogar O'Brien, Edith sowieso, und wenn der spröde Dorfdoktor und Cousin Isobel nicht irgendwann heiraten, werde ich das sehr, sehr persönlich nehmen. Und jetzt muss die Blogtante die Plapperbude schließen und weiterlesen, ich will schließlich irgendwann wieder gesund sein.

Samstag, 18. Oktober 2014

Schöner Mist.

Vor zehn Minuten ist das Kind eingeschlafen, gerade habe ich ihn in sein Bettchen umgebettet (was er sich heute nach einem langen, tobigen Tag ohne Mittagsschlaf gefallen lässt wie ein Gemüse), und jetzt liege ich hier und kann mich ein bisschen in meinem Viren-Elend suhlen. Ach ach ach. Ach ach ach ach ach. Als ich Montag Morgen aufgewacht bin und immer noch keine Stimme hatte, dachte ich noch "Jetzt lege ich mich mal fein ins Bett, nutze aus, dass ich heute so gut wie gar nicht nach dem Kleinen gucken muss, päppele mich mit allem, was die Schwangerschafts-Apotheke hergibt, trinke literweise die scheußlichsten Tees und glotze Videos, und dann wird das schon wieder. Mittwoch zum Mädchenabend bin ich fit, spätestens Samstag aber, wenn die Berliner Damen zu Besuch kommen, auf jeden Fall." Das gleiche dachte ich Dienstag auch. Mittwoch wieder, wenn auch schon mit Fragezeichen dazwischen. Heute ist Samstag. Seit gestern habe ich nicht nur keine Stimme und einen Husten, der sich in jedem Kriegsfilm-Lazarett gut machen würde, sondern auch noch Halsweh. Die Berliner Damen sind da, sie sitzen jetzt in diesem Moment alle in einer muckeligen Küche in Eimsbüttel, nur zwanzig Minuten Autofahrt entfernt. Sogar einen Parkplatz würde ich kriegen, da kriege ich immer einen Parkplatz! Schön, über den freut sich nun jemand anderes, denn mit mir ist heute nicht zu rechnen. Morgen auch nicht. Im Moment denke ich noch: nächste Woche aber sicher! Aber wer weiß das schon?
Also gut. Denken wir an das Positive. Seit Sonntag ist Huckleberry dem täglich ausgesetzt und hat sich bisher nicht angesteckt. Im Gegenteil, er war selten so munter, aufgekratzt und gesprächig wie jetzt. "Brararararara. Lalalalarararara. Rololololororororo. Diss." So geht das den ganzen Tag. Dazwischen klettert er Bücherregale und Treppen hoch und runter, startet alle Elektrogeräte, die er erreichen kann, spielt mit dem Hund und verteilt seine Duplosteine in alle Winkel. Beim Einkaufen flirtet er jede ältere Dame in Grund und Boden, ich muss aufpassen, dass ihm nicht jede Einzelne davon einen Keks oder ein Würstchen in die Hand drückt, sonst endet es übel mit ihm.

Aber ein bisschen traurig bin ich auch. Nein, im Blog wollen wir ja ehrlich sein, sehr traurig an der Grenze zur 24-Stunden-Depression. Denn trotz all dieser Mutterfreuden halten die Bedürfnisse von vor dem Würmchenwunder nicht automatisch die Klappe. Ich finde, einmal pro Woche müsste es möglich sein, meine Freundinnen zu sehen, wenigstens die kleine Runde. Und wenn nicht, dann doch alle zwei Wochen. Und alle zwei oder drei Monate auch die große Runde. Ich freu mich auf diesen Abend (und auf das Frühstück morgen, das ich auch ausfallen lassen muss) schon seit Wochen. L. ist schon extrem genervt, denn in diesen Wochen habe ich keinen Tag verstreichen lassen, ohne ihn daran zu erinnern, damit er es auch bestimmt nicht vergisst: gell, am 18. geht Mutti aus. Den ganzen Abend. Sie wird vermutlich das Haus verlassen, bevor der Kleine schläft, das musst Du dann also machen. Und es kommt noch wilder: am nächsten Morgen gleich wieder! Dann verschwindet sie für bestimmt drei Stunden, um wie andere Leute auch mal ohne Kind in einem Café zu sitzen und Rühreier zu essen, die niemand vorher in seinen kleinen starken Fäusten zerquetscht hat. Und L. war einverstanden, L. hatte sich hundertprozentig auf seine Babysitterrolle eingestimmt, L. war mehr als klar, dass er heute und morgen keine Fußballverabredung, keinen Jungsabend und keinen Kurzurlaub planen sollte. Es wäre perfekt gewesen! Wenn nicht diese beschissenen Viren wären, für die ich mich glaube ich bei meiner Schwiegermutter bedanken kann, die neulich hustend hier auftauchte, weil sie so gerne den Kleinen sehen wollte. In den letzten Wochen lag es fast immer an mir, immer war irgendwas mit Gesundheitsbezug. Und so kommt es, dass ich Anfang August zum letzten Mal in dieser Eimsbütteler Küche gesessen habe. Seitdem waren die Damen in kleiner Runde noch einmal bei mir, und das war es. Demnächst habe ich nicht nur ein Kind, sondern zwei, und das Zweite werde ich die ersten Monate stillen. Dann wird es nicht unkomplizierter. Dankbarkeit hin oder her, ich vermisse das: Wach sein, wenn alle Kinder schlafen, ratschen, meinetwegen auch Wein trinken und rauchen, Unfug reden, noch irgendwo andershin gehen, überhaupt wo hingehen, mich aufbrezeln und heute mal ohne Leine unterwegs sein. Ach ach ach ach ach.

Bleibe ich also heute mal zuhause, oder? Ist doch auch mal schön.

Dienstag, 14. Oktober 2014

P**p

Die Kita kann nichts dafür. Die Kita konnte was für verschiedene Dünnschiss-Episoden, aber hierfür nicht. Das hier sind alles Spätfolgen der sehr schönen Familienhochzeit auf Sylt, auf der L, Würmchen, der Hund und ich Anfang September waren. Zwei schicksalhafte Tage, die zwei sehr nette Menschen bis an ihr Lebensende zusammengeschweißt haben, und uns und einen Haufen Viren scheinbar annähernd genau so lang. Das Kind der Braut war krank, und direkt nach der Hochzeit erwischte es erst die älteren Gäste. Meine Schwiegermutter lag vier Wochen lang flach. Würmchen hatte zehn Tage zu kämpfen, mit Bindehautentzündung, Erkältung und Magen-Darm. L. ist immer noch nicht wieder richtig bei Stimme. Ich hatte erst Magen Darm (das war so Mitte September und fiel schön mitten in den Endspurt am Arbeitsplatz, aber mach was), dann war ich erkältet, dann hatte ich tagelang solche Rückenschmerzen, dass ich schon anfing mit einer Frühgeburt zu liebäugeln, denn eine PDA erschien fast als einzige Möglichkeit, mal ein paar Stunden den Höllenqualen zu entwischen. (Falls sie diesmal wirkt. Tut sie doch, oder? Versprochen?) Nach den Rückenschmerzen war ein Tag Ruhe, himmlische, schmerzfreie Ruhe. Dann fing der Husten an. Und seit drei Tagen habe ich keine Stimme. Überhaupt keine. Gestern hat Würmchen mich (aus Liebe, klar) gebissen, und statt eines Schreies kam nur so eine Art betontes Ausatmen aus meinem Mund. Sollte das Baby kommen, bevor die Stimme wieder da ist, dann wird das eine Geburt, von der Tom Cruise begeistert wäre: kein Mucks aus dem Kreißsaal. Es ist alles nicht so schön. Nicht umsonst handeln so viele Albträume davon, dass man schreien oder sprechen will, aber es kommt kein Ton. So wie es jetzt ist, könnte ich mir noch nicht mal einen Krankenwagen rufen, wenn ich allein zuhause bin und es losgeht. Oder geht das per SMS? Und erinnert sich noch eine außer mir an diesen Technicolor-Spielfilm mit der traumarisierten Frau, die keine Stimme hatte, und am Ende war sie irgendwie dem Mörder in die Falle gegangen, und es brannte (oder so ähnlich), und sie musste per Telefon Hilfe holen, und konnte nicht, und am anderen Ende wollten sie schon auflegen, und dann hat sie irgendwann ganz schwach krächzen können "Hallo... hier... ist... Helen". Wie sie sich wohl geschlagen hätte mit "Hallo, hier ist Flora Albarelli, ich wohne in der Sowiesostraße irgendwas, ich kriege jetzt ein Kind, die Fruchtblase ist geplatzt, bitte schicken Sie mir einen Krankenwagen. Ach ja, und ich bin allein mit meinem Baby, das muss also mit ins Krankenhaus. Ich muss jetzt liegen, darum lasse ich die Haustür angelehnt. Supi, Danke, freu ich mich!" Nein, nein, nein. So kann das nicht bleiben.
Heute und morgen ist Würmchen noch ganztägig umsorgt: morgens Kita, nachmittags hilft das Kindermädchen. Und ich kampferhole mich. Ich liege im Bett, so warm eingemummelt, wie ich es mit den noch passenden Klamotten irgendwie hinkriege, juckender dicker Schal und alles, zugedeckt bis unter die Nase, ich trinke täglich drei Liter Salbei-Thymian-Tee, den ich hasse, und zwischendurch heiße Zitronen. Ich inhaliere und reibe mich mit Bronchoforton ein und lüfte und lese und schlafe, ich esse Hühnersuppe und lasse das mit dem Sprechen jetzt einfach, L. und ich schreiben uns SMSen und kleine Zettelchen. Die To-Do-Liste bis zur Geburt wird lang und länger, ich will mich um mein Kind kümmern und winzige Strampler in neue Körbchen legen, mit L. gebrauchte Geschwisterwagen besichtigen und mich mit Würmchens neuem Kindersitz auseinandersetzen, nicht hier liegen und schwitzen. Inzwischen bin ich bei Band III der Cazalet-Saga und werde für immer den Geruch von Kampfer und Menthol in der Nase haben, wenn ich diese Bücher aufschlage.

Dienstag, 7. Oktober 2014

Würmchen II und ich stehen jedenfalls auf der Gästeliste.

Seit gestern sind wir im AK Altona angemeldet. Wieso erst seit gestern? Mir kam das auch knapp vor, aber das war nun mal der Anmeldungstermin, den sie mir im Juli gegeben haben. Meine Gefühle dazu sind, wie eigentlich zu fast allem, gemischt. Als ich gestern zurück zum Auto gegangen bin, hatte ich einen Anfall von Heimweh nach dem UKE. Aber nun ist es eben so.

Altonas Vorteile:
Dort sitzen die Klumpfußspezis, auch wenn ich gestern informiert wurde, die eigentliche Behandlung würde erst beginnen, nachdem wir schon wieder zuhause wären. Woraufhin ich sofort dachte "Was mache ich dann hier?". Aber auch vor Beginn der Behandlung werden die Spezis hoffentlich den Fuß schon mal ansehen und einen Plan machen. Wehe, wenn nicht.
Ist man erst mal von der Autobahn runter, braucht man noch zwei Minuten bis ins Parkhaus.
Man hört über dieses Krankenhaus nur Gutes.

Altonas Nachteile:
Das UKE ist seit dem 20.Juli 2013 Träger der Flora-Vertrauensmedaille in Gold. Die muss Altona sich erst mal verdienen.
Ich weiß, damit stehe ich ziemlich alleine da, gerade wenn es um Schwangerschaft und Geburten geht, aber ich MAG große Krankenhäuser. Mit vielen verwirrend angeordneten Stationen, Hunderten von Ärzten und ganz viel Gewühl. Und das gestern wirkte doch ziemlich lütt.
Mein Frauenarzt gestern sah gut aus. Da kann ich ja so gar nicht drauf. Schon gar nicht, wenn wir uns demnächst wiedersehen und ich die mit dem krebsroten Kopf bin, die blutend, brüllend und stinkend und mit Sauerstoffmaske überm Gesicht in den Seilen hängt. Mein Typ Frauenarzt ist erstens eine Frau und zweitens von der energischen, zupackenden und raubeinigen Sorte. Genau die Sorte wie im UKE. Ach, UKE. Wieso hast du keine Klumpfußspezis? Wir könnten so glücklich zusammen werden, Du und ich.
Zwar ist es von der Autobahn aus nicht weit. Aber bis wir erst mal an der Ausfahrt sind, haben wir einen ziemlich weiten Weg über einen Autobahnabschnitt, der unter normalen Umständen wegen des Elbtunnels schon mies ist. Jetzt sind da überall Baustellen, man kann also im alleräußersten Notfall noch nicht mal hupend und mit Warnblinkanlage über den Standstreifen dran vorbeifahren. Außerdem ist das für alle weit, nicht nur für uns. Auch der Besuch hat es ungefähr fünfmal so weit wie vorher. Und meine Familie kennt sich da schon mal gleich gar nicht aus.
Altona ist ganz stolz auf sein Storchennest, die Familienzimmer, die eigentlich mehr sind wie ein Hotel. Bei Würmchen I dachte ich noch, das wär's. Jetzt will ich das gar nicht mehr, mich mit L. für drei Tage da einigeln. Erstens ist L. nicht der Typ dafür, zweitens ich auch nicht, drittens haben wir Würmchen I und einen Hund, wo sollen die denn bleiben? Dieser Altona-Vorteil ist mir also völlig egal. Nee Nee Nee, Altona, so nicht.
Im UKE hat die Geburtsanmeldung zwar gleich dreimal so lange gedauert wie das gestern, aber dafür wurde auch direkt ein Ultraschall gemacht, der Muttermund überprüft usw. Gestern - nichts. Ich werde mich bis Freitag gedulden müssen, um zu erfahren, ob das Kind tatsächlich noch quer liegt und ob sonst alles in Ordnung ist. Auch sonst hätte ich die Hälfte von allem, was ich gestern von der ersten Geburt zu berichten hatte, auch der Wand erzählen können. Irgendwie scheinen die zu denken "Red du nur, Patientendings, wir machen dann schon."

Und tadaaaa: Einmal gemischte Gefühle bitte für die Dame!

Außerdem habe ich zu erzählen, dass ich ein ganz tolles neues Buch entdeckt habe: The light years von Elizabeth Jane Howard. Das Beste daran ist, dass es das erste einer Reihe von Fünfen ist, die ich jetzt alle noch vor mir habe. Es geht um eine englische Familie, die sich jeden Sommer im Haus der Eltern trifft. Klingt langweilig und nach Rosamunde Pilcher, ist es aber nicht. Ich habe lange nicht mehr mitten in der Nacht drei Stunden am Stück auf der winzigen Kindle-App meines Telefons gelesen, ohne aufhören zu können, aber genau so war es die letzten drei Nächte.

Und von Würmchen I gibt es auch Neues: er macht Anstalten, mit dem Löffel zu essen, er sagt inzwischen "Äsch" für Fläschchen, "Üss" für Tschüs, Mama und Papa für Mama und Papa, "Mma" für Oma, "Ham" für haben, macht die Tiergeräusche von Hunden, Schlangen, Löwen, Hähnen, Elefanten und Pferden nach und hat neulich versucht, eine Lampe in Betrieb zu nehmen. Nachdem der Schalter nichts ausrichtete, hat er den Stecker genommen und wollte ihn in die Steckdose stecken. Er guckt sich gerne mit mir zusammen Kochbücher an und macht bei fast jedem Foto "Hmmmmm!" dann grinst er mich an und klatscht in die Hände. Er spielt gerne fangen, und wenn ich gaaaaanz laaaaangsam hinter ihm her krabbele und ihn verfolge, dann bricht die reine Hysterie aus. Er lässt sich gerne an einer ausgemusterten Hundeleine auf dem Bobbycar durch den Garten ziehen, liebt seine Bilderbücher (gestern hat er leider eins mit unter die Dusche geschmuggelt) und hat gerade eine Leidenschaft für auf-zu, an-aus, auf-ab und da-weg. Er wird tatsächlich groß, der Kleine. Nur nachts, wenn er neben mir liegt in seinem Schlafsack, mit seinen hellen Bäckchen und den Fäusten und den Locken im Genick, dann ist er ein Baby.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Es könnte blöder laufen.

Heute bin ich den zweiten Tag im Mutterschutz, und schon weiß ich die Namen von vier anderen Kindern aus Bojes Kitagruppe. Vier heute im Gegensatz zu null am Montag, meinem letzten Arbeitstag vor der Babypause, und das, nachdem heute Bojes dritter Monat in der Kita anbricht.

Wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich ein bisschen Angst. Vor dem Loch, in das ich ohne Arbeit fallen würde, vor dem Hausfrauenblues, vor... ach, was weiß ich. Meine Arbeit ist eben doch ein wichtiger Teil von mir. Und natürlich werde ich einige Aspekte davon tatsächlich vermissen. Das Reinbohren zum Beispiel, ein neues Thema auf dem Tisch zu haben und dann erst mal alles zu lesen, was ich dazu in die Finger kriege, die 76 verschiedenen Arten finden, darüber nachzudenken und es weiter zu entwickeln, die Abstimmungen, wenn sie gut laufen - und ich will gar nicht so tun, als wäre es nicht auch nach so vielen Jahren immer noch schön, etwas von mir gedruckt zu sehen, als dicke fette bunte Anzeige in der Gala oder meinetwegen auch in der Couch. Die Mittagspausen werden mir fehlen, die Viertelstunde jeden Tag, in der ich ausschließlich darüber nachdenke, was ich mir heute zu essen hole. Salat? Fischmann? Syrer? Pizza? Vietnamese? Oder die Schweinenummer mit Burger und Fritten? Die anderen Arbeitshasen werden mir fehlen, zum Teil jedenfalls. Die U-Bahnfahrten natürlich, hin und zurück, jeweils 25 Minuten Zeit zum Lesen. Oder für Plants vs. Zombies auf dem Telefon. Oder zum Aus-dem-Fenster-Starren. Ein eigenes Büro, ein Raum, der nur dazu dient, dass ich darin in Ruhe nachdenken kann.

Ein paar Dinge werden mir überhaupt nicht fehlen. Zum Beispiel das Szenario, dass das Kind krank ist und ich dann nicht nur denke "Oje, oje, der arme Schatz" sondern gleichzeitig "Oje, oje, die Präsentation". Wem normaler Jobstress schon zu viel wird, der soll mal Jobstress mit krankes-Kind-Stress obendrauf probieren. Und das Elternpaar, das dann nicht anfängt sich anzuranzen, das möchte ich mal kennen lernen. Wobei, nein, das möchte ich nicht kennen lernen, mit denen hätte ich nichts gemeinsam. Abstimmungen, wenn sie nicht gut laufen, die werden mir auch nicht fehlen. Wohlgemut zur Arbeit fahren und irgendwann gegen elf entdecken, dass ich Scheiße am T-Shirt-Ärmel habe. Abends nach Hause zu kommen und die Wahl zu haben, jetzt entweder meinen Mann, den Hund oder das Kind zu vernachlässigen, denn alle würden am liebsten jetzt sofort dran kommen, nachdem ich ja den ganzen Tag "frei hatte". In der U-Bahn zu sitzen und irgendwie heute nicht so zum Lesen zu kommen, weil mir schon wieder schwarz vor Augen wird, ich keine Luft mehr kriege und dann aussteigen und mich auf dem Bahnsteig hinlegen muss, bis es wieder geht. Acht Stunden in einem mittelmäßigen Bürostuhl, aufgelockert mit Abstimmungen im Konferenzraum auf Stühlen, die dann so richtig unbequem sind, so dass einem der Bürostuhl danach für fünf Minuten vorkommt wie der Himmel, bis er einem dann wieder doch nicht mehr so vorkommt. Ein langer, langer Arbeitstag nach einer kurzen, kurzen Nacht.

Welche Seite am Ende gewinnt, wird sich zeigen, aber bisher hat es den Anschein, ich hätte mir keine Sorgen machen müssen. Ich habe schon vor zwei Wochen eine To-Do-Liste geschrieben, auf der jeder Tag eine kleine Extraaufgabe für mich hat, die vor Würmchen II noch erledigt werden sollte. Nichts davon sollte länger als eine Stunde dauern, aber trotzdem gibt mir das das Gefühl, hier nicht hohl und nutzlos rumzuhängen. Es klingt wie abgeschrieben, aber seit Dienstag morgen, seit die Bahn um 8:32 ohne mich in Richtung Innenstadt abgefahren ist, geht's mir besser. Ich gucke mir die Bäume im Park an, streichle den Hund, habe wieder mal Post-Its in Kochbücher geklebt, ich höre besser zu und kriege mehr mit, und heute morgen hatte ich zum ersten Mal Zeit, neben Boje in der Kita zu sitzen und zu warten, bis die Tische gedeckt sind. Sonst habe ich ihn in seinen Stuhl gesetzt, den Deckel von seiner Brotdose und der Obstdose abgemacht und war auch im Hui schon wieder weg, heute habe ich ihm alles in Ruhe auf einen Teller gelegt und noch zwei anderen Kindern geholfen, an ihr Frühstück zu kommen, und auf dem Rückweg nach Hause habe ich eine Extraschleife durch den Park gedreht und ein paar Kastanien eingesteckt, die zerkaut der Hund so gerne. Heute Abend treffe ich meine Mädchen, L. sittet das Baby, und ich muss nicht ab sechzehn Uhr hoffen, dass ich bitte pünktlich genug gehen kann, um zuhause noch die kleine Wurst ins Bett zu bringen und mir vielleicht den Stressschweiß vom Körper zu duschen, bevor ich wieder los kann - vor mir liegt einfach ein schöner Herbsttag, gespickt mit zwei-drei Erledigungen, und am Abend endlich mal wieder die Damen mit ihrem Prosecco und ihren Geschichten. Harter Entzug geht anders.


Dienstag, 30. September 2014

Uff! Fünf Minuten Durchzug in Buchform.

Ich lese gerade das Oster-Buch. Hat sonst noch jemand das Oster-Buch gelesen? Emily Oster, Wirtschaftswissenschaftlerin und Mutter, hat sich während ihrer Schwangerschaft oft gefragt, was eigentlich dran ist an vielen Warnungen, Ver- und Geboten für schwangere Frauen. Wieso darf man XY nicht essen? Was genau ist der Grund? Gibt es irgend einen Weg, diese Gefahr auszuschalten? Wie hoch genau ist diese Gefahr eigentlich? Gibt es Studien dazu, gute Studien mit ausreichend hoher Personenzahl und sauberen Methoden? Zwar ist sie keine Medizinerin, aber als Wirtschaftswissenschaftlerin kennt sie sich mit Studien aus. Wie man gute von schlechten unterscheidet, wie man Studien überhaupt findet, wie man sie liest, wie man die Ergebnisse richtig interpretiert, welche Schlussfolgerungen man aus den Forschungsergebnissen ziehen kann und - fast noch wichtiger - welche nicht. Ursprünglich wollte sie nur ein paar Informationen für sich selbst und für ihre Freundinnen finden. Genau diese Informationen von ihrem Frauenarzt zu bekommen, war nämlich schwerer als erwartet. Dann wurden es immer mehr Informationen, die sie zum Teil sehr überrascht haben, und am Ende ist das Buch daraus geworden: "Expecting Better".

Bin ich froh, dass es das gibt. Wäre ich froh gewesen, hätte ich das schon vor meiner ersten Schwangerschaft gelesen. Es gibt eine Menge Warnungen und Unkenrufe, die sie entkräften kann - oder zumindest etwas weiter differenzieren, als man das sonst so kennt. Ich habe mich z.B. unzählige Male darüber aufgeregt, dass es wirklich schwierig ist, verlässliche Information dazu zu finden, welche Lebensmittel wegen Toxoplasmose verboten sind und welche wegen Listerien. Gegen Toxoplasmose bin ich immun, gegen Listerien natürlich nicht, also ist das ein Unterschied, und ja, es gibt bestimmt Schlimmeres, als ein paar Monate auf dieses oder jenes Lebensmittel zu verzichten - aber wieso sollte ich, wenn es für mich und für mein Baby keinen Unterschied macht? Aus Spaß am Verzicht? Tut mir leid, den habe ich eher nicht. In ihrem Buch kümmert sie sich der Reihe nach um verschiedene Themen, mit denen jede Schwangere es zu tun bekommt: um Koffein, Alkohol, "Deli Meats" - also bestimmte Sorten Aufschnitt -, Sushi, Rohmilchkäse, Segen und Fluch von PDAs usw. Dabei ist es nicht ihre Mission, möglichst häufig Entwarnung zu geben. Es geht sowieso nicht darum, schwangere Frauen dazu zu bringen, risikofreudiger zu sein oder das ewige "sich zu entspannen". Es geht einfach nur um Hintergrundinformationen, die so ansonsten schwierig zu kriegen sind, und darum, auf Basis dieser Informationen dann vernünftige Entscheidungen zu treffen. Denn was man isst und trinkt und was nicht während dieser Zeit, sollte vor allem mit Medizin zu tun haben - nicht mit Moral, irrationalen Ängsten oder Angst vor der allgegenwärtigen Schwangerschaftspolizei.

Zigaretten z.B. sind bei ihr auch nach Sichtung der Daten tabu. Nein, auch nicht ab und zu, und nein, auch keine Ausnahme für die oft zitierte Frau, die immer so viel geraucht hat, und jetzt wäre der Entzug härter für's Baby als ab und zu noch ein Flüppchen in Ehren. Der Zusammenhang zwischen kleinerem Geburtsgewicht, erhöhtem Risiko für plötzlichen Kindstod nach der Geburt und Zigaretten ist eindeutig, und - anders als z.B. bei Alkohol - wenig oder sehr wenig rauchen oder jeden Tag eine Schachtel macht da so gut wie keinen Unterschied.

Kaffee dagegen - ein Thema, das ihr sehr am Herzen lag - war eine andere Geschichte. "What to expect when you're expecting", die amerikanische "Schwangerschaftsbibel", verfasst von einer Hebamme und einer Werbetexterin, schreibt dazu in etwa: Wenn nicht erwiesen ist, dass zwei Tassen täglich unschädlich sind, wieso verzichtest du dann nicht auch auf eine Tasse? Jetzt ist der richtige Moment, diese Abhängigkeit loszuwerden." Aha. Die vermutete Gefahr besteht in einem erhöhten Risiko für Fehlgeburten. Oster hat sich die Daten genau angesehen und dabei einige erstaunliche Entdeckungen gemacht: solche Studien laufen natürlich nicht so ab, dass zufällig ausgewählten 500 Schwangeren täglich vier Tassen Kaffee gegeben werden und 500 anderen keine. So eine Studie wäre unethisch und würde niemals genehmigt werden. Stattdessen werden eben Schwangere zu ihrem Kaffeekonsum befragt. Und es ist schwierig, den Kaffeekonsum von einer anderen Variable zu trennen: starker Übelkeit. Frauen, denen im ersten Trimester häufig schlecht ist, haben meist eine Abneigung gegen Kaffee, egal ob mit oder ohne Koffein. Gleichzeitig ist es aber so, dass die Übelkeit an sich ein gutes Zeichen für die stabile Schwangerschaft ist. Frauen, denen viel schlecht ist, haben ein geringeres Risiko für eine Fehlgeburt. Gleichzeitig trinken sie keinen Kaffee. Der Kaffee ist also nicht der Grund für die Fehlgeburt. Zumal es laut Daten keinen Unterschied machte, ob die Frauen Kaffee mit oder ohne Koffein tranken - und andere koffeinhaltige Getränke, die man trotz Übelkeit noch runterbekommt, wie Cola oder schwarzer oder grüner Tee, keinen Einfluss auf die Fehlgeburtsrate hatten. Nerve ich euch mit diesem Ausflug in die Welt der Empirie? Tut mir leid, mich fasziniert das, und ich habe lange kein Schwangerschaftsbuch mehr so verschlungen. Am Ende ist sie für sich zu dem Schluss gekommen, dass es völlig ok ist, jeden Tag zwei Tassen Kaffee zu trinken - mehr wären auch in Ordnung. Hierzulande gibt es genug Frauenärzte, die einem das auch sagen, aber in den USA ist der Verzicht-Kult für Schwangere um einiges präsenter, und die "Tu-was-wir-sagen-oder-Du-bist-eine-schlechte-Mutter"-Knute wird viel mehr geschwungen. Auch wenn mir manchmal scheint, dass wir da auf dem besten Weg in die gleiche Richtung sind.

Für mich ist bisher bei der Lektüre herausgekommen, dass ich Sushi essen darf. Hier ist weniger Listeriose das Problem als Toxoplasmose, die mir Wumpe sein kann. Überhaupt hat es mich gewundert, aber dann auch wieder nicht, dass vor allem eher neue und nicht jedem verlockende Lebensmittel schnell auf der schwarzen Liste landen, während Altvertrautes eher davonkommt. Schlechte Nachrichten für Sushi, stinkigen, ausländischen Käse, scharfes Essen und Fisch. Ich habe schon viel mehr Warnungen vor Maki gehört als z.B. vor Rosenkohl oder Melonen, dabei waren beide verantwortlich für jeweils eine Listeriose-Welle in den USA.

Jedenfalls: ich kann das Buch empfehlen, nicht als Absolution, ab jetzt richtig reinzuhauen, aber als - wie schon gesagt - einen Hauch frischer Luft in dieser ganzen, leicht dumpfigen Ratgeberwelt, in der im Zweifel erst mal jede Menge verboten und gefährlich ist, nur weil es irgendwo steht, jetzt frag nicht so blöd wieso, ist dir denn dein Baby gar nicht wichtig?

Und als Kontrastprogramm öffne ich heute nacht in einer kurzen schlaflosen Phase meine "What to Expect"-App und bekomme als Blogeintrag des Tages einen Beitrag von einem Amerikaner, der ganz glücklich darüber ist, dass seine Frau sich entschieden hat, diesmal bei Baby Nr.2 die Placenta zu essen. Voodoo! Alle durchgeknallt! Völlig und drei Sterne meschugge! Jedenfalls alle außer mir und Emily.

Sonntag, 28. September 2014

Auf einfachen Wunsch

Das Schweinebratenrezept gibt es hier, und es stimmt, man kann ihn nicht vermurksen. Ich habe eine Weile hin- und hergegoogelt, denn bei Tierteilen ist die einfachste Übersetzung für Kochbücher nicht immer die richtige: wenn ich hier Schweinelende verlange, bekomme ich meistens einfach nur Filet. Das Gegoogel hat ergeben, dass ich mit Filet-Kotelett am Stück besser beraten bin, also habe ich das genommen, die Knochen herauslösen und mir separat mitgeben lassen. Die habe ich dann einfach mit in den Topf gesteckt, für eine noch kräftigere Sauce, und am Ende nach Fleischresten für den Hund abgesucht, während das Fleisch geruht und die Kartoffeln gekocht haben. Außerdem habe ich kein Wasser an die Sauce gegossen, denn ich war zu faul und zu schwanger, um noch mal zurück zum Reformhaus zu gehen, um echten, reinen Granatapfelsaft zu kaufen, stattdessen habe ich das 30%-Supermarkt-Zeug genommen, in dem auch Wasser und Zucker ist. Zucker, habe ich mir überlegt, hat noch keinem Stück vom Schwein geschadet. Der Wein war außerdem zwar Bio, aber wie Biowein leider so oft extrem sauer, darum - noch ein Daumen hoch für Zucker. Kohl hätte mehr sein können, nächstes Mal nehme ich statt der angegebenen zwei Hände voll vier und denke darüber nach, Rotkohl statt Weißkohl zu nehmen und noch ein paar Apfelstückchen mitzugaren. Aber davon abgesehen hat das Schweinchen alles getan, was es sollte: das Haus mit häuslichem Duft erfüllt und mich und mein Kind glücklich gemacht. Dazu gab es bei uns keine gerösteten Kartoffeln, die mir aus irgend einem Grund immer zu stressig sind (jeder hat so ein Ding. Meine Küchengöttin Nigella z.B. wehrt sich wo sie kann dagegen, Béchamel zu kochen. Ich finde Béchamel easy-popeasy und kann es nicht verstehen, aber andererseits wieder doch, denn wie gesagt - irgend so etwas haben wir alle in der Küche), stattdessen gab es Kartoffelpüree, was sich als goldrichtig erwiesen hat, denn die Saucenaufsaugequalitäten von Püree sind viel besser als die von goldbraunen, knusprigen Kartoffeln.
Das Püree wollte ich heute eigentlich zu Plätzchen aufbacken, aber es ist irgendwie in meinem teilzeitveganen Ehemann verschwunden, obwohl es ziemliche Portionen Butter und Milch enthält. Darum gibt es heute eine Portion Schweinchen als Ragout mit Nudeln. Dazu werde ich das Fleisch mit zwei Gabeln zerfasern, in der Sauce erwärmen, noch einen Schuss vom sauren Rotwein dazu, außerdem Tomatenmark und noch ein paar Kräuter. Dazu koche ich Pasta, und dann wollen wir mal sehen, was Boje sagt.
Und Reste sind auch noch da, vier Mama-plus-Kleinkind-Portionen schlummern in der Tiefkühle und warten auf die Wochen nach der Geburt. Letztes Mal habe ich mich vor allem mit Special K's am Leben erhalten, diesmal wird das besser. Schweinebraten mit Knödeln, irgendwer?

Samstag, 27. September 2014

Flora an den Herd

Da war er, dieser Moment, von dem alle immer erzählen: nachts um zwei stehe ich bitterlich heulend am Wickeltisch, vor mir mein brüllendes Kind, das ich gerade erst frisch gewickelt und gebepanthent und in einen frischen Schlafanzug gesteckt hatte, dann hat es “Bröööööp” gemacht, und alles, wirklich alles - Schlafanzug, letzter Schlafsack, der einen Meter weit weg auf der Fensterbank liegt, Boden, Mama von Kopf bis Fuß, frisch gestrichene Wand, von der Windel, der Wickelkommode und dem Kind wollen wir gar nicht reden - war vollgeschissen. Und zwar nicht einfach nur vollgeschissen, sondern mit besonders stinkiger, flüssiger und völlig verkeimter Scheiße überzogen. Da kann man wirklich nur noch heulen. Clint Eastwood hätte auch geheult.

Inzwischen sind einige Tage ins Land gegangen. Von Montag bis Donnerstag hatte das Kind Durchfall. Seit gestern sind Fieber und Halsweh und Schnupfen dazugekommen. “Der Infekt kann auch mal wandern”, hat die Kinderärztin gesagt. Die einmal eroberten Gebiete lässt er deshalb nicht zurück, der Durchfall bleibt. L. hat Halsweh, und weil das Halsweh nicht weggeht, spricht er inzwischen schon von seinem Tumor und davon, was er mit den verbleibenden zwei Jahren anfangen will, die ihm hoffentlich noch bleiben. “Ab und zu würde ich auch noch nach Hause kommen, keine Sorge”, sagt er. Ich hatte Mittwoch und Donnerstag Magen-Darm und durchgängig Halsweh, aber nichts, was nicht mit ein bisschen Bettruhe und viel Kräutertee hinzukriegen wäre. Wenn es hier nur Bettruhe gäbe und die Zeit, Kräutertee zu kochen, meine ich.

Und dann wache ich heute morgen auf - um viertel vor neun, kein Scherz - nach einer weiteren Nacht voller Gequengel und Fieber und Knalldurchfall - und die Sonne scheint, das Kind strahlt mich an, die Stirn ist kühl, die Nase frei, und mein erster Gedanke ist “Schweinelende. Diese Schweinelende in Granatapfelsaft mit Spitzkohl aus diesem Blog.”

Das Leben hat uns wieder, gleich packe ich mein Kind in eine Jacke und in seinen Wagen, dann schiebe ich auf den Markt und kaufe die paar Sachen, die ich brauche, und dann wird hier gekocht, so richtig alte Schule: ich werde das le creuset-Dings aus dem Schrank wuchten und das Haus mit Bratenduft erfüllen. Und auf meinen eigenen Gesundheitsplan und L.s zweiten veganen Schub ist geschissen.