Freitag, 5. Februar 2016

Immer einen Schritt nach dem anderen.

Wenn etwas funktioniert, denke ich nicht lange drüber nach. Das gilt auch für meinen Beckenboden. Heute morgen habe ich den Wasserbehälter des Trockners in die Dusche ausgeleert und erst bei den letzten Tropfen gedacht: das ging vor einem halben Jahr noch nicht. Jedenfalls nicht ohne Slipeinlage. Ich bin leider extrem ungeduldig, und bis ich endlich wieder um den Park rennen darf, werde ich nicht zufrieden sein. Aber es ist gut, sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern, dass es viel schlimmer sein könnte - und vor noch gar nicht allzu langer Zeit auch schlimmer war.
In den letzten Wochen musste ich mit dem Femifree eine Zwangspause einlegen, Schuld war mein dusseliger Bandscheibenvorfall. Der beschäftigt mich immer noch, aber inzwischen darf ich beides parallel: Krankengymnastik für Bauchmuskeln und unteren Rücken und Training mit dem Femifree. Heute geht es wieder los, und ich kann es kaum abwarten, nachher erst in die Manschetten und dann in meine weiteste Jogginghose zu steigen und loszulegen. Und wenn mir das vor lauter Vorfreude auf den Park und den Schweiß und die Lauf-App und dieses unschlagbare Gefühl, morgens nach einem Lauf durch den Platzregen unter der Dusche zu stehen, wieder mal alles viel zu lange dauert, dann befehle ich mir hiermit, immer dran zu denken, dass Laufen zwar noch ein bisschen dauert - immer noch ein bisschen und noch ein bisschen, schon seit über zwei Jahren - aber dass vor ein paar Wochen Husten, Lachen, Erschrecken, Stolpern, Niesen und einfach nichtsahnend die Straße entlang Spazieren noch ein Problem waren. Zumindest manchmal. Und den Trocknerbehälter ausleeren, das auch.

Davon abgesehen, dass er mich näher an den Park bringt, hat das Femifree noch einen Bombenvorteil, den man als Mutter von Kleinkindern nicht genug loben kann: er ist (ähnlich wie die Stillsitzungen früher) eine 1A Ausrede für eine Auszeit. Ich schnalle mir die Manschetten um und muss jetzt leider, leider, so leid es mir tut, eine halbe Stunde unbehelligt stillstehen. Zum Beispiel vor dem Fernseher oder mit einem Buch oder einem Kochlöffel in der Hand, während ich seelenruhig ein Risotto rühre. Waaas, Kalle sucht seinen Teddy? L. will wissen, wo sein Schlüssel ist? Wie schade, jetzt muss ich leider noch einen Moment hier stehen, ihr Süßen! Sorry, Sorry, Sorry, hier geht’s um ein gesundheitliches Problem, das werdet ihr wohl verstehen. Und fünf Minuten später haben sie den Teddy und den Schlüssel auch ohne meine Hilfe gefunden, und ich bin insgesamt hochzufrieden, wie das hier so läuft mit mir und dem Femifree.

Mittwoch, 13. Januar 2016

Manchmal ist mehr mehr.

Eins der ewigen Streitthemen zwischen L. und mir ist, dass er immer mal wieder von einer aufgeräumten, auf das Wesentliche reduzierten Wohnung träumt und ich finde, dass das erstens nicht unser Ding ist und auch nie sein wird und dass außerdem schließlich ER derjenige ist, der seit Jahren einen ganzen Stapel eigentlich wertvoller, aber kaputter Plattenspieler von einer Ecke in die andere räumt, unter ungefähr dreitausend anderen Dingen, die ich jetzt nicht aufschreiben will. (Wobei, ein bisschen vielleicht doch: Fahrräder auf dem Balkon. Zu kleine und schon dreimal ausgemusterte Anzüge auf so ziemlich jeder Oberfläche in Schlafzimmer, Gästezimmer und Kleiderregal. Mehrere Schubladen voller Fotos. Eine schwer zu öffnende Truhe mit juristischen Zeitschriften, in die er noch nie geguckt hat und auch nie gucken wird.) Es ist nicht so, dass ich keinen Kram hätte. Aber mein Kram ist mir wichtig, und dieses ständige Genänger, ich sollte das jetzt dringend aussortieren, macht mich wütend und traurig. L.s Sammelsurium kommt dadurch zustande, dass die gehorteten Dinge "mal teuer waren" oder irgendwann noch mal nützlich sein könnten. Mein Sammelsurium kommt dadurch zustande, dass ich mit den Dingen etwas verbinde. Dieser Krug hat meinen Großeltern gehört, genau wie dieses gepunktete Schnapsglas, das ich schon als Kind immer in ihrem Wohnzimmerschrank bewundert habe. Diese Spätzlepresse verwende ich vielleicht nur drei mal im Jahr, aber immerhin - und ich habe sie damals im dritten Studienjahr zusammen mit meinem ältesten Freund auf dem Flohmarkt gekauft, und damals haben wir mindestens einmal im Monat eine riesige Form voller fettiger, großartiger Käsespätzle mit braunen Zwiebeln damit gemacht. Wieso sollte ich die jetzt wegwerfen? Wenn ich mir doch bei der nächsten Spätzlegelegenheit eine neue kaufen müsste? Die dann nicht die Selbe wäre? Das kleine Kästchen aus dunklem Holz, in dem meine Stifte sind - der Namensteller mit dem Datum meiner Geburt, der schon mal runtergefallen und wieder geklebt ist - mein altes Stofftier, das Pflegehund Momo mal wirklich übel zugerichtet hat - mein 60er-Jahre-Telefon von Eriksson, das schon seit Jahren an keine Telefonbuchse mehr passt - das kommt alles im Leben nicht weg. Alle diese Sachen sind mir wichtig, ich freue mich jedes Mal, sie zu sehen und anzufassen, und ein bisschen geben sie mir auch halt - so talkshowmäßig dämlich das auch klingt. Hier verändert sich ständig so viel, PUFF bin ich plötzlich mit L. verheiratet, lebe in Hamburg, habe zwei Kinder, zwei Hunde, nee, jetzt doch wieder nur einen, wohne in einem Haus und dann doch in einer Wohnung mittendrin, und wer war immer dabei? Das gute alte Eriksson-Telefon und das gepunktete Schnapsglas.

Und jetzt kommt wieder neuer Kram dazu. Ein Grund für das lange Schweigen im Dezember war, dass meine noch verbliebene Oma gestorben ist. Das war sehr traurig, auch wenn es ganz viel Tröstendes gab: sie ist 93 Jahre alt geworden, war bis zum Schluss klar im Kopf, sie selbst wollte schon lange nicht mehr, und am Ende ging alles ganz schnell. An einem grauen Tag kurz vor Weihnachten hat sich die ganze Familie in ihrer Heimatstadt versammelt, wir hatten so eine Art Beerdigung, die ganz schön seltsam und dann doch ziemlich schön war, insofern eine Beerdigung schön sein kann, und dann sind wir noch mal in ihre Wohnung im Altenheim gefahren und haben uns ein paar Sachen herausgesucht. Ich wollte diesmal Sachen, die nicht herumstehen und zu Diskussionen mit L. führen, sondern nur Dinge, die ich verwende: eine Art diplomatischer Kompromiss zwischen seiner Sorte Aufheben und meiner. Darum sind jetzt neu hier eingezogen: ein ganzes Bündel von Küchenmessern, einige schon ganz dünngeschliffen, ein paar Kochlöffel - die alte Sorte aus buntem Plastik wie in den 70ern -, ein orangefarbener Rührbecher, ein paar Holzbrettchen, ein Salzstreuer, eine Glasdose mit Kandis, ein Nachthemd, das mir sogar passt und das ich jetzt gerade trage, der Rest von ihrer Flasche Kölnisch Wasser auf dem Nachttisch, ein Nähkästchen (obwohl ich nicht nähen kann und nun jedes Mal, wenn ich versuche, einen Knopf ohne Blutvergießen anzunähen, ihren strengen Blick im Nacken haben werde), eine Schnapskaraffe, einen kleinen Teppich, der perfekt in unseren Flur passt, und eine Thermoskanne, aus der ich seither jeden Tag getrunken habe.
Jedes Mal, wenn ich in einer Zeitschrift einen Artikel lese, in dem jemand irre stolz darauf ist, es mit genau 100 Gegenständen auszuhalten oder die Bude bis auf drei Designermöbel komplett entrümpelt, dann denke ich: schön, aber Du bist anders als ich. Aber ein bisschen denke ich auch: was ist los mit Dir, ist das wirklich nur Purismus? Oder Leere? Hast du keine Geschichte? Keine Exfreunde, keine Familie, keine Vergangenheit?
Wenn die Messerchen irgendwann nicht mehr zu schleifen sind, die Brettchen von irgendeinem Idioten in die Spülmaschine geräumt wurden und wellig sind wie Dachziegel, der Rührbecher auf einer versehentlich angeschalteten Herdplatte geschmolzen ist und die Schnapskaraffe einen Sprung und keinen Stöpsel mehr hat, dann tue ich sie weg, und das wird sich dann auch wie eine kleine Beerdigung anfühlen. Bis dahin benutze ich sie jeden Tag und denke dabei zwar nicht immer, aber doch ziemlich oft an Oma.
Ich glaube übrigens, sie würde davon rein gar nichts halten. Sie wäre sicherlich dagegen, ein komplett ausgestattetes Nähkästchen wegzuwerfen, aber für sentimentale Brütereien über Nadel und Faden hätte sie keinen Nerv (genau so wenig wie für schief angenähte Knöpfe). Aber was soll sie sagen?

Donnerstag, 7. Januar 2016

Ein frohes und mega-erfolgreiches Jahr 2016, du Vollgurke.

Vorletztes Jahr habe ich am 31.12. meine Vorsätze für 2015 gepostet. Mann, hatte ich viel vor!
Heute wird abgerechnet.

Naja.

Ich will jede Woche ein Kapitel von meinem Buch schaffen.

Nnnnööö... nicht so direkt. Nach wie vor besteht das Buch aus kleinen Fetzen, Ideen für lustige Wendungen, Listen mit möglichen Namen für mögliche Figuren, ein paar Ablaufplänen, die aber nie die komplette Strecke von der ersten bis zur letzten Seite abdecken, und Dialogschnipseln. Nur eben jetzt viel mehr davon. Ich finde, einerseits hätte mehr passieren können. Andererseits: zwei kleine Kinder, eins davon sehr laut, vor allem nachts - da kann ich schon froh sein, überhaupt mal am Rechner gesessen zu haben. Ein Schulterklopfen hab ich mir zwar nicht verdient, aber auch keinen Tritt in den Hintern.

Ich will nicht die Nerven verlieren. Und wenn ich die Nerven verliere, dann will ich wenigstens nicht herumbrüllen, sondern innerlich bis zehn zählen. Sollte das nicht helfen, wäre ich auch bereit, innerlich bis dreitausendfünfundzwanzig zu zählen.

Doch! Bestimmt! Ganz oft hat das geklappt. Nicht immer, ich brülle immer noch ab und zu. Z.B. dann, wenn Michel sich abends auf dem Wickeltisch wie irre und mit aller Kraft hin und her wirft, so dass ich zehn Minuten brauche, um ihm die Klumpfuß-Schuhe anzuziehen - wozu ich dreißig Sekunden brauchen würde, wenn er stillhalten würde. Wenn er mir dann noch mit dem schon angezogenen Schuh an den Hüftknochen tritt, so dass ich Sternchen sehe, und dabei aus vollem Hals brüllt. Und die Windel voll ist! Bis zu den Schulterblättern! Dann kommt es vor, dass mir ein extrem lautes "HAAARRRRRRRGH!" entfährt.
Es ist aber auch echt nicht einfach manchmal.

Ich will (sobald das neue iphone aktiviert ist) kontrolliert durch die App täglich zehntausend Schritte gehen.

Diesen Vorsatz habe ich mit Feuereifer befolgt, aber irgendwann festgestellt, dass ich das sowieso jeden Tag tue, Vorsatz hin oder her. Es gab nur Tage, an denen ich losmarschiert bin, ohne das Telefon einzustecken, und dann habe ich mich stundenlang geärgert und es fühlte sich an, als würden Kilometer ohne iphone nicht zählen. Das ging mir dann auf den Keks, und dann habe ich es gelassen. Aber ich gehe fest davon aus, dass es auch ohne iphone immer noch täglich zehntausend Schritte sind.

Ich will hundert mal nach Rezept kochen. Es muss nicht immer ein neues Rezept sein, aber ein Rezept.

Auch das hab ich wirklich geschafft! Naja, fast. Am Ende waren es 97 Rezepte, aber ich glaube, ich habe ab und zu auch etwas Neues gekocht und vergessen, es in meine Liste einzutragen. Erst neulich habe ich ein Kochbuch durchgeblättert und dabei drei Rezepte gefunden, von denen ich genau weiß, dass ich sie im August gemacht habe, aber in der Liste sind sie nicht aufgetaucht. Diesen Vorsatz übernehme ich dieses Jahr wieder, der war prima: einerseits hatte ich mir etwas vorgenommen, was ich sowieso gerne tue, andererseits war der Vorsatz die kleine Motivation mehr, aus dem Quark zu kommen, wenn der muntere Teil von mir etwas Neues ausprobieren wollte und der müde Teil mit den Augenringen einfach nur Nudeln mit Pesto wollte.

Ich will immer daran denken: seit der Geburt von Michel vergeht kein Tag, der uns nicht dem Zeitpunkt näher bringt, ab dem es leichter wird. Der Zeitpunkt, wenn ich mit beiden Kindern reden kann, wenn sie mich verstehen und ich sie.

Das sage ich mir auch heute noch, auch wenn ich gerade in diesen Tagen manchmal schier verzweifeln könnte daran, dass manche Dinge einfach immer noch nicht besser werden und andere sogar wieder schlechter. In den letzten Nächten hat uns Michel stundenlang auf Trab gehalten. Manchmal möchte er eine Flasche, ziemlich oft sogar, dann ist er nass, manchmal liegt er komisch quer und hat sich mit seiner Schiene im Bettchengitter verklemmt. Aber viel öfter, viel viel öfter hat er einfach gar nichts. Er kriegt keine Zähne, er hat keinen Hunger, die Windel ist trocken, der Schlafanzug sitzt tadellos, der Bauch ist weich, er ist nicht erkältet, und sobald er auf dem Arm ist, ist er ein sehr fröhlicher und extrem tatendurstiger Sonnenschein - alles wäre supi, wenn es nicht gerade drei Uhr morgens wäre und Mama und Papa nicht absolut am Ende ihrer Kräfte. Dann denke ich: noch ein paar Wochen, dann ist er sechs Monate alt. Ach nee! Er ist ja jetzt schon 14 Monate alt. Und letzte Nacht nach einem Heulkrampf auf dem Teppich vor seinem Bettchen habe ich beschlossen, mir jetzt endlich einen Kinderarzt zu suchen, der auf die Schilderung dieses Problems nicht mit einem Spruch reagiert, sondern irgendwie anders. Es macht mich nämlich wirklich fertig, und so geht's nicht weiter, und überhaupt.

Ich will für beide Kinder in jedem Lebensmonat einen Brief schreiben. Ob ich das online tue oder ganz allein für mich und sie, muss ich erst noch sehen.

Nein, habe ich nicht getan. Kein einziges Mal. Es gab ein paar Versuche, ein entsprechendes Doc auf dem Rechner anzufangen, aber dabei ist es dann auch geblieben. Es wird wohl so laufen wie bei allen anderen Eltern auch: am Ende haben wir Fotos und Erinnerungen, einige davon nebulöser als die anderen.

Ich will einen Weg finden, mit dem ganzen aufgestauten Ärger der letzten Monate umzugehen, und nein, lächeln, Magenkrämpfe bekommen und weitermachen ist nicht der Weg, den ich meine.

Nö. Keine Ahnung. Ich weiß auch bis heute nicht, was ich mir dabei vorgestellt hatte. Einen Selbstverteidigungskurs? Vielleicht. Ich ärgere mich immer noch viel zu oft und viel zu lange und viel zu leise.

Ich will herausfinden, was ich mit meiner freien Zeit wirklich anfangen will.

Auch da hat sich nichts getan. Ich will theoretisch schreiben. Praktisch wird die freie Zeit von hundert Dingen aufgeknuspert. Meistens bin ich auch selbst Schuld, aber habt ihr einige der neuen Serien mal gesehen? Die sind wirklich unfassbar gut. Gelesen habe ich letztes Jahr auch viel, und gekocht, und eingekauft, und aufgeräumt, und Wäsche sortiert und gefaltet, und mir vor dem Spiegel einzelne graue Haare ausgerissen, und meine Papiere sortiert, und umgezogen sind wir auch, und einen Hund und zwei Kinder haben wir auch. Aber theoretisch, also theoretisch, denke ich immer noch, dass ich Bücher schreiben will, und ich weiß sogar, mit welchem ich anfangen will, und wenn die Steuererklärung sich im Hintergrund zu breit macht, dann denke ich immer noch verzweifelt, wie viel Zeit mir das von der Schreiberei wegnimmt - aber irgendwie komme ich nicht zu Potte. Vielleicht ja dieses Jahr. Darauf wäre ich wirklich stolz.

Ich will eine neue Bewerbung für die Drehbuchwerkstatt schreiben, für 2016/2017. Im Januar 2016 muss sie fertig sein. Bis August hätte ich gerne zwei wirklich, wirklich gute Ideen für Drehbücher. So gut, dass ich es kaum abwarten kann, bis ich mich an meinen Rechner setzen und daran weiter feilen kann.

Ihr werdet lachen, ich habe tatsächlich zwei gute Ideen, und die Frist endet erst am 31.1., aber auch da komme ich nicht zu Potte. Heute vielleicht ja mal! Heute abend, wenn die Kinder im Bett sind! Und wenn die Steuer gemacht ist! Und aufgeräumt! Und die Wäsche sortiert! Und die Spülmaschine eingeräumt!
Ich bin so bescheuert.

Ich will im Laufe des nächsten Jahres so weit mit der Rückbildung sein, dass ich wieder laufen gehen kann. Und wenn ich ganz von vorne anfange: mit einer Viertelstunde im Park, von der ich insgesamt nur vier Minuten wirklich laufe. Vermutlich unter dankbaren Tränen.


Genau das habe ich vor ein paar Tagen für 2016 beschlossen. Lustig: Ende 2014 hatte ich keine Ahnung, dass zu meinem Beckenbodenproblem noch ein Bandscheibenproblem kommen würde, und was für eins. Nichtsdestotrotz bin ich optimistisch. Denn ab Januar kommt endlich Krankengymnastik zu meinen anderen Bemühungen, und der femifree ist ja auch noch da.

Ich will mich vor dem Lippenstiftregal im Laden nachdrücklich daran erinnern, dass ich Lippenstifte in folgenden Farbtönen besitze: Koralle. Pink. Hellpink. Neonpink. Dunkelpink. Hellrosenholz. Knallrot. Knallrot-Matt. Kirschrot. Kirschrot-Matt. Hollywoodrot-Matt. 40er-Jahre-rot Matt. Rotweinrot. Die meisten davon werden irgendwann die Entrümpler aus meiner Wohnung tragen.

In 2015 habe ich genau einen Lippenstift gekauft. Es ist ein schöner Lippenstift, ich habe ihn bestimmt fünf mal getragen. Angesichts der Tatsache, dass ich in 2015 insgesamt vielleicht zwanzig Mal Lippenstift getragen habe, ist das ein guter Schnitt. Trotzdem finde ich, 2016 muss auch das Jahr sein, in dem ich mehr Lippenstift trage, unter anderem, damit der Vorsatz wahr werden kann, öfter mit verschmiertem Lippenstift nach Hause zu kommen.

Ich will die Bücher lesen, die schon auf meinem Kindle sind, bevor ich neue kaufe.

Na gut. Einigen wir uns darauf, dass ich für jedes neu gekaufte Buch ein altes lese, ok?


Das tue ich wirklich, inzwischen ist die Quote so ungefähr: auf jedes neu gekaufte Buch kommen drei alte, die ich jetzt endlich lese. Und nachdem wir dieses Jahr mit ekelhaft vielen Bücherkartons umgezogen sind und dieser Mietvertrag auf fünf Jahre befristet ist, bin ich sowas von motiviert, es dabei zu belassen.


Wo ich schon dabei bin: ich will keine Kochbücher für den Kindle mehr kaufen. Das macht keinen Spaß.

Hab ich geschafft, war ganz einfach.

Ich will jeden Monat ein Date mit meinem Mann. Und ein Date mit mir ganz allein.

Nein und nein. Letztes Jahr war ich einmal mit L. aus, und mit mir allein vielleicht dreimal, wobei das eigentlich nicht als Date zählt, es waren nämlich immer einfach nur Erledigungen, die weniger Zeit in Anspruch nahmen als geplant, und mit der freien Zeit habe ich dann etwas Nettes angefangen. Vorm Abaton Bistro in der Sonne sitzen und Muscheln essen z.B. - das war schön, aber dieses Jahr brauche ich mehr davon.

Aaach, so mies ist die Bilanz doch überhaupt nicht, oder?
(Und wieder mal weiß mein Fusselhirn nicht, ob ich zu hart mit mir bin oder zu weich.)

Sonntag, 3. Januar 2016

2016, Du weißt, was Du zu tun hast.

Ich weiß, Vorsätze sind Out. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich da letztes Jahr auch Mei-len-weit drüberstand. Na gut, dieses Jahr bin ich wieder dabei. Wieso? Weil es Spaß macht, sich was Schönes vorzunehmen. Weil ich immer schon gerne Listen geschrieben habe. Und weil ich mich jetzt schon drauf freue, in einem Jahr zurückzulesen und zu gucken, wie es lief und wie nicht.

Vorsätze, Hurra!

1. *** (das fängt ja gut an! Tja, so ist es aber. Der erste Vorsatz ist dieses Jahr mal ausnahmsweise einer, den ich für mich behalten will. Vielleicht erzähle ich Euch dann in einem Jahr, was es war. Es hat aber - versprochen - nichts mit Kindern, Schwangerschaften etc. zu tun.)

2. Ich will dieses Jahr endlich wieder so weit kommen, laufen zu gehen. Vielleicht schaffe ich es auch erst im Dezember, und vielleicht bleibt es auch lange Zeit bei der ersten Stufe des Laufprogramms - die, bei der man eine Viertelstunde unterwegs ist und davon nur fünf mal eine Minute wirklich läuft - aber Laufen will ich.

3. Ich will meine Buchidee, an der ich jetzt schon seit ungefähr fünf Jahren halbherzig herumknuspere, endlich so weit bringen, dass ich sie einem Verlag zeigen kann. Das heißt, ich will dafür ein gutes Exposé und statt einem Abschnitt hier und einem Abschnitt da ein paar richtige, echte, fertige Kapitel schreiben. Das muss doch zu machen sein! Blöd nur, dass ich es schon damals, als ich noch keine Kinder hatte, nicht geschafft habe. Hilft nichts, der Vorsatz steht.

4. Ich will zweimal im Monat mit L. schick ausgehen. Also Kino und Essen. Oder spazieren und Kino. Oder Theater und Tanzen. Oder was auch immer. Zweimal im Monat will Mutti mit schmerzenden Füßen und verschmiertem Lippenstift nach Hause kommen.

5. Ich will auch dieses Jahr wieder 100 mal nach Rezept kochen.

6. Ich will Leute einladen und die Abende mit ihnen genießen, ohne mich zu stressen.

7. Ich will jeden Sonntag eine To-Do-Liste für die Woche schreiben. Und ich will mich gefälligst daran halten.

8. Sollte mein Gewicht wieder über eine gewisse Marke flutschen, die ich nicht verraten will, dann kommt wieder die 5:2-Diät zum Einsatz. Die hat schon mal funktioniert, wenn etwas bei mir klappt, dann das.

9. Ich werde mich nicht in einem Fitness-Studio anmelden, egal wie günstig die jetzt alle liegen, egal wie toll die Angebote sind, egal dass die Kinder jetzt ja in der Kita sind. Ich lasse das einfach. Ende November lief eine Mitgliedschaft aus, die mich ca. 2.500 Euro gekostet hat für vier Besuche. Es waren schöne und entspannende Besuche, aber nicht für 600 Euro schön und entspannend.

10. Ich werde dieses Jahr kleine Dinge, die mir große Erleichterung bringen, sofort erledigen. Z.B. das Fahrrad gleich auf die richtige Höhe einstellen, das Geschenkpapier gleich an den richtigen Ort räumen, den Hochstuhl gleich verstellen, die zu kleinen Strampler gleich in die Kiste für L.s Cousine tun.

11. Ich werde keine Geburtstage vergessen und mich gefälligst bei den Leuten melden. Denn auch dieses Jahr “spüren” die nicht per Telepathie automatisch, dass ich an sie denke.

12. Ich werde mit der Zeit, die ich dank Kita habe, etwas machen. Und was auch immer ich damit mache, ich werde versuchen, mit meiner Entscheidung zufrieden zu sein. Will ich schlafen, schlafe ich. Will ich Serien glotzen, glotze ich. Will ich aufräumen oder die Steuer machen, mache ich das. Und will und kann ich arbeiten, tue ich das. Aber ich werde nicht mehr die Steuer machen und quengeln, dass ich aber schlafen will, oder schlafen und quengeln, dass ich aber glotzen will etc.

Lese ich z.B. Punkt 12, 11, 10… egal, all diese Punkte, dann müsste Punkt 13 eigentlich sein, dass ich all das mit einer Gehirntransplantation bewerkstelligen werde. Die zahlt aber leider die Kasse nicht. Also steht das Jahr 2016 wohl im Zeichen des großen Persönlichkeitsveränderungsschubs. Ich hoffe, dass mir Vorsatz Nr.1 da ein bisschen Rückenwind verschafft. Schau’n wir mal.

Ich habe außerdem das deutliche Gefühl gerade, dass ich die Hälfte meiner Vorsätze vergessen habe. Ach Moment, einer fällt mir gerade noch ein:

13. Ich werde wieder mehr schreiben. Jedenfalls oft genug, um nicht wieder in die Falle zu geraten, dass ich mich schon wieder so lange nicht gemeldet habe, dass ich jetzt, wenn ich mich melden würde, einen ganzen Roman posten müsste.

Morgen oder übermorgen also noch ein paar mehr Vorsätze bzw. eine überarbeitete Liste. Irgendwer hat mal so ungefähr gesagt, es gibt nichts Motivierenderes als die ersten vier Stunden einer Diät. Vorsätze, Yippie!








Mittwoch, 30. Dezember 2015

Re: 24.-26.12.2015

Ich weiß, zu Weihnachten mögen wir Traditionen. Aber in diesem Blog hat sich eine Tradition eingeschlichen, die ich wirklich gerne wieder los wäre. Diese Tradition geht ungefähr so: erst herrscht Schweigen, wochenlang. Dann melde ich mich wieder und entschuldige mich erst mal umständlich, wieso hier so lange Schweigen geherrscht hat (als ob es ernsthaft jemanden jucken würde). Und dann gehe ich über zu einem Post, in dem alles mit allem verwurschtelt ist, denn zum ausführlich schreiben habe ich auch jetzt schon wieder keine Zeit. Ich fürchte, der einzige Weg aus diesem langweiligen Muster wäre, wieder alle paar Tage zu schreiben. Aus irgendwelchen Gründen kriege ich das aber nicht hin, und so bleibt es wohl noch eine Weile lang dabei (bis die Kinder imstande sind, sich selbst zu beschäftigen, anzuziehen und sich eine vernünftige Mahlzeit zuzubereiten?), dass ich hier alle paar Wochen angekrochen komme wie ein Schulkind, das beim Hausaufgabenschwänzen vergessen wurde. In meinem eigenen Blog! Erbärmlich, einfach nur erbärmlich.

Also los.

Weihnachten ist vorbei, und es tut mir leid, dass es dieses Jahr in diesem Blog nicht stattgefunden hat. Das lag wohl daran, dass es im wirklichen Leben so was von stattgefunden hat: wir hatten in der neuen Bude meine Eltern, meine Schwester mit Mann, meine Schwiegermutter und meinen Bruder zu Gast. Leider muss ich sagen, dass ich kein guter Weihnachtsmensch bin. Ich kriege jedes Jahr wieder ganz viel einfach nicht hin. Meine Deko-Bemühungen sind bestenfalls spärlich, schlimmstenfalls trashig. Ich schaffe vielleicht ein Drittel der Kekse, die ich eigentlich backen wollte. Die Geschenke kommen zum Glück von Amazon, Schande über mich, aber selbst dabei gerate ich noch ins Schwitzen. Jedes Jahr hält sich bis zur Bescherung hartnäckig das Gefühl, ich hätte jemanden vergessen. Ich schreibe keine Karten, und jede, die hier ankommt, treibt mir das Blut ins Gesicht. Ich wünschte, alle wären so schlampert wie ich mit Weihnachten, dann wäre es nicht schlimm. Oder es wäre mir einfach egal. Ist es mir aber nicht, im Gegenteil, auch durch 30 Jahre perfekte Weihnachten, von meiner Mutter scheinbar mit links organisiert, sind meine Erwartungen gewaltig. Schade nur, dass ich sie selbst erfüllen muss. "Was quengelt sie denn so", denken sich jetzt sicher viele. "Dann soll sie halt im Oktober eine Liste machen und ganz in Ruhe abarbeiten, und schon läuft es ohne Herzinfarkt oder Fusselhirnmeltdown". Damit habt ihr sicher Recht, der Tipp ist ein guter Tipp, wird mir aber trotzdem niemals etwas nützen. Ich weiß einfach, dass Weihnachten für mich immer so sein wird. Jetzt ist es vorbei, und ich bin froh darüber. Obwohl ich Weihnachten eigentlich mag! Versteh das einer. Wäre das ganze Jahr Weihnachten, dann wäre ich längst schizophren.

Weihnachten und Kinder, das war allerdings immer ein dickes Thema für mich, als ich noch keine hatte und es auch nicht so aussah, als würde ich mal welche bekommen. Darum schreibe ich heute mal darüber, wie es denn tatsächlich so ist. Dieses Jahr war das erste, in dem sowohl Michel als auch Kalle imstande sind, zu verstehen, dass hier gerade etwas Besonderes im Gange ist, und dass jetzt der Moment ist für große, staunende Kinderaugen. In Michels Fall allerdings auch immer für blitzschnell arbeitende Kinderbeinchen. Es ist nicht zu fassen, wie schnell dieses Kind krabbelt. Eben saß er noch staunend an meiner Seite, jetzt wieselt er schon pfeilschnell auf den Baum zu. Auch Kalle staunt zwar nach Kräften, aber sieht sich die Sache dann lieber genauer an. Mein erstes Zwei-Kinder-Weihnachten läuft also vor allem so, dass ich versuche, die Kinder nach Kräften von Weihnachten fern zu halten. Von den Kerzen, vom Baum, vom Adventskranz, von der Deko, von den hübschen Erzgebirgs-Figürchen, die am Baum hängen und die ein Hochzeitsgeschenk meiner Eltern waren, von denen also jede einzelne eine Bedeutung hat und noch bei meinen Urenkeln am Baum hängen soll, wenn da nicht irgend eine zukünftige Endometriose oder die dusselige islamistische Revolution dazwischenfunkt. Auch von den Keksen muss ich sie fernhalten, von diversen auf Tischchen verteilten Rotweingläsern, von den Handys der Weihnachtsgäste und von feinen neuen Strumpfhosen. Meistens haben sie nicht beide das gleiche Ziel vor den großen, staunenden Augen, darum wünsche ich mir vom 24. bis zum 26. eigentlich durchgängig, ich wäre ein Tintenfisch, auch wenn das die traditionelle Suche nach einer schönen, heilen und sauberen Strumpfhose noch weiter erschweren würde. Komischerweise ist das auch dann so, wenn man wie ich eine Verwandtschaft aus lauter Babysittern hat und alle ständig springen, um die Kinder von Gefahren und Versicherungsfällen fernzuhalten. Ja, zwischendurch ist es genau so, wie ich mir das immer vorgestellt habe: wenn Michel hingerissen an einem Traditionskeks knabbert und es schafft, sich mit dem staubtrockenen Ding trotzdem von Kopf bis Antirutschsocke einzuschmieren. Oder wenn Kalle seine neue Ikea-Kinderküche (Geschenk von Oma und Opa) in Betrieb nimmt und als erstes "Weihnachten" kocht. Aber ohne Kinder war wesentlich mehr Zeit, die Weihnachtsmomente zu bemerken, zu genießen und zu verdauen. Ich weiß auch nicht, was passieren müsste, damit ich mich wohlig aufs Sofa kuscheln würde, mit einer Tasse Weihnachtstee in der Hand, und deutlich fühlen und denken würde: das hier, das ist jetzt Weihnachten, wie schön. Hier ist das Haus voller Leute, die auf die Kinder aufpassen, und zwar gerne, das Essen ist größtenteils längst vorbereitet, alle reißen sich ums Tischdecken und Spülen und Hund ausführen - was denn noch? Vermutlich Downton-Abbey-artige Zustände. Wie gesagt: meine eigenen Weihnachtserwartungen werde ich wohl nie erfüllen, und so lange das so ist, wird für mich immer der Stress die alles übertönende Note sein. Dumme, dumme Flora.

Lerne ich denn gar nichts?

Doch, ab und zu schon. Dazu morgen.

Bis dahin wünsche ich Euch das, was ich Euch jedes Jahr wünsche. Solltet ihr es inzwischen bekommen haben, dann wünsche ich Euch ersatzweise dieses Jahr nachträglich einen klaren Kopf, blitzschnelle Reflexe, ein heiteres Gemüt, ein paar Plätzchenrezepte in petto, die sich innerhalb eines Kindermittagsschlafs umsetzen lassen und einen kippsicheren Weihnachtsbaumständer.

Ach ja: in meiner Familie wurde bei entsprechendem Anlass heiß diskutiert, ob Riesling tatsächlich ein gutes Fleckenmittel für Rotweinflecken ist. Ist er.


Montag, 7. Dezember 2015

Mein elektrischer Beckenboden

Man sollte es nicht denken, wenn man z.B. mein Verhalten vor Prüfungen beobachtet oder mich beim Kofferpacken, aber ich liebe, liebe, liebe es, einen Plan zu haben und mich dann daran zu halten. Neben Nerdigkeit und der Aussicht, dass es tatsächlich funktionieren könnte, ein weiterer dicker Pluspunkt für femifree. Seit ein paar Tagen sieht dieser Plan folgendermaßen aus:
Die Kinder sind entweder im Tiefschlaf oder in der Kita. Ich bin einigermaßen frisch geduscht, und es steht kein Besuch ins Haus und auch sonst keine Aktivität, bei der ich keine Jogginghose tragen darf. Ich habe darüberhinaus eine gute halbe Stunde nichts vor, was hektische Aktivität erfordert. leichte Aktivität dagegen, die vor allem nicht viel Gelaufe und Gehopse erfordert, ist völlig ok. Jetzt ziehe ich einen meiner drei Tangas an, nehme die zwei schwarzen, mit Klettverschlüssen ausgestatteten Manschetten und wickele sie mir um Po und Oberschenkel. Das sieht, wenn man es richtig macht (wozu ich die ersten Male noch ein-zwei Anläufe brauchte) aus wie die Beine einer Radlerhose. Sitzen die Manschetten, schließe ich jede mit einem idiotensicheren Klickstecker an ein Kabel an, und das Kabel kommt an das Therapiegerät, das ich mir wiederum um den Hals hänge. Ich steige noch in die Jogginghose, um nicht eine halbe Stunde lang mit Tangapopöchen durch die Wohnung zu laufen, in der Hose hat die ganze Apparatur locker Platz. Dann drücke ich auf den Startknopf, wähle eine Impulsstärke, die knapp unter derjenigen liegt, mit der ich letztes Mal das Programm beendet habe, und los gehts. Jetzt soll ich nach Möglichkeit ruhig stehen, mit schulterbreiten Füßen und leicht gekipptem Becken - was eine viel bequemere Haltung ist, als es erst mal klingt - und das Maschinchen trainiert für mich.

Und wie ist das, diese Stromstöße? Erst mal nicht unangenehm. Wäre es unangenehm, würde ich die Stärke runterfahren. Es fühlt sich auch überhaupt nicht an, als käme das, was da passiert, von außen - meine Oberschenkel und der Beckenboden spannen sich an, ohne dass ich etwas dazu tun muss, und es britzelt ein bisschen, aber wer vielleicht mit Schrecken an den letzten Kontakt mit einem elektrischen Zaun oder dergleichen denkt, muss vor femifree keine Angst haben. Und wer trotzdem Angst hat, kann ja ganz langsam anfangen, bis er sich an das lustige Gefühl gewöhnt hat. (So habe ich es ehrlich gesagt auch gemacht und war binnen drei Sitzungen bei einer Stärke von fast 70 - so weit soll man eigentlich in den ersten ein bis zwei Wochen kommen.) Während der Sitzung kann man schon mal das Gefühl bekommen, da geht noch mehr - dann fährt man die Stärke einfach hoch.
Alle paar Sekunden fährt der Impuls durch die Muskeln, das dauert so ungefähr drei Sekunden, und danach sind wieder fünf Sekunden Ruhe. Während der Impulse soll man möglichst nicht herumlaufen, brauche ich also etwas vom anderen Ende des Raumes oder suche mein Telefon oder was auch immer, dann gehe ich entweder in den Sekunden zwischen den Impulsen jeweils ein paar Meter, oder, falls mir das zu affig ist, drücke ich auf Pause, ich tue was zu tun ist, drücke noch mal auf den Knopf, und es geht weiter. Ich finde aber, die halbe Stunde kriegt man ganz gut organisiert, ohne Pausen zu brauchen. Ich schreibe dabei z.B. (wie jetzt, brzzzz brzzzz), oder ich rühre ein Risotto, oder ich stelle mich vor die Glotze, oder ich bügele, oder was auch immer. Man soll dabei übrigens auch liegen können, habe ich aber noch nicht ausprobiert. Ist die halbe Stunde vorbei, hört das Gerät von alleine auf und piept kurz. Dann ziehe ich die Manschetten wieder aus, entstöpsele die Kabel und lege das ganze Päckchen beiseite. Man könnte alles in einem großen Schuhkarton verstauen. Oder in einer Schublade. Oder wie auch immer.
Und jetzt? Ob es wirklich funktioniert (hat), werde ich in 12 Wochen wissen, so viel Zeit braucht es wohl. Aber ich habe jetzt schon das Gefühl, es ist viel passiert. Ich will nicht ZU optimistisch sein, das war ich gerade bei diesem Thema jetzt schon ein paar Mal, aber… aber…

Bisher läuft es wirklich gut! Und obwohl das Programm vorsieht, dass man zwei Tage pro Woche pausieren kann, sehe ich absolut keinen Grund, das zu tun.

Hier der Verlauf bisher: die Zahlen sind die höchsten Impulsstärken pro Sitzung. Die speichert das femifree übrigens wohl auch, genau wie eine Menge anderer Daten, aber bisher brauche ich das noch nicht, ich kann mir das auch so ganz gut merken.
Erster Tag: 54.
Zweiter Tag: 57.
Dritter Tag: 62.
Vierter Tag: 66.
Fünfter Tag: 70.
Sechster Tag: 74.

Brzzz-Brzzz. Gibt es hier eigentlich sonst noch eine, die das mal probiert hat? Und die was dazu erzählen kann?

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Wo war ich stehen geblieben?

Und dann war da noch der Umzug. Und ich schäme mich ein bisschen vor unserem alten Haus. Dieses klamme Gefühl, von dem hier schon öfter mal die Rede war, das Heimweh, mit dem ich fest gerechnet hatte, das ich aber bereit war in Kauf zu nehmen und irgendwie halt verdammt noch mal auszuhalten - nichts davon. Einfach nichts. Kein Tränchen in der letzten Nacht im alten Haus, kein tiefer Seufzer, kein wehmütiges Streichen über das hunderttausend mal angefasste Treppengeländer, kein Abschiedsschmerz für Türklinken, Spülmaschine, Vorratskammer, knarrende Treppenstufen, noch nicht mal für den Wintergarten. Stattdessen derbe Flüche darüber, dass die Aufräumarbeiten in der alten Hütte auch drei Wochen nach dem Umzug noch nicht endgültig erledigt sind. "Wie oft sollen wir denn da jetzt noch hinfahren?" keife ich L. an, und dann schäme ich mich ein bisschen. Echt, ich sollte mich mal reden hören. Es ist fast so, als hätte ich nach zehn Jahren eine Beziehung beendet, und abends reiße ich eine Flasche mit meinen Freundinnen auf, stoße auf die Freiheit an und denke nie wieder an den Kerl. Bin ich denn so oberflächlich? Das Haus war doch kein Liebesfehlgriff! Wir hatten es da doch gut! Wie viele Stunden, Tage, Monate, Jahre wir damit zugebracht haben, dort Teppichreste von Treppenstufen zu kratzen, Farben und Lampen und Lichtschalter auszusuchen, wie oft ich dort am Fenster stand und in die Bäume geguckt habe, wie lieb mir die alte Eiche im Nachbargarten war und die Erdbeerstelle und der Park gegenüber und all das - und jetzt soll das alles schon schnurz sein? Scheinbar ja.

Vielleicht kann ich kurz ein bisschen davon erzählen, wie es jetzt hier ist, und dann kommt es mir schon nicht mehr ganz so seltsam vor. Ich sitze hier im Bett mit meinem Rechner und gucke auf einen Kanal. Es ist ein sehr hübscher Kanal. Neben mir auf dem Nachttisch steht eine Flasche Augustiner Edelstoff - ein ziemlich leckeres und nicht sehr häufiges Bier, dass es aber bis Mitternacht im Kiosk zu kaufen gibt, zu dem ich keine zwei Minuten brauche, wenn die Ampel rot ist, und kaum dreißig Sekunden, wenn sie grün ist. Fahre ich zur Arbeit (was ich neuerdings wieder tue), dann könnte ich das mit dem Fahrrad tun, ich habe aber noch kein Schloss, deshalb fahre ich Bahn. Ich fahre drei Stationen. Es lohnt sich kaum, die Zeitung aus der Tasche zu ziehen. Am ersten Abend nach dem Umzug waren die Mädchen hier, und ich war so glücklich über meine Wohnung, dass ich kaum davon abzuhalten war, mit Flüppchen in der Hand den Passanten huldvoll zuzuwinken wie die Queen. Genau genommen war ich gar nicht davon abzuhalten. Inzwischen war auch schon wieder ein Mädchenabend bei einer der anderen, ich bin mit dem Taxi nach Hause gefahren und habe 6,50 bezahlt. 6,50! Das ist ungefähr ein Fünftel von dem, was ich sonst bezahlt habe. Lese ich jetzt ein Kochbuch und stoße auf ein Rezept wie z.B. gegrillte Lammrippchen, Rotbarbe, Ochsenschwanzragout oder irgendwas mit Pfahlmuscheln, dann seufze ich nicht wie früher und klebe da ein Wir-tun-mal-so-als-ob-das-jemals-was-würde-Post-it rein, sondern ich schreibe einen Einkaufszettel und gehe Ochsenschwanz kaufen. Überhaupt ist Einkaufen gehen hier schön, und einfach nur so rausgehen, ohne Butter oder Ochsenschwanz besorgen zu müssen, ist auch schön. Man kann hier nämlich z.B. eine Zeitung kaufen und einen Kaffee trinken. Oder man kann in eine Buchhandlung gehen, in der es tatsächlich Bücher zu kaufen gibt. Oder man kann ein paar Meter weiter gehen und auf dem kleinen Weihnachtsmarkt eine Schale leckere Biopommes essen. Die Leute hier sind nett. Teilweise haben sie einen schnöseligen Ruf, aber bisher tut dieser Ruf ihnen Unrecht. Ich stand hier schon an der Kasse hinter zwei männlichen Teenies an, die der Kassiererin "ein schönes Wochenende und einen schönen ersten Advent" gewünscht haben. Allen Ernstes, die sind nicht kichernd rausgerannt. Ich stand mit offenem Mund da. Die Kästen neben den Leergutautomaten, in die man seine Bons für gute Zwecke stecken kann, quellen über. Man lässt sich gegenseitig vor, lächelt sich an auch ohne Abschleppabsicht, man kotzt sich nicht gegenseitig auf die Schuhe - echt wahr! Und L. und ich bummeln und gehen mit dem Tier spazieren und haken uns ein und lassen die Leute vor und freuen uns einfach nur fast den ganzen Tag, hier zu sein. Bisher fühlt es sich noch an wie Urlaub. Ok, einen kleinen Streit um einen Parkplatz hatte L., und das Kindermädchen hat mich gewarnt, dass wir demnächst vielleicht Ärger wegen des Doppelkinderwagens im Keller kriegen könnten, aber noch ist es Urlaub.

Und das Röntgenzentrum für das MRT ist auch direkt um die Ecke! Jetzt weiß ich nämlich endlich, was mit der Misthüfte los ist. Nach... Moment... sieben Arztbesuchen, acht mal Physio, zwei mal Osteopathie und viel zu vielen Schmerztabletten weiß ich jetzt, dass ich einfach nur einen dämlichen Bandscheibenvorfall habe und infolgedessen einen dick entzündeten Nerv, der jetzt für die wehe Hüfte sorgt, außerdem für ein wehes Bein und einen wehen Fuß. Nun bekomme ich Krankengymnastik, sobald ich dazu Zeit habe, noch wichtiger sind aber scheinbar Kortisonspritzen, die die Entzündung bekämpfen (und leider für eine uffjedunsene rote Säuferbirne sorgen) und trage ein megahottes Rückenstützkorsett, eine Art extrabreiten Motorradgürtel. (Heute gab es eine halbe Stunde, als ich gleichzeitig das Rückenkorsett, den Stützstrumpf und das Femifree getragen habe, da fühlte ich mich kurz wie Robocop.) Und die Chancen sind nicht schlecht, dass die Bandscheibe einfach von alleine wieder an Ort und Stelle flutscht.

Und jetzt sind fast alle Kiste ausgepackt bis auf die, bei denen wir nur noch darauf warten, ob L. oder ich zuerst sage, dass wir den Kram doch im Grunde nicht mehr brauchen. Und das WLAN läuft nach anfänglichen Schwierigkeiten auch. Und ich habe keine Probleme mehr, innerhalb von einer Minute mein Rechnerkabel zu finden. Und ich falle auch abends nicht mehr total erledigt von den letzten 12 Stunden Schmerzen in der Hüfte tot ins Bett. Und bei den Kindern hat sich die Aufregung über den Umzug gelegt, so dass wir die Abende wirklich für uns haben. Und es kehrt so etwas wie Normalität ein. So dass ich hoffe - versprechen will ich nicht zu viel - dass hier nun nicht wieder acht Jahre Funkstille herrschen. Ich bin noch da! Nur jetzt woanders. (Und nein, ich schreibe nicht wieder heimlich einen zweiten Blog, in dem steht, dass ich schwanger bin.) (Bin ich nicht!) (Mann! Ehrlich nicht! MRTs! Kortisonspritzen! Schmerztabletten! Augustiner Edelstoff! Fluppen! Ehrlich.)

Das Pipiproblem, siebenhundertzweiundachtzigste und hoffentlich fast letzte Folge

Ich muss mich kurz konzentrieren, um noch zusammenzubringen, was ich bisher an Geschützen gegen das Pipiproblem aufgefahren habe.
Da war zunächst mal eine Freestyle-Phase kurz nach Kalles Geburt, als ich noch dachte, das Problem verschwindet von alleine, so wie der Dammschnitt irgendwann nicht mehr zwickt. Die Freestyle-Phase sah so aus, dass ich Kegelübungen für den Beckenboden gegoogelt und dann so gut wie täglich auch gemacht habe. Ehrlich! Nur, dass das wirklich überhaupt nichts genützt hat.

Daraufhin habe ich mich im Blog beschwert und habe den Tipp mit Cantienica bekommen. Und obwohl ich sonst ziemlich Tipp-Resistent bin, habe ich mich zu einem achtwöchigen, stinketeuren Beckenboden-Spezial-Kurs angemeldet. Einmal wöchentlich habe ich Mann und Baby allein gelassen und bin nach Eimsbüttel gefahren. Das war nett! Nette Kursleiterin, nette Teilnehmerinnen, und es war schön, mal rauszukommen, und wenn es nur für zwei Stunden war. Zwischenzeitlich dachte ich auch mal, jetzt passiert was. Bis ich dann das nächste Mal wieder auf ein matschiges Blatt getreten oder über den Bordstein gestolpert bin und direkt wieder nach Hause gehen konnte, um zu duschen und mich umzuziehen.

Dann war ich auch schon wieder schwanger. Komischerweise war mir das Problem in der Schwangerschaft entweder egaler, oder ich hatte meine Blase wieder mehr unter Kontrolle, oder ich habe mich einfach vorsichtiger bewegt und instinktiv einen großen Bogen um Glatteis, Bordsteine und Salatblätter gemacht - wer weiß. Vielleicht war es auch genau so schlimm, und ich habe es vergessen. Oder das Pipiproblem trat angesichts von Kreislaufproblemen, Klumpfußdiagnose usw. einfach in den Hintergrund. Jedenfalls: ich war schwanger, Sport habe ich keinen getrieben, dann kam Michel, und mit Michel war auch das Pipiproblem wieder da.

Dann habe ich meiner Frauenärztin (nicht zum ersten Mal) besonders eindringlich davon erzählt, und sie hat mir Physio verschrieben. Die Physio war eine der nutzlosesten Erfahrungen meines Lebens. Die Übungen waren eher noch unwirksamer als mein zusammengegoogeltes Freestyle-Anspannen, die Physiotante nervte wie Hulle, meine Blase tanzte mir weiterhin auf der Nase herum.

Dann die Elanee-Gewichte. Vier Stück, von leicht nach ganz schön schwer, die ich zweimal täglich für zehn Minuten beim Stehen und Gehen tragen sollte. Es tat sich offensichtlich etwas: während ich am Anfang das leichteste Gewicht gerade mal dreißig Sekunden halten konnte, war ich nach ein paar zähen Monaten imstande, das schwerste Gewicht zu tragen und so lange zu vergessen, bis mir irgendwann auffiel, dass ich es jetzt seit fast einer Stunde herumtrug. Da musste sich also etwas getan haben. Hurra! Schade nur, dass das Pipiproblem ziemlich unbeeindruckt blieb von der neugewonnenen Muskelkraft. Ich hatte jetzt zwar seltener damit zu tun, dass auch ohne jeden Anlass einfach mal die Hose nass war - nur so zum Spaß, während ich mit hochrotem Kopf die Straße entlanglief und den Optimismus verfluchte, mit dem ich heute morgen die Pipibinde weggelassen hatte. Aber das Salatblattproblem bestand immer noch, genau wie das Hust-, Nies-, Lach-, Erschreck- oder Tanzproblem.

Und bei all dem kam das große Ziel immer noch keinen Zentimeter näher, endlich wieder die Laufschuhe anzuziehen und um den Park zu rennen.

Aber jetzt! Vor ein paar Monaten blätterte ich in einer alten Brigitte Mom, und da stand etwas von femifree: einem Gerät zur elektrischen Beckenbodenstimulation, mit dem die Muskeln gestärkt und die Wahrnehmung für die “richtige” Anspannung geschult werden sollte. Das klang ziemlich gut für mich, nicht zuletzt deshalb, weil ich als Nerd natürlich Feuer und Flamme bin für die Aussicht auf Gelpads, Elektrogebrizzel und piepende Geräte. Hätte in der Brigitte Mom etwas über ein Beckenbodentraining via Schwerelosigkeit oder Laserschwert gestanden, meine Hand wäre oben gewesen. Innerhalb von zwei Minuten war ich auf der femifree-Seite, guckte mir das Demo-Video an und zuckte automatisch nach dem Kaufen-Button. Da klingelte es an der Tür, die Nachbarin stand draußen, und irgendwie kam ich aus dem Konzept und dachte erst ein paar Stunden später wieder an das Wunderding. Zum Glück, denn in diesem Moment hatte ich die Idee: was, wenn ich das Gerät im Blog teste? Kreisch!!!!! Vorteile, wohin man schaut:
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet
* Eine 1a Gelegenheit, endlich mal wieder seitenweise herumzunerden
* Die eingebaute Garantie, dass ich das durchziehe - die Bloggerehre steht auf dem Spiel, da wird nicht geschwänzt, egal, warum
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet
* Falls es funktioniert, wovon ich erst mal fest ausgehe, tue ich auch noch ein gutes Werk, indem ich den ebenfalls unterhosenmäßig herausgeforderten Ex-Abkürzungsdamen von diesem Weg heraus aus der Tena-Zielgruppe erzähle
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet.

Und so kam das, dass ich erst an die Infoadresse mailte, fast sofort eine sehr nette Antwort bekam von einer Dame, die versprach, das an die Geschäftsführung weiterzugeben, und ein bisschen später kam tatsächlich noch eine Email, und so ging das weiter: femifree erzählte von femifree, ich erzählte vom Blog, und ziemlich schnell waren wir uns einig, dass die beiden gut zusammen passen würden. Ich sollte also wirklich ein Testgerät bekommen und das wohlwollend, aber trotzdem ehrlich und kritisch prüfen und darüber berichten. Dann ging das Paket auf die Reise zu mir. Und ich war nerdmäßig ungefähr so hochgestimmt wie zuletzt, als ich damals auf meine neue wii gewartet habe. Leider gab es dann noch eine kurze Verzögerung, denn das Paket kam mitten im Umzug an, und so gern ich auch sofort den Akku aufgeladen und losgelegt hätte, es ging einfach nicht, ganz davon zu schweigen, dass die einzelnen Teile des Geräts vermutlich erstmal auf Soschnellnichtwiedersehen in den achttausend Kartons verschwunden wären. Also habe ich mich zusammengerissen, den Karton erst mal nicht aufgemacht und gewartet. Und Möbel geschleppt. Und gewartet. Und Kisten ausgepackt. Und gewartet. Und Berge von Kram in “brauchen wir irgendwann mal wieder”, “ist absolut lebenswichtig” und “welcher Idiot hat das angeschafft?” sortiert. Und gewartet. Warten ist nicht meine starke Seite, aber gewartet habe ich.
Bis gestern! Gestern habe ich zum ersten Mal den Beckenboden nach der Dr.Snuggles-Methode traininert. Und was soll ich sagen: das lief nicht schlecht. Überhaupt nicht schlecht! Und davon, liebe Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen, berichte ich morgen.

Schnall Dich an, Pipiproblem: jetzt werden hier andere Saiten aufgezogen.




Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Freitag, 16. Oktober 2015

Der Lack ist ab.

Da hätten wir erstens das Pipiproblem. Ich will nicht schon wieder ausholen, aber es ist immer noch da. Immer dann, wenn ich nicht dran denke und es eilig habe, immer dann, wenn mich ein Nieser oder Huster ohne Vorwarnung erwischt, immer dann, wenn ich auf einem nassen Blatt ausrutsche oder umknicke, und am liebsten dann, wenn alle Hosen außer dieser gerade in der Waschmaschine kreisen oder wenn ich auf dem Weg irgendwohin bin, wo ich eine nasse Hose nicht gebrauchen kann (und seien wir ehrlich, wo kann man die gebrauchen?)

Dann die Krampfader. Ich hatte die OP, die blauen Flecke sind so gut wie verschwunden, zur großen Enttäuschung von Kalle, der immer noch täglich darum bittet, sie sehen zu dürfen. Die Schnittstellen sind immer noch dunkellila, aber auch das wird verschwinden. Was aber geblieben ist, ist ein dumpfiger Schmerz in der Wade, und genau seinetwegen habe ich die OP überhaupt machen lassen. Kann also gut sein, dass der Arzt da noch mal ran muss. Vielleicht hat das aber auch mit der Krampfader gar nichts zu tun, sondern liegt an... tadaaa...

Der Hüfte. Ich weiß noch nicht mal genau, ob das anatomisch korrekt die Hüfte ist. Aber sie tut weh, so weh, dass ich manchmal laut aufheule, wenn ich morgens aus dem Bett steige oder nachts um fünf, um eine Flasche zu machen für Michel. Nachts und morgens ist es am schlimmsten. Heute nacht dachte ich schon, ich hätte einen Kniff gefunden: mit einem dicken Kissen zwischen den Knien schien es etwas besser zu gehen. Aber am Morgen wurde klar, dass ich dafür dann beim Aufstehen den doppelten und dreifachen Preis bezahlen muss. Der Orthopäde hat gesagt, ich soll ruhig Ibuprofen nehmen (und der Venenarzt hat sowieso gesagt, das soll ich rund um die Uhr nehmen, dann verschwinden die Hämatome schneller), aber davon wird mir langsam gelinde gesagt schlecht. Nächsten Donnerstag habe ich einen Röntgentermin. Mit dem Röntgenbild gehe ich dann wieder zum Orthopäden. Sollte der (was er schon angedeutet hat) daraufhin ein MRT oder sowas wollen, dann werde ich ihn bitten, sofort zum Hörer zu greifen und mir innerhalb der nächsten Stunden eins zu besorgen, denn ich will keine weiteren Wochen darauf warten, das geht hier nicht mehr lange gut. Er vermutet aber "etwas Rheumatisches, vielleicht auch einen Lupus." Womit wir schon wieder beim nächsten Punkt wären:

Der Magen. Ich weiß nicht, was da los ist. Ich bin nur froh, dass ich gerade erst eine Darmspiegelung hatte, wenigstens da bin ich sauber. Denn irgendwas ist faul. Vielleicht ja wirklich nur Ibuprofen. Aber ich habe so gut wie keinen Appetit auf gar nichts mehr. Ich hatte mich schon gefreut, nach der Geburt ziemlich fix wieder dünn zu sein, genauer gesagt, jetzt neuerdings dünn, denn dünn war ich genaugenommen vorher seit zehn Jahren nicht gewesen. Jetzt bin ich zwar dünn, aber auch wieder nicht glücklich (q.e.d.). Ich stehe im Supermarkt und bin völlig ratlos, was ich essen und kaufen will. Der vegetarische September war auch deshalb ein Erfolg, weil ich einfach auf nichts Bock hatte, weder auf Rippchen noch auf Steaks oder Hähnchenflügel. Es ist auch auf keinen Fall ein Überdruss am üblichen fettigen Essen, von dem ja gerade so viele Leute erzählen, die einen in Bahnen lenken wollen, an deren Ende Quinoa und Paleo und was weiß ich stehen. Ich habe genau so wenig Lust auf vietnamesische Brühen mit Zitronengras und Chili wie auf Schweinebraten. Das war noch nie, so weit ich mich erinnere, und es gefällt mir nicht.

Und dann ist da noch der Husten. Den hat mir meine Osteopathin verpasst, die hatte mich vorgewarnt, erkältet zu sein. Erkältet war ich selbst gerade, deshalb habe ich mit der mir eigenen Arroganz in Gesundheitsdingen gesagt, das kann ich ab. Jetzt huste ich, und jeder Huster fährt mir wie ein Messer durch die Hüfte (davon, dass nach manchen die Hose nass ist, wollen wir gar nicht sprechen). Wenn es eins gibt, was noch ätzender ist als Reizhusten, dann ein Reizhusten, dem man nicht nachgeben darf.

Und dann habe ich auch noch gerade meine Tage. Was nicht weiter der Rede wert wäre, wenn nicht... Moment... fing nicht der allererste Post dieses Blogs, damals, 2009, genau so an? Egal. Wenn ich sie nicht vor zwei Wochen schon gehabt hätte. Das kann nicht gut sein. Entweder, die Myome sind wieder da, oder was weiß ich. Nächste Woche habe ich zum Glück auch einen Termin bei meiner Frauenärztin, dann sehen wir weiter, was für neue Gesundheitsabenteuer auf mich warten oder vielleicht auch nicht.

Öchö, Öchö. Hust, Hust. Blut, Blut. Stöhn, Stöhn. Humpel, Humpel. Ächz, Ächz. Das ist doch kein Leben für ein... äh... 42jähriges junges Mädchen!