Samstag, 13. Dezember 2014

Wer hat sich das mit den zwei Armen eigentlich ausgedacht?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne ein Krake.

Heute zum Beispiel. Oder gestern. Vorgestern auch. Und morgen vermutlich. Eigentlich gerade jeden Tag.

Zwischen meinen Kindern gibt es gerade keine Schnittmenge. Die Dinge, die sie wollen und brauchen, schließen sich gegenseitig aus. Habe ich Jakob auf dem Arm und stille ihn, taucht binnen Sekunden Boje an der Sessellehne auf und will jetzt sofort eine Nane (sein Wort für Bananen, aber auch für jedes andere Obst, das ihm schmeckt). Habe ich es geschafft, mit Kind in Position aufzustehen, zum Obstteller zu gehen, eine Banane einhändig zu öffnen und ihm ein Stück davon in die Hand zu drücken, ist er trotzdem nach fünf Sekunden wieder da, die Banane an einem Stück im Mund: "Isch. Isch isch isch isch ischischischischisch." Isch ist ein Fläschchen, eins mit Traubensaftschorle. Das kriege ich mit einer Hand definitiv nicht hin. Und zwar hat Jakob einen kräftigen Sog, aber loslassen kann ich ihn trotzdem nicht mit gutem Gewissen. Also sage ich "Nein." oder "Später." Oder "Gleich."
Eine halbe Minute später muss ich das Baby trotzdem in seine Wiege legen, denn jetzt ist Boje über einen Stuhl auf den Esstisch gestiegen und nimmt sich den Adventskranz vor. Am Adventskranz befestigt sind vier dicke rote Kerzen, jede mit Hilfe eines großen Eisennagels, den ich heißgemacht und umgedreht in das Wachs eingeschmolzen habe. Aus dem Kerzenende gucken fünf Zentimeter Nagel. Damit soll Boje lieber nicht spielen.
Das alles wäre halb so wild, ich kann Boje schließlich auch mal für ein paar Minuten stillen in seinen komfortablen und sicheren Laufstall tun. Problem ist nur, dass Jakob schwer erkältet ist und gerade so ziemlich den ganzen Tag lang trinken und im Arm gehalten werden will. Kaum berührt sein Köpfchen die Matratze des Stubenwagens, brüllt er die Hütte zusammen. So dass es jetzt eben leider so ist: mache ich Jakob glücklich, mache ich Boje unglücklich. Mache ich Boje glücklich, mache ich Jakob unglücklich. Und wir erinnern uns, wie Harmoniesüchtig speziell diese Ex-Abkürzungsdame ist. Ich drehe am Rad. Wann macht endlich diese Kita wieder auf, so dass ich wenigstens den halben Tag lang voll auf die Bedürfnisse von Kind II eingehen kann, von meinen eigenen mal ganz zu schweigen? Wird Boje sich daran erinnern, wenn er mal größer ist? Vergiften diese Tage gerade die Beziehung zwischen den Brüdern für immer? Wie viele Unterbrechungen verträgt ein Stilldurchgang, bis einem Baby Magengeschwüre wachsen? Werde ich mir jemals wieder die Nägel lackieren, mehr Gin Tonic trinken, als gut für mich ist, und am nächsten Morgen ausschlafen? Wieso treibt mich das alles so um, während L. weiter seelenruhig sein Leben lebt?
Der einzige Moment, in dem Frieden herrscht, ist im Moment der, wenn ich abends mit beiden Babys im Bett liege und beide gerade eingeschlafen sind. Nicht für lange, nie für lange, zwar schläft Boje durch, aber Jakob ist auch dank Erkältung in spätestens zwanzig Minuten wieder voll da, darum genieße ich diesen Moment im sanften Schummerlicht der Hasenlampe auf dem Nachttisch auch nach Kräften. Dieses Bild, zwei schlafende Babys, bei dieser warmen Beleuchtung wie aus Marzipan geformt, beide in meinem Arm, und Boje lächelt sogar im Schlaf: das präge ich mir ganz tief ein und trage es den ganzen Tag im Kopf wie ein Schutzamulett. Und darum freue ich mich jetzt schon morgens um sieben auf den Moment, wenn wir wieder schlafen gehen. (Sich aufs Ins-Bett-gehen freuen: das ist übrigens ein ziemlich zuverlässiges Anzeichen einer Depression, sagt man.)

Ach was. Meine Belohnung kommt. Ganz bestimmt! Und zwar bald. Spätestens in einem Jahr, wenn die zwei zusammen spielen, Adventskränze zerpflücken, beide in ihren Hochstühlchen sitzen und das gleiche Abendessen wollen, dann, dann wird es bestimmt ganz entspannt und fröhlich und harmonisch und lustig.

Yay!

Oder?

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Auf bessere Zeiten.

Halleluja: Jakob ist nach einem umtriebigen Vormittag gerade eingeschlafen, L. hat sich mit Lulu zum Spaziergang aufgemacht, und ich muss erst in einer Stunde los, um Boje aus der Kita zu holen. Himmlische Ruhe, nur durchbrochen vom geschäftigen Klackern meiner Tastatur. Dazu ein Glas Rotwein! Nein, gestrichen, einen Tee. Dann eben Tee.

Gestern nachmittag um drei hatte ich ein Gespräch in der neuen Kita. Dieses Gespräch war nicht das erste: wir hatten schon einen sehr ausführlichen Termin, als wir damals mit Boje noch im Bauch dort zu Besuch waren. Damals wurden uns die Räume und die Gruppen gezeigt, wir haben über Montessori gesprochen und über das, was wir uns von einer Kita erwarten. Dann hatte ich letzte Woche einen Termin bei der Leiterin der Kita, selbst Mutter von sechs Kindern, darunter keine Zwillinge oder Drillinge. (Was beeindruckend ist, aber mir im Moment die Haare zu Berge stehen lässt.) Und gestern hatte ich noch einen Termin, diesmal mit einer der Kindergärtnerinnen, die Bojes zukünftige Gruppe betreuen. Das Gespräch hat ungefähr eine Stunde gedauert. Es gab eine Menge Papier mit nach Hause, neben dem unterschriebenen Vertrag auch diverse Merkblätter, was die Kinder so brauchen und sollen und woran sonst noch zu denken ist, und einen Fragebogen für die Eingewöhnungszeit. Darin stehen solche Fragen wie z.B.: braucht unser Kind irgend ein Schnuffeltuch oder Stofftier, um zu schlafen? Nimmt es einen Schnuller? Hat es vor irgend etwas Angst? Hat es ein Lieblingswort? Was bedeutet das Lieblingswort? Wie nennt es Mama und Papa und andere wichtige Bezugspersonen? Was isst es gerne, was nicht? Usw. uwf.

In der jetzigen Kita rückte Bojes erster Tag näher und näher, und irgendwann fragten L. und ich uns: gibt es jetzt hier nicht noch mal ein Gespräch? Wann sollen wir denn wo sein? Ist jetzt alles unter Dach und Fach? Müssten wir nicht noch irgend etwas unterschreiben? Haben die überhaupt unsere Kontodaten? (Hatten sie, mussten sie aber dann noch zwei mal haben, und erst Anfang dieser Woche haben sie tatsächlich mal was abgebucht.) Wieso ist hier nicht mehr zu regeln? Irgendwann haben wir dann mal da angerufen, und die Verwirrung wurde nicht geringer, nach dem Motto "Was sind denn das für Fragen? Tja, was soll man dazu sagen? Hm, irgendwie bin ich da nicht zuständig, aber vielleicht ruft sie demnächst jemand zurück..." Letzten Endes haben wir am Freitag vor dem Kitastart erfahren, um wie viel Uhr wir Montags kommen sollen und wie es dann weiter geht. Letzte Woche habe ich aus einer SMS im Gruppenverteiler beiläufig erfahren, dass wir Eltern eigentlich Freitags immer den Beutel mit den Reservekleidern unserer Kinder aus der Garderobe mitnehmen sollen, weil übers Wochenende die Garderobe gründlich gereinigt wird. Auf ähnlichem Weg erfährt man überhaupt alles. Es gab einen Haufen Dinge, die uns die Kindergärtnerinnen irgendwann nach zwei Monaten mal gesagt haben, und das oft mit einem Gesichtsausdruck, dass ich dachte: Holla, da müssen wir ihnen ja echt schon eine Weile auf den Keks gegangen sein. Wir wussten es nur einfach nicht besser.

Spätestens seit gestern weiß ich, dass wir das Richtige tun. Ich hatte fast ein Tränchen im Auge, als sie erzählt hat, sie würden den Kindern nach dem Frühstück die Zähne putzen und sie würden lernen, den Tisch zu decken und abzuräumen. Drei Frauen betreuen zwölf Kinder, da geht so etwas wohl. Meinetwegen könnte Boje morgen da anfangen. Leider wird es jetzt wohl doch erst Februar, früher kommen wir aus der jetzigen Kita nicht raus. Die übrigens ab morgen erst mal wegen Durchfall komplett geschlossen wird. Danach habe ich die Betreuerin gestern auch gefragt. "Nö", sagte sie. "Ich bin jetzt seit anderthalb Jahren hier, es kam mal vor, dass mehrere Kinder gleichzeitig krank waren, aber das war dann nach zwei Wochen endgültig durch." Hier schlagen wir uns jetzt seit zwei Monaten mit diesem Mist herum, und alle meterlangen Diskussionen im SMS-Verteiler über Desinfektion ändern nichts daran, es hört einfach nicht auf. Unterdessen wird der Diskussionsstil im Verteiler giftiger und giftiger.

Februar! Ich freu mich auf Februar.

Dienstag, 9. Dezember 2014

War ja nur aus Marzipan.

Zwei Meter neben mir liegt Jakob in seinem Stubenwagen und ratzt. Kein Wunder, nachdem ich neulich gelesen habe, Brüllen wäre für Babys so ziemlich das Anstrengendste auf der Welt und er den ganzen Vormittag zerbrüllt hat. Ausgerechnet heute war die Hölle los auf dem Klumpfuß-Flur, man kam kaum durch vor lauter ulkigen Füßen in Maxi-Cosis. Um neun waren wir da, vor zehn Minuten sind wir wieder nach Hause gekommen. Und jetzt trinke ich erst mal einen Tee und atme aus. Eigentlich war es keine große Sache, aber die Nacht war anstrengend. ("Stillen Sie?" fragte der Gipsmann. "Denn dann kriegt das Baby beim Stillen schon Ihre Unruhe mit, kein Wunder, wenn die Nacht nicht so schön war." Irgendwie häufen sich die schlechten Nachrichten über das Stillen gerade. Und wieso wundert mich nicht, dass sie das auch diesmal wieder erst tun, wenn ich mittendrin bin und der Ehrgeiz mich längst in seinen Krallen hat?) Und der Capuccino aus dem Krankenhausautomaten bringt es nicht. Und die Aussicht auf diese vier Wochen, die der Gips jetzt dranbleibt. Und warten war noch nie meine Stärke. Dabei ging es ganz fix und hoffentlich auch schmerzlos: nach schier endlosem Warten auf dem Flur, Gipsmann und Ärztin fegten ständig in größter Hektik vor uns hin und her, zur einen Tür rein, zur anderen wieder raus, wie in einer Volkstheater-Verwechslungs-Komödie, wurde Jakob seinen alten Gips los und bekam ein Pflaster auf die Ferse. Das Pflaster enthält ein betäubendes Mittel, das eine halbe Stunde lang in die Haut einwirken konnte. Dann kam das Pflaster ab, die Ferse wurde gründlich desinfiziert, wir durften ihm noch ein Küsschen geben und wurden vor die Tür geschickt - während er erst noch eine lokale Betäubung bekam und dann der Schnitt gemacht wurde. Von drinnen blieb es verhältnismäßig ruhig, fast ruhiger als vorher auf dem Gang, wo Jakob die Wände zum wackeln gebracht hatte. Und dann durften wir wieder rein, es wurde gegipst, und da sind wir wieder. Der Gipsmann versicherte uns, er macht das jetzt seit elf Jahren, und noch nie hat der Schnitt sich infiziert. Ich habe beschlossen, diesmal nicht zu erzählen, wie oft ich aus Ärztemund schon den Satz gehört habe "Na sowas, das war noch nie!", sondern mich damit zufrieden zu geben und feste darauf zu vertrauen, dass wir nicht die Ausnahme sein werden. Am sechsten Januar sind wir wieder da. Und dann liegen die Gipse in der Vergangenheit, bis er sich irgendwann vielleicht mal beim Fußball die Haxen bricht.

Oder beim Ballett. Oder beim Yoga oder beim Voguing, klar. Mit deinen Füßen kannst du irgendwann alles, wirklich alles machen, was du willst, kleiner Jakob!



Montag, 8. Dezember 2014

1 Monat

Zwar ist Jakob schon seit drei Tagen einen Monat alt, aber was soll ich sagen? Was soll ich sagen. Wir waren zu müde, das Wochenende war zu voll, ich war zu leer, und vor drei Tagen hatte ich auch die Idee mit den Zahlen noch nicht. Es ist eine sehr nahe liegende Idee, und ich habe ewig gebraucht, um drauf zu kommen, was illustriert, wie müde genau ich gerade meistens bin.

Ursprünglich wollte ich die Zahlenidee von Holly klauen, Autorin von "Nothing but bonfires". Sie hat in jeder Schwangerschaftswoche ein Foto gepostet, in dem sie Zahlen hält, die der Schwangerschaftswoche entsprechen. Ich fand die Idee sehr hübsch und die Fotos auch. Die Zahlen habe ich im Bastelladen in der Europapassage gekauft, ein passendes Farbspray dazu, zwei Tage später schien die Sonne, und ich habe im Garten die Zahlen angesprüht. Dann kam es zum ersten Foto, und daran ist es dann auch gescheitert: ich bin schon damit überfordert, mit dem Telefon ein Selfie zu machen, auf dem ich nicht wie ein Vollhonk aussehe oder wie jemand, der denkt, aus dem Telefon kommt gleich ein Vögelchen und klaut meine verwirrte Seele. Das gleiche jetzt nochmal mit zusätzlich ein bis zwei Zahlen in der Hand - das wird nichts. Und L. war weniger heiß darauf, Fotos von seiner schwangeren Frau zu machen, als man das nach der Lektüre von Schwangerschaftsratgebern so denken sollte. Also sind die Zahlen in eine Blechdose gewandert und darin geblieben, bis ich die Blechdose vor ein paar Tagen brauchte, um Kekse hinein zu tun. Die Zahlen waren im Weg. Aber wegwerfen wollte ich sie auch nicht. Und dann - mit schildkrötenhafter Langsamkeit - hatte ich endlich die sich jedem anderen längst aufdrängende Idee, jeden Monat ein Foto von Jakob zu machen. Dazu gibt es dann einen Geburtstagspost.
(Ein bisschen schade, dass ich das bei Boje nicht gemacht habe. Aber Boje hat dafür in der Schwangerschaft viel mehr Posts bekommen. Und wir können ja mit ihm auch jetzt noch einsteigen, besser als nix.)

Also, tadaaaa, tatatatatatatatataaaaaa: erster Geburtstagspost für Jakob.



Und seit einigen Tagen gibt es wirklich etwas zu schreiben. Denn es tut sich etwas. Vor einer Woche war er noch eher ein Würmchen. Ein sich krümmendes, hilfloses, verlorenes, gespenstisch nach gar nichts greifendes und ins Leere guckendes Würmchen. Er war noch nicht richtig da: auch weil er so dünn und lang war, schien es manchmal, als wäre seine Haut ein bisschen zu groß für ihn. Als wäre der Rest von ihm noch nicht angekommen. Jetzt wache ich auf, und neben mir liegt kein Würmchen, sondern ein Baby, das mich anguckt. Bewege ich mich, guckt er mir hinterher. Nehme ich ihn auf den Arm, dann kuschelt er sich so tief wie möglich in die Kuhle zwischen Hals und Schulter und macht es sich gemütlich. Ich bilde mir sogar ein, er kann schon seinen Kopf alleine halten, jedenfalls guckt er sich munter im Zimmer um, wenn er auf dem Arm ist. Halte ich ihm die Hände hin, dann hält er sich fest, und zwar nicht nur reflexartig - nein, er greift nach mir, und es scheint, als wollte er mich daran hindern, wieder wegzugehen. (Armes Kerlchen, Du hast eine Mutter abbekommen, die es leider in sich hat, ständig irgendwo hinzugehen. Sie kommt zwar immer wieder, aber zum stillsitzen habe ich zu viele Hummeln im Hintern...) Er trinkt kräftig und wiegt schon 4.750 Gramm. Ohne Fläschchen geht es immer noch nicht, vor allem nachts, aber im Moment spielen die Fläschchen eher die Rolle eines Nachtischs, den er zwar eigentlich nicht mag, der aber zu einer kompletten Mahlzeit einfach dazu gehört. Er trinkt also bei mir, bis er fast satt ist, dann knöttert er und knöttert und knöttert, bis ich ihm ein Fläschchen mache, von dem er dann vier Schlucke trinkt und sich dann beruhigt schlafen legt. Also machen wir das jetzt so und sind damit zufrieden. Er bekommt Zehennägel, die schon den halben Weg bis zur Zehenspitze geschafft haben. Ich verbringe jeden Tag mindestens eine Viertelstunde damit, fasziniert seine Hände anzusehen: so lange Finger habe ich noch nie bei einem Baby gesehen, das hat er nicht von mir. Auch die Fingernägel sind perfekt, und die Länge reguliert sich bisher (außer an den Dracula-Daumen, vor denen ich mich ein bisschen grusele) von selbst, was zu lang ist, hängt schnell als feiner weißer Fussel herunter und kann einfach abgepflückt werden. Wimpern wachsen ihm! Noch sind sie ganz fein, fast durchsichtig, aber man kann sie schon fühlen, wenn man ihm übers Gesicht streicht.
Gestern habe ich mir noch mal die Fotos von seinem Füßchen angesehen und war ehrlich platt, wie schnell das jetzt ging. Nach der Geburt zeigte es im rechten Winkel nach innen, die Außenkante zeigte nach unten - nicht gut. Jetzt ist es schon so weit, dass es nach außen zeigt - eine Überkorrektur nennt man das, genau so soll es sein, denn der Fuß wird sich auch wieder ein kleines Stück zurückbiegen, und das gleichen wir im Voraus schon aus. Morgen kommt der letzte Korrekturgips ab, und was dann folgt, wird vermutlich für L. und mich deutlich härter als für Jakob: sie schmieren eine betäubende Salbe auf seine Ferse, und dann wird die Achillessehne durchtrennt. Sobald das aufhört zu bluten, kommt ein neuer Gips um das Bein, und der bleibt vier Wochen dran. Wird er abgenommen, dann ist die Sehne unter dem Gips wieder zusammen gewachsen, aber ein Stückchen länger - genau das fehlende Stückchen, damit er den Fuß ordentlich aufstellen und abrollen kann. Es klingt wie eine Schnapsidee, aber diese Schnapsidee funktioniert, wie uns versichert wurde. Der Gips macht mir Kummer: auch die Wochengipse sahen nach ein paar Tagen immer schon grauenvoll aus, bei Babys geht nun mal ab und zu was neben die Windel, Mutti ist ein Trampel, hygienisch geht anders. Und was, wenn sich unter dem Gips eine fiese Infektion entwickelt? Die Ärztin sagt, wir sollen uns keine Sorgen machen, und wenn wir uns doch zu viele Sorgen machen, dann sollen wir ihn ins Auto packen und nach Altona kommen. Jakob ficht das alles übrigens überhaupt nicht an: obwohl wir gewarnt worden waren, er könnte mit dem frischen Gips immer einen Tag lang knatschig sein, trägt er es wie ein Mann. Mein Junge!

Mein Junge.

Dienstag, 2. Dezember 2014

Ich kann mein Glück kaum fassen, Baby 1 ist in der Kita, Baby 2 schläft seit einer Stunde.

Darum gleich noch ein Post, hier hat sich einiges angestaut.

Eigentlich kann ich gut mit Bojes Kita-Damen. (Der Kita-Leiter ist eine andere Geschichte.) Die machen das toll: liebevoll, umsichtig, fröhlich, freundlich und mit viel Einsatz. Aber heute morgen waren sie etwas frostig. Und ehrlich gesagt kann ich sie verstehen.

Gestern hat L. beim Abholen unseren Kita-Platz gekündigt. Denn ab Januar oder Februar, je nachdem, wie schnell uns die Kita aus dem Vertrag lässt, kommt Boje nun doch in die Montessori-Kita. Letzte Woche kam der Anruf, dass jetzt ein Platz für ihn frei wäre. Ich hatte eine schlaflose Nacht (nicht, dass dazu mit der Stillerei noch ein zusätzlicher Anlass nötig wäre...) - egal, ich hatte eine wohlmöglich noch schlaflosere Nacht als sonst, in der ich darüber nachgegrübelt habe, was wir jetzt tun.

Einerseits ist Boje jetzt in seiner Kita eingewöhnt, er fühlt sich da wohl, er kennt die Kinder und die Erzieherinnen, die machen das gut, und es gibt wenig zu meckern. Mir mit meiner Harmoniesucht ist sowas außerdem immer unangenehm: zu jemandem, den ich eigentlich mag, hinzugehen und zu sagen, jetzt ist Schluss. Es wäre auf jeden Fall leichter gewesen, ihn einfach da zu lassen, wo er ist.

Andererseits glaube ich an das Montessori-Konzept. Boje hat seinen eigenen Kopf (genau wie vermutlich jedes andere Kind, nur ein bisschen mehr als manche), er macht gerne sein eigenes Ding - das kann er dort noch besser. Sie gucken sich jedes Kind für sich an und unterstützen es dabei, seine ganz eigenen Vorlieben und Talente besser zu entwickeln. Sie denken sich bei so ziemlich allem etwas, was sie tun uns lassen - das finde ich toll, das wird auch für jede Menge Reibungsfläche mit uns und vor allem mir sorgen, aber trotzdem: an sich bin ich sehr dafür. Die alte Kita bespielt und bespaßt die Kinder, die neue gibt dem Tag und dem Jahr Struktur, Feste und Rituale werden dort viel mehr zelebriert - es ist eine kirchliche Kita, es wird dort richtig Ostern, Weihnachten und St. Martin gefeiert. In der alten Kita singen sie zusammen "In der Weihnachtsbäckerei" und haben einen großen, goldenen Plastikweihnachtsmann vor der Tür, in der neuen malen sie Bilder von Engeln und singen "Tochter Zion", und das wird vielleicht manche wundern, aber ich bin mehr für Tochter Zion, Es ist ein Ros entsprungen und Kommet ihr Hirten. Und endgültig zur neuen Kita schlägt der Zeiger aus, wenn ich mal ein Jahr in die Zukunft denke: als Geschwisterkind kann Jakob selbstverständlich dort anfangen, und sie sind darauf eingestellt, dass manche Kinder mehr und andere Förderung und Hilfe brauchen. "Natürlich kann er bei uns Physiotherapie bekommen", sagte die Kindergartenchefin. "Das ist doch klar. Das bekommen bei uns viele Kinder." So viel hätte ich nie erwartet, ich wäre schon glücklich gewesen, wenn sie bereit wären, ihm eines Tages mal zum Mittagsschlaf seine Schiene anzuziehen. Montessori-Kindern wird immer viel zugetraut - ich traue jetzt Boje einfach mal zu, dass er auch in der neuen Kita Freunde findet und auch die neuen Kita-Frauen gern haben wird. Bestimmt wird es noch eine Weile Tränchen geben, wenn wir morgens mit der Karre an der alten Kita vorbei schieben und die paar Meter weiter in die neue müssen. Mir wird es ja auch leid tun. Mir tut es jetzt schon leid. Aber ich glaube trotzdem, wir machen das Richtige.

Wie sieht es aus, Mütter da draußen? Hat euer Kind mal die Kita gewechselt? Und wie lief das?

Neues von der Stillfront.

Mein Verhältnis zur angeblich simpelsten Form der menschlichen Ernährung ist kompliziert. Ich würde das gerne können. Ich bemühe mich auch redlich. Aber ich schaffe es einfach auch diesmal nicht, mein Traumland zu erreichen: das Land, in dem ich Jakob so zwischen acht und zwölf mal täglich (und nächtlich) anlege, er auf jeder Seite zwischen zehn und fünfzehn Minuten trinkt und danach satt und zufrieden ist.

Es kommt schon vor, dass er trinkt und dabei einschläft. Dass ich ihn dann in seinen Stubenwagen lege, hübsch warm einpacke und er eine Weile schläft. Es kommt nur leider so selten vor, dass es wie ein Hohn ist: als würde ich das Traumland auf der anderen Straßenseite sehen, zum Greifen nahe, aber die Wachleute lassen mich einfach nicht rein, und es gibt einen unsichtbaren Elektrozaun, die Sorte, die Hunde vom Verlassen des Grundstücks abhalten soll. Meistens läuft es im Moment eher so: ich lege ihn an, er saugt und nuckelt fieberhaft drauflos, nach ungefähr drei Minuten ist er eingeschlafen, und sobald ich ihn abstöpsele, brüllt er los. Lasse ich ihn aber, wo er ist, dann sitze ich da drei Stunden. Das geht nicht, ich habe noch ein anderes Kind. Die Hebamme hatte dazu gesagt, ich sollte ihn pro Seite nicht länger als zehn Minuten trinken lassen und zwischen den Trinksitzungen immer mindestens anderthalb Stunden Zeit verstreichen lassen, diese Zeit dann später auf eher drei Stunden steigern. Stillen nach Bedarf wäre Quatsch. Jetzt ist die Hebamme weg, ich habe immer noch Stillprobleme, und natürlich googele ich, ich bin auch nur ein Mensch. Meine Probleme mit den Stillproblemen und ihrer Lösung erinnern mich inzwischen an meinen auch nicht sehr glorreichen Umgang mit Diäten: irgendwann hatte ich in so viele Diäten mal halbherzig reingeschnuppert, dass ich für alles, was ich gerade essen wollte, die passende Diät finde. Ein Snickers abends um acht - na klar, mit Weight Watchers kann ich das wieder ausgleichen. Ein Teller Pasta zu Mittag - verträgt sich locker mit der Abends-keine-Kohlenhydrate-Regel. Ein riesiges Steak um kurz vor Mitternacht - Atkins! Yay! Usw. Die Lösung damals war einfach: entweder Schluss mit den Diäten, oder eine raussuchen, dabei bleiben und die anderen vergessen. Die Lösung diesmal ist es leider nicht. Ich habe schon bestimmt achtmal seit Jakobs Geburt mit aller Entschlusskraft, die ich trotz Müdigkeitsnebel aufbringen konnte, entschieden, dass ich es so mache, wie die Hebamme gesagt hat. Immerhin halte ich ja große Stücke auf sie und ihr Pragma. Wir waren uns doch einig! Aber dann kommt Jakob, und was soll ich sagen - ich schaffe es einfach nicht. Ich kann nicht mein Kind nach zwanzig Minuten trinken von der Milchbar nehmen und ihn mit Schunkeln und Gut zureden für die nächsten anderthalb Stunden bei Laune halten. Es klappt nämlich nicht. Das hier ist keine Diät, bei einer Diät bin ich die einzige Unbekannte in der Gleichung, ich muss nur durchhalten, dann ist alles gut. Hier ist noch jemand anderes im Spiel, jemand, dem man leider nicht den Sinn der Übung mit ein paar klaren Worten erklären kann, jemand, der nicht geschunkelt werden will und nicht beruhigt, sondern der jetzt verdammt noch mal trinken will. Wenigstens für zwei Minuten, dann will er schlafen, und zwar da, wo er gerade ist.

Und Fläschchen sind eine Lösung. Zwar macht mir die innere Stillpolizei ein schlechtes Gewissen, aber ich kämpfe dagegen an. Noch stille ich ihn mehrmals am Tag und in der Nacht. Aber ein paar Mal verschaffe ich mir die Freiheit, mal kurz zu schlafen oder mich um Boje zu kümmern, indem ich in die Küche gehe, ein sauberes, dampfsterilisiertes Fläschchen nehme, mit abgekochtem Wasser und Premilchpulver fülle und ihm das gebe. Davon trinkt er dann meistens nur einen Bruchteil und schläft ein. Von Saugverwirrung habe ich noch nicht viel bemerkt. Ich pumpe auch mal ab und gebe ihm das, damit die Fläschchen nicht den Milchnachschub sabotieren. Aber langsam sickert auch in mein widerspenstiges und stures Hirn ein, dass das Stillen und ich vielleicht einfach kein Traumpaar sind. Dass das nicht heißen muss, dass Stillen an sich ein großer doofer Mythos ist, sondern dass es sein kann, dass andere das 1a hinkriegen. Ich aber eben nicht. Das deprimiert mich ein bisschen. Aber nur ein bisschen. Ich habe nachgelesen, mit Boje lief es damals genau so. Ich hatte kurze optimistische Phasen, nach zwei-drei Tagen war das wieder verflogen, dann habe ich nach einer Lösung gesucht, es damit versucht und dachte kurz, jetzt klappt es - bis ich einsehen musste, dass auch damit das Stilltraumland noch nicht erreicht ist.

Aber ich frage mich schon, wieso? Bin ich zu ungeduldig? Sind andere Frauen damit zufrieden, wenn man ihnen sagt, jetzt warte doch noch mal vier bis acht Wochen ab, dann läuft das schon? Was machen die sonst noch anders? Wollen die das vielleicht noch mehr? Kommt mir mein Fusselhirn in die Quere, das zu jeder Idee immer gleich die Gegenidee liefert und überzeugend vertritt? Bin ich zu sehr an Premilch gewöhnt? Würde es helfen, den ganzen Kram von Fläschchen über Sterilisator bis hin zu Milchpulver gar nicht erst im Haus zu haben? (Oh Gott. Oh Gott.)

Tja. Jetzt ist es eben wohl so. Ich stille, wann ich kann und wann ich will (und wann er will, meistens jedenfalls), und wenn ich das Gefühl habe, jetzt geht auf diesem Weg nichts mehr, dann mache ich ihm ein Fläschchen. Genau wie schon bei Boje, mit dem ich dieses System auch bis in den vierten Monat durchgezogen habe, der später so gut wie alles gegessen hat und zumindest bisher keinen erkennbaren Schaden davongetragen hat. Ich muss jetzt einfach meinen Frieden damit machen und meine innere DDR-Turntrainerin, die grundsätzlich verlangt, dass ich alles hinkriege, zum Schweigen bringen. Das hier kriege ich eben nicht hin, jedenfalls nicht mit Bestnoten.

Vielleicht ist das auch der größte Mythos rund ums Stillen: dass es so etwas überhaupt gibt wie das Traumland. Dass es ein Stillparadies gibt, ein Reich der entspannten und glücksseligen Babies und Mütter, und wer einmal drin ist, der darf bleiben und es sich gemütlich machen. Vielleicht ist es ja immer so, dass man für ein paar Stunden denkt, jetzt wäre man endlich da, und dann geht der Stress wieder los. Vielleicht sollte ich einfach mal aufhören, drüber nachzudenken, mir eine Tasse Tee kochen, und wo ich schon dabei bin, gleich noch ein bisschen mehr Wasser abkochen für's nächste Fläschchen.

Harrrrrrrrgh.

Montag, 1. Dezember 2014

Schlute Zeiten, Gechte Zeiten. Erster Teil.

Kurz nachrechnen und voller Stolz feststellen, dass ich jetzt seit vier Tagen keine Premilch zugefüttert habe. Alles selbstgekocht! Und das Baby lebt! Und wächst! Und nimmt zu! Und macht sich in die Hose! Man kann es riechen.

Eine Stunde später entnervt eine Flasche Premilch anrühren, weil er trinkt und trinkt und trotzdem mit meinen Bordmitteln nicht glücklich zu machen ist.

Stillen mit dem strahlenden Boje daneben, der erst dem Kleinen über den Kopf streichelt und dann immer noch strahlend dazu übergeht, ihn kräftig in den Kopf zu kneifen, an seinen Haaren zu ziehen und sich mit vollem Gewicht an seinen Kragen zu hängen. Was mache ich dann? Ich sage nein. Ich sage nein und setze den mütterlichen Donnerblick auf, der laut dem französische-Nervensägen-Buch so wirksam sein soll. Ich sage, wenn du es jetzt nicht lässt, kommst du in den Stall (dabei kurz bedenkend, dass der Laufstall ja eigentlich nicht zur Strafkolonie werden soll), er zwickt weiter, und ich lege Jakob kurz ab und trage Boje ohne weitere Diskussion in den Stall, wo er brüllt. Und brüllt. Und brüllt.

Innerhalb von drei Wochen die Virenstämme Noro, Rota und Entero hier durchzuwinken und fünf Minuten nach der Abreise von Entero die ersten zarten Krümel an Bojes Wimpern zu entdecken, ein zuverlässiges Zeichen, dass er sich jetzt gerade meine Bindehautentzündung fängt und nächste Woche wohl wieder zuhause sein wird. Vermutlich durchgängig.

Bojes leuchtende Augen, wenn ich die erste Kerze am Adventskranz entzünde, und ihn hingerissen an einem Stück Berliner Brot nagen zu sehen - die stahlharten Kekse, die schon meine Oma gebacken hat, und die hoffentlich auch in hundert Jahren noch in dieser Familie untrennbar zu Weihnachten gehören. (Wer hätte gedacht, dass man sich mit einem so harten Keks so vollschmieren kann?)

Mich trotz Doppel-IVF-Erfolg immer noch bis zur Weißglut über die Firma Ferrero und ihre gedankenlose bis hinterfotzige "Was wäre Weihnachten ohne Kinder?"-Kampagne aufzuregen.

Die heißersehnte erste Tasse Tee des Tages nach einer völlig zerbrüllten Nacht jetzt zum achten Mal in die Mikrowelle zu stellen, vielleicht klappt es ja diesmal, sie wenigstens lauwarm zu trinken?

Mit L. die Sorte Streit zu führen, bei dem man sonst immer dachte, wenn ein Paar sich im Großraumabteil oder am Nachbartisch SO streitet, "Ach bitte, tut doch der Welt und vor allem euch den Gefallen und trennt euch, ist sicher besser so". Und zwar vor den Ohren der Kinder.

L. dabei zu sehen, wie er Flugzeug mit Boje spielt oder Fußball guckt mit dem schlafenden Jakob auf dem Bauch.

Einen offiziell aussehenden Brief zu öffnen und verblüfft festzustellen, dass Jakob jetzt immerhin schon eine Steuernummer hat. Gut zu wissen, oder?

Siebzehn noch in Zellophan verpackte DVDs, die ich noch vor Kurzem unbedingt haben musste und jetzt vermutlich erst dann angucken kann, wenn man DVD-Player nur noch auf ebay bekommt unter Stichworten wie "Vintage! BOHO! Kate Moss!"

Jedes Mal, wenn Pläne für irgend etwas Spannendes oder Lustiges in der Zukunft gemacht werden, als erstes zu denken "Das schaff ich nicht. Das schaff ich nie. Wie soll das gehen? Das geht nicht. Nicht mit zwei Babies."

Die drei Meter lange Textstrecke im Kita-Verteiler zu folgendem Thema: die Kita kriegt den Durchfall nicht in den Griff. Jetzt soll im Foyer in anderthalb Metern Höhe ein Pumpspender stehen, mit dem sich bitte alle Eltern beim Kommen und Gehen die Hände desinfizieren. Aber was, wenn das Desinfektionsmittel in die Augen der Kinder spritzt? Ist es nicht schädlich, wenn man mit chemisch desinfizierten Händen kurze Zeit später sein Baby berührt? Ruiniert das Sagrotan unser Immunsystem? Sind die von der Kita verwendeten Reinigungsmittel nun zu scharf oder zu schwach? Gibt es da nichts Homöopathisches?

Und dabei zu denken, wir können uns hier alle einen Wolf desinfizieren und SMSen, so lange unter all diesen Kita-Eltern nur ein Paar ist, das es einfach nicht raffen kann oder nicht raffen will und weiterhin dem Kleinen noch fünf Minuten vor Aufbruch die durchgesuppte und zum Himmel stinkende Windel wechselt, ein wenig Raumspray versprüht, ihn trotzdem in die Kita bringt und sich schnellstmöglich mit abgeschaltetem Handy entfernt.

Die knallroten Blutergüsse in Jakobs Augen, die noch von der Geburt stammten und die seit ein paar Tagen verschwunden sind. So dass er jetzt einen ganz klaren, wachen Blick hat. Und Wimpern wachsen ihm jetzt auch.

Das Kunststück zu schaffen, mit zwei Kindern im Arm abends im Bett zu liegen, alle drei satt, gewaschen und in sauberen Pyjamas, und dann zu hören, dass beide friedlich und ruhig atmen und schlafen. Endlich.

Mich dann nach einer Weile wieder nach unten zu schleichen und noch schnell das Legotrümmerfeld vom Tag zu beseitigen. Die dreckigen Lätzchen in die Wäsche zu tun, die Fläschchen zu spülen und in das Dampfdings zu stellen, den Spinat vom Tisch zu wischen und das Hochstühlchen gleich mit zu kärchern, die Bauklötze in den Bauklotzsack zu tun, die Plüschtiere in die Plüschtierschublade, und dann sieht es hier fast aus wie bei normalen Menschen.

Mit dem riesigen Geschwisterwagen durch einen Supermarkt zu schieben und von einer fremden alten Dame mit Grabesmiene angesprochen zu werden: "Na, das ist ja eine Doppelbelastung. Sie Arme, Arme, Arme. Herrje."

Zu sehen, wie Boje zehn Minuten lang hingerissen mit einem bunten Herbstblatt spielt.

Diesen Dienstag schon den vierten Gips an Jakobs Bein zu bekommen und zu sehen, wie gerade sein Füßchen jetzt schon aussieht. Wenn wir nicht die Erinnerungsfotos hätten, würden wir es in ein paar Wochen selbst nicht mehr glauben, wie krumm das alles mal war.

Bojes erste Schritte. Neben der blauen Truhe ist er aufgestanden und bis zu L. auf dem Sofa gelaufen. Zwei Meter fünfzig! Einfach so, nachdem wir es seit Monaten mit allen Tricks vergeblich versuchen. Und ich habe es noch nicht mal gesehen, weil ich nebenan gesessen und Jakob gestillt habe.

Mittwoch, 19. November 2014

Jakob, sein Bruder und die Viren.

So ungefähr vorletzte Woche habe ich die unverzeihliche Dummheit begangen, zu Bojes Kindergartentante zu sagen: "Das ist ja wirklich toll, noch vor ein paar Monaten kamen auf einen Tag Kita zwei Tage krank, und jetzt geht Boje schon seit bestimmt sechs Wochen jeden Tag und ist kerngesund! Ich glaube, wir sind virenmäßig übern Berg."

Mütter kleiner Kinder werden sich an den Kopf fassen. Ich tue es ja auch. Why oh why? Letzte Woche Montag und Dienstag war Boje wieder in der Kita, fröhlich ging er hin, fröhlich kam er zurück, und wenn das Telefon während des Vormittags klingelte, dann hatte uns der Anrufer immer nur Dinge ohne jeden Dünnschissbezug zu sagen. Wir hatten schon das Zusammenzucken verlernt, das andere Kitaeltern mit jedem Telefonklingeln verbinden. Ha!

In der Nacht zum Mittwoch hat Boje sich so gegen zwei Uhr im großen Strahl ins elterliche Bett übergeben und brach in Tränen aus. Seitdem ist unser Leben irgendwie so ganz anders, als man sich das Idyll mit zwei kleinen Kindern in der tiefsten Kinderwunschzeit vorgestellt hat. Erst hat Boje zwei Tage lang gekotzt. Dann kam der Dünnschiss dazu. Alle 60 Minuten war ein komplett neues Outfit fällig, samt neuem Wickelkommodenbezug und am besten noch neuem Nervenkostüm für uns. Dann fing L. an, über Kopf- und Gliederschmerzen und Magenkrämpfe zu klagen, und zog sich ins Bett zurück. Zum Glück war meine Mutter noch da, die seit der Geburt unser rettender Engel war. Dann wachte ich morgens auf mit Durchfall und Erbrechen. Dann hat es auch meine Mutter erwischt, am unverdientesten von uns allen. Es war nicht schön. Es war so unschön, dass ich noch nicht mal drüber schreiben wollte, denn das hätte es irgendwie noch schlimmer gemacht. Meine Mutter schlug sich weiter tapfer durch und sagte, sie würde noch so lange bleiben, bis Boje wieder in die Kita könnte. Heute morgen war es so weit, gestern Nachmittag ist sie begleitet von unseren Segenswünschen abgefahren. Um viertel nach acht hat L. mit dem seit Samstag Durchfallfreien Boje im Kinderwagen das Haus in Richtung Kita verlassen. Um viertel nach neun klingelte das Telefon: Boje hat Durchfall und muss abgeholt werden. Und laut Kitaregeln darf er damit den Rest der Woche auch nicht hin. Wir gehen am Stock. Jakob ist zwar als einziger gesund geblieben, aber im Stillen ist jetzt der Wurm. Obwohl es ganz gut lief, hat mein Magen-Darm-Virus eine kleine Krise verursacht, denn wo oben nichts reinkommt, kann vorne auch nichts rauskommen, und wir mussten zufüttern. Jetzt saugt er nicht mehr richtig und ist auch mit den Hütchen nicht so richtig glücklich. Ich weiß schon, was ich zu tun hätte, aber ich bin zu müde. Ich träume von einer Nacht, einer einzigen Nacht, in der ich acht Stunden schlafen kann, ungestört, in einem sauberen, großen, bis auf mich leeren Bett, frisch bezogen, mit einer Flasche Mineralwasser auf dem Nachttisch und meinem Kindle in Griffweite, das Fenster auf Kipp und die Decke bis an die Nasenspitze. Dieser Traum wird sich so schnell nicht erfüllen. Nicht, so lange hier täglich zwei Maschinen randvoll mit vollgeschissener Kinderwäsche laufen. Nicht, so lange wir Boje alle Nahrungsmittel abschlagen müssen, die er gerne mag. Nicht, so lange er deshalb die Nächte durchjault, weil er nicht versteht, dass seine gewohnte nächtliche Premilch gerade nicht geht. Nicht, wenn wir uns selbst vermutlich gerade die zweite Runde Virenspaß einfangen. Nicht, so lange L. eigentlich mit Hochdruck auf eine anstehende Prüfung lernen müsste. Nicht, so lange die beiden Knirpse nicht gelernt haben, sich nachts selbst ein Brot zu schmieren, wenn sie Hunger haben, oder eben einfach noch ein paar Seiten Harry Potter zu lesen, wenn sie nicht schlafen können. Dann vielleicht. Dann irgendwann.

Dienstag, 18. November 2014

Jakob und sein Bruder.

Vor dreizehn Tagen ist Bojes Mutter mitten in der Nacht aus dem Bett gestiegen und hat angefangen, in regelmäßigen Abständen zu stöhnen und herumzubrüllen. Dann musste Boje auch aus dem warmen Bett, sich anziehen, mit seinen Eltern ins Auto steigen und in ein riesiges Gebäude fahren, in dem sie durch endlos lange Gänge gelaufen sind. Immer noch mit der brüllenden und fauchenden Mama. Dann ist Mama in ein Zimmer verschwunden, und Boje durfte nicht mit. Und als er eine Weile später doch rein durfte, war Mama (die in letzter Zeit ganz schön zugelegt hatte, wenn wir mal ehrlich sind) plötzlich weniger dick, dafür ziemlich kaputt, und auf ihrem Bauch lag ein schrumpeliges kleines Wesen, das aus vollem Hals brüllte. Das Schrumpelwesen ist seitdem nicht wieder weggegangen, und Mama hat jetzt viel weniger Zeit. Ist sie mal im gleichen Zimmer, hat sie meistens Schrumpi auf dem Arm und lächelt ihn sonnig an. Schrumpi benutzt aber nicht nur die gleiche Mama wie Boje, sondern auch die gleiche Wickelkommode, das gleiche Bett, den gleichen Papa, die gleiche Oma und manchmal das gleiche Fläschchen (auch, wenn das jetzt angeblich aufhören soll).

Da kann man schon mal etwas schmallippig werden, finde ich.

Zum Glück sieht Boje das wohl anders. Kommt Jakob in Sicht, dann robbt er strahlend auf ihn zu, streicht ihm zart über den Kopf und sagt "Ei". Grinse ich ihn daraufhin wohlwollend an, macht er das noch ein paar mal, und erst nach einer halben Minute (oder so) zieht er ihn mal vorsichtig am Ohr oder am Strampler. Das darf er nicht, ich sage "Nein", und dann lässt er es. Davon abgesehen scheint er bemerkenswert wenig Fusselhirn geerbt zu haben. Er kriegt jetzt einen kleinen Bruder, das ist doch toll! Jemanden zum gernhaben, der später mal mit ihm spielen kann! Das scheint ihm wirklich ziemlich klar zu sein. Doll. Und ich dachte... aber was ich denke und was passiert, sind ja schon seit langem zwei Paar nicht kompatible Schuhe.

Bleibt das jetzt so? Vermutlich nicht. Aber so lange es so bleibt, genießen wir es wie einen unverhofften gleichzeitigen Mittagsschlaf oder zwei Stunden ungestörte Nachtruhe.

Donnerstag, 13. November 2014

Jakob und das Stillen.

Gerade komme ich aus dem Schlafzimmer. Zum vierten Mal heute habe ich Jakob gestillt, er hat gut getrunken, zehn Minuten links, sechs Minuten rechts, jetzt schläft er zufrieden, uns geht's gut.

Der Unterschied zwischen Stillkrampf und Stillglück wiegt in meinem Fall ungefähr 5 Gramm und kostet keine neun Euro: Stillhütchen.

Wir erinnern uns: mit Boje, der Muttermilch und mir war es nicht immer leicht. Und es wurde auch nicht leichter durch das Eingreifen meiner Hebamme. Ich wollte stillen, auch wenn sie mir das immer wieder mal unter- mal ziemlich oberschwellig abgesprochen hat. Nach ihrer Auffassung können 99% aller Frauen problemlos stillen, alles andere sind vorgeschobene Probleme, die nur verschleiern sollen, dass man es im Grunde nicht ernst meint.

Meine neue Hebamme ist da so ganz, ganz anders. So anders, dass ich sie küssen könnte, und die Chancen stehen nicht schlecht, dass ich das auch noch tue, wenn mich demnächst mal meine Gefühle übermannen, was ja bei uns jungen Müttern angeblich schnell passiert. Kann ich dann auch nichts zu.
Seit dem fünften Tag habe ich ordentlich Milch, der Kleine hat auch Hunger, wenn er nicht gerade schläft (was er fast den ganzen Tag lang tut), bisher ist nichts entzündet oder gestaut oder sonstwie blöd - nur Andocken klappte auch diesmal wieder gar nicht. Zehn Minuten soll ich pro Seite höchstens stillen. Um auf diese zehn Minuten zu kommen, musste ich bis vorgestern nur leider zum Teil 45 Minuten lang andocken. Ich habe alles beherzigt, was mir gesagt wurde. Ich habe es mit dem Kind in der Armbeuge versucht und mit dem Kind im gegenüberliegenden Arm (worunter sich jetzt kein Mensch was vorstellen kann, aber sei's drum). Ich habe es im Liegen versucht. Ich habe gestopft und angelockt. Ich habe gezwirbelt und nicht gezwirbelt. Ich habe seinen Kopf in den Nacken gedrückt und ihn suchen lassen. Ich habe... ach was, ist ja auch egal, ich saß jedenfalls Tag und Nacht mehrere Stunden schwitzend und zusehends verzweifelt da und habe vergeblich versucht, unser beider Not zu lindern, indem er endlich, endlich richtig saugt - seinen Hunger und meinen wachsenden Überdruck. Hat es dann geklappt, hat er oft genug vor lauter Verblüffung zwei Schlucke getrunken, wieder losgelassen, und alles ging von vorne los. Zwar waren die Momente, wenn es dann wirklich klappte, wie mit einem Heiligenschein umkränzt - aber sie waren so scheußlich schwer zu erreichen. Wer behauptet, ich hätte einfach nicht gewollt, hätte mich mal sehen sollen. Nichts wäre einfacher gewesen, als ihn nachts um drei kurz beiseite zu legen, in die Küche zu gehen, ein sauberes Fläschchen Premilch fertig zu machen und uns beiden ein bisschen Ruhe zu verschaffen. Und fast nichts wäre einfacher gewesen, als abzupumpen und ihm das dann per Fläschchen zu geben. Oder per Spritze. Oder wie auch immer. Aber ich dachte immer, andere können das doch auch! Zerfix! 99% sogar! Ausnahmsweise könnte ich doch mal zu den 99% gehören und nicht zu dem 1%!

Ich habe meiner Hebamme gestern davon erzählt. "Das gucken wir uns jetzt mal an", sagte sie. Ich versuchte, ihn anzulegen, sie guckte. Dann sagte sie die erlösenden Worte: "Das ist alles ziemlich flach bei Dir, und dann die viele Milch, da kommt er nicht richtig ran, Jungs tun sich da sowieso schwerer als Mädchen. Das machen wir euch beiden jetzt ein bisschen leichter, du kaufst Dir Stillhütchen in Größe M von Medela, dann klappt das."

Eine Minute nach ihrem Abmarsch war ich auf dem Weg in die Apotheke, eine Viertelstunde danach zurück, und nach ihrer Anweisung läuft es jetzt folgendermaßen. Ich lege ihn an. Saugt er, ist alles gut. Saugt er nicht, dann fackele ich nicht lange, sondern lege das Hütchen auf. Die Hütchen sind zwei kleine Sombreros aus dünnem Silikon, wie Kontaktlinsen für Stielaugen ungefähr, hergestellt in der Schweiz und ausgeliefert in einem kleinen, gelben Plastikschatüllchen. Täglich streichele ich mehrfach liebevoll über diese Schatulle, in der sich meine neuen Lieblingsgegenstände in diesem Haushalt befinden. Zurück zum Thema: Mit dem Hütchen klappt das Saugen, und zwar sofort. Wirklich sofort. Hütchen drauf, zwei Sekunden später trinkt Jakob in großen durstigen Schlucken. Das lasse ich dann so zwei Minuten laufen, dann ziehe ich ihm das Hütchen unter der Schnute weg, ungefähr so, wie ein Zauberkünstler ein Tischtuch unter dem Sonntagskaffeeservice wegziehen würde. Im besten Fall saugt er ohne Hütchen weiter. Links läuft das fast immer so. Rechts ist es noch etwas schwieriger, da muss das Hütchen oft noch mal ran, aber dann, zwei Minuten später, klappt es. Den Rest der zehn Minuten trinkt er dann ohne Hütchen. Ich kraule seine Hand, damit er nicht einschläft, und gucke entspannt nach draußen in die herbstlichen Bäume. Nach zwanzig Minuten sind wir mit beiden Seiten durch.

Aber... aber...

Hier wären einige Einwände von meiner alten Hebamme denkbar (und nicht nur denkbar, damals hatte ich das mit den Hütchen auch mehrfach vorgeschlagen, aber sie hat es immer mit einer Batterie von Argumenten streng verboten):

"Aber durch das Hütchen verliert das Kind doch den Kontakt zu deiner Haut und wird dir fremder!"
Nö, ehrlich gesagt, nö. Der Sombrero hat eine breite Aussparung in der Krempe, die soll dahin, wo Jakobs Nase ist. Mit der ist er also direkt auf meiner Haut. Und den Löwenanteil der Stillzeit hat er ja direkten Komplett-Hautkontakt.

"Er verlernt so doch mit Sicherheit das Saugen!"
Auch nicht. Ich finde sogar, in der Saugezeit ohne Hütchen saugt er jetzt besser als jemals vorher. Wir sind beide weniger auf 180 und weniger frustriert, daran könnte es auch liegen.

"Aber wenn das Stillen so Zack-Zack geht, verliert ihr wertvolle Kuschelzeit!"
Im Gegenteil. Wir sparen jetzt die Zeit, die ich vorher mit entnervtem Rumstoppeln und Gewürge bis zum Andocken verbracht habe. Die Zeit können wir schön hinten an die Stillzeit dranhängen und kuscheln, bis wir blau sind, wenn wir das wollen - ganz entspannt und satt und zufrieden.

"Stillen ist doch die natürlichste Sache der Welt, ich verstehe nicht, wieso dazu ein Stück Plastik nötig sein soll. Er kann das ohne, du auch, du musst nur wollen!"
Gewollt habe ich das jetzt lange genug, hat aber trotzdem nicht funktioniert. Und ganz ehrlich, alte Hebamme: unter deiner Regie hatte ich am Ende zum Stillen eine Batterie aus Milchpumpe, Milchpumpen-Ersatzfläschchen, Spritzen, Medela-Fläschchen mit Vakuum-Saugern und fast auch noch ein Brusternährungsset angehäuft, die alle viel Platz weggenommen haben, viel Geld gekostet haben, mit viel Aufwand gespült und dampfsterilisiert werden mussten und heute noch eine ganze Kiste im Kinderzimmerregal füllen, auch wenn ich inzwischen nicht mehr weiß, wozu. Da sind zwei so kleine Hütchen in ihrer gelben Schatulle, die ich laut neuer Hebamme auch mal einfach nur mit heißem Wasser abspülen darf, ja wohl ein Scherz.

Und in zwei-drei Wochen spätestens, wenn Jakob und ich noch ein bisschen fitter sind mit dieser supernatürlichen Ernährungsform, dann können wir die Hütchen vermutlich auch ganz weglassen.

Dreimal Hurra für die neue Hebamme!