Dienstag, 17. März 2015

Zwölf Minuten und 27 Sekunden zum Posten. Mehr kann man nicht verlangen gerade.

Ich muss etwas gestehen. Vor ca. zehn Jahren, als ich weder Kinder hatte noch mir welche gewünscht habe, war ich auch so eine: wenn ich mit jungen Müttern in Elternzeit zu tun hatte, dann dachte ich, klaaaar hat die Stress. Muss das stressig sein, das alles zu organisieren: Kinder anziehen, mit der Karre durch die Läden schieben und überall im Weg sein, und dann die vielen Milchkaffees mit den anderen schicken Mamis, das viele Koffein, uiuiuiui...

Wenn es jetzt gerade mal sehr dicke kommt, dann weiß ich, das ist die gerechte Strafe für solche Vorurteile. Nach Jahren in einem Job, in dem nicht selten 80-Stunden-Wochen für 40-Stunden-Bezahlung erwartet wurden, habe ich den direkten Vergleich. Und Job ist einfacher. Bestimmt gibt es auch Mütter von Babies, die eigentlich immer nur schlafen, und das über Monate hinweg, genau so lange, bis sie alt genug sind, um den ganzen Tag stillvergnügt mit ihren rosigen Fingerchen oder ihrer Rassel zu spielen. Ganz sicher gibt es die! Ich bin leider keine davon. Und die lange Postpause liegt auch nicht daran, dass ich keine Lust mehr habe oder das Laptop bei meinen Milchkaffee-Ausflügen lieber zuhause lassen wollte wegen der Temperaturunterschiede, Kondensschäden, wisst ihr Bescheid. Sondern ich habe es einfach nicht geschafft. Im Kühlschrank liegt seit drei Wochen eine unangetastete Flasche Rosé, den hab ich mir im Internet bestellt und hätte ihn gerne mal abends probiert. Auf dem Festplattenrekorder stapeln sich die alten Barnaby-Folgen, und die ersten drei Staffeln "Agentin mit Herz", meine Lieblingsserie aus den 80ern, die ich kurz nach Silvester aufgenommen habe, sind auch noch nicht angerührt. Tut mir leid, lieber L., wir können unser Entertain-Paket nicht kündigen, bevor nicht die Kinder aus dem gröbsten raus sind und ich mir das endlich angesehen habe. Was erzähle ich von Agentin mit Herz? Die fünfte Staffel Downton Abbey ist immer noch in Klarsichtfolie eingeschweißt.

Damit zu den Jungs.
Jakob rollt und legt auf diese Weise ziemlich lange Strecken in ziemlich kurzer Zeit zurück. Das weiß ich seit letzter Woche, da lag er mittig auf einer großen Matratze, die ihrerseits zum Glück auf dem Fußboden lag, während ich mir im Bad nebenan die Haare gebürstet habe - 30 Sekunden lang. Als ich zurück kam, lag er einen Meter neben der Matratze und sah sich neugierig im Zimmer um. Er hasst es immer noch, in seinem Stubenwagen zu liegen. Lege ich ihn trotzdem mal ab, dann macht er sich sofort daran, aufwärts zu robben und seinen Kopf an die Gitterstäbe zu pressen, so fest er kann. Befestige ich ein Nestchen, um Beulen zu verhindern, wurschtelt er das Nestchen wieder ab und wickelt sich hinein. Er ist immer noch am glücklichsten auf dem Arm. Dort kann er aber nicht endlos bleiben, denn erstens wird er immer schwerer, zweitens hat er sich angewöhnt, seine Hände unentwirrbar in meine Haare zu verstricken und daran zu ziehen und zu kauen, und drittens weil darum. Unsere ganze Hoffnung ruht auf dem Termin in der Kinderorthopädie nach Ostern. Wenn alles gut geht, dann sind sie mit seinem Fuß zufrieden, und er muss ab dann die Schiene nur noch 14 Stunden am Tag tragen, so dass er mehr Zeit mit strampeln, rollen und robben verbringen kann, was glaube ich in seinem Sinne wäre und ihm endlich ein Ventil für all die Energie geben würde, die er jetzt ins Brüllen steckt. Abwechslung gibt es jetzt aber auch aus einer anderen Ecke: seit Freitag bekommt er einmal am Tag Gläschen. Bisher nur Möhre, heute versuche ich es mal mit Kürbis. Er hat gestaunt und war anfangs skeptisch, aber dann bei Löffel Nr.3 fand er es gut. Ich stille außerdem immer noch, und zwar aus Erschöpfung. Die Nächte sind immer noch schwierig, und im Moment erscheint es mir, dass Stillen die einzige Möglichkeit ist, ein bisschen Schlaf zu bekommen: fängt er an zu knöttern ("anfangen" ist in diesem Zusammenhang irreführend, er hört nämlich eigentlich nicht auf), dann lege ich ihn an, er trinkt, und ich kann noch ein paar Minuten weiter schlafen. Leider reicht die Menge nicht, um ihn länger bei Laune zu halten als eine knappe Stunde. Dafür muss ich nicht aufstehen und in die Küche gehen. Irgendwann demnächst werde ich trotzdem abstillen, dann folgen ein paar wilde Nächte, und dann schaffen wir hoffentlich die Umstellung - pro Nacht ein paar Minuten gähnend und barfuß auf kaltem Küchenboden, während ein Fläschchen mit 150 ml abgekochtem Wasser in der Mikrowelle kreist und von oben forderndes Knöttern zu hören sein wird, und dafür zwischendurch eine, zwei oder - Keuch! - sogar drei Stunden Schlaf am Stück. Im Moment hasst er Fläschchen noch, egal wie hungrig er ist. Andererseits hasst er so Einiges, und das meiste davon muss er trotzdem ab und zu ertragen - liegen, Windel wechseln, Strampler anziehen sind nur einige Beispiele. Ich weiß, man soll seine Kinder nicht miteinander vergleichen, und mit dem schiefen Fuß hat Jakob einiges gegen sich, aber Boje war deutlich sanfter zu meinen Nerven.

Bojes Vokabular im Moment, bevor wir das vergessen und durcheinanderbringen:
Mama, Papa, Oma, Opa
Douu (Jakob)
Lila (Lili)
Mehr
Teets (Keks)
Nomma (Nochmal)
Auto
Tiiiit (Guten Appetit)
Toof (Brot)
Toast (extrem britisch ausgesprochen und sehr niedlich)
Täse (Käse)
Isch ich isch isch isch (Fläschchen, will er neuerdings wieder, weil er beschlossen hat, dass man es als Baby in diesem Haushalt besser hat und er darum auch wieder ein Baby sein will)
Nane (Banane)
Atschszzpffffsch (Apfel und Birne)
Mo (Mund)
Nase
Aua (Auge)
Oa (Ohr)
Haa (Haar, Hand, Hase)
Tita (Kita)
Aam (Auf den Arm! Jetzt!)
Baby
Teletaaa (Telefon)
Tür auf





Freitag, 20. Februar 2015

Wird. Bestimmt, oder?

Einige Dinge lernt man mit der Zeit. Dazu gehört zum Beispiel, mit einem einzigen zarten Feuchttüchlein eine erstaunliche Menge Dünnschiss zu entfernen. Oder am Geknötter zu erkennen, ob Hunger, Kälte, Weltschmerz, Langeweile oder Müdigkeit das Problem ist. Oder Dinge mit Kind auf dem Arm mit einer Hand zu erledigen, für die man früher drei gebraucht hätte. Oder die Bude abends innerhalb von fünf Minuten zumindest oberflächlich betrachtet wieder so hinzuräumen, dass sich Erwachsene dort wohl fühlen können. (Und sich in trügerischer Sicherheit vor Kinderkram wiegen. Gerade bin ich in die nur schummerig beleuchtete Küche gegangen und habe mich dann mit einer Schüssel Heringssalat in der Hand hingepackt, weil ich auf Bojes Rutscheauto getreten bin, das ich aber ansonsten sehr empfehlen kann. Es ist ein italienisches Auto der Firma Italtrike, und es ist so ungefähr in jeder Hinsicht besser als ein Bobbycar: völlig geräuschlos, mit einem Gummirand zum Schutz von Möbeln, Türrahmen und Elternschienbeinen und extrem wendig. Eine Transportbox für Schätze hat es auch. Der Heringssalat hat sich auf einer Fläche von vier Quadratmetern verteilt.) Andere Dinge dagegen kriege zumindest ich wohl nie hin. Kein schlechtes Gewissen zu haben, egal weswegen. (Kind ausgeschimpft wegen ausgeleerten Müeslis: schlechtes Gewissen wegen Hartherzigkeit und trauriger Kinderaugen. Kind Müesli ausleeren lassen: schlechtes Gewissen wegen Erziehungsfaulheit und Prinzipienlosigkeit. Usw. usf.) Einen ganzen Tag zu überstehen, ohne ein Kind mit dem Namen des anderen anzusprechen. Oder einen ganzen Tag zu überstehen, ohne dass Boje mindestens einmal mein Telefon in den Fingern hat, von meinem Teller isst oder aus meinem Glas trinkt, oder zwei verschiedene Socken anhat.

L. hat für 2015 einen Jesper-Juul-Abreißkalender gekauft, der uns jeden Tag mit einer anderen Erziehungsweisheit beglückt, und wenn er den Spruch des Tages vorliest, denke ich meistens nur patzig "Wäwäwäwäwä", "Jesper Jesper Polyester" oder etwas ähnlich Unseriöses. Andere verinnerlichen das alles sofort und setzen es auch mit links gleich in die Tat um! Ich aber nicht. Lange Zeit fühlte es sich trotz vollgeschriebenen Mutterpasses, nächtlichen Gebrülls und Milchstaus so an, als würde aus mir nie eine Mutter werden. Ich war so lange keine, vielleicht ja deshalb. Bis ich vor ein paar Tagen zum Einkaufen geschoben bin und zufällig mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe gesehen habe: Frau mit dunkelblauem Parka, enger Jeans, Uggboots, Häkelmütze, Doppelkinderwagen und zackigem Gang. Und da hat es mich wie ein Schlag getroffen: ich bin eine Hamburger Mutti. Bzw. diese Hamburger Mutti, das bin dann wohl ich.

Ok, bevor Jakob wieder losbrüllt, schnell die Themen:

Bojes neue Kita
Es ist nicht zu fassen, aber nach anfänglichem Schneckentempo hat Boje seit gestern offiziell die eigentlich vierwöchige Eingewöhnungsphase hinter sich. Jeden Tag geht er jetzt von neun bis drei in die Kita, und wir sind begeistert. Dort nehmen sie alles, wirklich alles, ganz genau. Die Stärken dieser Kita liegen mit anderen Worten genau an den Stellen, an denen ich meine Schwächen habe. Und das gibt mir das Gefühl, ob zu Recht oder zu Unrecht, jetzt wird alles gut. Jakob ruft nach mir, bisher ist es nur so ein diffuses Gemecker, aber gleich könnte mehr draus werden, deshalb im Schweinsgalopp weiter.

Jakob
Jakob hat seit ein paar Tagen bemerkt, dass er einen großen Bruder hat. Pflanzt sich Boje vor ihm auf und zeigt ihm, wo seine Ohren, Augen, Mund und Nase sind, dann strahlt Jakob ihn hingerissen an. So ein Lächeln habe ich von ihm noch nie bekommen, und Boje lächelt zurück. Diese Momente können für eine Menge zerbrüllte Nachtruhe entschädigen, auch wenn sie nichts gegen die Augenschatten ausrichten. Ich habe außerdem gestern mal meine Badezimmerkommode aufgeräumt und festgestellt, dass ich noch für 24 Tage Femibion II habe, das stinketeuere Vitamin-Präparat für Schwangerschaft und Stillzeit. Ich habe jetzt mal so vage beschlossen, wenn die Tabletten aufgebraucht sind, stille ich ab. Jetzt sind fast vier Monate um und damit mehr Zeit, als Boje insgesamt hatte. Es läuft nicht schlecht, aber es reicht immer noch nicht - ohne Fläschchen geht es nicht ganz. Und zwar genieße ich die kleinen Pausen, die Jakob und ich zusammen haben können, wenn es irgendwie drin ist, mich mit ihm zum Stillen nach oben ins Bett zu verziehen. Aber diese Pausen sind dünn gesät, und auf dem Sofa oder im Sessel ist es wirklich nicht leicht, weil er erstens so groß ist und zweitens durch die Schiene so steif. Außerdem würde ich gerne irgendwann demnächst mit den ersten Breichen anfangen, und spätestens dann ist Schluss. Ich habe das Gefühl, wir sind so weit, das hinter uns zu lassen. Bevor eine findet, das klänge jetzt so, als hätten wir auch unsere Probleme hinter uns gelassen: haben wir nicht. Er brüllt, ich gähne. Aber auch gähnend sind seit dem letzten Post sind schon wieder mehrere Tage vergangen, und damit sind wir wieder ein paar Tage näher an dem Moment, an dem er seinen inneren Sonnenschein findet.

Das Pipiproblem
Dazu muss ich noch mal gesondert schreiben. Natürlich ist es als Versuchsaufbau nicht schlau, gleichzeitig die Physio und das eigenmächtige Training mit den Gewichten anzufangen. Da könnte ja jeder kommen, hinterher zu sagen, die Gewichte haben es gewuppt. Aber im Moment habe ich schon das Gefühl, die Gewichte tun mehr für mich als die Physio, und die Gewichte kann ich tatsächlich problemlos in meinen Alltag einbauen. Die Physiotherapie-Stunden laufen über weite Strecken so, dass ich auf einer Liege liege und unter Aufsicht der Expertin den Beckenboden anspanne, was sich gleichzeitig sehr anstrengend und sehr wirkungslos anfühlt - komische Kombination. Dazu muss ich auch nicht fünf Kilometer fahren und die Kinder wegorganisieren, das kann ich auch alleine. Ich habe sie jetzt schon mehrfach gebeten, mir ein paar Übungen beizubringen, die etwas sportlicher sind. Sie sagt, die gibt es nicht. Hm.
Aber zum Glück habe ich ja die Gewichte, und mit denen geht es tatsächlich voran. Mit Gewicht Nr.2 schaffe ich jetzt schon problemlos acht Minuten, wenn ich mich bewege, und zehn oder mehr, wenn ich stillstehe. Für jeden Tag, an dem die Pipibinde trocken bleibt, klebe ich jetzt einen kleinen blauen Punkt in meinen Kalender. Es werden in letzter Zeit immer mehr.

Liebe Damen, ich muss jetzt leider ran hier. A cowboy's work is never done!

Freitag, 13. Februar 2015

Nehmen wir zum Beispiel den Mittwoch.

Am Mittwoch habe ich zum ersten Mal in meinem Leben zwei Gesundheitstermine an einem Tag: um elf Uhr dreißig eine Massage für den Rücken, die ich selbst bezahlen werde, bei einer Praxis in der Stadt. Und um sechzehn Uhr dreißig Beckenboden-Physio bei uns um die Ecke.
Am Dienstag liege ich gerade mit Jakob im Bett und stille ihn, da klingelt mein Telefon. Eine Frau ist dran. "Guten Tag, Praxis für Physiotherapie, ich wollte fragen, ob wir ihre Physio morgen verschieben können? Auf elf Uhr? Ginge das?" Ich überlege kurz, dann sage ich, das geht, und lege auf. Zehn Sekunden später fällt mir die Massage wieder ein. Also rufe ich in der Beckenboden-Praxis an. "Hallo. Ihre Kollegin rief mich gerade an und wollte meinen Physio-Termin morgen auf elf Uhr verschieben, ich habe gesagt, das ist ok, aber jetzt ist mir eingefallen, da habe ich schon einen Massagetermin (an dieser Stelle fühle ich mich ganz kurz wie ein verwöhntes Wellness-Frauchen statt wie eine geschundene Mutter), deshalb geht es leider doch nicht. Können wir den Termin da lassen, wo er vorher war bitte?" Die Frau am anderen Ende sagt, sie richtet es ihrer Kollegin aus.

Mittwoch. Nach einem hastig in die Tasten gehauenen Post ziehe ich mich ordentlich an und verlasse bester Dinge das Haus. Ich kaufe mir eine Tageskarte für die Bahn und fahre zu meinem verdammten Massagetermin. Als ich die wenig einladenden Räume betrete, wo es jedenfalls deutlich weniger gut riecht als bei meiner Osteopathin, kommt mir die Sprechstundenhilfe schon entgegen. "Frau Albarelli? Mit ihnen hätten wir vor einer halben Stunde gerechnet. Herr T. ist jetzt zu einem Hausbesuch. Ein Notfall. Und den Termin müssen sie natürlich trotzdem bezahlen." Mir wird schlecht. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder brüllen soll. Dann bezahle ich erst mal und gehe wieder nach Hause. Wie kann man so bescheuert sein? Und wieso, wieso, wieso passiert sowas immer mir?

Es gibt hundert Möglichkeiten, wie diese Panne hätte vermieden werden können. Hier ein paar davon:
Es fängt schon damit an, dass ich noch nie in meinem Leben zwei solche Termine an einem Tag hatte.
Es geht damit weiter, dass diese verdammte Massagepraxis ein Hühnerhaufen ist. L. hat dort öfter Termine, und ich weiß nicht mehr, wie oft die mich schon angerufen haben und wollten, dass ich jetzt aus dem Stegreif und ohne etwas zu schreiben oder L. in Hörweite eine Terminverschiebung klarmache. Wieso können die ihre verdammten Termine nicht da lassen, wo sie sind?
Wieso kann die sich nicht am Telefon so melden, dass man weiß, wer dran ist?
Wieso nennt die eine Massage eine Physiotherapie?
Wieso rufen die ausgerechnet in dem Moment an, in dem ich stille und dabei meinen Terminkalender nicht jederzeit griffbereit habe?
Wieso geht in der anderen Praxis jemand ran, dem nicht auffällt, dass die Kollegin in den letzten zehn Sekunden gar nicht telefoniert hat?
Wieso kratzt sich diese Kollegin wiederum nur verwundert am Kopf, statt mich noch mal anzurufen und nachzuhaken, was da los ist mit Phantomverschiebungen?

Und immer so weiter. Zuhause angekommen guckt L. mich mit großen Augen an. "Du bist wirklich, wirklich bescheuert. Wieso bezahlst Du das denn?" Damit greift er zum Hörer, ruft da an, beruft sich auf die vielen, vielen Massagen, die er dort über die Jahre bekommen hat und auch in Zukunft noch bekommen will, und kriegt die Dame tatsächlich dazu, mir einen neuen Termin zu geben. Jetzt fühle ich mich noch bescheuerter.

Liebe Abkürzungsdamen, das ist ein kleiner Einblick in die Welt von mir und meinem Fusselhirn. Bei nächster Gelegenheit erzähle ich euch dann mal, wie das damals lief mit meinem Gründungszuschussantrag oder meiner letzten Reisepass-Erneuerung, oder wie genau das kam, dass ich mein vorletztes heißgeliebtes Auto durch einen Unfall verloren habe, für den ich überhaupt nichts konnte, und trotzdem einfach leer ausgegangen bin. Manchmal...

Ich hoffe wirklich, das vererbt sich nicht.

Mittwoch, 11. Februar 2015

Schnuddelpost

Ich sitze auf dem Bett, neben mir eine Tasse Tee, auf dem Schoß den Rechner. Boje ist in der Kita. Jakob ist vor zwei Minuten eingeschlafen. Und jetzt schreibe ich verdammt noch mal einen Post. Zwanzig himmlische Minuten lang sitze ich hier und habe nichts anderes zu tun. Und wenn der Kleine aufwacht, was dann? Dann, liebe Damen, wird ihn L. auf den Arm nehmen und hoffentlich trösten können. Und wenn die zwanzig Minuten um sind, dann ziehe ich meine letzte noch frische Hose an, laufe zur Bahn, fahre in die Stadt und nehme wahr und wahrhaftig einen Termin nur für mich in Anspruch: ich lasse mir den kaputten Rücken massieren, eine halbe Stunde lang.

Das miese an diesen seltenen Posts ist, dass es dann immer gleich so viel zu erzählen gibt, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Am besten vielleicht mit Jakob:

Jakobs Gebrüll
Es gab inzwischen zwei-drei Nächte, die waren ehrlich ok. Nächte, in denen er drei, vier mal wach wurde und ich innerhalb von Sekunden natürlich dann auch, dann habe ich ihn gestillt, und wir sind beide wieder eingeschlafen. Das war himmlisch. Es gab auch eine Menge Nächte der alten, üblen Sorte, und tagsüber war es immer noch so gut wie unmöglich, ihn anders aufzubewahren als a) auf dem Arm oder b) stillend und eingekuschelt. Den ersten Termin bei der Osteopathin musste ich leider sausen lassen, denn ich hatte Magen-Darm-Grippe Nr.4 (gezählt ab Mitte Januar, glaube ich). Allein Bojes letzte Woche in der alten Kita hat uns zwei davon beschert. Der Erkältung, die dann noch zwischenrein kam, samt Schüttelfrost und Halsentzündung, sind Osteopathie-Termin Nr.2 und drei Beckenboden-Physio-Termine zum Opfer gefallen. Aber gestern, gestern war ich virenfrei, und so haben Jakob und ich uns auf den Weg gemacht , um endlich herauszufinden, weshalb so ein kleiner Kerl so einen Riesenkrach machen muss. Die Osteopathin ist für mich allein schon deshalb immer eine gute Idee, weil der Weg zu ihr durch eins meiner Lieblingsviertel führt, in das ich seit Boje so gut wie nie mehr komme, und weil sie diese unfassbar warme, gesunde, vernünftige und heilsame Ausstrahlung hat. Schon der Geruch in ihrem Behandlungszimmer, und ich fühle mich besser. (Ich hab sie mal nach ihrem Raumduft gefragt, und sie hat nur gelächelt und gesagt "Duft? Nöö, das ist einfach nur irgend ein Putzmittel, keine Ahnung, ich nehme immer wieder andere"). Sie hat Jakob eine halbe Stunde mit und ohne Schiene auf dem Arm gehabt, durchgeknetet, ihm etwas vorgesungen und so allerhand anderes, und am Ende lautete das Urteil: Dieses Kind hat unfassbar viel Kraft und Energie für ein drei Monate altes Baby. Es weiß nur leider nicht so recht, wohin damit. Auch - aber nicht nur - wegen der Schiene. Wir können ihm helfen, indem wir ihn kräftig anpacken und ruhig mehrmals am Tag mit sanftem, aber nicht zimperlichem Druck seine Arme, Beine, Füße und den kleinen Körper kneten und drücken. Dagegen kann er dann andrücken und so einen Teil seiner Kraft loswerden. Und singen hilft, denn die Vibrationen, die dabei durch unseren Körper laufen, die mag er auch. Drücken und singen, das kriegen wir hin. Außerdem soll ich mir einen ärztlichen Osteopathen suchen, denn den übernimmt die Kasse zumindest teilweise, und er kann uns weiter führende Krankengymnastik für den Kleinen verschreiben. Das mache ich jetzt, ich habe schon einen auf Rückruf. Und einen Termin für meinen Matschrücken habe ich auch gleich gemacht.

(Manchmal habe ich ja das dumpfe Gefühl, unabhängig davon, ob solche Dinge wie Osteopathie helfen - auf den Termin zu warten und zu hoffen, dass es damit besser wird, ist eine wunderbare Methode, die Schreizeit zu überwinden. Tadaa, wieder sind zwei Wochen um und damit sind wir zwei Wochen näher an den magischen Tag gerückt, ab dem sowieso alles wie von alleine gut und einfach wird. Und leiser. Viel leiser.)

Das Pipiproblem
Ich gebe zu, ich hätte mehr machen können. Aber es ist nicht so, dass ich nichts mache. Bestimmt eine halbe Stunde am Tag übe ich dieses Fahrstuhlding, spanne an und versuche, mir einzubilden, ich würde Grashalme pflücken. (Wer das kennt, weiß, wovon ich spreche, der Rest kann es sich sowieso nicht vorstellen. Das kann ich selbst ja kaum, und ich beschäftige mich jetzt wirklich, wirklich schon eine Weile damit.) Aber es ist so frustrierend und es tut sich so wenig, dass ich jetzt eigenmächtig beschlossen habe, zweigleisig zu fahren und mir parallel bei Amazon das Elanee-Beckenboden-Trainingsset Phase 1 zu kaufen. Das sind vier mit buntem Kunststoff überzogene, tamponförmige Gewichte, die man zweimal täglich für zehn Minuten tragen soll, und zwar im Stehen und Gehen. Schafft man das, ohne dass das Gewicht herausfällt, und das an drei Tagen (also sechs mal) hintereinander, dann darf man zum nächst schwereren übergehen. Ich bin gerade durch mit Gelb und jetzt bei Blau. Blau ist schwerer als erwartet, bisher schaffe ich nicht mehr als zwei Minuten, aber ich bleibe dran, und ich kann damit viel mehr anfangen als mit diesem ewigen Pflücken und Konzentrieren. Ich bin eben eher der grobschlächtige Typ, und ein Training, bei dem ich mich von zwei zu zweihundert Klappmessern hocharbeiten muss, ist mir tausendmal lieber als ein Training, bei dem ich immer "mehr denken als tun" soll, sich überhaupt nichts bewegt und auch niemand so genau sagen kann, wie viel genug ist. Beim Stillen (der Tipp der Physiotante) funktioniert es jedenfalls nicht, kaum fange ich an, mich zu konzentrieren und Sachen zu pflücken, hört Jakob auf zu trinken und guckt mich mit großen Augen an.
Und was soll ich sagen? Seit ich die Gewichte dazu genommen habe, werfe ich jeden Abend eine so gut wie unbenutzte Pipibinde in den Müll.

Der ganze Rest
bekommt jetzt einen Schlampi-Absatz mit allem wild durcheinander, denn in fünf Minuten muss ich mein Schreiblager schon wieder verlassen und los. Die Rückkehr in den Job wird gerade zur ziemlich komplizierten Aussicht, davon schreibe ich aber mal, wenn alles spruchreif ist. Im Moment ist das alles aber sowohl in Wirklichkeit als auch in meinem Fusselhirn so weit weg, dass mich die Unsicherheit und das In-der-Luft-Hängen für mich ganz untypisch wenig kratzt.
Boje ist jetzt seit fast zwei Wochen in der neuen Kita, und wie erwartet nehmen sie dort vieles, eigentlich alles sehr viel genauer als in der alten. Eben auch die Eingewöhnung, die soll dort eigentlich vier Wochen dauern. Mit viel gutem Zureden und schafsbockartiger Beharrlichkeit kriegen wir sie gerade dahin, das Ganze vielleicht bei Boje auf drei Wochen runter zu schrauben. Er findet es ganz toll da, wir haben jetzt beide schon dabei gesessen und finden es auch ganz toll, und wenn ich auf der Straße Mütter aus der alten Kitagruppe treffe, die von Durchfall-Epidemien und Chaos erzählen, dann vollführe ich innerlich ein kleines Tänzchen.

Mist Mist Mist, Mutti muss jetzt wirklich los! Bis bald, liebe Damen, hoffentlich bis ganz bald.

Montag, 26. Januar 2015

Flora wer nochmal?

Nein, vom Netz bin ich nicht, aber zu sagen, ich lebe noch, wäre auch etwas übertrieben.

Kurz zur Lage hier:

Jakobs Füße
Jakobs Füße tun, was sie sollen, das heißt, der rechte (Klumpfuß) sieht ziemlich deformiert aus durch die engen Sandalen. Die messerscharfen Falten, die er anfangs in der durch den Gips noch so empfindlichen Haut hatte, legen sich aber etwas, der Fuß wird auch nicht mehr so rot und dick, wenn ich die Schuhe ausziehe, und sieht insgesamt eigentlich ganz rosig und lebendig aus. Außerdem kann ich keinen Unterschied in seinem Befinden mit oder ohne Schiene feststellen, er blüht weder auf noch ab, wenn die Schuhe aus sind und er mit nackten Füßchen strampeln kann. Diesen Teil der Behandlung kriegen wir also hin.


Unsere Nächte
Was ich aber nicht mehr lange hinkriege, ist das Weinen, die Schlaflosigkeit, das ganze traurige, verkrampfte Kind. Eine Minute am Tag lächelt er mich an und macht gurrende Laute. Diese Minute sauge ich in mir auf wie früher den letzten Rest von einem leckeren Cocktail, sie muss mich die restlichen 23 Stunden und 59 Minuten wärmen und bei Laune halten. Den Rest der Zeit guckt er entweder wie ein beleidigter Frosch oder weint. Schlaf scheint er so gut wie nicht zu brauchen. Heute Nacht war er vierzehn mal wach, und jedes einzelne Mal dauerte so ungefähr zwanzig Minuten. Irgendwann in jeder Nacht kommt der Moment, in dem ich merke, jetzt wird es langsam heller da draußen, und dann bin ich so verzweifelt, dass ich nur noch stumpf vor mich hinstarren kann. Sogar beim minutenlangen Vor- und Zurückwiegen mit dem Oberkörper habe ich mich schon erwischt, wie ein psychisch krankes Zootier. Denn jetzt ist wieder eine Nacht vorbei, wieder habe ich nicht geschlafen, wieder ist es nicht besser geworden. Dann ist der schlimme Moment hinter mir, und ich rede mir ein: vielleicht wird ja die nächste Nacht schon besser, Hurra! Manchmal denke ich, mit dem Abstillen wird es besser. Manchmal denke ich, das Stillen ist gerade das Einzige, was noch klappt - ein paar Mal am Tag ziehe ich mich mit ihm für eine halbe bis dreiviertel Stunde ins Bett zurück, er saugt, manchmal lächelt er sogar ein bisschen, und vielleicht schläft er für ein Viertelstündchen ein. Ich weiß nur, das muss besser werden, sonst... weiß ich auch nicht. Es muss eben einfach. "Besser werden" ist gerade mein Mantra, ich denke das den ganzen Tag stumpfsinnig vor mich hin.


Jakobs Weinen
Der Arzt sagt, da muss er durch. Sein Blut ist in Ordnung, keine erhöhten Entzündungswerte, keine Bakterien, eigentlich geht es ihm gut. Wenn das Jakob ist, wenn es ihm gut geht, dann grusele ich mich jetzt schon davor, wie es wird, wenn mal nicht. Und jetzt? Schreikinder-Ambulanz? Ich habe erst mal einen Termin bei meiner Osteopathin gemacht, Mittwoch morgen um neun sind wir da.


Das Pipiproblem
Letzte Woche hatte ich den ersten Termin bei der Physio, diese Woche den zweiten. Ich tue mich ehrlich schwer damit, es ist wieder wie bei Cantienica: den Beckenboden anzuspannen, fühlt sich an, als würde mir jemand sagen, ich soll mit den Ohren wackeln. Eigentlich bin ich voller Hoffnung da anmarschiert und habe ihr von meinem Ziel erzählt, unbedingt 2015 wieder mit dem Laufen anzufangen. Ich dachte, das muss zu machen sein - Dezember 2015 ist doch noch so lange hin, vorsichtiger kann man sich ein Ziel nicht setzen! Sie guckte mich skeptisch mit schiefgelegtem Kopf an und sagte: mal sehen. Vielleicht auch erst 2017. Ich habe gemerkt, wie viel Hoffnung ich in dieses für manche vielleicht unwichtig klingende Ziel gesetzt hatte. Laufen war wirklich, wirklich wichtig für mich, und so, wie es hier gerade läuft mit Babystress, Rückenschmerzen, dem Gefühl, eingesperrt und komplett machtlos zu sein, wäre es jetzt noch viel wichtiger, als es jemals war. Es ist viel mehr für mich als nur eine Methode, abzunehmen, es hat genau genommen mit Abnehmen kaum etwas zu tun. Es war Freiheit, Selbstkontrolle, endlich wieder etwas hinkriegen und etwas für mich tun. Mich an etwas anderem abstrampeln und zu erleben, wie es Woche für Woche besser wird. In diesem Moment war schon viel Luft raus, die ich jetzt mühsam wieder sammeln muss, wenn ich bei der Ohrenwackelei bei der Stange bleiben will.

Boje
Boje ist so niedlich, dass ich nicht an ihm vorbeigehen kann, ohne ihn kurz auf den Arm zu nehmen. Leider muss es meistens dabei bleiben. Fast meine komplette Zeit und Kraft geht für Jakob drauf. Zum Glück ist L. auch noch da. Zum Glück haben wir eine in Hamburg lebende Oma. Zum Glück kommt dreimal wöchentlich das Kindermädchen für ein paar Stunden. Zum Glück geht das irgendwann vorbei, und ich kann wieder Mama für beide sein. Ich achte schon darauf, jeden Tag ein paar Mal nur für Boje da zu sein. Gestern waren wir kurz im Schnee (mag er nicht so), ich habe mit zwei dreckigen Babysocken über den Händen Jagd auf ihn und sein runtergefallenes Abendessen gemacht, und wir haben Fangen um und unter dem Esstisch gespielt. Ihm fehlt nichts, er quiekt und lacht. Aber mir, mir fehlt eine Menge. Ich will auch nicht, dass das hier zu einer Glückskind-Pechkind-Welt wird. Aber gerade ist es eben so. So viel Kummer konzentriert in so einem kleinen Männchen! Irgendwie muss man ihm doch da raushelfen können! Wenn diese Osteopathin wüsste, wie viel Hoffnung ich in sie und ihre Behandlung setze, dann hätte sie jetzt schon Spannungskopfschmerzen.

Die Kita
Während ich hier schreibe, läuft eine kleine Hexenjagd in meinem What's-App-Verteiler. Wieder mal geht Durchfall um, und irgend jemand muss ja Schuld sein. Ich lese mir das durch und denke mir: noch fünf Tage mit heute. Freitag backe ich Abschieds-Muffins, die Kita-Tanten kriegen einen Kinogutschein zum Abschied, und dann war es das, und wir ziehen in den rosigen Montessori-Sonnenuntergang. Mit hoffentlich unkomplizierter und zügiger Eingewöhnungsphase. Und weil ich gerne mehr Zeit mit Boje haben möchte und gerade auch ganz ehrlich jede Minute feiere, in der jemand anderes sich die Ohren vollbrüllen lässt, werde ich wohl die Eingewöhnung mit ihm machen. (Hoffentlich sehen die Montessori-Damen das nicht zu eng, wenn die neue Mama fünf Minuten nach Beginn des Experiments schnarchend am Sandkastenrand in sich zusammensackt.)

Klingt alles ziemlich finster, ich weiß. Ist auch so. Wird bestimmt anders, und dann herrscht hier wieder eitel Kinderglück und Sonnenschein. Nur im Moment läuft es nicht gut, Ferrero-Welt ist weit weit weg.

Mittwoch, 14. Januar 2015

Problem Nr. zehn.

Gestern morgen war ich zur Ein-Wochen-Kontrolle im Krankenhaus, und es zeigte sich, ich hab es scheinbar zu gut mit meinem Kind gemeint: der Schuh war zu lose, und ich hätte die Ferse einfach ZWINGEN! müssen, ganz hinten unten im Schuh zu sitzen. Unter den Augen der Ärztin haben wir dann geübt, wie man den Schuh so fest anzieht, dass die Ferse keine andere Wahl hat als an der richtigen Stelle zu sitzen. Ansonsten war sie sehr zufrieden, keine Druckstellen (wie auch, wenn der Schuh so lose sitzt?), und um halb elf waren wir wieder zuhause.

Um drei habe ich ihn gewickelt und bei der Gelegenheit den Schuh noch mal ausgezogen, um mir den Fuß anzusehen. Der Fuß sah schrecklich aus. Der obere Teil war eng eingeschnürt und ungefähr halb so breit und dick wie der vordere Teil, an der Seite, wo der engste Riemen sitzt, hatten sich mehrere messerscharfe Falten in der Haut gebildet. Ich war furchtbar erschrocken, habe sofort beide Schuhe ausgezogen, ihn gehätschelt und gestillt und den Fuß fotografiert und das Foto an die Ärztin gemailt. So kann das doch nicht bleiben? Schon gar nicht drei Monate lang? Da fallen ihm doch die Zehen ab? Sie hatte mich schon vorgewarnt, dass sie den ganzen Nachmittag in einer komplizierten OP stecken und nicht in ihre Mails gucken würde, trotzdem saß ich wie auf Kohlen. Nach einer Stunde Freiheit habe ich ihm den Schuh wieder angezogen, wenn auch nicht ganz so fest. Zwar leidet die Korrektur der Achillessehne, wenn der Fuß nicht rechtwinklig im Schuh sitzt, aber immerhin: die Außendrehung war ok. Inzwischen habe ich mir einen Wolf gegoogelt auf der Suche nach anderen Schuhen, anderen Schienen, irgend einer Möglichkeit, den Fuß zu korrigieren ohne diese Verformung. Wie eine japanische Nachwuchs-Geisha! Nee nee nee.

Heute morgen kam die Antwort: GENAU, aber ganz genau so soll der Fuß aussehen, wenn der Schuh korrekt angezogen ist. Weitermachen, danke.

Spätestens jetzt ist es passiert: ich bin ein hysterisches Muttertier. Genau wie alle anderen.

Samstag, 10. Januar 2015

Probleme eins bis neun in ungeordneter Reihenfolge.

Problem Nr.1:
Aus irgend einem Grund führt die Schiene dazu, dass Jakob keine Fläschchen mehr will, sondern nur noch gestillt werden. Leider kapiert meine Milchproduktion das nicht so schnell, wie sie sollte, so dass er ständig Hunger hat. Allerdings ist der Hunger nicht so groß, dass er nicht jedes Mal auf meine einwandfrei zubereiteten und temperierten Fläschchen reagiert, als wollte ich ihm kochende Batteriesäure füttern.

Problem Nr.2:
Er mag die Schiene einfach nicht. Und zu Anfang nehme ich sie und die Schühchen noch öfter mal ab, um zu kontrollieren, ob sich Druckstellen oder sogar Blasen gebildet haben. Immer nur für eine Minute, aber jedes Mal, wenn ich danach das ganze Gerät wieder an ihm festschnalle, sprengt das Gebrüll meine Trommelfelle.

Problem Nr.3:
Nach dem Gips sieht der rechte Fuß wirklich merkwürdig aus, auch wenn mir versichert wurde, das wäre alles im Rahmen und würde sich von selbst geben. Zum Beispiel hängt der kleinste Zeh jetzt nicht neben, sondern unter dem zweitkleinsten. Mich macht das nervös. Dienstag sind wir wieder da, dann muss ich darüber noch mal sprechen.

Problem Nr.4:
Nervös macht mich auch sonst noch so Einiges. Z.B. auch, dass seine Füße eben noch nicht in der Lage sind, unten und hinten am Schuh anzuliegen. Laut Internet sollen sie das, aber es geht eben nicht. Wollte ich, dass die Füße an der Ferse und der Sohle am Schuh anliegen, dann müsste ich sie ihm brechen. Der Gipsmann hat gesagt, das kommt noch, mich macht es trotzdem kirre. Nach dem Termin am Dienstag ist vorgesehen, dass wir drei Monate lang nicht wiederkommen mit ihm. Ich hab keine Ahnung, wie das gehen soll, ohne dass wir durchdrehen - vor allem nach der Erfahrung mit vier Wochen Gips und "Wird schon werden, ist bisher immer gut gegangen" von dieser Woche. Wie fest ist bei diesen Sandalen zu fest? Wie locker ist zu locker? Was heißt hier "Wird schon", wann wird es schon? Woran sehe ich, ob es jetzt wird? Wann ist es zu spät? Woran unterscheide ich harmlose von gefährlichen Druckstellen? Und immer so weiter.

Problem Nr.5:
Ich weiß, man sollte immer einen Tag nach dem anderen sehen. Aber im Moment türmt sich diese ganze Behandlung als Riesenberg vor meinem inneren Auge auf. Das waren jetzt seit Mittwoch noch nicht mal ganz drei Tage - und er soll die Schiene ein Jahr lang rund um die Uhr und danach noch vermutlich bis zu seinem fünften Geburtstag zwölf Stunden pro Tag tragen. Im Moment denke ich nur: ach du Scheiße.

Problem Nr.6:
Die Nächte. Die Nächte sind einfach ein Albtraum, seit die Schiene dran ist. Am Abend, nachdem er sie bekommen hat, war ich bei einer Freundin mit ihm. Ich habe ihn im Maxicosi aus dem Auto in ihre Wohnung getragen, in das leicht abgedunkelte Nebenzimmer gestellt, und wenn die Damen ihn nicht unbedingt hätten besichtigen wollen, hätte ich ihn da für die kompletten zweieinhalb Stunden des Besuchs auch lassen können, so fest und friedlich hat er geschlafen. Ich war schon voller Optimismus. "Seht ihr, das war der Gips! Der Gips hat ihn so geärgert! Jetzt wird alles gut! Hach, endlich wieder schlafen!" Seitdem habe ich in keiner Nacht mehr als zwei Stunden bekommen. Wie er das macht - wo er doch angeblich zwanzig Stunden pro Tag braucht - ist mir ein Rätsel. Eigentlich schläft er gerade nur in zwei Situationen: während des Stillens (was früher in Ordnung gewesen wäre, aber jetzt nie lange vorhält, weil er, wenn wir beide auf der Seite liegen, nach kürzester Zeit wegen der Schiene in sich verdreht umkippt und so nicht liegen bleiben kann) oder wenn ich ihn im dunklen Zimmer herumtrage. Die magische 48-Stunden-Grenze nach dem ersten Anlegen der Schiene war gestern nachmittag und hat ihn völlig unbeeindruckt gelassen.

Problem Nr.7:
Boje findet die Schiene extrem interessant. Wie toll, der kleine Bruder hat jetzt einen praktischen Griff! Mann.

Problem Nr.8:
Weil Jakob jetzt noch mehr Aufmerksamkeit braucht, wird Boje langsam eifersüchtig. Ich kann's verstehen, viel dagegen tun kann ich leider nicht außer besonders lieb und aufmerksam mit ihm sein, mich noch mehr zum Hirschen machen und jede freie Sekunde, die nicht von Jakob beansprucht wird, jetzt in Boje stecken. Ich weiß, das ist doof und ein typisches Frauending, aber die Schuldgefühle machen mich fertig. Ich kann jetzt wirklich keinen Schritt mehr machen, ohne entweder zu denken "der arme, arme Jakob, ich Miststück" oder "der arme, arme Boje, ich Miststück". In meiner Vorstellung, die vor allem nachts zwischen eins und sechs sehr aktiv ist, steuert das ganze unweigerlich auf das Szenario von zwei sich abgrundtief hassenden Brüdern zu. Ich weiß, mehr kann ich nicht tun, und das ist Mumpitz, aber sagt mir das doch noch mal nächste Nacht so um halb vier.

Problem Nr.9:
Ausgerechnet diesen Zeitpunkt sucht sich mein Rücken, um mich im Stich zu lassen.

Auf der positiven Seite kann ich berichten, dass ich heute noch nicht einmal geschrien oder geheult habe, dass jetzt in diesem Moment beide Brüder gleichzeitig eingeschlafen sind, dass sich bisher noch keine Druckstelle an den Füßen gebildet hat, dass Boje durchfallfrei ist und dass mir auch heute der Himmel nicht auf den Kopf gefallen ist. Das ist doch was!

Freitag, 9. Januar 2015

Beim nächsten Ton ist es zwölf Uhr, fünfundvierzig Minuten und dreißig Sekunden.

Zwei Nächte mit Schiene, und ich sehe laut L. aus wie 55. Und er hat wie so häufig vollkommen Recht. Als ich im Krankenhaus lag und Jakob frisch geboren war, hörte ich in einer Nacht aus dem Nebenzimmer eine Frau mit vor Verzweiflung und Schwäche kippender Stimme schreien "WAS WILLST DU EIGENTLICH?" So ungefähr fühle ich mich zwischen eins und sechs Uhr früh. Wobei, ich weiß ja, was er will. Er will keine Schiene. Aber in diesem Fall kriegt er eben nicht, was er will. (Junge, werden wir vorbereitet sein, wenn eins unserer Kinder mal eine Zahnspange oder Brille braucht und nicht will. Aus dem Handgelenk machen wir das dann!)

Heute nachmittag ist sie dann 48 Stunden dran, und angeblich kommt dann der magische Moment, wenn die Schiene akzeptiert ist. Wie ich mich darauf freue!

Damit zurück zu meinem brüllenden Sohn. Nicht mehr lange brüllenden Sohn, ganz bestimmt.

Donnerstag, 8. Januar 2015

Wir sind auf dem Weg.

Einerseits nett und engagiert, dass die Ärztin hier angerufen hat, um sich nach Jakob zu erkundigen. Andererseits - und das wurde mir gestern erst klar, bei mir dauern manche Dinge etwas länger - hatte sie vermutlich auch die Hosen voll. Einigen wir uns darauf, dass sie einerseits engagiert ist, andererseits die Hosen voll hatte. Oberhalb des Verbandes konnte man ein kleines Stück Bein erkennen, das sah gestern morgen schon nicht mehr so fürchterlich aus wie noch vorgestern Abend. Wirklich beunruhigt war ich also schon gar nicht mehr, als wir mittags nach Altona gefahren sind. Unter dem Verband kam dann ein Beinchen zum Vorschein, das merklich abgeschwollen war, aber immer noch blau und schmerzempfindlich. "Ein Glück", sagte sie, "Die Schwellung war es nämlich, die mir ernsthaft Sorgen gemacht hat", und zusammen haben wir aufgeatmet (auch wenn ich mich im Nachhinein schon frage, wieso wir dann nicht zur Sicherheit die Nacht mit ihm im Kinderkrankenhaus verbracht haben, wo wir schon mal da waren.) Jetzt hat er die Schiene. Ich mache noch ein Foto, versprochen, dann könnt ihr sie sehen - er sieht eigentlich ganz lässig damit aus, wie ein sehr kleiner Snowboarder eben. Ein sehr kleiner, exzentrischer Snowboarder, der auch im Winter in orthopädischen Sandalen auf die Piste geht. Zwei Tage lang soll er jetzt knöttern und quengeln, hieß es, dann hat er sich dran gewöhnt. Diesen Teil der Abmachung hat er bisher eingehalten, die Nacht war die grauenvollste bisher. Nachdem ich gestern mit ihm noch bei einer Freundin war und er dort ungefähr so aktiv und laut war wie eine Handtasche, sehr zur Enttäuschung der Mädchen, die ihn gerne ein bisschen geschuckelt hätten, hat er sich auf der Heimfahrt warm gebrüllt und heute Nacht zweieinhalb Stunden geschlafen, davon eine auf meinem Arm. Warum genau jetzt der Alarm, wissen wir nicht: kann sein, dass das Bein einfach noch so druckempfindlich ist. Kann auch sein, dass es diese Eingewöhnungunsschwierigkeiten bei allen Kindern gibt. Kann auch sein, dass er einfach Bauchweh hatte, weil Mutti gestern Abend tonnenweise Chips gegessen hat. Oder kann sein, dass er gestern tagsüber so viel geschlafen hat und heute Nacht topfit war. Noch eine Nacht, dann geht es hoffentlich bergauf. Und heute bekommt er endlich sein erstes warmes Bad. Natürlich geht es uns durch und durch, ihn so kämpfen und brüllen zu sehen, aber es hilft nichts: die Schiene muss sein, wenn er irgendwann normal laufen soll. Nehmen wir sie jetzt ab, dann lernt er nur, dass er mit ausreichend Gebrüll die Schiene schnell los wird. Außerdem geben laut Gipsmann Eltern zu schnell der Schiene die Schuld, wenn der Kleine sich beschwert. "Die Schiene sieht man, Hunger oder Müdigkeit oder Alleinsein sieht man nicht, da ist klar, wer eher Schuld ist, wenn das Baby mal weint". Also: trösten, weitermachen.

Nachher fährt L. los und besorgt die geforderten nahtlosen und musterfreien Söckchen, die man laut Gipsmann am besten bei H&M bekommt. Ich habe noch nie darauf geachtet, aber es stimmt: Socken mit Mustern haben hinten innen merkwürdige Fäden, die sich verknüllen können, und eine Druckstelle in den stramm gezogenen Schuhen ist das letzte, was wir jetzt brauchen können. Gibt es doch eine Druckstelle, müssen die Schuhe für ein paar Tage ab, und jede Stunde wirft uns zurück. Der Gipsmann erzählte von einem Kind, dessen Eltern eine Stelle übersehen hatten. Das eiterte dann, und das Kind musste acht Wochen ohne Schuh bleiben. Danach stand der Fuß wieder genau so schief wie bei der Geburt, und alles ging von vorne los, nur diesmal deutlich langwieriger, weil die Knochen und Gelenke immer weniger formbar sind, je mehr Zeit vergeht.

Ich habe das Gefühl, wir müssen auf einen Berg und haben gerade erst die ersten Schritte vom Parkplatz gemacht. Uff.

Dienstag, 6. Januar 2015

Buh.

Der Gips ist ab. So weit sind wir im Plan. Nicht vorgesehen war, dass Jakob kaum dass der Gips ab ist in markerschütterndes Gebrüll ausbricht und das Bein vor unseren Augen anschwillt und blau wird. Sie haben sofort ein Röntgenbild gemacht, gebrochen ist nichts (wie denn auch, mit Gips?), und Thrombosen haben so kleine Muckelchen wohl noch nicht, es ist auch schon wieder ein bisschen abgeschwollen, und er schläft jetzt - nach einer bitter nötigen Stillsitzung und ohne Schmerzmittel (bisher). Sein Beinchen haben wir hochgelagert, ein kleines Coolpack ist auch drauf, und vorerst hat er nur einen etwas steifen Verband, die Schiene bekommt er nun vermutlich morgen.

Papa hat dumpf ins Leere gestarrt, und Mama hatte fast einen Nervenzusammenbruch. Was das nun genau war, wissen wir nicht. Zum ungefähr hundertsten Mal habe ich heute aus Ärztemund den Satz gehört "Das war noch nie. Na sowas." Vermutlich ist es irgend eine Art von Überreaktion des Beinchens/der Haut auf die plötzliche, lang vermisste Freiheit. Das wird sich wohl legen, wir sollen uns keine Sorgen machen, morgen ist es sehr wahrscheinlich schon wieder gut. Bis dahin beglucke ich ihn, so gut ich kann. Wenn er heute Nachmittag mal ein Schläfchen macht, lasse ich ihn in L.s Obhut und besorge die geforderten Socken, die wir ab morgen in Mengen brauchen werden: unbedruckt und glatt und möglichst ohne Nähte. Morgen bekommt er nämlich die Schiene. So, wie es sein soll. Ganz bestimmt.