Samstag, 13. Dezember 2014

Wer hat sich das mit den zwei Armen eigentlich ausgedacht?

Es gibt Tage, da wäre ich gerne ein Krake.

Heute zum Beispiel. Oder gestern. Vorgestern auch. Und morgen vermutlich. Eigentlich gerade jeden Tag.

Zwischen meinen Kindern gibt es gerade keine Schnittmenge. Die Dinge, die sie wollen und brauchen, schließen sich gegenseitig aus. Habe ich Michel auf dem Arm und stille ihn, taucht binnen Sekunden Kalle an der Sessellehne auf und will jetzt sofort eine Nane (sein Wort für Bananen, aber auch für jedes andere Obst, das ihm schmeckt). Habe ich es geschafft, mit Kind in Position aufzustehen, zum Obstteller zu gehen, eine Banane einhändig zu öffnen und ihm ein Stück davon in die Hand zu drücken, ist er trotzdem nach fünf Sekunden wieder da, die Banane an einem Stück im Mund: "Isch. Isch isch isch isch ischischischischisch." Isch ist ein Fläschchen, eins mit Traubensaftschorle. Das kriege ich mit einer Hand definitiv nicht hin. Und zwar hat Michel einen kräftigen Sog, aber loslassen kann ich ihn trotzdem nicht mit gutem Gewissen. Also sage ich "Nein." oder "Später." Oder "Gleich."
Eine halbe Minute später muss ich das Baby trotzdem in seine Wiege legen, denn jetzt ist Kalle über einen Stuhl auf den Esstisch gestiegen und nimmt sich den Adventskranz vor. Am Adventskranz befestigt sind vier dicke rote Kerzen, jede mit Hilfe eines großen Eisennagels, den ich heißgemacht und umgedreht in das Wachs eingeschmolzen habe. Aus dem Kerzenende gucken fünf Zentimeter Nagel. Damit soll Kalle lieber nicht spielen.
Das alles wäre halb so wild, ich kann Kalle schließlich auch mal für ein paar Minuten stillen in seinen komfortablen und sicheren Laufstall tun. Problem ist nur, dass Michel schwer erkältet ist und gerade so ziemlich den ganzen Tag lang trinken und im Arm gehalten werden will. Kaum berührt sein Köpfchen die Matratze des Stubenwagens, brüllt er die Hütte zusammen. So dass es jetzt eben leider so ist: mache ich Michel glücklich, mache ich Kalle unglücklich. Mache ich Kalle glücklich, mache ich Michel unglücklich. Und wir erinnern uns, wie harmoniesüchtig speziell diese Ex-Abkürzungsdame ist. Ich drehe am Rad. Wann macht endlich diese Kita wieder auf, so dass ich wenigstens den halben Tag lang voll auf die Bedürfnisse von Kind II eingehen kann, von meinen eigenen mal ganz zu schweigen? Wird Kalle sich daran erinnern, wenn er mal größer ist? Vergiften diese Tage gerade die Beziehung zwischen den Brüdern für immer? Wie viele Unterbrechungen verträgt ein Stilldurchgang, bis einem Baby Magengeschwüre wachsen? Werde ich mir jemals wieder die Nägel lackieren, mehr Gin Tonic trinken, als gut für mich ist, und am nächsten Morgen ausschlafen? Wieso treibt mich das alles so um, während L. weiter seelenruhig sein Leben lebt?
Der einzige Moment, in dem Frieden herrscht, ist im Moment der, wenn ich abends mit beiden Babys im Bett liege und beide gerade eingeschlafen sind. Nicht für lange, nie für lange, zwar schläft Kalle durch, aber Michel ist auch dank Erkältung in spätestens zwanzig Minuten wieder voll da, darum genieße ich diesen Moment im sanften Schummerlicht der Hasenlampe auf dem Nachttisch auch nach Kräften. Dieses Bild, zwei schlafende Babys, bei dieser warmen Beleuchtung wie aus Marzipan geformt, beide in meinem Arm, und Kalle lächelt sogar im Schlaf: das präge ich mir ganz tief ein und trage es den ganzen Tag im Kopf wie ein Schutzamulett. Und darum freue ich mich jetzt schon morgens um sieben auf den Moment, wenn wir wieder schlafen gehen. (Sich aufs Ins-Bett-gehen freuen: das ist übrigens ein ziemlich zuverlässiges Anzeichen einer Depression, sagt man.)

Ach was. Meine Belohnung kommt. Ganz bestimmt! Und zwar bald. Spätestens in einem Jahr, wenn die zwei zusammen spielen, Adventskränze zerpflücken, beide in ihren Hochstühlchen sitzen und das gleiche Abendessen wollen, dann, dann wird es bestimmt ganz entspannt und fröhlich und harmonisch und lustig.

Yay!

Oder?

Kommentare:

  1. Trage/Tragetuch? Da ist das Baby bei dir, du kannst sogar stillen und hast beide Hände frei.

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  2. Kenn ich... wir haben zweimal fast gleich entbunden und entsprechend die selben Abstände. Habe auch gerade das Gefühl mich zu zerreißen und keinem gerecht zu werden... oh mann... Ganz LG Anja

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  3. Liebe Flora,
    Ich verstehe dich so gut. Ich hätte das erste Jahr mit den Zwillingsdamen ohne Tragehilfe und Federwiege wohl sehr viel schlechter überlebt. Die Tragehilfe ist definitiv einen Versuch wert, auch heute (sie sind 18 Monate alt) brauche ich sie noch manchmal für ein müdes/krankes/quengelndes Kind und habe trotzdem die Hände für das zweite frei. Mit Tragehilfe Stillen erfordert ein paar Kniffe, geht aber auch gut (auch unterwegs, guter Schutz vor fremden Blicken).

    Viele Grüße, Emma

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  4. Musste unweigerlich an crumpy cat denken. Das Lächeln kommt schon noch.
    Schöne weihnachtstage euch fünfen.

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