Freitag, 12. Februar 2016

Können wir aber froh sein, dass das Internet nicht von Budni ist.

Ich sitze in meiner neuen Küche, die Sonne scheint fast unverschämt grinsend durchs Fenster, und ich tue jetzt einfach mal so, als hätte ich nicht schon wieder seit Wochen nichts Gescheites mehr gepostet. Das endet dann nämlich wie schon oft beschrieben so wie mit Freunden, die man schon viel zu lange nicht mehr angerufen hat, und dann schämt man sich ein bisschen und wüsste auch nicht, wo man anfangen sollte, und dann lässt man es ganz oder vermurkst es. Und der Tag ist zu schön zum Vermurksen.

Also schön.

Als erstes habe ich zu meckern, und zwar über Budni. Dieses Thema ist für alle Nicht-Hamburger sturzlangweilig, aber da müsst ihr jetzt durch, ansonsten empfehle ich euch, den Absatz auszulassen. Ich war immer ein Fan von Budni. In den ersten zwei Jahren, als ich frisch nach Hamburg gezogen war, habe ich grundsätzlich nur "Budni" an Stelle von "Drogerie" gesagt, auch gegenüber Frankfurtern und Berlinern und Heidelbergern, peinlicherweise ein bisschen mit Absicht, um zu zeigen, dass mir Hamburg und sein Budni so dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen waren. Triste Flora! Aber so war es. Und auch später war ich den immer aufgeräumten, freundlichen, blau-weißen Läden sehr verbunden. In den letzten Jahren haben wir vielleicht 400 Meter von einem Rossmann entfernt gewohnt und 800 Meter von einem Budni. Keine Frage, dass ich eigentlich immer den weiteren Weg zu Budni gemacht habe, ob Hagel, Regen oder Sturm. Selbst im achten Monat habe ich mich noch die paar Meter weiter geschleppt. Dann passierte Folgendes: L. und ich hatten beide eine Budni-Spendenkarte. Das ist eine Karte, die man an der Kasse vorzeigt, und das, was andere Leute als "Punkte" wasweißichwofür sammeln, wird dann eben "für gute Zwecke" gespendet. Bei jedem Bezahlen hatte ich ein gutes Gefühl, nicht umsonst ist Budnis Claim "Jeden Tag Gutes tun". Irgendwann hat L. in der Zeitung gelesen, im vorangegangenen Jahr hätte Budni über die Spendenkarten insgesamt XY Euro gesammelt und gespendet. Ich erinnere mich nicht an den genauen Betrag, es war ein zweistelliger Tausender. L. hat dann mal kurz durchgerechnet: Soundsoviel Tage offen im Jahr, soundsoviele Filialen, soundsoviel Spende pro Tag und Filiale - und kam auf einen wirklich, wirklich lächerlich winzigen Betrag. Ich habe dumm geguckt und meine Spendenkarte in den Müll geschmissen. Fragt mich jetzt die Kassiererin bei Budni, ob ich eine Karte habe und wenn nicht, ob ich eine haben möchte, dann gucke ich sie mit hochgezogenen Augenbrauen sehr vielsagend an. So! Dann hat dm seine Eigenprodukte bei Budni aus dem Sortiment genommen, und Budni war gezwungen, selbst günstige Wimperntusche, Badeschaum und Spülmittel produzieren zu lassen. Seitdem ist einige Zeit vergangen, und inzwischen fange ich an, Umwege zu machen, um nicht zu Budni zu müssen. Ich habe eine Budni-Zahnbürste gekauft. Nach zwei mal Putzen hatte sie einen Scheitel, und ich habe sie weggeworfen. Ich habe eine Packung Feuchttücher gekauft, und Michel bekam einen derartigen Ausschlag am Hintern, dass die Kita ihn für zwei Tage nach Hause geschickt hat. Ich habe Waschmittel gekauft, und auf einmal juckten die Schlafanzüge und die Bettwäsche. Ich habe eine Haarbüste gekauft - das ist noch gar nicht lange her, wir waren schon umgezogen. Es ist eine ganz normale Holzhaarbürste mit Drahtborsten. Meine Haare wellen sich zwar ein bisschen, aber es kann keine Rede davon sein, ich hätte eine irgendwie widerspenstige Lockenmähne, schon gar nicht nach zwei Kindern. Mein Pferdeschwanz hat einen Durchmesser von vielleicht einem Zentimeter. Und diese kleine Drahthaarbürste verliert bei jedem Bürsten ihre Borsten. Es macht "Pling! Pling!" und dann krieche ich durchs Bad und sammele die Borsten aus der Badewanne und vom Boden. Die Bürste hat inzwischen eine Zweidrittelglatze. Was kommt als Nächstes? Die Einweg-Nagelschere? Das zwei-Minuten-Deo? Ätzender Babybadeschaum? Explodierende Teelichter? Wenn es so weiter geht, werde ich es jedenfalls nicht herausfinden, ich bin dann nämlich gerade auf dem weiten Weg zu dm. Ich wünsche mir, dass meine Lieblingsdrogerie die Kurve kriegt. Aber gerade... nee, nee, nee.

Gut, das hatte jetzt so gar keinen Kinder- oder IVF-Bezug. Dafür habe ich zu erzählen, dass Michel läuft. Zwei Monate früher ist er dran als sein mit geraden Füßen geborener Bruder. Vor drei Wochen fing es damit an, dass er einen Meter zwischen L. und mir mehr gekippt als gelaufen ist. Inzwischen schafft er problemlos zehn Meter und mehr, klatscht dabei in die Hände, hebt Sachen vom Boden auf und legt sie wieder hin, wechselt schwungvoll und präzise die Richtung und geht Hindernissen aus dem Weg. Und ich könnte heulen vor Stolz, wenn ich daran denke, wie seine Füße aussahen, als er damals im UKE in seiner Klarsicht-Babywanne neben mir lag und mir ganz anders war beim Gedanken daran, wie das alles werden soll. Und das Allertollste daran ist, wie viel Spaß er dabei hat. Ich habe immer gewusst (eigentlich mehr gehofft, wenn ich ehrlich bin), dass er sich wohler fühlen würde auf der Welt, wenn er sich erst so bewegen kann, wie er will. Jetzt kann er, und er strahlt und lacht und kichert, während er sich die Antirutschsocken durchläuft. Und das jetzt auch noch in einer Wohnung, in der nicht überall steile Holztreppen auf kleine Lemminge in Latzhosen lauern und wo ich ihn einfach mal laufen lassen kann, weil in jeder Tür ein Klemmschutz steckt und in jeder Steckdose ein Steckdosenschutz. Und Kalle ist im Geschichten-Alter. Ungefähr zwanzig Mal am Tag muss ich mir eine Geschichte für ihn ausdenken, und zwar am liebsten eine, in der er selbst vorkommt. Man sollte meinen, das kriege ich hin, immerhin ist es seit 15 Jahren mein Job, mir Geschichten über Hühneraugenpflaster, Autos, Kekse oder Bier auszudenken, aber es ist schwerer als gedacht, und ich merke, dass Mamas Gene in mir durchkommen, weil komischerweise viele der Geschichten so einen Drall ins Pädagogische bekommen. "Da siehst du, was passiert, wenn man zu viele Süßigkeiten isst!" So in dem Stil. Ich versuche, das zu ändern, aber wenn es nachts um zwei ist, der Rücken zwickt und Kalle mir seine Fußnägel in den Bauch bohrt, ist das nicht immer ganz einfach. "Und das ist die Geschichte von dem Jungen, der nie in seinem eigenen Bett schlafen wollte!" (Die überhaupt nicht angebracht wäre, denn neun von zehn Nächten schläft er in seinem eigenen Bett.)

Was ist sonst noch los? Das mit den Vorsätzen läuft ziemlich gut, wenn man bedenkt, dass schon Mitte Februar ist. Die Bandscheibe allerdings nervt weiter wie Hulle, in den letzten Tagen mit neuem Schwung, denn jetzt musste ich mein Wunderschmerzmittel - Diclofenac - absetzen, weil mein Magen plötzlich und spektakulär verrückt spielte. Die Ferien von den Schmerzen sind also vorbei und waren viel zu kurz, und jetzt lege ich wieder weite Strecken des Tages im rechten Winkel zurück und schlafe mit meinen Füßen auf einem dicken, knisternden und nach Schlauchboot müffelnden Pusteklotz und kriege trotzdem fast kein Auge zu, weil es einfach keine Lage gibt, in der meine Hüfte nicht weh tut. Um eine OP versuche ich trotzdem weiter, herumzukommen, denn mit zwei Kleinkindern könnte ich die Wochen danach einfach am besten in einer anderen Stadt verbringen. Die würden das nie verstehen, dass ich sie jetzt nicht in den Arm nehmen kann, und ich würde es vermutlich auch nicht verstehen, und das Ergebnis wäre wohl leider, dass ich mir den Rücken endgültig ruinieren würde, egal zu welchen Hochleistungen mein Arzt im OP auflaufen würde. Ich ballere mich also Vormittags mit Koffein wach, turne jeden Tag zwischen 30 und 60 Minuten mein Rückentraining vor dem Fernseher, fluche und hoffe auf morgen oder nächste Woche (aber das sind Mütter von Kleinstkindern ja gewohnt) und glaube weiter zweckoptimistisch daran, dass die Übungen irgendwann dem Rücken zeigen werden, wo es langgeht.

Dann bastele ich noch an meiner Homepage. Jaaaa, verrückt! Seit 2009 bin ich nun selbständig, und nun dachte ich, der frühe Vogel fängt den Wurm, jetzt könnte ich doch mal. (Ganz so ist es auch nicht, ich hatte einen Arbeitsblog, in dem man auch ein paar meiner Arbeiten angucken und mir Emails schreiben konnte und so... theoretisch.) (Also, genau genommen ist es doch genau so. Hier sitzt eine, die ihr berufliches Schicksal voller Gottvertrauen von Mundpropaganda abhängig gemacht hat. In welchem Job arbeite ich noch mal? Ach ja, Werbung! So.) Und das Tolle ist, sie ist so gut wie fertig. Und dann geht das hier aber mal los mit den Aufträgen und dem Koks und dem Gejammer über den ganzen Stress und den Nervenzusammenbrüchen und dem dringenden Vorsatz, dem ganzen Werbescheiß den Rücken zu kehren und als Drehbuchautorin ganz groß und trotzdem stressfrei rauszukommen!

(Fällt euch auch auf, dass das jetzt doch irgendwie so klingt wie ein Telefonat mit einem Freund, den man seit zwei Jahren nicht gesprochen hat?)

Und dann zum Stammtisch. Wie wär's mal wieder? Sagt doch mal.

Kommentare:

  1. Huhu Flora,

    jetzt muss ich aber Budni mal ein bisschen in Schutz nehmen. dm und Budni hatten eine Kooperation, man konnte bei Budni lauter dm-Eigenmarken kaufen. Vor einiger Zeit hat dm sich dann aber nicht mehr an die Abmachung gehalten, in Hamburg keine eigenen Läden zu eröffnen. Kein feiner Zug. Und nun kicken sie gerade die Alnatura-Produkte raus, weil sie mit einer eigenen Bio-Marke mehr Marge machen können. Nö, dann doch lieber mein guter alter Budni :)

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    1. Jajaja, und weil mich das alles auch so aufgeregt hat, habe ich es ja immer weiter versucht. Aber extrem klebrige und müffelnde Körperbutter? Haarkur, deren einziger Effekt ist, dass die Haare nach Kaugummi riechen und ungewaschen aussehen? Windeln, mit denen man nach jedem Mittagsschlaf das Bett frisch beziehen kann? Nee Nee Nee. Ich bin ja bereit, meinen Teil zu tun! Aber Budni gefälligst auch. :)

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  2. Liebe Flora, ich lese deinen Blog schon eine ganze Weile mit. Du schreibst so erfrischend. Leider wohne ich viel zu weit weg (Stuttgart), deswegen kann ich an einem Stammtisch nicht dabei sein, dabei könnte ich moralische Unterstützung gerade sooo gut brauchen :-) Befinde mich aktuell in der WS der dritten Icsi. Wie dem auch sein, ich möchte dir was zu der Diclo-Geschichte sagen. Ich bin auch Bandscheibenpatientin und Diclo sollte niemals über einen längeren Zeitraum ohne eine entsprechendes Magenpräparat eingenommen werden. Meistens wird Pantoprazol (darf ich das hier schreiben??!!) dazu verschrieben. Frag doch mal deinen Arzt danach. Damit dürfte auch eine längere Einnahme kein Problem sein! In diesem Sinne, alles Liebe und gute Besserung!!!

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  3. Hallo Flora (und alle anderen)! ich bin zwar noch nie dabei gewesen, aber ich würde auch gerne zum Stammtisch kommen!
    Bin in deinem Blog noch ein paar Jahre zurück, als ihr gerade ins Haus gezogen seid und das Buch rausgebracht habt usw und wollte nur mal spicken, ob du im Heute wirklich ein Kind hast (und juhu, du hast sogar 2!) und da seh ich deine Stammtischfrage.
    Gibt es schon konkrete Pläne?
    Lg Cx

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