Mittwoch, 8. Juli 2015

Rakete auf Schienen

Muss ich auch nur zwanzig Minuten stehend und eingezwängt in einer engen Ubahn aushalten, könnte ich durchdrehen. Die Vorstellung, durch einen engen Tunnel zu kriechen, der gerade mal so breit ist wie ich, ist für mich eine der schlimmsten. Ich flippe ja schon aus, wenn sich ein Nachthemd nachts um mich wickelt! Wie es sein muss, monatelang ein Bein komplett in Gips zu haben und auch hinterher drei Monate lang rund um die Uhr eine Fußfessel zu tragen, mag ich mir kaum vorstellen. Egal, ob man das nicht anders kennt oder doch, schön kann es nicht sein. Ich war deshalb immer bereit, einen großen Teil von Michels Gemecker auf seine beengten Verhältnisse zu schieben. Trotzdem war immer auch klar, dass er irgend etwas will - irgend etwas, was er eben noch nicht kann, aber gerne können würde. Er hat nur drauf gewartet, endlich loslegen zu können. Und jetzt kann er. Er trägt zwar immer noch jede Nacht vierzehn Stunden lang die Schiene, aber davon abgesehen ist er frei. Frei!

Seit knapp zwei Wochen krabbelt er. Damit ist er schon mal mindestens sechs Wochen früher dran als Kalle. Und es hat sich so viel Energie aufgestaut, dass er jetzt schon stehen will. Er sucht sich irgend etwas, woran er sich hochziehen kann, macht den herabschauenden Hund, hält sich erst mit einer und dann mit der anderen Hand fest und steht. Dabei strahlt und gurrt er glücklich in die Runde, minutenlang, bis ihm aufgeht, dass er noch nicht weiß, wie er hier wieder runterkommt. Dabei helfe ich ihm dann. So machen wir das stundenlang, und er ist dabei so fröhlich und unternehmungslustig, dass es wirklich eine Freude ist, in seiner Nähe zu sein. Ich glaube wirklich, der wird mit zehn Monaten laufen, und habe ein bisschen Angst, denn gesund ist das laut Kinderarzt nicht (wobei der das vielleicht damals nur zur Beruhigung gesagt hat, weil Kalle sich so viel Zeit gelassen hat). Und! In der Nacht von Montag auf Dienstag hat er zum ersten Mal durchgeschlafen, von 20 bis 6 Uhr! Ich bin daraufhin gestern pfeifend durch den Tag gehüpft, habe heute Nacht direkt von einem dritten Kind geträumt (wobei es in dem Traum vorrangig um die Mahlzeiten ging, die auf dieser Phantasie-Wochenstation serviert wurden), und habe so dermaßen Oberwasser, dass ich mir eine scheuern würde, wenn ich nicht ich wäre. Und kaum ist Michel ein bisschen freier, bin ich es hoffentlich bald auch und kann mit der neuen Energie, die mir der lang vermisste Schlaf bringen wird, endlich wieder all die Dinge machen, die andere Erwachsene auch tun! Sachen lesen, Sachen schreiben, Sachen kochen, noch mehr Sachen kochen meine ich, Unkraut jäten, Hemden bügeln, den Stau auf dem Festplattenrekorder wegglotzen, Abende mit Wein auf der Couch verbringen, ausgehen, (Zelda spielen, hüstel...) und und und. Und dann berichte ich bestimmt auch noch mal ausführlicher von New York und von der Hochzeit meiner Schwester, auf der wir das letzte Wochenende verbracht haben. Vielleicht findet sich sogar ein unscharfes Foto von Kalle im Matrosenanzug? Mal sehen.

Nein, mit Michel ist alles gut. Mit wem nicht alles gut ist, ist Kalle. Montag waren wir beim Kinderarzt zur U7, und es gibt ein Problem. Wieder mal eins, das "extrem selten" und "seit 15 Jahren in dieser Praxis nicht vorgekommen" ist. Die Fontanelle ist noch nicht zu, auch nicht annähernd, bestimmt vier Quadratzentimeter weiche Schädellose schädeldecke hat er mitten auf dem Kopf. Natürlich habe ich das bemerkt, aber ich dachte immer: so ist das bei kleinen Kindern, erst ist sie offen, und dann wächst sie irgendwann zu. Ich wusste nicht, dass es dafür eine Deadline gibt. Jetzt hoffen wir, dass sie bald zugeht. Und beim Spielen wird er ab sofort einen Helm tragen müssen. Zwei Stück habe ich bestellt, einen für die Kita, einen für Zuhause, und die kommen hoffentlich morgen an. Ich weiß, vermutlich ist das alles gar nicht schlimm, und besser zu spät als zu früh geschlossen, aber... ächz. ("Du musst auch immer was Besonderes sein", hat mein bekloppter Exfreund mir gerne vorgeworfen. Muss ich nicht! Glaub mir einfach, muss ich nicht! Ich lege absolut keinen Wert darauf, auch nur noch einmal im Leben von einem Arzt zu hören, dass sowas noch nie war.)

Kommentare:

  1. Stichwort Fontanelle: definitiv besser zu früh als zu spät, bei dem 13 Monate alten Sohn einer Freundin musste der Schädel gerade aufgesägt werden. Sehr unschöne Sache mit Intensivstation und Platten im Kopf.

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    1. Da ich für Verwirrung sorgte: Es muss heißen "besser zu spät als zu früh". Bei dem Sohn meiner Freundin hat es sich eben zu früh geschlossen und das hat wirklich unschöne Folgen. Sorry, ich wollte Flora keine Angst machen, sondern sie beruhigen. :-)

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  2. Wir waren auch eher spät dran. Unsere Ärztin hat uns sofort ermahnt, die Vit.D-Tropfen wirklich täglich zu geben. Da wir das bis dahin sehr locker gesehen hatten, habe ich das auch strikt umgesetzt und bei der nächsten U war alles gut. Liebe Grüße und noch viiiele weitere Durchschlafnächte!!!

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  3. Also ich denke zwischen 6 und 27 Monaten ist alles normal. In seltenen Fällen auch später.
    Ich finde Kathis Kommentar wenig hilfreich und ehrlich gesagt auch etwas daneben.
    Ich hoffe, du kannst gelassen bleiben.
    Liebe Grüße

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    1. Ehrlich gesagt weiß ich überhaupt nicht, was an meinem Kommentar daneben sein soll?

      Das ist nunmal ein medizinischer Fakt. Wenn die Fontanelle zu früh verknöchert, muss eben operativ gearbeitet werden. Und das ist ein großer Eingriff. Insofern liegt Flora mit ihrer eigenen Einschätzung "lieber zu spät als zu früh" eben völlig richtig.

      Das kannst du aber auch gerne mal hier nachlesen: https://www.uke.de/kliniken/neurochirurgie/index_15719.php

      Und in dem Fall meiner Freundin ist es eben erst mit knapp einem Jahr aufgefallen, weshalb eine große OP notwendig war.

      Und natürlich kann Flora gelassen bleiben, eben weil kein zu früher Verschluss vorlag.

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    2. :-D Du hast dich nicht oben verschrieben. Und deswegen steht da "besser zu früh als zu spät" und das fand ich gemein, weil etwas beunruhigend und dachte: hey warum schreibt sie sowas. Abend es passt ja auch gar nicht zu den 13 Monaten.
      Ein Missverständnis. Sorry- wollte dich nicht ärgern.
      Lg

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    3. Ähm du hast dich oben verschrieben... muss es heißen.

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    4. Aaah.... das seh ich jetzt auch. Ich hab mich schon gewundert. Ich ergänze mal oben!

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