Dienstag, 1. September 2015

L. sagt, heute beginnt der meteorologische Herbst.

Jedes Jahr ungefähr um die Zeit, wenn die Fruchtfliegen durch die Küche sirren und die Spülmaschine anfängt zu müffeln, wächst bei mir die Sehnsucht nach dem Herbst. (Und guckt mich nicht so an, ihr wisst genau, dass das in jeder Küche passiert irgendwann zwischen Mitte August und Mitte September, selbst in der klinisch reinen Küche meiner Mutter.) Die Schule fängt wieder an, und ich nehme mir vor, dieses Jahr ein braves Mädchen zu sein, meine Bleistifte zu spitzen, meine Hausaufgaben zu machen und gefälligst meine Posts zu schreiben. Zu erzählen gibt es eine Menge, also los.

Gerade fange ich an, mich in meinem Mütterleben zuhause zu fühlen, da wird schon wieder alles anders. Es sieht tatsächlich so aus, als ob unsere Zeit hier in diesem hübschen Häuschen im hässlichen Stadtteil sich dem Ende zuneigt. Und Ende kann ich nicht so gut, da werde ich schrecklich sentimental. Kalles Erdbeerstelle im Garten! Der Blick in die Bäume aus dem Fenster! Die nette Nachbarin! Sogar die blöde Nachbarin mit ihrer Paranoia, wir wollten ihr Leben ruinieren! Auf einmal betrachte ich alles mit Wehmut. Nein, wir haben noch nichts Neues, aber L. hat jetzt endgültig Hummeln im Hintern und bekommt langsam diesen verbissenen Ausdruck, wenn er die Maklerseiten durchwühlt nach einem neuen Zuhause für uns. Ich sehe es ja ein: mir macht die Straße vor unserem Haus schon Angst, so eine friedliche kleine grüne Wohnstraße, und dann kommt auf einmal BLÄMM ein Taxi mit 70 Sachen vorbei. An einer echten Straße könnte ich damit eher leben als hier in der 30er-Zone, an die sich kein Mensch hält, und ich starre die Autofahrer hasserfüllt an, die hier durchbrettern, um fünf Sekunden und eine Ampel zu sparen. Seit sie Momo letzten Sommer totgefahren haben, haben wir keine Ruhe mehr, L. noch weniger als ich. Vor ein paar Tagen war L. morgens um zehn mit Lili im Park spazieren und kam an einer Frau vorbei, um die 25 und völlig kaputt, die eine Flasche Korn erbrach und schnell einen Schluck hinterher nahm. Die Frau war keine Ausnahme, so ist das hier. Jedes Mal, wenn wir ins Kino gehen, reist unser Kindermädchen extra aus der Stadt an, und wenn wir später als elf nach Hause kommen, also immer, dann zahlen wir ihr noch das Taxi nach Hause, womit wir dann bei 80 Euro für den Babysitter sind. Vielleicht ist das ein Grund, dass wir zuletzt im Kino waren, als... Moment... ich bin nicht mal sicher, dass das 2015 war. Wir wollen zurück in die Stadt, wenn wir unser Haus und die Erdbeerstelle mitnehmen könnten, würden wir das gerne tun, geht aber nicht. Und jetzt fühle ich mich in meinem muckeligen Zuhause heute schon so, als hätten wir die ersten Kisten gepackt, selbst wenn es noch zwei Jahre dauern sollte. Wenn eine der Hamburger Damen etwas weiß oder hört von einer schönen Wohnung, die auch noch im Einzugsbereich der U1 liegt, damit wir die Kinder weiter in die dufte Kita bringen können, wäre ich sehr dankbar für einen Tipp.

Das Kochprojekt läuft immer noch sehr gut, inzwischen bin ich bei über 70 neuen Rezepten, und das Jahr ist noch nicht mal zu drei Vierteln vorbei, und allein die Plätzchenbackerei wird mich ordentlich voranbringen. Darum verschärfe ich jetzt die Bedingungen und eröffne heute feierlich den vegetarischen September. Nicht weil L. mich mit seinem Veganerkram weichgekocht hätte, davon ist schon lange keine Rede mehr, sondern einfach so, weil ich selbst mal wieder Lust drauf habe. Eröffnet habe ich den September übrigens mit den Resten einer Schinken-Salami-Pizza von gestern, hüstel, aber wegwerfen konnte ich sie ja wohl kaum? Und gestern Abend hätte wirklich nichts mehr reingepasst, das ist eine der vielen Neuerungen durch die Kinder. Früher gab es das nicht, jedenfalls nicht so schnell, ich konnte immer noch etwas essen. Jetzt bin ich tatsächlich irgendwann satt. Das ist eigentlich nicht schlecht, hätten die Kinder mir nicht gleichzeitig einen Süßigkeiten-Jieper verpasst, den ich früher auch nicht kannte. Ich war immer die, die alle hassen, weil sie sich eine Tafel Schokolade kauft und dann über sechs Wochen verteilt alle zwei Tage ein Stück isst und den Rest zurück in die Schublade packt. Das ist sowas von vorbei. In der Schwangerschaft mit Kalle ging es los, und ich dachte, das geht vorbei, aber es ging nicht vorbei, und jetzt hänge ich genau so drin wie alle anderen auch. Gestern habe ich mir eine Tafel Marabu gekauft, die sind ungefähr doppelt so groß wie eine Milka, und davon sind jetzt noch zwei kümmerliche Stückchen übrig, aber der Tag ist noch nicht vorbei.

Was gibt es sonst noch? Michel krabbelt und steht und schafft es inzwischen schon, von einem Möbelstück zum nächsten zu kommen, ohne dabei zu krabbeln, wenn die Möbelstücke sehr dicht zusammen stehen. Bald wird er laufen. Kalle plappert mir den ganzen Tag die Ohren voll, will meine Hände nehmen und mit mir tanzen, verteilt Küsschen an seinen Bruder, den Hund und alle, die nicht bei drei auf dem Baum sind, und ich sitze dabei und habe das fast zum ersten Mal: dass ich meine beiden Jungs angucke und dabei sehr, sehr glücklich und sehr, sehr entspannt bin (glücklich war ich schon vorher oft, aber entspannt - nie. Nicht, so lange ich denken kann, nicht im Ernst, höchstens mal für ein paar Sekunden, dann kam der nächste Stress oder das nächste Zipperlein oder die nächste Angst.) Vielleicht färben die extrem entspannten Kindergärtnerinnen auf uns ab, vielleicht war die Zeit vorher auch nur ein notwendiger und etwas schmerzhafter Zwischenschritt, der eben passiert, wenn sich das Leben so extrem verändert. Aber jetzt geht es irgendwie wie von selbst. Noch vor ein paar Wochen musste ich mich kümmern und musste Abendessen machen und musste Kindersachen waschen und musste Windeln kaufen und musste trösten und musste tragen und musste die Kinder ins Bett bringen, jetzt kümmere ich mich, mache Abendessen, wasche Kindersachen, kaufe Windeln, tröste, trage und bringe die Kinder ins Bett. Falls ihr versteht, was ich meine. Es ist nicht alles wundervoll, Kalles Eifersucht auf seinen kleinen Bruder z.B. ist nicht einfach und macht mir ganz schönen Kummer, aber auch das kriegen wir hin, und auch dabei denke ich: das hier, das ist meins. Dafür haben wir ganz schön gekämpft, und wie schön, dass wir am Ende Glück hatten, gleich zwei Mal! Wir haben diese Nachbarin, nicht die paranoide, sondern die nette, die uns über den Gartenzaun immer erzählt, wir müssten das hier genießen. Früher dachte ich dann: jaja, wir genießen es ja und wissen auch, wie sie es meint, aber so kann nur jemand reden, der seit 50 Jahren ausschlafen kann, jeden einzelnen Tag. Jetzt schlafe ich jede Nacht so um die sechs Stunden und bin zuhause. Zwar vielleicht nicht mehr lange in diesem Haus, aber jedenfalls in diesem Leben.

Zwar habe ich den vegetarischen September mit einer kalten Ladung Schweineaufschnitt auf Pizza eröffnet, aber heute Abend gab es für Kalle und mich Ofenfritten mit selbstgemachter Guacamole (und Ketchup für ihn, na gut, er ist auch nur ein Mensch). Nach dem Essen habe ich Michel ins Bett gebracht, danach sind Kalle und ich in die Küche gegangen, und im Ofen waren noch die restlichen Fritten, inzwischen schön knusprig, und wir haben uns auf den Küchenfußboden gesetzt, und ich habe ihm erklärt, was ein Picknick ist. Dann haben wir gepicknickt mit Fritten und Guacamole. Und das war toll. Ich weiß nicht, ob ein Zweijähriger sich an so etwas schon erinnern kann, aber ich werde mich jedenfalls noch ziemlich lange daran erinnern.

Kommentare:

  1. Oooh, toll, ein Pommespicknick! Das ist eins der liebsten Rituale meiner Kinder. Wir machen es immer auf einer Wachstuchdecke im Kinderzimmer.
    Uns eins meiner liebsten Rituale ist dein Blog. Ich freu mich riesig über jeden Post. Obwohl, oder gerade weil, du so absolut komplett anders bist als ich.
    Danke!
    Fröhliche Grüße
    Ellie aus HH

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  2. In jeder Küche gibt es um diese Zeit Fruchtfliegen und die Spülmaschine müffelt???!! Yeaaayyy!! ;D danke für diese Info, das erleichtert mich. :)
    Aber warum ist das so, was soll das?! :)

    Ansonsten klingt es gut bei Dir..dieses Angekommen sein in dem wie es ist und es ist glücklichmachend so.. So schön.
    Angekommen in einem neuen zu Hause wird sich irgendwann bestimmt genauso einstellen. Ich kann Deine Wehmut bei dem Gedanken zu gehen sehr gut verstehen - ich werd auch immer wehmütig.:/ Bei uns ist es andersrum: Hätten gern ein eigenes bezahlbares Häuschen (also nicht wie jetzt zur Miete im Reihenhaus), aber in der gleichen Gegend..

    Viel Erfolg beim vegetarischen September und ein Hoch auf Pommespicknick (das merk ich mir;))!

    Viele Grüße
    Naya

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  3. Liebe Flora, das klingt ja nach Aufbruchstimmung auf allen Ebenen, wie schön!
    Bock auf Stammtisch? ;-)

    LG Nina aus HH

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  4. Ja Stammmtisch bitte bitte ;))

    TinaS aus HH

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  5. Liebe Flora,

    dieses Rezept darfst Du im vegetarischen September auf keinen Fall auslassen:

    http://orangette.blogspot.co.uk/2013/06/told-you-so.html

    Schönste Grüße aus London,
    S.

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