Montag, 9. Januar 2017

Rolle Rückwärts

Gestern hatten wir spontanen Besuch von L.s Cousine, die in London lebt. Sie hat von einem Spieltreff für Kleinkinder erzählt. Statt die Kinder da abzugeben und dann fröhlich pfeifend ihrer Wege zu gehen, sollten die Mütter im Nachbarzimmer sitzen. Aber nicht etwa allein mit ihren Gedanken, mit dem Wirtschaftsteil oder mit einem guten Buch, sondern es gab Aufgaben. Beispielweise sollten sie der Reihe nach sagen, was das Allerallerbeste an ihrer Schwangerschaft gewesen war oder wie sie es in ihrer Partnerschaft jetzt mit der Hausarbeit hielten. In England, so scheint es, ist gerade die Hausarbeit ein Riesenthema. Babys schreien und brauchen viel Liebe und Zeit, und der Abwasch macht sich nicht von alleine. Papa geht arbeiten, und Mama kriegt es nicht immer alles so hin, wie sie gerne würde, was theoretisch in Ordnung ist, aber sie fühlt sich schlecht dabei. Kommt das Kind zu kurz? Sieht die Wohnung nicht gut genug aus? Wollen die Babypfunde einfach nicht verschwinden? Das alles sind Fragen, die englische Mütter um den Schlaf bringen. Während diese und andere Themen im Stuhlkreis besprochen wurden, sollten die Frauen (Männer waren nicht anwesend) parallel kleine Bastelarbeiten erledigen. In diesem Fall sollte mit Lavendel parfümierter Reis in kleine Säckchen genäht werden, die dann noch dekoriert werden sollten. Die Säckchen wiederum waren dazu gedacht, zuhause die Wäsche im Schrank zu beduften. L.s Cousine stellte sich quer. Wieso die paar kostbaren Stunden ohne Kind mit Hausfrauen-Angst und der Produktion von unnötigem Dekoschrott verschwenden? Die Reaktion der Gruppe auf ihren Protest war freundlich und verständnisvoll. Sie ist trotzdem nicht mehr hin gegangen.
Wir müssen wirklich aufpassen. Was heißt wir, ich spreche von mir. Ich war nie eine besonders eifrige Kämpferin für eine Rolle der Frau jenseits von Ideen mit Lavendel und Babyglück, aber auch ich kriege leicht Pickel, wenn ich spüre, wie auf tausend mehr oder weniger subtile Arten die Geburt eines Kindes ein eigentlich modernes, freies Mädchen Zack-Bumm zurück in die 50er katapultiert. Was heißt 50er, 40er. Jetzt ist das Baby da, jetzt machen wir es uns mal nett zuhause. Jetzt dekorieren wir die Bude und kochen uns was Schönes, jetzt entdecken wir ein Hobby wie Einkochen für uns, jetzt treffen wir uns in unserer Freizeit mit anderen Müttern und sprechen über unsere Kinder. Jetzt wird's gemütlich, und als Zerstreuung reicht es uns, abends noch ein paar mal ins Kinderzimmer zu schleichen und unser schlafendes kleines Wunder versonnen zu betrachten. Bleibt uns weg mit unserer Altersvorsorge oder unseren Jobchancen und bleibt uns vor allem weg mit Politik.

Ich hab das ja auch: ein erhöhtes Wärme- und Kuschelbedürfnis, manchmal schiebe ich es auf die Schwangerschaft, manchmal auf den Winter. Ich bin fürchterlich müde und will einfach nur meine Ruhe. Ein Bilderbuch, zwei kleine Schlafanzüge und ein großer und dann Bett. Ich guck mir auch gerne Wohnblogs an, auch wenn ich in letzter Zeit - genauer gesagt seit ca. acht Jahren - finde, es reicht jetzt mal mit dänischem Teak, Lammfellen, Buchstaben als Deko und Subway Tiles. Gott weiß, dass ich gerne koche (und schon wieder hinter meinem Rücken eine Liste mit Vorsatz-Rezepten für 2017 angelegt habe), das kommt einfach so, wenn man ein Fresssack ist. Aber gleichzeitig denke ich, das kann und darf nicht passieren, nicht mit mir und nicht mit uns. Da draußen ist der Teufel los, und ich rede nicht von neuen Wohntrends. Wir können nicht nur kochen und klitzekleine Popos abputzen und Bücher vorlesen und kuscheln, wir können auch denken und sprechen und arbeiten. Wir können sogar höllisch aktiv außerhalb unserer mehr oder weniger dekorierten Wohnung werden, wenn uns etwas wichtig genug ist. Nur wird uns irgendwann niemand mehr danach fragen, wenn wir das alles lang genug nicht getan haben.

"Was hat sie denn jetzt schon wieder?"
"Keine Ahnung. Hormone."

Ach, ich weiß es doch auch nicht.

Kommentare:

  1. Flora! Du weißt gar nicht wie sehr du mir aus der Seele sprichst...dieses neue Biedermeiertum auf vielen Blogs nervt mich auch...als gäbe es ausserhalb der eigenen Familie und der standesgemäßen Ausstattung derselben mit schicker Kleidung, Spielzeug, Auto und Wohndeko nichts anderes. Nichts gegen ein bißchen Schönes für Zuhause aber das NUR als Thema? Wo sind die Fragen und Themen die wir zum Wohle unserer Kinder und deren Zukunft eigentlich stellen sollten? Z.N. Nachhaltigkei, Klimaschutz und politisches und soziales Engagement? Bin auch gerade wieder schwanger und hoffe, meine Elternzeit ab Februar dazu zu nutzen mich noch mehr und lauter mit solchen Dingen zu beschäftigen. Schön, dass es dir auch so geht! Liebe Grüße aus Köln!

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  2. Danke, Flora! Du triffst einfach immer wieder ins Schwarze, sortierst und formulierst für mich Maine kruden Gedanken. Statt Deko und Kuscheln kann ich Dir den Kinofilm "Blumen von gestern" sehr ans Herz legen. Da hab ich noch mal gedacht, ich müsste doch mal mehr über meinen Mikrotellerrand aus Kindern und Arbeit sehen! Dir für 2017 neben dem Wunderwürmchen vor allem viel Gesundheit! C aus K

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  3. Ich finde auch, dass der Begriff "Hausfrau" durch "Haushaltsopfer" und "Hausarbeit" durch "Scheissarbeit" ersetzt gehörten. (Quelle Martina Schwarzmann: https://www.youtube.com/watch?v=VNEApfWGM5I) Zumindest wären wir dann ein wenig näher an der Realität. Seit ich mir einmal die Woche professionelle Hilfe hole, ist einiges besser. Aber kann das die Lösung sein? Dass man eine Putzfrau bezahlt, um sich emanzipiert zu fühlen? Ich weiss ja auch nicht...

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  4. Ich finde jede sollte es so machen, wie sie sich wohlfühlt. Egal ob nun perfekt dekoriert oder spartanisch elegant oder lässig unordentlich.
    Es sollte einfach nur echt und ehrlich sein!

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  5. Ein sehr guter Blogpost!

    Die Schoko

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