Sonntag, 12. März 2017

Eine sehr unsortierte Auswahl einiger Dinge, die ich gerade nicht verstehe.

1. Mein erster Freund K. wohnte noch zu Hause, als wir zusammen waren (wie man das mit 17 so macht). Seine Mutter kochte ganz anders als meine. Kam z.B. die Verwandtschaft zu Besuch, dann kochte sie nicht, wie man sich das so vorstellen würde von einem ländlichen Haushalt, einen großen Braten mit ein paar Beilagen und hinterher Torte, sondern sie machte Schnitzel, Bratwürste, eine Sauce mit Fleischklößchen, Braten, einen Fleischkäse vom Metzger, Frikadellen und vielleicht auch noch Koteletts. Dazu gab es dann Reis, Nudeln, Spätzle, selbstgemachte Semmelknödel und noch ganz, ganz viel anderes. Die Verwandten fanden's supi. Bei uns zuhause gab es Mailänder Käserouladen, Wirsingauflauf, Fisch mit Senfsauce und vielen Kräutern und Badische Porreesuppe. Das war auch alles sehr lecker, aber eben anders lecker. In Mutter K.s Küche spielten Brühwürfel und Fondor eine wichtige Rolle, und in vielen Fällen war das überhaupt kein Fehler. Ihr Prunkgericht war eine Kartoffelsuppe, zu der es Apfelpfannekuchen gab. Ich habe bestimmt vier mal zugeguckt, wie sie die Suppe macht, und es mir zwölf mal mehr erklären lassen. Trotzdem kriege ich sie heute nicht hin. In die Suppe kommen Kartoffeln, Suppengrün, Petersilie, Brühwürfel, Zwiebeln und Dosenpilze, so viel ist klar. Vielleicht noch Majoran? Keine Ahnung. Bei den Apfelpfannekuchen bin ich am Ziel, die schmecken genau wie ihre. Aber diese Kartoffelsuppe entzieht sich mir jetzt seit zwanzig Jahren, so lange nämlich, wie ich schon nicht mehr mit K. zusammen bin und nicht mehr an Mutter K.s Tisch gesessen habe. So schwer kann's doch nicht sein! Kann es doch. Warum, verstehe ich nicht. Heute starte ich jedenfalls den nächsten, ca. zweiunddreißigsten Versuch.

2. Viele regen sich auf über das fiese Frauenbild aus Modelshows und Modestrecken. So dünn ist im wirklichen Leben keine Frau, da werden Zwänge und schrecklich komplizierte Krankheiten erzeugt, eine ganze Generation von Mädchen ist unzufrieden mit ihren im Grunde völlig okayen Körpern usw. Ich konnte mich darüber nie so richtig aufregen, muss ich zugeben, vielleicht bin ich erstens zu wenig anfällig für Essstörungen und zusätzlich auch noch so haarsträubend egozentrisch, dass ich mir das noch nicht mal vorstellen kann, was das mit anderen machen kann. Aber worüber ich mich in letzter Zeit sehr oft schrecklich aufrege, ist das Frauenbild in Bilderbüchern. Und wie! Ihr solltet mich sehen. Kein Wunder, dass meine Frauenärztin sich Sorgen um meinen Blutdruck macht und ich inzwischen bei sechs Methyldopa täglich bin. Bobo Siebenschläfers Mutter z.B.: Bobo schmeißt seinen Kakao vom Hochstuhl, und ehe du piep sagen kannst, ist Mutter Siebenschläfer lächelnd auf den Knien und wischt das weg. Zum Geburtstag bekommt sie eine Torte, die Bobo durch Rumhüpfen geplättet hat (wieso, wieso darf die kleine Wurst die Torte tragen? Wieso?) und freut sich natürlich so recht von Herzen. Bobo schließt sie ein und weigert sich, wieder aufzuschließen, und nachdem das Problem mit Lächeln nicht zu lösen ist, klettert sie eben aus dem Fenster, lächelnd natürlich. Dann die Kinder in der Wanne. Kinder in der Badewanne in Bilderbüchern können gar nicht anders, die setzen immer das ganze Bad unter Wasser. Man bekommt das Gefühl, das muss so sein, wenn hinterher noch Wasser in der Wanne ist, dann hat man was falsch gemacht. Die Mütter wischen und lächeln. Diese Bücher sind nicht von 1957, sondern von jetzt. Ich wünsche mir genau so wenig die Lindenstraße in Kinderbuchform, aber ein bisschen mehr Realität? Kann sein, dass die Teen Vogue oft von noch nicht komplett ausgeformten Charakteren gelesen wird, die sich viel zu leicht beeinflussen lassen, aber was ist mit Bilderbüchern? Wieso regt sich da niemand auf? Ich rede nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Millionen von Müttern, die überall auf den Sofas sitzen, das Bilderbuch in den Händen und den Kopf voller Schuldgefühle und Unsicherheit, und dann erklärt das Bilderbuch, wie's gemacht werden soll: lächeln. Wischen. Niemals schimpfen. Niemals die Nase voll haben oder wütend werden. (Es gibt eine ganz tolle Ausnahme, nämlich Willi Wiberg. Willi lebt bei seinem allein erziehenden Vater, was aber bisher kein Thema war, und es kommt tatsächlich vor, dass Papa müde ist oder lieber die Zeitung lesen will, als mit Willi zu spielen. Er wird allen Ernstes auch mal sauer, z.B. als seine Lieblingspfeife weg ist. Trotzdem ist das ein toller Papa, der erzählt und erklärt und ganz viel versteht und richtig macht. Hurra für Papa Wiberg!) Es ist, als hätten die Bilderbuchautoren Angst, es sich mit ihrer Leserschaft zu verscheißen, wenn die Mütter und Väter auch nur das geringste Hindernis in einer kunterbunten Welt voller Phantasie und Überschwemmung und Schokoladenschlachten darstellen. Wieso? Keine Ahnung. Ich dachte in letzter Zeit bei der Lektüre von Büchern für Dreijährige öfter an "The Veldt" von Ray Bradbury, eine der gruseligsten Kurzgeschichten aller Zeiten. Z.B. hier kann man sie lesen.

3. Warum knarren immer die Dielen im Flur vor dem Kinderzimmer am lautesten? Würden wir das Kinderzimmer verlegen, würde das Knarren mit umziehen, da bin ich sicher.

4. Ich bekomme noch ein Kind. Was gibt es da nicht zu verstehen? Auch das verstehe ich nicht, sehe ich doch jedes Mal meinen gigantischen Bauch, wenn ich an mir runtergucke. Tritt mich das Kind doch jeden Tag nach Kräften. Stapeln sich hier doch inzwischen wieder die Pakete mit Sterilisiergerät, Babyaufsatz für den Kinderwagen, Babykindersitz und Pre-Milch. Hocke ich doch ständig auf dem Boden, gucke mit einem Auge Barnaby und sortiere mit dem anderen Babywäsche in passende Haufen und Körbe. Liege ich doch dauernd bei meiner Frauenärztin herum und habe diese ulkigen CTG-Geräusche im Ohr. Habe ich doch einen ET, der ständig näher rückt, und miese Übungswehen, um es zu beweisen. Die Kliniktasche steht im Flur, die Familie sitzt auf glühenden Kohlen, L. und ich führen hitzige Diskussionen über Vornamen und all das. Trotzdem will es nicht so richtig ankommen in meinem Fusselhirn. Vielleicht, weil es mir immer noch Angst macht, was die ersten Discowochen mit dem Würmchen gemacht haben könnten. Vielleicht, weil ich das immer für ein Gerücht gehalten habe, diese Talkshow-artigen Schwangerschaften von Frauen nach IVF und in fortgeschrittenem Alter. Vielleicht, weil ich mir überhaupt noch nicht vorstellen kann, wie das alles werden soll.
Aber keine Angst: erstens baue ich auf die aufrüttelnde Wirkung einer weiteren Geburt. Und zweitens auf Babygeruch und Huscheln an meiner Schulter und Stillen und all das. Das Sein bestimmt das Bewusstsein: da hab ich immer schon dran geglaubt. Und genau so, wie mein innerer Realitätsverlust mich nicht von der äußeren Anschaffung des notwendigen Babykrempels abgehalten hat, wird er mich davon abhalten, auch dieses Würmchen fest im Arm zu halten und mich um es zu kümmern, wenn es da ist. (Oder? Wird er doch nicht?)

5. Kleine Jungs und Dinosaurier.

6. Wo kaufen eigentlich die Kandidatinnen aus dem "Bachelor" ihre Kleider? So ein Geschäft hab ich glaube ich noch nie gesehen.

7. Bei all dem Bluthochdruck, der damit einhergehenden Beklemmung, dem Geächze und Gefauche bei jedem Bücken und Aufstehen und all dem ist mein Fusselkörper in manchen Dingen überraschend freundlich zu mir. Z.B. ist in dem Moment, in dem Rasieren wirklich schwierig werden würde, von Epilieren wollen wir gar nicht reden, kein Härchen mehr an meinen Beinen gewachsen. Das ist doch nett! Verstehen kann ich es trotzdem nicht, ich hab von diesem Phänomen noch nie gehört und kann mich auch nicht erinnern, ob das die letzten beiden Male auch schon so war.



Kommentare:

  1. https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1596694693691853&id=184413228259217
    Vielleicht interessant für dich... nicht nur Mütter kommen schlecht weg...

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  2. https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=1596694693691853&id=184413228259217
    Vielleicht interessant für dich... nicht nur Mütter kommen schlecht weg...

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  3. Lustig, gerade letzte Woche habe ich mich in einem Post aus genau den unter 2. genannten Gründen über Bodo Bär aufgeregt. Bobo ist eigentlich genau so schlimm. Regt mich nur irgendwie weniger auf. Und genau: wenn das die Kinderbuchwelt ist, dann ist es total schnurz, was die lieben Kleinen mit 12 im Fernsehen schauen. Da ist dann eh schon Hopfen und Malz verloren. Versteht auch das meiste da draußen nicht: die Tina

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  4. Ich empfehle skandinavische Kinderbücher. In der Regel sehr viel lebensnaher und mit weniger Stereotypen. (Siehe Willi Wiberg, den lieben wir auch so!)
    Wenn die Kinder in der Bücherhalle selbst aussuchen, gibts natürlich mal die eine oder andere unschöne Überraschung - hustConnyhust - aber mit den nordischen Bücher haben wir insgesamt super Erfahrungen gemacht, auch später für ältere Kinder!
    Und Bobo ist übrigens schon ziemlich alt...Wird immer noch aktuell neu aufgelegt, aber den gab es schon vor 30 Jahren...

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  5. Bobo finde ich so gruselig! Allerdings nicht wegen des dort gezeichneten Mutterbildes. Kenne nämlich nur die Ausgabe, in der Bobos Eltern allein in Urlaub fahren und Bobo zu den Großeltern muss. Lang und breit geht es darum wie schlecht Bobo sich fühlt und sehr er weinen muss und alle das anscheinend nur hinnehmen. Wie soll ich das meinem Knirps vorlesen? *grusel*

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  6. Oh ja, Bobo ist wirklich blöd! Noch ätzender finde ich allerdings Caillou, dessen Mami immer zu allem Lust hat und egal was passiert, immer sch... freundlich bleibt. Wenn meine Großen das kucken, schwillt mir immer der Kamm! Wirklich fies!

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