Mittwoch, 3. Januar 2018

Mit einem Zeh im Grab.

Ab und zu komme ich morgens vom Kita-Gang zurück und erzähle L. gleich als Erstes, dass heute der Papa XY wieder da war, der nicht mehr so schnell die Treppe runter- wie hochkommt. Oder der mit dem Fiffi. Oder irgendwas dergleichen, das den Zweck erfüllen soll, den es schon lange nicht mehr erfüllt: den Eindruck erwecken, wir würden in unserer Kita zu den jungen Eltern gehören. Bzw. stimmt das auch nicht so ganz, ich glaube manchmal tatsächlich, dass wir guter Durchschnitt sind. Aber wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist guter Durchschnitt in einer Harvestehuder Kita trotzdem richtig, richtig alt.

Hier einige Alarmsignale:

Ab und zu wachsen borstige Freak-Haare aus meinem Kinn. Ich bin auf der Hut und erwische sie meistens, bevor sie länger als zwei Millimeter werden, und dann geht es im Stechschritt ins Bad, wo ich sie erst vergeblich mit einer Pinzette ausrupfen will, nicht erwische und dann doch das Epilierdings nehme. Aber eines Tages, da bin ich sicher, geht mir eins davon durch die Lappen, und dann habe ich plötzlich ein drei Zentimeter langes Borstenhaar am Kinn wie meine Oma am Ende.

Könnt Ihr Euch an den Kinofilm “About Schmitt” mit Jack Nicholson erinnern und die Szene mit den Adern am Knöchel? Diese Adern, also die habe ich auch.

Ich verwende inzwischen im Gesicht kaum noch ein Kosmetikum, das nicht irgendwas mit “Repair”, “Hyaluron” oder “Regeneration” im Namen hat: eine Armee von dermatologischen Trümmerfrauen.

Früher war der Unterschied zwischen Make-Up oder nicht der Unterschied zwischen Superdiscoglam und normal-okayem Alltag. Jetzt ist es der Unterschied zwischen normal-okayem Alltag und einem wirklich miesem Tag.

Diese komischen roten Flecken, die überall am Körper auftauchen. Mein Dermatologe nennt sie Blutschwämmchen, und dieses Wort würde ich gerne meiner persönlichen Liste ekliger Wörter hinzufügen, wo schon Wörter wie Mutterkuchen, Nabelschnur und Geschwulst zu finden sind.

Ich treffe manchmal Leute auf der Straße, die ich kenne, und ich weiß überhaupt nicht, woher. Bist du ein Kita-Papa? Hatten wir mal ein daneben gegangenes Blind Date? Saßen wir mal am gleichen Konferenzraumtisch? Waren wir mal Nachbarn? Oder spielst Du nur in einer Fernsehserie mit, die ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe? Ich bin froh, wenn die unbekannten Bekanntschaften Frauen sind, damit sind schon mal eine Menge Optionen raus.

Wenn ich auch nur ein klitzekleines Bisschen Alkohol zu viel trinke, habe ich einen im Vergleich zum körperlichen Kater monströsen, monströs ungerechten und kaum zu überstehenden moralischen Kater.

Beim Aufstehen, Hinlegen, Baby Hinlegen oder Aufheben und überhaupt bei jeder wichtigen Bewegung mache ich jetzt Geräusche.

Ich komme mit gelegentlichen Flüppchen einfach nicht mehr davon.

Ich bin der Meinung, das ist doch keine Musik mehr (und das ist doch kein Fernsehprogramm mehr, Kinderfernsehen war früher viiiiel besser, und was hat dieser Typ bitte im Feuilleton verloren?!?) (Wobei ich trotz alledem noch nie CDU gewählt habe. Immerhin.)

Wann wird er wohl kommen, der Tag, an dem Außenstehende nicht mehr sicher sind, ob meine Kinder meine Kinder oder meine Enkel sind?

Kommentare:

  1. Ach Flora...
    Das mit der Bewegung die Geräusche macht, oh Gott du hast Recht!
    Wenigstens sind wir nicht alleine.
    Lieber Gruß, Monja

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  2. Ja, das kenne ich auch. Ich suche auch gerne nach Falten in den Gesichtern der anderen Mütter oder wenn keine da sind, denke ich darüber nach, diejenige nach ihrem Hautarzt zu fragen.... Aber auch, wenn der Körper langsam *zerfällt*, ;-) fühl ich mich immer viel jünger als der Rest der Elternschaft. Spontan denke ich, die sind ja alle viel älter, darüber nachgedacht, weiß ich, dass das nicht stimmt und eher das Gegenteil Fakt ist. Aber es gibt auch Momente, wo ich es schätze, nicht mehr so naiv und unwissend durch die Welt zu stapfen, wobei es auch Eltern in meinem Alter gibt, die anscheinend nie altersweise werden... Und die Damen, die ihre Naivität kultiviert haben, weil sie damit wahrscheinlich leichter durchs Leben kommen. Ich weiß es nicht, was deren Motivation ist, nach dem 10. Mal immer noch nicht zu wissen, wann der Schwimmkurs anfängt. Die Mutter hat allerdings auch kaum Falten, vielleicht sollte der Zusammenhang zwischen Botox und verminderter Gehirnaktivität untersucht werden...
    Habt ihr eigentlich noch euren Hund?
    LG

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