Mittwoch, 30. Dezember 2015

Re: 24.-26.12.2015

Ich weiß, zu Weihnachten mögen wir Traditionen. Aber in diesem Blog hat sich eine Tradition eingeschlichen, die ich wirklich gerne wieder los wäre. Diese Tradition geht ungefähr so: erst herrscht Schweigen, wochenlang. Dann melde ich mich wieder und entschuldige mich erst mal umständlich, wieso hier so lange Schweigen geherrscht hat (als ob es ernsthaft jemanden jucken würde). Und dann gehe ich über zu einem Post, in dem alles mit allem verwurschtelt ist, denn zum ausführlich schreiben habe ich auch jetzt schon wieder keine Zeit. Ich fürchte, der einzige Weg aus diesem langweiligen Muster wäre, wieder alle paar Tage zu schreiben. Aus irgendwelchen Gründen kriege ich das aber nicht hin, und so bleibt es wohl noch eine Weile lang dabei (bis die Kinder imstande sind, sich selbst zu beschäftigen, anzuziehen und sich eine vernünftige Mahlzeit zuzubereiten?), dass ich hier alle paar Wochen angekrochen komme wie ein Schulkind, das beim Hausaufgabenschwänzen vergessen wurde. In meinem eigenen Blog! Erbärmlich, einfach nur erbärmlich.

Also los.

Weihnachten ist vorbei, und es tut mir leid, dass es dieses Jahr in diesem Blog nicht stattgefunden hat. Das lag wohl daran, dass es im wirklichen Leben so was von stattgefunden hat: wir hatten in der neuen Bude meine Eltern, meine Schwester mit Mann, meine Schwiegermutter und meinen Bruder zu Gast. Leider muss ich sagen, dass ich kein guter Weihnachtsmensch bin. Ich kriege jedes Jahr wieder ganz viel einfach nicht hin. Meine Deko-Bemühungen sind bestenfalls spärlich, schlimmstenfalls trashig. Ich schaffe vielleicht ein Drittel der Kekse, die ich eigentlich backen wollte. Die Geschenke kommen zum Glück von Amazon, Schande über mich, aber selbst dabei gerate ich noch ins Schwitzen. Jedes Jahr hält sich bis zur Bescherung hartnäckig das Gefühl, ich hätte jemanden vergessen. Ich schreibe keine Karten, und jede, die hier ankommt, treibt mir das Blut ins Gesicht. Ich wünschte, alle wären so schlampert wie ich mit Weihnachten, dann wäre es nicht schlimm. Oder es wäre mir einfach egal. Ist es mir aber nicht, im Gegenteil, auch durch 30 Jahre perfekte Weihnachten, von meiner Mutter scheinbar mit links organisiert, sind meine Erwartungen gewaltig. Schade nur, dass ich sie selbst erfüllen muss. "Was quengelt sie denn so", denken sich jetzt sicher viele. "Dann soll sie halt im Oktober eine Liste machen und ganz in Ruhe abarbeiten, und schon läuft es ohne Herzinfarkt oder Fusselhirnmeltdown". Damit habt ihr sicher Recht, der Tipp ist ein guter Tipp, wird mir aber trotzdem niemals etwas nützen. Ich weiß einfach, dass Weihnachten für mich immer so sein wird. Jetzt ist es vorbei, und ich bin froh darüber. Obwohl ich Weihnachten eigentlich mag! Versteh das einer. Wäre das ganze Jahr Weihnachten, dann wäre ich längst schizophren.

Weihnachten und Kinder, das war allerdings immer ein dickes Thema für mich, als ich noch keine hatte und es auch nicht so aussah, als würde ich mal welche bekommen. Darum schreibe ich heute mal darüber, wie es denn tatsächlich so ist. Dieses Jahr war das erste, in dem sowohl Michel als auch Kalle imstande sind, zu verstehen, dass hier gerade etwas Besonderes im Gange ist, und dass jetzt der Moment ist für große, staunende Kinderaugen. In Michels Fall allerdings auch immer für blitzschnell arbeitende Kinderbeinchen. Es ist nicht zu fassen, wie schnell dieses Kind krabbelt. Eben saß er noch staunend an meiner Seite, jetzt wieselt er schon pfeilschnell auf den Baum zu. Auch Kalle staunt zwar nach Kräften, aber sieht sich die Sache dann lieber genauer an. Mein erstes Zwei-Kinder-Weihnachten läuft also vor allem so, dass ich versuche, die Kinder nach Kräften von Weihnachten fern zu halten. Von den Kerzen, vom Baum, vom Adventskranz, von der Deko, von den hübschen Erzgebirgs-Figürchen, die am Baum hängen und die ein Hochzeitsgeschenk meiner Eltern waren, von denen also jede einzelne eine Bedeutung hat und noch bei meinen Urenkeln am Baum hängen soll, wenn da nicht irgend eine zukünftige Endometriose oder die dusselige islamistische Revolution dazwischenfunkt. Auch von den Keksen muss ich sie fernhalten, von diversen auf Tischchen verteilten Rotweingläsern, von den Handys der Weihnachtsgäste und von feinen neuen Strumpfhosen. Meistens haben sie nicht beide das gleiche Ziel vor den großen, staunenden Augen, darum wünsche ich mir vom 24. bis zum 26. eigentlich durchgängig, ich wäre ein Tintenfisch, auch wenn das die traditionelle Suche nach einer schönen, heilen und sauberen Strumpfhose noch weiter erschweren würde. Komischerweise ist das auch dann so, wenn man wie ich eine Verwandtschaft aus lauter Babysittern hat und alle ständig springen, um die Kinder von Gefahren und Versicherungsfällen fernzuhalten. Ja, zwischendurch ist es genau so, wie ich mir das immer vorgestellt habe: wenn Michel hingerissen an einem Traditionskeks knabbert und es schafft, sich mit dem staubtrockenen Ding trotzdem von Kopf bis Antirutschsocke einzuschmieren. Oder wenn Kalle seine neue Ikea-Kinderküche (Geschenk von Oma und Opa) in Betrieb nimmt und als erstes "Weihnachten" kocht. Aber ohne Kinder war wesentlich mehr Zeit, die Weihnachtsmomente zu bemerken, zu genießen und zu verdauen. Ich weiß auch nicht, was passieren müsste, damit ich mich wohlig aufs Sofa kuscheln würde, mit einer Tasse Weihnachtstee in der Hand, und deutlich fühlen und denken würde: das hier, das ist jetzt Weihnachten, wie schön. Hier ist das Haus voller Leute, die auf die Kinder aufpassen, und zwar gerne, das Essen ist größtenteils längst vorbereitet, alle reißen sich ums Tischdecken und Spülen und Hund ausführen - was denn noch? Vermutlich Downton-Abbey-artige Zustände. Wie gesagt: meine eigenen Weihnachtserwartungen werde ich wohl nie erfüllen, und so lange das so ist, wird für mich immer der Stress die alles übertönende Note sein. Dumme, dumme Flora.

Lerne ich denn gar nichts?

Doch, ab und zu schon. Dazu morgen.

Bis dahin wünsche ich Euch das, was ich Euch jedes Jahr wünsche. Solltet ihr es inzwischen bekommen haben, dann wünsche ich Euch ersatzweise dieses Jahr nachträglich einen klaren Kopf, blitzschnelle Reflexe, ein heiteres Gemüt, ein paar Plätzchenrezepte in petto, die sich innerhalb eines Kindermittagsschlafs umsetzen lassen und einen kippsicheren Weihnachtsbaumständer.

Ach ja: in meiner Familie wurde bei entsprechendem Anlass heiß diskutiert, ob Riesling tatsächlich ein gutes Fleckenmittel für Rotweinflecken ist. Ist er.


Montag, 7. Dezember 2015

Mein elektrischer Beckenboden

Man sollte es nicht denken, wenn man z.B. mein Verhalten vor Prüfungen beobachtet oder mich beim Kofferpacken, aber ich liebe, liebe, liebe es, einen Plan zu haben und mich dann daran zu halten. Neben Nerdigkeit und der Aussicht, dass es tatsächlich funktionieren könnte, ein weiterer dicker Pluspunkt für femifree. Seit ein paar Tagen sieht dieser Plan folgendermaßen aus:
Die Kinder sind entweder im Tiefschlaf oder in der Kita. Ich bin einigermaßen frisch geduscht, und es steht kein Besuch ins Haus und auch sonst keine Aktivität, bei der ich keine Jogginghose tragen darf. Ich habe darüberhinaus eine gute halbe Stunde nichts vor, was hektische Aktivität erfordert. leichte Aktivität dagegen, die vor allem nicht viel Gelaufe und Gehopse erfordert, ist völlig ok. Jetzt ziehe ich einen meiner drei Tangas an, nehme die zwei schwarzen, mit Klettverschlüssen ausgestatteten Manschetten und wickele sie mir um Po und Oberschenkel. Das sieht, wenn man es richtig macht (wozu ich die ersten Male noch ein-zwei Anläufe brauchte) aus wie die Beine einer Radlerhose. Sitzen die Manschetten, schließe ich jede mit einem idiotensicheren Klickstecker an ein Kabel an, und das Kabel kommt an das Therapiegerät, das ich mir wiederum um den Hals hänge. Ich steige noch in die Jogginghose, um nicht eine halbe Stunde lang mit Tangapopöchen durch die Wohnung zu laufen, in der Hose hat die ganze Apparatur locker Platz. Dann drücke ich auf den Startknopf, wähle eine Impulsstärke, die knapp unter derjenigen liegt, mit der ich letztes Mal das Programm beendet habe, und los gehts. Jetzt soll ich nach Möglichkeit ruhig stehen, mit schulterbreiten Füßen und leicht gekipptem Becken - was eine viel bequemere Haltung ist, als es erst mal klingt - und das Maschinchen trainiert für mich.

Und wie ist das, diese Stromstöße? Erst mal nicht unangenehm. Wäre es unangenehm, würde ich die Stärke runterfahren. Es fühlt sich auch überhaupt nicht an, als käme das, was da passiert, von außen - meine Oberschenkel und der Beckenboden spannen sich an, ohne dass ich etwas dazu tun muss, und es britzelt ein bisschen, aber wer vielleicht mit Schrecken an den letzten Kontakt mit einem elektrischen Zaun oder dergleichen denkt, muss vor femifree keine Angst haben. Und wer trotzdem Angst hat, kann ja ganz langsam anfangen, bis er sich an das lustige Gefühl gewöhnt hat. (So habe ich es ehrlich gesagt auch gemacht und war binnen drei Sitzungen bei einer Stärke von fast 70 - so weit soll man eigentlich in den ersten ein bis zwei Wochen kommen.) Während der Sitzung kann man schon mal das Gefühl bekommen, da geht noch mehr - dann fährt man die Stärke einfach hoch.
Alle paar Sekunden fährt der Impuls durch die Muskeln, das dauert so ungefähr drei Sekunden, und danach sind wieder fünf Sekunden Ruhe. Während der Impulse soll man möglichst nicht herumlaufen, brauche ich also etwas vom anderen Ende des Raumes oder suche mein Telefon oder was auch immer, dann gehe ich entweder in den Sekunden zwischen den Impulsen jeweils ein paar Meter, oder, falls mir das zu affig ist, drücke ich auf Pause, ich tue was zu tun ist, drücke noch mal auf den Knopf, und es geht weiter. Ich finde aber, die halbe Stunde kriegt man ganz gut organisiert, ohne Pausen zu brauchen. Ich schreibe dabei z.B. (wie jetzt, brzzzz brzzzz), oder ich rühre ein Risotto, oder ich stelle mich vor die Glotze, oder ich bügele, oder was auch immer. Man soll dabei übrigens auch liegen können, habe ich aber noch nicht ausprobiert. Ist die halbe Stunde vorbei, hört das Gerät von alleine auf und piept kurz. Dann ziehe ich die Manschetten wieder aus, entstöpsele die Kabel und lege das ganze Päckchen beiseite. Man könnte alles in einem großen Schuhkarton verstauen. Oder in einer Schublade. Oder wie auch immer.
Und jetzt? Ob es wirklich funktioniert (hat), werde ich in 12 Wochen wissen, so viel Zeit braucht es wohl. Aber ich habe jetzt schon das Gefühl, es ist viel passiert. Ich will nicht ZU optimistisch sein, das war ich gerade bei diesem Thema jetzt schon ein paar Mal, aber… aber…

Bisher läuft es wirklich gut! Und obwohl das Programm vorsieht, dass man zwei Tage pro Woche pausieren kann, sehe ich absolut keinen Grund, das zu tun.

Hier der Verlauf bisher: die Zahlen sind die höchsten Impulsstärken pro Sitzung. Die speichert das femifree übrigens wohl auch, genau wie eine Menge anderer Daten, aber bisher brauche ich das noch nicht, ich kann mir das auch so ganz gut merken.
Erster Tag: 54.
Zweiter Tag: 57.
Dritter Tag: 62.
Vierter Tag: 66.
Fünfter Tag: 70.
Sechster Tag: 74.

Brzzz-Brzzz. Gibt es hier eigentlich sonst noch eine, die das mal probiert hat? Und die was dazu erzählen kann?

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Wo war ich stehen geblieben?

Und dann war da noch der Umzug. Und ich schäme mich ein bisschen vor unserem alten Haus. Dieses klamme Gefühl, von dem hier schon öfter mal die Rede war, das Heimweh, mit dem ich fest gerechnet hatte, das ich aber bereit war in Kauf zu nehmen und irgendwie halt verdammt noch mal auszuhalten - nichts davon. Einfach nichts. Kein Tränchen in der letzten Nacht im alten Haus, kein tiefer Seufzer, kein wehmütiges Streichen über das hunderttausend mal angefasste Treppengeländer, kein Abschiedsschmerz für Türklinken, Spülmaschine, Vorratskammer, knarrende Treppenstufen, noch nicht mal für den Wintergarten. Stattdessen derbe Flüche darüber, dass die Aufräumarbeiten in der alten Hütte auch drei Wochen nach dem Umzug noch nicht endgültig erledigt sind. "Wie oft sollen wir denn da jetzt noch hinfahren?" keife ich L. an, und dann schäme ich mich ein bisschen. Echt, ich sollte mich mal reden hören. Es ist fast so, als hätte ich nach zehn Jahren eine Beziehung beendet, und abends reiße ich eine Flasche mit meinen Freundinnen auf, stoße auf die Freiheit an und denke nie wieder an den Kerl. Bin ich denn so oberflächlich? Das Haus war doch kein Liebesfehlgriff! Wir hatten es da doch gut! Wie viele Stunden, Tage, Monate, Jahre wir damit zugebracht haben, dort Teppichreste von Treppenstufen zu kratzen, Farben und Lampen und Lichtschalter auszusuchen, wie oft ich dort am Fenster stand und in die Bäume geguckt habe, wie lieb mir die alte Eiche im Nachbargarten war und die Erdbeerstelle und der Park gegenüber und all das - und jetzt soll das alles schon schnurz sein? Scheinbar ja.

Vielleicht kann ich kurz ein bisschen davon erzählen, wie es jetzt hier ist, und dann kommt es mir schon nicht mehr ganz so seltsam vor. Ich sitze hier im Bett mit meinem Rechner und gucke auf einen Kanal. Es ist ein sehr hübscher Kanal. Neben mir auf dem Nachttisch steht eine Flasche Augustiner Edelstoff - ein ziemlich leckeres und nicht sehr häufiges Bier, dass es aber bis Mitternacht im Kiosk zu kaufen gibt, zu dem ich keine zwei Minuten brauche, wenn die Ampel rot ist, und kaum dreißig Sekunden, wenn sie grün ist. Fahre ich zur Arbeit (was ich neuerdings wieder tue), dann könnte ich das mit dem Fahrrad tun, ich habe aber noch kein Schloss, deshalb fahre ich Bahn. Ich fahre drei Stationen. Es lohnt sich kaum, die Zeitung aus der Tasche zu ziehen. Am ersten Abend nach dem Umzug waren die Mädchen hier, und ich war so glücklich über meine Wohnung, dass ich kaum davon abzuhalten war, mit Flüppchen in der Hand den Passanten huldvoll zuzuwinken wie die Queen. Genau genommen war ich gar nicht davon abzuhalten. Inzwischen war auch schon wieder ein Mädchenabend bei einer der anderen, ich bin mit dem Taxi nach Hause gefahren und habe 6,50 bezahlt. 6,50! Das ist ungefähr ein Fünftel von dem, was ich sonst bezahlt habe. Lese ich jetzt ein Kochbuch und stoße auf ein Rezept wie z.B. gegrillte Lammrippchen, Rotbarbe, Ochsenschwanzragout oder irgendwas mit Pfahlmuscheln, dann seufze ich nicht wie früher und klebe da ein Wir-tun-mal-so-als-ob-das-jemals-was-würde-Post-it rein, sondern ich schreibe einen Einkaufszettel und gehe Ochsenschwanz kaufen. Überhaupt ist Einkaufen gehen hier schön, und einfach nur so rausgehen, ohne Butter oder Ochsenschwanz besorgen zu müssen, ist auch schön. Man kann hier nämlich z.B. eine Zeitung kaufen und einen Kaffee trinken. Oder man kann in eine Buchhandlung gehen, in der es tatsächlich Bücher zu kaufen gibt. Oder man kann ein paar Meter weiter gehen und auf dem kleinen Weihnachtsmarkt eine Schale leckere Biopommes essen. Die Leute hier sind nett. Teilweise haben sie einen schnöseligen Ruf, aber bisher tut dieser Ruf ihnen Unrecht. Ich stand hier schon an der Kasse hinter zwei männlichen Teenies an, die der Kassiererin "ein schönes Wochenende und einen schönen ersten Advent" gewünscht haben. Allen Ernstes, die sind nicht kichernd rausgerannt. Ich stand mit offenem Mund da. Die Kästen neben den Leergutautomaten, in die man seine Bons für gute Zwecke stecken kann, quellen über. Man lässt sich gegenseitig vor, lächelt sich an auch ohne Abschleppabsicht, man kotzt sich nicht gegenseitig auf die Schuhe - echt wahr! Und L. und ich bummeln und gehen mit dem Tier spazieren und haken uns ein und lassen die Leute vor und freuen uns einfach nur fast den ganzen Tag, hier zu sein. Bisher fühlt es sich noch an wie Urlaub. Ok, einen kleinen Streit um einen Parkplatz hatte L., und das Kindermädchen hat mich gewarnt, dass wir demnächst vielleicht Ärger wegen des Doppelkinderwagens im Keller kriegen könnten, aber noch ist es Urlaub.

Und das Röntgenzentrum für das MRT ist auch direkt um die Ecke! Jetzt weiß ich nämlich endlich, was mit der Misthüfte los ist. Nach... Moment... sieben Arztbesuchen, acht mal Physio, zwei mal Osteopathie und viel zu vielen Schmerztabletten weiß ich jetzt, dass ich einfach nur einen dämlichen Bandscheibenvorfall habe und infolgedessen einen dick entzündeten Nerv, der jetzt für die wehe Hüfte sorgt, außerdem für ein wehes Bein und einen wehen Fuß. Nun bekomme ich Krankengymnastik, sobald ich dazu Zeit habe, noch wichtiger sind aber scheinbar Kortisonspritzen, die die Entzündung bekämpfen (und leider für eine uffjedunsene rote Säuferbirne sorgen) und trage ein megahottes Rückenstützkorsett, eine Art extrabreiten Motorradgürtel. (Heute gab es eine halbe Stunde, als ich gleichzeitig das Rückenkorsett, den Stützstrumpf und das Femifree getragen habe, da fühlte ich mich kurz wie Robocop.) Und die Chancen sind nicht schlecht, dass die Bandscheibe einfach von alleine wieder an Ort und Stelle flutscht.

Und jetzt sind fast alle Kiste ausgepackt bis auf die, bei denen wir nur noch darauf warten, ob L. oder ich zuerst sage, dass wir den Kram doch im Grunde nicht mehr brauchen. Und das WLAN läuft nach anfänglichen Schwierigkeiten auch. Und ich habe keine Probleme mehr, innerhalb von einer Minute mein Rechnerkabel zu finden. Und ich falle auch abends nicht mehr total erledigt von den letzten 12 Stunden Schmerzen in der Hüfte tot ins Bett. Und bei den Kindern hat sich die Aufregung über den Umzug gelegt, so dass wir die Abende wirklich für uns haben. Und es kehrt so etwas wie Normalität ein. So dass ich hoffe - versprechen will ich nicht zu viel - dass hier nun nicht wieder acht Jahre Funkstille herrschen. Ich bin noch da! Nur jetzt woanders. (Und nein, ich schreibe nicht wieder heimlich einen zweiten Blog, in dem steht, dass ich schwanger bin.) (Bin ich nicht!) (Mann! Ehrlich nicht! MRTs! Kortisonspritzen! Schmerztabletten! Augustiner Edelstoff! Fluppen! Ehrlich.)

Das Pipiproblem, siebenhundertzweiundachtzigste und hoffentlich fast letzte Folge

Ich muss mich kurz konzentrieren, um noch zusammenzubringen, was ich bisher an Geschützen gegen das Pipiproblem aufgefahren habe.
Da war zunächst mal eine Freestyle-Phase kurz nach Kalles Geburt, als ich noch dachte, das Problem verschwindet von alleine, so wie der Dammschnitt irgendwann nicht mehr zwickt. Die Freestyle-Phase sah so aus, dass ich Kegelübungen für den Beckenboden gegoogelt und dann so gut wie täglich auch gemacht habe. Ehrlich! Nur, dass das wirklich überhaupt nichts genützt hat.

Daraufhin habe ich mich im Blog beschwert und habe den Tipp mit Cantienica bekommen. Und obwohl ich sonst ziemlich Tipp-Resistent bin, habe ich mich zu einem achtwöchigen, stinketeuren Beckenboden-Spezial-Kurs angemeldet. Einmal wöchentlich habe ich Mann und Baby allein gelassen und bin nach Eimsbüttel gefahren. Das war nett! Nette Kursleiterin, nette Teilnehmerinnen, und es war schön, mal rauszukommen, und wenn es nur für zwei Stunden war. Zwischenzeitlich dachte ich auch mal, jetzt passiert was. Bis ich dann das nächste Mal wieder auf ein matschiges Blatt getreten oder über den Bordstein gestolpert bin und direkt wieder nach Hause gehen konnte, um zu duschen und mich umzuziehen.

Dann war ich auch schon wieder schwanger. Komischerweise war mir das Problem in der Schwangerschaft entweder egaler, oder ich hatte meine Blase wieder mehr unter Kontrolle, oder ich habe mich einfach vorsichtiger bewegt und instinktiv einen großen Bogen um Glatteis, Bordsteine und Salatblätter gemacht - wer weiß. Vielleicht war es auch genau so schlimm, und ich habe es vergessen. Oder das Pipiproblem trat angesichts von Kreislaufproblemen, Klumpfußdiagnose usw. einfach in den Hintergrund. Jedenfalls: ich war schwanger, Sport habe ich keinen getrieben, dann kam Michel, und mit Michel war auch das Pipiproblem wieder da.

Dann habe ich meiner Frauenärztin (nicht zum ersten Mal) besonders eindringlich davon erzählt, und sie hat mir Physio verschrieben. Die Physio war eine der nutzlosesten Erfahrungen meines Lebens. Die Übungen waren eher noch unwirksamer als mein zusammengegoogeltes Freestyle-Anspannen, die Physiotante nervte wie Hulle, meine Blase tanzte mir weiterhin auf der Nase herum.

Dann die Elanee-Gewichte. Vier Stück, von leicht nach ganz schön schwer, die ich zweimal täglich für zehn Minuten beim Stehen und Gehen tragen sollte. Es tat sich offensichtlich etwas: während ich am Anfang das leichteste Gewicht gerade mal dreißig Sekunden halten konnte, war ich nach ein paar zähen Monaten imstande, das schwerste Gewicht zu tragen und so lange zu vergessen, bis mir irgendwann auffiel, dass ich es jetzt seit fast einer Stunde herumtrug. Da musste sich also etwas getan haben. Hurra! Schade nur, dass das Pipiproblem ziemlich unbeeindruckt blieb von der neugewonnenen Muskelkraft. Ich hatte jetzt zwar seltener damit zu tun, dass auch ohne jeden Anlass einfach mal die Hose nass war - nur so zum Spaß, während ich mit hochrotem Kopf die Straße entlanglief und den Optimismus verfluchte, mit dem ich heute morgen die Pipibinde weggelassen hatte. Aber das Salatblattproblem bestand immer noch, genau wie das Hust-, Nies-, Lach-, Erschreck- oder Tanzproblem.

Und bei all dem kam das große Ziel immer noch keinen Zentimeter näher, endlich wieder die Laufschuhe anzuziehen und um den Park zu rennen.

Aber jetzt! Vor ein paar Monaten blätterte ich in einer alten Brigitte Mom, und da stand etwas von femifree: einem Gerät zur elektrischen Beckenbodenstimulation, mit dem die Muskeln gestärkt und die Wahrnehmung für die “richtige” Anspannung geschult werden sollte. Das klang ziemlich gut für mich, nicht zuletzt deshalb, weil ich als Nerd natürlich Feuer und Flamme bin für die Aussicht auf Gelpads, Elektrogebrizzel und piepende Geräte. Hätte in der Brigitte Mom etwas über ein Beckenbodentraining via Schwerelosigkeit oder Laserschwert gestanden, meine Hand wäre oben gewesen. Innerhalb von zwei Minuten war ich auf der femifree-Seite, guckte mir das Demo-Video an und zuckte automatisch nach dem Kaufen-Button. Da klingelte es an der Tür, die Nachbarin stand draußen, und irgendwie kam ich aus dem Konzept und dachte erst ein paar Stunden später wieder an das Wunderding. Zum Glück, denn in diesem Moment hatte ich die Idee: was, wenn ich das Gerät im Blog teste? Kreisch!!!!! Vorteile, wohin man schaut:
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet
* Eine 1a Gelegenheit, endlich mal wieder seitenweise herumzunerden
* Die eingebaute Garantie, dass ich das durchziehe - die Bloggerehre steht auf dem Spiel, da wird nicht geschwänzt, egal, warum
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet
* Falls es funktioniert, wovon ich erst mal fest ausgehe, tue ich auch noch ein gutes Werk, indem ich den ebenfalls unterhosenmäßig herausgeforderten Ex-Abkürzungsdamen von diesem Weg heraus aus der Tena-Zielgruppe erzähle
* Ein Testgerät, das mich zauberhafterweise überhaupt nichts kostet.

Und so kam das, dass ich erst an die Infoadresse mailte, fast sofort eine sehr nette Antwort bekam von einer Dame, die versprach, das an die Geschäftsführung weiterzugeben, und ein bisschen später kam tatsächlich noch eine Email, und so ging das weiter: femifree erzählte von femifree, ich erzählte vom Blog, und ziemlich schnell waren wir uns einig, dass die beiden gut zusammen passen würden. Ich sollte also wirklich ein Testgerät bekommen und das wohlwollend, aber trotzdem ehrlich und kritisch prüfen und darüber berichten. Dann ging das Paket auf die Reise zu mir. Und ich war nerdmäßig ungefähr so hochgestimmt wie zuletzt, als ich damals auf meine neue wii gewartet habe. Leider gab es dann noch eine kurze Verzögerung, denn das Paket kam mitten im Umzug an, und so gern ich auch sofort den Akku aufgeladen und losgelegt hätte, es ging einfach nicht, ganz davon zu schweigen, dass die einzelnen Teile des Geräts vermutlich erstmal auf Soschnellnichtwiedersehen in den achttausend Kartons verschwunden wären. Also habe ich mich zusammengerissen, den Karton erst mal nicht aufgemacht und gewartet. Und Möbel geschleppt. Und gewartet. Und Kisten ausgepackt. Und gewartet. Und Berge von Kram in “brauchen wir irgendwann mal wieder”, “ist absolut lebenswichtig” und “welcher Idiot hat das angeschafft?” sortiert. Und gewartet. Warten ist nicht meine starke Seite, aber gewartet habe ich.
Bis gestern! Gestern habe ich zum ersten Mal den Beckenboden nach der Dr.Snuggles-Methode traininert. Und was soll ich sagen: das lief nicht schlecht. Überhaupt nicht schlecht! Und davon, liebe Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen, berichte ich morgen.

Schnall Dich an, Pipiproblem: jetzt werden hier andere Saiten aufgezogen.




Mittwoch, 4. November 2015

Noch geht tippen schneller als laufen. Aber demnächst!

Der erste Geburtstag, den wir hier gefeiert haben, war L.s vierzigster. Auf einmal hatten wir ein Haus. Auf einmal hatte L. Geburtstag. Und auf einmal hatte L. ziemlich viele Leute eingeladen, die auch noch alle kommen wollten. Die Küche ist winzig, aber irgendwie haben wir es geschafft, 30 Leute zu bewirten. Morgen feiern wir hier den letzten Geburtstag: Michel wird ein Jahr alt. Wie immer bei Umzügen ging es mir auch diesmal: erst wurde mir klamm bei dem Gedanken. Dann ist dieses Klamme langsam verflogen, und ich habe mich behaglich eingerichtet im Verabschieden. Und dann ging es irgendwann los, und auf einmal konnte ich noch nicht mal mehr sagen, wann hier der letzte Tag war, an dem noch alles normal und in Ordnung war. Jetzt ist hier nichts mehr normal und in Ordnung, die meisten Regale sind halb leer, die Hälfte der Stühle ist weg, fast alle meine Kleider (was nicht so schlimm ist, denn ich trage sowieso 10% meiner Kleider fast jeden Tag und den Rest theoretisch irgendwann demnächst bestimmt), und hätte ich mich nicht aufgeführt wie eine Furie, dann hätte ich auch keine Backform mehr gehabt für Michels Geburtstagskuchen. Jetzt ist das hier wirklich vorbei. Und ich bin sehr traurig und freue mich trotzdem auf das, was als Nächstes kommt. Ich hoffe, ich kann bald mehr dazu schreiben, aber gerade tippe ich hier gegen die Uhr an, denn aufgrund von Verwicklungen, die zu erläutern ich keine Zeit habe gerade, hüstel-hüstel, dreht die Telekom uns das W-Lan irgendwann heute ab. Ja, ich habe genau so gestaunt! Jedenfalls wissen wir noch nicht, wann in der neuen Butze Internet ist, und hier kann es jede Sekunde vorbei damit sein.

Also wieder mal ein Telegramm von mir.
Erstens: die Jungs.
Michel ist seit Montag in der Kita-Eingewöhnung. Für alle noch-nicht-Eltern: Kinder kommen nicht ZACK plötzlich für ein paar Stunden in die Kita, sondern sie werden langsam daran gewöhnt. Am ersten Tag eine Dreiviertelstunde, am zweiten, dritten und vierten Tag auch, und Mama oder Papa sitzen dabei. Dann steigert sich das, bis sie irgendwann so weit sind und die Dinge ihren Lauf nehmen können. Michel macht das toll, viel besser als erwartet. Er krabbelt neugierig los, strahlt die Kinder an und die Spielsachen, würdigt mich keines Blickes und ist sensationell gut gelaunt. Kalle dagegen hat scheinbar ernsthafte Revierverteidigungsprobleme. Wird das? Bestimmt. Hoffe ich jedenfalls und knirsche mit den Zähnen.

Zweitens: der Job.
Ganz ehrlich: ich habe gerade keine Ahnung, wie es weitergehen soll. "Nutze das als Chance! Besinne Dich neu! Du kannst alles machen, was Du willst!" Genau. Ich habe die Hosen gestrichen voll.

Drittens: Mamas Gesundheit.
Ist vielleicht eine kleine Erklärung dafür, warum der Unternehmergeist gerade nicht so richtig in Fahrt kommt. Seit Juni habe ich jetzt diese Schmerzen in der Hüfte. Morgens beim und nach dem Aufstehen ist es am schlimmsten, aber Nachts ist es ein knapper zweiter Platz, und ich kann inzwischen kaum mehr eine Nacht ohne Schmerztablette schlafen. Inzwischen bin ich geröntgt, morgen erfahre ich, was es auf diesen Bildern zu sehen gibt und was das bedeutet. Mittlerweile bin ich fast so weit, dass mir egal ist, was es ist, Hauptsache, ich kenne endlich seinen Namen. Meine Geduld, noch nie meine starke Seite, ist vollkommen erschöpft. Und nicht nur das, inzwischen führen die Schmerzen auch zu einer massiven Fehlhaltung. Innerhalb kürzester Zeit habe ich mir jetzt alle Schuhe schiefgetreten, und aus ursprünglich nur Hüftschmerzen sind inzwischen auch Knie- und Fußschmerzen geworden. Sapristi! Ich finde wirklich, für Zipperlein bin ich noch zu jung.
Ach ja, und die Blutungen: gerade habe ich zum dritten Mal in dreieinhalb Wochen meine Tage. Aber laut gründlichem Ultraschall ist alles gut. Es gibt ein kleines Myom, aber das ist für mich myommäßig ein Superschnitt, und es kann laut Frauenärztin auch nicht für so viel Blut sorgen. Sie vermutet seelische Ursachen. "Seelische Ursachen!" Ich finde sie nett, darum bin ich ihr nicht direkt ins Gesicht gesprungen, wie ich das sonst in diesem Fall immer tue. Nun habe ich nicht nur Zorn auf meine Hüfte, mein Knie und meinen Fuß, sondern auch auf meine Seele. Es wird ein bisschen einsam hier.

Viertens: der Plan.
Ich habe das noch nie getan: den Blog gemolken. Jedenfalls bilde ich mir das ein. Ok, ich habe ein Buch daraus gemacht, und ab und zu habe ich euch angehauen, ob vielleicht eine Lust hat, ein Interview zu geben, aber davon abgesehen davon - nichts. Jetzt habe ich wieder mal in Sachen Pipiproblem gegoogelt und gegoogelt und bin auf eine Option gestoßen, die zwar vielversprechend klang, die ich mir aber gerade vom Elterngeld nicht leisten kann. Also habe ich den Hersteller dieser Option angeschrieben und ihm von mir und meinem Blog erzählt. Bin ich rot geworden, während ich die Email geschrieben habe? Ich fürchte ja. Aber es hat sich gelohnt, denn jetzt darf ich sein Gerät testen und darüber berichten. Heute macht sich irgendwo im tiefsten Baden-Württemberg ein Päckchen auf den Weg, und ich glaube fest daran, dass es mich ein gutes Stück näher an meine heiß ersehnte erste Runde um den Park bringt.

Freitag, 16. Oktober 2015

Der Lack ist ab.

Da hätten wir erstens das Pipiproblem. Ich will nicht schon wieder ausholen, aber es ist immer noch da. Immer dann, wenn ich nicht dran denke und es eilig habe, immer dann, wenn mich ein Nieser oder Huster ohne Vorwarnung erwischt, immer dann, wenn ich auf einem nassen Blatt ausrutsche oder umknicke, und am liebsten dann, wenn alle Hosen außer dieser gerade in der Waschmaschine kreisen oder wenn ich auf dem Weg irgendwohin bin, wo ich eine nasse Hose nicht gebrauchen kann (und seien wir ehrlich, wo kann man die gebrauchen?)

Dann die Krampfader. Ich hatte die OP, die blauen Flecke sind so gut wie verschwunden, zur großen Enttäuschung von Kalle, der immer noch täglich darum bittet, sie sehen zu dürfen. Die Schnittstellen sind immer noch dunkellila, aber auch das wird verschwinden. Was aber geblieben ist, ist ein dumpfiger Schmerz in der Wade, und genau seinetwegen habe ich die OP überhaupt machen lassen. Kann also gut sein, dass der Arzt da noch mal ran muss. Vielleicht hat das aber auch mit der Krampfader gar nichts zu tun, sondern liegt an... tadaaa...

Der Hüfte. Ich weiß noch nicht mal genau, ob das anatomisch korrekt die Hüfte ist. Aber sie tut weh, so weh, dass ich manchmal laut aufheule, wenn ich morgens aus dem Bett steige oder nachts um fünf, um eine Flasche zu machen für Michel. Nachts und morgens ist es am schlimmsten. Heute nacht dachte ich schon, ich hätte einen Kniff gefunden: mit einem dicken Kissen zwischen den Knien schien es etwas besser zu gehen. Aber am Morgen wurde klar, dass ich dafür dann beim Aufstehen den doppelten und dreifachen Preis bezahlen muss. Der Orthopäde hat gesagt, ich soll ruhig Ibuprofen nehmen (und der Venenarzt hat sowieso gesagt, das soll ich rund um die Uhr nehmen, dann verschwinden die Hämatome schneller), aber davon wird mir langsam gelinde gesagt schlecht. Nächsten Donnerstag habe ich einen Röntgentermin. Mit dem Röntgenbild gehe ich dann wieder zum Orthopäden. Sollte der (was er schon angedeutet hat) daraufhin ein MRT oder sowas wollen, dann werde ich ihn bitten, sofort zum Hörer zu greifen und mir innerhalb der nächsten Stunden eins zu besorgen, denn ich will keine weiteren Wochen darauf warten, das geht hier nicht mehr lange gut. Er vermutet aber "etwas Rheumatisches, vielleicht auch einen Lupus." Womit wir schon wieder beim nächsten Punkt wären:

Der Magen. Ich weiß nicht, was da los ist. Ich bin nur froh, dass ich gerade erst eine Darmspiegelung hatte, wenigstens da bin ich sauber. Denn irgendwas ist faul. Vielleicht ja wirklich nur Ibuprofen. Aber ich habe so gut wie keinen Appetit auf gar nichts mehr. Ich hatte mich schon gefreut, nach der Geburt ziemlich fix wieder dünn zu sein, genauer gesagt, jetzt neuerdings dünn, denn dünn war ich genaugenommen vorher seit zehn Jahren nicht gewesen. Jetzt bin ich zwar dünn, aber auch wieder nicht glücklich (q.e.d.). Ich stehe im Supermarkt und bin völlig ratlos, was ich essen und kaufen will. Der vegetarische September war auch deshalb ein Erfolg, weil ich einfach auf nichts Bock hatte, weder auf Rippchen noch auf Steaks oder Hähnchenflügel. Es ist auch auf keinen Fall ein Überdruss am üblichen fettigen Essen, von dem ja gerade so viele Leute erzählen, die einen in Bahnen lenken wollen, an deren Ende Quinoa und Paleo und was weiß ich stehen. Ich habe genau so wenig Lust auf vietnamesische Brühen mit Zitronengras und Chili wie auf Schweinebraten. Das war noch nie, so weit ich mich erinnere, und es gefällt mir nicht.

Und dann ist da noch der Husten. Den hat mir meine Osteopathin verpasst, die hatte mich vorgewarnt, erkältet zu sein. Erkältet war ich selbst gerade, deshalb habe ich mit der mir eigenen Arroganz in Gesundheitsdingen gesagt, das kann ich ab. Jetzt huste ich, und jeder Huster fährt mir wie ein Messer durch die Hüfte (davon, dass nach manchen die Hose nass ist, wollen wir gar nicht sprechen). Wenn es eins gibt, was noch ätzender ist als Reizhusten, dann ein Reizhusten, dem man nicht nachgeben darf.

Und dann habe ich auch noch gerade meine Tage. Was nicht weiter der Rede wert wäre, wenn nicht... Moment... fing nicht der allererste Post dieses Blogs, damals, 2009, genau so an? Egal. Wenn ich sie nicht vor zwei Wochen schon gehabt hätte. Das kann nicht gut sein. Entweder, die Myome sind wieder da, oder was weiß ich. Nächste Woche habe ich zum Glück auch einen Termin bei meiner Frauenärztin, dann sehen wir weiter, was für neue Gesundheitsabenteuer auf mich warten oder vielleicht auch nicht.

Öchö, Öchö. Hust, Hust. Blut, Blut. Stöhn, Stöhn. Humpel, Humpel. Ächz, Ächz. Das ist doch kein Leben für ein... äh... 42jähriges junges Mädchen!



Samstag, 10. Oktober 2015

Sieh es ein: wir haben eine Neue.

Vor ziemlich vielen Jahren hatte ich mal das deutliche Gefühl, mein damaliger Liebster wollte mit mir Schluss machen. Die Zeichen waren nicht so schwer zu deuten: er meldete sich überhaupt nicht mehr, hatte unter der Woche schrecklich viel im Job und am Wochenende mit unzähligen Umzügen, Familienfeiern usw. zu tun, bei denen ich auch gar nicht gefragt war, leider leider, und wenn er irrtümlich doch mal ans Telefon ging, war er so dermaßen drüber ("HEY!!!!! Wie SCHÖN, dich zu hören! GERADE wollte ich dich anrufen!!!!!!"), dass eigentlich alles klar war. Die Frage war nicht, was mit ihm los war, sondern was ich damit machen sollte. Jeder vernünftige Mensch würde sagen: gerade machen, durchatmen und selbst Schluss machen, wenn diese Wurst dazu nicht imstande ist. Aber ich habe nie behauptet, ein vernünftiger Mensch zu sein, und darum habe ich natürlich einen erbärmlichen Versuch gestartet, ihm zu beweisen, was für ein Fang ich im Grunde genommen bin. Nicht zu offensichtlich (HARR, dachte ich) und auch nicht rangeschmissen (NEIN! Klar. Nein! Auf keinen Fall! Nee Nee!), sondern eher so beiläufig, souverän und lässig. Es hat selbstverständlich nicht funktioniert, aber das tut heute zum Glück nichts mehr zur Sache, denn inzwischen ist nicht nur der Exfreund, sondern auch der Liebeskummer seinetwegen seit vielen, vielen Jahren Geschichte. Trotzdem muss ich in den letzten Tagen öfter mal daran denken, denn mir kommt es so vor, als würde unser Haus gerade das gleiche versuchen. Es merkt was. Es ist sich sogar ziemlich sicher. Aber statt sich damit abzufinden, dass wir demnächst gehen, fährt es noch mal das volle Programm auf. Die goldene Herbstsonne funkelt über dem Garten, die Rosen blühen zum Teil immer noch, das Licht fällt auf genau die richtige Weise so durch die Fenster, dass es wirkt wie schönste Hollywood-Magie, die Leute auf dem Markt und in der Nachbarschaft sind nett wie nie, einen Kitaplatz für Michel haben wir demnächst auch, und vor ein paar Tagen stand unsere nette 93jährige Nachbarin am Gartenzaun und schwärmte davon, was für ein Glück das für sie wäre, unsere zwei Jungs jetzt mit aufwachsen und den Garten erkunden zu sehen, das wäre so ein Geschenk! Ich schluckte. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, es bildet sich weniger Staub in den Ecken, die Räume sind von ganz alleine ideal temperiert, und auch die Fenster wirken plötzlich wie frisch geputzt, wenn sie in Wahrheit genau das Gegenteil sind. Erbärmlich. Es ist einfach nur erbärmlich.

Es ist nämlich so: die Zeit hier geht zu Ende. Wir haben einen Mietvertrag unterschrieben für eine große, schöne Wohnung mitten im städtischen Gewühle, so wie wir es schon so lange wollten. Und während wir bisher immer dachten, wir würden versuchen, eine Wohnung zu kaufen, die dann noch monatelang hergerichtet werden müsste, so dass es auf jeden Fall Frühjahr wird, bevor wir umziehen, geht es jetzt ziemlich schnell. Genauer gesagt, äh, Moment, Mitte November. Also der Monat, der auf diesen hier folgt. Demnächst. Und alle Herbstsonnen, aller Feenstaub in Sonnenstrahlen auf Holzböden und alle Nachbarn der Welt werden daran nichts mehr ändern. Ich weiß, dass das gut für uns ist. L. und ich führen uns jetzt schon auf, als würden wir demnächst unseren zweiten Honeymoon antreten. Und den Kindern habe ich schon davon erzählt, und Kalle freut sich. (Nein, ich bin nicht bescheuert, mir ist schon klar, dass Kalle schon noch das eine oder andere Tränchen deshalb verdrücken wird. Ich übrigens auch.) Zwar werden wir keinen Garten mehr haben, aber in unmittelbarer Nähe mehrere schöne Parks mit Spielplätzen. Die Jungs kriegen endlich zwei Kinderzimmer statt einem Miniraum, der mit Wickelkommode, Kleiderregal und zwei Babybetten knackevoll ist. Dieses Haus hier wird dann wohl noch ein paar Wochen leer, still und einsam hier herumstehen. Aber dann kommt jemand Neues, und der wird hier seine ganz eigenen Abenteuer erleben, wobei seine Abenteuer deutlich weniger mit Handwerkern zu tun haben werden als unsere, und wenn im Mai der Flieder an der Gartenhütte blüht, wird hoffentlich wieder jemand hier sein, der ein paar Zweige abschneidet und auf den Esstisch stellt.

Nu hör aber auf, Flora.

Freitag, 9. Oktober 2015

Schon wieder dieser Pipikram

Vor ein paar Tagen hatte ich einen Arzttermin bei einem Orthopäden. Der Orthopäde ist ein alter Sportkumpel von L., und L. war es gründlich leid, seine Frau ständig krumm wie ein Fragezeichen, ächzend und fauchend durch die Welt humpeln zu sehen. Es war zwar nicht so, dass ich nichts in Sachen Hüfte unternommen hatte: ich war schon bei einem Orthopäden gewesen, der mich mit einer ziemlich flott gestellten Diagnose zur Physio geschickt hatte. Bei der Physio war ich ebenfalls gewesen, fünf mal. Und dann war ich auch noch bei meiner Osteopathin gewesen, der das alles ganz schön komisch vorkam und die sich ziemlich sicher war, dass die erste Diagnose falsch gewesen war. Aber unterdessen war das Problem immer schlimmer geworden. Nachts kann ich inzwischen ohne Schmerztabletten kaum noch schlafen, und zumindest vormittags entfährt mir manchmal ein ausgewachsenes Aufheulen, wenn ich von einem Stuhl aufstehe. Und der nächste freie Termin bei "meinem" Orthopäden oder seinen Praxiskollegen wäre irgendwann in der Adventszeit zu haben gewesen. Jetzt hatte L. beim Training mit seinem Orthopädiefreund um einen Termin am nächsten Tag für mich gespielt und gewonnen. So dass ich um die Mittagszeit frisch geduscht und manierlich angezogen auf dem Weg zur Bushaltestelle war. Der Bus in Richtung Orthopädiepraxis fährt nur alle 20 Minuten, und obwohl die Abfahrtszeit noch über zwei Minuten entfernt war, stand er schon mit laufendem Motor und scharrenden Hufen an der Bushaltestelle. Also bin ich gerannt. Der Busfahrer warf mir einen giftigen Blick zu, machte die Tür vor meiner Nase zu und fuhr einfach los. Zusammen mit drei anderen fluchenden und eigentlich pünktlichen Fahrgästen blieb ich an der Haltestelle zurück. Leider mit einer frischen kleinen Pfütze in der Hose. Obwohl ihr in den letzten Monaten öfter mal von mir gehört habt, wie viel besser das Pipiproblem inzwischen geworden ist, wie toll die Gewichte wirken und dass ich extrem optimistisch bin, demnächst wieder durch den Park traben zu können: sowas passiert immer noch. Ich renne sieben-acht Schritte wie auf rohen Eiern und in gemächlichem Tempo, und die Hose ist nass. Und das auf dem Weg zu einem Arzt. Bei dem ich garantiert die Hose ausziehen muss. Und der seine Aufmerksamkeit genau der Region widmen muss, in der das Malheur passiert ist. So dass ihm das nicht entgehen kann. Der außerdem mit L. befreundet ist.
Zum Glück gab es noch die Möglichkeit, mit der Ubahn und dann der Sbahn zu ihm zu fahren. Das habe ich dann getan und war rechtzeitig da, um noch schnell in eine Drogerie zu huschen, eine Unterhose und ein Päckchen Feuchttücher zu kaufen und mich im Affenzahn auf der Praxistoilette wieder blütenrein herzurichten. Aber trotzdem: so geht's nicht weiter. Die Geburt von Michel ist fast ein Jahr her. Irgendwann demnächst wird Kalle trocken sein. Und Mama sollte das auch schaffen. Ich will und werde mich nicht damit abfinden, den Rest meines Lebens gelegentlich in die Hose zu machen, jedenfalls nicht, bevor ich nicht mindestens 70 bin. Für eine OP, habe ich mir sagen lassen, bin ich noch zu jung. Mit Physio bin ich durch. Die Gewichte haben getan, was sie konnten. Sie haben eine Menge für mich getan, bestimmt 60% der Strecke zur trockenen Hose haben sie für mich bewältigt, aber die letzten 40% würde ich gerne auch noch schaffen.

Und ich habe einen Plan. Mal sehen, was daraus wird. Ich werde berichten.

Montag, 21. September 2015

Früher war alles früher.

Es gab damals mindestens fünf Bücherreihen für Mädchen, die von den Abenteuern eines Mädchens mit einem Spitznamen handelten. Der Spitzname endete auf ein i oder ein y. Das Mädchen war meistens in irgend einer Weise widerspenstig, aber das war nur eine Phase, und irgendwann kam der Moment, wo sich das legte und das Mädchen infolgedessen viel, viel glücklicher war. Bis dahin passierten schon ein paar schlimme Dinge. Z.B. geriet Bummi in fürchterliche Gewissenskonflikte, weil sie ihren Eltern ihre Fünf in Englisch verheimlichte. Wenn Kinder in Kinderbüchern was erleben wollten, dann bitte in den Ferien, und das Feld, auf das sich die Erlebnisse zu beschränken hatten, war die Unterstützung der Polizei bei der Festsetzung von Schmugglern. (Astrid Lindgren, Ottfried Preußler, Mark Twain und Michael Ende waren Ausnahmen, und Enid Blyton war unfassbar produktiv.)

Wenn Kinder eingeschult wurden, wurde (so weit ich mich erinnere) nicht die Familie eingeladen, es sei denn, sie wohnte sowieso um die Ecke. Ich weiß noch, dass ich an diesem Tag einen neuen Rock anhatte, dass wir uns vor der ersten Stunde in der Turnhalle versammelten und dann die Kinder aufgerufen wurden und sich zu ihrer neuen Klassenlehrerin stellen sollten, und dass ich eine hübsche Schultüte hatte, die wir in der ersten Schulstunde malen sollten, woraufhin ich die hübsche Schultüte dann schon ein bisschen verfluchte, denn sie war mit einer Ente aus Filz und ganz, ganz vielen bunten Blättern beklebt, das war ganz schön schwierig zu malen. (Noch mehr geflucht hat allerdings meine Freundin Manuela, die konnte nämlich ü-ber-haupt nicht malen und hatte eine Schultüte, auf der sämtliche Schlümpfe zu sehen waren.) In den Schultüten war ein bisschen Süßkram und ansonsten Sachen für die Schule, was aber gar nicht schlimm war, sondern besonders toll, denn das war doch alles neu und spannend: Wasserfarbenkasten, Wachsmalstifte mit Plastikhülse zum Rauf- und Runterschieben, Radiergummi, Spitzer, Füller! Großartig war das. Niemand veranstaltete Gottesdienste, rief bei Caterern an, buchte DJs oder ließ Hüpfburgen im Vorgarten aufpusten.

Laternenumzüge. Von denen habe ich schon oft geschrieben. Früher waren Laternenumzüge am 11.11. und nicht im Oktober oder September oder sonstwann. Sie hatten unmittelbar mit St. Martin zu tun. Darum war meistens ein Mann vom Reitverein dabei, der den heiligen Mann verkörperte, und ein zweiter, der den Bettler spielte. Es gab außerdem keinen Spielmannszug, sondern einen Bläserchor, es gab Pferde, hinterher ein großes Feuer, Glühwein für Eltern und warmgemachte Orangenlimonade für Kinder und Stutenkerle, also Männchen aus Rosinenbrötchenteig mit einer Tonpfeife im Mund.

Wenn wir Klavierstunden, Judo, Segeln, Reiten oder mit Manu und Uli spielen wollten, dann bitteschön, da steht das Fahrrad. Kann sein, dass mich meine Erinnerung da trügt, aber ich glaube, im letzten Kindergartenjahr bin ich auch dahin zu Fuß gegangen, ohne elterlichen Bodyguard.

Nachmittags waren wir draußen. Wir haben in zugewachsenen Gräben gekauert und Feuer gemacht, die Schlauchboote unserer Eltern gemopst und damit unbekannte Gewässer erforscht, mit dem Fahrrad die Stadt oder die Nachbarstadt erkundet, Fußball gespielt, sind auf morsche Bäume geklettert, haben Verstecken im Maisfeld gespielt, während der Mähdrescher schon bei der Arbeit war, Brombeeren geklaut, mit selbstgebastelten (und deshalb zum Glück nicht sehr effizienten) Bogen aufeinander geschossen, und unser wichtigstes Kleidungsstück zwischen fünf und vierzehn Jahren waren Gummistiefel.

Kindergeburtstag ging so: Stefan hatte Geburtstag. Also bekamen Stefans sieben beste Freunde eine Woche vorher eine Einladungskarte, bei der Stefan eigenhändig den Namen der Eingeladenen und das Datum einfügen musste. Uhrzeit musste schon nicht mehr sein, denn alle Kindergeburtstage fingen um drei Uhr Nachmittags an. Als Geschenk kauften wir ein dtv Taschenbuch, irgendwas mit Snoopy drauf, ein Ravensburger Mitbringspiel oder Leonardo-Gläser mit einer Plastikwolke am Stiel zum Umrühren. Am Geburtstag kamen alle sieben Kinder um drei an, von ihren Müttern gebracht, die aber meist noch nicht mal aus dem Auto ausstiegen. Dann gab es Kakao und Kuchen, ab dem zehnten Geburtstag auch mal Cola. Nach dem Kuchen haben wir das Spiel gespielt, bei dem man würfeln und Handschuhe, Sonnenbrille usw. anziehen und dann eine in zwanzig Lagen Zeitungspapier gewickelte Packung Schokolade mit Messer und Gabel essen muss. Außerdem haben wir den Ententanz auf Platte gehört, Verstecken im Dunkeln gespielt, das Mörder-und-Detektiv-Spiel (bei dem nie jemand wusste, wie genau das eigentlich geht), Eierlauf, Topfschlagen, und dann gab es Würstchen mit Kartoffelsalat oder selbstgemachte Burger, und alle Kinder wurden in zwei Schichten in einem Golf nach Hause gefahren, einen Tiefkühlbeutel mit Brauselippenstift, Minismartieschachtel, Storck Riesen und Maoam in der Hand.

Playmobilmännchen gab es in männlich und weiblich, sie unterschieden sich für gewöhnlich durch die Haarfarben: blond, braun, schwarz. Es gab ein paar Sondermännchen, z.B. hatte ich ein Playmobilgespenst, das leuchtete im Dunkeln und hieß Domestos. Bei den Piraten wird es sicher auch ein Männchen mit Holzbein und Augenklappe gegeben haben. Irgendwann gab es dann auch Kinder, sogar ein Baby! Bis dahin mussten die Einheitsmännchen alles sein, und das waren sie ohne Probleme. (Erinnert sich noch eine hier an das fiese Playbig?) Für einen kompletten Waschmitteleimer Lego hatte ich insgesamt zwei Frauen- und zwei Männerperücken, außerdem zwei Mützen und zum Glück sehr viele Helme, weil mein kleiner Bruder die Lego-Ritterburg besaß. Hätte es damals so wie heute in Fahrradentfernung einen Laden gegeben, in dem man Legohaare und Legokleidung nach Gewicht kaufen kann, dann hätte ich meinen Brustbeutel umgehängt und wäre auf mein Hercules-Kinderfahrrad gestiegen wie der Blitz. Meiner Mutter hätte ich natürlich eine Notiz auf dem Zettelblock neben unserem grünen Wählscheiben-Telefon hinterlassen, klar.

Es gab damals eine ganze Industrie von sehr schlauen und handwerklich fabelhaften Menschen, die ihr Geld mit der Konzeption und Produktion extrem guten Kinderfernsehens verdienten (Im Schatten der Eule, der Mondschimmel, das Geheimnis des siebten Weges, die dreibeinigen Herrscher, die Besucher, Robin Hood, das Haus der Krokodile...)

Es gab Kindermarkenterror, aber die Marken waren billig. Meine Mutter hielt uns da raus, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Vanilla-Jeans mehr als 80 Mark gekostet hat oder ein Sasch-Sweatshirt mehr als 100. Vor einer Weile erzählte mir eine allein erziehende Kollegin verzweifelt, dass ihr 12jähriger Sohn jetzt eine Canada Goose-Jacke will, weil er der einzige Junge in der Klasse ist, der keine hat (ist er wirklich), und die kosten ab 600 Euro. Meine Mutter hätte laut gelacht und an ihrer Zigarette gezogen, wenn sie geraucht hätte.

Die offizielle Kindheit endete am 13. Geburtstag. Bis dahin wurde es auch unter Kindern als albern betrachtet, Lippenstift zu tragen.

Donnerstag, 17. September 2015

Umfangreiche Sanierungsmaßnahmen

Andere Leute verbringen ihre Elternzeit irgendwo in einem Hippie-Urlaubsland und posten Fotos von schlafenden Babys in Tragetüchern am Strand oder Familienbesichtigungen asiatischer Tempelanlagen. Ich bin ein bisschen faul mit dem Fotoposten, aber heute könnt ihr mir dafür dankbar sein, denn schön ist das hier nicht. Statt die Zehen in weißen Sand zu bohren, habe ich einen Ärztemarathon hinter- und vor mir. Zwei Kinder so kurz hintereinander rocken den Körper ganz schön runter, und gestern habe ich mir die Krampfader ziehen lassen, die mir die zweite Schwangerschaft eingebracht hat. Jetzt liege ich hier, das Bein ist knallorange und blau und dick, und ich bin dankbar für den Stützstrumpf, der noch bis Samstag durchgängig dranbleiben muss und wenigstens einen Teil der Wahrheit vor meinen Augen verbirgt. Nächste Woche steht dann noch ein überfälliger Besuch beim Zahnarzt und beim Hautarzt an, der mir verschiedene Leberflecken entfernt, und zwischendurch bin ich immer mal wieder bei der Physio, denn seit inzwischen drei Monaten tut mir der Hintern weh: ISG-Blockade, was bedeutet, dass es jedesmal zwiebelt, wenn ich gesessen oder gelegen habe und aufstehe. Schon nach kurzer Fahrt verlasse ich die Ubahn im rechten Winkel. (Es gab einen sehr lustigen Moment, als ich mit meiner Schwester auf die S-Bahn gewartet habe und ihr von meinen Erfahrungen mit verschiedenen Laufstilen und Laufschuhen erzählt habe, damals, in der Zeit vor Kalle, als es in meinem Leben noch keine Beckenbodenprobleme, dafür aber einen ausgetüftelten Trainingsplan gab. Neben uns saß eine alte Dame und machte große Ohren. Nach all dem Rarara über Wettkampfschuhe, Lauf-Apps und Kraftübungen kam die S-Bahn dann endlich, und ich erhob mich ächzend und schlurfte mit der Nase auf Hüfthöhe in die Bahn. Da hat die alte Dame wirklich sehr, sehr verwirrt ausgesehen. Vermutlich muss man dabeigewesen sein.) Zur Frauenärztin muss ich auch. Wie machen die Thai-Elternzeitler das? Sind die einfach so entspannt, was ihre Gesundheit betrifft? Vermutlich sind sie einfach jünger, schütteln sich nach der Entbindung mal kurz, tragen ein bisschen Bepanthen hier und da auf und sind wieder wie neu.

Aber wisst ihr was? Wenn ich ganz, ganz ehrlich bin (und dazu ist ein Blog ja da), dann bin ich ein bisschen froh über anderthalb Tage Erziehungsurlaub dank OP. Unten robbt L. mit Michel durchs Wohnzimmer, und ich liege hier oben wie die Made im Speck. Das dicke Bein liegt auf dicken Kissen, neben mir steht eine Tasse Tee (schon nicht mehr richtig heiß, aber immerhin), nachher kommt ein Babysitter, und ich habe die Wahl: lesen? Sherlock glotzen? schreiben? schlafen? Allein die Zeit zu haben, darüber nachzudenken, was ich mit meiner freien Zeit anfangen will - das ist sonst nie. Jetzt werfe ich erst mal eine Ibuprofen ein und mach mir ein paar warme Gedanken.