Sonntag, 24. Juli 2011

Für ein bisschen weniger Flora auf dieser Welt

Also, das mit Weight Watchers. Das war so eine Sache. Ungefähr 48 Stunden lang hatte ich auf eine merkwürdige, mir sonst unbekannte Art sogar Spaß daran, jeden winzigen Happen, den ich zu mir nehme, einschließlich das Schüsschen Milch im Tee morgens, in ein Computerprogramm einzutragen. (Ich glaube ehrlich gesagt, dahinter steckt die ziemlich listige Idee, dass man schnell mit einem Kekschen hier und einem Nüsschen da aufhört, wenn man nach zwei Sekunden Essen jedes Mal zwei Minuten Bürokratie zu bewältigen hat.) Aber der geheimnisvolle Effekt, das Weight Watchers Wunder vom letzten Mal (essen was ich will und trotzdem abnehmen, schließlich bezahle ich dafür monatlich 15 Euro) ist diesmal ausgeblieben. Ich kam aus meinem duften Urlaub zurück, inwändig ausgekleidet mit Chips, Hühnchen, Bratkartoffeln, Croissants (nur HAUCHDÜNN belegt mit Schinken, Käse und Mayo) und Zitroneneis, alles geschmeidig gemacht mit fässerweise rosarotem Cava, bestieg die Waage und wog 69 Kilo. 69. Das sind fast 70, und 70 waren noch nie. Die wii ist da nicht so präzise, aber ich habe das dumpfe Gefühl, sobald es 70 sind, findet Nintendo mich zu dick, und mein mii wird von normal pummelig in kugelrund umgestaltet. (Alle, die nicht solche Nerds sind wie ich, können sich den letzten Satz einfach wegdenken.) Im Urlaub schwante mir schon so was, als ich jedes einzelne Mädchenfoto gehasst habe, auf dem ich und meine rote, uffjedunsene Visage zu sehen waren. Allerdings habe ich es da noch auf den Sommer geschoben, der mir ja nicht steht. Stellt euch meinen Zorn vor! Natürlich habe ich sofort Weight Watchers gekündigt.
Jetzt gibt es einen neuen Plan. Und bisher funktioniert er gut, ich bin zufrieden, fresse mich voll und nehme trotzdem ab. Folgendermaßen lautet der Plan: einen Monat keinen Alkohol außer in Fällen, in denen es grob unhöflich wäre, ihn abzulehnen oder die Gerüchteküche hochkocht, ich wäre wohl schwanger. Was ich bekanntermaßen und nachweislich nicht bin und auch so schnell nicht sein werde, wir erinnern uns. Weizenmehl auch erst mal so wenig wie möglich. Denn im Anschluss an den fabelhaften Urlaub musste ich noch für einen Job für zwei Tage nach Barcelona, und während dieses Jobs zeigte sich die spanische Küche von ihrer fürchterlichsten Seite, es wurden ständig Platten mit in Öl frittierten weißen Sandwiches mit Plastikkäse und Plastikschinken herumgereicht und als kleiner Snack zwischendurch frittierte Schweineschwarten. Ich übertreibe kein bisschen! Zum vernünftigen Essen blieb keine Zeit. Ich hätte nie gedacht, dass das mal passiert, aber ich kann kein Weißbrot mehr sehen und habe eine große, unstillbare Sehnsucht nach Salat und frischem Obst. Wo war ich?
Ach so, der Plan. Er klingt nach Gehirnwäsche, und das ist es auch, denn L. bearbeitet mich jetzt seit einem halben Jahr jeden Abend, wenn ich in der Küche stehe und versonnen im Risotto rühre, dass wir unseren Speiseplan nach Tageszeiten abstimmen sollen und Abends keine Kohlehydrate essen. Ich habe ihn immer hochmütig ausgelacht und gesagt, "Schätzelein, Liebes, es ist LÄNGST erwiesen, dass es vollkommen wumpe ist, um welche Tageszeit man seine Kalorien zu sich nimmt, was zählt, sind die Kalorien" und noch ein Stück Butter in den Topf geworfen. Aber jetzt haben L. und die 69 Kilo mich so weit.

Morgens gibt es Birchermüesli, das esse ich an Agenturtagen sowieso zum Frühstück, denn nach dem Aufwachen muss ich erst meine L-Thyroxin schlucken und darf danach 30-60 Minuten lang nichts mit Milch zu mir nehmen, so dass ich nur die Wahl habe, entweder um sechs mein Pillchen zu schlucken und um sieben zu frühstücken, oder bis halb acht zu schlafen, mein Pillchen zu schlucken, ein gut verschließbares Pöttchen mit Milch eingeweichtes Müesli mit in die Agentur zu nehmen, da mit Joghurt und Obst aufzumotzen und am Schreibtisch zu frühstücken. (Die Brötchen, die es in den Bäckereien an meinem Weg zur Arbeit zu kaufen gibt, spotten jeder Beschreibung.) Diese Prozedur ziehe ich jetzt von Montag bis Freitag durch. Samstags und Sonntags gibt es Dinkelvollkornbrot mit Sachen drauf, sonst verliere ich nicht nur den Spaß am Birchermüesli, sondern auch am Aufwachen. Mittags gibt es im Moment noch Salat, weil ich den Hals nicht voll kriege, ansonsten aber, was ich will, also auch gerne Pasta. Und Abends gibt es nur noch Eiweiß und Gemüse. Also z.B. Hähnchenflügel mit Zitrone und Pfeffer aus dem Ofen, dazu gebratene Paprika. Oder grünen Salat und Bratwürstchen. Oder auch nur Salat. Oder ein Stück Fisch mit Broccoli und Sojasauce. Oder was weiß ich. Nach sechs Tagen bin ich jetzt bei 75,5, und das auch nur, weil uns gestern unsere netten Nachbarinnen eingeladen und sabotiert haben, indem sie vor uns ca. zwölf verschiedene Schälchen mit Käsegebäck, Chips und Kräuterbaguette aufgebaut hatten und uns ständig mit Oberflächenspannung Wein nachgeschenkt haben. Das heißt, die jüngere schenkte nach, während ihre 93jährige Mutter bei jedem Glas ein Freudentränchen im Auge hatte und sagte "Das ist so schön, das ist so schön!" und da will man nicht barsch auf Diäten verweisen. (Das ist sowieso etwas, was ich gelernt habe: wenn man schon in der miesen Lage ist, eine Diät zu machen, sollte man bloß niemandem davon erzählen. Die einen finden dann plötzlich auch, dass man zu dick ist, die anderen versuchen es einem auszureden und erzählen einem, wie fabelhaft und genau richtig man aussieht, und nach zwei Gläsern Rotwein glaube ich das natürlich und schiebe mir noch eine Minipizza in den Hals.)
Und dann habe ich noch eine neue App entdeckt, die mir bisher nur Freude gemacht hat: die Nike+ GPS App. Man lädt sie sich für 1,59 aufs iphone, steckt den Kopfhörer rein, zieht die schnellen Schuhe an, geht eine Runde laufen, und während man Musik hört, misst das schlaue Telefon, wo man lang läuft, wie lange schon, wie weit, wie schnell, sagt einem alle fünf Minuten, wie man sich so schlägt, muntert ein bisschen auf, wenn es nötig ist, und ist der Lauf zu Ende, kann man damit auf facebook angeben und sich loben lassen (ich bin ja leider so ein schwaches Tierchen, das immer gelobt werden will, damit es sich überhaupt in Bewegung setzt), und Lance Armstrong persönlich gratuliert einem zu einem neuen persönlichen Rekord.
Ich sage Bescheid, wenn ich bei 65 bin.

Und weil das hier kein Abnehmblog, sondern ein Unterleibsblog ist, habe ich an dieser Front auch etwas zu melden: ich fürchte, die aus dem Hals stinkende, räudige, pickelige alte Petze Endometriose ist zurück. Es ist nur so ein Gefühl. Kein gutes Gefühl, ich bin genervt. Nächste Woche versuche ich, einen Termin in der Klinik zu kriegen. Ich will nicht schon wieder operiert werden. Ich will nicht schon wieder vier Wochen lang keinen Sport treiben können, wo ich gerade in Schwung komme. Ich will nicht schon wieder hören, dass das jetzt aber vermutlich die letzte OP zu dem Thema ist. Ich habe keine Lust mehr, dass Ärzte mir erzählen, sie hätten auch keine Ahnung, warum ich trotz Enantone und Pille immer wieder zu zuwuchere. Denn ehrlich, wenn es das jetzt wieder ist - dann kann ich doch die Hormone auch weglassen und zur Abwechslung vielleicht sogar eine Chance haben, auch zu einem dieser Wundertiere zu werden, die plötzlich einfach so schwanger werden. Vorausgesetzt, die miese Endowurst hat mir nicht schon wieder den einen guten Eileiter abgeschnürt. Drückt mal die Daumen, liebe Damen, ja?

Und zu dem Emotions-Thema kann ich nichts sagen, ich hab nämlich immer noch kein Belegexemplar. Aber ich bin gespannt. "Vernünftig" klinge ich, sagt ihr? Das wäre mal was Neues.

Kommentare:

  1. Hallo Flora,

    ich bin vor knapp zwei Wochen auf deinen Blog gestoßen und bin schon dein neuer Fan :-) ich "arbeite" mich jedoch von Anfang an durch deine Beiträge. Bin noch immer in 2009 :-) bin daher über deine aktuelle Situation nicht informiert. Muss mich zwingen nicht zu spicken :-)
    Es macht riesig Spaß und motiviert mich.
    Bei uns ist die Situation allerdings etwas anders. Mein Mann ist unfruchtbar. Daher probieren wir's nun mit einer Samenspende. Diese Woche sollen die Vorschläge von der Samenbank kommen. Bin gespannt!
    So hat jeder sein Päckchen zu tragen, nicht wahr?

    Liebe Grüße

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Flora,

    ich darf mich übrigens auf die Wiese mit den Wunderschwangeren stellen. Nach 2 IVFs wegen angeblich nicht existierender Durchgänge von der Gebärmutter in die Eileiter, einer IVF-bedingten Schwangerschaft mit anschließender Fehlgeburt, 6 Wochen Blutungen nach der Ausschabung, bin ich jetzt wieder in der 7. Woche schwanger. Einfach so. Wir haben es nicht mal probiert, sondern einfach irgendwann Sex gehabt.

    Ich bin so eine Wunderschwangere. Aber noch traue ich dem Braten kein bisschen.

    K.

    AntwortenLöschen
  3. ...ich wäre für einen gelegentlichen Stammtisch auch zu haben.
    Liebe Grüße,
    I.

    AntwortenLöschen
  4. Hallo Flora, ich bin über das Buch erst zum Blog gekommen und habe prompt letzte Woche in der Emotion gleich noch das Bild zum Blog bekommen :-). Hatte vor drei Wochen die zweite Endo-OP nach sechs erfolglosen Inseminationen :-(. Ein blödes Päckchen haben wir da bekommen..... drücke Dir die Daumen!!!!

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Flora, lese Deinen Blog regelmäßig, wünsche mir auch von Herzen ein Kind. Bitte entschuldige, wenn ich Deinen Blog heute missbrauche, aber ich bin außer mir..... eben sagte eine "Freundin" zu mir "vielleicht hätte sich meine Seele entschieden in diesem Leben keine Kinder zu bekommen".....morgen ist nächster Insemi-Termin!!! Das war wie ein Schlag in den Magen.......Reagiere ich über? Mädels, wie würdet ihr auf so einen Kommentar reagieren, ich bin momentan geschockt.........

    AntwortenLöschen
  6. Liebe unbekannte Abkürzungsdame,
    nö, du reagierst nicht über. Ich finde, auf so einen Klopper hin ist ein mittlerer bis extremer Wutanfall ziemlich angemessen. Und ich finde, wir Damen müssen uns diesen esoterischen, halbgaren und gedankenlosen Psychoschmuh wirklich nicht mehr anhören, und zwar von niemandem. Unsere Eileiter, Eizellen, merkwürdigen Gewächse im Bauchraum und die Spermienqualität unserer Jungs haben mit unserer "Seele" wirklich einen Scheiß zu tun. Und Leute mit Kindern können sich diesen selbstzufriedenen, bräsigen Quatsch wirklich sparen. Was soll das tun, uns aufmuntern? (Und schon steigere ich mich hier ganz fabelhaft rein, das macht ungefähr so wach wie sieben Capuccino. Herrlich!).
    Hm. Ich habe da so ein Gefühl, aber vielleicht möchte deine Seele sie in nächster Zeit erst mal nicht mehr anrufen? Vielleicht?
    Liebe Grüße und viel Glück bei der Insemination,
    Flora

    AntwortenLöschen