Dienstag, 6. September 2011

Frau beißt Hund

Lange gab es keinen L., sondern stattdessen irgendwelche Ms, M2s, M3s oder andere Typen, für die ich mir noch nicht mal die Mühe machen würde, eine Phantasieabkürzung zu erfinden. Es gab auch zwischen all den Typen und Abkürzungen durchaus öfter mal gar niemanden. Ziemlich lange sogar, bevor L. kam, war ich konservativ gerechnet vier Jahre lang Single, und liberal gerechnet dreidreiviertel Jahre mit kurzen Unterbrechungen. Ich bin glücklich, dass ich L. getroffen habe. Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich.
Aber ohne hatte auch seine Vorzüge. Ich bilde mir ein, das Leben war damals einfacher.
Das hier soll niemand falsch verstehen, schon gar nicht L. Sollte er ausgerechnet diesen Post ausnahmsweise lesen (was er jederzeit kann, aber eigentlich nie tut), dann soll er bitte schnell zu mir kommen und mich fragen, was es damit auf sich hat. Ich würde ihm dann sagen, dass ich ihn sehr liebe und jeden Tag dankbar bin, neben ihm aufzuwachen und neben ihm einzuschlafen. Aber dass es nicht die Sehnsucht nach männlicher Gesellschaft war, die mich zu ihm gezogen hat. Ich wollte L., obwohl das hieß, nicht mehr allein zu sein. Und ich hoffe schwer, er versteht das als Kompliment, denn so ist es gemeint. Ich weiß, dass ich eigentlich im tiefsten Inneren ein Eigenbrötler bin. Denn in der Zeit zwischen Aufwachen und Einschlafen habe ich Pläne, und die meisten davon haben nur mit mir ganz allein zu tun. Ich sitze zum Beispiel gerne an meinem Rechner und schreibe. Nur ich allein, die Tastatur und der weiße Bildschirm. Manchmal schreibe ich auch nicht, sondern gucke mir Sachen an, die ich früher geschrieben habe, und wurste daran herum. Das Ergebnis ist meistens, dass ich am Ende alles lösche. Manchmal höre ich Musik. Oder ich lese. Auch, wenn ich arbeiten gehe, bin ich zumindest innerlich für mich. Offiziell besteht mein Job aus Aufgaben, die man zu zweit - im Team - löst. Ich mag meinen Teampartner, genau wie seine beiden Vorgänger. Ich unterhalte mich gerne mit ihm, gehe mit ihm in die Mittagspause, und es gibt auch diese seltenen Momente, wo ich rauskomme aus meiner Kopfeinsamkeit und wir tatsächlich und wahrhaftig etwas zusammen erarbeiten. Meistens ist es aber anders, und genau wie nach Feierabend sitze ich vor einem weißen Bildschirm und hacke ihn allein mit schwarzen Buchstaben voll. (Ich muss zugeben, dass das auch oft nicht an mir liegt, sondern daran, dass wir von vornherein unterschiedliche Dinge zu tun haben. Aber eben nicht immer.) Wundert es irgendwen, dass ich mich auch beim Sport nicht spontan dafür entschieden habe, in eine Basketballmannschaft einzutreten? (Gut für die Basketballmannschaft.) Stattdessen renne ich gerne mutterseelenallein durch die Kleingärten, durch das Moor oder durch den Wald. Laufgemeinschaft? Kommt nicht in Frage. Ich habe es schon als Kind gemocht, wenn meine Eltern samt Geschwistern mal weg waren und ich für ein paar Stunden allein war. Nicht, um Dinge zu tun, die ich unter Aufsicht nicht darf - einfach so. Mit jedem Jahr, das seitdem vergangen ist, ist mir Alleinsein wichtiger geworden.
Ich habe manchmal ein schlechtes Gewissen, weil ich dauernd andere so ausgrenze oder am langen Arm verhungern lasse. Mein Teampartner erzählt mir etwas, das ihm offensichtlich wichtig ist, und ich sitze da, zum einen Ohr rein, zum anderen raus, nicke und mache "Mhm" und hacke weiter. Im Urlaub mit den Mädchen bin ich die, die sich als einzige in den Schatten legt und jeden Tag 200 Seiten einer Heldenschwarte hinter sich bringt. L. geht zum Training, und ich hüpfe auf und ab und werfe seinem Rücken Kusshände zu. Ich frage mich, was bin ich denn für eine? Was stimmt nicht mit mir? Ist das Egoismus? Egozentrik? Bin ich zu schüchtern für Gesellschaft? Oder zu faul, mich mit dem auseinander zu setzen, was andere wollen, finden und fühlen? Habe ich meine Freunde und L. am Ende gar nicht verdient?
Ich will nicht immer allein sein. Ich würde mich nie für ein Leben als Einsiedlerin entscheiden. Ich will immer die Wahl haben. Aber wenn ich sie habe, bin ich im Zweifel gerne allein.
Ich hab das Riesenglück, dass L. auch gerne allein ist. Wir sind beide glücklich, uns und genau uns zu haben, und nicht Gesellschaft. Und seit dem Umzug haben wir auch noch genug Platz, in Gesellschaft und trotzdem allein zu sein. Das heißt, es können Stunden vergehen, in denen ich im Arbeitszimmer bin und L. unterm Dach. Oder ich im Wintergarten und L. in seinem Arbeitszimmer. Oder L. im Schlafzimmer und ich in der Küche. Oder ich beschäftigt mit irgendwelchen Nerd-Dingen auf der Wii, und L. sägt und gräbt im Garten. Das ist großartig. Und dann kommen solche Momente, meistens weit ab von Hormonzyklen oder sonstigen Drüsenereignissen, in denen ich mir vor den Kopf haue und mich frage: was soll das eigentlich, wir und ein Kind? Weniger allein geht doch kaum! Und die Wahl hätte ich auch nie wieder! Ich schlendere mit L. durch Kopenhagen, der Hund ist sicher in der Hundepension in der Heide verstaut, und wir haben keine Sorge auf der Welt. Wir schmieden Pläne für Dinge, die wir irgendwann demnächst tun wollen, und ob wir das alles machen oder nicht, hängt nur davon ab, ob wir uns dafür entscheiden oder nicht. Zurück in Hamburg puzzeln wir im Haus herum, und ich hacke kleine schwarze Zeichen in meine Tastatur. Heute war mein größtes Problem, dass ich Lust auf Hühnchenflügel zum Abendessen hatte, aber wir uns geschworen haben, zuhause nur noch Biofleisch zu essen, dass aber gleichzeitig in keinem Supermarkt in der Nähe Biohühnerflügel zu kriegen sind, so dass ich jetzt leider nicht das Abendessen bekomme, das mir jetzt seit 24 Stunden im Hirn herumspukt. Mein zweitgrößtes Problem in den letzten 24 Stunden war, dass die Waschmaschine irgendwo mitten im Waschgang einfach aufgehört hat zu Waschen und neugestartet werden musste, so dass ich jetzt erst so gegen elf mit einem frisch bezogenen Bett rechnen kann und im Moment deshalb auf dem Sofa sitze statt im Bett. Das ist mein Leben gerade, und ich mag es so. Wir zwei, unser Alltag und unser Wochenende und unser Urlaub, der Hund und die Erde, die er ins Haus trägt, gelbe Zettel in meinen Kochbüchern, einmal in der Woche ein Paket von Amazon, und alle paar Wochen sehe ich die Mädchen (die einige der wenigen Menschen sind, die ich gerne öfter um mich hätte) und rauche ausnahmsweise. Jeden zweiten Tag gehe ich laufen, und wenn L. zum Training fährt abends, dann bin ich glücklich über zwei-drei Stunden allein mit Lili und meinem Rechner, und wenn er wiederkommt, bin ich glücklich, dass er wieder da ist.
Wo, wann und vor allem warum hab ich mir diesen Kinderwunsch zugelegt?
Das Problem ist, scheinbar hat der Kinderwunsch sich mich zugelegt. Ich habe das dumpfe Gefühl, ich hatte da gar nichts mitzureden. Oder warum sollte er sich sonst so festgebissen haben und einfach nicht wieder loslassen? Schöner Mist.

Kommentare:

  1. Liebe Flora,

    ganz genau so ist es!

    Und trotzdem bin ich mir sicher, dass bei all dem Wunsch nach Einsamkeit die Dreisamkeit alles übertreffen würde!

    Liebe Grüße,
    Ai.

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  2. ihr texter seid anscheinend alle gleich ;)...egal ob weiblich oder männlich (der an meiner seite)...das ist liebevoll gemeint!! :) grüße aus hessen von der t.

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  3. Hach Flora, da erzählste ja aus meinem Leben. Wir zelebrieren auch so gern das Alleinsein, sogar unser Hundi verzieht sich gern in ein eigenes Zimmer. Freunde belächeln unsere "WG". Da kam auch bei mir schon mal die Frage auf, wie dass denn mit Kind so funktioniert. Dennoch: der Wunsch ist so tief und der Gedanke so schön (und die Umsetzung sooo weit weg ... also auf in die nächste ICSI!)

    Grüße aus Bochum

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  4. Ihr seid auf Biofleisch umgestiegen? Fein fein!!!

    LG
    Schoko

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  5. Mal wieder ein sehr schöner Post an einem Sonntag morgen, wo ich nicht mehr schlafen konnte, weil ich mir den Kopf über die nächste ICSI zerbreche. Schicke Dir ein Lächeln und mache mir jetzt "allein" ein Frühstück.

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