Dienstag, 13. Mai 2014

Hach, weißt du noch?

Im Sommer 2001 bin ich nach Hamburg gezogen, um hier ein Praktikum zu machen. Schon die Zimmersuche ließ sich nicht gut an. Ich war gerade ziemlich abgebrannt (wie abgebrannt, ahnte ich zum Glück noch nicht), und eine Zugfahrt war zu teuer. Also fuhr ich mit der Mitfahrzentrale aus meinem süddeutschen Unistädtchen nach Hamburg. Liebe Mama, heute darfst du es erfahren, ich habe es ja auch überstanden. Mein Fahrer war ein dürrer Typ Anfang 20, das Auto war voller leerer Bierdosen und Kleingeld. Auf dem Weg machte er mehrmals Halt, um noch drei andere Mitfahrer einzuladen, es wurde eng und viel zu warm in der winzigen Kiste, und er konnte sich über den dreifachen Spritpreis freuen. Kaum hatten wir im Morgengrauen die Stadtgrenze passiert, "ließ" er uns raus, damals hatte ich noch keine Ahnung, heute glaube ich, das war irgendwo in der unwirtlichen, menschenverlassenen Gegend hinter dem Berliner Tor. So fing ein Wochenende der Zimmersuche an. Damals war das Internet zwar schon da, aber für viele Dinge nicht so richtig zu gebrauchen, die Hälfte der Zimmerannoncen habe ich Freitag früh von verschiedenen schwarzen Brettern der Uni abgeschrieben. Ich quartierte mich in meinem Hostel ein, kaufte mir ein Wochenendticket für die Ubahn und wollte Geld ziehen. Bei dieser Gelegenheit stellte ich dann fest, dass die Krankenkasse seit Monaten keinen Beitrag abgebucht hatte, just zu diesem Wochenende aber ihren Fehler bemerkt hatte und nun alles auf einmal eingezogen hatte. Mein Konto war völlig leer. Ich hatte das Hostel noch nicht bezahlt, und in meinem Portemonnaie waren noch ca. acht Mark. Ich biss die Zähne zusammen und ergab mich in mein Schicksal. An diesem Wochenende lebte ich von Leitungswasser und einem großen türkischen Fladenbrot und guckte mir ca. 25 Zimmer an, die überall in der Stadt verteilt waren, wo man wohnen konnte und wo nicht, wusste ich ja noch nicht. Teilweise saß ich zwischen zwei Besichtigungen fast anderthalb Stunden in verschiedenen Bussen und Bahnen. Viele Zimmer waren schrecklich, viele Mitbewohner auch, manche machten mich einfach nur beklommen. Ein Mann Mitte 40, frisch geschieden, wünschte sich eine Studentin Mitte 20 als Mitbewohnerin. Eine behinderte Frau um die 50 wollte für ihr Zimmer als Gegenleistung außer einer ziemlich beträchtlichen Miete rund um die Uhr gepflegt und unterhalten werden. In der Wohnung lebten außer ihr acht freilaufende Kaninchen. Ein sehr alter und sehr freundlicher Mann musste ein Zimmer vermieten, weil er sich seit dem Tod seiner Frau und dem Wegfall ihrer Rente die Wohnung sonst nicht mehr hätte leisten können. Die Wohnung stank ungelüftet und nach Urin, das Zimmer war möbliert mit hässlichen, schmuddeligen Sperrmüllmöbeln. Nichts davon war aus den Annoncen zu erkennen gewesen, und jedes dieser Treffen dauerte mindestens eine halbe Stunde, die Anfahrt nicht mitgerechnet. Ich hatte ordnetlich zu tun. Am Ende gab es vier Zimmer, in die ich eingezogen wäre, und die ersten drei wollten mich nicht. Ich hatte überall wahrheitsgemäß erzählt, ich würde ein Praktikum machen und vermutlich den ganzen Tag und auch am Wochenende arbeiten, das passte nicht zur Vorstellung von WG-Geselligkeit. Zimmer Nr. 4 war es dann endlich. Hier lebten eigentlich zwei Jungs, die schon als Kinder Freunde gewesen waren. Einer von ihnen wollte für ein Jahr nach Spanien zum studieren, sein Zimmer war also frei. Bei der Besichtigung waren sie unkompliziert und nett, sie haben mich sogar zum nächsten Termin gefahren, weil es regnete. Vier Wochen später fuhr ich mit dem bis unters Dach vollgepackten Twingo meiner Mutter nach Hamburg und zog ein.

Was kam, war ein schreckliches und schönes Jahr. Schön war es, weil ich mich innerhalb von ein paar Wochen völlig zuhause fühlte im Job und in der Stadt, und das, obwohl ich wenig mehr zu sehen bekam als die Wände meines Büros. Nach einem Jahr hatte ich die besten Freundinnen der Welt, wusste endlich, was ich mit mir anfangen will, und es machte unfassbar viel Spaß, sich nach all dem Uni-Phlegma achtzig Stunden pro Woche und mehr in die Arbeit zu stürzen. In richtige, ernsthafte Erwachsenenarbeit. Schrecklich war es vor allem wegen der Wohnung. Sie lag im Souterrain, direkt vor meinem Fenster fuhren Autos und liefen neugierig glotzende Fußgänger vorbei. Mindestens einmal pro Woche verirrte sich eine riesige Spinne ins Zimmer. Die Möbel waren hässliche, lieblos ausgesuchte Jungsmöbel. Mitbewohner Nr.2 war entgegen seiner Absicht so gut wie nie in Spanien, sondern praktisch immer da. Zusammen mit Mitbewohner Nr.1 zog er sich fast allabendlich dicht, und wenn ich irgendwann nach Mitternacht aus der Agentur kam, lag er oft genug schnarchend und hackenstramm in meinem Bett, während auf dem Fernseher noch ein Porno lief. Einmal kam ich vier Tage nach Silvester zurück nach Hamburg, und das festliche Buffet der Jungs aus hartgekochten Eiern, Grillsaucen und Leberkäse war immer noch in der Küche aufgebaut. Ein anderes Mal trat Mitbewohner Nr.2 in einen Hundehaufen, bemerkte das Malheur erst zuhause und streifte den Haufen an den Fußleisten im Flur ab. Ich versuchte, mir kleine Inseln zu bauen. Ich fuhr mit dem Bus zu Ikea und schleppte so viel Mädchenkram nach Hause, wie ich nur tragen konnte: Weingläser, eine Wolldecke, Kissen, Kerzenständer, damit machte ich es mir ein bisschen gemütlich. Mehr als halbherzige Versuche waren kaum möglich oder nötig, ich kam normalerweise nach Hause, kochte mir Miracoli, trank ein Glas Rotwein und kippte schnarchend ins Bett (wenn es frei war).

Gerade denke ich manchmal an dieses Jahr und habe das dumpfe Gefühl, so ähnlich werde ich mich auch mal an das erste Jahr als Mutter erinnern: grauenvoll anstrengend, man kommt ständig zu kurz, ist manchmal so müde und ausgelaugt, dass man kaum noch weiß, wie man heißt, aber trotzdem ist es irgendwie gut. Wie, "irgendwie"? Weiß ich auch nicht. Ich hab doch auch keine Ahnung. Ich wurstel mich doch auch nur durch.

Kommentare:

  1. Und das nächste erste Jahr kommt auch bald wieder freu dich drauf ;) Aber seh es so, andere Mütter sind Alleinerziehend, können sich keine Nany und auch keinen Wienbesuch alleine leisten die fühlen sich noch schlechter. Hilft immer zu sehen wie gut es einem geht und wie schlecht anderen oft.

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    1. Hallo Kinderwunsch Baden-Württemberg, neidisch sein ist menschlich. Einen neidischen Stutenbeisserkommentar abzusondern ist unangenehm blöd. Sanne.

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    2. Liebe Sanne, danke für's Verteidigen, aber ich glaube, sie hat es wirklich überhaupt nicht böse gemeint. Das wäre jedenfalls das erste Mal. Liebe Grüße und bis hoffentlich bald zum Stammtisch?

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    3. Ja, dieses Verteidigen ist putzig ;-) Merkt Ihr es jetzt?

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    4. Oh...hab es gar nicht gesehen, dass es auch unböse gemeint sein kann. Tschuldigung, Kiwu Bawü. Danke Flora. Stammtisch liiiiiebend gerne. Sanne.

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    5. Nicht gesehen, dass es auch unböse gemeint sein kann?? Aha. Interessante Aussage.

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    6. Sanne nein es war nicht böse gemeint ich beneide Sie sogar ich kack mir immer in die Hose (Achtung der neue Kommentar ist nämlich auch nicht böse gemeint) Ich halte es nicht aus wie Flora, mich plagt immer das schlechte Gewissen wenn ich mal den ganzen Tag arbeiten muss und den Zwerg nur am Morgen und am Abend kurz seh wenn überhaupt und ich lege mir meine Termine meist so, dass ich arbeite wenn der Mann Zuhause ist. Wir könnten uns ne Nanny leisten aber das würd ich mich gar nicht trauen, ja neidisch bin ich auf Flora ihren Mut aber ich glaub einfach, dass das so ein Stadt Dorf Ding ist. Ich komm aus der hintersten Provinz da wohnt die Oma noch nebenan und ich bin mal 20 Kilometer weg gezogen mein Herz hat geblutet ich kam wieder zurück. Ach würd ich gern Karriere in ner grossen Stadt machen Angebote gab es aber du hast Recht MUT hatte ich nie.
      Und das mit dem andere Mütter sind allein und mit dem Leisten ist doch wahr wenn ich seh was wir uns gönnen also ich und auch Flora müssen wir doch froh sein aber wir zwei arbeiten auch gell und sind deswegen oft böse Rabenmütter ;)

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  2. Schön hast Du das geschrieben. Ich habe keine Ahnung, wieso die Bayern Dich nicht wollten!
    Ich glaube, wenn wir mal 85 sind und zurückblicken, wir dieses erstes Jahr als Mutter als eins der besten unseres Lebens betrachten werden, trotz allem! Den nie wieder werden uns unsere Kinder so nah sein und uns nie wieder so sehr brauchen.
    Auch meinen höchsten Respekt für freiwillig wieder schwanger sein wollen, mittendrin in der Zeit von Schlafmangel und Überforderung. Ein klein wenig verrückt mußt Du schon sein. :)
    LG Ute

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  3. HERRLICH!!! Ich sitze hier und lache Tränen über deine Jungs WG....
    Vielen Dank:)

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