Freitag, 19. September 2014

Der erste, aber bestimmt nicht der letzte Fluchtversuch

Vor ein paar Tagen schickte L. mir eine Nachricht ins Büro. Er hatte bei Immonet eine Wohnung gefunden, zum Verkauf, in Ottensen, sieben Zimmer, über 200 Quadratmeter, Jugendstil, in einer hübschen Straße. Mir wurde klamm. Das will nichts heißen, mir wird immer klamm, wenn dicke Veränderungen anstehen, so bin ich. Das heißt nicht, dass ich mir keine Veränderung wünsche, und ich habe auch gelernt, dass die Klammheit keinen Aufschluss gibt über Segen oder Fluch einer Veränderung. Bei der nächsten Gelegenheit - ich hatte meinen Kram schon ausgedruckt, musste aber noch eine Viertelstunde darauf warten, dass auch die anderen Meetingteilnehmer so weit waren - habe ich mir die Wohnung angesehen. Es gab nur ein Foto vom Badezimmer und eins von der großen Küche, außerdem Fotos aus den Fenstern heraus. Anhand der Aussicht und der Sprossen in den Fenstern konnte man auf google Street View ziemlich gut sehen, um welches Haus es sich handelte. Es war ein sehr schönes Haus. Die Straße ist lang, zwischen Anfang und Ende liegen mehrere Kilometer, wo ein Haus steht, macht eine Menge aus. Dieses Haus hätte nicht besser stehen können. Es war wirklich nur wenige Gehminuten entfernt von schönen Restaurants, einer Eisdiele, einem Park, noch einem Park, die nächste Bushaltestelle einer für mich wichtigen Linie war direkt gegenüber. Die Klammheit fing an, sich zu legen. Ich fand heraus, wie lange ich in diesem Bus sitzen müsste, um z.B. zu einer meiner besten Freundinnen zu kommen, wo der Bus ebenfalls direkt vor der Tür hält. Es waren kaum zwanzig. Ich googelte Bewertungen der Restaurants. Ich sah mir den Grundriss an und verteilte Zimmer. Wohnzimmer, Esszimmer, Arbeitszimmer, Kinderzimmer, Kinderzimmer, Gästezimmer, und das kleine Zimmer mit dem großen Seitenraum als Schlafzimmer mit begehbarem Kleiderschrank für L. und mich. Bis zum Abend hatte ich mir die Fotos ungefähr achtmal angesehen. Es gab außer den vielen Zimmern auch zwei Balkone, eine große Veranda und einen Garten, den man mitbenutzen kann. Was heißt man, wir! Einen großen eigenen Keller und mehrere Kellergemeinschaftsräume gab es auch. Ich erzählte meiner Juniortexterin von der Wohnung, den Mädchen, meinen Eltern. Noch hatten wir sie nicht gesehen, und ich stellte mir alles schon fix und fertig vor. Unser Leben dort, wie schön es wäre, abends mit Kindern und Hund noch mal auf ein Feierabendbierchen an die Strandperle an der Elbe, das Kino um die Ecke, überhaupt alles um die Ecke. Hier sitzen wir in einem Haus, das immer schöner wird und uns immer mehr ans Herz wächst, aber hier ist nichts um die Ecke. Mein wöchentlicher Höhepunkt ist der Bummel mit Baby über den Wochenmarkt. Der Wochenmarkt wird von der höchsten Konzentration mieser Geschäfte in ganz Hamburg gesäumt. Hier gibt es einen Gold-Ankauf-Juwelier, einen miesen China-Imbiss, einen miesen Dönerladen, eine miese Eisdiele, mehrere Läden, deren Konzept mir nie klar geworden ist, unsägliche Kleidung zu unsäglichen Preisen, eine Parfümerie, die Reklametaschen aus Plastik zum Supersommerschlussverkauf für 30 Euro verkaufen will, einen Buchhandlung mit leeren Regalen und einem geistesgestörten Chef und zig “Wir bauen hier für sie um”-Leerstände, die wohl auch für immer leer bleiben werden. Wenn ich in der Stadt in die Ubahn steige und plötzlich feststelle, dass in meiner Nähe Menschen sitzen, die mir unangenehm sind - Leute, die irgend welchen Irrsinn vor sich hinbrabbeln, die sehr betrunken oder aggressiv oder beides sind - dann schließe ich jedes Mal eine kleine Wette mit mir ab, die ich immer gewinne: die fahren bis zur gleichen Haltestelle wie ich. Wie alle Hundebesitzer mache ich manchmal die Bekanntschaft anderer Hundebesitzer, und in diesem Stadtteil läuft das in 50% der Fälle so, dass man spätestens bei der dritten Unterhaltung feststellt, dass der andere leider ein Nazi ist, und dann hab ich den Salat, dass ich jetzt im Park von einem Nazi wie ein alter Freund und Gesinnungsgenosse begrüßt werde. Ottensen dagegen: nicht nur Parks und Feierabendbierchen und Restaurants und Kinos, sondern nette, leicht angeökte Nachbarn, die im Zweifel ihren etwas bullig wirkenden Hund nicht haben, um die Leute in Angst und Schrecken zu versetzen oder aus der Sehnsucht nach Macht heraus, sondern aus Mitleid, weil sie ihn aus irgend einer Tötungsstation retten wollten. Wie herrlich das wäre, irgendwo zu leben, wo man nicht erst eine längere Bahnfahrt hinter sich bringen muss, um wo zu sein! Wo man gleichzeitig zuhause UND wo sein kann! Ich dachte, sicher wird dieses Haus mir fehlen, aber das wäre es wert. Direkt um die Ecke wäre das Krankenhaus Altona, wohin wir für die nächsten Jahre ständig mit Würmchen II fahren müssen, um seinen Fuß zu therapieren! L. hat dem Besitzer der Wohnung geschrieben, dass wir sie uns sehr gerne mal ansehen würden.
Der Besitzer hat geantwortet, sie wäre schon so gut wie verkauft.
Jetzt fühle ich mich, als wären die Sommerferien abgesagt.

Kommentare:

  1. Ach Flora -

    mit Immobilien ist es wie mit Lotto und dem Kinderwunsch:

    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

    Lieben Gruß.

    J.

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  2. Naja, wenn Ihr wirklich 1,1 Mio zahlen könnt, sollte sich doch was finden lassen....

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  3. was sind das denn schon wieder für hämische kommentare?!?

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    1. Ok, klingt wirklich etwas hämisch, aber ich kann den Kommentar zum Teil auch nachvollziehen.
      Ich frag mich nämlich auch öfter, was andere Leute anders gemacht haben als wir (auch Doppelverdiener), dass sie sich eine Immobilie in Hamburg leisten können.
      Für uns wird das bei den Preisen ein für-immer-unerfüllter Traum bleiben, besonders in so hoher Quadratmeter-Zahl... Seuzf...
      Ich kann aber differenzieren: Also Flora, wenn du bis hierhin überhaupt weiterlesen solltest: meine eigene Verzweiflung kann euch trotzdem ein solches Glück gönnen und die nächste Gelegenheit kommt!

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    2. Naja, ein bißchen befremdlich finde ich den Post auch. Kommt irgendwie ungewohnt überheblich rüber wenn einer jammert, dass die Wohnung für 1,1, Mio. schon weg ist.

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    3. Hä? Was ist denn daran überheblich??? Erstens hat Flora nie einen Preis für die Wohnung genannt und zweitens hat sie nicht "gejammert" sondern nur geschrieben dass sie sehr enttäuscht ist dass die Wohnung schon verkauft ist. Das hier ist Floras Blog und die darf hier schreiben was sie will! Wenn jemand kein Interesse an Floras Leben hat einfach nicht mehr diesen Blog lesen. Ist doch ganz leicht, oder?

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  4. Träume, die nicht jetzt, aber vielleicht in der Zukunft in Erfüllung gehen, wertschätzt man umso mehr, wenn man vorher einen Traum verloren hat. Und nur wer Träume hat, Risiken eingeht, Sicherheiten aufgibt, macht die Tür den Spalt weit auf, dass das nötige Quentchen Glück eintreten und vielleicht ein Traum in Erfüllung gehen kann.

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  5. ich finde daran auch nichts überheblich und wenn die damen hier sofort auf recherche gehen, um den preis der wohnung herauszufinden, dann finde ich das schon seltsam. den preis aber dann öffentlich zu diskutieren ist in meinen augen schlechter stil. vor allem weil es einfach niemanden etwas angeht!

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  6. auweia, woher wisst ihr den Preis?
    Das ist ja mal der Oberknaller!
    Habt ihr nix besseres zu tun?
    Und wenn die Wohnung 5 Millionen kostet, geht es NIEMANDEN etwas an, ich denke da spricht der blanke NEID!
    Ich kann die Enttäuschung verstehen und drücke euch die Daumen, das ihr eine andere tolle Wohnung findet.

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  7. oh, das kann ich gut verstehen, das Sommerferien-abgesagt-Gefühl.
    Aber irgendwie hab ich was verpasst in den letzten Monaten, oder schon länger - war das Haus nicht mal Liebe auf den ersten (oder zumindest zweiten) Blick? Oder merkst du einfach nach und nach, dass das Vorstadtleben doch nix für dich ist?
    Ich drücke die Daumen, dass euch demnächst noch weitere tolle Wohnungen ins Auge fallen und ihr bald zum Zuge kommt in eurer Traumgegend!
    f.

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  8. Oh, wenn das mal nicht Liebe auf den ersten Blick ist. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Immobilien nicht von einem auf den anderen Tag verkauft werden, selbst wenn es schon andere Interessenten gibt, die ganz ganz sicher kaufen wollen. Es lohnt sich nett aber bestimmt noch mal nachzuhaken. Bei uns hat es zum Ziel geführt, wir haben die angeblich sicher vergebene Wohnung zwei Wochen später doch noch bekommen. Also nicht aufgeben.

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  9. Liebe Flora, ich schließe mich meiner Vorschreiberin an und drücke die Daumen, dass es doch noch klappt!
    Mensch, Mensch, jetzt verlasst ihr die Vorstadt wieder? Könnte bei uns auch passieren ...

    Zum Treffen: Ich wäre sehr gerne auch wieder dabei, komme bloß erst am 17. Oktober aus dem Urlaub zurück. Hoffentlich ist das Treffen erst danach!

    Viele liebe Grüße! N.

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