Freitag, 25. Mai 2012

Ich und mein Enttäuscht-Gesicht

Vor ein paar Monaten saßen L. und ich abends in Strickjacken vor dem knisternden Ofen. Vermutlich blubberte ein Gulasch auf dem Herd, draußen peitschte der Herbstregen an die Scheiben, und ein Windchen heulte ums Haus. Die Hand könnte ich zwar nicht dafür ins Feuer legen, dass das so war, aber so in die Richtung war es auf jeden Fall, und es hätte so sein können! Ohne Weiteres. Da klingelte L.s Telefon. Er ging ran, telefonierte, ich glotzte weiter den Krimi oder was auch immer, dann legte er auf und sagte: "E. ist schwanger." Und dann ist es passiert. Zum ersten Mal, zum allerersten Mal nach all der Zeit, habe ich nicht von Herzen gelächelt, die Mundwinkel nach oben verzogen und bin ihm jauchzend um den Hals gefallen. Ich bin auch nicht aufgestanden und habe angefangen, meinen Kopf an die Wand zu donnern oder mir mit dem Kartoffelschäler Wunden an den Unterarmen beizubringen. Ich habe einfach nur so dagesessen und vielleicht ein klitzekleines Bisschen in ironischer (!) Verzweiflung die Augen gerollt. Und dazu geschnauft. Und zwar nur deshalb, weil das eine Woche gewesen war, in der ich schon drei Schwangerschaftsmeldungen aus der unmittelbaren Umgebung bekommen hatte, und eine fünfte nach dieser vierten sollte noch folgen. L. war wütend und wollte wissen, was das Gesicht sollte. Ich war wütend und hab gefragt, was für ein Gesicht, und selbst, wenn da ein Gesicht war, dann hätte ich ja wohl das Recht, mal für fünf Sekunden mich zwar für andere zu freuen, aber trotzdem auch allmählich genervt zu sein, dass scheinbar der Rest der Welt... den Rest des Satzes muss ich glaube ich nicht vervollständigen, ihr wisst alle, wovon ich rede.

Jetzt spulen wir kurz vor: diese Woche Dienstag, ich sitze im Büro, L. ruft an. E.s Mann hat Geburtstag, wir sind eingeladen, gehen wir hin? Ich weiß noch nicht, ich kenne die meisten da nicht, und die sind zwar alle sehr nett, aber eine ziemlich in sich geschlossene Clique... außerdem wollte ich ein bisschen zur Ruhe kommen und hatte mir fest vorgenommen, den einen oder anderen Abend einfach mal mit Kräutertee auf dem Sofa zu verbringen und Zeitungen zu lesen, die sich nicht mit Prominenten beschäftigen. Also: "mal sehen." Daraufhin L.: "War ja klar, du bist eben eifersüchtig auf E.s Baby. Das warst du ja schon damals bei dem Anruf. Du MUSST auch nicht, wenn dir das zu arg wird."

Versteht hier eine, wieso mich das WAHNSINNIG macht?

Kommentare:

  1. Hey, schau mal: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1629318/Vergeblich-auf-ein-Baby-warten

    Euer Buch wird da auch empfohlen!
    Jungs sind eben manchmal...anders.....

    Schönen Abend!

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  2. ...und sowas von sowas von sowas von!!! Man will nicht klein und wellig und gelb werden im Gesicht, auch nicht verbittert oder zynisch, man freut sich ja auch - irgendwo - für jedes kleine Menschlein, was da in fremden Bäuchen heranwächst. ABER WARUM ZUM GEIER NICHT BEI UNS???

    Liebe Grüße, Emma.
    http://verdinkst.blogspot.de/

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  3. aber so dermaßen versteh ich das.....manchmal kann und will man diese art der frohen botschaften einfach nicht mehr hören...ist nicht nett, ist nicht großzügig, ist nicht erwachsen, gehört sich nicht, hätte man selbst gern anders....ist aber einfach manchmal so!

    gruß
    a

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  4. Verstehe Dich sehr gut.
    Und zum Punkt "sich-für-jemanden-anderen-freuen": Ich freu mich ganz unheimlich, sehr, sehr, sehr! - mit ganz warmem Gefühl im Bauch- für das Kind oder die Kinder, die einmal bei Euch beiden aufwachsen werden.
    So ein Glück muss man wirklich erstmal haben.

    Lieber Gruß von
    Jo

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  5. musste gerade schmunzeln...mein Mann hatte sich auch aufgeregt, weil ich mich nach anstrengender ICSI und FG nicht über die Schwangerschaftsnachricht unserer besten Freunde freuen konnte (die ein 10 Monate altes Kind haben und "einfach so ungeplant" jetzt ein Zweites bekommen) und nicht zu ihrem Geburtstag gehen wollte, weil da nur über das Babythema gesprochen wird...also ich kann dich sehr gut verstehen, dass dich das wahnsinnig macht :) Bin irgendwie aber erleichtert, dass nicht nur mein Mann ab und zu reagiert...

    Grüße Manu

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  6. liebe flora, bestimmt versteht nicht nur eine von uns was du meinst, ich würde wetten: alle verstehen es! ich wünschte ich könnt meinem mann auch nur im ansatz erklären, dass mich bei jeder neuen schwangerschafts+ ach ein wunder ist geschehen-nachricht einfach eine wut, eine enttäuschung udn eine trauer durchzuckt, das ist eben so nach den gemachten erfahrungen...aber wenn ich mir dann noch von ihm anhören darf: das ist jetzt aber ziemlich egoistisch von dir, dass du dich nicht für die anderen freust (ungefährt 2 sek nach der info, dann könnte ich ihn an die wand....hey ich freu mich später für die anderen o.k.? und außerdem hat es auche erstmal nix mit den adneren zu tun, sondern ganz allein mit mir und der situation..herrgottnochmal..versteh einr die männer..

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  7. Scheiße...! Gerade ,beim Lesen Deines Textes,war es wieder da - dieses Gefühl... irgendwo in der Magengegend,flau irgendwie aber doch so stark,dass man am liebsten sofort aufspringen,und jemanden anschreien ,oder befreiender noch ,eine reinhauen könnte!
    Um sich anschließend,wie ein tobsüchtiges Kleinkind auf den Boden zu werfen,im Kreis zu strampeln und wilde Flüche auszustoßen.

    Das Gefühl kennen nur Frauen,Flora.

    Ich habe mehr als einmal versucht ,dieses spezielle Muster, welches da in meinem Kopf abläuft verständlich zumachen - aber er versteht's einfach nicht.
    Da fehlt wohl eine bestimmte Verknüpfung.

    Habe auch immer strikt den Kontakt zu Schwangeren im Bekanntenkreis vermieden...
    Sobald aber die Kinder da sind ,ist es plötzlich kein Problem mehr.Das verstehe auch wer will...

    Kopf hoch Süße,Du bist doch auch bald an der Reihe!

    Ich denk an Dich.

    die Claudi

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    1. oh ja, das Gefühl kenne ich nur zu gut. Claudi, es ist perfekt beschrieben!
      Das es besser wird, wenn die Kinder da sind liegt glaub ich daran, dass die Mütter dann nicht mehr diesen glücklichen Schwangerenblick und den stolzen Bauch haben, sondern Mega- Augenringe und einen Schwabbelbauch.
      Aber es gibt auch Männer, die es verstehen (oder zumindest akzeptieren, obs meiner wirklich versteht weiß ich nicht....). Jedenfalls reagiert er immer verständnisvoll, wenn ich auf Schwangerschaftsmeldungen irgendwo zwischen "Blöde Kuh" und "wütend Blumentöpfe auf den Boden pfeffern, dazu aufstampfen und rumfluchen" reagiere.

      lg, fieselchen

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  8. Meine Therapeutin hat mir dazu nach der ersten Totgeburt (hallo, hier bin ich wieder), dass ich mich überhaupt nicht freuen muss, wenn andere etwas bekommen, was ich auch wollte und nicht bekommen habe, und das hat uns (mir UND meinem Mann) sehr gut getan und es ist mir viel besser gegange damit, mich einfach nicht zu freuen.
    Ich verstehe dich jetzt aber auch so, dass es dich nervt, dass alles auf den Kinderwunsch zurückgeführt wird, auch wenn es in Wirklichkeit um Zeitlesen und Kamillentee auf dem Sofa geht. Ja, das Stigma wird man leider nicht mehr los, bei uns war es dann eher der Rest der Welt, der uns In diese
    Schublade gesteckt hat.
    Mach nur mit, was dir gut tut, und wenn dir nach Sofa ist, dann bleib zu Hause, egal, was L. oder sonst wer denkt.

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  9. Genau, es geht um das Stigma und das Gefühl nix mehr zu machen können ohne die hypersensible Gans mit unerfüllten Kinderwunsch zu sein...
    Egal, ob man einfach "nur so" einen schlechten Tag hat und das Sofa quälen will (ja, diese Tage gab es auch VOR dem Kinderwunsch, da bin ich mir sicher...) und es erst mal nix mit dem dicken Bauch der Gastgeberin zu tun hat.
    Tu was Dir gut tut.

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