Donnerstag, 7. Juni 2012

Fünf Tests für ein Baby

Wie schon mein ganzes Leben lang an Weihnachten, Präsentationstagen und dem Morgen vor Adoptionsbewerbungsgesprächen bin ich ungefähr zwei Stunden früher glockenwach, als ich es eigentlich sein müsste. Jemand, den die Schlummerfunktion seines Weckers eines Tages seine berufliche Existenz kosten wird, hat heute um Viertel vor sechs seine Schilddrüsentablette genommen und darf deshalb jetzt schon bei Earl Grey mit Milch sitzen und tippen. Und ja, wir sollen eigentlich die ganze Kinderwunschbehandlung hinter uns gelassen haben, aber wenn ich mich so erinnere, dann hat das hier doch eine Menge Gemeinsamkeiten: fünf Gespräche, bis wir irgendwann in die Kartei aufgenommen oder abgelehnt werden - das ist ein bisschen wie erster Ultraschall und Blutuntersuchung, wie weit der Zyklus ist, dann zweite Blutuntersuchung und zweiter Ultraschall mit Blick auf Eibläschen, dann dritter kurz vor Punktion, dann Punktion, dann Anruf im Labor, wie es den Gören geht, dann Rückübertragung, dann Test, dann noch mal Test, dann wieder Test, dann irgendwann Herztonultraschall... Abkürzungsdamen, ich finde, diesmal, wo mir meine Eileiter, meine kapriziöse bis schrullige Gebärmutter und meine hormonelle Ausstattung mal nicht reinpfuschen können, sollte doch alles klappen?

Irgendwo da draußen, vielleicht in Afrika, vielleicht in Hamburg-Billstedt, sitzt gerade eine mir fremde Frau und kaut an den Nägeln, weil mittlerweile - nach drei Monaten gänzlich ohne Periode - wohl nicht mehr abzustreiten ist, dass Nachwuchs kommt. Vielleicht ist sie völlig verzweifelt, weil sie schon nicht weiß, wie sie ihre anderen sechs Kinder durchkriegen soll. Vielleicht hat sie schon ein paar Mal darüber nachgedacht, sich umzubringen. Vielleicht hat sie keine Ahnung, wer von diesen ganzen Kapalken der Vater ist. Oder sie hasst ihn mehr als irgend einen anderen Menschen auf der Welt, weil er sie vergewaltigt hat und ihr Leben in einen Albtraum aus Gewalt, Paranoia und Zwang verwandelt. Oder sie ist so vollkommen neben der Spur und aus der Zeit gefallen, dass sie auch im fünften Monat noch nicht versteht, dass sie schwanger ist, und sie schießt sich immer noch täglich fluchend in eine Hose, die sie fast in zwei Hälften teilt. Vielleicht ist sie auch noch viel zu jung, um zu verstehen, was passiert ist und was - au Backe - demnächst noch passieren wird, davon wollen wir gar nicht reden. Vielleicht trägt sie auch neuerdings statt bauchfrei in Größe 36 luftige Hängerchen in Größe 42, und ihre Mutter fragt sich, wieso sie sich plötzlich im Bad einschließt und nicht mit den Strandurlaub will, während sie an nichts anderes mehr denken kann als daran, dass das hoffentlich niemand merkt, das, was doch täglich lauter und deutlicher danach schreit, bemerkt zu werden. Vielleicht ist es auch so ganz anders, sie hat eine pro- und contra-Liste gemacht und denkt gerade "Nee nee, jetzt ein Balg, und dann auch noch von diesem Kapalken, das lassen wir mal", kann sich aber andererseits auch irgendwie nicht lang genug vom Sofa aufraffen, um sich um eine Abtreibung zu kümmern.
Und vielleicht gibt es in der Familie dieser Frau eine alte Tante, die mit dem Kopf wackelt und ungefragt Ratschläge verteilt, wie z.B. diesen: "Jaja, hat doch auch alles sein Gutes, jaja, wirst schon sehen, wirst schon sehen."

Da kann ich ihr nur herzlich beipflichten.

Kommentare:

  1. Viel Glück!
    Würde mich dann später über den Bericht freuen, wie es gelaufen ist!

    *Daumendrück
    Feli

    AntwortenLöschen
  2. Hallöle,
    das hast du schön geschrieben.
    Mich wundert es doch immer, dass wir in Deutschland so weit entfernt sind und du mir aus der Seele schreibst. Was mich auch wundert, dass alle Jugendämter da anders Verfahren. Die einen brauchen Monate und Tests und Kurse und die anderen nur Gespräche, einige sehr ausführliche Fragebögen und andere gar keine :/ Ich hoffe nur, dass alle am Schluss zufrieden ein gesundes Kind auf den Armen halten.

    AntwortenLöschen
  3. hallo,
    ich drücke wirklich die daumen das alles gut läuft. aber wenn ich lese "...Nee nee, jetzt ein Balg, und dann auch noch von diesem Kapalken, das lassen wir mal", kann sich aber andererseits auch irgendwie nicht lang genug vom Sofa aufraffen, um sich um eine Abtreibung zu kümmern... " dann finde ich das schon sehr,sagen wir mal, flapsig geschrieben. der schritt, ein kind zur adoption frei zu geben ist meiner meinung nach ungeheuer mutig, stark und garantiert eine sehr schwere entscheidung für eine frau. die wenigsten werden zu faul sein um sich um eine abtreibung zu kümmern. ich ziehe meinen hut vor jeder frau, die sich dafür entscheidet, denn sie möchte offensichtlich das beste für ihr kind. etwas, das sie vielleicht nicht bieten kann. da kann man doch mit etwas mehr respekt drüber schreiben, oder? nix für ungut! gruß, murphy

    AntwortenLöschen