Mittwoch, 25. April 2012

Blau ist das neue rosa

Irgendwann vor zwei Wochen ist L. der Faden gerissen, er hat sich einen Kuli genommen und den Fragebogen zur Adoption ausgefüllt. Und als ich abends von der Arbeit kam und mich durch die ca. acht Seiten Umweltpapier geblättert habe, habe ich überrascht gesehen, dass er angekreuzt hatte: Mädchen oder Junge. Gerne auch Geschwister. Gerne auch Zwillinge. Ich war begeistert. Bis vor ein paar Monaten hat L. immer gesagt, er hätte lieber ein Mädchen. Ich hätte im Zweifel - angenommen ich hätte es selbst zur Welt gebracht - auch einen leichten Ausschlag in Richtung Mädchen gespürt. Aber auch über einen Jungen hätte ich mich dämlich gefreut. Ein Grund dafür ist der, dass ich mir sicher bin, Jungs - und Männer - haben es immer noch um Längen leichter in der Welt. Mag ja sein, dass sie mit Spinnenphobie nicht durchkommen und wie selbstverständlich für flüchtige weibliche Bekannte dauernd Waschmaschinen in den vierten Stock buckeln sollen, aber das wiegt längst nicht so schwer wie ein Leben, in dem man bis 30 so gut wie ausschließlich Fehler machen kann und danach sowieso alles falsch macht. Ich weiß, es gibt auch Männer, die voller Selbstzweifel sind, die sich ständig fragen, ob sie nicht zu dick sind, die ihr Selbstwertgefühl ausschließlich daran festmachen, ob Frauen sie attraktiv finden oder die im Zweifel grundsätzlich für alles bei sich selbst die Schuld suchen. Ich habe bisher noch nicht viele davon getroffen. Ich sage nicht, dass ich jetzt, heute, schwuppdiwupp lieber ein Mann wäre, ich habe auch nicht das Gefühl, im falschen Körper zur Welt gekommen zu sein. Um nichts in der Welt wollte ich das Leben aufgeben, das ich gerade führe. Aber trotzdem bin ich sicher: wer als Mann geboren wird, ist besser dran, und das längst nicht nur wegen dieses fürchterlich ungerechten Grundes, dass ich notfalls auch mit 60 noch ein Kind bekommen könnte und wegen mehr Geld für die gleiche Arbeit. Ich kenne einen Mann, der ist das schlimmste Beispiel für das, was ich meine. Dieser Mann ist über 60, hat ein Froschgesicht und wiegt schätzungsweise 190 Kilo. Wo er geht, bebt das Parkett. Egal, um welches Thema es geht, er ist der Experte, und wenn er den Mund einmal geöffnet hat, macht er ihn so schnell nicht wieder zu. In dem Schneckentempo, das nur extrem selbstbewusste Redner durchhalten können, salbadert er und palavert und hält zehnminütige Monologe über seine Sicht der Dinge, die so langweilig, so fehlinformiert, so humorlos und so unnötig sind, dass mich jedes mal die nackte Verzweiflung packt. Denn niemand unterbricht ihn. Jemals! Seit 40 Jahren ist er erfolgreich im Beruf (wobei die eigentliche Arbeit ein Rudel korrekter, fähiger und verhuschter Sekretärinnen macht) und weiß alles besser. Verzweifelt bin ich darüber deshalb, weil ich ihn nicht sehen und hören kann, ohne denken zu müssen: lass das mal einer Frau passieren. Eine Frau, die so aussieht und die solchen Unfug redet, die würde keinen Fuß auf den Boden kriegen. Niemals. Ich weiß auch nicht, in wie vielen Jobmeetings ich schon das gleiche dachte. Wer gibt denen eigentlich das Recht, ständig jedem ins Wort zu fallen? Wer sagt denen dauernd, dass sie grundsätzlich alles können, was sie wollen? Ihre Mütter? Ihre Freundinnen? Sie sich selbst? Männer können so intrigant, faul, doof, geschwätzig, illoyal, einfallslos und peinlich selbstverliebt sein wie sie wollen. Die dürfen das. Wir dürfen das nicht. Und dann sitzt da heute morgen dieser Typ in der Ubahn, Glatze, Schnapsnase, Wampe, und erzählt seinem Freund, er wäre ja der Meinung, bei GNTM wären diesmal aber echt ein paar dabei, die wären zu fett, wenn sie ihn fragen. Und dann ist mir kotzübel geworden, und bevor ich es ins Klo spucke, spucke ich es lieber in den Blog. Kleine Nelly, ich freu mir einen Ast, wenn wir dich erst auf dem Arm halten. Alles halb so schlimm. Mutti hat einfach nur einen dieser Tage. Irgendwann zeigen wir's ihnen, Du und ich. Und dein kleiner Bruder.

Kommentare:

  1. Das ist ein super Beitrag, Flora! Riesen Applaus. Wie recht Du hast...

    Allerdings brauchen wir gerade Frauen wie uns als Jungsmamas. Stell Dir mal vor, wie dankbar uns die nächste Frauengeneratin ist, wenn wir sensible, humorvolle und selbstkritische Männer groß ziehen!

    Habe ich erst gestern zu einer Freundin gesagt, die traurig vom US nach Hause kam, weil sie sich sehnlichst ein Mädchen wünschte.

    Liebe Grüße
    Feli

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  2. Tut mir leid, vielleicht ist mein Kommentar etwas hormongeschwängert, da ich derzeit hochschwanger durch die Gegend watschel und auf den Start warte.

    Aber ehrlich gesagt, verärgert mich dein Text ein wenig.
    Wenn man sich so sehnlichst ein Kind wünscht, wie kann man dann noch Präferenzen für das Geschlecht haben? Bzw. stolz darauf sein, dass der Partner sogar einen Jungen oder gar Zwillinge in Kauf nehmen würde?!?!
    Es wird dich vielleicht überraschen, aber wenn es auf dem natürlichen Weg funktioniert, dann muss man diese schreckliche Bürde auch auf sich nehmen!

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    1. Mutter Hoffnung,
      schön für Dich, dass Du hochschwanger durch die Gegend watschelst und uns das auch noch schön unter die Nase reiben musst.
      Aber bitte lass doch unfruchtbaren Frauen wie uns unsere humoristische Beiträge und Träume. Dass im Leben nicht alles auf Bestellung funktioniert weiß leider niemand besser als wir, dass musst Du uns nicht noch erklären...

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  3. Liebe MutterNatur,

    ich glaube Du hast da was in den falschen Hals bekommen. Hier geht es nicht um Präferenzen sondern um Gedanken, Träume und Wünsche. Auch eine "ungewollt Kinderlose" (wie ich auch) darf einmal so ordinäre Gedanken haben und sich überlegen was sie schöner fände, Bub oder Mädchen oder gar Zwillinge, so wie all die glücklichen Paare auch die wie selbstverständlich nach kürzester Zeit ein Baby im Arm halten dürfen. Von daher ärgert mich Dein Text ein wenig, vor allem der letzte Satz. Der tut sogar mir weh die gerade wieder ein "negativ" kassiert hat!
    Lies auch einmal zwischen den Zeilen...

    @Flora: Super Text! :-)

    Liebe Grüße!

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  4. Korrektur:
    Liebe MutterHoffnng (?) meinte ich natürlich ;-)

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  5. Liebe Mutternatur, da hast Du in der Tat etwas in den falschen Hals bekommen. Denn dieser Text handelt davon, dass ich zwar eigentlich immer ein Mädchen wollte - und ich glaube, wenn wir ehrlich sind, haben viele von uns einen Tick in die eine oder andere Richtung, und das bedeutet nicht, dass wir "enttäuscht" sind oder sonstwas, wenn es das andere wird - wo war ich? Der Text handelt davon, dass ich inzwischen (genau wie L.) davon ab bin, mir das eine oder andere zu wünschen. Jungs haben es leichter im Leben, das ist meine feste Meinung, und Mädchen... ich hab eben ein Herz für Mädchen. Wobei ich auch eins für Jungs habe, ganz bestimmt. In meiner Nähe gibt es gerade viele kleine Jungs, und ich würde jeden einzelnen davon mit Kusshand nehmen. So. Und jetzt hoffe ich, das ist klar geworden... ich weiß, ich schreibe manchmal ein bisschen um den heißen Brei herum, aber das passiert wohl, wenn man jahrelang fast täglich irgendwas zu Papier bringen will - wäre immer alles gleich astrein und klar, dann wäre nach zwei Wochen Schluss gewesen hier. Herzlichst, Flora

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  6. Und noch ein weiteres "davon abgesehen": wenn man einen Adoptionsfragebogen ausfüllt, muss man sich entscheiden, ob man Mädchen, Jungen oder Mädchen oder Jungen will. Es geht hier nicht um "Wunschkonzert" oder dergleichen, sondern darum, dass das Amt so genau wie möglich wissen will, welches Kind zu welchen Eltern passt - und da spielen die Wünsche der Eltern eben auch eine Rolle. So kommt es, dass wir uns in den letzten Wochen vielleicht intensiver als Nicht-Abkürzungs-Eltern mit dem Thema auseinandersetzen mussten, was wir wollen. Und damit jetzt auch genug dazu.

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  7. Liebe Flora,

    ich suche verzweifelt den "Gefällt mir" Button u.a. für den kommentierten Eintrag!

    Dein Blog bringt mich zum nachdenken, zum lachen, zum traurig sein und dann doch wieder ins Leben zurück!

    Ich danke Dir von Herzen!

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  8. Ich habe mir immer eine Tochter vorgestellt. Und selbst nach 11 Kinderwunschbehandlungen, 2 Fehlgeburten und vielen Negativs hat sich dieses Bild vom kleinen Wuschelköpfchen mit rosa Röckchen nie verabschiedet. Auch Frauen (und Männer) mit unerfülltem Kinderwunsch dürfen Träume und Vorstellungen haben, was die Nachkommenschaft anbelangt. Wie bei allen anderen heisst das doch nicht, dass man sich am Ende nicht freut, wenn es andersrum rauskommt. Bei uns: vor nicht allzulanger Zeit kam bei uns der Anruf, dass ein kleiner Junge auf uns warte. WAS?! Keine Rüschen, Zöpfchen, Sommerkleidchen? ... unsere Freude an diesem jungen Mann könnte nicht grösser sein! Schöner Beitrag, Flora und alles Gute mit dem Abenteuer Adoption!

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