Mittwoch, 11. April 2012

Kein Pony für dieses Mädchen

Viele, viele Jahre und viele, viele Friseurtermine über spielte sich die folgende Szene wieder und wieder ab:

ich: "Ähm, ich hatte mir überlegt, wie wär's mal mit einem Pony?"
Friseur: "Würde ich von abraten."
ich: "ich dachte auch nicht so einen doofen oder geometrischen oder kurzen, sondern einen dicken, weichen?"
Friseur: "mit Nachdruck."
ich: "ich hab hier mal ein Foto..."
Friseur: "Seh ich nicht."
ich: "So ähnlich? Ich meine, das will ich schon so lange mal, sollte ich das nicht einfach mal ausprobieren?"
Friseur: "Non. Njet. Not."

Und das war es dann jedes Mal. Egal ob Duzfriseur oder Siezfriseur, Vollbartfriseur oder Nagelstudionägelfriseuse, alle haben den Kopf geschüttelt und mir erklärt, dass ein Pony mit meinen Haaren (lockig, störrisch und komplett unberechenbar), meiner Kopfform (groß. rund.) und meinem Stylingverhalten (nicht vorhanden, das letzte Mal, das ich gezielt ein Stylingprodukt eingesetzt habe, war zum Kinderfasching 1983 in der Dorfgemeinschaftshalle, als ich als kleiner Vampir ging; geföhnt wird mit Fahrtwind) eine absolute Kackidee ist und ich es bitter bereuen würde, wenn ich es trotzdem täte.

Dann zog ich zu L. und damit in Laufentfernung des Salons "Gute Köpfe". Dort demonstrieren ca. zwanzig Friseurinnen täglich, was an anderen Friseuren sie grundsätzlich erst mal scheiße finden: Termine. Dauerwellen. Nagelstudionägel. Siezen. Und weil ich erstens das Gefühl von Nagelstudionägeln auf meiner Kopfhaut hasse, zweitens in unmittelbarer Vergangenheit wegen eines aus dem Ruder gelaufenen Jobs drei Friseurtermine platzen lassen und trotzdem bezahlen musste und drittens dachte, wieso denn nicht, und wenn die jetzt für 18 Euro Quatsch schneiden, dann gehst du nächste Woche in der Mittagspause zu Peter Polzer oder lässt es rauswachsenm saß ich schwups wieder vor einem Spiegel, gehüllt in einen Polyesterumhang.

ich: "Ähm, ich hatte mir überlegt, wie wär's mal mit einem Pony?"
Piercingmädchen: "Jo."
ich (fassungslos): "ich hab hier auch ein Foto... so?"
Piercingmädchen: "Yep."
ich (sicherheitshalber): "ich mein, das ist also überhaupt kein Problem? Mit meinen Haaren? Oder meiner Kopfform? Oder meinem nicht vorhandenen Stylingverhalten?"
Piercingmädchen: "Nö."

Ca. fünf Minuten später hatte ich einen Pony und war begeistert. So begeistert, dass ich zuhause sofort ca. fünfzig selbstverliebte Portraits mit dem Fotofix-Programm auf dem Rechner machte und ein paar davon an die Mädchen mailte, die ebenfalls begeistert waren. Dann habe ich mir die Haare gewaschen. Und seitdem gibt es eigentlich keinen Anlass mehr, mich zu fotografieren. Es sieht grauenvoll aus. Und seit mittlerweile fast zwei Jahren warte ich darauf, dass dieser Mist endlich rauswächst. Auch Peter Polzer kann da nichts machen, wie auch? Pony-Extensions? Das einzige, was hilft, ist, eine Mütze aufzusetzen. In meiner Not habe ich sogar schon versucht, es doch mal mit einem Stylingprodukt zu probieren. Davon habe ich inzwischen sieben, eins immer nutzloser als das andere. Mein Pony fällt nicht weich bis zu meinen Augen und verschleiert geheimnisvoll meinen Blick. Teile von ihm zeigen nach oben, andere pieksen mir in die Augen oder verschleiern mir den Blick auf rote Ampeln. Am schlimmsten ist es immer am zweiten Tag, dem Tag vor der Haarwäsche, dem Tag mit dem Pferdeschwanz. Dann habe ich das Gefussel nämlich vorne und hinten im Genick. (Lockenbesitzerinnen wissen, wovon ich rede.) Es ist, als wäre mein ganzer Kopf unscharf. Ich weiß, dass ich ein Fusselhirn bin, aber das soll man doch nicht sehen!
Was habe ich daraus gelernt (falls überhaupt)?
Manchmal soll man auf die Experten hören.
Und: vielleicht sind Ponys wirklich nicht für jedes Mädchen eine gute Idee. Zum Beispiel für dieses hier.

Zum Glück sieht das mit einem Baby anders aus. Mein Adoptionstext ist fertig. Und die härteste Tür der Stadt für meine Texte (findet er grundsätzlich zu geschwätzig, zu lang, zu mädchenhaft, zu... naja), L., findet ihn gut.
Uff. Das war hart. Eine schwere Geburt, sozusagen.

Kommentare:

  1. :D
    Ich sehe mit Pony aus wie, sagen wir mal, "Ludmilla" ;-)
    Aber ausprobieren musste ich das auch...

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  2. ich habe mir letztes jahr im februar die haare raspelkurz schneiden lassen, weil mir der haarschnitt von emma watson nicht mehr aus dem kopf ging. erstmal musste ich mich dran gewöhnen und ganz besonders an die kalten ohren (vorher war mein straßenköterblondes haar etwa schulterlan, also ohren immer schön warm eingepackt). dann ging es mir auf die nerven, ich wollte wieder mehr weiblichkeit.
    jetzt hab ich so ne mittellänge zwischen raspelkurz und schulterlang. und eigenlich möchte ich sie wieder länger... aber kalte ohren sind im sommer eher unwahrscheinlich, oder? ;)

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  3. das mit dem pony kenne ich. nachdem meine mädels an einem weinseligen abend im chor pony!pony!pony! skandiert haben, habe ich nicht lange gefackelt und mir selbst einen geschnitten. danach sah ich wirklich aus wie ein pony. oder wie joey ramone. mein beileid!
    lg, murphy

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  4. Ich sah mal aus wie die kleine Schwester von Spock. Nicht schön, aber inzwischen zum Glück rausgewachsen.
    Habe auch verflixte Wirbel und werde wohl nie mehr Pony tragen.

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  5. Ui, der Text würde mich sehr interessieren. So gut, wie du schreiben kannst und so hart, wie L. kritisiert muss das ja der heilige Gral aller Adoptionsbewerbungstexte sein!
    Solltet ihr also jemals euer Baby in den Armen halten, könntest du deinen Text hier dann nachträglich veröffentlichen? Für uns, die wir nicht schreiben können?
    Liebe Grüße, snow

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  6. So....ich kann nicht mehr anders... bisher hab ich mich als stille Mitleserin durch dein Buch und dein Block geschlichen...ich die immer noch glaubt, dass der liebe sonstwer sie irgendwie vergessen haben muss, als es darum ging mich im Alter zwischen 32 und... mit einem Baby zu segnen.Und dann habe ich dein Buch in die Hände bekommen und gesehen, da wurden ja noch mehr vergessen und dafür schon mal Danke, dass du die Worte findest...und jetzt auch noch das!!! Kein Pony für dieses Mädchen, aber eine Flora die mir zeigt, ich bin doch nicht so bekloppt unter meinem Pony...der übrigens jeden Morgen so aussieht, als wäre ich Kim Wilds kleine Schwester und die 80er ganz aktuell. Danke und leider geil... deine Geschichte mit dem Pony.

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  7. Haha, du schreibst mir aus dem Herzen! Nach Jahren des Zögerns und Zauderns habe ich mich trotz lockiger Haare für einen Vollpony entschieden und war damit auch superhappy - bis zwei Wochen nach dem Frisörbesuch.

    Da fingen die Ponyhaare plötzlich an, sich rechts und links nach außen zu drehen, sodass ich aussah, als hätte ich zwei Hörner.

    Ein eNotfalltermin beim Frisör brachte das wieder in Ordnung, aber 14 Tage später ging das Spiel von vorne los. Glätteisen, Stylingprodukte, öfter waschen, weniger waschen ... alles für die Katz!

    Da es mir aber zu stressig ist, alle zwei Wochen zum Frisör zu gehen, lasse ich ihn jetzt rauswachsen ...

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