Mittwoch, 25. Juli 2012

Angst vor der Angst

Bisher hatte ich Glück, wenn andere Glück hatten. Bisher war es noch selten so, dass ich gehört habe, jemand ist schwanger, und es ging mir durch und durch und ich musste dann auch unter irgend einem Vorwand das Gespräch beenden, gehen oder auflegen. Bisher kam die Freude immer so schnell und ohne sie herbeizuwünschen, dass es mir fast schon unheimlich war. Es gab immer mal kleine fiese Stellen, ja, aber keine davon war so schrecklich, dass ich gezwungen war, einen Bogen um die Person zu machen, die da freudestrahlend ihre Ultraschallfotos zeigte oder über ihren Bauch und ihre Füße jammerte. Und ich war immer froh, dass ich diesen Kampf nicht kämpfen muss und vielleicht noch ein bisschen Zeit habe, bis ich ernsthaft in Gefahr gerate, Dinge zu tun und zu sagen, für die ich mich in guten Momenten schäme und die mir leid tun. Dass mein großer Kinderwunsch eine hässliche, missgünstige kleine Schwester kriegt, die es nicht erträgt, dass andere Leute unverschämterweise schwanger werden und bleiben und dann eben irgendwann mit einem rosigen, geräuschvollen Paketchen durch die Gegend schaukeln.

Manchmal habe ich Angst, dass dieses Glück mich im Stich lässt. Ich hatte Momente nachts zwischen zwei und vier, wenn ich nicht schlafen konnte und mir plötzlich kalt ums Hirn wurde, da dachte ich: was, wenn Person X mich nächste Woche anruft und ist schwanger? Nein, das passiert nicht. Aber was, wenn doch? Oder Person Y? Kriege ich das hin? Wieso denke ich gerade bei X oder Y so drüber nach? Hab ich sie noch alle? Werde ich lügen müssen, um mich zu freuen? Werde ich dann seltsamerweise monatelang nicht mehr auf Emails reagieren oder anrufen? Wieso komme ich überhaupt darauf, dass es so sein könnte, so war es doch noch nie?

Jetzt wird aber geschlafen.

Aber was, wenn...

Geschlafen sage ich.

Aber das könnte doch sein! Um ehrlich zu sein, wollen wir doch alle hoffen, dass es irgendwann passiert, oder?

Jajajajaja.
Wenn es passiert, dann sehen wir... (o Gott. Gerade habe ich das Gefühl, hier postet Gollum in einem seiner einsam-zweisamen Momente. "Böse Hobitse, lieber Meister, Gollum, Gollum." Und ich hab noch nicht mal Hormone als Entschuldigung. Das ist ja schrecklich! Aber sehen wir der Wahrheit weiter mutig ins Auge:)

... dann sehen wir, wollte ich sagen, wie es uns geht. Nur nicht im Voraus verzweifelt oder neidisch sein. Damit ging es doch bisher ganz gut. Ziemlich gut sogar.

Aber was, wenn irgendwann nicht mehr?

Kommentare:

  1. Ich hatte immer sehr grosse Angst vor dem Moment in dem meine beste Freundin mir die frohe Nachricht verkünden würde. Und .. naaaa.. Es ist passiert. Das bittere daran war das ich ihr kurz zuvor meine Geschichte erzählt habe, nach ich es nach einer Fg einfach mal loswerden musste. Darauf hin haben sie dann gleich losgelegt, da es ja eeewig dauern kann. Geklappt hat es im 1 ÜZ (natürlich). Im ersten Moment hab ich mich sehr gefreut, zuhause dann sehr geweint. Mittlerweile freu ich mich wieder. Sie kann nichts für mein Unglück und hat es genauso verdient! Nur ganz manchmal, in der Nacht, zwischen zwei und vier, frag ich mich warum sie und nicht zuerst endlich verdammt noch mal ich???

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  2. Das Gefühl kenne ich auch soooo gut. Wir versuchen es seit vier Jahren, erst drei Jahre "so" (das übliche Blabla und Ausflüchte: Bedingt durch Umzug und Jobwechsel zuviel Stress, da kann man ja nicht schwanger werden :-)) Inzwischen sind wir im Kinderwunschzentrum, haben drei Inseminationen und eine Fehlgeburt hinter uns und starten im August drei neue Versuche. In den ersten, ich nenne sie mal "diagnoselosen" Monaten gab es auch immer diesen kleinen Stich, wenn Jemand schwanger wurde. Aber grundsätzlich freute ich mich und dachte: Hey, die nächsten sind wird. Dann kam die Zeit, in der ich quasi sobald nur die Andeutung kam, dass XY schwanger sein KÖNNTE, in Tränen ausbrach und alles soooo schrecklich ungerecht fand ("Alle, wirklich alle werden Eltern, nur wir nicht!" - Dass das nicht so ist, wissen wir ja im Grunde unseres Herzens ja auch). Mit Beginn der Behandlung ging es dann wieder. Dann wurde meine Schwägerin mit 41 und zwei Teeniekindern schwanger - so ganz nah in direkter Verwandtschaft, das war/ist schwer, da kriege ich die hässlich missgünstige Kinderwunschschwester nur mit Mühe in ihr Zimmer gesperrt... Also ein Auf und Ab, Tagesformabhängig und manchmal schießt die Traurigkeit halt aus dem Nichts - nachts zwischen zwei und vier.

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  3. Liebe Flora,
    ich habe das gerade alles auch erlebt und bin jetzt nach langer langer zeit langsam auf dem aufsteigenden ast... ich kann mich nach wie vor nicht wirklich "freuen". ich bin traurig, verzweifelt, neidisch, wütend. ich kann bäuche nicht sehen und ich kann babys nicht. es ist ein so tiefer schmerz, dass ich sofort weinen könnte. ich kann mit kindern nicht normal umgehen, ich bin verklemmt, gehemmt, krampfig. ich will das auch, ich will ein baby! ich habe mich lange verurteilt dafür, freundinnen gemieden und mich verstellt. irgendwann habe ich den schmerz zugelassen und es wird "besser". das gefühl ist etwas wattierter und ich sehe die dinge, die ich habe und die gut so sind. das nimmt etwas den stress, die panik und diese fürchterliche unruhe die ich jahrelang hatte. aber es dauert und es ist ein prozess, ein heilungsprozess. ich wünsche dir, dass dir das nicht so zusetzt. von herzen!

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  4. Weil du nicht der Typ dazu bist! Weil du ein toller Mensch bist, ein liebes Wesen hast und genug Charakter und Stärke besitzt, um nicht in Missgunst, Neid und Wut zu verfallen. Weil du so ziemlich der stärkste Mensch bist, den ich mir vorstellen kann und weil das nicht einfach irgendwann mal aufhört und sich komplett ändert. Weil du Herz hast, und Hirn und Rückgrat.

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  5. Hallo Flora, ich will mal was sagen, was zu Deinem gestrigen Beitrag vielleicht besser passt, egal. Und vielleicht passt es auch überhaupt nicht. Egal.
    DANKE. Danke, dass es Dich gibt, dass es diesen Blog gibt mit dieser Kommentarfunktion und der Stammtisch-Idee. Ich gehöre zum Berliner Stammtisch, der sich seit letztem Dezember regelmäßig trifft. Und nun ist es passiert: wir haben die erste Geburt zu verkünden! Unsere liebe Marla hat am Mittwoch Zwillinge bekommen, nach sooo vielen Versuchen. Wir alle freuen uns mit ihr und gönnen es ihr von Herzen. Sie blieb trotz Schwangerschaft bei uns, machte uns Mut, als wir unser Negativs kassierten. Sie war und ist unsere "Hoffnung" in Person. ich bin so dankbar, dass es diesen Stammtisch gibt. Jede einzelne Person dort ist mir sehr ans Herz gewachsen und ich will mir nicht vorstellen, wie es mir ohne die Mädels ginge.
    Also, liebe Flora, weiter so!
    Juli

    Und dass mit dem Laufen finde ich super. :0)

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    1. Liebe Juli, DANKE. das hast du mal wieder wunderbar treffend gesagt. Mit FREUDE-Pipi in den Augen ...Die Berliner Stammtisch Steffi Pfeffi

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  6. ...Angst vor DER Angst! War bis jetzt auch vor dieser Angst verschont, doch jetzt wo wir, wie ihr, wohl einen "anderen" Weg einschlagen müssen... jetzt bin ich nicht mehr so cool!

    Klar warte auch ich, das A-Hörnchen und B-Hörnchen bald ihre Schwangerschaften verkünden...Vorahnung? Der Wunsch darauf gefasst zu sein? Keine Ahnung! Aber meist ist es, sollte es so kommen, doch ganz anders als vorgestellt. Also atme ich ein und und wieder aus und hoffe, dass mich diese tollen Neuigkeiten erwischen, wenn ich in guter Verfassung bin! Und das wünsch ich Dir auch!

    Gruß Karo

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  7. Ich glaube, dass die Angst kommt, wenn man merkt dass es endgültig nichts werden könnte und man dies als mögliche Alternative in Betracht zieht. Es ist Teil des Prozesses und ich denke wenn man sie nicht hat, wäre es unnormal. Nachts um die von dir genannte Uhrzeit kommt es dann hoch.

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