Dienstag, 10. September 2013

Einige weitere Beobachtungen einer ehemaligen Abkürzungsdame in ungeordneter Reihenfolge.

1. Diese komischen schrägen Dinger, die an der Öffnung der Pre-Milch-Packung angebracht sind, die sind dazu da, den Löffel daran abzustreifen und damit zu einem gestrichenen Löffel wie verlangt zu machen. Man braucht also kein Messer oben auf die Packung zu legen, von dem dann den ganzen Tag Milchpulver in die Küche rieselt und sich in jede Ritze (unter die Kante des Herdes, in den alten Bierkrug, in dem ich die Messer aufbewahre, auf die Bratkartoffeln daneben) klebt. Schön, dass ich das schon nach sechs Wochen gemerkt habe.

2. Anfangs war es für mein Selbstwertgefühl ein brutaler Tiefschlag, plötzlich auf Mutterschutzgeld angewiesen zu sein, statt tüchtig in die Welt hinauszuziehen und es gefälligst selbst zu verdienen. Aber das legt sich. Ziemlich schnell sogar.

3. Man darf als junge Mutter so viel und so heftig über seine Kinder meckern, wie man nur mag. Hauptsache ist scheinbar, das Gemecker endet in Dur. Also nach dem Schema: "Manchmal könnte ich die Kleinen umbringen, mein Leben erscheint mir wie ein dampfender Misthaufen, ich hab mich noch nie so angeschmiert und einsam und wertlos gefühlt, Kinder zu kriegen, war die größte Scheißidee meines Lebens, gestern habe ich Kai-Jonas laut angeschrieen: "Was willst du denn, du Arschloch?", dass die Wände gewackelt haben, aber wenn ich in Kai-Jonas' blaue Augen sehe und er mich anstrahlt, dann weiß ich genau, das ist es alles mehr als wert." So sind die Regeln, egal, ob man eine Babykolumne schreibt oder einen Blog. Was passiert, wenn man dagegen verstößt, weiß ich nicht, denn meines Wissens hat noch nie jemand dagegen verstoßen.

4. Musik hilft zumindest bei Norbert wie nichts anderes. Wenn nichts mehr hilft, auch nicht Trockenstillen, dann hilft Vorsingen. Ob das jetzt ein Zeichen ist, dass er besonders musikalisch oder besonders unmusikalisch ist? Das kann nur die Zeit zeigen.

5. Essen kochen geht ab und zu. Dann allerdings nicht Essen essen. Ich habe die Wahl, entweder zu kochen und dann hilflos dabei zuzusehen, wie sich erst eine Haut auf dem Teller bildet und dann irgendwann die erste Fliege darauf landet, eine der frustrierendsten Erfahrungen an dem an Frustrationen nicht gerade armen Tag als Mutter eines Säuglings. Oder mir etwas zu bestellen und es dann irgendwann auch tatsächlich zu essen (wenn auch nicht notwendigerweise an dem Tag, an dem es geliefert wird). Backen dagegen ist ok: viele Kuchen sind innerhalb von 15 Minuten im Ofen, und wann ich sie dann esse, bleibt mir überlassen. Und gibt es ein besseres Gegenmittel gegen tiefste Verzweiflung gepaart mit Müdigkeit und Unterzuckerung als ein mit der Hand in den Mund geschaufeltes Stück Kuchen?

6. Ergänzend zu 5: ein sicheres Mittel, mir den Abend zu versauen, ist, etwas richtig Schickes und Teures zu kochen, das auf den Punkt gegart und gegessen werden muss (Steak. Ein schönes, dickes Steak aus Biofleisch. Dazu, wenn es richtig lustig werden soll, selbst auf dem Wasserbad aufgeschlagene Sauce Bearnaise. Hihihihi! Das war komisch), und dann noch eine noch nie gesehene DVD einzuschieben. Ein brüllendes Kind kann noch deutlich mehr Verzweiflung verursachen, wenn man über seine Schulter hinweg zwei Stunden lang auf das DVD-Menü und das erkaltende Steak in einer Pfütze aus Saucenpudding starrt.

7. Mein Bauch ist wieder einigermaßen flach, ich renne die Treppen hoch und runter, und vom Drei-Nummern-zu-enger-Tanga-Gefühl im Schritt ist nur ein zu-großer-und-zu-trockener-Tampon-Gefühl geblieben. Aber gestern habe ich mir zwei mal in die Hose gemacht. Einmal musste ich niesen und war nicht darauf vorbereitet (vorbereitet heißt: ich stehe aufrecht, ich überkreuze die Füße und spanne jeden Muskel unterhalb des Zwerchfells an) und einmal bin ich schnell fünf Schritte gerannt, um noch bei grün über die Fußgängerampel zu kommen. Es war nicht viel, eine Slipeinlage wäre damit fertig geworden (nur, dass ich leider keine an hatte). Ich weiß, dass das eine Gelegenheit ist, zu der Ratgeber und Zeitschriftenautorinnen gewöhnlich sagen "Dein Körper hat unglaubliches geleistet, gib ihm Zeit, das ist ganz normal, das geht fast allen Frauen so nach der Geburt". Mein Kopf weiß das, Danke. Aber solches Zureden hilft gegen die grenzenlose Scham ungefähr genau so gut wie es helfen würde, mir zu erzählen, der weibliche Körper wäre etwas ganz Natürliches und kein Grund, rot zu werden, wenn ich gleichzeitig gezwungen wäre, nackt vor einer Bande vierzehnjähriger Monster auf und ab zu flanieren.

8. Zum Glück hatte ich mir schon vor einem Weilchen eine DVD bestellt, die Rückbildungs-Pilates mit Baby verspricht. Nuja. Die ersten zehn Minuten des Programms soll das Baby auf einer Krabbeldecke mit Bauklötzen spielen. Dann sieht man, wie es um die beiden Vorturnerinnen herumkrabbelt und sich an einer imposanten Buddha-Statue auf die Füße zieht. Das Baby, an dem das Programm demonstriert wird, ist bestimmt ein Jahr alt und wunderbar imstande, sich selbst zu beschäftigen, während seine sportlich durchtrainierte Mutter, die sicherlich keinerlei Bedarf mehr für Rückbildung hat, schnell ein paar Übungen macht. Ob diese DVD also mein kleines Pipi-Problem in den Griff kriegen wird, weiß ich noch nicht. Ich gebe ihr aber noch die eine oder andere Chance. Gestern habe ich außerdem L. in den eindringlichsten Tönen von meinem Problem erzählt und ihn gebeten, alle zwei Tage für 40 Minuten Norbert zu halten, während ich gegen den Verfall ankämpfe. "Ja", sagte er. "Oder du legst ihn so lange in den Stubenwagen."

Kommentare:

  1. Herrlich, wie du ganz offen über das Muttersein sprichst!! Es ist nämlich nicht alles Friede-Freude-Eierkuchen. Ich erkenne mich wirklich in allen Situationen wieder!

    Hast du eigentlich vor, auch noch über deine Erfahrungen als Mutter ein Buch zu veröffentlichen? Du könntest es "Die schonungslose Wahrheit" nennen. Ich würde es sofort kaufen;)

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  2. Ja, Flora, auch ich wünsche mir ein weiteres Buch. Ich würd´s auch kaufen und noch 3mal mehr und verschenken:-).

    Katrin

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  3. *gg* Die DVD hab ich auch! (Erkannt an Buddha und dem einjährigen 'Baby'.) Rückbildungspilates-DVD-Kaufen ist ein wirklich bewundernswert naiver Schritt. Buch lieber einen Kurs* und sorg dafür, dass L. solange auf Norbert aufpasst. Sonst wirds nix.

    *Nicht notwendigerweise bei einer Hebamme - Krankenkassenkostenübernahme hin oder her (und die schleichende Esotherikgefahr...). Normales Pilates tuts auch, wenn Du vorher fragst, ob sie Dir das Programm als Neumutter zutrauen.

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  4. Einfach nur geil, sorry für den Ausdruck��

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  5. Das beste ist, wenn man das verstreute Milchpulver mit einem feuchten Lappen wegwischen will, verwandelt es sich stante pede in einen schmierigen Schleim aus super glue. Also immer erst trocken fegen...

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  6. Oh, ja! Ich hab auch schon über einem kalten weichen Ei geweint...

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  7. Aaaah - einfach köstlich, wie Sie den normalen Baby-Alltag schildern !!! Ich erkenne mich -nach inzwischen 29 Jahren!- so oft wieder... Und: Falls Sie BRILLENTRÄGERIN sind, werden Sie uns hier in Kürze sicher mit "neuen Erkenntnissen" beglücken, ich freue mich schon darauf...
    Herzlichst,
    Ihre KiWu-Oma [in Warteschleife]

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  8. Grade H. vorgelesen. Mich köstlich über den Stubenwagen amüsiert. Sagt er doch "siehst du Spatzl, ich bin nicht so. Ich hab gestern ganz lange mit den Kindern gespielt, damit du in Ruhe den Kühlschrank putzen konntest!"

    Arhghs.

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  9. "Oder du legst ihn so lange in den Stubenwagen." Herrlich, einfach nur göttlich! Ich habe zwar (leider) noch keine Kinder...aber der Spruch könnte sicher auch von meinem Mann sein. Weiter so, deine schonungslos ehrlichen und wunderbaren Posts zaubern mir immer ein Lächeln aufs Gesicht! Danke dafür!

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  10. Sorry, Mädels, ich kapier den Witz immer noch nicht... wieso ist der Vorschlag mit dem Stubenwagen so komisch???

    Abgesehen davon, daß ich finde, daß er sich genauso um Norbert kümmern sollte, wenner physisch da ist wir Flora, aber grundsätzlich, wenn er nicht da ist, warum denn nicht?

    Und H... meinte der das witzig oder ernst?

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  11. Köstlich! Das mit dem Essen musste ich auch erst lernen. Wie oft hatten wir uns so wie früher ein köstliches Menü gezaubert und kaum, dass das Essen auf dem Tisch stand, brüllte Junior und musste SOFORT! gestillt werden. Also wieder essen in Etappen: Papa isst, während Mama stillt. Dann schunkelt Papa das Baby, während Mama isst. Schöner Mist! :-)
    Jetzt ist Junior 1 1/2 und isst bei Tisch mit. So entspannt wie früher ist es trotzdem nicht mehr, denn kaum ist der Kleine fertig, will er spielen. Aber gefälligst mit Mama oder Papa!

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  12. Ja und jetzt stellt euch vor ihr hättet Zwillinge, da kommen dann oft Mama und Papa nicht zum essen oder zu sonst was. ..

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  13. Hallo Flora, ich lese kaum etwas von Vater und Sohn Aktivitäten. Arbeitet dein Liebster soviel oder legt er auch Hand an, du schreibst es nur nicht? Seit Norbert da ist, liest man das Wort L. nämlich kaum noch in deinem Blog... Du würdest ihn ja nicht bitten, ihn zu halten, wenn es auch mit dem Stubenwagen ginge. ;) Ganz lieben Gruß!!

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