Samstag, 14. September 2013

Laternenumsturz

Ich habe ziemlich feste Vorstellungen davon, wie manche Dinge zu sein haben und wie nicht. Ein Laternenumzug z.B. ist so ein Ding. Für mich muss ein Laternenumzug am Martinstag stattfinden, also im tiefsten November. Dunkel muss es sein und kalt. Er sollte nicht nur durch Wohnviertel führen, sondern durch den Wald, über die Landstraße oder über breitere Spazierwege. Ein Reiter sollte dabei sein, auf einem gemütlichen Pferd, das sich von den Kindern streicheln lässt und ab und zu schnaubt. Außerdem und noch wichtiger: ein Bläserchor sollte mitlaufen und Martinslieder spielen, vielleicht auch schon ein paar Weihnachtslieder, denn bald ist Advent. Zwar wird es immer einige ängstliche Eltern geben, die ihren Kindern nur elektrische Kerzen erlauben, aber es sollte auch einige Glückspilze geben, die in ihrer Laterne eine echte Kerze haben und deshalb andächtig und höllisch aufpassen müssen, damit sie nicht Feuer fängt. (Passiert das doch, ist es auch kein Drama: sie kann im Gras am Wegesrand friedlich in Flammen aufgehen, und das Kind passt nächstes Jahr, falls überhaupt möglich, eben NOCH besser auf.) Überhaupt, die Laternen: es sollten natürlich Monde und Sterne dabei sein, aber auch ein paar selbstgebastelte aus Camembertschachteln, Pappmaché oder Wachspapier. Und der ganze schöne Umzug sollte an einem Platz enden, an dem ein paar Feuerwehrmänner schon ein großes Feuer entfacht haben. Dort sollte es dann für die Eltern Glühwein geben und für die Kinder Kinderpunsch, und außerdem für jeden einen Stutenkerl aus Rosinenbrötchenteig mit einer Tonpfeife im Mund. So würde also ein Umzug aussehen, wäre ich Herrscherin der Welt und alleinige Bestimmerin über alles. Darauf kann ich in Hamburg lange warten. Gerade ist ein Umzug an unserem Haus vorbeigezogen. Es ist nicht nur nicht annähernd November, es ist noch nicht mal dunkel! Vorweg kam kein Pferd, sondern ein Feuerwehrauto. (Damit sind Spazierwege schon mal raus aus der Wegplanung.) Dass in Hamburg Laternenumzüge nicht von stimmungsvollen Bläsern, sondern von einem Spielmannszug mit Glockenspiel und Pfeifen begleitet werden wie ein Faschingsumzug, regt mich jedes Jahr wieder auf. Weit und breit war keine echte Kerze zu sehen. Ich könnte mir sogar vorstellen, man hätte in dieser Stadt Schwierigkeiten, eine Laternenhalterung zu kaufen, die für eine echte Kerze gedacht ist. Und obwohl ich natürlich nicht mitgelaufen bin, bin ich sicher, dieser Unmzug endet nicht an einem Feuer, sondern an einer Kreuzung vor dem Einkaufszentrum. Trist ist das. Ganz trist. Und trotzdem war ich hinter meinem Fenster ganz fiebrig vor Vorfreude, in einem Jahr mit Günther im Kinderwagen mitzuschieben. (Wird einer aus der Hundertschaft Feuerwehrmänner, die diesen brandgefährlichen Umzug absichern, uns mit dem Schlauch über die Straße pusten, wenn wir eine echte Kerze einschmuggeln?) Das kleine Kerlchen hat diese Eigenschaft, meinen So-und-nicht-anders-Panzer zu knacken. Was kommt als Nächstes? Muscheln mit Tomaten? Fritten mit Ketchup statt Mayo? Kinderlieder im Auto?

Kommentare:

  1. Bitte liebe Flora, schreib noch ein Buch über das Muttersein!
    Ich kaufe es schon jetzt, gegen Vorauszahlung :)

    Danke für die entspannendsten Minuten am Tag, wenn ich um Mitternacht im Schaumbad (beide Kinder schlafen.. Schon?) feststelle, dass du wieder einen Eintrag verfasst hast und ich diesen nun gierig herunterschlürfen kann, wie früher Bacardi Cola!

    Dein Buch habe ich in den letzten beiden Nächten gelesen und mich dann am morgen dafür verflucht! Ich hätte trotzdem gerne noch eins!!

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  2. Nachtrag zum vorderen Kommentar:

    Schade bist du mir nicht schon vor 3 Jahren begegnet, als es zwar die Schaumbadabende schon gab, diese jedoch ohne den zusätzlichen Nervenkitzel dazu, ob das eine oder das andere Kind, oder im schlimmsten Falle BEIDE gerade eben am aufwachen sind.

    Hach, hätte mir dein Blog oder das Buch die Zeit des Wartens erleichtert!

    Doch nun lese ich natürlich auch nicht weniger gerne deine Gedanken zum Muttersein, sitzen wir ja nun auch wieder im gleichen Boot. Glücklicherweise!!

    Zum Thema stillen kommt mir noch folgendes in den Sinn:

    Ich, völlig fertig nach:

    - 5 Tagen fiebern mit über 40 Grad (fühle mich schon bei 38.5 kurz vorm Delirium)

    mit:

    - Brüsten, die sich anfühlen wie zwei riesige Fleischwunden
    - die zwar geschwollen, knallrot und wasweisichnochalles sind, aber nicht einen Tropfen Milch hergeben
    - einem 3 Wochen alten Kind das sich von rot, über blau bis violett schreit, weil es HUNGER hat.
    - einem 21Monate alten Kind, das sich ebenfalls von rot, über blau, bis violett schreit, weil es nicht mehr im Zentrum des Universums steht und nicht weiss warum die kleine Bohne denn so schreit und auch aus Solidarität noch etwas lauter mitschreit
    - drei Tagen KH-Aufenthalt mit AB intravenös und der offenen Frage im Raum ob noch eine OP ansteht an den eh schon leidenden Brüsten

    ..... es käme mir noch mehr in den Sinn, doch ich stoppe hier, es soll nicht ausufern...


    " WAAAAAAS, du willst allen Ernstes nach 3 Wochen aufgeben? .. Aber die Allergien..... "
    (Freundin ohne Kind)

    "Ich hätte also schon gedacht, dass du noch E T W A S länger durchhältst, wo man doch heute weiss, wie gut die Muttermilch für die Kleinen ist!!"
    (Mutter mit leicht beleidigtem Unterton, die mich aber selber nur 5 Tage gestillt hat, aus welchen Gründen auch immer)


    Beim ersten Sohn hatten wir, bis auf Kleinigkeiten, die gleiche Stillgeschichte wie ihr.
    Aber echt jetzt, das glaubt einem niemand, wenn er/sie es nicht mit eigenen Augen gesehen, resp. Ohren gehört hat!!

    Liebe Grüsse aus der Schweiz

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  3. Liebe Flora,

    wenn du eines Tages so einen Laternenumzug organsierst sag Bescheid. Ich würde aus Berlin anreisen dafür. Hab grad fast ein Bisschen Pipi in den Augen, wenn ich mir vorstelle, wie schön DEIN Laternenumzug wäre...seufz.

    LG
    Katrin

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