Sonntag, 22. September 2013

Reine Logik, lieber Watson.

Beim vorletzten Besuch der Hebamme erklärte sie mir, dass Werner ruhig mal knöttern und motzen darf, wenn ich ihn hinlege. So lange er nicht wirklich weint oder brüllt, gehört das bei vielen Babys dazu, wenn man sie hinlegt. Ich sollte ihm zwei-drei Minuten geben, um sich zu beruhigen und einzuschlafen. Beschwert er sich dann immer noch, dann kann ich ihn wieder aus dem Stubenwagen nehmen.

Beim letzten Besuch fünf Tage später kam sie genau in dem Moment, in dem ich ihn abgelegt hatte. Ich habe ihn vorher singend und schunkelnd durchs Zimmer gewiegt, der Strampler saß einwandfrei, die Windel war frisch, und ein großes warmes Fläschchen hatte er auch gerade bekommen. Dann legte ich ihn in seinen Stubenwagen. Er knötterte, ein eindeutig eher motziges als trauriges, ängstliches oder sonstwie notleidendes Geräusch. Ich machte ein paar Schritte um die Ecke, setzte mich in einen Sessel und sagte: "Also. Die Medela-Sauger, muss ich sagen, machen leider..."

"Wieso machst du das?" unterbrach sie mich.

"Was, das weggehen?"

"Ja. So kann er dich ja nicht mehr sehen."

Weil sich Mütter erster Kinder bei so ziemlich allem irgendwas denken, war ich nicht unvorbereitet auf diese Frage und hatte sofort eine Antwort:
Weil es - auch, wenn es nur für zwei Minuten ist - eine kleine Frustration für Werner ist, wenn er motzt und nicht sofort jemand herbei eilt, um alles wieder gut zu machen. Weil es mit Sicherheit noch viel, viel frustrierender für ihn ist, wenn die Person, die normalerweise auf jedes seiner Bedürfnisse reagiert, direkt daneben steht und keinen Finger rührt, um ihm zu helfen. Und weil ich auf ihn nicht nur beruhigend wirke, sondern eben auch Unterhaltungswert für ihn habe - und er sich eher beruhigt, wenn er auch wirklich Ruhe hat und nicht gucken muss, was die schusselige Tante mit den Locken und der Milch jetzt schon wieder macht. Für mich klang das sehr logisch und einleuchtend.

"Naja", sagte die Hebamme.
"Aber wenn er dich sieht, ist die Situation für ihn an sich schon gleich viel beruhigender. Er will dich in der Nähe haben, dann ist alles gut, und er kann einschlafen. Und auch, wenn du nur dastehst und ihn nicht hoch nimmst, ist deine Anwesenheit doch für ihn auch die Reaktion auf sein Gemecker. Und das heißt, es ist schon fast so, als hättest du ihn hoch genommen."

Aha. Auch das klingt irgendwie logisch. Und jetzt?

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich hatte noch nie vor Werners Geburt mit so vielen genau gegensätzlichen Aussagen zu tun, was ich tun und lassen soll, die alle für sich betrachtet total einleuchtend klingen. Und das mir. Wo ich meine Welt (im Gegensatz zu meiner Küche oder meinem Schreibtisch) so gern hübsch ordentlich in richtig und falsch sortiert habe.

Kommentare:

  1. Du musst ihn ja nicht gleich hochnehmen, aber signalisieren, dass du da bist und ihn gegebenenfalls berühren, streicheln, etc.? Ich bin ja da bekennenderweise eher von der Weichei-Fraktion, meine Kinder lagen nie irgendwo knötternd herum, ohne dass ich irgendwie auf das Geknötter eingegangen wäre, und sei es auch nur durch meine Stimme.. und das aus gutem Grund: wenn ich das nicht gemacht habe, haben sich meine Kinder so reingesteigert, dass sie sich nicht mehr beruhigt haben. Wenn dein Sohn lernt, dass du auf Geknötter nicht reagierst, aber auf Geschrei, dann lässt er halt in Zukunft das Geknötter aus und brüllt gleich. Auch schon einigen Leuten passiert. Du musst deinen Sohn nicht frühzeitig mit Frustrationsübungen versorgen, die wird es früher oder später unweigerlich geben, keine Sorge.

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  2. Ach so, und ich bin auch eher Kopfmensch und habe mich anfangs völlig wirr machen lassen von allen möglichen selbstberufenen Experten. Ich habe mir dann per Lektüre von vielen gegensätzlichen Büchern meine eigene Meinung gebildet. Sehr gefallen hat mir persönlich Carlos Gonzalez ("In Liebe wachsen"). Ich habe mir auch die Law-and-Order-Klassiker der Babyaufzucht reingezogen, habe die aber schnell verworfen, weil sie gegen mein Gefühl waren. Ich denke, du wirst selbst deine Linie finden, geh nach deinem Gefühl und nach dem, was für dich stimmig ist und was auch für Werner passt, ich glaube, es gibt keine zwei Mütter auf der Welt, die alles komplett gleich sehen und handhaben.

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  3. Ähem - nö, was Tante Hebamme da sagt klingt gar nicht logisch - dann muß sich der kleine Zwerg dann auch noch auseinanderfusseln - "Warum nimmt sie mich nicht hoch? Blöde Trulla! Manchmal macht sie es, manchmal nicht... Kreisch...."
    Was Du machst, sendet viel eindeutigere Signale - Mama weg, Baby soll schlafen / Mama kommt, Baby kommt auf Arm, spielen, essen...
    Auch wenn viele das jetzt nicht verstehen oder glauben wollen - sich um Babies kümmern ist wie das Erziehen eines Haustiers - Katze, Hund - zunächst erstmal hauptsächlich Nonverbale Kommunikation. Und die muß eindeutig sein, sonst funktioniert es nicht.

    Lange Erklärungen sind dann ab 4 Jahren dran... (Und in der Zwischenzeit die Kurzversion)
    Ich würde bei Deiner Technik bleiben, hat bei meinen auch prima funktioniert. Kein verwirrtes Kind ;-)

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    1. Genau, genau, genau:
      Der Tiervergleich klingt leicht gewöhnungsbedürftig, aber es ist einfach so.

      Eindeutig muß es sein. Kann man nicht oft genug sagen.

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  4. Liebe Flora,
    ich kann nicht mehr! Ich muß dir DEN ultimativen Rat für besorgte Eltern geben, denn mir hat er sehr geholfen: Zieh dein Kind nicht im Schrank auf, lass es nicht hungern und schlag es nicht mit einer Bratpfanne auf den Kopf. :-) Würde deinen kleinen E.S. sehr gern mal kennenlernen, vielleicht mal auf einem Herbstspaziergang! Beste Grüße Nina

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  5. Liebe Flora,

    Ich finde nicht dass man bei jedem Nörgeln neben dem Kind stehen muss. Ich hab meine kleine nie lange schreien lassen, aber etwas gemotzt und gequengelt hat sie schon..und ist oft dabei eingeschlafen!Wenn du jedesmal neben ihm stehst,versteht er nicht dass er schlafen soll.. wobei meine Kleine auch immer nur im Bett geschlafen hat. Sie musste es ruhig und etwas dunkler haben. In einem hellen Raum hat es nie geklappt! Manche Kinder quengeln sich in den Schlaf,andere Nicht.Das musst du herausfinden und deinem Gefühl nachgehen.
    Google mal `Zeitfenster Schlaf'.Man sollte die Kinder schlafen legen wenn sie anfangen müde zu werden,ist das Zeitfenster(dh Der richtige Moment)vorbei sind sie oft zu müde und schlafen nicht mehr so einfach ein..
    Vielleivht hilft es dir/Würmchen ja! Daumendrück!
    Lg

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  6. Deine Hebamme kommt mir auch etwas komisch vor. Zum Thema Vollstillen hatte sie ja auch gegensätzliche Ratschläge, erst nein und dann doch...
    Deine Erklärung ist tausendmal logischer, und laß Dir das von einer zweifachen Mama gesagt sein, es funktioniert so auch besser. Das hast Du ja selber auch schon gemerkt. Laß Dich und Dein Bauchgefühl nicht von anderen beeinflussen. Du kennst Dein Kind am besten, hast es (fast) 24 Stunden am Tag. Du weißt, wie er worauf reagiert. Andere Kinder mögen anders sein... Deins ist halt so, und nicht anders.

    Das Hingehen, was Deine Hebamme beschreibt, impliziert ja auch erstmal ein Weggehen (was sie ja nun plötzlich ablehnt...)! Außerdem gehst Du ja sowieso nach 2-3 Minuten wieder hin.

    Das ist ja auch alles situationsabhängig. Sicherlich gibt ihm Deine Anwesenheit Geborgenheit und Sicherheit, aber Du kennst die Situationen genauer, in denen er sie braucht. Z.B. in neuen Situationen. Beim Hinlegen in sein vertrautes Bettchen darf er ruhig erst mal kurz protestieren (welches Kind tut das nie?!).

    Außerdem gehe ich völlig konform mit Dir in der Annahme: Deine Anwesenheit, ohne ihm zu "helfen", läßt Erich nur noch frustrierter und wütender werden. (Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich Schlaflern-Programme, bei denen Mama nichts-tuend an der Tür stehend dem heulenden Kind zusieht, und das als Einschlafbegleitung deklariert, ablehne.)
    Ich habe nämlich selber die Erfahrung gemacht, daß meine Kinder sich ohne Mama in Sichtweite (nur Hörweite) wunderbar alleine beschäftigen können. Ist Mama jedoch da, wird sie sofort "hergejammert".

    Wie gesagt, laß Dich nicht durcheinander bringen. Du machst das großartig!

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  7. Ich bin immer hingegangen zu meinem mauligen Kind, das einfach nicht im Stubenwagen liegen wollte. War für mich und für ihn einfacher. Abend ist er 6 Monate lang nur durch Einschlafstillen eingeschlafen, danach sehr lange mit daneben Liegen, bis er schläft. Das hat sich zu keiner "so lernt er das allein einschlafen ja nie"-Katastrophe entwickelt. Mama und Papa können den heute 2,5-jährigen beide ins Bett bringen. An manchen Abenden braucht er "nochmal Singen, Mama/Papa" oder "Triiiinnnken", an den meisten anderen können wir nach dem Abendprogramm einfach mit "Gute Nacht, Hase" rausgehen. Universell geltende Tipps gibt es da aber einfach nicht. Wir haben es bei allen anstehenden Sachen zu dritt ausgemacht und irgendwie hat es sich dann von allein geregelt. Was ich sagen will: Mach es, wie es Dir logisch vorkommt. Garantien für "richtig" gibt es eh nicht und was Ernst/Walter/Werner auf keinen/jeden Fall will, das wirst Du schon merken. Und dann macht es halt, wie es geht. Weißt Du, mehr so wie Tatort-Sawatzki, mit "Bauchgefühl" (eigentlich ganz oben auf meiner Diskriminierung im Alltag-Hitliste, aber hier hilft Logik wirklich nicht weiter).
    Alles Gute wünscht
    die Tina

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