Dienstag, 15. Oktober 2013

Aufholpost

Es ist ein bisschen so, wie wenn man einen ganz alten und sehr guten Freund hat, den man viel zu selten sieht und mit dem man einmal im Monat telefonieren sollte. Und dann verbammelt man es und denkt fast täglich: den muss ich unbedingt anrufen, am besten heute. Und man verbammelt es aber immer noch, und irgendwann hat man erstens ein schlechtes Gewissen und zweitens inzwischen so viel zu erzählen, dass es mit einem üblichen 30-Minuten-Telefonat nicht mehr zu schaffen ist, und plötzlich ist ein halbes Jahr vergangen und man hat nicht telefoniert. Liebe Abkürzungsdamen, es tut mir sehr leid, dass ich in letzter Zeit so postfaul bin, aber irgendwie kommt das so. Ich stehe auf, füttere das Baby, und plötzlich kommen die Nachrichten und der Tag ist vorbei und ich bin völlig kaputt und zu nicht mehr imstande, als vielleicht noch einen Krimi zu gucken. Das hier muss also wieder mal ein Sammelpost werden.

Die Suche nach der Kinderfrau ist immer noch in vollem Schwung. Bisher hatten wir sechs Damen hier sitzen, vier letzten Donnerstag und zwei gestern. Wenn man bedenkt, dass ich heute in sechs Tagen wieder am Schreibtisch sitze, ist das sowas von haarscharf, aber so ist das wohl mit mir, ich komme auch immer am liebsten in dem Moment auf den Bahnsteig, wenn der Zug einfährt, statt da noch zehn Minuten rumzustehen. Zwei mehr hatte ich zwar eingeladen, aber die eine musste wegen eines Notfalls in einer anderen Familie abspringen, die andere kriegte es nicht hin vorbeizukommen, weil ihr ständig ihre Gesundheit querschoss. Blieben also sechs. Davon waren es zwei auf gar keinen Fall, die eine war so unsicher und gebeutelt, dass sie noch nicht mal Speedy in die Augen gucken konnte, geschweige denn uns, und die andere - die andere war offensichtlich wahnsinnig, und weil dieses Auswahlverfahren zeitlich mit den ersten Folgen von "Hannibal" zusammenfällt, wird die mich noch die eine oder andere Nacht um den Schlaf bringen. Puh. Dann waren da noch eine, die zwar perfekt war - herzlich, erfahren, zupackend und sofort mit einem tollen Draht zu Speedy, aber die wollte statt der 15 Wochenstunden, die wir sie brauchen, lieber 25 arbeiten. Wieso sie sich dann überhaupt vorgestellt hat und uns mit sich als perfektem Babysitter vor der Nase herumwedeln musste, um unsere Standards zu ruinieren und uns dann zu eröffnen, dass wir sie uns nicht leisten können, weiß der Himmel. Die also auch leider nicht. Dann gab es noch eine ältere, sehr spröde Dame mit einem ganzen Stapel hervorragender Zeugnisse. Bei der dachten wir, wenn die im Haus ist, werden wir automatisch grader sitzen und nicht so krümeln, was ja bestimmt kein Fehler ist. Wir dachten aber auch, die fängt an und sagt uns nach zwei Wochen, dass ihr das alles hier zu chaotisch ist und die Hunde sie überfordern, und dann geht die Suche wieder von vorne los, nur dass bei dieser Runde alle Damen rausfallen, denen wir im ersten Anlauf abgesagt haben, weil sie jetzt beleidigt sind. Und dann waren noch zwei sehr nette Mädchen da, von denen es bei einer leider nichts werden wird, weil sie sich eigentlich um einen Ausbildungsplatz bewirbt, den sie, wenn es irgend eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, auch bekommen wird, und dann hat sie demnächst wieder keine Zeit für uns. Blieben übrig: nettes Mädchen Nr.2 und die spröde alte Dame. Die spröde alte Dame haben wir zuerst angerufen, und sie hat uns abgesagt, weil Speedy auf ihrem Arm so gebrüllt hatte - das wertete sie als schlechtes Vorzeichen. Es nützte auch nichts, dass wir ihr gesagt haben, sie soll das bitte auf keinen Fall persönlich nehmen, es würde sich bestimmt bald bessern - sie wollte nicht. Und jetzt warten wir gespannt wie Flitzebogen auf den Rückruf von nettem Mädchen Nr.2. Wird sie es? Und wenn nicht, was dann? Muss Mama am Ende ihren ramponierten Körper verkaufen, um der Supernanny 25 Stunden die Woche zu zahlen? Wir werden sehen.

Speedy macht sich inzwischen ganz großartig. Wir haben tatsächlich ein Baby, das die ganze Nacht friedlich schlafend neben mir im Babybay liegt und schläft. Eine Weile lang ist er immer um fünf Uhr aufgewacht und hatte Hunger. Jetzt wache ich um fünf auf, starre ihn an und kann nicht fassen, dass er a) tatsächlich dort liegt und ruhig atmet und b) jetzt vermutlich noch zwei oder drei Stunden weiterratzen wird. Tagsüber ist er entsprechend ausgeschlafen, hellwach und möchte eigentlich den ganzen Tag herumgetragen werden. Wobei er seit ein paar Tagen auf mal zwanzig Minuten alleine in seinem Wagen liegt und hingerissen mit dem über ihm baumelnden Plüsch-Schaf spielt. Lege ich ihn auf meine Knie und lächele ihn an, dann grinst er zurück und erzählt mir einen. Seine Lieblingswörter bisher: Anke, Gaugin, Gogol, Gruhuhu, Ruhe und Girls. Wobei sogar ich zugeben muss, dass Gruhuhu eigentlich kein Wort ist. Am schönsten ist es, wenn Speedy meine Nase sieht, strahlend den Mund aufreißt und anfängt, daran zu saugen. Oder, wenn er knötterig wird und ich mich mit ihm für eine halbe Stunde ins Bett lege, damit er ein bisschen trinken kann. Dann schläft er nämlich nach drei Minuten ein, und ich liege für ein Weilchen mit meinem schlafenden Baby im Arm da und kann gleichzeitig ein paar Seiten lesen. Oder, wenn er seinen Eisbären-Anzug anhat, den L. ihm von seiner ersten Soloreise mitgebracht hat, und wir ihn durch den Herbstwald schieben. Oder, wenn er mich reitet wie ein zahmes Pony: ich habe ihn auf dem Arm, und er faucht und fuchtelt so lange, bis ich da hingelaufen bin, wo er mich haben will und wo er irgend etwas Interessantes entdeckt hat. Eigentlich ist fast alles am schönsten. Und jetzt muss ich schon wieder aufhören, denn offensichtlich findet Speedy gerade etwas nicht so schön. Sprechen wir bald mal wieder? Tun wir, ganz bestimmt.

Kommentare:

  1. Hallo,
    ich wüsste eine Lösung. Bleib doch einfach doch noch zu Hause, ach ne - das kommt ja nicht in Frage.
    Viele Grüße, Ramona

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  2. :-) Der war gut! Und trifft den Nagel auf den Kopf...

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  3. Der war nicht gut, der war total daneben, sorry!

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  4. Tja, dann gibt's da wohl geteilte Meinungen! Sowas wie oben beschrieben würde ich mir bzw. meinem erst ein paar Wochen alten Baby niemals antun! Das ist echt total daneben !!!

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    1. Faszinierend! Ich habe diese bornierten Übermütter bisher noch nie in freier Wildbahn getroffen, aber hier gibt es sie zuhauf. Irgendwie stehen die auf dich, Flora. Mein Beileid...

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  5. Kinder haben ist was feines, aber sich den Meinungen und (*ach* so gut gemeinten) Ratschlägen anderer Mütter auszusetzen ist was anderes. Ihr kapiert nicht, dass jeder anders ist und andere Dinge tut. Und dass Ihr kein Recht darauf habt, über andere zu urteilen. Das ist wirklich, um den letzten anonymen Post zu zitieren "echt total daneben".

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  6. Und Du hast anscheinend noch nicht kapiert, dass in Deutschland das Recht der freien Meinungsäusserung gegeben ist! Und dieses Recht wurde hier schlichtweg in Anspruch genommen! Hier wurde weder jemand verurteilt noch wurden irgendwelche *ach* so gut gemeinten Ratschläge gegeben ?!? Daneben ist eher die komplette Fehlinterpretation Deinerseits!

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    1. Eigentlich sollte ich das lassen... aber gut. Jetzt muss ich doch mal kurz dazwischenhaken. Doch, hier wurde jemand verurteilt. Und zwar ich. Jemand fand das "total daneben", dass ich demnächst wieder drei Tage die Woche arbeiten gehe, große Teile davon zuhause, und mein Kind in dieser Zeit teils in der Obhut meines Mannes, teils in der einer mit viel Liebe und Sorgfalt ausgesuchten Kinderfrau lasse, von jemandem, der das eben anders macht und sieht und scheinbar in Fällen, in denen er selbst sich an Meinungsäußerungen stößt, die Fahne für die freie Meinungsäußerung nicht ganz so enthusiastisch zu schwingen scheint.

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    2. Jetz muss ich auch mal wieder meinen Senf dazugeben. Ich bin Kinderpflegerin und Tagesmutter und hab dadurch mit vielen Arten von Müttern zu tun: Die einen müssen (leider) arbeiten wegen Geldverdienen etc., die anderen wollen arbeiten. In beiden Sparten gibts Mütter, die sich leichter oder etwas schwerer damit tun, ihr Kind in "fremde" aber liebevolle Obhut zu geben. Doch es ist definitiv zu beobachten, dass Kinder, deren Eltern von dieser kurzzeitigen Trennung überzeugt oder zumindest nicht komplett negativ dazu eingestellt sind, sich früher eingewöhnen und auf die neue Situation eher einlassen und positiver gegenüberstehen. Somit sind Eltern und Kinder in dieser Zeit glücklich und keiner nimmt davon Schaden.
      Deshalb denk ich, Flora mach es so wie du es für richtig hältst, denn auch als absolute Wunschmama mit Wunschkind ist es hin u wieder schön Erwachsenenthemen u -gespräche zu haben außerhalb der eigenen Wände. Evtl wäre sogar eine Tagesmutter/Großtagespflege in der Nähe etwas für euch, dadurch könntest du sogar von zu Hause aus arbeiten ohne ständig den Kleinen in Hör-u. Reichweite zu haben?!
      PS: wie schauts aus mit Abkurzungsdamen-Treffen, hab mir vorgenommen sogar aus der Nähe von München zu euch anreisen zu wollen.
      LG Petra

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    3. Also wenn DAS nicht verurteilend war, dann weiß ich auch nicht! Hey, ich war auch lieber zuhause, trotzdem muß man noch lange nicht andere dissen.
      Und zur spröden Nanny: Bloß gut, daß die es nicht geworden ist. Liebevolle Erziehung ist für die vermutlich ein Fremdwort. Im allgemeinen finde ich (ich gehe jetzt mal von den mir bekannten Typen Kitaerziehern aus), daß die jüngeren (noch) wesentlich streßresistenter sind als die älteren. Einzelne, goldwerte Ausnahmen liebevoller älterer Damen nicht berücksichtigt.

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  7. Liebe Leute, könnt ihr nicht einfach jeden so leben lassen wie er es sich für sich wünscht? Die einen stillen, die anderen nicht, die einen gehen früh wieder arbeiten, die anderen eben nicht. Leid tun mir nur die, die irgendetwas davon (vermeintlich) MÜSSEN und innerlich nicht dahinter stehen. Aber die können denen, die fröhlich tun was sie für richtig halten, bitte auch ihre Freude lassen.

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  8. Liebe Flora,
    sorry, daß mein flapsiger Kommentar für ein Mißverständis sorgte.

    Ich las den ersten Post... "Lösung, Flora, bleib zu Hause".
    Und DEN Kommentar fand ich total daneben. DEIN Verhalten halte ich für völlig normal.

    Den zweiten Post verstand ich als Zustimmung zum ersten...

    Also, um es nochmal klarzustellen:

    Ich finde Deinen Masterplan Klasse!!!!

    Liebe Grüße von Svea

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  9. Flora mach wie du für richtig hälst, immerhin schaust du ja drauf, dass dein Nobert ;) gut untergebracht ist wenn du arbeitest. Meine Mama hat heute die Kleine abgeholt für einen Spaziergang und ich war 2 Stunden ohne Kind Kaffee trinken ich Rabenmutter

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  10. Vielleicht habt ihr ja auch noch eine Chance bei der 25-Stunden-Dame? Vielleicht wollte sie erstmal handeln bzw. euer Limit testen. Vermutlich hat sie keinen weiteren Job (sonst wäre 25 heftig), da wären doch immerhin 15 besser als nix für sie? Oder ihr einigt euch in der Mitte? So 5 Stunden in der Woche mal extra frei für euch sind auch nicht zu verachten. Und wenn ihr dann z.B. statt Kino Fernsehen schaut (nicht in Brüllhörweite), habt ihr die Kosten auch fast wieder hereingeholt.
    So, wie Du sie beschrieben hast, klingt sie doch richtig gut.

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  11. Hey Flora,
    Kinderfrau zuhause ist wahrscheinlich tatsächlich die einfachste und besste Lösung für euch. Aber: wenn das nicht klappt, vielleicht doch noch mal über ne Tagesmutter/-vater nachdenken? Ist in Hamburg mit dem Gutscheinsystem auch gut zu finanzieren oder seid ihr ganz aus HH rausgezogen in einen Stadtteil in einem anderen Bundesland??
    Nur so als Idee, aber ich drücke natürlich die Daumen, dass ihr noch jemanden für eure Variante findet!!

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    1. Ups, die "beste" sollte das heißen :)

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  12. Liebe Damen, die 25-Stunden-Frau gibt da leider nicht nach, und auch mit Zuschüssen, von der Steuer-absetzen und viel Gerechne kann ich das leider nicht bezahlen, zumal es ja auch dann bei 10 Euro pro Stunde trotzdem nicht mit den 1000 Euro monatlich getan ist, sondern noch Lohnnebenkosten obendrauf kommen... auch wenn der Haushalt dann mit dem neuen Putzpärchen und einer Kinderfrau fast schon etewas Downton-Abbey-artiges bekommen würde, was natürlich verlockend wäre. Nein, im Moment zieht es sich nun doch zusammen zu nettem Mädchen Nr.1. Sie kommt aus Bolivien und macht heute ihren Probetag, jede Sekunde müsste es klingeln und ich bin ein bisschen sehr aufgeregt.... Tagesmutter machen wir, wenn das hier nicht funktionieren sollte. Was es aber bestimmt tut. Ganz bestimmt. Tut es doch?

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    1. Und? Wie war der erste Probetag? Stimmt die Chemie?
      Ich drücke euch ganz dolle die Daumen, das ihr die perfekte Kinderfrau findet.
      Wäre ich in der Nähe, würde ich es machen:)

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