Donnerstag, 24. Oktober 2013

Schatz, es wird etwas früher heute.

Lange Jahre hab ich mit männlichen Kollegen gearbeitet, die zuhause Frauen und kleine Kinder sitzen hatten. Dann spielten sich z.B. Szenen wie die folgende ab:

Es ist 19:27 und das Ende dieses Arbeitstages ist gerade in der vernichtenden Abstimmung in weite Ferne gerückt. Jetzt sitzen wir im Büro des Kollegen zusammen und versuchen irgendwie, die Scherben zusammenzusammeln, dieses Discofiepen im Ohr wegen des Gebrülls unserer Chefs wieder loszuwerden und einen Plan zu machen, wie es weitergeht.

Das Telefon klingelt. Der Kollege geht ran, anfangs noch erfreut über den Anruf und die Stimme am anderen Ende.
"Hallo! Oh Mann, hier ist gerade alles im Arsch. Wir müssen alles noch mal neu machen. Ich glaube..."

Wir erahnen am anderen Ende der Leitung einen deutlich verschärften Ton.

"... was... nein, kann ich nicht, ich muss... oh Mann, ich mach das doch nicht absichtlich? Ich wär doch jetzt auch gerne... NEIN, natürlich bist du mir nicht egal! Ich... nein, natürlich ist mir das auch wichtig! Aber... können wir später re... Hallo? Hallo?"

Und mit hängenden Schultern und plötzlich dreimal so dunklen Augenringen legt er auf.

"Arme Wurst", dachte ich damals meistens. "Wenigstens hab ich keine Familie. Wenigstens sind es nur meine Nerven und meine Magengeschwüre, die ich hier gerade strapaziere."


Später wurde dann das Klima und die Arbeitszeiten etwas lockerer. Männliche Kollegen mit kleinen Kindern und dazugehörigen Freundinnen und Frauen zuhause hatte ich immer noch. Nur gab es jetzt immer mehr, die sich nicht die Nächte für total superduperwichtige Vorstandspräsentationen um die Ohren hauten und sich mit letzter Kraft nachts um zwei irgendetwas aus dem ausgelutschten Gehirn wrangen. Die taten nur so. Die arbeiteten bis sechs, vielleicht auch bis sieben, und dann begann der gemütliche Teil des Arbeitstages. Dann holten sie sich Bierchen aus dem unerschöpflichen Agenturkühlschrank, bestellten sich vielleicht noch eine Pizza, und dann legten sie die Füße hoch und guckten sich Youtube-Videos an und dachten sich vielleicht zum Spaß noch irgendeine Quatschidee wie einen Flashmob oder dergleichen aus - aber eigentlich war das Freizeit, getarnt als Jobstress. Es war klar: reißt sich Papa jetzt von diesem netten Gedaddel und Gesüffel los und kommt nach Hause, dann wartet da eine Frau, die den ganzen Tag das Baby geschleppt und getröstet und gefüttert und noch mehr geschleppt hat, und deren Feierabend beginnt leider erst dann, wenn Papa übernimmt. Also wurde es eben heute wieder etwas später.

"Blöde Wurst", dachte ich dann. "Dann leg Dir eben keine Familie zu."

Und je länger ich darüber nachdenke, desto klarer wird mir, was für ein Glücksfall das gerade alles ist: drei Tage in der Woche gehe ich zur Arbeit. Und ist die Arbeit vorbei - zum Glück sehen sowohl meine Chefs als auch ich das so, dass das um 18:00 der Fall sein sollte - dann fahre ich nach Hause, freue mich auf mein Kind, und L. hat nicht den ganzen Tag alles allein gemacht und wartet schon hinter der Haustür, sondern wir haben beide noch jede Menge Reserven.
Ich muss ehrlich sagen, schon kurz nach der Geburt habe ich damit angefangen, mir schon mal prophylaktisch Sorgen zu machen, wie das alles wird, und ogottogott, was, wenn alles grandios vor die Wand fährt. Mir diese Sorgen jetzt nicht mehr machen zu müssen und die erste Woche hinter mir zu haben, ohne dass es irgendwem von uns schlechter geht, ist für mich so toll und so befreiend, dass ich mich seit gestern Abend fühle wie frisch massiert. Die erste Cantienica-Stunde heute war vielleicht auch deshalb nicht so spektakulär, aber das erzähle ich in den nächsten Tagen mal in Ruhe. In der Klinik war ich auch: meine Ärztin hatte strahlend Michel auf dem Schoß, freute sich ehrlich und ganz herzlich mit uns, machte dann noch, wo ich schon mal da war, einen Ultraschall, stellte fest, dass zumindest mein linker Eierstock einen sehr guten Eindruck macht (das ist nichts Neues, der rechte ist in Endometriose eingewickelt wie Loriots Kohlroulade und sagt kaum noch was) und wir haben ausgemacht, dass ich mich melde, wenn ich meine Tage bekomme, was irgendwann demnächst der Fall sein sollte. Außerdem soll ich mal feststellen, wie viele Milliliter genau Michel noch bei mir trinkt, und sollte es wirklich nur noch ganz wenig sein, dann brauche ich vor der Stimulation noch nicht mal endgültig abzustillen.

Kommentare:

  1. Ich freue mich ehrlich mit Dir! Schön, dass alles so gut läuft.
    Ganz liebe Grüße!
    Nadine

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  2. Dass du nochmal eine Stimu machst, macht mir Gänsehaut. Eigentlich haben wir beschlossen, wenn es soweit ist und die zwei eingefrorenen Embryonen nix werden, dann war's das. Nicht nochmal in die KiWu. Aber jetzt, wo du es sagst, und wenn ich so darüber nachdenke... Vielleicht... Naja. Kommt Zeit kommt Rat.

    Hut ab!

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  3. Herzlichen Glückwunsch, dass alles so toll läuft und sich deine Wünsche erfüllt haben und erfüllen. Ach wie herrlich... liebe Grüße Elsa

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