Samstag, 11. Juni 2011

Beim Verzehr eines Mettbrötchens geschrieben

Es bestand weiß Gott nicht immer Anlass, mich bei Weight Watchers anzumelden und jeden Tag aufzuschreiben, was ich esse und wie viel. (Wobei mich das alles ein bisschen an meine Teeniezeit erinnert, als ich zwar täglich mindestens einmal Tagebuch geschrieben habe, aber ABSOLUT nichts passierte in meinem Leben, so dass ich eigentlich nur darüber berichten konnte, was es zu essen gab.)
Wer mich jetzt beim Anprobieren eines Badeanzugs in der Kabine in sarkastisches Lachen ausbrechen hört, sollte nicht denken, dass ich mal richtig, richtig dünn war. Und zwar über zwei Jahrzehnte lang! Ein paar Erinnerungen haben sich gehalten:

Ich weiß noch, dass ich mal auf einem Kindergeburtstag eine lange Wasserrutsche auf dem Bauch liegend runterrutschte und meine vorstehenden Hüftknochen bei jeder Schweißnaht "KaDONG. KaDONG." machten. Bis ich unten ankam, liefen mir die Tränen übers Gesicht, und ich war tagelang grün und blau.

Ich konnte mit zusammengedrückten Knien zwischen meinen Oberschenkeln einen Tischtennisball durchschieben, ohne dass er meine Beine berührte. Ungefähr zu dieser Zeit sagte Alex G., mit dem ich seit Jahren befreundet war und der an seinem ganzen blassen Körper mit Haaren und fiesen Pickeln bedeckt war, worüber niemand von uns jemals ein Wort verloren hätte, im Freibad zu mir, "Deine Beine sind ein Zustand."

Meine Kleider hatten normalerweise Größe 34, und kein anderes Mädchen an der Schule war so glücklich wie ich, als es irgendwann 1989 außer Bundfaltenjeans auch wieder Röhren gab. Sehr dünne Mädchen sehen in sehr weiten Hosen aus wie von den Zeugen Jehovas. Da war ich keine Ausnahme.

Als mein Bruder und ich richtig klein waren, war es so schwer, auch nur einen Bruchteil der erforderlichen Kalorien in uns reinzuzwängen, dass meine Mutter sich während der Sesamstraße zu uns auf den Wohnzimmerfußboden hockte und uns mit kleingeschnittenen Leberwurstbütterchen fütterte. Völlig hingerissen von Grobis und Kermits Abenteuern schluckten wir einfach alles runter. (Der Fernsehtrick funktioniert noch heute, oder hat schon mal eine von euch ordentlich am Tisch sitzend und ohne Ablenkung ein ganzes Pfund Pasta gegessen?)

Es war damals schon so, dass ich, wenn es mir schmeckte, essen konnte wie ein Bauarbeiter. Zu Weihnachten gab es damals bei uns Fondue, und mein Vater bekam jedes Jahr Zorn, wenn ich 30 Minuten nach dem Rest der Familie immer noch aß und keine Anstalten machte, aufzuhören. Es war nur so, dass mir so gut wie nichts schmeckte. Meine Mutter stellte sich jeden Tag nach der Arbeit in die Küche und kochte ein richtiges, echtes Mittagessen, oft mit mehreren Beilagen, und wenn ich dann nach Hause kam, maulte ich nur rum und schob das Essen so hin und her, dass der Teller möglichst leer aussah. Das hat sich geändert, aber gründlich. Inzwischen gibt es abgesehen von Tintenfisch so gut wie nichts, was ich nicht esse, und wenn ich nicht gerade esse, dann phantasiere ich über die nächste Mahlzeit. Auf meinem Nachttisch liegen im Moment zwei Kochbücher als Bettlektüre.

Irgendwann mit Anfang 20 hatte ich eine Rippenfellentzündung und zwei Wochen lang Fieber und nicht die geringste Lust auf Nahrungsaufnahme, weil schon atmen anstrengend und schmerzhaft war. Als ich danach zum Arzt ging, stellte der fest, dass ich jetzt noch 43 Kilo wiege und dringend zulegen muss. Dieses Grundlebensgefühl - ich muss zulegen - hielt sich noch mindestens acht Jahre. In diesen acht Jahren war ich vielleicht zwei mal auf der Waage und nahm an manchen Tagen drei warme Mahlzeiten zu mir. Ich konnte nie genug essen, in der Mensa holte ich mir sogar die übrig gebliebenen Kroketten von den Tabletts meiner Tischnachbarn. Ich bediente in einer Kneipe, in der meine Schicht bis halb zwölf ging, und nach Feierabend bestellte ich mir eine Portion Kässpätzle. Während ich mich weiter und weiter von den garstigen 43 Kilo entfernte und die Leute immer öfter das Thema wechselten, wenn ich erzählte, ich könnte ja essen und essen und wäre immer noch zu dünn, lebte ich weiter in dem Gefühl, ordentlich zulangen zu müssen. Es gab vermutlich eine kurze Phase, in der ich genau richtig war: nicht mehr zu dünn mit Hungerellenbogen und Hungerknien, aber auch noch nicht mit Bauch. Wie war das damals? Genau weiß ich es nicht mehr, denn das mit den Tagebüchern hatte ich dann irgendwann zum Glück gelassen. Aber ich weiß mit Sicherheit noch, dass diese Zeit von grotesken Fehlschlägen in meinem Liebesleben gekennzeichnet war, von mehr Langeweile und Ziellosigkeit und dem berechtigten Gefühl, mein Leben an dieser blöden Uni zu verschwenden.

Und jetzt sitze ich hier und plane meine Mahlzeiten in Punkten. Muss ich das verstehen? Vermutlich nicht.

Kommentare:

  1. Hach, ich konnte mich in deinem Text so wiedererkennen! Mit 19 wog ich noch immer erst 47 Kilo, und dabei hab ich gegessen, was ich wollte, gerne auch 10 Tafeln Schokolade in der Woche. Ich nahm einfach nicht zu und meine Hüftknochen stachen aus jedem Kleidungsstück heraus. Und irgendwann veränderte sich wohl mein Stoffwechsel. Ich nahm zu, und zwar immer mehr. Bis zu Beginn der Kinderwunschbehandlung war ich bei 83 Kilo angekommen. Seit der Schwangerschaftsbedingten Übelkeit nehme ich das erste Mal in meinem Leben ab. Aber ich fürchte, das wird nicht lange anhalten :-(

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  2. LOL! Du bist echt sooo lustig! Danke für diesen Post, snowqueen

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  3. Liebe Flora,
    so: "weight watchers" ist mein Stichwort und es tut mir leid, dass ich nicht früher schreiben konnte. Meine Bemerkung zu "product placement" bezog sich nämlich vor allem darauf und nicht auf die Buchempfehlungen !! Für Bücher aller Art und vor allem Deines kann gar nicht genug getrommelt werden. Habe aber verstanden, dass die Erwähnung jeglicher "products" nicht gegen Bezahlung erfolgt.
    Bei "WW" schlägt bei mir wahrscheinlich die Kiewel-Allergie zu. Und seit sie Werbung mit dem Anorexia-Spruch "nichts schmeckt so gut, wie sich dünn sein anfühlt" machen, ist die Antipathie noch gewachsen. Dabei schwört im Moment meine Mama auch drauf und wenn man sich so umhört, scheint es ja fast keine andere erfolgsversprechende Abnehmmethode zu geben.
    Da ich nun seit der laaaaangersehnten Schwangerschaft mit den Kilos kämpfe, könnte ich auch eine Hilfe beim Bekämpfen der Wampe vertragen. Aber es muß doch andere Wege geben. Noch versuch ich´s.
    Na ja, also nochmal: entschuldige, falls ich Dich geärgert habe. Wünsche Dir wirklich nur das Beste und meinetwegen auch Werbemillionen ;-)von möglichst sympathischen Firmen;-)
    Kurzfristig wünsche ich viel Erfolg beim Weg zur Wunschfigur und mittelfristig wünsche ich : na, Du weißt schon !! Bin mir aber sicher, dass es wird.
    ganz liebe Grüße. Y.

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