Mittwoch, 29. Juni 2011

G.R.R.M., wie ich und ungefähr 6 Millionen Fans ihn nennen

Für diesen Post muss ich etwas länger ausholen. Wobei, muss ich eigentlich gar nicht, will ich aber, denn sobald ich damit fertig bin, muss ich mich ernsthaft an mein zweites Projekt für heute setzen: nach achteinhalb Stunden Knochenarbeit in der Agentur muss ich jetzt noch irgendwelchen Quatsch unbedingt heute fertig kriegen, und wenn es bis früh um fünf dauert. Ächz. Andere würden anfangen und sich durchbeißen, ich wechsele lieber das Thema und hole dabei so weit aus wie möglich. (Ich könnte mich jetzt auch daran machen, Regalbretter zu entstauben oder die Dunstabzugshaube zu reinigen. Ihr versteht mich, oder? Tut ihr. Wie immer.) Das Projekt habe ich jetzt seit zehn Tagen auf dem Tisch, wobei es ursprünglich hieß, ich müsste in 14 Tagen fertig sein. Was bedeutet das bei einem Fusselhirn wie mir? (Das könnte der längste Post aller Zeiten werden.) Dass ich 13 Tage lang jeden Morgen aufstehe und mir denke, ach, heute mache ich das süße kleine Projekt zu Ende, dann gehe ich arbeiten oder mache sonst etwas, was ich eben so tue, und irgendwann abends um acht, wenn die andere Arbeit getan ist, guckt mich mein Schreibtisch vorwurfsvoll an, und ich ignoriere seine Blicke und denke mir: morgen. Morgen ganz bestimmt! Ist ja noch Zeit! Bis mich gestern (an Tag 9 der 14 Tage) eine Mail erreichte, dass ich doch bitte JETZT am besten fertig wäre. Also gut. Gleich, gleich geht es los. Bestimmt!
Vorher muss ich aber noch ein bisschen ausholen, wie gesagt.
1996 erschien der erste Band einer Buchserie, die es eines Tages mal bis ganz nach oben in die amerikanischen Bestsellerlisten schaffen würde: A Game of Thrones. Dass das alles mal so groß werden würde, wusste damals jeder, der das Buch in die Finger bekam. Gut, es war Fantasy, aber es hatte keine der typischen Fantasy-Macken: es war kein fader Herr-der-Ringe-Abklatsch nach dem Muster "Waisenjunge wächst auf Farm auf, alter weiser Meister zieht ihn ruppig auf, eines Tages droht Gefahr, Junge zieht in die Welt, erlebt einige Abenteuer teils magischer, teils kriegerischer Natur, entwickelt ungeahnte Fähigkeiten, findet Plunder, der sich später als seit Jahrtausenden verschollener Superzauber entpuppt, und am Ende kommt raus, dass der Junge "der Auserwählte" ist, er besiegt den Fürsten der Dunkelheit, alles wird gut." Stattdessen war das hier eine wirklich gute Geschichte mit Charakteren, von denen einer immer echter, interessanter, vielschichtiger und überraschender war als der nächste, es gab zwar Magie, aber sie war nicht sooo wichtig (und die Geschichte und der tolle Schreibstil hätten auch ohne sie gut funktioniert), man war innerhalb kürzester Zeit in die komplette Besetzung der Geschichte verliebt und konnte trotzdem nie sicher sein, dass jede der Figuren nicht auf der nächsten Seite den Kopf verliert. Das Besondere: jedes Kapitel war aus der Sicht einer anderen Figur geschrieben. Und wer in Kapitel 7 der Erzfeind war, ein durch und durch verdorbenes Stück, war in Kapitel 13 plötzlich... naja, irgendwie auch zu verstehen.
Wann Band 2 erschien, weiß ich nicht genau, aber ich bin sicher, auf sein Erscheinen haben schon sehr viele Menschen sehr sehnsüchtig gewartet. Von Band zu Band wurden es mehr. Jeder der Bände rechtfertigte die Vorfreude: es wurde alles immer vielschichtiger, besser, spannender und überraschender. Und jeder Band war eine richtig fette Schwarte von um die 1000 Seiten. Als Band 4 zur Hälfte fertig war, wurde irgendwann klar, dieses Buch wird so dick, dass man es mit den Mitteln moderner Buchdruckerkunst nicht binden kann. Also beschloss der Autor, daraus zwei Bände zu machen, die zwar zur gleichen Zeit spielen, aber dabei unterschiedlichen Protagonisten folgen. Im Nachwort zu Band 4 hieß es, Band 5 wäre dadurch ja schon automatisch so gut wie mitentstanden, jetzt schon zu zwei Dritteln fertig und würde in einem halben Jahr erscheinen. Inzwischen hatte die Anhängerschaft der Bücher in etwa die Kategorie "Harry Potter für Erwachsene" erreicht. All diese Millionen von Menschen warteten seit 2005 auf Band 5, "A Dance with Dragons." Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie von dieser Serie gehört, und das würde auch bis April 2011 so bleiben. All diese Leute wurden immer aufgeregter, unruhiger und ärgerlicher. Der Erscheinungstermin wurde angekündigt, verschoben, angekündigt, verschoben, sechs Jahre lang. Inzwischen war einigen Fans der Faden schon so gründlich gerissen, dass sie den armen George R.R. Martin, abgekürzt GRRM, (den Autor, der aussieht wie der Weihnachtsmann) auf seiner Homepage übel beschimpften, jedes Mal, wenn durchsickerte (oder er selbst darüber bloggte), er hätte Football geguckt, sich eine Pizza bestellt oder eine Reise gemacht. "Lass den Scheiß, schreib das verdammte Buch!" War der Tenor. Einige besonders Undankbare warfen ihm sogar vor, er wäre alt und fett, es wäre nicht auszuschließen, dass er demnächst tot umfallen würde, ein Grund mehr, endlich die versprochenen sieben Bände zu liefern, bevor es zu spät ist. All das kann ihm nicht geholfen haben, schneller zu Potte zu kommen.
Jetzt, im März 2011, wurde ein neuer Erscheinungstermin angekündigt: 12. Juli 2011. Und im April konnte man auf seiner Homepage zum ersten Mal ein Cover sehen und einen triumphierenden Blogpost, dass er fertig ist mit dem Mistviech. Fertig. Band 5 ist fertig. Alles, was noch getan werden musste, war Drucken, Binden, Verkaufen. Ab dem Tag, an dem man das Buch bei amazon vorbestellen konnte, führte es die Ranglisten klar an. Millionen von Fantasy-Fans (nicht gerade die angenehmste Sorte im Umgang) und eigentlich hochkultivierten Leserinnen und Lesern hatten Hummeln im Hintern, was diesen 12. Juli betrifft. Die Foren kochten über. Urlaube wurden so genommen, dass man dem Postboten das Paket aus der Hand reißen und eine Woche lang auf dem Sofa bleiben kann. Längst geplante Besuche von guten alten Freunden für Mitte Juli wurden abgesagt.

Und nun ich. Anfang Mai fing ich an zu lesen und klebte spätestens auf Seite 20 am Leim, und ich bin nicht einfach zu begeistern, die Nesbo-Nummer oder dieses Dusselsmilleniumding z.B. habe ich zwar gelesen, aber die haben mich kalt gelassen. Inzwischen bin ich trotz Jobstress ca. 3.000 Seiten weiter am Ende von Band 3. Band 4 wartet noch auf mich, und Band 5 hatte ich vorbestellt. Am 6. fliegen wir in den faulsten Mädchenurlaub aller Zeiten, und ich dachte so bei mir, wie schade, wenn das Buch eine Woche früher erscheinen würde, müsste ich mir keine Gedanken machen, bis zum 6. schon zu weit mit Band 4 zu sein, denn dann kann ich Band 5 mitnehmen in die Sonne. Aber weil ich noch ca. einen Meter anderer Bücher habe, die ich auch alle unbedingt lesen will, und bald, war das nur eine niedliche kleine Mini-Sorge.
Die Ausgangslage, mit der wir uns heute morgen konfrontiert sahen, dürfte also klar geworden sein:
Da sind auf der einen Seite rund um den Globus Millionen und Abermillionen von eingefleischten Fans, die seit Jahren darauf hinfiebern, dieses Buch in den Händen zu halten, und dabei ein ums andere Mal enttäuscht wurden. Die es nun wirklich, aber wirklich nicht mehr aushalten. Und da bin auf der anderen Seite ich, die vor ein paar Wochen zufällig über die Bücher gestolpert ist, sich gefreut hat, dass es davon schon vier Stück gibt, und dann noch ein bisschen mehr, als sie gesehen hat, dass das fünfte ja nun auch bald erscheint! Nur, hm, schade, ein bisschen zu spät, um es noch mit in den Urlaub zu nehmen, aber ist doch auch schön, wenn zuhause etwas Nettes auf einen wartet, nicht wahr?

Und jetzt kommt's. Amazon hat genau 180 Exemplare weltweit zu früh verschickt. Zwei Wochen zu früh. Von den 6 Millionen (habe ich irgendwo gelesen, können aber noch mehr sein), die gerade weltweit auf dieses Buch hinfiebern, haben 180 eine nette Überraschung erlebt, als heute der Postbote da war.

Und wer ist eine davon? Ich.

Die Chancen dafür standen so ungefähr bei... Moment... hm, die dürften vergleichbar sein mit Zwillingen nach ICSI mit 63.
Können wir nicht tauschen, liebe Vorsehung? Du kriegst das Buch zurück, und ich dafür endlich die Blagen?

Warum muss ich bei so etwas so ein irres Glück haben, und bei einer hundsgewöhnlichen Allerweltssache wie Kindern irgendwie... naja... diesmal nicht, aber vielleicht ja nächstes Mal?

G.R.R.R.R.R.R.R.R.R.
M.

Und damit zu etwas ganz anderem.

Kommentare:

  1. Hach, ich weiß, viele denken jetzt, herrje schon wieder diese Bücher.... aber ich kann nur leise sagen:

    ICH AUCH!!!!!

    Liegt hier rum die Schwarte!!
    Ich habe 5 Jahre gewartet auf Band 4 ("AFFC" wie wir sagen) und 6 Jahre auf ADWD und damit 11 (ELF!) Jahre auf News aus dem Norden. Ich habe viel, sehr viel gelesen dazwischen, aber nichts, was hier rankommt. Und jetzt liegt
    das Buch vor mir und ich hab AFFC erst halb durch, GAAAAAAAAAHHHHHHHHHHH

    Nun ja, steigert die Vorfreude.

    Und dass ich nebenbei spritze, krieg ich kaum mit. Freu mich nur wie ein Schnitzel auf die US-Termine und hoffe auf lange lange Wartezeiten....

    lesende Grüße
    Bernstein

    AntwortenLöschen
  2. Hallo?! kapierst du's nicht? :D

    DAS war die Antwort des Universums auf die schnöden Snood-Verluste. So nach dem Motto: Wenn du mit mir spielen willst, dann zeige ich dir mal wie dieses Spiel so läuft.
    Lass dir das mit den Wahscheinlichkeiten mal schön langsam und gründlich ins Hirn sickern.
    Damit Frau Bauch ein klares "Go" bekommen kann: Du wirst bald Mama!
    :))))

    *ggg*

    AntwortenLöschen
  3. Sieh's doch als Wink des Schicksals, versteiger das Buch auf Ebay und benutze den Ertrag um die nächste Runde fürs Baby mitzufinanzieren! Keine schlechte Idee, oder?
    GLG, Chrissi

    AntwortenLöschen
  4. ach, was für ein schöner vergleich. ich hab während meiner ersten IVF geträumt, ich hätte eine eileiterschwangerschaft. im traum hab ich gedacht: ach nö, ich wollte doch gern zu einer minderheit gehören - aber doch bitte zu der, bei der es gleich beim ersten versuch klappt - und nicht zu der noch minderen minderheit, die eine eileiterschwangerschaft hat (das waren wohl 3 prozent).
    am ende war ich tatsächlich schwanger, bin es aber nicht geblieben.
    was band 5 betrifft: das buch weiß ja nicht, was du sonst noch so treibst im leben. und es gibt ja auch leute, die zweimal im lotto gewinnen.
    ich wünsch dir einen schönen urlaub!
    laulau

    AntwortenLöschen