Samstag, 20. April 2013

Die harte Wahrheit ist: Hamburg ist NICHT die schönste Stadt der Welt.

Auch, wenn die wahnsinnig gutgelaunten Radiomoderatoren dieser Stadt das fünftausendmal täglich behaupten. Ich weiß auch nicht, ob Wien die schönste Stadt der Welt ist, aber schöner als Hamburg ist es allemal. Hamburg könnte aber davon profitieren, wenn man ein paar Wiener Einrichtungen einfach hierher verpflanzen würde. Wie die Rauchgenehmigung in vielen Cafés, Bars und Restaurants. Das von einer Schwangeren? Von einer, die am 20. Oktober abends auf einer Terrasse im Ruhrgebiet gemeinsam mit ihrem Cousinchen die vorerst letzte Zigarette geraucht hat und eigentlich ständig Leute bitten müsste, die Fenster zu öffnen oder ihren Rauch in die andere Richtung zu pusten? Genau das. Ich finde es zufällig nett, wenn man im Café rauchen darf. Es stört mich überhaupt nicht, ich rieche das gern. Wird der Qualm später dann zu dicht, bin ich sowieso seit Stunden auf dem Heimweg, dafür sorgt schon die Schwangerschaftsmüdigkeit. Überhaupt herrscht in Wien gar kein dichter Qualm. Erwachsene Menschen rauchen an so einem Abend vielleicht zwei, vielleicht auch fünf Zigaretten zu ihren Getränken. Man kann sie in vielen Lokalen auch einzeln bestellen, eine kostet 30 Cent. Wo man so kultiviert damit umgeht, muss man auch am nächsten Tag nicht die komplette Garderobe in die Reinigung geben. Diese Art des Bar-Rauchens würde Hamburg wirklich gut stehen. Genau wie das Schwarze Kameel. Kennt es jemand hier? Eines Tages, wenn L. und ich fertig sind mit spintisieren und zur Abwechslung mal tatendurstig genug sind, eröffnen wir hier so etwas wie das Schwarze Kameel. Jedenfalls den Schnittchenteil. In Wien ist es ein sehr altehrwürdiges Restaurant, das eine vorgelagerte Bar hat. In diese Bar kommt man herein und steht sofort vor einer Vitrine mit köstlichen, phantasievoll belegten kleinen Schnittchen, Tramezzini und Brötchen. Man sucht sich ein paar aus, nimmt sie mit zu einem der Plätze und bestellt sich etwas zu trinken dazu, beispielsweise einen Pfiff Bier, wobei ein Pfiff sich irgendwo zwischen 0,1 und 0,2 Litern bewegt (und alkoholfreies Bier gibt es natürlich auch, wenn auch nicht in so zierlichen Größen). Viel netter kann man seine Mittagspause nicht verbringen als mit diesen Schnittchen. Auch eine Straßenbahn wie die Bim hätte ich hier gerne, und wenn es nur den Vorteil hätte, dass man etwas aufmerksamer über die Straßen flanieren müsste, damit sie einem nicht die Füße abfährt. Auf dem Schaltkasten einer Bim zu sitzen, ist eine der nettesten Fortbewegungsarten, die man sich in der Innenstadt denken kann. Wer die wohl in Hamburg damals abgeschafft hat? Es wird zwar diskutiert, sie zurückzuholen, aber erstens sind schon wieder ein paar rammdösige Anwohner dagegen, und zweitens geht schon das ganze Geld für die unklug und schlampig vergebenen Kredite der HSH Nordbank drauf, leider.

Was haben wir in Wien sonst noch gemacht? Diesmal an wenigstens einem Abend sensationell schlecht gegessen. Ich war noch nie in Prag, aber einer der Gründe, dorthin zu fahren, wären für mich immer die Geschichten über die böhmische Küche gewesen. Bei unserem ersten Wien-Besuch kamen wir (leider nicht zur Essenszeit und nicht geistesgegenwärtig genug, um uns die Adresse zu merken) an einem böhmischen Lokal vorbei, das auf der draußen angeschlagenen Speisekarte alle Gerichte ausschließlich in der Originalsprache aufgeführt hatte. Das war wie Tim und Struppi, so schön! Es gab Gerichte mit Namen wie Splonzc oder Plexci-Glazs, dazu gebackene Czenkc. Diesmal hatte ich gelesen, dass es keinen Kilometer von unserem Hotel das "Böhmische Kuchl" gab, das es immerhin auf die Bestenliste des Stadtmagazins Falter geschafft hatte und im Internet von Gästen gefeiert wurde. Um noch Platz für den Nachtisch zu lassen, bestellten wir beide "nur was Kleines": die Spezialität des Hauses, böhmische Kartoffelpuffer, L. mit Pilzen, ich mit Speck. Das ist jetzt vier Tage her, und ich für meinen Teil weiß genau, mein Puffer ist immer noch irgendwo da drin und wird sich vermutlich erst mit der Plazenta lösen. Es war grauenvoll. Noch nie war ein Kartoffelpuffer auch nur annähernd so übel, und ich hatte viele: tiefgekühlte, frische, in der Mikrowelle aufgewärmte aus der Mensa, ich hatte sogar schon aus getrocknetem Instant-Teig mit Seewasser angerührte und auf einem Campingkocher ohne Fett gebackene Puffer. Auch die Beilagen waren im Netz sehr gelobt worden, und wieder mal dachte ich mir: die Leute sind einfach gerne Entdecker besonderer Geheimtipps. Sie möchten gerne erzählen, was für ein schönes Restaurant sie entdeckt haben, was für ein Kleinod, und sich dann für ihren Spürsinn feiern. Sie geben nicht gerne zu, dass sie Zeit und Geld in schlechtes Essen investiert haben und dass ihr Instinkt sie wieder mal fehlgeleitet hat. Jede Dönerbude hat besseren Krautsalat, und der grüne Salat schmeckte, als hätte jemand beim Anrichten, statt eine Salatsauce zuzubereiten, einfach bitterlich hineingeweint. So kam es, dass wir in einer Stadt, in der man an jeder Ecke großartig essen kann, eine der fünf schlimmsten Mahlzeiten unseres Lebens hatten, so schlimm, dass es eigentlich nicht mehr als Mahlzeit zählt, sondern als Abenteuer und damit auch schon wieder in Ordnung ist. Zwei Nächte habe ich überhaupt nicht geschlafen, und Würmchen war auch beleidigt. Im Theater waren wir auch, und das war sehr schön. Wer mal hinkommt und Lust hat, soll bitte ins Akademietheater gehen: das war inzwischen meine fünfte Aufführung dort, und alle waren großartig. Aus der öffentlichen Generalprobe in der Volksoper sind wir dagegen geflohen. Wenn man von mir erwartet, dass ich mitfiebere, ob die Ehe zwischen einem alten, dicken, krankhaft eifersüchtigen, übellaunigen und glatzköpfigen Schulrat und seinem jungen, hübschen Mündel in Ordnung kommt, dann wird man enttäuscht oder muss sich jedenfalls bei der Musik richtig Mühe geben.

Und dann habe ich mir in der Buchhandlung hinterm Stephansdom noch ein Buch gekauft, von dem ihr bestimmt noch mehr hören werdet: "Warum französische Kinder keine Nervensägen sind" von Pamela Druckerman. Stunden habe ich in Kaffeehäusern herumgesessen, eine Zitrone-Soda (noch so eine Wiener Nettigkeit, die es hier geben müsste: man bekommt überall Mineralwasser mit viel Zitrone) vor mir, den unbeachteten Apfelstrudel und die in sich zusammenfallende Sahne daneben und das Buch auf dem kugelrunden Bauch balancierend. Ich bin noch nicht ganz durch, aber bisher begeistert: es handelt davon, wie man ziemlich lässig dafür sorgt, dass Kinder selbstbewusst, fröhlich und entspannt aufwachsen, früh durchschlafen und sich nicht zu dauerquengeligen, schüchternen und launischen kleinen Biestern entwickeln, die unter dem Tisch Gäste ins Bein beißen, jedes Telefonat unmöglich machen und aus Prinzip nur Pizza und Cola zu sich nehmen. Beim Lesen hab ich mich immer wieder gefragt "Tatsache, kann das so einfach sein?" und beschlossen, dass das a) mein einziger Erziehungsratgeber im Haus bleiben wird und ich dieser Methode b) eine ernstgemeinte Chance geben werde.

Seit gestern bin ich offiziell im letzten Drittel dieser Schwangerschaft. Würmchen, du wirst Augen machen: Mama hat eine Menge vor mit Dir.

Kommentare:

  1. Entspannt und kultiviert mit dem Thema Rauchen umzugehen: schön und gut - es gibt ja tatsächlich Leute, die sehr stilvoll rauchen und bei denen das irgendwie schön aussieht.
    ABER: spätestens wenn dein kleiner Wurm geschlüpft ist und du dich mit ihm im Schlepptau zum Frühstück oder Nachmittags-Latte in einem Cafe verabredet hast, wirst du das Verbot zu schätzen wissen. Rote Qualm-Augen und nach Nikotin riechende Bodys bei Babys sind nämlich leider so gar nicht cool!

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    1. Mit einem Kind würde ich eh nicht in ein Cafe mit Rauchern gehen, sondern in ein Kinder-/Müttercafe. Abgesehen davon, daß es mit Kleinkindern in einem Cafe sowieso ziemlich unentspannt ist, weil man spätestens ab 6 Monaten aufpassen muß, daß sie sich nicht aus dem Wagen drehen. Später darf man hinterherhetzen oder in Kauf nehmen, daß die Kleinen mal den Geschmack von Seramis etc. testen.
      Noch später rennen sie eh lieber herum, und das am liebsten draußen.
      Also Cafe fand ich nie so entspannend wie vorher ohne Kind. Da habe ich mich lieber bei jemand zuhause verabredet.

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  2. Wie kann man sich nur wünschen, dass in Lokalitäten wieder geraucht wird (außer wenn man ein extremer Dauerqualmer ist)? Verstehe ich nicht!

    Und zu deinem Ratgeber: viel Spaß beim Umsetzen!
    Das Geile am Kinderkriegen ist, dass man sich nicht drauf vorbereiten kann.
    Man kann lesen, Pläne machen und hoffen, dass man eine noch so coole, lockere und lässige Mama wird - und dann ist das Kind da - und du fühlst dich als ob du mit 200 gegen eine Wand gefahren wirst.
    Es ist alles anders und man wundert sich wie man gegen seine eigenen Vorsätze und Vorstellungen handeln kann.
    Das Lustige ist - ich war nicht anders als ich schwanger war.
    Aber als Mama lesen sich deine Postings schon ein wenig lächerlich.
    Du kannst nichts dafür, ich weiß, aber lese deinen Blog mal in 1,5 Jahren, dann wirst du wissen was ich meine.
    Trotzdem viel Spaß beim Lesen und Lockersein!

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    1. Irgendwie ging es uns doch allen so, daß wir uns das gaaanz anders vorgestellt hatten. Schon der andauernde Schlafentzug ohne Erholungspause ist nicht annähernd nachvollziehbar, wenn man das nicht durch hat.
      Aber so einige Sachen konnte ich doch ganz gut durchziehen,z.B. Konsequenz, und immer sofort erklären, wann immer das Kind Fragen hat.
      Ich finde es gut, daß Flora nur einen Erziehungsratgeber hat und dabei bleibt. Zuviele Methoden machen nur wuschig und verwirren das Kind. Und wer heutzutage Kindererziehung und Pflege nicht mehr in Großfamilien nebenbei mitkriegt, darf sich ruhig einen Ratgeber kaufen, findet die A.

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    2. Ach ja, diese ganzen mitleidigen Blicke und "ihr werdet auch noch euer blaues Wunder erleben"-Kommentare fand ich schon am Ende der SS zum kot***. Das hilft niemandem. Irgendwie steckt da immer der Neid dahinter, dass andere es (noch) nicht so schwer haben wie man selbst. Vielleicht bekommt Flora ja wirklich das entspannteste Kind der Welt? Und wenn nicht, wird sie es wohl auch nicht umtauschen ;)
      Tina

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  3. Wenn ich das so lese:
    Liebe Flora, bist du eigentlich schon verbereitet auf den Mütter-Zicken-Krieg??

    Ein noch ganz wichtiger Tip ist, niemals mit Müttern zu diskutieren, die eine andere Philosophie zu was auch immer haben als man selbst. Nützt nix. Endet im Blutbad. Ist auch egal, deren Kinder werden auch groß. Die eigenen zu deren Verblüffung auch :-).

    Es ist unglaublich, wie sich Frauen in Deutschland gegenseitig angreifen können, Vorsätze lächerlich finden oder gutgemeinte Tips verallgemeinernd als "immer der Neid" abtun.
    Warum???

    Ich hab das Buch übrigens auch gelesen und fand es sehr erhellend! Würde nicht sagen, dass es als Erziehungsratgeber durchgeht, aber man kann schon einiges lernen und verwenden! Ich finds auch wichtig, dass man sich eine Grundlinie überlegt zur Erziehung. Was will man dem Kind beibringen? Wie soll es sich entwickeln? Welche Eigenschaften soll es entwickeln? Was ist Ziel der Erziehung?
    Die zweite Frage ist dann, mit welcher Erziehungsstrategie erreiche ich das? Mein Buch ist Jesper Juuls "Das kompetente Kind" und das reicht mir auch. Eh schwierig genug, so was im Alltag immer im Kopf zu haben.

    Zum Rauchen in Cafés sag ich aber lieber nix als militanter Nichtraucher. Ich bin heilfroh, dass das vorbei ist... ;-)

    Nicht bange machen lassen!
    liebe Grüße
    Bernstein

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    1. Ohja. Ganz beliebte Bis-aufs-Messer-streiten-Themen sind Stillen und Impfen. Pucken, Schlafen, Tragen, Verwöhnen mit etwas Abstand auch. Oft findet man die totalen Befürworter oder totalen Gegner.
      Wie schon geschrieben, nicht diskutieren, lächeln und weitermachen.

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