Sonntag, 7. April 2013

Endlich auf der anderen Seite

Als ich noch mitten in meiner Abkürzungszeit war und es sich manchmal anfühlte, als wären all diese fremden Frauen im Supermarkt, in der Ubahn und auf den Straßen nur schwanger, um mich zu nerven, dachte ich: die haben keine Ahnung. Für die ist es so leicht, es passiert einfach und entwickelt sich und wächst und funktioniert ganz von alleine, und auch wenn sie sich vielleicht trotzdem manchmal innerlich auf die Schulter klopfen und denken, das läge an ihnen, ihrer Einstellung und ihrem Lebensstil, wissen sie trotzdem nicht, was für eine gewaltige Anstrengung das für uns ist. Was wir alles tun und bleiben lassen, was für Ängste wir überwinden, wie viel Zeit wir da reinstecken und wie viel Geld, wie viele Selbstzweifel das mit sich bringt und wie viel Zorn auf andere wegen der vielen dämlichen Bemerkungen und Verständnislosigkeiten. Und dass es trotzdem wieder und wieder nicht klappt und wir uns dann auch noch anhören müssen, wir "wollten das zu sehr". Ich weiß, dass ich Glück hatte und mich viele Dinge nicht so schlimm getroffen haben wie andere, dass ich wenig Nebenwirkungen hatte und gute Ärzte. Aber trotzdem gab es Tage und Wochen und sogar Monate, da fühlte sich das alles an, als würde ich versuchen, eine zwar kuschelweich gepolsterte, aber mit meterdickem Beton verstärkte Gummiwand zu durchbrechen, von deren Existenz die Leute noch nicht mal eine Ahnung haben, die auf der anderen Seite stehen und eine Gartenparty in der Junisonne feiern.
Jetzt habe ich selbst ein angeblich schon über 30 Zentimeter langes Baby im Bauch, das einfach so angefangen hat, zu wachsen und zu zappeln. Und manchmal ist da noch das Gefühl, ich müsste doch etwas tun, damit es bleibt und damit es ihm weiter gut geht. Es kann doch nicht sein, dass nach all den Sprays und Spritzen und Verhaltensmaßregeln plötzlich nichts weiter zu tun bleibt, als die Finger von Fluppen und Alkohol zu lassen und mich zu schonen? Und an solchen Tagen - heute ist so einer - fange ich den Tag statt mit Toast, Ei und Käse an mit einem Müesli, das dreimal so langsam zubereitet wie aufgegessen ist, ich dusche bei unbehaglichen 35 Grad, ich mache noch vor dem Frühstück meine Schwangerschaftsgymnastik und ich zupfe und massiere so lange meinen Bauch, bis auch das letzte Tröpfchen Öl aufgesaugt ist. Und trotzdem fühlt es sich immer noch so an, als wäre das nicht genug.

Kommentare:

  1. Ich kenne das Gefühl nur zu gut, gestern lag ich auf dem Sofa habe den Bauch gehalten, geweint und zur Kleinen gesagt, dass ich sie immer beschützen werde und ich werde alles tun aber auch alles. Ich hoffe ich werde keine zu schlimme Glucke ;)

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  2. Danke für den Post! Ich wünsche Euch alles nur erdenklich Gute! Ich denke: einmal Abkürzungsdame, immer Abk.Dame, auch wenn Mama dem Kind gegenüber dann natürlich trotzdem nicht überbesorgt sein darf... Sagt die fürchterlich sensible V., die sich leider noch auf der Seite gegenüber befindet und gerade mitten in Ihrer 9. ICSI...

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    1. Liebe V.

      meinen Respekt vor deinem Durchhaltevermögen. Eine Freundin hat mit der 9ten ICSI ihre Zwillinge gemacht bekommen. Glaub an dich! Good Luck.

      Unbekannte Grüße

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    2. Das ist lieb, Danke!
      V.

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  3. Ja, irgendwie bleibt man immer Abkürzungsdame. Ich habe Gäste auf der Taufe unseres Sonhnes gerade als "auch (!) ungewollt kinderlos" beschrieben. Und hätte mich meine beste Freundin nicht schräg angeschaut, wäre es mir nicht mal aufgefallen...
    Tina

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  4. Auch von mir Danke fuer diesen Post, du beschreibst dieses Gefuehl so treffend. Gerade heute habe ich mich auch wieder dabei ertappt, dabei ist mein Sohn nun schon 7 Monate. Ich bin manchmal wirklich ganz verwundert, dass ich nicht mehr leisten muss als die Muetter die ganz von selbst schwanger wurden. 5 Jahre Kinderwunschzeit stecken mir wohl noch in den Knochen, vielleicht braucht es weitere 5 Jahre, um das wieder abzubauen? Aber eigentlich ist es ja toll wenn man immer wieder realisiert, dass man gar nicht mehr tun muss.
    Liebe Gruesse und ich hoffe, noch lange bei dir mitlesen zu duerfen. Du machst doch nach der Geburt von Wuermchen noch weiter hoffe ich?

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  5. Hey,

    ich kann es vollkommen nachempfinden. Ich bin im Moment allerdings noch immer auf der Seite derjenigen, die noch hoffen und beten, dass überhaupt irgendetwas wächst. Aber gleichzeitig denke ich mir, dass ich mir kaum vorstellen kann, wie es sein muss, endlich so einen kleinen Wurm in mir zu haben, der einfach wächst und gedeiht und man muss keine Spritzen, keine Hormone und nichts mehr tun. Nur noch Mutter Natur ihren Freiraum geben.

    Alles Gute für euch!

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  6. Hallo,

    ich war auch fast 3 Jahre lang Abkürzungsdame und bin - Wunder gibt es immer wieder - jetzt zum 2. Mal auf natürlichem Wege schwanger. Und während ich bein 1. Mal auch Öl massiert, Leinsamen gegessen und nur noch Federn gehoben habe, schleppe ich diesmal meine 1-Jährige die Treppen rauf und runter, schiebe mal schnell ne TK-Pizza rein und komme als Working-Mum kaum zum Duschen geschweige denn zum Einölen. Und auch so wird nebenbei ein Zellhaufen zum Baby. Eine sehr entspannte und heilsame Erfahrung.

    Du machst alles besser als nötig ;o)

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  7. Hallo,

    ich kenne das ganze Kinderwunsch Drama auch zu gut. Ich bin auch gerade zum 2. schwanger, und diesmal schleppe ich wie meine Vor-Kommentatorin meinen 1,5 Jährigen überallhin, weil der partout noch nicht laufen will. Und es funktioniert auch, dem Krümel gehts blendend!

    Inzwischen sehe ich Schonung als Luxus an, den man genießen sollte. Du kannst wirklich beruhigt sein, so leicht sich das sagt, Du machst das alles 110 prozentig!

    Alles Gute weiterhin!

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