Montag, 15. Juli 2013

Drei drüber.

Alle drei Tage stemme ich meinen schweren Wanst vom Sofa hoch und mache das Haus besuchsfein. Ich fege die Fellmäuse von der Treppe, ich schicke den Saugroboter durch alle Zimmer ohne Teppich, ich mache Dusche und Waschbecken sauber, ich räume den ganzen Mist von den frisch bezogenen Betten für meine Familie, und dann atme ich durch, sehe mich um und kann mich für ca. einen halben Tag entspannen. Bis L. und die Hunde (und ich vermutlich auch) dafür sorgen, dass es wieder abwärts geht. L. beispielsweise stellt bevorzugt Dinge auf das Bett, in dem meine Eltern schlafen sollen. Wäschebottiche, Sporttaschen, aber auch mal einen seit fünf Jahren nicht mehr benutzten Plattenspieler. Das daraufhin dringend fällige Gespräch habe ich schon achtzig mal geführt, Danke für den Tipp, ohne Ergebnisse. Und ich weiß nicht, auf wen ich dann wütender bin: auf L., der meine mit so viel Schweiß und Schnaufen und Mühe hergestellte Ordnung immer wieder zerstört, oder auf Würmchen, das sich einfach weigert, jetzt endlich verdammt noch mal zu kommen, damit ich damit aufhören kann.

Ich fühle mich langsam aber sicher wie eine Simulantin. Ich treffe wildfremde Leute auf der Straße - die Kassiererin aus meinem Stammsupermarkt, Leute aus dem Viertel, deren Hund schon mal an Lilis Po geschnuppert hat, Handwerker, die vor Ewigkeiten mal bei uns waren - und alle fragen immer "Naaaa? Immer noch nicht?" und ich komme mir vor, als würde der Witz langsam alt und als müsste ich demnächst mal aufhören, immer mit diesem Kissen unterm Pulli rumzulaufen. Ist da jetzt ein Baby drin oder nicht?

Die Atemnot ist auch wieder da, und zwar in alter Hochform. Sitzen ist doof. Liegen aber auch. Stehen und Gehen sowieso. Gibt es eine Position, in der man sich jetzt noch wohl fühlt, dann habe ich sie noch nicht gefunden. Eine Badewanne, die jetzt ja helfen soll, haben wir nicht. Schlafen kann ich auch nicht. L. schnarcht außerdem seit ein paar Wochen, nur für den Fall, dass es mir ausnahmsweise mal doch gelingen sollte. Merkt ihr was? Diese Hormongemengelage ist nicht sehr L.-freundlich. Ich bin ohnehin meistens nicht sehr scharf auf menschliche Gesellschaft, jetzt gerade wird es extrem. Und L., der nun mal den ganzen lieben langen Tag da ist, kriegt es ab.

Inzwischen muss ich alle zwei Tage bei einem Arzt erscheinen, egal was. Gestern z.B. habe ich fünf Stunden in meiner Geburtsklinik verbracht nur für ein CTG, so ruhig und langweilig wie das Mittelmeer. Und auch da zeigte sich, dass meine armen Mitmenschen gerade eigentlich gar nichts tun müssen, um mich bis zur Weißglut zu reizen. Gestern waren da außer mir wieder mal nur Paare und Familien, die wollen sich dann unterhalten, denken aber, es wäre rücksichtsvoller, zu flüstern. Fünf Stunden Gespräche vs. fünf Stunden Flüstern - da fällt mir die Entscheidung leicht. Gespräche kann ich sofort ausblenden, aber dieses Gezischel, Geschmatze und Geraschel einer lauten Flüsterunterhaltung macht mich - na? Wahnsinnig. Dann sitze ich da und schäme mich, was ich für eine bin, und wünsche diesen flüsternden händchenhaltenden Harmoniebiestern gleichzeitig die Krätze an den Hals und schäme mich dafür noch mehr. Mit dem Ergebnis, das dann bei der Messung mein Blutdruck an der Oberkante war und ich noch mal eine Stunde liegen musste, bevor sie mich endlich, endlich haben gehen lassen. Und das nächstes Wochenende noch mal? Auf gar keinen Fall.

Ich will nicht mehr. Würmchen, es ist Montag. Ich finde, du könntest gefälligst mal an die Arbeit gehen. Und auch wenn die Ärztin, die meine Ärztin gerade vertritt, das mit den sieben Tagen nicht so eng sieht und sagt, zehn Tage drüber wären auch noch ok: nein, nicht für mich. Freitag ist Schluss. Hörst Du, Würmchen? Freitag.

Kommentare:

  1. Liebe Flora!
    Ich kann Deine Ungeduld nur zu gut verstehen! Ich bin 9!!! Tage drüber gegangen und das ist ja sowas von nervig. Auch ich musste jeden 2. Tag in der Klinik antanzen und dort liegt noch dazu die Ambulanz direkt neben der Geburtenstation, wodurch ich dann jedes Mal wieder Ex-Schwangere getroffen habe, die ich noch vom Vorbereitungskurs oder ähnlichem kannte (also etwa zur selben Zeit Termin hatten) und schon glückselig ein Wägelchen mit ihrem Zwutschgi herumgeschoben haben - ich immer noch kugelrund und unbeweglich. Aber - und jetzt kommt das große Aber: ich bin heute froh drüber! Sicher, der "Kleine" ist in der Zeit immer größer und größer geworden, trotzdem hab ich die Geburt überlebt ;) und dafür war Tim von Anfang an total ausgebacken und geschickt. Er hat super getrunken, war kein wimmerndes Etwas sondern einfach nur zufrieden. Also: das werden die bravsten Babys - und er ist heute mit fast 6 Monaten immer noch so. 1 Euro für jedes Mal wenn ich höre: so ein zufriedener, freundlicher Kerl!
    Also, Kopf hoch und toi toi toi!
    Michi aus Linz

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  2. Liebe Flora, in meiner ersten Schwangerschaft, wo ich auch gegen Ende sehr ungeduldig war, sagte mir eine Freundin: "Du wirst dir dein Baby noch in den Bauch zurück wünschen!"... und so war es dann auch, auch wenn ich im ersten Moment gaaaanz empört war, als sie mir das sagte.. *g* Genieße die Zeit, so allein mit dir selbst bist du dann lange nicht mehr. Und zum Thema Geburtstermin und Fristsetzung habe ich so meine eigene Philosophie, meine Hebamme hat beim ersten Kind (ohne mich zu fragen) angeschubst per Eipollösung, das Kind war (am Termin!) einfach noch nicht fertig, was sich dann in Anpassungsstörungen und Stillproblemen niederschlug. Das zweite Kind durfte dann zwei Wochen über Termin gehen, ein Unterschied wie Tag und Nacht. Er kommt schon von selbst, keine Sorge... Liebe Grüße, S.

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  3. Wenn du fest an deine eigene Deadline glaubst, kann das helfen. Ich habe immer "hellgesehen" das meine Süße am Freitag 2 Tage vor Termin kommt (damit Papas auf max. 2 Wochen limitierter Urlaub maximal ausgereizt werden konnte). Am Donnerstag bin ich zur Sicherheit nochmal flott und weit spazieren gegangen und dabei reichlich Treppen gestiegen. Und Nachts um Drei ging es vorschriftsmäßg los. Ich glaube, man kann da selber im Kopf einiges steuern. Viel Erfolg dabei!

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  4. Hallo Flora,
    drücke Dir die Daumen, daß die Kopfsteurung funktioniert.
    Mit dem "Freitag ist Schluß" wäre ich aber dennoch vorsichtig... Denn Freitag ist der Tag vorm Wochenende - ab 16:00 Uhr ist nur noch die Restbesatzung da... Nicht unqualifizierter, das will ich damit nicht sagen... aber einfach - weniger.
    Und wenn ihr einleitet... kann es durchaus später Nachmittag werden, bis irgendwas losgeht.
    So gesehen wäre Montag vielleicht doch nicht so schlecht?

    LG
    Svea

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  5. Liebe Flora,

    ich möchte dir heute einfach mal "Dankeschön" sagen. Dein Blog und dein Buch haben mir Anfang des Jahres in der schlimmsten und dunkelsten Phase meiner 3,5jährigen Kinderwunschzeit sehr geholfen.
    Damals hast du gerade die erste Zeit mit dem Würmchen erlebt und das hat mir so viel Hoffnung gegeben. Und nun ist das passiert, was ich nie gedacht hätte: ich bin praktisch gleichzeitig mit dir schwanger! Zwar ich am Anfang und du am Ende - aber wer mir das im Januar gesagt hätte, den hätte ich ausgelacht.

    Ich wünsche dir alles, alles Gute für die Geburt und euer Leben mit dem Würmchen! 1000 Dank - unbekannterweise :)

    Liebe Grüße,
    ZweiLinien

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  6. Liebe Flora,

    du und Kate macht es ja ziemlich spannend... ein Kopf an Kopf-Rennen sozusagen.

    Alles Gute für die Geburt und die Zeit danach!

    Kaya

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