Sonntag, 13. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 3.

Sie hat ein paar wirklich schreckliche Angewohnheiten. Eine davon ist, sich in Parks in die Büsche zu drücken und menschliche Scheiße zu fressen, vorzugsweise die von extrem betrunkenen Menschen (was sich für sie gut trifft, denn die sind es häufig, die im Sommer in Parks ins Gebüsch kacken). Eine andere ist es, zur Begrüßung wie bescheuert und minutenlang heulend und schreiend an mir hochzuspringen. Das wäre an sich nicht so wild, nur habe ich gerade einen großen Bauch mit einem Baby drin, an dem möglichst niemand hochspringen soll. Und sie hat andere Krallen als Lili, ihre sind irgendwie scharfkantiger geformt, ein bisschen wie diese Dinger, die man für Linolschnitt verwendet und mit denen ich mir schon in der Schule die übelsten Verletzungen zufügen konnte. Obwohl ihr letzter Sprung an mir hoch schon zehn Tage her ist, habe ich immer noch eine grünliche Strieme am Rücken davon. Bald wird sie verschwunden sein, und neue kommen wohl nicht mehr dazu.

Die traurige Wahrheit ist, sie stirbt. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Es kam mal vor, dass sie ein paar Schritte auf ihren drei Beinen schwankte. Manchmal wirkte sie auch regelrecht fröhlich. Schmerzen hat sie nicht, sie ist bis unter die schwarze Lakritznase mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Aber dann ist sie wieder apathisch, atmet schwer und kann selbst im Sitzen ihre Beine nicht kontrollieren, so dass sie unter ängstlichem Quieken in den Spagat rutscht. Vorletzte Nacht habe ich auf ein paar Decken neben ihr gelegen und sie gekrault, während sie so geröchelt hat, dass ich dachte, das war es jetzt. Sie frisst und trinkt nicht, oder doch fast nicht. Ab und zu gelingt es uns, ein paar Löffel Quark oder ein bisschen selbstgekochte Hühnersuppe in sie hineinzuzwingen, aber es reicht bei weitem nicht, um so einen großen Hund durchzubringen. Ihr Urin ist dunkelorange. Gestern Morgen war ich mit ihr in der Tierklinik, sie haben ihr den Verband gewechselt, die Wunde versorgt (an der sich auch nichts tut, jedenfalls nichts zum Guten, was mit bloßem Auge zu erkennen wäre) und ihr Blut abgenommen. Nachmittags riefen sie an, sie wäre völlig dehydriert, und wir haben sie zurück in die Klinik gebracht, damit sie an den Tropf kommt. Ein paar Stunden später, so um zehn, kam der nächste Anruf. Jetzt ist ihr Blut viel zu dünn, es geht ihr sehr schlecht, und sie haben gefragt, ob Lili ihr vielleicht Blut spenden könnte. Also sind wir mit Lili und Würmchen in die Tierklinik gefahren, wo sie ihr einen großen Beutel Blut aus dem Hals gezapft haben und damit zu Momo gegangen sind. Wir konnten wieder nicht zu ihr, damit sie nicht denkt, sie darf nach Hause. Vielleicht will sie einfach nicht mehr leben und nimmt deshalb als verfressenster Hund der Welt plötzlich nichts mehr zu sich. Vielleicht haben die in der Klinik auch Unrecht gehabt, sie hat doch eine innere Verletzung (daher auch der orangefarbene Urin vielleicht?), und an der stirbt sie jetzt eben langsam und unaufhaltsam, so dass wir uns und ihr die ganze Bein-OP hätten ersparen können. Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch, und in ein paar Wochen ist sie wieder auf dem Damm. Ich weiß nur, wenn sie stirbt, dann hätte ich ihr das anders gewünscht. Ihr altes Frauchen erreichen wir nicht, sie hatte schon immer Probleme mit ihrem Handy, und gerade sprechen wir ihr eine dringende Nachricht nach der anderen auf die Box, und sie meldet sich nicht. Ihr ganz altes Frauchen - die eigentliche Besitzerin - wurde bisher von ihrer Tochter geschont, sie wollte mit der ganzen Wahrheit warten, bis es Momo wieder besser geht. Sie denkt, dass Momo einen Unfall hatte, sich das Bein gebrochen hat und sich jetzt prächtig erholt. Es kann sein, dass wir heute Abend (wieder auf eine Mailbox) erzählen müssen, dass sie vor zwei Stunden gestorben ist. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe ich den Nieselregen geguckt und gedacht, das hier wird der Tag, an dem Momo stirbt.

L. will nachher dem Putzpaar kündigen, er ist schon lange genervt, und jetzt sagt er, er will sie nicht mehr hier sehen, für ihn hat mit ihnen das ganze Elend angefangen. Ich kann ihn gut verstehen. Ich bin noch einfach nur traurig und fertig bis in die Knochen, aber irgendwo dahinter lauert schon eine große Wut: auf das dämliche Auto, das viel zu schnell durch ein Wohngebiet gefahren ist wie all die anderen Schlaufüchse, die jeden Tag hier vorbeifahren, durch eine Straße, in der sie nichts verloren haben, um zehn Sekunden zu sparen. Auf das Putzpaar, das einfach die Tür offen stehen und den Hund an sich vorbeirennen lässt. Vor allem auf ihn, der ständig rauchen muss und auch bei dieser Gelegenheit wieder zwischen Tür und Angel herumstand, um seine Fluppe zu Ende zu rauchen.

Bis das passiert ist, war sie so fit. Jeden Morgen ist sie wie ein kleiner Springbock mit mir über die Wiese gehüpft, immer auf der Suche nach einem schönen Bierschiss. Sie hat es geliebt, Lili zu piesacken, sie konnte stundenlang in ihr Genick beißen und sie so durch den Garten führen, und Lili hat sich das von ihr gutmütig gefallen gelassen, obwohl sie viel stärker ist. Sie hat gerne Taschen durchwühlt, und kein Kuchen war vor ihr sicher. Ich habe oft geflucht, wenn sie mich morgens geweckt hat, indem sie fröhlich hechelnd an meiner Seite des Bettes hochgesprungen ist und mir eine ihrer Krallen ins Gesicht gehauen hat. Sie war so gut wie unerziehbar, wenn man sie nur leicht im Nacken gepackt hat oder mal die Stimme erhoben, ist sofort die Welt untergegangen, aber nichts davon ist jemals kleben geblieben, dazu war sie vermutlich schon ein bisschen zu alt, als sie zu uns kam. Sie hat ihre Epilepsie weggesteckt wie eine Große, und mit den Tabletten hatte sie keine Anfälle mehr. Sie hätte bestimmt noch drei, vier gute Jahre bei uns gehabt, voller Spaziergänge, erbeuteter Kuchenstücke, Ohrenkraulen, Spielen und meinetwegen auch den einen oder anderen Bierschiss. Jetzt liegt sie in einer Klinik in einem hässlichen Industriegebiet und leidet. Wenn sie wirklich stirbt, holen wir sie nach Hause.

Kommentare:

  1. Oh nein!
    Liebe Flora, das alles tut mir sehr leid.
    Es ist schrecklich, einen lieben vierbeinigen Freund zu verlieren und ich fühle mit euch.
    Liebe Momo, hoffentlich hast du es bald geschafft und kannst wieder über grüne Wiesen hüpfen - so oder so.
    LG

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  2. Ach nein...:((( ich fühle so mit euch. Wie traurig. Ich weiß gar nicht was ich wünschen soll...Sie nach Hause zu holen ist bestimmt das schönste was ihr für sie machen könnt.
    Menno...

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  3. Das Ganze tut mir wahnsinnig leid für euch. Ich weiß, wie weh das tut. Ich hoffe, dass sie bald nicht mehr leiden muss. So oder so. Alles alles Gute!
    Jule

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  4. Was sagt denn der Tierarzt oder Klinik zu dem orangenen Urin? Evtl. Infektion, die man mit Antibiotika gut wegbekommt? Orangene Färbung könnte Blut im Urin sein, oder auch eine Leberstörung. Ist denn da alles geschallt und geröntgt worden? Evtl. nochmal?

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  5. Entschuldigung, das ist falsch. Entweder ist der Urin rosa oder tatsächlich rot, wenn sich Blut darin befände. Die orangfarbene Färbung kommt durch die starke Konzentration. (Stichwort Dehydratation)
    Alles Gute,
    Jenny (Ges.- und Krankenpflegerin)

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    1. Entschuldigung, ich habe mich zu ungenau ausgedrückt. Ich meine das Abbauprodukt (Bilirubin) des roten Blutfarbstoffs. Daher auch der Hinweis auf die Leber. Aber in diesem Fall scheinst Du mit der Dehydratation richtiger zu liegen, das hatte Flora ja auch schon erwähnt.

      Wie gehts Momo heute? Hoffentlich besser? Ich drücke die Daumen!

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  6. Es ist spät, und ich kann über nichts mehr Anderes nachdenken als Momos Leiden... Gerade las ich einen Artikel darüber, dass Hunde häufig apathisch werden, wenn sie starke Schmerzen haben. Und denke mir (als "Veterinär-Laie"), dass es doch fatal ist, sämtliche Schmerzmittel bei einer solchen Verletzung nach kürzester Zeit wieder abzusetzen?!
    Nochmals alles Liebe
    Jenny

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    1. Ihr Lieben, vielen Dank für all die netten Kommentare. Aber die Schmerzmittel sind nicht abgesetzt, im Gegenteil, sie ist ziemlich zugedröhnt und hat keine Schmerzen. Und sie wird in dieser Klinik wirklich gewissenhaft behandelt und untersucht. Niemand macht hier gerade irgend etwas falsch oder übersieht und verschlampt etwas. Sie ist eben nur schwer verletzt und nicht mehr die Jüngste und hat vielleicht auch noch ein bisschen Pech, und ohne dass jemand Schuld ist, kann das reichen. Noch lebt sie, und noch hoffen wir ein bisschen. Liebe Grüße, Flora.

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    2. Ich drücke weiter meine Daumen. Auch dafür, dass ihr falls ihr sie gehen lassen müsst, den richtigen Zeitpunkt erwischt (so doof das klingt).

      Alles Gute
      Kathi

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