Samstag, 19. Juli 2014

Würmchens rechter Fuß, Teil 1.

Früher wäre das ein Abend für das Tagebuch gewesen. Ich sitze beim Schein einer Kerze am offenen Fenster, draußen hört man nur den Wind und ein paar Kilometerweit entfernte Autos, und das alkoholfreie Bier schmeckt gar nicht besonders alkoholfrei. Aber seit ungefähr sieben Jahren habe ich kein Tagebuch mehr, und nachdem ich mich schamrot ein gutes Stück durch meine ältesten Tagebücher vorgekämpft habe, scheint mir das die richtige Entscheidung zu sein.

Freitag hatte ich einen Vorsorgetermin.
Meine Hauptsorgen vorher waren: hoffentlich kommt L. früh genug von Momos Verbandwechsel zurück, damit ich pünktlich komme, ich hasse es nämlich, unpünktlich zum Arzt zu kommen. Und: hoffentlich ist es nicht ganz so brechend voll wie sonst Freitags, damit ich es noch schaffe, hinterher zu Edeka und zu Budni zu huschen, ohne dass L. zuhause schon nach der Uhr schielt. (Die Tierklinik war dann genau so voll wie die Frauenarztklinik, so dass wir beide warten mussten. Und warten. Und warten.)
Meine Hauptsorge hinterher ist: mein Würmchen hat einen Klumpfuß. Sein rechter Fuß ist verdreht. Sonst scheint alles gut zu sein! Aber insgesamt drei Ärzte standen vor dem Ultraschallgerät, und eigentlich gibt es keinen Zweifel mehr daran. Bei einem neuen Termin in einer speziellen Pränatal-Klinik wird ein noch genauerer Ultraschall gemacht werden, wenn ich aus meinem Urlaub zurück bin. Der soll klären, wie schlimm es ist. Ganz genau wird man es aber erst wissen, wenn es auf der Welt ist. In extremen Fällen kommen Kinder zur Welt, und ihre Fußsohle zeigt nach oben. So schlimm scheint es nicht zu sein. Trotzdem hängt an unserem Kühlschrank jetzt eine Überweisung in die Pränatal-Klinik, und darauf steht als Überweisungsgrund Klumpfuß.

Klumpfuß ist eins der hässlichsten Wörter, die ich in letzter Zeit gehört habe. Und klumpig muss der Fuß auch gar nicht sein, eben nur verdreht. Man kann ganz viel machen. Das konnte man schon vor Jahrzehnten, selbst in der Generation unserer Eltern (vermutlich noch früher) kamen Kinder mit solchen Füßen zur Welt und gingen ein paar Jahre später humpelfrei und ganz normal durchs Leben. Und beute ist alles noch viel besser, weiter, ausgereifter. So wird es ungefähr sein: Das Kind kommt zur Welt, wegen des Fußes jetzt vermutlich doch nicht im UKE, sondern in Altona, denn dort haben sie gleich zwei Spitzenärzte für genau dieses Problem. Ziemlich schnell nach der Geburt wird der Fuß von außen gebogen, massiert und bearbeitet und dann das ganze Bein eingegipst, so dass die Verdrehung etwas abgemildert wird. Der Gips bleibt eine Woche dran, dann wird er abgenommen, wieder Massage und Dehnung und Biegung, wieder Gips. Das wird so ein paar Wochen oder Monate lang gehen. Danach wird in einer ambulanten OP die Achilles-Sehne durchtrennt, die wächst dann innerhalb von ein paar Wochen richtig wieder zusammen. Ist das überstanden, beginnt die lange und vermutlich auch die sehr anstrengende Phase: jetzt muss der geradegebogene Fuß daran gehindert werden, wieder schief zu werden. Dazu muss Würmchen eine Art kleines Snowboard tragen, auf dem zwei drehbare orthopädische Schuhe befestigt sind. Die werden (wieder im Wochentakt) so eingestellt, dass die richtige Ausrichtung verstärkt und festgehalten wird. Dieses Ding muss Würmchen jede Nacht und zum Mittagsschlaf tragen, vorgesehen sind 12-14 Stunden. (Wollen wir mal hoffen, dass Würmchen mehr Schlaf braucht als Huckleberry, der mit acht Stunden locker hinzukommen scheint.) Das geht meistens so weiter, bis Würmchen ungefähr fünf Jahre alt ist. Manchmal auch länger, manchmal ein bisschen kürzer. Manchmal ist auch noch eine richtige Operation notwendig. Manchmal mehrere. Aber am Ende - wenn man die Therapie durchzieht und es schafft, sich und vor allem das Kind bei der Stange zu halten - wird alles gut. Es kann normal laufen, rennen, springen, tanzen, und der Fuß sieht auch normal aus. Und weil selbst bei 14 Stunden am Tag mit Schiene noch zehn Stunden ohne übrig bleiben, hat es jede Menge Gelegenheit, normal zu robben, zu krabbeln, zu toben, zu laufen und zu rennen, wenn es so weit ist - genau zum richtigen Zeitpunkt.

Noch vor ein paar Wochen wären mir zum Thema Klumpfuß diese dicken, schwarzen Schuhe eingefallen, mit denen in meiner Kindheit manche Menschen herumlaufen mussten. Viel mehr auch nicht. Jetzt wird sich das gründlich ändern. Demnächst habe ich einen Termin mit einer Hebamme aus der Frauenarztklinik, deren Sohn mit zwei Klumpfüßen zur Welt kam. Die wird mir einiges erzählen, worauf ich achten muss, wo wir hingehen sollen, was auf uns zukommt. Erst hielt ich das für eine gute Idee, inzwischen habe ich mit ihr telefoniert und bin mir nicht mehr sicher. Bei ihr war es ziemlich schlimm, ich will mir nicht schon im Vorhinein den Mut verhageln lassen. Ein guter Freund von L. ist Kinderarzt auf der Neugeborenenstation in Altona, mit dem werden wir bestimmt auch noch mal sprechen. Ich werde alles jenseits von Foren lesen, was ich dazu in die Finger kriege. Vielleicht geht es ja gut. Vielleicht kriegen wir es gut zusammen hin. Vielleicht hilft es ja, dass Würmchen es von Anfang an nicht anders kennen wird als so, dass er seine Beine nicht immer so bewegen kann, wie er will. Vielleicht hilft ihm das, die Schiene auszuhalten. Vielleicht kann ich doch nicht nach drei Monaten wieder arbeiten. Sehr wahrscheinlich sogar nicht. Vielleicht stehen wir in zehn Jahren genervt schon wieder einen ganzen dämlichen Sonntag lang am Spielfeldrand und müssen Würmchen anfeuern, weil es heute wieder mal ein Fußball- oder Hockeyspiel hat. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht sollte ich einfach den nächsten Termin noch abwarten. Und vielleicht sollte ich jetzt erst mal in meinen Freundinnen-Urlaub fahren und das alles in mein Fusselhirn einsickern lassen.

Kommentare:

  1. Liebe Flora, ich Weiss gar nicht was ich schreiben soll. Das ist nicht das Ende der Welt- aber ich drück Dich ganz doll!
    Ich hoffe, es ist alles nicht so schlimm und dem Würmchen geht es sonst trotzdem gut und Euch Eltern auch.
    Ich bin so emotional was Schmerzen oder Krankheiten bei meiner Tochter angehen, so dass ich schon mal beim Arzt geweint habe, nur weil ihr Popo so wund war, dass sich das in die Beine gezogen hat und sie ihre Beine so komisch gestreckt hat. (ich dachte schon, sie hätte was mit dem Rücken). Deswegen fühle ich sehr mit Euch mit, den niemand möchte sein Kind leiden sehen. Ich hoffe, ihr seid aus einem stärkeren Holz geschnitzt als ich.
    Alles Gute und Liebe!
    Gruss
    S.

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  2. Puh, so ein Schreck. Vermutlich wird alles erst "richtig greifbar", wenn man exakt weiß wie es ist und wie dann der Schlachtplan inkl. Prognose ist. Vorher ist Bis-an-die-Zähne-Vorbereiten bestimmt auch nicht das Schlechteste, um sich drauf einzustimmen, dass es die ersten Jahre mit dem Würmchen immer auch ein Stück weit um seinen Fuß gehen wird. Ich schick euch gute Gedanken und viele Grüße.

    M.

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  3. Liebe Flora, einer guten Freundin ihre kleine hat sogar 2 und nun ist sie 1,5 und man sieht es kaum noch zwar schon 2 Ops hinter sich und immer wieder das Board aber es sieht toll aus und sie kann sogar schon laufen das wird alles gut ich drück dich

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  4. Du bist die wohl stärkste Frau, die ich je 'kennengelernt' habe. Für den Mut und die Fassung, mit der du diesen Post formuliert und auf 'veröffentlichen' geklickt hast, hast du meine aufrichtige und tiefe Bewunderung. Wenn es eine Mutter gibt, die das so problemlos wie diese Situation es zulässt hinbekommt, dann bist das du.

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    1. Besser kann man es nicht ausdrücken. Alles, alles Gute! K aus B.

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  5. Liebe Flora, kenne ein kleines Mädchen, das mit Klumpfüßchen zur Welt gekommen war (und auch noch viel zu früh und winzig klein). Sie ist jetzt vier. Snowboard ist weg. Füßchen und Kind sind sowas von gesund und normal und Lebensfreude pur. Snowboard war für die Kleine nicht schlimm. Nur ihre Mama fluchte öfter über blaue Flecken und Knüffe durch das Teil - beim Kuscheln im Bett kriegt man wohl öfter was ab (die Eltern, nicht das Kind). Ich freu mich so für Dich, dass Du dieses kleine Würmchen erwartest. Sanne

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  6. Dank Dir als tolle Mama wird Würmchen mit seinem Charakterfuss seinen Weg schon gehen.
    .

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  7. Uff, das ist ein großer Brocken. Man sieht soviel auf sich zu kommen, was beachtet und bewältigt werden muß. Aber man gewöhnt sich einfach daran! (Kenne ich nur aus einem anderen Grund, aber es ist so.) Und Kinder sind Meister darin, die Welt so zu nehmen, wie sie ist, und sich nicht zu beklagen und zu vergleichen. Selbst wenn, ist mit einer kurzen Erklärung die Welt wieder in Ordnung. Schwierig wird es in der Pubertät, aber bis dahin ist ja offensichtlich alles längst gerichtet.

    Wenn Dir das Gespräch mit der Hebamme nicht gut tut, und so hört es sich an, dann laß es. Es ist besser, so eine schwierige Sache mit kleinen Schritten zu erfahren und zu akzeptieren, als auf einmal mit vielen Informationen und möglichen Risiken und schlimmeren Ausprägungen geschockt zu werden, die auf Euch gar nicht zutreffen. Für Informationen steht sie Euch sicher auch noch später zur Verfügung, wenn Ihr dann konkrete Fragen habt, oder?

    Natürlich geht es gut. Natürlich kriegt Ihr als verantwortungsbewußte Eltern das hin. Die Schiene wird Euch viel mehr nerven als ihn. Du hast recht, wenn er es von Anfang an so kennt, kommt er mit ziemlicher Sicherheit gut damit klar.

    Und Klumpfuß ist wirklich ein absolut fürchterliches Wort. Das noch nicht mal den Sachverhalt trifft.
    Fühl Dich gedrückt und jede Menge Zuversicht geschickt!

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  8. Das schafft ihr! Alles Liebe für euch vier.

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