Montag, 4. August 2014

Momos linker Fuß. Letzter Teil. Vermutlich jedenfalls.

Den letzten Post hatte ich schon heute Mittag geschrieben, aber noch nicht abgeschickt. Inzwischen habe ich L. zusammen mit seiner Mutter überredet, einzuknicken. Stolz bin ich nicht darauf, ich weiß auch noch nicht, ob ich mich damit wirklich besser fühle, aber ich fürchte, es gab keinen anderen Weg, endlich so etwas wie Frieden zu haben und damit anfangen zu können, mit dieser ganzen traurigen Geschichte abzuschließen. Meine Argumente waren: ja, lieber L., Du hast mit allem Recht, Recht, Recht. Aber die Frau ist am Ende. Es geht ihr seit Wochen gesundheitlich furchtbar, sie hatte schon vor dem Unfall keine Kraft mehr, jetzt schon gleich gar nicht. Ihre Art mit dem Hund umzugehen ist eine andere als unsere, wir sind eher die Typen für praktische Tierliebe: pünktliche Mahlzeiten, lange Spaziergänge und eine harte Entscheidung, wenn das Tier irgendwann einfach nicht mehr kann und will. Sie dagegen lebt in einer Welt, in der ein besonderes Band zwischen Hund und Mensch besteht (das ich gar nicht abstreiten will), in der man sich in Krisenzeiten gegenseitig "Kraft schickt" und ein toter Hund nicht die Leiche von etwas ist, das man mal sehr lieb hatte, sondern auch unter der Erde auf keinen Fall allein sein darf. Dass der Hund das im Wald bei unserem Wochenendhaus nicht gewesen wäre - ein ganzes Rudel ebenfalls geliebter Jagdhunde ist dort vergraben, auch Lili wird dort in hoffentlich erst sehr vielen Jahren ihren Platz finden, dort war sie sehr glücklich und hat mit Feuereifer nach Wild geschnüffelt, wir kommen oft zu Besuch, und sein altes Frauchen hätte ihn dort trotz Privatgelände mangels Zäunen jederzeit besuchen können - war ihr egal, sie war davon überzeugt, dass sie und der Hund nur dann ihren Frieden finden, wenn er im eigenen Garten bei ihnen zuhause begraben wird. Jeder andere Vorschlag brachte sie nur wieder zum Weinen. Es gibt nun mal verschiedene Arten von Gerechtigkeit: man kann dem Recht geben, der Recht hat. Oder man richtet sich nach dem, für den mit der Entscheidung mehr steht und fällt. Wir hätten auch gerne eine Stelle gehabt, an der wir an sie denken können. Ich hätte ihr auch gerne ein paar Dinge - ihr Lieblingsfell, zernagte Schuhe, ein paar ihrer meistgeliebten Lebensmittel - mitgegeben. Aber im Gegensatz zu ihrem alten Frauchen brechen wir nicht vollkommen zusammen, wenn das alles nicht passiert. Nun sind sie vermutlich noch mittendrin, ein metertiefes (hoffentlich metertiefes, Ratten, Füchse und dergleichen haben wenig Respekt vor dem besonderen Band zwischen Mensch und Exhund) Loch im Garten auszuheben. Und ich sitze hier, hätte jetzt wirklich, wirklich gerne etwas zu trinken und darf nicht.

Heute Nachmittag bin ich in die Klinik gefahren, ich war dort mit ihr und ihrem Freund verabredet. Ich wollte noch Einiges loswerden - vor allem zu dem Thema, dass es vollkommen daneben war, wie sie am Ende mit L. umgegangen sind. Ihm nach all dem vorzuwerfen, ihm ginge es "nur ums Geld", hat ihn zu Recht schrecklich wütend gemacht. Dass er jetzt eingelenkt hat, war sehr großzügig von ihm und alles andere als selbstverständlich. Ich wollte, dass sie das verstehen. Genau so wichtig war mir aber, Momo auch noch mal zu sehen. Bis es so weit war, hat es gedauert. In einer Tierklinik gehen lebende vor toten Tieren, das leuchtet ein. Eine Ärztin musste aber dabei sein, sie hat den Hund an die beiden ausgehändigt, nachdem ich weg war. Ich habe ihr noch mal gesagt, unabhängig von den zahlreichen Vorwürfen der beiden sind L. und ich überzeugt davon, dass sie alles für Momo getan haben, was sie konnten. Dass sie bei ihnen in guten Händen war. Und dass wir wissen, dass sie den Hund auch gern hatten und sehr traurig sind, dass das alte Mädchen es nun doch nicht geschafft hat. Dann durfte ich sie sehen. Sie hatten mich vorgewarnt, dass sie gefroren wäre und kein schöner Anblick. Ich wollte trotzdem und bin froh darüber. Auch gefroren war sie hübsch, sie hatte immer noch den gleichen Gesichtsausdruck wie sonst auch, und ihre Schlappohren schlappten wie eh und je. Anfassen durfte ich sie nicht, auch weil ich schwanger bin. Aber gesprochen habe ich mit ihr. Ich habe mich bei ihr entschuldigt, dass wir nicht besser auf sie aufgepasst haben. Dass wir sie gerne noch lange Jahre bei uns gehabt hätten, dass wir ihr ein schöneres Ende gewünscht hätten, und dass wir hoffen, dass sie bei uns glücklich war. Dann haben die Ärztin und ich noch ein bisschen geweint, und dann bin ich gegangen. Ich habe das deutliche Gefühl, ich brauche keinen Hundegrabstein im eigenen Garten, um jeden Tag an sie zu denken.

Momos linker Fuß. Und meine rechte und linke Fusselhirnhälfte.

Am Samstag musste Momo eingeschläfert werden. Es ging nicht anders, sie war ganz schwach, fast zu schwach zum Atmen. Sie hatte hohes Fieber, eine Blutvergiftung, die Leber hat versagt. Und das, obwohl die Wunde inzwischen so gut wie zugewachsen war. Niemand weiß so genau, wo es herkommt. Hatte sie doch noch irgendwo einen Verletzung bei dem Unfall erlitten, die bei den Untersuchungen nicht gefunden worden war? War die anstrengende Wundheilung einfach zu viel für ihren Hundekörper? Haben die Ärzte etwas falsch gemacht? Hat sie die Medikamente nicht mehr vertragen? Als ich mich am Tag meines Abflugs von ihr verabschiedet habe, war sie so putzmunter, ich konnte kaum fassen, wie gut sie sich erholt hatte. Sie humpelte grinsend durch den Garten, bellte die Eichhörnchen aus, fraß alles, was man ihr vorsetzte oder nicht, nicht für sie bestimmte Einkäufe inklusive. Sie klaute schon wieder Essen! Sie schnurrte behaglich, wenn man sie an den Ohren kraulte. Dann hat ihr altes Frauchen sie für ein paar Tage zu sich geholt, und es ging ihr plötzlich wieder schlechter. Jetzt ist sie tot. Ich war nicht dabei, wir konnten nicht mehr warten, ich bin erst Sonntag gegen Abend wieder hier gelandet. Und auch damit ist die traurige Geschichte noch nicht zu Ende, denn nun streiten wir uns mit dem alten Frauchen darum, wo sie begraben werden soll. Es ist wirklich eine Farce, und ich stehe mitten zwischen den Fronten. L. hat mit allem, was er dazu sagt, völlig Recht. Ja, wir waren ihre neuen Herrchen und Frauchen, ja, wir möchten sie auch in der Nähe haben, ja, wir haben sämtliche Klinikrechnungen und Futter und Zeckenmittel und überhaupt alles für sie bezahlt und uns jahraus jahrein um sie gekümmert - und das zählt jetzt alles nicht? Trotzdem habe ich auch Mitleid mit dem alten Frauchen, die gerade deutlich über den Rand eines Nervenzusammenbruchs hinaus ist und die bei den täglich drei Telefonaten so sehr weint, dass ich kaum verstehen kann, was sie sagt. Dieses Mitleid und die Solidarität mit L., der in den letzten Wochen in Sachen Momo zu Hochform aufgelaufen ist und das alles ohne mich durchstehen musste und durchgestanden hat, zerreiben mich hier gerade zu einem Haufen trauriger Matsche. Ich kann einfach nicht mehr, die letzten fünf-sechs Urlaubstage standen schon nur noch im Zeichen dieser Hundekrise, und ich bin gespannt auf die Telefonrechnung für die zerheulten Gespräche, die ich noch vom Flughafen Palma aus mit L. und dem Frauchen geführt habe. Ich will L. jetzt nicht hängen lassen, vor allem, weil er Recht hat. Trotzdem kann ich auch nicht so hart sein, wie ich sein müsste, um ihm wirklich die Stange zu halten. Da hat er ein ganz schönes Weichei geheiratet. Dazwischen fehlt mir Momo immer wieder so schrecklich, ich breche beim Anblick von Gebüschen, in denen sie gerne gestöbert hat, von zernagten Schuhen, von ihrem öddeligen Ikea-Schaffell oder ihrem Senioren-Hundefutter in Tränen aus. Ich komme nach Hause, wappne mich für einen Moment gegen den fälligen Angriff der Monsterkralle, dann fällt es mir wieder ein, und ich heule schon wieder. So schnell wird das wohl auch nicht besser werden.
Inzwischen ist hier eigentlich gar keine Zeit zum Trauern und Streiten und Vermitteln. Ndogo hatte heute seinen ersten Kita-Tag. Eine Stunde waren wir da und haben ihm zugesehen, wie er unternehmungslustig sein neues Reich erkundet. Morgen muss ich wieder arbeiten. Freitag haben wir die nächste große und wichtige Untersuchung wegen Würmchen. Und dazwischen ist auch noch der andere Hund, mein Kind, das sich gerade wieder an Mama und Papa gewöhnt, das Haus, die Wäsche, der ganze Kram. Ich weiß genau, irgendwann - vielleicht in drei Wochen, vielleicht auch erst in drei Monaten - wird es einen Tag geben, wo ich beim Gedanken an Momo nicht anfange zu weinen, sondern einfach nur trocken traurig bin. Ich wollte, der wäre schon da. Und ich wollte, harmoniesüchtig wie ich bin, es gäbe irgendwie einen Weg, die Sache jetzt zu Ende zu bringen, mit dem alle leben können. Aber es sieht schlecht aus.

So ist das also, wenn man einen Pflegehund hat. Liebe Abkürzungsdamen da draußen, die den Mut gefasst haben, es mit einem Pflegekind zu versuchen: Hut ab. Ich habe wirklich den allergrößten Respekt vor euch. Ich glaube nicht, dass ich mir auch nur ansatzweise vorstellen kann, wie viel Tapferkeit, unbeirrbaren Optimismus und Konfliktfähigkeit man dazu braucht.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 6.

Momos Blutwerte sind jetzt so katastrophal, dass sie den Tag eigentlich nicht überleben sollte. Eigentlich. Denn plötzlich scheint wieder Leben in sie zu kommen. Sie liegt nicht mehr apathisch auf der Seite, sondern richtet sich auf, guckt sich interessiert um, schnappt nach Fliegen, frisst und trinkt aus eigenem Antrieb und freut sich über Ansprache. Deshalb muss sie nicht mehr in ihrem Krankengehege sein, sondern darf dabei sein, wenn die Ärzte andere Tiere behandeln - wie ein Praxishund. Wir wissen nicht, ob das nun schon wieder ein Wunder ist und sie einen Wandel zum Guten spürt, der sich in den Blutwerten einfach noch nicht niederschlägt, oder ob das ein letztes Aufwachen vor dem Ende ist. Aber nachdem ich gestern den ganzen Tag niemanden erreichen konnte, bin ich jetzt erleichtert, immerhin schon etwas mehr zu wissen als garnichts.

Mittwoch, 30. Juli 2014

Moby Dick schreibt Postkarten, Teil 2.

Am Montag hat mein Kind den ersten Kita-Tag, und ich werde das ungute Gefühl nicht los, dass es mit der Führung dieses Ladens nicht zum Besten steht. Wieso muss man denen wochenlang hinterher telefonieren, um zu erfahren, wann wir erscheinen und was wir mitbringen sollen? Können wir nicht doch noch in der Montessori-Kita nebenan unterkommen? Bitte Bitte? Von Momo haben wir heute noch nichts gehört, vermutlich wartet die Klinik auf Laborergebnisse. Ich gehe alle halbe Stunde unter irgend einem Vorwand ins Haus, vorbei am Telefon, das in der winzigen WLAN-Zone im Wohnzimmer liegt, und bin halb ängstlich und halb hoffnungsvoll, dass es etwas Neues gibt. Würmchen tritt und boxt, dass sich mein Schwangerschaftsbadeanzug nur so ausbeult, und bei jedem Knuff denke ich: wie wird das alles? Kriegen wir das hin? Wird es ihm gut gehen? Ist das Füßchen nur die Spitze des Eisbergs an Problemen?

Abschalten ist nicht meine Stärke, war es noch nie. Da können sich der türkisfarbene Pool, die Sonne und der Wind, der Zitronenbaum und der Oleander, meine Mädchen und meine Urlaubslektüre noch so ins Zeug legen, die Hälfte meines Fusselhirns ist mit dem Wälzen eingebildeter oder echter Probleme beschäftigt. Und dabei ist es hier wirklich wunderwunderschön. Und ich habe es so gut. Und das weiß ich auch genau.

Diese Hundewarteschleife schlägt aber auch wirklich alle fünfzehn IVF-Warteschleifen meines Lebens mit Leichtigkeit. Halte durch, du liebe Wollmaus!

Dienstag, 29. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 5

Wir dachten schon, sie ist über den Berg. Aber nach ein paar Tagen bei ihrem alten Frauchen geht es ihr jetzt richtig, richtig schlecht. Seit drei Tagen ist sie wieder am Tropf in der Klinik. Jetzt ist nicht mehr die Wunde das Problem oder die Blutbildung, sondern die Leberwerte. Wenn die sich nicht bald bessern, stirbt sie. Und was macht Frauchen? Frauchen liegt am Pool.

Donnerstag, 24. Juli 2014

Moby Dick schreibt Postkarten.

Ich werde morgens in der sanften Ventilatorbrise wach, pelle mich aus dem Bett, steige in meine Badehose und spendiere meinem weißen Riesenkörper ein paar Bahnen zwischen Oleander, Olivenbäumen und Liegestühlen durch den Pool. Durch den türkisfarbenen Pool mit dem gekachelten Delphin. Und Würmchen macht einen kleinen Salto dazu.
Zum Frühstück sitzen wir hinter dem Haus auf einer Terrasse mit Blick auf einen uralten Mandelwald. Dann kommt Gabriel, der alte Besitzer, der hier geboren und vermutlich in der Holzwiege im Wohnzimmer von Grillen bezirpt in den Schlaf geschaukelt wurde. Bevor er geht, lässt er uns frische Eier von den Hühnern da, die ums Haus scharren. Am Zitronenbaum können wir uns selbst bedienen, der wächst bequem am Weg zwischen Haus und Pool. Mein Fitbit liegt vermutlich schäumend vor Wut in der Nachttischschublade, er darf nicht mit, denn so entspannt wie ich bin würde ich früher oder später einfach mit ihm in den Pool hüpfen, und das wäre es dann. Nach einem langen Nachmittag mache ich mich ans Kochen für die besten Gäste der Welt, wir haben eine Außenküche, so dass man gleichzeitig schnibbeln und schnattern kann. Die beiden Kühlschränke platzen aus allen Nähten vor Cava, alkoholfreiem San Miguel, Wassermelone, Oreos, Manchego, Kratzeis, Flans, Plattpfirsichen und Eistee. Gestern habe ich ein Zitronensorbet mit Minze und Basilikum zusammengerührt, das heute fertig ist. Und gleich gehe ich schwimmen. Ich wollte nur kurz durchgeben, es geht mir gut. Gut ist kein Ausdruck. Huckleberry ist glücklich bei Oma und Opa. Opa schmiert ihm Wurstbrote, und Oma kriecht mit ihm ums Spielzelt. L. nutzt meine Abwesenheit klug für eine vegane Diät. Momo macht Reha-Ferien bei ihrem alten Frauchen. Und Würmchen schlägt Purzelbäume. Liebe Abkürzungsdamen und Ex-Abkürzungsdamen, ich schicke euch ein zwar leicht nach Knoblauch müffelndes, aber herzliches Küsschen aus diesem Urlaub, der alles genau so macht, wie er soll, nur besser.

Samstag, 19. Juli 2014

Würmchens rechter Fuß, Teil 1.

Früher wäre das ein Abend für das Tagebuch gewesen. Ich sitze beim Schein einer Kerze am offenen Fenster, draußen hört man nur den Wind und ein paar Kilometerweit entfernte Autos, und das alkoholfreie Bier schmeckt gar nicht besonders alkoholfrei. Aber seit ungefähr sieben Jahren habe ich kein Tagebuch mehr, und nachdem ich mich schamrot ein gutes Stück durch meine ältesten Tagebücher vorgekämpft habe, scheint mir das die richtige Entscheidung zu sein.

Freitag hatte ich einen Vorsorgetermin.
Meine Hauptsorgen vorher waren: hoffentlich kommt L. früh genug von Momos Verbandwechsel zurück, damit ich pünktlich komme, ich hasse es nämlich, unpünktlich zum Arzt zu kommen. Und: hoffentlich ist es nicht ganz so brechend voll wie sonst Freitags, damit ich es noch schaffe, hinterher zu Edeka und zu Budni zu huschen, ohne dass L. zuhause schon nach der Uhr schielt. (Die Tierklinik war dann genau so voll wie die Frauenarztklinik, so dass wir beide warten mussten. Und warten. Und warten.)
Meine Hauptsorge hinterher ist: mein Würmchen hat einen Klumpfuß. Sein rechter Fuß ist verdreht. Sonst scheint alles gut zu sein! Aber insgesamt drei Ärzte standen vor dem Ultraschallgerät, und eigentlich gibt es keinen Zweifel mehr daran. Bei einem neuen Termin in einer speziellen Pränatal-Klinik wird ein noch genauerer Ultraschall gemacht werden, wenn ich aus meinem Urlaub zurück bin. Der soll klären, wie schlimm es ist. Ganz genau wird man es aber erst wissen, wenn es auf der Welt ist. In extremen Fällen kommen Kinder zur Welt, und ihre Fußsohle zeigt nach oben. So schlimm scheint es nicht zu sein. Trotzdem hängt an unserem Kühlschrank jetzt eine Überweisung in die Pränatal-Klinik, und darauf steht als Überweisungsgrund Klumpfuß.

Klumpfuß ist eins der hässlichsten Wörter, die ich in letzter Zeit gehört habe. Und klumpig muss der Fuß auch gar nicht sein, eben nur verdreht. Man kann ganz viel machen. Das konnte man schon vor Jahrzehnten, selbst in der Generation unserer Eltern (vermutlich noch früher) kamen Kinder mit solchen Füßen zur Welt und gingen ein paar Jahre später humpelfrei und ganz normal durchs Leben. Und beute ist alles noch viel besser, weiter, ausgereifter. So wird es ungefähr sein: Das Kind kommt zur Welt, wegen des Fußes jetzt vermutlich doch nicht im UKE, sondern in Altona, denn dort haben sie gleich zwei Spitzenärzte für genau dieses Problem. Ziemlich schnell nach der Geburt wird der Fuß von außen gebogen, massiert und bearbeitet und dann das ganze Bein eingegipst, so dass die Verdrehung etwas abgemildert wird. Der Gips bleibt eine Woche dran, dann wird er abgenommen, wieder Massage und Dehnung und Biegung, wieder Gips. Das wird so ein paar Wochen oder Monate lang gehen. Danach wird in einer ambulanten OP die Achilles-Sehne durchtrennt, die wächst dann innerhalb von ein paar Wochen richtig wieder zusammen. Ist das überstanden, beginnt die lange und vermutlich auch die sehr anstrengende Phase: jetzt muss der geradegebogene Fuß daran gehindert werden, wieder schief zu werden. Dazu muss Würmchen eine Art kleines Snowboard tragen, auf dem zwei drehbare orthopädische Schuhe befestigt sind. Die werden (wieder im Wochentakt) so eingestellt, dass die richtige Ausrichtung verstärkt und festgehalten wird. Dieses Ding muss Würmchen jede Nacht und zum Mittagsschlaf tragen, vorgesehen sind 12-14 Stunden. (Wollen wir mal hoffen, dass Würmchen mehr Schlaf braucht als Huckleberry, der mit acht Stunden locker hinzukommen scheint.) Das geht meistens so weiter, bis Würmchen ungefähr fünf Jahre alt ist. Manchmal auch länger, manchmal ein bisschen kürzer. Manchmal ist auch noch eine richtige Operation notwendig. Manchmal mehrere. Aber am Ende - wenn man die Therapie durchzieht und es schafft, sich und vor allem das Kind bei der Stange zu halten - wird alles gut. Es kann normal laufen, rennen, springen, tanzen, und der Fuß sieht auch normal aus. Und weil selbst bei 14 Stunden am Tag mit Schiene noch zehn Stunden ohne übrig bleiben, hat es jede Menge Gelegenheit, normal zu robben, zu krabbeln, zu toben, zu laufen und zu rennen, wenn es so weit ist - genau zum richtigen Zeitpunkt.

Noch vor ein paar Wochen wären mir zum Thema Klumpfuß diese dicken, schwarzen Schuhe eingefallen, mit denen in meiner Kindheit manche Menschen herumlaufen mussten. Viel mehr auch nicht. Jetzt wird sich das gründlich ändern. Demnächst habe ich einen Termin mit einer Hebamme aus der Frauenarztklinik, deren Sohn mit zwei Klumpfüßen zur Welt kam. Die wird mir einiges erzählen, worauf ich achten muss, wo wir hingehen sollen, was auf uns zukommt. Erst hielt ich das für eine gute Idee, inzwischen habe ich mit ihr telefoniert und bin mir nicht mehr sicher. Bei ihr war es ziemlich schlimm, ich will mir nicht schon im Vorhinein den Mut verhageln lassen. Ein guter Freund von L. ist Kinderarzt auf der Neugeborenenstation in Altona, mit dem werden wir bestimmt auch noch mal sprechen. Ich werde alles jenseits von Foren lesen, was ich dazu in die Finger kriege. Vielleicht geht es ja gut. Vielleicht kriegen wir es gut zusammen hin. Vielleicht hilft es ja, dass Würmchen es von Anfang an nicht anders kennen wird als so, dass er seine Beine nicht immer so bewegen kann, wie er will. Vielleicht hilft ihm das, die Schiene auszuhalten. Vielleicht kann ich doch nicht nach drei Monaten wieder arbeiten. Sehr wahrscheinlich sogar nicht. Vielleicht stehen wir in zehn Jahren genervt schon wieder einen ganzen dämlichen Sonntag lang am Spielfeldrand und müssen Würmchen anfeuern, weil es heute wieder mal ein Fußball- oder Hockeyspiel hat. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht sollte ich einfach den nächsten Termin noch abwarten. Und vielleicht sollte ich jetzt erst mal in meinen Freundinnen-Urlaub fahren und das alles in mein Fusselhirn einsickern lassen.

Mittwoch, 16. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 4.

Ich habe das Gefühl, mit zwei erfolgreichen IVFs über 40 und einer Auferstehung ist das Budget an Wundern für diese kleine Familie langsam erschöpft. Nachdem Momo tagelang zwischen Leben und Tod hing, nichts mehr zu sich genommen hat und in der Klinik am Tropf hing, während ihre Stoffwechselsysteme incl. Blutbildung langsam zu versagen begannen, habe ich gestern vormittag vom Schreibtisch aus da angerufen, auf das Schlimmste gefasst und die Taschentücher griffbereit. Nur um zu erfahren, dass es Grund für vorsichtigen Optimismus gibt. Der Unfall ist fast zwei Wochen her, und gestern war zum ersten Mal so etwas wie ein Heilungsprozess an der riesigen Wunde zu sehen. Auch die Blutwerte, die nach Lilis Blutspende zwar anstiegen, aber dann stagnierten, entwickeln sich langsam in die richtige Richtung. "Das heißt nicht, dass der Hund vom Eis ist", warnte mich die Tierärztin. "Aber es ist doch besser als nichts, und vielleicht wird es ja doch noch." In der Klinik waren jedenfalls alle sehr erleichtert, sie haben den kleinen Flohzirkus inzwischen alle ins Herz geschlossen (das hat sie drauf, schon immer, und selbst wenn nichts mehr geht: Leute betören kann sie) und fiebern mit, ob sie es packt. Heute ist sie zum ersten Mal wieder auf eigenen Pfoten in den Garten der Klinik geschwankt, um dort ihre Toilette zu verrichten. Sie frisst inzwischen wieder normales Hundefutter und muss nicht mit Würstchen, Huhn und Katzenwelpenfutter bezirzt werden. Die Blutwerte steigen weiter an. Und die Wunde muss ab heute erst mal nur noch alle 24 Stunden verbunden und begutachtet werden.
Morgen früh sollen wir noch mal dort anrufen, und wenn sie bis dahin so weiter macht, dann dürfen wir sie morgen nach Hause holen und fahren sie dann einmal täglich in die Klinik.
Ich würde wirklich viel dafür geben, noch mal mit ihr frühmorgens über die Wiese zu stromern. (Und tatsächlich werde ich auch viel dafür geben. Die Tierarztrechnung wird ein Knaller werden.)

Liebe Damen, weiter vielen Dank für's Wünschen und Hoffen! Vielleicht hilft es ja doch?

Übrigens scheine ich inzwischen in der Wutphase der Katastrophen-Verarbeitung angekommen zu sein. Gestern kam es fast zu einer Schlägerei, als ich eine vorbeikachelnde getunte Prollschleuder vor unserem Haus angeschrien habe. Die Schleuder bremste (Geschwindigkeitsbedingt ca. 100 Meter zu weit, musste dann eben zurücksetzen) und die zwei zwölfjährigen Insassen wollten wissen, was das denn sollte. Also habe ich ihnen gesagt, was das soll. Daraufhin sind sie ausgestiegen. War mir egal, Wut ist ein schöner Mutmacher. Ein kleiner, ziemlich dummer Teil von mir dachte sogar "Schlag doch. Ich schlag zurück." So weit kam es dann doch nicht, aber ich wurde lustigerweise als Hurensohn bezeichnet und mit einer Anzeige bedroht. Sollte die tatsächlich kommen, freue ich mich drauf. Momo! Für dich! Und ein bisschen auch für mich.

Sonntag, 13. Juli 2014

Momos linker Fuß, Teil 3.

Sie hat ein paar wirklich schreckliche Angewohnheiten. Eine davon ist, sich in Parks in die Büsche zu drücken und menschliche Scheiße zu fressen, vorzugsweise die von extrem betrunkenen Menschen (was sich für sie gut trifft, denn die sind es häufig, die im Sommer in Parks ins Gebüsch kacken). Eine andere ist es, zur Begrüßung wie bescheuert und minutenlang heulend und schreiend an mir hochzuspringen. Das wäre an sich nicht so wild, nur habe ich gerade einen großen Bauch mit einem Baby drin, an dem möglichst niemand hochspringen soll. Und sie hat andere Krallen als Lili, ihre sind irgendwie scharfkantiger geformt, ein bisschen wie diese Dinger, die man für Linolschnitt verwendet und mit denen ich mir schon in der Schule die übelsten Verletzungen zufügen konnte. Obwohl ihr letzter Sprung an mir hoch schon zehn Tage her ist, habe ich immer noch eine grünliche Strieme am Rücken davon. Bald wird sie verschwunden sein, und neue kommen wohl nicht mehr dazu.

Die traurige Wahrheit ist, sie stirbt. Sie wurde von Tag zu Tag schwächer. Es kam mal vor, dass sie ein paar Schritte auf ihren drei Beinen schwankte. Manchmal wirkte sie auch regelrecht fröhlich. Schmerzen hat sie nicht, sie ist bis unter die schwarze Lakritznase mit Schmerzmitteln vollgepumpt. Aber dann ist sie wieder apathisch, atmet schwer und kann selbst im Sitzen ihre Beine nicht kontrollieren, so dass sie unter ängstlichem Quieken in den Spagat rutscht. Vorletzte Nacht habe ich auf ein paar Decken neben ihr gelegen und sie gekrault, während sie so geröchelt hat, dass ich dachte, das war es jetzt. Sie frisst und trinkt nicht, oder doch fast nicht. Ab und zu gelingt es uns, ein paar Löffel Quark oder ein bisschen selbstgekochte Hühnersuppe in sie hineinzuzwingen, aber es reicht bei weitem nicht, um so einen großen Hund durchzubringen. Ihr Urin ist dunkelorange. Gestern Morgen war ich mit ihr in der Tierklinik, sie haben ihr den Verband gewechselt, die Wunde versorgt (an der sich auch nichts tut, jedenfalls nichts zum Guten, was mit bloßem Auge zu erkennen wäre) und ihr Blut abgenommen. Nachmittags riefen sie an, sie wäre völlig dehydriert, und wir haben sie zurück in die Klinik gebracht, damit sie an den Tropf kommt. Ein paar Stunden später, so um zehn, kam der nächste Anruf. Jetzt ist ihr Blut viel zu dünn, es geht ihr sehr schlecht, und sie haben gefragt, ob Lili ihr vielleicht Blut spenden könnte. Also sind wir mit Lili und Würmchen in die Tierklinik gefahren, wo sie ihr einen großen Beutel Blut aus dem Hals gezapft haben und damit zu Momo gegangen sind. Wir konnten wieder nicht zu ihr, damit sie nicht denkt, sie darf nach Hause. Vielleicht will sie einfach nicht mehr leben und nimmt deshalb als verfressenster Hund der Welt plötzlich nichts mehr zu sich. Vielleicht haben die in der Klinik auch Unrecht gehabt, sie hat doch eine innere Verletzung (daher auch der orangefarbene Urin vielleicht?), und an der stirbt sie jetzt eben langsam und unaufhaltsam, so dass wir uns und ihr die ganze Bein-OP hätten ersparen können. Vielleicht bin ich auch zu pessimistisch, und in ein paar Wochen ist sie wieder auf dem Damm. Ich weiß nur, wenn sie stirbt, dann hätte ich ihr das anders gewünscht. Ihr altes Frauchen erreichen wir nicht, sie hatte schon immer Probleme mit ihrem Handy, und gerade sprechen wir ihr eine dringende Nachricht nach der anderen auf die Box, und sie meldet sich nicht. Ihr ganz altes Frauchen - die eigentliche Besitzerin - wurde bisher von ihrer Tochter geschont, sie wollte mit der ganzen Wahrheit warten, bis es Momo wieder besser geht. Sie denkt, dass Momo einen Unfall hatte, sich das Bein gebrochen hat und sich jetzt prächtig erholt. Es kann sein, dass wir heute Abend (wieder auf eine Mailbox) erzählen müssen, dass sie vor zwei Stunden gestorben ist. Ich bin heute morgen aufgestanden, habe ich den Nieselregen geguckt und gedacht, das hier wird der Tag, an dem Momo stirbt.

L. will nachher dem Putzpaar kündigen, er ist schon lange genervt, und jetzt sagt er, er will sie nicht mehr hier sehen, für ihn hat mit ihnen das ganze Elend angefangen. Ich kann ihn gut verstehen. Ich bin noch einfach nur traurig und fertig bis in die Knochen, aber irgendwo dahinter lauert schon eine große Wut: auf das dämliche Auto, das viel zu schnell durch ein Wohngebiet gefahren ist wie all die anderen Schlaufüchse, die jeden Tag hier vorbeifahren, durch eine Straße, in der sie nichts verloren haben, um zehn Sekunden zu sparen. Auf das Putzpaar, das einfach die Tür offen stehen und den Hund an sich vorbeirennen lässt. Vor allem auf ihn, der ständig rauchen muss und auch bei dieser Gelegenheit wieder zwischen Tür und Angel herumstand, um seine Fluppe zu Ende zu rauchen.

Bis das passiert ist, war sie so fit. Jeden Morgen ist sie wie ein kleiner Springbock mit mir über die Wiese gehüpft, immer auf der Suche nach einem schönen Bierschiss. Sie hat es geliebt, Lili zu piesacken, sie konnte stundenlang in ihr Genick beißen und sie so durch den Garten führen, und Lili hat sich das von ihr gutmütig gefallen gelassen, obwohl sie viel stärker ist. Sie hat gerne Taschen durchwühlt, und kein Kuchen war vor ihr sicher. Ich habe oft geflucht, wenn sie mich morgens geweckt hat, indem sie fröhlich hechelnd an meiner Seite des Bettes hochgesprungen ist und mir eine ihrer Krallen ins Gesicht gehauen hat. Sie war so gut wie unerziehbar, wenn man sie nur leicht im Nacken gepackt hat oder mal die Stimme erhoben, ist sofort die Welt untergegangen, aber nichts davon ist jemals kleben geblieben, dazu war sie vermutlich schon ein bisschen zu alt, als sie zu uns kam. Sie hat ihre Epilepsie weggesteckt wie eine Große, und mit den Tabletten hatte sie keine Anfälle mehr. Sie hätte bestimmt noch drei, vier gute Jahre bei uns gehabt, voller Spaziergänge, erbeuteter Kuchenstücke, Ohrenkraulen, Spielen und meinetwegen auch den einen oder anderen Bierschiss. Jetzt liegt sie in einer Klinik in einem hässlichen Industriegebiet und leidet. Wenn sie wirklich stirbt, holen wir sie nach Hause.

Freitag, 11. Juli 2014

Die Freundlichkeit von Fremden

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, die ganze Welt besteht aus Arschgurken. Neulich war so einer: zwanzig Sekunden nach mir und Kalle fuhr eine Dame ihren Cayenne mit Münchner Kennzeichen so auf den Parkplatz direkt neben meinem, dass ich die Tür mit dem Kindersitz dahinter keine zwei Zentimeter weit öffnen konnte. Sie stieg seelenruhig über die Beifahrerseite aus (wo noch drei freie Parkplätze waren) und machte sich auf zu ihrem Bümmelchen. "Entschuldigung" sagte ich. "Könnten Sie vielleicht noch mal ein Stück weiter rechts parken? Ich pass da nicht durch und kriege so mein Kind nicht aus dem Auto, da drüben ist doch noch Platz." Mit einem kritischen Blick auf meinen Bauch sagte sie "Da nimm hoit a bisserl ab, gell" und ging ihrer Wege. Und als ich kurze Zeit später nach einiger Turnerei doch mit Baby und Kinderwagen durch den Supermarkt schob, legte ein alter Sack einen Einkauf von der Fleischtheke, den er jetzt scheinbar doch nicht mehr wollte, ungefragt in der Karre ab und machte sich eilig davon. Wieso? Keine Ahnung, manche Dinge werden mir ein ewiges Rätsel bleiben. Arschgurken, wohin man schaut. (Und nein, ich denk mir die nicht aus. Keine von beiden.)

Zum Glück gibt es auch andere Tage. Tage wie gestern: ich war mit Baby auf dem Amt, um seinen Kinderreisepass machen zu lassen. Alle Unterlagen hatte ich dabei, voller Elan marschierten wir zwei da rein. Und sackten sofort auf halbe Größe zusammen. Da drinnen herrschten ca. 30 Grad, die Menschen drängten sich mit ähnlich hoffnungslosem Ausdruck dicht an dicht wie auf einer Flüchtlingsfähre. Ich hätte einen Termin machen müssen, erfuhr ich. Jetzt war es zu spät. Mit Termin betrug die Wartezeit eine Stunde aufwärts, ohne? Keine Ahnung, vielleicht kommen Sie heute auch gar nicht mehr dran. Ich beschloss, die Hoffnung nicht zu früh aufzugeben, und setzte mich mit Baby auf den Fußboden. Wir hatten noch keine zwei Minuten mit dem Sichten und Zerknüllen alter Reklamebeilagen aus herumfliegenden Zeitungen zugebracht, da kam ein Motorradtyp auf mich zu. "Ich bin jetzt dran", sagte er, und hielt mir seinen Zettel hin. "Nehmen Sie meine Nummer." "Aber Sie warten doch bestimmt schon Stunden?" "Kann sein, aber ich hab kein Baby und bin nicht schwanger. Ich hab was zu Lesen mit." Eine Minute später saß ich mit Tränen in den Augen vor dem Mann vom Amt, der Würmchen mit einem angeketteten Kuli bespaßte, und zehn Minuten später waren wir mitsamt nagelneuem Kinderpass wieder draußen aus der Wartehölle. Der Motorradmann war nirgendwo zu sehen. Ich wünsche ihm und seinem Motorrad alles erdenkliche Gute, allzeit aufmerksame und wache Autofahrer, nie einen Eisflecken oder eine Ölpfütze an der falschen Stelle, und mögen die Fliegen, Spatzen und Libellen immer plötzlich doch eine andere Route nehmen als genau auf sein Visier zu.