Montag, 23. Mai 2011

Heimatliche Gefühle

Die kleine Wurst hat geringelte Söckchen und eine Latzhose an und robbt die ganze Strecke zwischen Frankfurt und Hamburg durch den Gang neben meinem Abteil. Jedes Mal, wenn sie an mir vorbeikommt, merke ich, wie sie mich anstrahlt, und muss kurz über mein Buch weggucken. Und dann kräht sie eine Minute lang vor Freude, dass sie die fremde Tante aus ihrem Versteck gelockt hat, und fällt auf ihren dicken windelknisternden Hintern.

Blöde kleine Wurst. Und dabei hatten die Kollegen so schön vorgelegt: das Mädchen in der Glitzerleggins, das geheult hat, weil es seiner Schwester Chips abgeben sollte. Die zwei Vierzehnjährigen, die mangels Kopfhörer ihren Scheiß-Vin-Diesel-Film auf dem Laptop so laut gucken, dass wir das alle hören müssen. Das so breite wie hohe Baby, das so fürchterlich gebrüllt hat und dabei diese blubbernde Rotzekugel im linken Nasenloch hatte. Meine Welt war gerade schön heile. Und dann kommst Du und verdirbst mir den ganzen Spaß.

Außerdem habe ich am sehr netten Wochenende (mit Freundin Klärchen zu Besuch bei meinen Eltern, die uns 48 Stunden lang empfangen und bedient haben wie die Drohnen), für das ich ansonsten auch sehr dankbar bin, wieder mal den Minivortrag von meinem Vater zu hören bekommen, dass es nicht gut wäre, ein Kind zu adoptieren, denn da würde man (nicht wörtlich, sondern sinngemäß) in die Genwundertüte greifen und meistens nichts Gutes ziehen. Aha. Ja nun. Und dann? Leihmutterschaft, findet mein Vater. Und ich schlucke und fühle mich auf einmal, als hätte ich viel zu viele Chips ganz alleine gegessen. Ich muss ihn dringend anrufen und mit ihm sprechen, statt ihn hier im Internet zu verpetzen. Das tue ich auch noch ganz bestimmt. Nur nicht heute, denn dann denkt er, dieses blöde Gespräch wäre wichtiger als der schöne Rest des Wochenendes, was es nicht ist.

Ach, es ist ein Kreuz. Wieso bleibt sowas bei mir kleben, und nicht, dass er wieder mal gesagt hat, sie würden uns jederzeit Geld dazugeben, bevor die Behandlung daran scheitert, und vermutlich würde es ja auch so irgendwann klappen, und er wünscht mir viel Glück? Nachwirkungen der Hormonwut vermutlich. Oder ich bin einfach sehr negativ und undankbar. Und die Frage bleibt, wie viel ich eigentlich noch auf die Hormone schieben will.

Kommentare:

  1. Liebe Flora!
    Fühl dich gedrückt! Kann dir gerade nach meiner 3. gescheiterten ICSI komplettes Verständnis entgegenbringen. Kopf hoch!
    Chrissi

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  2. Liebe Flora,

    kommt das Wort Wundertüte nicht von Wunder?

    Bei uns war es so und ich bin einfach nur froh, rechtzeitig die Kurve aus der KiWu-Mühle gekratzt zu haben. Und sehr sehr glücklich, mich jetzt mit meinem kleinen Temperamentsbolzen zu verausgaben statt mit Stimu, Hoffen u. Bangen und immer größeren Panikattacken vor jeder neuen Punktion.
    Und was die heutigen Großeltern angeht, die dem Adogedanken zunächst auch eher reserviert gegenüberstanden - sie könnten nicht stolzer und glücklicher sein!
    Aber letztendlich merkt jeder selbst, was und wie lange er noch kann, da sind andere keine guten Ratgeber.

    Alles Gute!
    Tjaldur

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  3. Ich finde auch, irgendwann - wann genau muss jeder selbst fühlen und dann aber auch auf seinen Bauch hören - ist einfach die Zeit gekommen, sich von der Kinderwunschklinik mit allem drum und dran zu verabschieden und wieder zu leben. Denn egal was man versucht sich vorzumachen, letzteres tut man während der Behandlungen nicht wirklich, man wartet nur, bangt und hofft oder versucht, sich krampfhaft abzulenken. Man muss einfach den Mut haben, aus dieser Mühle auszubrechen!!!

    Das der Kinderwunsch selbst natürlich immer bleibt, ist leider ein anderes Thema.

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  4. Liebe Flora,

    ich kaue seit einiger Zeit auf der Alternative "kinderlos" rum uns seitdem ist der Druck etwas weniger geworden: denn auch so könnte(!) ein schönes Leben aussehen....

    Aber wir arbeiten erstmal (letzter Kassenversuch) weiter dran. Ich bin fast "erleichtert", dass Du auch wütend und traurig bist: Ich bin das auch so oft und es ist irgendwie tröstlich, dass man halt nicht immer nur tapfer und zuversichtlich sein kann und auch damit nicht alleine ist.

    LG
    I.

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  5. Mich hat die Wut letzten Sommer dazu gebracht, mit viel zu viel Bier im Kopf auf Festivals die Nacht durchzumachen, als ob es kein morgen gäbe. Es war so befreiend, alle hinzuschmeißen und auf die Hormone zu pfeifen. Und es hat geholfen! Nach dem Sommer hatte ich meinen starken Willen zurück und konnte mit der nächsten Hormonrunde weiter machen. Auch als die dann wieder negativ ausfiel, war ich zumindest nicht mehr böse auf mich selbst.

    LG
    die Schoko

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