Sonntag, 4. August 2013

Zwei Wochen.

Gestern war Kalle zwei Wochen alt. Ihm wachsen jetzt feine braune Wimpern, jeden Tag werden sie einen halben Millimeter länger. Seine Hände sind längst nicht mehr so schrumpelig wie bei der Geburt, und die Füße werden auch langsam rosig und glatt. Die kleinen Nägel sind noch zu weich zum Schneiden, aber wenn ich Glück habe, löst sich einer von alleine, und ich kann ihn vorsichtig abknibbeln. Die Daumennägel sind allerdings Draculamäßig, ich kann es kaum abwarten, bis ich da mit einer Schere randarf. Sein Kopf ist immer noch so unfassbar weich, und er hat feine blonde Federchen auf dem Kopf, die fast so aussehen wie das weiche Fell, das seinen Rücken, seine Wangen und seine Arme bedeckt. Seit ein paar Tagen greift er Dinge und zieht sie zu sich - ob er das mit Absicht macht oder nur reflexartig, kann ich noch nicht sagen, es kann natürlich sein, dass er meine Haare oder das Feuchttuch beim Wickeln unbedingt ganz dringend näher bei sich braucht. Manchmal lacht er, aber ich fürchte fast, auch das sollte ich nicht zu persönlich nehmen, er probiert einfach aus, was sein Gesicht alles kann. Und Lächeln ist oft die Vorstufe zum Knöttern. Trotzdem wird mir jedes Mal ganz warm, wenn er das macht. Er hat immer noch zwei gewaltige Hörnchen auf dem Kopf von der Saugglocke, die können auch noch bis zu vier Wochen bleiben. Und jeden Morgen, wenn ich ihn wickele und wasche, stelle ich fest, dass die Pellzone gewandert ist: seine Haut pellt sich jetzt einmal komplett, und das Gebiet mit den weißen Fusseln wandert über Nacht immer weiter. Heute sind die Füße dran und die Region um die Augen. Gestern waren es der Bauch und die Unterschenkel. Darunter ist seine Haut ganz weich, duftend und rosa. Außerdem hatte er gestern zum ersten Mal Bauchschmerzen, und ich kann stolz verkünden, dass ich nur ungefähr eine halbe Stunde markerschütterndes Gebrüll gebraucht habe, um darauf zu kommen. Dann habe ich ihm den Bauch mit Windsalbe eingeschmiert und ihn im Uhrzeigersinn massiert, und siehe da: es hat geholfen. Im Verdacht hatte ich zuerst die Frühlingszwiebeln in dem Glasnudelsalat, den ich zu Mittag gemacht hatte. Aber eine kurze Recherche hat ergeben, dass die noch lange im System bleiben können, und nach dem nächsten Stillen hatte er keine Probleme. Die Zwiebeln sind also weder sicher schuldig noch unschuldig. Vielleicht war es auch die Umstellung von HA-PRE-Milch (das ist die Hypoallergene, die er aus dem Krankenhaus kannte und die ich als erstes wieder gekauft hatte, bis meine Hebamme sagte, Hypoallergen muss er nicht haben, das ist eher kontraproduktiv) auf normale PRE-Milch. Aber auch die hat er danach gut vertragen. Oder er hat Luft geschluckt. Oder es saß einfach etwas quer. Jedenfalls werden hier jetzt sicherheitshalber ein paar zwiebelfreie Tage anbrechen. Mit Chilis und Knoblauch dagegen scheint er kein Problem zu haben. Guter Junge!

Wenn ich ihn stille, dann braucht er nur noch ein paar Sekunden, um sich gut festzusaugen. Und auch, wenn ich danach noch nach der Wasserflasche angele, ihm eine Vitamin-D-Tablette in die Wange schiebe oder das Kissen noch mal neu arrangiere, das uns beide abstützt, dann bringt ihn das nicht aus dem Konzept. Pro Seite muss ich ihn vielleicht dreimal neu anlegen, den Rest macht er alleine. Ich bin sogar mit ihm so schon die Treppe rauf- und runtergelaufen, ohne dass er aufgehört hat zu trinken. Er trinkt eine Viertelstunde, manchmal auch zwanzig Minuten, dann ist er erst mal zu satt, um auf der anderen Seite weiterzumachen. Das Problemchen beheben wir, indem ich ihn jetzt wickele, danach ist er wieder voll da und bereit für Nr.2. Und es ist nicht zu fassen, aber inzwischen genieße ich diese halbe Stunde - jedenfalls, wenn kein Besuch droht und mich sonst niemand drängelt. ("Wann GEHEN wir denn nun mit den Hunden?" "Telefon!" "Wo ist Momos Halsband?" "Was ist das hier im Kühlschrank? Das in dem roten Becher? Und wo ist die Fernbedienung?" Harrrrrgh.) Am besten klappt es auf dem Bett, ich mache dann das Fenster auf, gucke abwechselnd in Kalles Augen und in die Bäume vor dem Fenster und genieße das kleine Windchen, das durchs Zimmer weht. Manchmal hole ich mir noch ein Malzbier dazu. (Ich kann übrigens das Malzbier von Flens nicht empfehlen. Nicht, dass es richtig schlecht schmeckt, es schmeckt nur nicht wie Malzbier. Wozu es aber dank Bügelverschluss fabelhaft taugt, sind Touren im Kinderwagen. Unserer hat einen Becher- und Flaschenhalter, und man kann mit einfachsten Mitteln einen prächtigen falschen Eindruck bei anderen Spaziergängern erwecken, indem man mit einem Malzbierchen am Kinderwagen durch den Wald schiebt und ab und zu einen kräftigen Schluck aus der Pulle nimmt.)
Ist er auch auf der zweiten Seite durch, lasse ich ihn kurz in L.s Obhut und mache ihm ein halbes Fläschchen (ja, auch ich lerne dazu, und wenn es auch zwei Tage braucht, in denen ich ständig halbe kalte Fläschchen in den Abfluss kippe). Das saugt er dann auch noch weg, und dann ist es gut. Und jetzt beginnt meine Pause, mal dauert sie eine Stunde, mal zwei. Was fange ich damit an? Manchmal werfe ich ein Maschinchen Wäsche an und hänge das letzte Maschinchen auf. Manchmal setze ich mich aufs Sofa, das Kind im Stubenwagen neben mir, und gucke mir irgendwas auf ntv über Hitlers Helfer an. (Was würde ntv eigentlich ohne die Nazis machen?) Manchmal koche ich etwas zu essen oder gehe ein paar Sachen einkaufen. Manchmal beantworte ich emails oder bezahle eine Rechnung. Jede einzelne dieser kleinen Erledigungen kostet mich vielleicht zehn Minuten. Ich mache das deshalb, weil ich gerade den unwiderstehlichen Drang verspüre, es um mich herum einigermaßen ordentlich und sortiert zu haben. Das war bisher selten in meinem Leben, und ich muss es ausnutzen, so lange es anhält. Außerdem kenne ich mich gut genug, um zu wissen, dass ich keine Chance mehr hätte, sobald die Arbeit irgendwann liegenbleibt und sich zu mehr als zwei Stunden ballt. Dann ist es vorbei. Macht euch keine Sorgen, liebe Damen, ich weiß, dass ich Ruhe brauche. Aber Teil der Ruhe ist es gerade, zu wissen, dass die Spülmaschine ausgeräumt ist und ich genug saubere Fläschchen für Kalles nächste drei Mahlzeiten habe.) Oder ich schreibe einen Post. Oder ich dusche. Und ziemlich oft lege ich mich noch mal ins Bett, nehme Kalle mit und lege ihn auf mich drauf. Allerdings nur, wenn ich nicht so müde bin, dass die Gefahr bestünde, sofort wegzuknacken und dann das Baby unter meinem gewaltigen Körper plattzuwalzen. Und dieses Kuschelstündchen ist sogar noch schöner als Stillen (wenn es klappt). Manchmal, wenn er dabei nach kurzer Zeit einschläft, klappe ich meinen Rechner auf und gucke mir ein Stück DVD an, während ich an seinem Kopf schnuppere. Haben wir es wohl gut?

Kalles Tag besteht aus Essen, Schlafen und ab und zu an Sachen ziehen und ruckeln. Meiner irgendwie auch. Ich hätte nicht gedacht, dass das Leben gleichzeitig so anstrengend und so einfach sein kann. Kompliziert wird es erst, wenn die Welt um uns herum ins Spiel kommt. Aber das ist ein ganz anderes Thema.


Kalle übrigens in Rosa, weil gestern nicht nur sein zweiwöchigster Geburtstag war, sondern auch Christopher Street Day. (Vielleicht ja auch ein bisschen, weil ich ihm jeden Strampler aus dem geschenkten Kleiderberg wenigstens einmal anziehen will, bevor er zu groß dafür ist.) Im Hintergrund seine holländische Häschenrassel: ein Geschenk zusammen mit traditionellem holländischem Zwieback mit Hagelslag (schreibt man den so?) von Schoko NL. 1000 Dank, Du Liebe! Es ist kaum zu fassen, aber als wir uns das letzte Mal gesehen haben, hatten wir beide noch null Kinder und nicht die leiseste Ahnung, ob es damit jemals etwas werden würde.

Kommentare:

  1. Ganz breites Grinsen meinerseits und riesen Vorfreude auf ein Wiedersehen zusammen MIT UNSEREN EIGENEN Kindern!

    Die Schoko

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  2. Herzlichen Glückwunsch Flora und herzlich Willkommen Boje! Tolle Nachrichten nach dem Urlaub.

    Meine Hebamme gab mir den Tip, die zu langen Nägel vorsichtig abzuknabbern. Hat bei uns gut funktioniert.

    Habt es gemütlich! K. aus B.

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  3. Die Bauchschmerzen könnten von der Vitamin-D-Tablette kommen. Schau mal, ob es da einen zeitlichen Zusammenhang gibt. Wenn ja, dann kann man auf Vitamin-D-Tropfen wechseln, die werden super vertragen. Sind allerdings verschreibungspflichtig (nicht, weil es Nebenwirkungen hätte (hat es keine), sondern weil das ganze Fläschchen auf einmal nicht so gesund ist (aber wer macht sowas???) ); das verschreibt der Kinderarzt.

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  4. Das klingt sowas von schwer verliebt ♥ Ist ja auch kein Wunder, er ist so süß, selbst in Rosa und es ist Deiner! Schnupper ruhig weiter an ihm, das muss ein tolles Gefühl sein.

    Hoffe, ihr könnt die Außenwelt noch ein bissl "aussperren" und euch weiter aufs Genießen beschränken!

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  5. echte männer können auch pink tragen ^^ meiner hat auch ein t-shirt in pink... von der omi. und testweise hab ich ihm mal ein kleidchen von mir angezogen, sah süss aus XD

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  6. Hach, ich könnts jeden Tag schreiben: So ein kleines niedliches Baby!

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  7. "Ich hätte nicht gedacht, dass das Leben gleichzeitig so anstrengend und so einfach sein kann. Kompliziert wird es erst, wenn die Welt um uns herum ins Spiel kommt. Aber das ist ein ganz anderes Thema. "
    Best quote ever!

    Ich liiiiebe deine Erzählungen - mir kommt so vieles bekannt vor!
    Boje ist super-süß!!!!!

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  8. Ooooh, wenn ich das lese, bekomme ich soooo Lust auf ein Neugeborenes....

    Habt ihr ein Stillkissen? Ich habe mir das in den Nächten mit Kind auf dem Bauch (weil anders eine Zeitlang leider nicht an Schlafen zu denken war) zusätzlich auf den Bauch gelegt. Also das Stillkissen-U um den Popo des Kindes, und die Enden links und rechts neben meinem Körper. Ich hatte nämlich Angst, dass das Baby, während ich schlafe, von mir runter rutscht und sich weh tut. Erdrücken wirst du dein Kind im Schlaf nicht, dafür hat man als Mutter (und auch als Vater) sofern nicht unter Drogen oder alkoholisiert, was ich in deinem Fall jetzt mal ausschließe, sehr gute Antennen.

    Liebe Grüße, S.andra

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  9. Ach und der rosa Body am CSD ist ja wohl genial... LG, S.andra

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