Montag, 27. Mai 2013

Teufel in Glasergestalt

Eigentlich hätte ich diese Woche noch drei Tage gearbeitet - heute, morgen und übermorgen - und dann hätten die großen Babyferien angefangen. In meiner Phantasie hätte ich mir die Arbeit schön aufgeteilt, jeden Tag irgend eine kleine niedliche Sache am Kinderzimmer verändert und die letzten zwei, drei Wochen nur noch jeden Morgen mit meinem koffeinreduzierten Tee und einem sonnigen Lächeln im Ohrensessel platzgenommen, den ich mir schon als Stillsessel reserviert habe, und das Ganze auf mich wirken lassen. So weit meine Phantasie, die dumme Nuss.

Die Wirklichkeit sieht in etwa folgendermaßen aus:
Wir bekommen neue Fenster. Die alten sind... schwierig. Unser Haus wurde 1927 gebaut, damals wurde es mit einer 1a Garnitur hölzerner, weißlackierter Sprossenfenster ausgestattet. Dann zog ca. 1929 die Familie ein, von deren Erben wir das Haus dann gekauft haben. Die haben an diesen Sprossenfenstern genau gar nichts mehr gemacht. Keine Schicht Lack, nichts. Stattdessen haben sie irgendwann als Lärmschutz gegen manche Fenster von innen potthässliche, neue Kunststofffenster gesetzt. Nach getaner Arbeit haben sie sich erstmal eine angezündet und dann 60 Jahre lang nicht wieder mit dem Rauchen aufgehört. Gelüftet wurde höchstens zu hohen Feiertagen. Das Ergebnis: von außen charmant vergammelte, vor allem aber vergammelte schöne alte Holzfenster aus hauchdünnem Glas, nicht mehr zu retten. Von innen durchgegilbte hässliche Kunststoffdinger, abgerissene und um hässliche Fenstergriffe geknotete Rolladengurte, kaputte Fensterbänke oder wahlweise an vielen Fenstern auch gar nichts - Einfachverglasung. Damit kann zwar ganz England und Dänemark scheinbar prima leben, aber wir haben im Winter wirklich gelitten. Es war saukalt, und zwar ausgerechnet in den Räumen, in denen ich es gerne gemütlich warm habe: im Bad und in der Küche, im Flur, der auch gerne ruckzuck die ganze schöne Ofenwärme aus dem doppeltverglasten Wohnzimmer saugte... eigentlich überall. Wenn man beim Duschen nicht mehr seinen Atem als Wolke vorm Gesicht hatte, wusste man, jetzt kommt der Frühling. Es war klar, wir brauchen neue Fenster.

Jetzt sind aber Fenster für mich ein Spezialthema. Ich habe mehrere solcher Spezialthemen, da bin ich extrem eigen und auch leider stur. Ich will meine Spaghetti alle Vongole nicht mit Tomaten. Ich hasse es, wenn irgendwo im Haus Kleingeld herumliegt. Ich könnte nie ein Ei essen, bei dem das Weiße auch nur das kleinste bisschen wabbelig ist. Niemand, wirklich niemand darf meine Füße berühren. Und ich kurbele mich zu von außen betrachtet völlig unmotivierten Wutausbrüchen und Tiraden hoch, wenn schöne alte Häuser mit hässlichen neuen Fenstern verschandelt werden. In unserem Viertel stehen mehrere doppelte Häuser - keine Doppelhäuser, sondern das gleiche Haus zweimal nebeneinander. In fast jedem Fall hat der eine Eigentümer irgendwann in den 80ern aus reinem Geiz oder auch reiner Gemeinheit sprossenlose Kunststofffenster einbauen lassen, das sieht grauenvoll aus. Vor allem, wenn man direkt daneben sieht, wie viel Gesicht das Haus plötzlich bekommt, wenn man Sprossenfenster nimmt. Zu diesem Thema habe ich glaube ich jeden Menschen meiner Umgebung schon zu Tränen gelangweilt, L. immer vorneweg. Es war also einerseits klar, dass wir neue Fenster brauchen. Andererseits war aber auch klar, dass niemand in meiner Nähe jemals wieder seines Lebens froh werden würde, wenn es keine Sprossenfenster aus Holz wären. (Eigentlich, bilde ich mir jedenfalls ein, bin ich kein Snob. Ich zeige nur immer zufällig auf das Paar Schuhe, das am teuersten ist, und zwar, bevor ich das Preisschild gesehen habe. Wie kann so ein Scheusal wie ich einen so netten Mann wie L. gefunden haben? Ich weiß es nicht, fragt ihn. Als wir einem polnischen Gärtner mal von unserem Plan erzählten, die ollen Mistfenster durch neue aus Holz mit Sprosse zu ersetzen, machte er minutenlang nur die Geste, bei der man sich die Hand wie eine Pistole an die Schläfe setzt und abdrückt. Was er wohl damit sagen wollte?)

In Hamburg, wo viele Leute in netten alten Häusern wohnen und genau so sprossig sind wie ich, gibt es mehrere Fensterbauer, die auf genau solche Fenster spezialisiert sind. Die Dinger sind so teuer, dass der Unterschied zwischen den hässlichsten und den schönsten unter diesen Fenstern dann auch nicht mehr groß ins Gewicht fiel, also haben wir die schönsten bestellt. Das war im November. Der Mann von der Fensterfirma vermittelte uns damals den Eindruck, hier hätten wir es mit Profis zu tun, die unsere Wünsche tipptopp und blitzschnell erfüllen würden. Eigentlich könnte man noch vor Weihnachten durch sein. Er vermittelte uns auch den Eindruck, wenn die Fensterfirma hier erst mal mit den Fensterteilen und den tüchtigen Tischlern anrücken würde, dann wäre das ganze in drei, höchstens vier Tagen erledigt. Fenster einzubauen macht zwar heute weniger Dreck als früher, aber trotzdem war klar, wenn die Fenster drin sind, muss auch noch mal ein Maler kommen und z.B. Löcher rausgerissener Rolläden schließen. Egal, wir waren guter Dinge.

Jetzt ist Mai, bald ist Juni. Dann kommt der Juli und damit Würmchen. Die Fensterbauer waren bisher sechs mal hier, heute zum siebten Mal. Ca. 30% der bestellten Fenster sind eingebaut, allerdings noch 0% der dazugehörigen Fensterrahmen und Fensterbänke. Die restlichen Fenster sind noch nicht fertig. Monatelang bekamen wir auf Nachfrage Anrufe und Emails, in denen es ganz so aussah, als würden unsere Fenster im Grunde genommen fertig im Lager warten, nur noch ein- zwei I-Tüfelchen würden fehlen, dann ginge es quasi morgen los. Irgendwann im April ist L. der Kragen geplatzt, und nachdem er dann mit dem Chef gesprochen hatte, musste der kleinlaut einräumen, dass bisher noch nicht mal das Holz für unsere Fenster auf dem Hof wäre und man jetzt aufgrund geänderter EU-Bestimmungen auf anderes Holz ausweichen müsste. (Nervt euch diese ellenlange Geschichte? Ja? Dann könnt ihr euch in etwa vorstellen, wie sie mich erst nervt.) Inzwischen häuft sich Missgeschick auf Missgeschick. Mal wird "die Software umgestellt", dann ist ein Magnet in der Anlage defekt, dann werden Fenster zwar fertig, aber mit schlechter Oberfläche, dann... ach, egal. Jedenfalls werden die Handwerker hier noch ca. zwanzig Mal auflaufen, und ob und wann sie dann fertig sind, weiß kein Mensch. Nie im Leben sitzen wir in einem fertig befensterten und gestrichenen Haus, wenn das Würmchen kommt. Mein ganzer schöner Traum, den ich jetzt seit November träume, von der morgendlichen Tasse Tee und sorgsam gehüteten Würmchenvorfreude im fertigen Kinderzimmer, ist im Arsch. Wir werden hier bis zur letzten Minute über Malerplanen steigen, zweimal täglich vergeblich Staub saugen, und vom Bilder aufhängen oder letzte Deko-Feinheiten justieren kann überhaupt keine Rede sein. Die Fenster der Firma M. sind die schönsten, die allerschönsten, da gibt es keine Frage. Das, was bisher zu sehen ist, ist extrem vielversprechend. Trotzdem verfolgt die Firma M. mich inzwischen in meine Träume. Dazu kommt noch, dass einer der beiden Stammtischler, die hier ein und aus gehen und quasi schon zur Familie gehören, die nervtötende Angewohnheit hat, im Türrahmen zu lehnen, mich grinsend von Kopf bis Fuß anzuglotzen und dann im schmierigsten denkbaren Tonfall Dinge zu sagen wie "Steht ihnen aber gut" oder auch "ich seh ja gerne eine Frau in anderen Umständen". Iiiiiiiiiibääääääääääääähgrrrrrrrrrr. Buhahahaha. Seit gestern Abend steht außerdem der gesammelte von L.s Freund vermachte Kram im Keller, und wir wissen nicht, wohin damit. Ein babybay, ein baby björn, ein Reisebettchen, eine Wickelkommode (so eine Art Servierwagen zum Servieren voller Windeln, nur höher), eine Milchpumpe samt Fläschchen und anderem Zubehör, ein Töpfchen, zwei Windeleimer, eine Wickeltasche, ein Lauflernwagen, eine Wärmelampe und eine Ladung von Reifen aus Styropor, deren Zweck ich bestimmt auch noch herausfinden werde. In jedem Zimmer, das ich auf der Suche nach Ruhe betrete, taucht innerhalb von zwei Minuten einer der Handwerker auf. Überall liegen Kabel und dieses ganze Gerät, und das ist nicht gut, wenn man wie ich seine Füße nicht mehr sehen kann und sich eigentlich angewöhnt hatte, blind zu navigieren. Die Haustür steht fünf Stunden am Tag offen, weil die Handwerker irgendwas raus oder rein tragen, und jedes Mal muss man aufpassen wie ein Luchs, dass die Hunde nicht ausbüchsen. Es staubt, es ist laut, und meine geruhsamen Morgen mit Internet und Tee und Zeitung sind auch perdu, denn die Handwerker kündigen sich zwar immer für halb neun an, klingeln dann aber meist um halb acht und müssen auch gerne als erstes ins Bad. In den letzten Tagen habe ich mich (undgeduscht, klar) zweimal in der Küche, einmal im Esszimmer und zweimal im Keller angezogen. Ich will Ruhe, verdammt. Ich will planen, träumen, meinen Bauch frisch geduscht mit duftenden Ölen einreiben, ich will über kleine Niedlichkeiten nachdenken, und ich will nicht, dass währenddessen irgend ein Fensterhecht in der Tür steht und Anzüglichkeiten von sich gibt.
Leider will ich auch schöne, getischlerte Holzsprossenfenster, also habe ich mir den ganzen Mist selbst zuzuschreiben, was es nur noch schlimmer macht. Harrrrrrrgh. Dumme Flora. Dumme, dumme, dumme, dumme, dumme Flora.

Einziger Lichtblick: Momo hatte keinen weiteren Anfall mehr.



Kommentare:

  1. Liebe Flora,

    zu dem Ring aus Styropor fällt mir spontan ein Sitzring gegen Hämmorhoiden ein. Sollen viele Schwangere haben.

    Da mich ein Umbau und besonders Fensterumbau schon völlig unschwanger extrem nervt und ich für solche Verzögerungen auch kein Verständniss habe, mag ich mir garnicht vorstellen, wie es bei Ihnen drinnen (also psychisch nicht im inneren des Hauses) aussieht.
    Vielleicht besteht die Möglichkeit bei einer guten Freundin einen entspannten Wellnessnachmittag zu verbringen? Mit Gurkenmaske, Ölbauch, Buch und oder Film, Tee und oder Kaffee? Die Füße können Sie ja weglassen...

    Liebe Grüße aus dem Umkreis von Hamburg

    Kaya

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  2. Liebe Flora !!!

    Oh, Handwerker... Lange Wartezeiten, Unpünktlichkeit, Hinhaltetaktik und nicht zuletzt ungeschliffenes rüdes Verhalten, gerne auch Frauen gegenüber, das kommt mir doch verdammt bekannt vor!

    Freu Dich darauf, wenn endlich alles nach Deinen Vorstellungen fertig ist (und Du hoffentlich nicht ;-) Bis dahin viel Durchhaltevermögen, Kraft und v.a. viel Glück weiterhin für eine reibungslose Schwangerschaft!

    Ich liebe Deine herrlich erfrischend unkapriziöse Art zu schreiben!

    Lilly :-)

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  3. Wenn der Lauflernwagen so einer ist, in den man das Kind reinsetzt (diese Ahnung bekomme ich, wenn ich Baby Björn (Trage?) lese), hau ihn kurz und klein und am besten dem Tischler übern Kopf. Das ist das größte Unfallrisiko überhaupt und die Füße/Beine werden geschädigt.
    Wenn es nur einer zum Festhalten und Hinterherlaufen ist, hab ich nix gesagt.
    Fensterfirma würde ich ja eine gute und zuverlässige (jaha, das gibts) kennen, aber am anderen Ende der Republik, und vermutlich könnt ihr euren Auftrag sowieso nicht stornieren... Insofern... Augen zu und durch; und wenn die noch nicht fertig sind, wenn das Würmchen da ist, dann werden sie Dich unter Aggro-Mamahormonen kennenlernen, und daran sind sie dann selbst schuld ;)

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    1. So ein dummfug! Kurz und klein hauen lass mal lieber. Jeder soll sein Kind so transportieren und bespassen, wie er es für richtig hält. Die teile sind nur gefährlich, wenn Stufen, Schwellen usw. In der Nähe sind...und wer da sein Kind unbeaufsichtigt lässt?!? Und ob baby Björn oder andere Marken, mein Kind möchte gar nichts von allem. Viel zu einengend. Aber liebe Flora, an diese "Aggro Mütter" wirst du auch öfter geraten. Alles was sie selbst nicht benutzen wird verteufelt. Lächerlich!

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    2. An sich hast du Recht.
      Aber!
      Diese bestimmten Lauflernwagen (richtig heißen sie Gehfrei) sind wirklich gefährlich!
      In vielen Ländern sind sie sogar verboten!
      Außerdem kann man gar nicht so aufpassen, dass nichts passiert.
      Manchmal reicht nur ein Augenblick, ein Kopfwegdrehen.
      Oder ist dein Kind niemals auf die Nase gefallen???

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    3. Anonym von 10:10, Du vermischst da zwei Sachen. Erstens die Tragehilfe vom BabyBjörn, die ist wirklich schlecht wegen der unergonomischen Sitzhaltung, aber das wurde ja schon letztens gesagt. Dann lieber das Baby anders transportieren als so tragen.
      Zweitens das Gehfrei. Nicht nur wegen dem Unfallrisiko (auch dauernd gegen die Wand donnern ist für das kleine Skelett nicht so prickelnd; und bist Du wirklich jeden Schritt hinterhergelaufen? Das wäre ja grade der Vorteil, daß sich das Kind allein fortbewegen kann. Wenn es nicht so ein schlechtes Teil wäre.), sondern auch grundsätzlich wegen der Knochenentwicklung. Das ist ein umfassendes Thema, ich versuchs mal in der Kurzform:
      1. Die Bewegungsabläufe werden nicht so geübt, wie man sie beim richtigen Gehen braucht.
      2. Die Kinder fangen genau dann an, das Laufen zu üben, wenn ihre Knochen fest genug und ihre Muskeln stark genug sind, den eigenen Körper zu tragen. Wird das Laufen vorher "trainiert", besteht die Gefahr von Fehlbildungen (z.B. O-Beine) und Überlastung der Knochen und Gelenke. (Ähnliches gilt übrigens für das Hinsetzen des Kindes, wenn es noch nicht von allein sitzen kann.)
      3. Die unergonomische Haltung, wenn man die Kinder in den Sitz des Gehfrei setzt, führt zum sogenannten Spitzfuß. Denn die Kinder schieben sich mit den Zehen ab, statt den Fuß richtig aufzusetzen.

      Es stimmt, das die Gehfrei´s in vielen Ländern deswegen verboten sind. Das sollte zu denken geben. Alternativ kann man auch jeden Kinderarzt/Orthopäden fragen, die kennen sich damit aus.
      Liebe Grüße!

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  4. Das "Missgeschick auf Missgeschick häufen" kommt mir aber spanisch vor. Das klingt schon wieder nach Verzögerungstaktik. Sind die vielleicht bald pleite oder so überlastet? Könnt ihr nicht eine angemessene Frist setzen und andernfalls mit Storno drohen? Vielleicht hilft ja alleine die Drohung schon etwas.

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