Freitag, 31. Mai 2013

Ein dickes Schlabberbussi geht heute ans Internet.

Ich hatte glaube ich schon mal erwähnt, dass eine meiner großen Lebenskrankheiten (außer Endometriose und Myomen) die Macke ist, es immer allen Recht machen zu müssen. Tue ich das nicht, sind zusätzlicher Schlafentzug als Sahnehäubchen auf dem normalen Schlafentzug obendrauf, Unruhe, Beklemmung und insgesamt ein großer Haschmich die Strafe. Ich versuche ja, dagegen anzukommen! Manchmal klappt es auch. Zum Beispiel, indem ich einfach die Momente, in denen ich auf so einer sonnigen Stimmungswelle segele, dass mir gerade jetzt die Meinung der Leute wurscht ist, ausnutze und dann schnell die Dinge mache, die ich mich sonst nicht trauen würde. Oder eben die Dinge schreibe. Dass ich dann mit den Folgen leben muss, weiß ich in diesem Moment zwar, aber was solls: manchmal weiß man, dass das Wasser eiskalt sein wird, und springt trotzdem, zum Springen braucht es nur eine Zehntelsekunde Mut, und dann ist es passiert und war dann doch gar nicht so schlimm, und am Poolrand wartet ein muckeliges Handtuch.
Normalerweise bin ich nicht der Meinung, dass es erstrebenswert ist, die Gefühle und Meinungen anderer grundsätzlich komplett zu ignorieren. Nicht nur, dass genau das eins der Erkennungszeichen von Psychopathen ist, ich kann auch für diese ganze "Nett ist der kleine Bruder von Scheiße"-Philosophie wenig Sympathie aufbringen. Ich finde, nett ist nett und scheiße ist scheiße. Ganz und gar mit der Wurzel ausrotten will ich diesen Instinkt bei mir also nicht. ABER! Zu angepasst ist ungesund und hält klein und grau und mausig, und besonders beim Schreiben kann dieses ewige Bloß-niemandem-auf-die-Füße-treten verhängnisvoll sein. Nicht kann, ist. Als Werbetexterin habe ich jetzt zwölf lange Jahre lang Leuten nach dem Mund getextet: Agenturkollegen, Kreativdirektoren, Beratern, sieben Kunden mit achtzehn Meinungen dazu, wie genau man was genau sagen sollte - ihr könnt es euch in etwa vorstellen, was das mit einem macht, wenn die Aufgabe darin besteht, "witzig" und "originell" und "eine ganz eigene Stimme" zu sein und dabei trotzdem bloß niemandem quer zu kommen. Und bloß nicht den Gesetzgeber vergessen und die Marktforschungs-Gruppe aus zufällig in der Fußgängerzone zusammengekoberten Hausfrauen, Irren und Rentnern! (Jaja, Spaß hat es auch manchmal gemacht, auch wenn das jetzt nicht so klingt.) Und jetzt versuche ich schon seit einer Weile, mich weg vom Texten und hin zum Schreiben nach eigenen Vorstellungen zu entwickeln. Dieser Blog ist ein Teil davon, das Buch natürlich auch, die Zeitschriftenartikel (wobei die auch an einer extrem kurzen Leine geschrieben wurden, etwa der Sorte Leine, an der bei der Hundeschau die frisierten Pudel vorgeführt werden). Und seit geraumer Zeit arbeite ich neben Job, Blog, normalem Leben und Schwangerschaft an einem neuen Buch, einem, das nichts mit Kindern oder Kinderwunsch zu tun hat und dessen Inhalt ich ganz allein zu bestimmen habe. Freiheit! D.h., Freiheit nicht gerade, denn jetzt kommt mir mein Rechtmachinstinkt sowas von quer. Es wird hoffentlich niemanden hier verwundern, dass aus einem Buch nicht so richtig was werden kann, wenn der Autor sich beim Schreiben ständig fragt, was Tante Inge, die Nachbarn und sein alter Deutschlehrer hierzu wohl sagen würden. Das heißt, es gibt jede Menge Bücher, die sind genau so, und bei manchen Genres (Kochbücher z.B.) stört das auch gar nicht, aber das ist nicht die Sorte Buch, die ich gerne schreiben möchte und auf der ich mit Stolz meinen Namen sehen würde (und NEIN, ich arbeite nicht an einem schwiemeligen Sexbuch wie "Shades of Grey" und versuche auch nicht, die neue Charlotte Roche zu werden. Meine Stimmen setzen leider schon viel früher ein). Die Frage ist nur, wie bringe ich die innere Zensur dazu, die Klappe zu halten? Ohropax nützt genau so wenig etwas wie laute Musik. Die Stimmen sind immer da, sie gehören zu mir und werden mir noch auf dem Totenbett erzählen, dieser Lippenstift wäre aber nicht der Situation angemessen.

Das einzige, was hilft, ist, ein dickeres Fell zu entwickeln und im Zweifel einfach zu antworten: "Siehst du das so, Stimme? Fein, ich sehe das anders, und jetzt entschuldige mich, ich hab zu tun." und zu hoffen, dass die Beklemmung, das Unwohlsein und die Schlaflosigkeit irgendwann durch zunehmende Abstumpfung gelindert werden. Und genau das lerne ich gerade! Dank Dir, Internet, bzw. einem Teil meiner Kommentare. Dem kleineren Teil meiner Kommentare, klar, aber jedes vernünftige Training fängt klein an und arbeitet sich dann langsam vor. Ich gehe fest davon aus, dass das hier schlimmer wird mit der Zeit, wenn Würmchen erst da ist und ich noch mehr Chancen habe, Dinge anders zu sehen und zu machen als andere. Dass es in Teilen der Mütterwelt absolut unüblich ist, entspannt zu lächeln und die anderen ihren Stiefel machen zu lassen, hatte ich schon gelesen, und Überraschung: es ist wohl tatsächlich so. Darauf hatte mich die schöne, harmonische Blogzeit als Kinderwunschbloggerin nicht vorbereitet, aber nun geht's hier bootcampmäßig rund. Ich kann also feste darauf bauen, auch in Zukunft das Geld für eine teure Psychotherapie zur Heilung meiner Überangepasstheit sparen zu können. Irgendwann ist das Buch bestimmt fertig. Und wenn es so weit ist, werde ich den vielen aufgebrachten anonymen Damen zwar keine Tantiemen zahlen, aber ich verspreche, es wird auch euch gewidmet sein. Ohne euch würde ich das niemals schaffen. Danke, Danke, Danke.

Kommentare:

  1. Dickes Schlabberbussi zurück von Eumelberta!

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  2. Ich bin absolut völlig fassungslos, wie viele Reizthemen es offensichtlich für Mütter gibt - das Wort "Müttermafia" hat für mich eine völlig neue Bedeutung erhalten, seitdem Du schwanger bist und Deine Vorstellungen hier postest. Irgendwie muss ich inzwischen bei jedem einzelnen Post von Dir an einen Hühnerstall denken - man werfe ein Korn, und die Hennen picken aufeinander ein. Goodbye Kinderwunsch-Solidarität, willkommen harter Mutteralltag ;-)
    Nimms leicht. Du wirst es ab sofort nie wieder allen Recht machen. Leben und leben lassen.
    Jule

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  3. das stimmt schon, aber wenn man einen öffentlichen blog schreibt, muss man eben auch mal kritik vertragen können und nicht gleich beleidigt "ihr spielverderberinnen" maulen. denn auch in den kommentaren darf man doch mal seine meinung vertreten, oder? sonst könnte man die kommentarfunktion ja auch ausschalten. jemandem immer nur honig um den bart zu schmieren bringt ja auch keinen weiter.

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    1. Ja, aber sachlich! Das Zauberwort heißt sachlich!

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    2. Das stimmt. Es gibt ja einen Grund, warum man die Dinge öffentlich schreibt und nicht etwa in sein Tagebuch. Da ist es dann ziemlich unrealistisch, immer nur Hurra Schreie hören zu wollen, Kritik ist dann allgemeines Lebensrisiko... Also kein Grund für Hyper-Sensibilität. Ein bisschen Weinerlich finde ich das ständige Gemaule über kritische Kommentare hier schon, bei aller Sympathie für die Bloggerin.

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  4. Lach, oh ja... vor allem wenn jemand doch glatt versucht das Thema Kinderhaben mit normalem Menschenverstand zu betrachten... da fällt der ganze emotionale Kinderversteher-Hühnerhaufen gackernd drüber her.

    Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf...

    Man hat sich als Mama aufzuopfern und das Kind den Nabel der Welt sein zu lassen, und wundert sich irgendwann, warum man nach 3 Jahren keine Frisur mehr auf dem Kopf hat, geschweige denn mal wieder ein gescheites Buch gelesen, oder eine mehr als 3minütige ungestörte Unterhaltung mit einem anderen intelligenten, erwachsenen Menschen geführt hat... Weil Mini hat ja immer und überall Vorfahrt.
    Und dieses Phänomen ist nicht typisch amerikanisch, da irrt Frau Drukerman tatsächlich - in Deutschland ist das noch viel manifester.

    Aber die, die neben dem Kind/den Kindern tatsächlich noch ein eigenes Leben haben, sind natürlich die egoistischen, karrieregeilen Kampfzicken, die am besten nie Kinder bekommen hätten.

    Soviel zur vielbeschworenen Toleranz.

    Und ich bin Teilfranzösin... ich kenne beide Seiten. Das Buch sieht alles vielleicht ein bisschen zu rosig... aber grundsätzlich hat die Dame recht.

    So, jetzt dürft Ihr auch über meinen Post herfallen.


    Alles Liebe für Flora... und hoffentlich kannst Du genauso drüber lachen...
    Svea

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    1. ah ja, nur weil man sein Kind nachts nicht weinen lässt (was für mich übrigens eine Frage des von dir angeführten gesunden Menschenverstandes ist) oder es gar im eigenen Schlafzimmer schlafen lässt (Skandal!), hat man also kein eigenes Leben mehr, liest kein Buch mehr, hat keine Frisur mehr...

      ich glaub, jetzt übertreibst du ein bisschen...

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  5. Ich hatte das Glück, relativ schnell schwanger zu werden und bin erst durch eine Freundin auf die Kiwu-Community gestoßen. Und ich war andersherum erstaunt. Bisher kannte ich nur den Mütterkrieg, daher war ich sowas von überrascht, wie lieb es bei den Abkürzungsdamen zugeht. Leider geht es für Schwangere dann gleich wieder zurück in die Normalwelt mit so einigen Zicken. Ich verstehe es immer noch nicht, warum man Kritik nicht sachlich, sondern verletzend rüberbringen muß. Wie Flora es vorhat, ist doch ganz alleine ihre Sache. Wer das nicht gut findet, der darf ja gerne seine Meinung äußern, und wenn sie nett vorgetragen und vielleicht sogar begründet wird, hilft das doch viel mehr, als nur zu meckern. Aber ich glaube, so einigen geht es eben nicht um konstruktive Kritik, sondern nur darum, andere herunterzuziehen, um sich selbst besser zu fühlen.
    Ich finde es auch nicht optimal, das Kind früh auszuquartieren, aber hey, welches Kind hat sich je an Pläne gehalten? Und ich könnte darauf wetten, eben nach der langen Kiwu-Zeit, Flora wird in einiger Zeit ganz anders darüber denken. Wenn das Kind da ist, ändert sich eben einiges. Davon abgesehen, daß der "Plan" eh nicht hundertprozentig ernst gemeint war!

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  6. Liebe Svea,

    DANKE für deinen Post. Du sprichst mir aus dem Herzen. Neulich hat sich ein Kind (das ein sehr liebesvolles aber teilweise ziemlich "überbehütetes" Zuhause hat)selbst einen blutigen Biss zugeführt, weil es sich zwei Minuten gedulden musste, während meine Kollegin einem anderen Kiga-Kind etwas erklärt hat.
    Bei vielen Kindern ist die Frustrationsgrenze einfach unheimlich schnell erreicht, weil sie mit negativen Gefühlen überhaupt nicht mehr umgehen können!
    Ich empfinde es als schlimm, dass befreundete Mütter mich anrufen und mich beten, alle zerbrechlichen Gegenstände nach oben zu räumen, weil sie gleich mit den Kleinen zu Besuch kommen! Und das nur weil das Kind das Wort NEIN nicht kennt...

    Und hierbei möchte ich noch einmal betonen das ich das auf die ein oder andere "Erziehungsmethode" im Allgemeinen beziehe. Natürlich findet jeder selbst seinen Weg, was die Schlaferei,Stillen etc betrifft und nicht alle Kinder die lange im Elternschlafzimmer schlafen/oder es eben nicht tun, sind auffällig. Das habe ich nie behauptet und würde ich auch nicht...jeder soll es so machen wie er es für sich und sein Kind für richtig empfindet.

    Ich kann es dagegen aber absolut nicht leiden, wenn entgegengesetzte Meinungen dann so angegriffen und niedergetrampelt werden. Man ist meist offen für neue Ideen, Ratschläge und Tips. Aber nur weil es für einen selbst das Nonplusultra ist, ist es das nicht automatisch für die anderen!


    Ein schönes Wochenende euch allen!
    Apfelbäckchen

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  7. Jetzt mußte ich aber lachen: "zufällig in der Fußgängerzone zusammengekoberten Hausfrauen, Irren und Rentnern" - doch, das klingt nach Spaß ;))
    Kriegen wir Info, wenn das Buch da ist? Schreibst Du als Flora?
    Liebe Grüße!

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  8. Leider sind viele Mütter von heute ganz schön verkrampft und unter Druck. Vermutlich auch, weil man sich noch nie soviel Gedanken über Kinder & Erziehung gemacht hat wie heute. Und dann dieses ständige Vergleichen und Rumgepose auf Facebook, Pinterest & Co. Da muss man ja gaga werden.

    Liebe Mütter, ihr nervt. Anstatt andere Mütter wegen anderer Meinungen online zu dissen, macht mal die Kiste aus und steckt eure Energie in die Beziehung zu euren eigenen Kindern. Könnte nicht schaden.

    Ganz egal wie die Methoden im Detail aussehen: Wenn mein Kind glücklich ist, aber die Mama und der Papa und der Hund auch, dann weiß ich, dass meine Familie das für sie passende System gefunden hat. So einfach ist das.

    Sagt und grüßt noch eine Mutter.

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    1. "Macht die Kiste aus."

      Schriebs- und hatte die Kiste an...köstlich!

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    2. Und wozu war jetzt Dein Kommentar gut?

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