Donnerstag, 22. März 2012

Bierchen und Narzissen

Das Schöne daran, wenn man erstens einen Hund und zweitens einen Altbau hat: man merkt in allen Knochen, wenn es Frühling wird. Während früher die Meilensteine das erste Bierchen im Freien auf der Schanze oder auch die Eröffnung der FlipFlop-Saison waren (kein Wunder, dass viele Großstadtdamen heute maulen, es gäbe eigentlich keinen Frühling mehr), spüren wir jetzt jedes halbe Grad mehr bis ins Mark und sind dankbar dafür. Auf jedem Spaziergang mit Lili entdecke ich neue Stellen, an denen sich was tut, und...

Bitte? Wie war das? Ich hab sie ja wohl nicht alle, hier über Narzissen und Bierchen zu schwafeln, wenn ich euch bisher nicht mehr als ein paar popelige Krümel über das Adoptionstreffen hingeworfen habe?

Also gut. Aber weil es noch früh am Morgen ist und heute einer dieser Tage ist, an denen ich seltsamer- und ungerechterweise verkatert bin, ohne auch nur einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben, in ungeordneter Reihenfolge.
Die gute Nachricht zuerst: dass ich 38 bin (in ein paar Tagen 39) und L. 41, muss nicht heißen, dass es nicht klappt. Aber viel länger hätten wir auch nicht warten dürfen. Im Nachhinein frage ich mich, wieso sind wir da nicht schon vor drei Jahren hingegangen? Direkt nach der Diagnose damals, dass das so ohne Weiteres nichts wird mit mir und Babyglück? Die Dame versicherte uns außerdem mehrmals, dass solche Faktoren wie Größe der Wohnung überhaupt keine Rolle spielen und dass sie es sogar eher seltsam fände, wenn sie in ein Zuhause käme, in dem es schon ein fix und fertig eingerichtetes Kinderzimmer minus Kind gäbe. Allerdings glaube ich auch, dass die finanziellen Verhältnisse aus ganz praktischen Gründen nicht ganz nebensächlich sind, denn sie hat auch mehrmals gesagt, dass die Behörde erwartet, dass man die ersten drei Jahre komplett dem Kind widmet und zuhause bleibt. Und das kriegt man - Elterngeld hin, Kindergeld her - nicht hin, wenn man die letzten Jahre in einem Job gearbeitet hat, mit dem man am Monatsende immer gerade so bei null rauskam. Die Kinder haben, kaum geboren, schon den ersten Schock hinter sich - Trennung von der Frau, deren Herztöne und Geruch sie jetzt monatelang um sich hatten - und scheinbar braucht es sehr viel Zeit und Liebe, um das wieder auszugleichen. Zum Glück habe ich einen Job, bei dem es vollkommen egal ist, ob ich auf dem Boden zwischen Playmobil, am Rand des Spielplatzes oder in einem schicken Innenstadtbüro sitze. Was ich mich allerdings frage: ich dachte immer, Kitas sind nicht nur dafür da, dass Eltern schnell wieder arbeiten können, sondern auch wichtig, damit Kinder mit anderen Kindern zusammen sind? Wie auch immer.

Dann war noch viel die Rede davon, dass man zwar direkt nach der Geburt schwere Schädigungen durch Alkohol sehen kann, aber dass es auch wirklich große gesundheitliche Probleme geben kann, die sich erst Jahre später zeigen. Saufen in der Schwangerschaft sei für das Kind schlimmer als Heroin oder Koks, und da gerade Teenie-Mütter die Schwangerschaft gerne verdrängen bis in den sechsten Monat, gibt es keine Garantie dafür, dass Mutti nicht den Kummer über die immer mehr kneifende Jeans und den blöden Kevin, der gar nicht mehr SMSt, mit der einen oder anderen Flasche Wodka betäubt hat. Eine sehr wichtige Frage, die L. und ich uns in den nächsten Tagen und Wochen sehr ehrlich und ernsthaft stellen müssen, lautet: wie viel Krankheit und Einschränkung können wir uns vorstellen, in Kauf zu nehmen? Auch um Auslandsadoptionen ging es, und die für mich neuen Erkenntnisse waren: ja, es gibt tatsächlich Adoptionsbehörden, bei denen ganz, ganz sicher, ja wirklich sicher ist, dass die Adoption moralisch vollkommen unbedenklich ist; keine Mutter wurde mit ein paar Kröten dazu gebracht, ihr Kind herzugeben, kein Kind wurde in der Klinik gestohlen, niemand wurde dazu gebracht, mit einem Kind schwanger zu werden, nur um es hinterher zur Adoption freigeben zu können. Und: wir müssen uns entscheiden, außer Deutschland können wir ein zusätzliches Land aussuchen, aus dem wir gerne ein Kind adoptieren würden. Ihre Tipps waren Haiti und Äthiopien: beides Länder, in denen es sehr, sehr viele Kinder gibt, die niemand aufziehen kann, wenig Menschen, die gerne ein Kind aus ihrem eigenen Land adoptieren wollen, und die meisten Kinder sind kerngesund - auch Alkohol in der Schwangerschaft spielt z.B. in Äthiopien so gut wie keine Rolle (vermutlich mangels Alkohol). Und ja, kein Kind sollte aufgrund seiner Hautfarbe in dem Gefühl aufwachsen, der einzige Alien in einer Welt aus bleichen Langnasen zu sein - aber um dem vorzubeugen, kann man vieles tun.
Dann waren da noch die Schilderungen, was passiert, wenn es passiert: der Anruf, meistens nach ca. einem halben Jahr. Vielleicht ein Treffen mit der Mutter. Ein Foto. Dann ein Spaziergang im Park gegenüber der Behörde, auf dem man sich noch mal überlegen kann, ob man das alles wirklich will. Dann ein Besuch im Krankenhaus (fast alle vermittelten Kinder sind Säuglinge) und die erste Begegnung mit der kleinen Wurst. Dann ein hektischer, sehr hektischer Tag, während das Krankenhaus das Kind netterweise noch eine Nacht betreut und Demnächst-Mama und -Papa zu Ikea, Baby Walz und Budni rasen und die allernötigste Grundausstattung besorgen. Und am nächsten Morgen fährt man ins Krankenhaus und kommt mit Kind zurück. Was dann noch kommt - eventuell langer Nervenkrieg und elende Warterei, während die Mutter keine Lust oder keinen Nerv hat, den Termin beim Notar wahrzunehmen und alles in Ordnung zu bringen - habe ich zwar aufmerksam aufgenommen, aber nur vor der Hintergrundtapete dieser Vorstellung: die Fahrt nach Hause, Auto abstellen, und dann fällt die Haustür hinter uns ins Schloss, und ab jetzt sind wir zu dritt. (Zu viert. Entschuldige, liebe Lili.)

Was müssen wir jetzt machen?
Als allererstes - und ich könnte mich ohrfeigen, dass ich das nicht schon getan habe, denn das dauert - brauchen wir beide ein polizeiliches Führungszeugnis.
Dann müssen wir noch verschiedene Papiere kopieren - Eheurkunde, Schufa, Familienstandsbescheinigungsdings usw.
Und dann müssen wir beide einen Lebenslauf - oder besser gesagt, unsere Lebensgeschichte - aufschreiben. Ausbildung, Kindheit, vielleicht sogar frühere Beziehungen, alles, was uns interessiert und unser Leben ausmacht. Ich für meinen Teil bin inzwischen bei Variante Nr.4, wie es bei L. läuft, weiß ich nicht, will ihn da aber nicht nerven. Jedenfalls nicht häufiger als dreimal am Tag.
Wenn wir das alles zusammen haben, reichen wir es ein. Und dann wird es insgesamt vier Gespräche geben, manche einzeln, manche zusammen, und einen Hausbesuch, bei dem jedoch entgegen meiner Ängste niemand mit einem weißen Handschuh auf unseren Fußleisten entlangfährt.

Und dann... dann folgt die bisher längste Warteschleife in der Geschichte dieses Blogs.

Kommentare:

  1. Wow!!!

    Das klingt alles so einfach.

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Flora;
    wenn man deinen Namen kennt und diesen in Verbindung mit deiner Berufsbezeichnung goggelt, landet man ganz schnell hier. So ist mir das passiert und ich habe ganz schnell das Gefühl bekommen, dass das von dir so wohl nicht beabsichtigt ist?! Deshalb wollte ich dich darauf aufmerksam machen, damit du dich ggf an entsprechende Seiten wenden kannst. Sonst nützt das schönste Synonym ja nichts... Und was mich angeht: ich schweige und lese nicht weiter!

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Anonyma, ich weiß - daran ist leider zum größten Teil der Verlag Schuld, der das einfach komplett verschusselt und verbammelt hat. Auf amazon z.B. war noch vor Erscheinen monatelang trotz Protest mein echter Name zu sehen, genau so wie auf der Verlagshomepage. Dagegen kann ich jetzt leider gar nichts mehr machen. Trotzdem danke für den Hinweis!

    AntwortenLöschen
  4. Super, Flora, vielen lieben Dank für die ausführliche Berichterstattung! Ich denke auch schon lange an die Möglichkeit einer Adoption und jetzt weiß ich zumindest, was im Erstgespräch auf mich zukommt!

    Felicitas

    AntwortenLöschen
  5. das hört sich klasse an und ich finde, da eröffnet sich doch eine ganz neue tür oder ? alles gute!

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Flora, das klingt wirklich größtenteils (Alkohol...) gut und spannend. Eine Bekannte hat vor kurzem adoptiert, ich weiß nicht alle Details, aber seltsamerweise ist sie nach circa 1,5 Jahren schon wieder in Teilzeit arbeiten. Vielleicht sind sie hier in der Hauptstadt da großzügiger? Hier ist ja eh alles floddriger, da müssen die Kinder anscheinend auch härter im Nehmen sein ;-) Hört ihr jetzt auf mit KiWu-Behandlung? Kannst das auch ignorieren. Ich muß sagen, selbst wenn die Behörde das hier alles liest: wem, wenn nicht Euch tapferen, aufopfernden aber gleichzeitig lebensfrohen Leuten sollte man ein Kind anvertrauen? Da will ich mich jetzt gar nicht anbiedern, nur sagen, das alles hier spricht aus meiner Sicht sehr für Dich/Euch. Drück sehr die Daumen für alles!
    Herzlichst, Y.

    AntwortenLöschen
  7. ich sage jetzt etwas vermutlich sehr Unpopuläres: aber ich finde es gut, dass ihr nicht bereits vor 3 Jahren bei der Adoptionsbehörde gesessen seid. Und ich gehe sogar noch weiter: ich finde, wenn man als Kinderwunschfrau das Thema Adoption in Angriff nimmt, dann sollte man das Thema leibliches Kind abgeschlossen haben. Eine Adoption sollte und kann kein Plan B sein, kein Ersatz für ein leibliches Kind, eine Adoption ist ein völlig eigenständiges Thema mit ganz besonderen Herausforderungen. Und ein adoptiertes Kind sollte man zu 100% um seiner selbst willen aufnehmen wollen. Das muss alles vom Kind aus gedacht werden, meiner Meinung nach.
    Wer das für sich selbst nicht ganz klar hat, wer vielleicht noch trauert, aufgrund unerfüllten Wunsches nach einem leiblichen Kind, der schifft ganz sicher auf erhebliche Probleme zu.
    ich will damit ganz sicher nicht sagen, dass ich glaube, dass DU das nicht klarhaben könntest. Steht mir gar nicht zu und das könnte ich auch niemals beurteilen.
    Aber ich wollte meine Gedanken dazu trotzdem äußern, weil ich grundsätzlich oft erlebe, dass Adoption für viele einfach nur der Plan B zum Kind ist.
    Für mich käme das erst in Frage, wenn ich sicher sagen könnte: ich habe mit dem leiblichen Kinderwunsch abgeschlossen. Ich habe das betrauert und zu Ende durchlebt. Aber das ist vielleicht auch einfach nur meins. Ich wünsche Euch auf jeden Fall alles Gute auch auf diesem Weg.
    LG, die Funny

    AntwortenLöschen
  8. Liebe Flora,

    habt du und L. mal neben dem Thema Apotion durch eine Behörde über eine Eizellenspende nachgedacht? Ich setzte mich gerade mit diesem Thema auseinander und es erscheint mir im Moment (..der Denkprozess ist noch nicht abgeschlossen) näher dran an einem "eigenen Kind" als eine Apotion. Dadurch wäre der Partner der leibliche Vater und die Frau würde das Kind durch eine eigene Geburt zur Welt bringen.

    LG Sophie

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Sophie, darüber nachgedacht habe ich schon - Problem ist nur: meine Eizellen sind eigentlich sehr gut, nur meine Gebärmutter ist mit Myomen und all dem ziemlich ungastlich. Eine fremde Eizelle würde da leider auf die gleichen Probleme stoßen wie meine eigenen... trotzdem Danke für den Tipp!
    Liebe Funny, ich verstehe gut, was Du meinst, und hab das auch schon hin- und hergewälzt. Ich muss nur erstens sagen, dass ich schon seit vielen Jahren - schon als ich noch nicht wusste, dass ich mal auf solche Probleme stoßen würde bei der Familienplanung - immer vorstellen konnte, ein Kind zu adoptieren. Und ich bin mir sicher, gerade weil für mich ein adoptiertes Kind kein Plan B ist, sondern ich fest daran glaube, es genau so lieben und großziehen zu können wie ein eigenes, spielt es keine Rolle, ob ich vorher, nachher oder währenddessen noch eigene Kinder kriege. Zumal ich gerne mehr als ein Kind hätte... aber wir wollen mal nicht übermütig werden. Liebe Grüße! Flora

    AntwortenLöschen
  10. Liebe Flora du schreibst einen so wichtigen Blog über all diese Nischenthemen ich bin so dankbar darüber! Auch, dass du nun deine Adoptionserfahrungen mit uns teilst ist wunderbar und sehr hilfreich. Wo sonst bekommt man so spezielle Erfahrungen aus erster Hand? Ich habe ein gutes Buch gelesen, dass ich dir empfehlen möchte. Der Titel lautet: Wunschkind Geschichte einer Adoption von Marion Gaedicke. Das Buch hat mich sehr berührt! Vielen Dank Flora dass du uns so viel ehrlichen Einblick in deine Geschichte gibst: es macht so viel Mut! Du weißt dein Leben zu Meistern und dafür bewundere ich dich! Alles Gute weiterhin! B.

    AntwortenLöschen
  11. Liebe Flora,
    es freut mich, dass Du für Dich Deine Antwort darauf schon längst gefunden hast - ich wollte Dich auch nicht in Rechtfertigungsdruck bringen.
    Herz für Dich
    ...die Funny

    AntwortenLöschen
  12. Liebe Flora,
    es freut mich so sehr, dass dieser Termin bei der Behörde so positiv gelaufen ist. Bei Behörde ist man ja auf alles gefasst. Und ich möchte Dich hier einfach mal drücken. Dein Blog ist einfach die allerbeste Motivationsnummer. Deine Gedanken, Deine Berichte machen mir immer wieder neuen Mut, lassen mich nicht aufgeben und vor allem nicht den Humor verlieren. Ich wälze den Gedanken der Adoption schon so lange und habe heute nun endlich auf den AB des Jugendamts gesprochen und um Rückruf für einen Termin gebeten. Da unsere Situation auch aus anderen Gründen sehr schwierig ist, habe ich mich besonders über Deine Schilderung zur Auslandsadoption gefreut. Ach, wie schön wär das, wenn wir in ein oder auch zwei Jahren gemeinsam vorm Gloria mit den kleinen Rackern sitzen würden. Jetzt freu' ich mich erstmal auf den Stammtisch nächste Woche. Wünsche Dir ein super Frühlingswochenende. Liebe Grüße und nochmal DANKE!

    AntwortenLöschen
  13. Liebe Flora,
    wollte nur mal sagen, dass wenn ihr ein Kind adoptiert und nach den 8 Wochen Bedenkzeit die leibliche Mutter dem zustimmt und zum Notar geht und ihr dann adoptiert, dann seid ihr die Eltern und das Jugendamt wird sicherlich hilfreich zur Seite stehen aber grundsätzlich können die euch oder dir nicht verbieten, wieder arbeiten zu gehen.
    Ihr seid dann die gesetzlichen Eltern mit allen Rechten und Pflichten und solange das Kind nicht alleine zu Hause sitzt (;-))))) und verwahrlost, so dass das Jugendamt wieder einschreiten müsste, was sie allerdings auch bei allen leiblichen Eltern machen müsste, solange kann das Jugendamt euch nicht mehr oder weniger vorschreiben als ganz normale leibliche Eltern.
    Wenn die allerdings eine dreijährige Elternbetreuung ohne soziale Kontakte zu Gleichaltrigen - warum auch immer - als das Nonplusultra ansehen, dann würde ich vielleicht nicht gleich erzählen, dass es da rechtlich ganz anders aussieht... ;-)))))))
    Vielleicht soll das auch ein bisschen abschrecken? Die nicht ganz so Entschlossenen oder die, die meinen, ich adoptiere mal so nebenbei ein Kind???
    Interessant finde ich dass mit der Auslandsadoption, bei unserem Jugendamt hieß es: entweder Inland oder Ausland, beides geht nicht.
    Ich wäre jetzt gar nicht auf die Idee gekommen, dass zu hinterfragen, ich dachte, dass wäre so in Deutschland. Aber man sieht, man darf nichts einfach ohne zu Hinterfragen hinnehmen. Dafür gibt es bei uns keine Dreijahres-Arbeitssperre...:-))))
    LG

    AntwortenLöschen
  14. Liebe Flora,

    herzlichen Glückwunsch und auf gehts! Ihr habt nichts zu verlieren. Unsere Adoptions-Wartezeit hat 2 Jahre gedauert, aber dann kam unser Adoptivsohn bei uns an - und ich liebe dieses Kind so sehr! Das Warten auf ihn war auch nicht immer einfach, aber im Vergleich zur KIWU-Mühle, die wir auch durchlaufen haben (mit Fehlgeburten und dem ganzen Programm) waren diese 2 Jahre (zumindest für mich) sehr viel leichter zu tragen. Und ich habe mich in dieser Zeit auch wieder viel lebendiger und hoffnungsvoller gefühlt, als all die Jahre davor, in denen wir um ein leibliches Kind gekämpft haben. Viel Erfolg & alles, alles Gute!

    AntwortenLöschen