Dienstag, 29. Januar 2013

Vorher-Nachher.

Einige Dinge, die sich geändert haben, seit ich schwanger bin.

Ich lasse ständig Dinge fallen. Was unglücklicherweise genau in eine Zeit fällt, in der es mir täglich schwerer fällt, Dinge vom Boden aufzuheben. (Gerade stand ich bei Budni und habe einen Test-Lippenstift fallen lassen. Runter kam ich ohne Probleme, aber zum wieder aufstehen musste ich mich mit beiden Händen auf dem schmierigen, nassen, schneematschigen Boden aufstützen.)

Nachdem ich mich immer noch fast den ganzen Tag gleichzeitig vollgefressen und ausgehungert fühle, habe ich jetzt den Tipp meines Schwangerschaftsbuchs befolgt und von Frühstück, Mittag und Abendessen auf sechs kleinere Mahlzeiten umgestellt. Wobei ich mir das "kleiner" ständig einschärfen muss, sonst geht es nämlich ganz, ganz übel aus. An dem blöden Gefühl hat das bisher noch nichts geändert.

Bisher war mir fast jede Ausrede recht, um mich nach dem Duschen nicht eincremen zu müssen. Vorbei, vorbei. Mit der ersten Flasche Weleda Schwangerschaftsöl bin ich schon durch, jetzt versuche ich mal Penaten, das riecht zwar nicht ganz so wild, aber färbt dafür auch die Kleider nicht Eckkneipengardinchenfarben.

Wenn L. an Arbeitstagen etwas von mir haben will, muss er wieselflink sein. Er muss eigentlich schon an der Haustür auf mich lauern und sollte im besten Fall auch die Hunde schon ausgeführt haben. Und er sollte sich eine ganze Latte von Gesprächsthemen auf einem Karteikärtchen notiert haben, denn sobald das Feierabendgespräch auch nur eine Minute ins Stocken gerät - von mir ist dabei nicht viel an neuen Themen zu erwarten - ist das kleinste Schweigen für mich das Stichwort, ächzend aufzustehen und ins Bett zu verschwinden. Vor ein paar Tagen bin ich mal nach oben gegangen, um mein Ladekabel zu holen, und kam nie wieder. Nachts um drei bin ich dann in Schuhen und Kleidern aufgewacht.

Ich esse Dinge, weil sie Ballaststoffe/Folsäure/Vitamine enthalten, nicht weil sie mir schmecken. Das war noch nie. Zum Glück gibt es eine Schnittmenge.

Die große Ausmist-Aktion zu enger Kleider hat mich einem alten Wenn-ich-groß-bin-Traum näher gebracht als je zuvor: dem aufgeräumten Kleiderschrank, in dem nur Kleider sind, die ich auch tatsächlich trage. Gleichzeitig sah ich noch nie so langweilig aus.

Meine Haare entziehen sich jetzt endgültig meiner Kontrolle. Es ist auch fast schon egal, ob ich das erlesene Phyto-Shampoo oder irgendwelche Pröbchen verwende, ob ich föhne oder nicht, ob ich mir Mühe gebe oder nicht, ob ich mit nassem Kopf schlafen gehe oder nicht - sie überraschen mich jeden Tag, ob positiv oder negativ. Gerade ist bad hair month. Februar, du hast schon jetzt einer Menge Erwartungen gerecht zu werden.


Einige Dinge, die sich überhaupt nicht geändert haben, seit ich schwanger bin.

Ich lese immer noch zehnmal lieber den Paten oder zum zweiten Mal meine Game of Thrones-Bücher als irgendwas über Schwangerschaft und Säuglinge.

Obwohl der Rest der Welt von mir zu erwarten scheint, dass mit der Schwangerschaft plötzlich die Esoterikerin in mir durchkommt, habe ich immer noch keine spirituelle Zelle im Körper. (Hat außer mir eigentlich noch jemand in letzter Zeit mal die Fotos der frisch gestalteten Kreißsäle im Albertinen-Krankenhaus gesehen und vor Grauen panisch Apfel-W, Apfel-W, Apfel-W gedrückt? Was denken die eigentlich... ach, was solls. Die denken das, was fast alle zu denken scheinen: wir stehen jetzt auf sowas.)

Ich weiß, ich hab schon ein paarmal damit angegeben, wie easypeasy das alles ist mit dem Alkoholverzicht. Ich habe auch keine Entzugserscheinungen. Aber wenn ich ehrlich bin, würde ich manchmal, wirklich nur manchmal viel dafür tun, nur ein Wochenende Urlaub zu haben und quarzen und trinken zu können, als wäre nichts. Ich würde auch gerne mal wieder zu Vogelgezwitscher vom Kiez kommen. Oder unseriöse Gespräche in der Klowarteschlange führen. Oder mir morgens um vier einen Döner ins Gesicht schmieren. Oder etwas Glitzerndes tragen. Ich weiß, ich weiß, andere wären froh, ich bin auch dankbar, wirklich, bin ich - aber die Sehnsucht ist eben manchmal da, und ich kann und will nicht so tun, als wär das nicht so. Dann kann ich das hier nämlich auch lassen, und wir lesen stattdessen alle eins dieser fröhlichen Schwangerschaftsbücher, die mich jetzt schon vorzugsweise mit "Mami" ansprechen würden.

Bei der letzten Schwangerschaft hatte ich irgendwann kurz vor der Fehlgeburt so einen Zustand schöner Gelassenheit erreicht. Die Probleme am Arbeitsplatz oder aus der Zeitung kamen irgendwie nicht mehr an mich ran. Alles, was immer wichtig gewesen war, war plötzlich lalalala. Ich segelte auf einer Hormonwolke durch den Tag und dachte eigentlich pausenlos "tjaja, ich weiß, aber davon abgesehen könnt ihr mich alle mal", nur eben in freundlich und sonnig. Diesmal passiert das nicht. Der Rest der Welt ist der gute alte Rest der Welt, nur ich mittendrin bin schwanger.




Kommentare:

  1. Vielen Dank für dieses Posting! Mir gefallen am meisten, die Dinge, die sich bei dir nicht geändert haben und dass du sie schreibst, wie du sie empfindest. Nicht in rosa Wattewölkchen verpackt und mit Schleifchen drum. Vielleicht ist gerade das der Grund, warum ich dein Eiertanz-Buch so verschlungen habe und deinen Blog so gern lese: ich habe nicht das Gefühl, du machst einem was vor. Du bist echt. Danke.
    LG
    ZweiLinien

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  2. Geht mir genauso, ich bin sowas von schusselig, lasse alles fallen und könnt den ganzen Tag Essen und Schlafen...
    Man muß ja auch nicht jeden Mamiquatsch mitmachen, ich Verlass mich da auch auf mein Bauchgefühl und Les weiter meine Thriller :-)
    Wünsche die alles Gute und freu mich auf Neuigkeiten

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  3. Ich schließe mich meinen Vorrednern an.
    Du bist ehrlich und authentisch, das finde ich toll und freue mich über jeden neuen Post von dir.
    Weiterhin alles gute für Euch!

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  4. Liebe Flora

    Ich habe immer wieder ab und zu in deinen Blog geguckt und zagg hetzt du bist schwanger..

    Ich frage mich einfach wie, dass ist, wenn man so ein Kind quasi zwingt zu sich zu kommen? Ich meine das nicht böse ich kann es nur nicht verstehen.

    Ja nachhelfen und 1 2 mal versuchen...

    ich habe mal gelesen:

    jedes kind hat ein recht auf eine mutter
    aber nicht jede mutter auf ein kind

    irgenwie so was

    good luck

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  5. Man kann kein Kind zwingen zu sich zu kommen. Wenn es nicht sein soll dann kommt da nix, egal was man tut und egal wie gut die Bedingungen sind, am Ende bleibt es ein Wunder. Und manchmal, wenn keiner damit rechnet oder keiner versteht warum genau jetzt und nicht schon vorher schleicht sich da doch ein Krümel ein - ganz ungezwungen.
    Mir war auch nicht bekannt, dass es eine offizielle Grenze gibt, ab der man das Kind dann zwingt - wo soll die liegen? Und natürlich gibt es kein Recht auf ein Kind - aber das Recht auf einen Versuch. Genauso wie es das Recht gibt, sich dagegen zu entscheiden.
    Was bewegt einen denn dazu, sowas zu denken und zu schreiben?
    Tina

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  6. Wow, unfassbar! Wie kann man denn einen so dämlichen Kommentar abgeben? Ich finde es bewundernswert, dass Flora die Kommentarfunktion nicht einschränkt. Und "zagg" würde ich das tun.
    LG
    Ute

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  7. @ Anonym 29. Januar 2013 19:10

    HÄ?????

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  8. Dämlicheres selten gelesen. Ich wüsste auch gerne "wie, dass ist" wenn man seinen mangelnden Intellekt hier in einen Kommentar zwingt?

    Ach, und das meine ich selbstverständlich auch nicht böse. Reines Interesse. Und "zagg hetzt" du bist hoffentlich weg, du dümmste Nuss.

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    1. Daumen hoch, cheesie, das war passend ;)

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  9. Grad fällt mir völlig unpassend ein, dass es doch letztens mal um Kopfschmerzen und Tabletten ging. Oder? Ist diese Seite bekannt? http://www.embryotox.de/ Da kann man zu vielen Wirkstoffen lesen ob man sie nehmen kann oder was bessere Alternativen sind.


    Zum blöden Kommentar fällt mir nix ein. Ehrlich. Unfassbar

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  10. Ich finde es schade, wie man sich für eine Meinung verurteilt.

    Ich kann den Wunsch, den unstillbaren Wunsch nach einem Kind doch nachvollziehen. Sind Kinder, doch das grösste Wunder und Geschenkt.
    Ich verstehe jede Frau und jeden Mann, die sehr viel für ein Kind geben und sich gesundheitlich beraten lassen und gegebenenfalls mit Hormonen etc etc sich behandeln.
    Ich beobachte, ich beobachte Paare die kämpfen, annehmen und gewinnen. Das Schicksal annehmen.
    Ich weiss nicht ob ich es könnte.
    Ich weiss aber auch nicht, ob ich es könnte so arg so arg dafür zu kämpfen, für mein Wunschkind, welches dann wie auch immer resp wieso auch immer in meinem Bauch wächst.
    Liebe Flora, ich weiss nicht welchen Tipp ich dir geben kann ;)
    aber ich wünsche dir ganz viel Liebe damit dein Kind gut wachsen kann.

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  11. und mich nimmt sehr sehr wunder, wie du das Leben erklärst
    ps. Deutsch ist nicht meine Muttersprache

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  12. Es gab doch kürzlich mal diesen "Shits of Kinderwunschzeit" (oder so ähnlich)-Beitrag. Ich glaube, die Formulierung "Ich frage mich einfach wie das ist, wenn man ein Kind quasi zwingt zu sich zu kommen" hat einen Ehrenpreis verdient. The shit of the shit. Tusch!
    Flora, Du hast schon recht- nicht aufregen, aber da kocht einem einfach die Galle hoch.
    Solidarische Grüße von
    Jo

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  13. Komisch auch, das bei Paaren, die auf natürlichem Wege schwanger werden wollen und können, niemand überlegt, dass sie ein Kind genauso "zwingen" zu einem zu kommen. Das ist gesellschaftlich überall anderkannt. Nur beim Kinderwunsch ist es "Zwang", für den man sich rechtfertigen soll?

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