Ich saß im Wartezimmer meiner Fruchtbarkeitsklinik, die Nase in irgendeinem hochinteressanten Artikel über das junge Glück von irgendwem, als die Tür aufging und eine Frau reinkam. Noch bevor sie die Jacke ausgezogen hatte, hat sie diese andere Frau in der Ecke sitzen sehen und erstarrte. Und plötzlich war die Luft von diesem gewissen Etwas erfüllt. Nennt es wahnsinnige Spannung, nennt es flirrende Elektrizität, ich nenne es: Hosen voll. "Was machst du denn in... äh... Hamburg?"
Gestotter und Rot werden, und dann haben sich die zwei zusammen in eine Ecke gesetzt und erst so getan, als wär nichts dabei, und später hatten sie sich, falls sie sich noch berappelt haben, hoffentlich noch viel zu erzählen, aber das hab ich nicht mehr mitbekommen, weil ich nur zum Blut abnehmen da war, und das geht fix. Das dauert kaum lang genug, um den Artikel über das junge Glück durchzuknuspern.
Ich hatte eine Zeit, da war ich in einem paradiesischen Fitnessclub Mitglied. Das Tolle an dem Club war für mich weniger, dass ständig frische Blumen überall standen oder dass der Geräteraum niemals nach Schweiß roch, auch die Edelholz-Umkleiden waren mir nicht so wichtig, und in den Kursen waren sie viel zu nett zu ihrer Kundschaft, und das kann ich nicht so gut, wenn ich immer nur gelobt werde. Aber die Sauna war toll. Dann kam irgendwann der Tag, an dem ich wirklich zum ersten Mal einen Ex-Kollegen unter der Dusche traf, dann zwei Wochen später eine noch viel dööfere Begegnung, und irgendwann wurde der Fitnessclub Partner meines Arbeitgebers, plötzlich überall die Biester, und da war es vorbei, weil ich nicht mehr aufhören konnte, mir die Frage zu stellen, welches jetzt der letzte, der allerletzte Mensch wäre, den man hier treffen könnte, und irgendwann war an Entspannung nicht mehr zu denken, und wenn die zuvorkommenden Saunaleute auch literweise duftende Sachen aus organischem Anbau versprüht hätten. Jedenfalls glaube ich, sagen zu können, dass ich kein entsetzteres Gesicht hätte machen können, wenn dieser Albtraum wahr geworden wäre, während ich gerade 20 Meter von meinem Bademantel entfernt war, als diese beiden (vollständig bekleideten) Frauen in der Klinik.
So lange es mir nicht passiert ist, weiß ich es vermutlich nicht genau, aber ist das wirklich soooo peinlich? Wenn ich eine Peinlichkeitsskala zusammenstellen sollte, die in aufsteigender Reihenfolge aufführt, in welcher Situation ich auf keinem Fall meinem ätzendsten Kollegen begegnen will, würde diese Liste ungefähr so aussehen:
1. Ich stehe im Supermarkt und will gerade Tampons, Binden, ein ekliges Fertiggericht und Ladyshaver aufs Band legen.
2. Ich bin auf einer Restauranttoilette, als ich feststelle, dass das Klopapier alle ist, und höre Schritte im Vorraum. Also frage ich die noch unbekannte Person, ob sie wohl so nett wäre, mir ein Papiertuch durchzureichen, oder lieber zehn. Die Person ist der Kollege, der sich in der Tür geirrt hat.
3. Ich würge mein Auto mitten im Berufsverkehr ab, und wer sitzt im Nachbarauto?
4. Ich sitze im Wartezimmer meiner Fruchtbarkeitsklinik und lese die Bunte, weil nichts anderes da war. Außer Auto Motor Sport. Naja, und dem blöden Focus. Der Hosenstall ist wenigstens zu, und ich hab mir auch sonst nichts vorzuwerfen.
5. Ich stehe in einer Karaokebar und singe als gute Freundin mit bei "She's always a woman" oder etwas ähnlich Klebrigem, damit meine Freundin nicht allein singen muss, da geht die Tür auf, und... (ist übrigens tatsächlich mal passiert, war aber zum Glück meine nette Praktikantin, und das Lied war auch zum Glück etwas Lässigeres. Hoffe ich.)
6. Ich werde von zwei Türstehern mit der Nase zuerst aus einer Bar geworfen, aus der niemand geworfen wird, genau vor die Füße von...
7. Ich war nur auf der Suche nach dem Ausgang und stehe plötzlich auf der Bühne einer Castingshow, und wer sitzt in der ersten Reihe?
8. Ich habe auf der obersten Bank den kompletten Aufguss durchgestanden, der dem kernigen Bademeister mehr und mehr zur Mutprobe gerät, und jetzt habe ich diese dicke rote Birne und kann kaum atmen, und die wird noch röter, wenn ich erst unter der kalten Dusche stehe. So dass sie wenigstens nicht NOCH röter werden kann, als ratet-mal-wer (natürlich MIT Bademantel) um die Ecke biegt.
One Meal Fits All
vor 1 Tag