Mittwoch, 30. September 2009

Neulich, als ihr zwei vermutlich zu allerletzt damit gerechnet hättet

Ich saß im Wartezimmer meiner Fruchtbarkeitsklinik, die Nase in irgendeinem hochinteressanten Artikel über das junge Glück von irgendwem, als die Tür aufging und eine Frau reinkam. Noch bevor sie die Jacke ausgezogen hatte, hat sie diese andere Frau in der Ecke sitzen sehen und erstarrte. Und plötzlich war die Luft von diesem gewissen Etwas erfüllt. Nennt es wahnsinnige Spannung, nennt es flirrende Elektrizität, ich nenne es: Hosen voll. "Was machst du denn in... äh... Hamburg?"
Gestotter und Rot werden, und dann haben sich die zwei zusammen in eine Ecke gesetzt und erst so getan, als wär nichts dabei, und später hatten sie sich, falls sie sich noch berappelt haben, hoffentlich noch viel zu erzählen, aber das hab ich nicht mehr mitbekommen, weil ich nur zum Blut abnehmen da war, und das geht fix. Das dauert kaum lang genug, um den Artikel über das junge Glück durchzuknuspern.

Ich hatte eine Zeit, da war ich in einem paradiesischen Fitnessclub Mitglied. Das Tolle an dem Club war für mich weniger, dass ständig frische Blumen überall standen oder dass der Geräteraum niemals nach Schweiß roch, auch die Edelholz-Umkleiden waren mir nicht so wichtig, und in den Kursen waren sie viel zu nett zu ihrer Kundschaft, und das kann ich nicht so gut, wenn ich immer nur gelobt werde. Aber die Sauna war toll. Dann kam irgendwann der Tag, an dem ich wirklich zum ersten Mal einen Ex-Kollegen unter der Dusche traf, dann zwei Wochen später eine noch viel dööfere Begegnung, und irgendwann wurde der Fitnessclub Partner meines Arbeitgebers, plötzlich überall die Biester, und da war es vorbei, weil ich nicht mehr aufhören konnte, mir die Frage zu stellen, welches jetzt der letzte, der allerletzte Mensch wäre, den man hier treffen könnte, und irgendwann war an Entspannung nicht mehr zu denken, und wenn die zuvorkommenden Saunaleute auch literweise duftende Sachen aus organischem Anbau versprüht hätten. Jedenfalls glaube ich, sagen zu können, dass ich kein entsetzteres Gesicht hätte machen können, wenn dieser Albtraum wahr geworden wäre, während ich gerade 20 Meter von meinem Bademantel entfernt war, als diese beiden (vollständig bekleideten) Frauen in der Klinik.

So lange es mir nicht passiert ist, weiß ich es vermutlich nicht genau, aber ist das wirklich soooo peinlich? Wenn ich eine Peinlichkeitsskala zusammenstellen sollte, die in aufsteigender Reihenfolge aufführt, in welcher Situation ich auf keinem Fall meinem ätzendsten Kollegen begegnen will, würde diese Liste ungefähr so aussehen:

1. Ich stehe im Supermarkt und will gerade Tampons, Binden, ein ekliges Fertiggericht und Ladyshaver aufs Band legen.
2. Ich bin auf einer Restauranttoilette, als ich feststelle, dass das Klopapier alle ist, und höre Schritte im Vorraum. Also frage ich die noch unbekannte Person, ob sie wohl so nett wäre, mir ein Papiertuch durchzureichen, oder lieber zehn. Die Person ist der Kollege, der sich in der Tür geirrt hat.
3. Ich würge mein Auto mitten im Berufsverkehr ab, und wer sitzt im Nachbarauto?
4. Ich sitze im Wartezimmer meiner Fruchtbarkeitsklinik und lese die Bunte, weil nichts anderes da war. Außer Auto Motor Sport. Naja, und dem blöden Focus. Der Hosenstall ist wenigstens zu, und ich hab mir auch sonst nichts vorzuwerfen.
5. Ich stehe in einer Karaokebar und singe als gute Freundin mit bei "She's always a woman" oder etwas ähnlich Klebrigem, damit meine Freundin nicht allein singen muss, da geht die Tür auf, und... (ist übrigens tatsächlich mal passiert, war aber zum Glück meine nette Praktikantin, und das Lied war auch zum Glück etwas Lässigeres. Hoffe ich.)
6. Ich werde von zwei Türstehern mit der Nase zuerst aus einer Bar geworfen, aus der niemand geworfen wird, genau vor die Füße von...
7. Ich war nur auf der Suche nach dem Ausgang und stehe plötzlich auf der Bühne einer Castingshow, und wer sitzt in der ersten Reihe?
8. Ich habe auf der obersten Bank den kompletten Aufguss durchgestanden, der dem kernigen Bademeister mehr und mehr zur Mutprobe gerät, und jetzt habe ich diese dicke rote Birne und kann kaum atmen, und die wird noch röter, wenn ich erst unter der kalten Dusche stehe. So dass sie wenigstens nicht NOCH röter werden kann, als ratet-mal-wer (natürlich MIT Bademantel) um die Ecke biegt.

Kommentare:

  1. Ehrlich gesagt, wäre es auch für mich sehr unangenehm, wenn ich in meiner KiWu-Klinik eine Bekannte treffen würde. Ich will einfach nicht, dass alle in meinem kleinen Kaff wissen, dass wir so eine Behandlung machen und sich dann das Maul darüber zerreißen. Wie du schon vor ein paar Tagen gesagt hast, haben ja gerade die Leute die stärkste Meinung, die von der Materie keine Ahnung haben.
    Andererseits nerven mich natürlich auch die "Na, wie sieht es denn mit eurer Familienplanung aus"-Fragen von weitläufig Bekannten. Das geht die doch einen Scheißdreck an! Aber wir glauben beide, dass es so noch besser ist, als würden sie bei jeder Gelegenheit auf meinen immer noch nicht vorhandenen Babybauch starren und hinter meinem Rücken tuscheln, dass wir ja wohl selbst schuld sind, wenn es nicht klappt. Schließlich hätten wir schon vor 10 Jahren mit der Babymacherei anfangen können. Wenn die wüssten!
    Leider musste ich festgestellen, dass ausgerechnet die Dümmsten in unserem Umfeld glauben, sie könnten meine Schwangerschaft durch ständiges Nachfragen herbeireden. Was bringt sie überhaupt auf den Gedanken, sie hätten irgend ein Mitspracherecht? Wann kapieren die endlich, dass wir keine Veranlassung sehen, dieses Thema mit Hinz und Kunz zu diskutieren?
    Tut mir leid. Bin heute etwas genervt. Kann es zwar nicht auf Schwangerschaftshormone schieben, aber dafür auf PMS. Ist doch auch 'ne gute Ausrede.

    Viele Grüße,
    Jane

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  2. Liebe Jane,

    vermutlich hab ich einfach Glück damit, in einer Großstadt zu wohnen. Da interessiert es weder Nachbarn noch die Frau an der Fleischtheke noch sonstwen, ob das da vor Deinem Bauch eine Pastakugel oder Nachwuchs werden soll. Außerdem hat L. mir die Entscheidung abgenommen, ob ich es meinen Eltern sage oder nicht, dass ich nun unter die Hormontanten geraten bin - dafür bin ich ihm sehr dankbar. Und noch dankbarer bin ich dafür, dass meine komplette Familie das alles denkbar lässig aufgenommen hat. Aber ich kann schon auch verstehen, dass man eine dermaßen private Angelegenheit lieber für sich behält, zumal es Tage gibt, wo das letzte, was man gebrauchen kann, eine witzig gemeinte Bemerkung über Familienplanung ist....

    Lieben Gruß und tapfer bleiben,
    Flora

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  3. Liebe Flora,

    danke für den Zuspruch. Wir haben auch lange überlegt, ob wir "es öffentlich machen", nur ein paar Freunden erzählen oder alles für uns behalten und haben uns für die dritte Variante entschieden. Ich will ja von anderen auch nicht wissen, wann und wie oft sie 'Liebe machen', um schwanger zu werden, und gehe deshalb davon aus, dass es auch keinen zu interessieren hat, wo und wie wir die Sache angehen.
    Sicher waren wir über die Jahre auch schon mehrmals in Versuchung geraten, es Freunden zu erzählen, sind aber im Nachhinein froh, es nicht getan zu haben. Wer weiß, ob denen nicht doch irgendwann was rausgerutscht wäre, was dann die Runde gemacht hätte, ohne dass wir es beeinflussen können.
    Natürlich wissen aber unsere Eltern Bescheid, dass es bei uns nicht auf natürlichem Wege funktioniert und wir alles menschenmögliche unternehmen. Allerdings brauchen sie nicht zu wissen, wie viele Spritzen ich mir wann in den Bauch jage. Einige Teile der Elternschaft wären mit solchen Informationen eindeutig überfordert.

    Liebe Grüße auch an alle Mitstreiterinnen,
    Jane

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