Samstag, 12. September 2009

Die unsichtbaren Nicht-Kinder von Hamburg

Blöd ist, dass man Kinder nur dann sehen kann, wenn sie auch geboren wurden. Keine Kinder sieht man nicht. Nur durch dieses eiserne Naturgesetz kann ich mir erklären, warum es diese Tage gibt, an denen man sich wirklich so vorkommt, als würden alle Kinder haben. Alle, nur ich nicht. Ich hab das nicht oft und hoffe auch, das wird nicht mehr. Dann versuche ich, mir immer wieder vorzubeten: das liegt nur daran, dass man Kinder so sehr hört. Und sieht. Sie können gar nicht anders, sie drängen sich in den Vordergrund der Wahrnehmung, und dann muss es uns ja so vorkommen, als wären sie überall. Weil sie manchmal so schrecklich laut sind. Oder in riesigen, bunten Wagen durch die Welt geschoben werden, vor denen man dauernd Platz machen muss. Oder weil sie selbst so bunt angezogen sind, mit bunten, lustigen Mützen. Oder weil du eben leider, auch wenn du dir das noch so doll vorgenommen hast, ein bisschen mehr auf sie achtest als sonst, auch wenn man zum Glück noch nicht von einer Kinderphobie sprechen kann. (Ich hatte mal einen Kollegen, der hatte eine Marienkäferphobie. Der Ärmste muss einen grauenvollen Sommer hinter sich haben.) Aber dein IVF-zermürbtes Gehirn markert gerade jedes Kleinkind mit Neonmarker an. Dagegen kannst du wenig tun. Aber so lange du dir das immer und immer wieder vorbetest, dass es dafür eine vernünftige Erklärung gibt, so lange ist alles gut.

Das wirklich Schwierige an der Wahrnehmung ist aber, dass man die Kinder, die Leute nicht haben, auch nicht sehen kann. Und natürlich nicht hören. Und Kinder, die man nicht wahrnimmt, sind viel unauffälliger als Kinder, die man wahrnimmt. Wenn also von 20 Frauen, die auf einer Wiese im Park sitzen, zehn ein Kind haben, dann drängen sich diese zehn Mütter für deine Augen und Ohren viel stärker in den Vordergrund als die zehn, die keins haben. Zehn Kinder, da scheint der Park plötzlich nur noch aus Kinderquieken und dicken Ärmchen und Beinchen und Spielzeug und Kinderkarren zu bestehen. Und die zehn Frauen ohne Kind, die sitzen ganz unauffällig und leise dazwischen, lesen ein Buch, telefonieren oder nippen am Wein. Gegen die zehn Muttis scheinen sie fast unsichtbar zu werden. Und du mit deiner großen Sehnsucht im Kopp sitzt dazwischen und denkst: alle. Nur ich nicht. Dabei trinkt die eine vielleicht ihren Wein, weil sie gestern einen negativen Test bekommen hat. Schon wieder. Und die nächste liest nicht irgend ein Buch, sondern ein Buch über alternative Therapien bei Kinderlosigkeit. (Und wo wir schon dabei sind: wenn du sie fragen könntest, würden dir die glücklichen Mütter vielleicht erzählen können, dass sie drei Jahre IVF hinter sich haben. Oder IVF und eine Scheidung. Oder vier Jahre Kräuterhexe, bis es ENDLICH so weit war.)

Hasen, ich bin so froh, dass es euch gibt und dass ihr auch an Tagen dranbleibt wie den letzten, wo ich wirklich kaum weiß, wie es mir geht, und wo ich vor lauter Selbstanfeuerung und Motivationstrainings-Getue plötzlich zum überfröhlichen Plappermäulchen werde. Denn das darf man nicht vergessen, dieser Blog hier erfüllt vor allem die Aufgabe, für mich die Zeit auf dem lange, langen Weg (von dem wir von Anfang an wussten, dass er lang und schwierig wird, aber irgendwie gehofft hatten, jaja, wir wissen das und machen uns das klar, und dann gibt es doch eine Abkürzung und Schwupp, Kinderglück!) zu strukturieren und mir selbst immer wieder Mut zu machen. Und bei all diesem Mut-Machen und Nicht-Unterkriegen-Lassen schieße ich manchmal ein bisschen übers Ziel hinaus. Aber es scheint fast so, als würdet ihr sogar das verstehen. Denn euch geht es ähnlich wie mir. Und ihr führt mir jeden Tag wieder vor Augen, dass ich eben nicht die einzige bin. Bei weitem nicht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Damit zur täglichen Statistik:
Zigaretten: Null, nicht einen Zug, aber ich hab das dumpfe Gefühl, dabei wird es nicht lange bleiben

Blut: sehr wenig, aber immer noch zu viel. Verdammich. Ich hatte wirklich das Gefühl, Sport ist jetzt gut für mich und wichtig. Und jetzt sieht es schon wieder so aus, als würde mich mein blöder Bauch am Sofa festnageln. Es ist ein sehr durchschaubarer Plan des Bauches: Natürlich will der Bauch mehr Territorium in der Welt. Wie wir alle. Und damit er wachsen kann, will er Sport verhindern. Damit er größer und dicker und mächtiger wird und irgendwann die totale Kontrolle über meine Arme, Beine und den Kopf gewinnt. Aber ich werde nicht danebensitzen und tatenlos zusehen.

MWV (Mustergültiges Warteschleifen Verhalten): ein großes Glas Wein, ein dickes Stück stinkiger Taleggio aus Rohmilch

Kommentare:

  1. ...schöner Gedanke mit den unsichtbaren Kindern von Hamburg. Manchmal trägt man an dieser Last sehr schwer, die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Und ich werde sie heute Abend im schönen Eimsbüttel beim HSV-Partiechen in der Kneipe mit ein paar Bierchen begießen und bei der nächsten ICSI wieder angreifen...
    Du hast ne tolle Schreibe - herzliche Grüße!

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  2. ...ich stehe gerne zur Verfügung. Und erleichtere mir meine Wartezeit und deren Ängste mit Deinen Texten.
    Herzlichen Dank an DICH.

    ;-) Und an meine 324 Fische im virtuellen FB-Aquarium, welche Punkt 11. sind, auf der Liste "wie wir uns die Zeit bis zur nächsten IVF vertreiben könnten"
    Alles Liebe, Wilma

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  3. Sehr gut. L. ist auch gerade erst in seine blaue Jacke und dann auf sein Fahrrad gestiegen und ins Stadion gefahren.
    Demnächst im Familienblock!

    Lieben Gruß zurück
    F.

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  4. 324 Fische im virtuellen FB-Aquarium? Klär mich auf! Ist das wieder eine IVF-Abkürzung, die ich nicht kenne? Eine von ca. 80? :)

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  5. Blut. Blut. Blut. Flora - hat irgendwer mal Deinen Gerinnungsstatus kontrolliert? Neigst Du zu blauen Flecken? Oder kriegst vom Freßkorb-über-der-Schulter-Tragen knutschfleckartige Maserungen? Vielleicht wär das des Rätsels Lösung, dass es immer mal wieder suppt.

    Und zum himmlischen Taleggio: Ist hier noch jemand bei Stinkekäsen daran erinnert, dass der Duft am Finger genauso riecht wie jener, über den man sich als Kind gewundert hat, wenn man sich im Bauchnabel rumgepopelt hat? Und dachte: "Hmmm..eigentlich lecker....den wasch ich nie mehr". Mit dieser Frage-/Feststellung kann man Klemmis immer so herrlich verschrecken...am besten beim gesetzten Dinner, nachdem Monsieur L'Affineur at al die köstlischö Fromasch von die Bärgä äreingöbracht ;-)))

    Rohmilch sollte man dann schwanger ja auch lassen, wegen der Listeriose...also her damit!

    Und noch nen Tipp: In einer unserer Lieblingsweinbars in Venedig (ja....ich weiß...die heißt La Cantina) hat uns der freundliche Kellner eine kleine Weinprobe machen lassen mit einer Traube in verschiedenen Anbauvarianten, die ich nicht kannte: Ribolla Gialla (steht in WIKI beschrieben). Saulecker- schmeckt ein bißchen wie Sauvignon, Vermentino und Sommer. Das Weingut auf einem Etikett konnte ich mir gerade noch einprägen: www.sirchwine.com

    Schönen Samstagabend,
    sssssssss

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  6. Psssssss.
    Auch IUI macht Hirnerweichung.....ich habe immer beim Ovitrelle-Setzen den Geburtstermin ausgerechnet, mich übers falsche Sternzeichen aufgeregt, vor der Myom-Op und nach der 3.IUI schon mal Kaschmirstrampler im Super-Sale gekauft (anders kriegt man das ja nicht vor sich gerechtfertigt) und eine feine Babysandalen-/schuh-Sammlung angelegt, denn die Kleinen laufen ja quasi aus dem Bauch heraus und dann kommt man ja zu nix mehr. Das liegt alles auf dem zweiten X-Gen, das wir haben ;-))

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  7. Gerinnungsfaktor? Klingt nach einem hervorragenden Tipp. Nicht nur wegen der Taschenknutschflecken und der irre gewalttätig aussehenden blauen Flecken, die ich sofort bekomme, sobald L. ein bisschen zart an meinem Arm knabbert, sondern auch deshalb, weil ich nach JEDER noch so bescheuerten OP länger als andere brauche, um auf die Beine zu kommen, und manchmal (z.B. nach der letzten Bauchspiegelung) im Krankenbett dabei in einer veritablen Blutlache liege, weil die ganze Wutzerei immer an den Schläuchen vorbeisuppt. Ich bin baff. Und zwar auch deshalb, weil ich dieses Thema in den letzten Jahren mit allen sieben Anästhesisten besprochen habe, die mich vor sich hatten, und auch sonst mit so ziemlich jedem Arzt, und die zwar alle interessiert und milde genickt haben, aber niemand daraufhin jemals irgend etwas untersucht hat. Da muss erst die schlaue ssssssss aus dem Netz kommen. Montag stehe ich bei meinem Arzt auf der Matte.

    Danke für diesen und die vielen anderen fabelhaften Tipps! Und überhaupt und sowieso!

    Lieben Gruß
    Ffffffff

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  8. Und la Cantina hatten wir auf dem Zettel stehen. Ich könnte mir in den Bauchnabel beißen. Denn die Bar, die dann dazwischen kam, war genau die scheußliche Falle, in die wir dann am letzten Abend geraten sind. Grrrrrrr. Ansonsten hätte das ein ziemlich ausgewogenes Ess-Programm werden können:
    1. Abend: Kaschemme mit Opernkaraoke im Ghetto, alte betrunkene Männer singen mit Tränen in den Augen Verdi, dazu die verdächtigen, aber später gründlich rehabilitierten Spaghetti Vongole und der Uhu-Wein
    2. Abend: Restaurant im Ghetto mit so dermaßen miesen Kellnern, ranzigem Olivenöl an jedem Gericht und so krachend doofen Tischnachbarn, dass es zum Heulen komisch war und damit perfekt
    3. Abend: endlich die Erlösung in Gestalt von La Cantina.

    Verflixt. Wieder knapp daneben. Also hat mich mein Gefühl doch nicht getrogen, dass es zwar gerade nicht danach aussieht, aber trotzdem direkt hinter der nächsten Ecke das Gastro-Glück warten könnte. Moment mal, das Gefühl kommt mir irgendwie bekannt vor... woher nur?

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  9. Liebe Ffffff,
    ob ich so schlau bin, sei mal dahingestellt. Aber immerhin hab ich Medizin studiert und habe zufälligerweise so ne Gerinnungsstörung, die auch erst nach ein paar Jahren diagnostiziert wurde (ich war damals noch am Anfang meines Studiums und konnte's nicht selber wissen).
    Ärzte sind leider häufig chronische Ignoranten und Fachidioten, wie wir alle leider wissen.
    Drum noch zwei, drei Tipps, bevor Dein Hausarzt auch nix tut.
    Eine häufige Gerinnungsstörung ist das "Von-Willebrand-Syndrom". Die Diagnostik von solchen Malaisen macht in der Regel das Institut für Transfusionsmedizin an einer Uni und nicht ein normales Hausarzt-Internisten-Labor. Ich hab nachgeschaut - am UKE gib's das natürlich. Dafür brauchst Du dann ne Überweisung.
    Und noch was: ich hab in der "Pub-Med" (das ist die Online-Daten-Bank für alle medizinische Studien) nachgeschaut - und tatsächlich gibt es eine einzige Studie zu IVF, Gerinnungsstörung und Blutungen danach. Bingo! Und weil da auch steht, dass sich die IVF-Therapie (ich schätze, damit sind die Hormone gemeint, hab nur die kurze Zusammenfassung dazu im Netz lesen können) auf die Diagnostik auswirkt und Du ja vielleicht bald wieder anfängst, solltest Du dem Doc, der sich Deiner annimmt, das da unter die Nase halten- ist der Text aus'm Netz:

    Moayeri SE* et al.: Von Willebrand disease presenting as recurrent hemorrhage after transvaginal oocyte retrieval. Am J Obstet Gynecol 2007; 196:e10-11
    A 34-year-old nulligravid woman experienced hemorrhage after each of 2 oocyte retrievals. Initial coagulopathy screening was negative. Treatments used during in vitro fertilization likely interfered with assay performance. Reevaluation remote from medications confirmed the diagnosis of von Willebrand disease. Treatments used during in vitro fertilization may increase bleeding risk and confound coagulopathy evaluation.

    *Department of Obstetrics and Gynecology, Division of Reproductive Endocrinology and Infertility, Stanford Hospital, Stanford, CA, USA.
    --> also keine Posemuckel-Klinik....in Stanford können die schon was.

    Wenn Du Fragen hast: Bitteschön, gerne. Man sagt übrigens, dass die Bluterei oft aufhört, wenn man einmal schwanger war...grrrrr.

    Schönen Sonntag, lieben Gruß
    sssssssss

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  10. Liebe Flora: Aufklärung:-)
    mit FB wäre Facebook gemeint samt hauseigenem Fischaquariumspiel, nicht über alle Zweifel erhaben, aber doch seeeehr belustigend, und wenn Du gerne meine Fische-Nachbarin wärest...einfach melden! Ich schenk Dir dann auch einen Seestern.
    Herzlichst, Wilma

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