Samstag, 21. Januar 2012

Tag 15.

Ein Hoch auf harte Geschmackserlebnisse am frühen Morgen! Ich muss keinen Kater haben, um mich zum Frühstück über Hering in Currysauce, Matjestartar oder blutiges Fleisch zu freuen. Gerade bin ich zwischen Roastbeefsandwich Nr.2 und 3, ich kann sagen, ich erwärme mich gerade für eine Kombination aus Mayo, scharfem Senf und einem Hauch von Wasabi. Und dann ist das Schlachtfest auch erst mal beendet. Obwohl L. nur zwei bescheidene Scheibchen genommen hat, habe ich wirklich fast alles ratzeputz und ohne Qual aufgegessen: jede einzelne Wellenschnitt-Fritte, jedes kleine Kleckschen Béarnaise, jede Faser von diesem großzügigen, artgerecht aufgewachsenen und extrem gut abgehangenen Rind.

Das war schön. Eine feine Sache, einen Haken hinter einen seit Jahrzehnten gehegten Traum machen zu können.

Aber ich komme schon wieder ins Faseln und halte mich hier mit Dingen auf, die doch ganz klar unter das Label "Normales Leben" fallen und damit gerade überhaupt niemanden hier interessieren! Und das, obwohl es doch auch Entwicklungen an der IVF-Front gibt. Gestern Abend habe ich meine letzten beiden Clomifen geschluckt, mir die letzte Dosis Menogon gespritzt und mir meine erste Cetrotide* gesetzt. Die muss laut Apotheker auf die Seite des Bauchnabels gespritzt werden, wo ich mir Sekunden vorher NICHT die Menogon gespritzt habe. Scheinbar reagiert Cetrotide etwas zickig, wenn es mit fremden Kindern spielen soll. Und dabei ist etwas Gruseliges passiert, das noch nie da war: es hat geblutet wie irre. Erst dachte ich, das Tröpfchen wischst du mit dem Alkoholtupfer weg. Dann war da ein neues Tröpfchen, das ruckzuck zum Bund meiner Jeans gekullert war. Dann noch eins. Ungefähr zehn Minuten lang war ich damit beschäftigt, das zu stoppen. Erst packte mich leichte Panik der Machart "Oh nein, jetzt hast du dir diese zwielichtige Substanz in die Blutbahn injiziert, und nu?", aber als zwei Stunden später immer noch nichts weltbewegendes passiert war und die blutige Jeans sich schon wieder im Trockner drehte, habe ich mich dann auch wieder beruhigt. Heute Abend gibt es Cetrotide Nr.2. Und um halb zwölf muss ich zum Ultraschall.

*Cetrotide geht so: großes, vielversprechendes Kästchen öffnen. Darin eine lange, mit Flüssigkeit gefüllte Spritze, zwei unterschiedlich lange Nadeln, zwei Alkoholtupfer und ein Glasfläschchen mit einem weißen Pulver. Vom Fläschchen machen wir als erstes die blaue Plastikkappe ab. Dann nehmen wir das Schutzhütchen von er Spritze und setzen die lange Nadel drauf, von der wir wieder das Hütchen abziehen müssen. Dann stechen wir die Nadel in die Mitte der Membran, die das Pulverfläschchen verschließt, und spritzen den Inhalt der Spritze in das Fläschchen. Kurzes hin- und herbewegen des ganzen Ensembles, nicht zu wild, damit das nicht so viele Luftbläschen gibt, und dann ziehen wir möglichst geschickt die komplette jetzt glasklare Flüssigkeit zurück in die Spritze. Hütchen wieder auf die lange Nadel, lange Nadel wegwerfen, kurze Nadel aufsetzen, Hütchen lockern. Mit Alkoholtupfer Bauch desinfizieren, warten, bis es getrocknet ist (dann piekst es weniger), Bauchröllchen abkneifen und Spritze rein. Langsam den Inhalt unter die Haut spritzen, dann die Spritze noch zwei-drei Sekunden drin lassen und dann erst rausziehen. (Bei mir sorgt das dafür, dass nicht so viel klare Flüssigkeit aus dem Einpieksloch wieder herausquillt.) Alles entsorgen, ins Wohnzimmer gehen und vor Ehemann damit protzen, wie tapfer man war und wie entsetzlich schmerzhaft und schwierig das alles war.

Zwei Beschwerden habe ich übrigens noch, und das, obwohl ich ja sonst immer ein einziges Loblied auf IVF und all ihre Medikamente gesungen habe. Pharmariesen, ich bin euer Freund! Ohne euch kein Baby für mich! Aber zwei Dinge könnten noch ein bisschen besser sein:

1. Habe ich mich jetzt schon ungefähr achtmal übel gepiekst beim Versuch, diese blöden Hütchen von den Nadeln runterzubekommen. Es ist immer ein unfassbares Gefruckel, und dann löst sich die Kappe plötzlich doch, und vor Schreck will ich sie wieder aufsetzen, und ZACK! hab ich die Nadel, und zwar die dicke böse, einen Zentimeter tief in der Fingerkuppe oder im Handteller stecken. Aua! Muss das sein? Wie wäre denn so ein Mechanismus wie "im Uhrzeigersinn aufschrauben, eine halbe Drehung weiter, und die Kappe geht ab"? Oder so? Nachdem ich dieses Mal ja mit Sicherheit schwanger werde, wird mir das nicht mehr zugute kommen, aber auch andere kinderlose Frauen haben Fingerkuppen und Handteller!

2. Finde ich, die Ampullen mit der Menogon- Flüssigkeit müssten sich leichter knacken lassen. Ich wickle sie jedes Mal in ein Stück Küchenpapier, dann drücke ich und drücke und ruckele sanft in alle Richtungen, die mir einfallen, und irgendwann macht es knirsch, und ich kann froh sein, wenn erstens jetzt nicht sieben winzige Splitterchen auf dem Fußboden meines Arbeitszimmers liegen und sich demnächst in meine Füße bohren und wenn zweitens wenigstens noch ein Bruchteil der Flüssigkeit für mich übrig ist. Wie viel mehr würde es kosten, einfach ein Gefäß mit einem Schraubverschluss oder einem Klebedeckel über der Öffnung zu produzieren? 50 Cent? Könnte man das nicht machen? Ich bin ja eigentlich ganz zufrieden und habe schon lange keine Angst mehr vor Spritzen, und ich male mir auch nicht dauernd aus, was alles schief gehen kann, aber angenommen, das hier wäre mein erster Versuch und ich würde allein und ziemlich verängstigt in meinem Bad hocken und versuchen, das hinzukriegen, dann wäre ich mit Sicherheit nicht begeistert von der Aussicht, mir meine Lösungsflüssigkeit aus sieben verschiedenen Scherben zu saugen. In meiner Menogon-Packung waren zehn solche Ampullen. Bei einer einzigen ist das Glas an der Stelle gebrochen, an der es brechen sollte. Kein guter Schnitt.

Kommentare:

  1. An alle Cetrotide-Erstanwenderinnen: Die Kanüle muss aufgeschraubt, nicht wie im Zettel angegeben "aufgesteckt" werden. Ich war bei meiner allerersten IVF-Runde noch sehr nervös und bin deshalb stumpf nach Anweisung vorgegangen mit dem Ergebnis, dass ich die allererste Cetrotide versemmelt habe, weil die Nadel nicht fest war und alles durch die falsch zusammengebaute Verbindung vorbeigelaufen ist.Der Thrill-Faktor war dann der, dass ich im Büro war- 25km entfernt von meiner Wohnung mit meinem Hormone-Vorrat. Es war Mittag und die Spritze sollte bitteschön in den nächsten 50 min sitzen. Habe mich dann mit einem fingierten Durchfall frühzeitig in den Feierabend abgesetzt und es gerade noch geschafft. Die Beschwerdeabteilung bei Merck hat daraufhin einen stinkwütenden Brief von mir gekriegt mit Aufklärung semantischer Unterschiede zwischen" Stecken" und "Drehen" und dezidiertem Verbesserungsvorschlag ihres behämmerten Beipackzettels (Wo ich schon dabei war, hab ich auch noch erwähnt, dass ich den Schritt "Nach-dem-Einstechen-erstmal-Kolben-leicht-zurückziehen-Gucken-ob-Blut-kommt-und-wenn-welches-kommt-die-Spritze-nicht-verwenden" auch nie mache, weil das laut Auskunft meines Klinikpersonals "total Banane" ist, weil man im Bauch keine dicken Venen treffen kann und kleinere Blutgefäße-so wie deins, Flora, sind vollkommen unbedeutend, wenn die getroffen werden.Bei mir hat das auch mal ein richtiges Rinnsal gegeben, war ganz unbedeutend für die Wirkung. Das hab ich denen auch mal geschrieben und dass solche verunsichernden Hinweise alle sowieso schon nervösen IVF-Damen komplett durchdrehen lassen können. Und die Erstattung der in den Sand gesetzten 51,96 Euro hatte ich dann auch gefordert. 3 Monate später bekam ich dann zu Weihnachten einen riesengroßen Wand-Kalender des Konzerns, eine nette schriftliche Entschuldigung und Dank für den Hinweis- "die Hinweise für das Medikament Cetrotide könnten in der Tat präziser gefasst werden"und zwei Wochen später war dann auch das Geld auf meinem Konto, was mich schon mit ein bisschen Genugtuung erfüllt hat.Schwanger bin ich davon zwar nicht, aber es tut außerordentlich gut, seiner Mündigkeit Ausdruck verliehen zu haben und Recht bekommen zu haben:) Dir, liebe Flora, weiterhin fröhliches Brüten!! Meine Daumen sind gedrückt!
    LG, Cetro-Tine

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  2. Hallo!
    Ich kann euch (vollkommen verständlich) entnervten Damen ein paar Ratschläge geben. Da tagtägliches Sprizensetzen zu meinem hauptberuflichem Tätigkeitfeld gehört (ich arbeite im Krankenhaus) kann ich euch vielleicht ein bisschen Erleichterung im Handling mit dem ganzen Zubehör bringen.
    Es hilft, bei den Schutzhüllen auf den Kanülen den Kanülenkolben (da wo das Hütchen draufsitzt, meist grau oder in einer anderen Farbe) mit den Fingernägeln festzuhalten und mit der anderen Hand die Schutzhülle abzuziehen.
    Bei den Ampullen gibt es an der Sollbruchstelle einen kleinen Punkt, der markiert die Stelle, an welcher der Daumen sitzen sollte. Wenn ihr die Ampulle genau dort aufbrecht, geht es relativ einfach und es gibt eine gerade Bruchkante. Ich solltet immer ein Taschentuch oder ähnlichen drumherum wickeln, damit ihr euch erstens nicht schneidet (tut höllisch weh, ist sautief & im Dümmsten aller Fälle ist es so tief, dass es mit einem Stich genäht werden muss) und zweitens dient es dazu, dass das Medikament sauberer bleibt. Denn an euren Fingern kleben ja bekannter Maßen Bekterien und die gelangen so nicht in das Medikament.
    Sollte es mal etwas mehr bluten nach der Injektion ist es gar nicht dramatisch. Wie Flora schon sagte, einen Moment abwarten und die Kanüle nicht sofort wieder herausziehen hilft.
    Soooo... ich hoffe ich konnte ein kleines bisschen Licht ins Dunkel bringen und es ist halbwegs verständlich geschrieben.
    Liebste Grüße
    Theresé

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  3. Habe zwar das Glück, in meiner ersten IVF nur mit dem Puregon Pen hantieren zu müssen (warte nur noch auf die Mens...) - aber vielen Dank für die Tipps, Flora, Cetro-Tine und Theresè!

    Drücke Dir im Nachhinein noch die Daumen für den Ultraschall heute! Hoffe, die Follies benehmen sich und alles passt!

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