Freitag, 27. Januar 2012

Tag 21: eine halbe Brevactid und ein Wortschwall

L. hadert seit vielen Jahren damit, dass ich so gerne esse und koche. Genauer gesagt ist manchmal nicht sicher, dass er nicht vielmehr damit hadert, dass er selbst so gern isst. Für mich gibt es kaum einen größeren und harmloseren Spaß auf diesem Planeten als Essen und das Planen und Zubereiten von Mahlzeiten, L. dagegen macht das nervös, wenn er mich auf meiner Betthälfte quasi nicht mehr erkennen kann, weil ein riesiger Stapel mit Post-Its verklebter Kochbücher zwischen uns aufragt. Mich macht es zufrieden, wenn der Kühlschrank so voll ist wie ein fast verlorenes Tetris-Spiel, ihn versetzt es in Panik. Der Grund ist, dass er sich beim Essen absolut niemals beherrschen kann. L. hat schon allein auf dem Sofa eine zwei-Liter-Packung Eis aufgegessen, und danach geht er an den Kühlschrank. Einmal habe ich für seinen Cousin zum Geburtstag einen Kuchen von Nigella gebacken, den Guiness-Kuchen. Die dunkle Teighälfte war schon fertig, und ich wollte mich gerade an die helle Creme (den "Schaum") machen, da stellte ich fest, dass L. in den zwei Stunden seit meinem Einkauf beide Packungen Philadelphia aufgegessen hatte. Also machte ich mich noch mal auf den Weg zu Edeka. Als ich zurück kam, hatte L. von dem noch unglasierten Kuchen ein Viertel aufgegessen. Eine Stunde später stand ich in der Küche des Cousins und musste erklären, warum der Geburtstagskuchen so merkwürdig aussieht. Es kam auch schon mal vor, dass ich erwartungsfroh ein Stück Ziegenkäse aus dem Papier wickele und auf ein Stück Käserinde mit einer gewaltigen Bissspur starre. Immer macht L. gerade irgend eine Diät, die dafür sorgt, dass ich für mein leckeres Essen ständig Vorwürfe zu hören bekomme, weil ich wieder nicht daran gedacht habe, dass es nach 16 Uhr keine Kohlenhydrate oder irgendwas geben darf, und dann ist ihm danach und er bestellt sich an einem Abend zwei Pizzas und eine Packung Ben & Jerry's dazu. Ende November backe ich Plätzchen und stehe einen ganzen Samstag fluchend und klebrig in der Küche, und eine Woche später sind nur noch Krümel in den Keksdosen, wenn ich sie nicht verstecke, was mir gegen den Strich geht, weil ich mich nicht fühlen will wie eine Haushälterin aus einer ZDF-Vorabendserie, die machen so was immer: Essen verstecken, damit die Schlingel da nicht rangehen. L. ist wahnsinnig kiebig, was die Hälften des Bettes angeht. Man sollte es nicht meinen, aber manchmal glaube ich, gleich stellt er einen Diercke Weltatlas aufgeklappt zwischen unsere Kopfkissen. Ich liege links und wälze mich zum Lesen gerne auf die rechte Seite, und dann kommt nunmal eine Kante meines Buches gerne auf seine Hälfte. "Seine Hälfte!" Lächerlich. Trotzdem hatten wir deshalb schon richtig Krach. L. hat die enervierende Angewohnheit, manche Arbeiten im Haushalt anzufangen und dann liegen zu lassen. Mein voller Kühlschrank macht ihn nervös, siehe oben, und dann reißt ihm der Faden, und obwohl voll nicht gleich dreckig ist, räumt er an einem Nachmittag, während ich auf der Arbeit bin, alles raus. Dann komme ich nach Hause und kann mich in meiner klitzekleinen Küche kaum bewegen, weil sich auf jedem freien Quadratzentimeter irgend eine Käse, Butter oder eine asiatische Paste befindet, und dazwischen liegen die Regalböden und Türfächer, alle ungespült. "Was soll das denn?" frage ich, und L. bricht in einen Minivortrag über Hygiene im Kühlschrank aus und dass ich ja wohl von alleine niemals den Kühlschrank sauber machen würde, immer muss er das machen. Problem ist nur, er macht es nicht: er räumt ihn nur aus, und wenn ich nicht alle meine Lebensmittel wegwerfen will, muss ich jetzt selbst all diese kleinen Plexiglasdinger spülen, abtrocknen, wieder einbauen und alles wieder einräumen, und zwar vollkommen unabhängig davon, ob ich eigentlich gerade etwas Wichtigeres und Besseres zu tun habe und sowieso morgen den Kühlschrank machen wollte. Trotzdem ist L. danach der Meinung, zum Glück würde wenigstens einer hier den Kühlschrank sauber machen, nämlich er. Ähnlich läuft es mit dem Bett: L. zieht das Bett ab, wirft die alte Wäsche in die Truhe und verlässt stolz über sein Werk das Schlafzimmer. Und wenn ich Abends todmüde ins Bett will, liegt es an mir, jetzt noch ohne Kontaktlinsen schnell das Bett zu beziehen und die alte Wäsche in die Maschine zu stecken. Trotzdem ist L. der Meinung, immer würde er das Bett beziehen. L. kann aus kleinstem Anlass wahnsinnig wütend werden, manchmal vergehen mehrere Tage, an denen ihm nichts passt, was ich tue, sage oder lasse. Er weigert sich, Taschentücher zu benutzen, was mich wahnsinnig macht. Es nervt ihn, wenn er einen Film oder eine Serie mag und ich sie ihm abgucke. Oft packt es ihn, und dann nervt es ihn sogar, wenn ich im gleichen Zimmer bin - auch wenn, wie heute z.B., das gleiche Zimmer das Schlafzimmer ist und ich einfach nur den Wunsch habe, nach dem Hundespaziergang noch eine Stunde im Bett zu liegen und Zeitung zu lesen, ob er nun daneben liegt oder nicht. Dann weiß ich nicht, was er will, und er weiß nicht, was genau daran so schwer zu verstehen ist. L. mag es nicht, wenn unsere ebenerdige Dusche nach dem Duschen nass ist, und um das zu beheben, wirft er nach dem Duschen oft mein Handtuch in die Dusche, und wenn ich dann aus der Dusche steige, ist mein Handtuch nass und kalt. L. ist als Beifahrer so furchtbar, dass ich, seitdem wir zusammen sind, nur zwei mal sein Auto gefahren habe. Beides waren medizinische Notfälle, und die Entfernung betrug nie mehr als einen Kilometer. Und ich fahre gerne Auto! Liebe Abkürzungsdamen, würdet ihr mir bitte glauben, wenn ich euch jetzt sage, dass ich mir nichts Schöneres vorstellen kann, als mit genau diesem L. ein Kind zu bekommen? Dass ich mir keinen besseren Vater vorstellen kann und niemanden, mit dem ich mir lieber die Nächte um die Ohren hauen will, weil Krümel ein Furz quersitzt? Dass ich fast zum Heulen gerührt bin bei der Vorstellung, wie er sein neugeborenes Baby in den Armen hält?

Kommentare:

  1. Hihi ich muss doch immer wieder lachen und ich würd echt gern ein Bild von L sehen :-D Nachdem zu Urteilen was er isst, passt du gar nicht mehr ins Bett hihi aber soll ich dir was sagen. So nen L habe ich auch Zuhause und er meint auch immer nur er würde das machen hahahaha

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  2. Oh mein Gott... Verkehrte Welt!!! Ich erkenne mich wie so oft wieder... Diesmal allerdings in L. Das Gefühl, ertappt zu sein, löste sich am Ende glücklicherweise wieder auf. Danke. Ich habe Tränen gelacht. Das zeig ich meinem "L" , der ja in Echt "P" heißt. Köstlich...
    Juli

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  3. Mein L. äh T. ist auch so ähnlich. Manchmal treibt er einen zur Weißglut, aber trotzdem, ich liebe ihn.

    Übrigens: Ich koche meinem Herrn lecker Abendessen und er schlägt sich den Bauch mit Knabbereien voll - ist auch nicht besser.

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  4. Flora, Du bist einfach großartig!!! Jule

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  5. Hat nicht jeder seinen persönlichen L., H., T. oder P. zu Hause sitzen, ärgert sich alle Nase lang über irgendeinen Kleinkram von ihm und würde ihn trotzdem niemals wieder zu Mutti zurückschicken oder eintauschen?
    Wir haben wohl alle ne kleine Macke!
    Liebe, von H. bis aufs Blut gereizte, Grüße von Theres'e

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